Tante Jeanne

Die Kirchturmuhr fängt an, acht blechern hohe Schläge. Kurz darauf setzt die Standuhr im Flur des Hauses ein, ebenfalls acht Mal, hoch und dünn. Dann ist wieder die Kirchturmuhr an der Reihe, acht dumpfe Bestätigungen. Dann noch einmal die Standuhr im Haus, tief, schleifend, die Töne nicht haltend. Welch ein Aufwand. Vier mal acht Schläge, weil es jetzt acht Uhr ist. Die Kirchturmuhr und ihre Schläge geben zwar auch nicht die wirklich richtige Zeit wieder, doch die Standuhr im Flur des Hauses ist meist noch weiter von der Zeit entfernt, die im Rest der Welt vermutlich Gültigkeit hat. Zwei Tage, nachdem man sie aufgezogen und auf das Zeitmaß der Kirchturmruhr gebracht hat, verlangsamt sie deutlich ihren Rhythmus, am fünften Tag bleibt sie stehen. Der Alten oben fällt es zuerst auf, wenn die Schläge der Kirchturmuhr ohne Antwort bleiben. Mit herrischer Panik in der Stimme fordert sie die unverzügliche Wiederingangsetzung der Uhr, die Verkündigung draußen wie drinnen verrinnender Zeit vermittels stündlicher Lärmexplosion. Mitten im akustischen Inferno beginnt Tante Jeanne zu rufen: Wie spät ist es? Natürlich hört sie niemand. Sie steigert ihre Lautstärke, wiederholt die Frage. Sie hält länger durch als die vereinten Glockenschläge, nach deren Verklingen ihr Schrei schrill durchs Haus dröhnt: Wie spät ist es?

Es ist acht Uhr, Tante Jeanne. Die Alte, seit einer Stunde in ihrem Bett liegend, widerspricht energisch. Na gut, denke ich, sie hat ja recht. Vier mal acht Glockenschläge plus die Pausen dazwischen beanspruchen ziemlich viel Zeit: Es ist acht Uhr und fünf Minuten. Die Alte bestreitet dies erneut, hörbar verärgert. Als käme es ihr auf Minuten an. Sie beharrt darauf, es müsse bereits neun Uhr sein. Ich kann verstehen, daß ihr das angenehmer wäre, bedeutete es doch, eine Stunde weniger im Bett ausharren zu müssen, bis morgens gegen halb zehn die Krankenschwester kommt, um sie zu waschen, zu kämmen, ihr den Morgenrock anzuziehen, sie auf den Stuhl am Ende des langen Flurs im ersten Stock zu setzen. Trotzdem ist es erst kurz nach acht. Wenn ich nicht aufpasse, zieht sich die Diskussion mit Tante Jeanne über die Frage, wie spät es nun wirklich ist, so in die Länge, bis es tatsächlich neun Uhr schlägt. Ich binüberzeugt, die Alte weiß genau, wie spät es ist. Sie hat es darauf abgesehen, so lange mit mir über diese Frage zu streiten, bis es neun Uhr schlägt und ich damit unüberhörbar im Unrecht bin.

Man muß essen, sagt die Alte, il faut manger, manger. Sie sitzt winzig im langen dunklen Flur, von ihrem Stuhl aus kann sie alles kontrollieren. Sie kann nichts kontrollieren, denn sie ist blind. Die Haustür wird geöffnet, wer ist da, brüllt sie, noch bevor die Spanierin die Tür wieder geschlossen hat. Die Spanierin kommt immer um diese Zeit, um der Alten ihre Suppe zu kochen, sie zu füttern, ins Bett zu legen. Ungeduldig verlangt sie ihre Suppe, man muß essen, ist es noch nicht sechs Uhr? Vier mal sechs Glockenschläge hallen durch das Haus, Kirchturmuhr draußen, Standuhr drinnen im geübten Wechsel. Es ist sechs Uhr, man muß essen, wer ist da. Es ist gleichgültig, wie spät es ist, es war schon zu oft sechs Uhr. Jeder Tag ist eine in sich geschlossene Ewigkeit. Morgens um neun und mittags um zwölf und abends um sechs kommt die Spanierin. Kurz nach neun Uhr morgens kommt die Krankenschwester. Wenn die Nachbarin kommt, ist es vier Uhr nachmittags. Es ist gleichgültig, wer da ist, die Zeit und die ihr Verrinnen anzeigenden Personen haben schon lange keine Bedeutung mehr, man muß essen. Das Leben ist eine Qual, das war schon immer so. Nach dem Essen muß man verdauen, man muß sich ausruhen, das Leben ist anstrengend. Alle Regeln sind einzuhalten, um sicherzustellen, daß die Zeit nicht aussetzt, das Leben ordnungsgemäß verrinnt. Wichtig ist nicht, wie die Zeit vergeht, sondern daß sie vergeht. Wichtig ist nicht, was einer will, sondern daß sich alles fortsetzt, wie es immer war. Man muß arbeiten, innerhalb der dafür vorgesehenen Zeiten. Man muß essen. Man muß verdauen. So gleichgültig die Zeit ist, so wichtig ist es, den einmal, längst schon für alles festgesetzten Zeitpunkt einzuhalten. Hier trägt die Zeit nicht die Menschen, die Menschen schleppen die Zeit, vom Frühstück zum Mittagessen zum Abendessen zum Schlafen. Es darf keine Lücke entstehen, es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Man muß essen, das Leben ist anstrengend, es ist eine Qual. Die sinnlos gewordene Zeit vergeht nicht von allein, man muß alles daran setzen, daß sie weiterhin vergeht. Zu leben ist nicht selbstverständlich. Das einmal begonnene Leben fortzusetzen erfordert alle Kraft. So viele Regeln sind einzuhalten, sie sind alle sinnlos. Wer sie einhält, ist ein guter Mensch. Man muß essen, das Leben ist eine Qual, man muß ausruhen, man muß verdauen, man muß essen. Wie spät ist es?

Kaum sitze ich am Schreibtisch, ruft sie nach mir. Zuvor habe ich ihr erklärt, daß ich mich jetzt an den Schreibtisch setzen würde, um zu arbeiten. Sie arbeiten zu viel, sagt sie, Sie müssen ausruhen. Geben Sie mir ein Glas Wasser … Es ist schrecklich, alt zu sein, allen bin ich eine Last. Ich widerspreche höflich, gebe ihr zu trinken. Die nächsten Wochen werde ich allein sein mit Tante Jeanne in diesem Haus. Die Abmachung schien für beide Seiten vorteilhaft: Der Freund tritt die langersehnte große Reise an, ich hoffe, mit dem Ortswechsel in südliche Abgeschiedenheit Konzentration und Interesse für eine seit langem begonnene Arbeit wiederzufinden, die für mich am gewohnten Schreibtisch zu Hause lang schon ihren Reiz verloren hat. Nun muß ich mit Tante Jeanne zurechtkommen. Und sie natürlich auch mit mir. Das Problem dabei ist, daß Tante Jeanne überall und immer unbeliebt war. Damit hat sie sich längst arrangiert. An die Abneigung aller gewöhnt, tut sie sich keinerlei Zwang an. Tante Jeanne hatte nie einen Mann. Anfangs, sagt sie, sind sie noch gekommen … ja, sie hatte Verehrer. Aber ihre Schwester hat sie alle in die Flucht geschlagen. Das, meint Tante Jeanne, hat sie sicher gut gemeint. Es war ihr einfach keiner gut genug für mich. Dann ist keiner mehr gekommen. Sie hat weiter gewartet. Was soll man machen, sagt Tante Jeanne. Die Männer sind nicht da, also wartet man auf sie. Wie spät ist es?

Auf ihre alten Tage sind gleich drei Männer wichtig im Leben Tante Jeannes. Alle drei, die letzten Nachkommen der Familie, ihr Neffe und dessen längst erwachsene Söhne, ignorieren sie auf ihre Weise. Der Neffe kommt unregelmäßig und unangekündigt. Noch bevor Tante Jeanne ihr Frageritual eröffnen kann, für sie die notwendige Einleitung jedes unter Umständen über das Ritual hinausführenden Gesprächs, hat er mit seiner Standpauke begonnen. Sie habe sich alles selber zuzuschreiben. Sie sei schon immer unerträglich gewesen. Er gestikuliert wild mit beiden Armen, trippelt, ein alter Mann vor der noch älteren Frau, aufgeregt hin und her. Tante Jeanne versucht, ihm ins Wort zufallen. Bis er geht, hat sie nicht einmal die beiden Standardfragen stellen können: Wie spät es ist? Hast du schon gegessen? Hab‘ ich’s nicht gesagt, schimpft er, immer mußt du das letzte Wort haben. Na dann, brüllt Tante Jeanne ihm nach, als er bereits auf der Treppe ist, einen schönen Tag noch, du Trottel. Leider kann sie sich nie sicher sein, ob er die letzten Worte ihres Abschiedsgrußes zur Kenntnis nimmt.

Einer der Söhne des Neffen teilt sich das Haus mit Tante Jeanne. Er schafft dies, indem er Tante Jeanne einerseits nicht zur Kenntnis nimmt, andererseits genau so lebt, wie Tante Jeanne das für richtig hält. Was immer Tante Jeanne fragt, er antwortet abwechselnd mit ja oder nein. Für Außenstehende ist das Ergebnis solcher Kommunikation vollständig absurd, doch Tante Jeanne scheint zufrieden damit. Warum nur hat er diese schreckliche Reise angetreten  … Er hat hier doch alles, was er braucht! Wenn nur alle Männer wären wie er, schwärmt sie. Aber das sind sie nicht. Der andere Sohn des Neffen wohnt gleich nebenan, er findett äglich Gründe, die ihn zwingen, das Haus zu betreten, indem Tante Jeanne wohnt. Damit sie ihn nicht bemerken soll, hat er eine eigentümlich schleichende Bewegung perfektioniert. Lautlos geht er an Tante Jeanne vorrüber. Bist du das, fragt sie, doch er antwortet nicht. Ich weiß doch, daß du das bist, zetert sie. Er läßt sich nicht erweichen, gibt keine Antwort. Hast du schon gegessen, fragt sie flehend, wie spät ist es? Tante Jeanne bleibt unerhört.

Ich bin entsetzt über diese Behandlung einer alten Frau. Mein Mitleid mit Tante Jeanne kennt keine Grenzen. Ich werde ihr meine ganz besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Sie wird sich wie ein zivilisierter Mensch benehmen, wenn ich sie entsprechend behandle. Natürlich, das wird seine Zeit brauchen … Ich führe eine ausführliche morgendliche Begrüßung ein, noch während Tante Jeanne im Bett liegt. Haben Sie gut geschlafen? Es wird sicher heiß heute. Was würden Sie denn gern zu Mittag essen? Tante Jeanne kontert mit den Standardfragen: Werden Sie heute abend ausgehen? Vergessen Sie dann nicht, die Tür abzuschließen? Wie spät ist es? Ich lasse mich nicht entmutigen. Ich darf ihr keine Fragen stellen, damit setze ich nur den bekannten Fragenkanon in Gang. Am nächsten Morgen erzähle ich ihr, daß die ersten Feigen reif werden. Tante Jeanne liebt Feigen, dennoch unterbricht sie ungerührt: Werden Sie heute Abend ausgehen? Vergessen Sie nicht, die Tür abzuschließen? Haben Sie die Uhr aufgezogen? Wie spät ist es? Mit wachsender Ratlosigkeit lasse ich das Sperrfeuer ihrer Fragen über mich ergehen. Morgens am Bett, gegen zehn, wenn die Krankenschwester sie auf ihrem Stuhl etabliert hat, nach dem Mittagessen, wenn ich ihr Kaffee bringe, nachmittags und wieder abends besuche ich sie, versuche, hinter den Sinn ihrer sinnlosen Fragen zu kommen.

Wenn das gelingen soll, so wird mir irgendwann klar, darf ich mich nicht vom Elend ihres Lebens beeindrucken lassen. Ändern kann ich es sowieso nicht mehr, und sie selbst akzeptiert dieses Elend längst als ihr Leben. Ich muß, bei aller Freundlichkeit, klare Grenzen abstecken. Alte Leute brauchen, um sich sicher zu fühlen, einfache Strukturen, Rituale, die sich täglich wiederholen. Wenn sie erst die Erfahrung macht, daß sie sich auf mich verlassen kann, obwohl ich anders lebe, als in diesem Haus üblich; wenn sie erst merkt, daß sie alles bekommt, was sie braucht, dann –

Bevor ich mich also an den Schreibtisch setze, unterhalte ich mich eine Weile mit Tante Jeanne und beende das Gespräch mit der Ankündigung, daß ich jetzt arbeiten wolle. Daß dies nur möglich sei, wenn ich nicht gestört würde. Später würde ich dann wieder zu ihr kommen und ihr etwas vorlesen. Sie bedankt sich überschwenglich und versichert, mich auf keinen Fall zu stören. In welchem Zimmer ich arbeiten würde? Im oberen Zimmer? Ob ich daran gedacht hätte, die Haustür abzuschließen? Ich bestätige, daß ich im oberen Zimmer arbeiten würde, versichere, die Haustür abgeschlossen zu haben. Ob ich denn in diesem Zimmer dort arbeiten könne? Ihr sei dieses Zimmer nie angenehm gewesen. Ich sage ihr, daß ich das Zimmer angenehm finde, daß es vermutlich nicht mehr so aussehe, wie sie es in Erinnerung habe. Es sei kürzlich renoviert worden. Das ist ja das Unglück, meint sie, alles ändern sie im Haus, wer soll sich da noch zurechtfinden. Geben Sie mir ein Bonbon, und dann gehen Sie eben in dieses Zimmer, wenn Sie meinen, dort arbeiten zu können. Während ich der Dose auf dem Tischchen neben ihrem Stuhl ein Bonbon entnehme, meine Hand samt Bonbon dicht an ihre Hand halte, damit es ihr möglich sei, es entgegenzunehmen, erkläre ich ihr, ohne meine Gereiztheit länger zu verbergen, ich sei sicher, dort arbeiten zu können, wenn sie mich nur lasse. Pikiert antwortet sie: Aber warum denn nicht? Tun Sie nur, was Sie wollen. Fühlen Sie sich wie zu Hause. Das Bonbon ist leider immer noch nicht in ihrem Mund, sondern auf die Erde gefallen. Als ich ihr ein neues Bonbon aus der Dose geben will, wird sie ärgerlich. Aber so geben Sie mir doch das andere Bonbon! Wirsind keine armen Leute, aber für Verschwendung haben wir nichts übrig! Außerdem ist es sauber bei uns, jeden Tag kommt die Spanierin, sie sorgt dafür, daß alles rein ist. Mit mühsam unterdrückter Wut lege ich das zweite Bonbon zurück in die Dose, schiebe ihr das erste, auf den Bodengefallene und nun mit Staub verklebte in den Mund. Bestimmt, wegen meiner Gereiztheit jedoch mit einem Anflug von schlechtemG ewissen, erkläre ich ihr, daß ich nun wirklich gehe. Aber ja doch, ja doch, lassen Sie sich von mir nicht aufhalten. Tante Jeanne beginnt leise zu kichern.

Ich sitze in meinem Zimmer und bin überhaupt nicht zufrieden mit mir und meinem Verhalten gegenüber Tante Jeanne, als sie erneut zu rufen beginnt. Einer der mir für den Umgang mit Tante Jeanne hinterlassenen Ratschläge lautet, sie in solchen Fällen einfach zu ignorieren. Das finde ich zwar nicht richtig, und die Fähigkeit zu ingorieren geht mir erfahrungsgemäß weitgehend ab. Dennoch will ich es jetzt versuchen. Alte Leute brauchen, wie Kinder, gewohnte Reaktionen. Ignoriert zu werden, ist sie gewöhnt. Also muß ich es schaffen, sie zu ignorieren. Tante Jeannes Stimme wird lauter. Im Abstand von weniger als zwei Sekunden ruft sie meinen Namen. Die Stimme wird herrisch. Ich stelle den Kassettenrekorder an, um diese Stimme nicht mehr zu hören. Obwohl die Musik laut genug ist, um das Gebell der Alten zu übertönen, höre ich sofort, daß der Befehlston plötzlich in ein Wimmern übergeht. Ich stelle die Musik ab. Nein, das ist nicht meine Methode mit Tante Jeanne. Ich kann sie nicht ignorieren. Einen Schluck Wasser, fleht sie, nur einen kleinen Schluck Wasser, ich bitte Sie! Obwohl noch keine zehn Minuten vergangen sind, seit ich ihr zuletzt zu trinken gab, kann ich diesen Hilfeschrei der in einer menschenleeren Wüste Verdurstenden nicht unbeantwortet lassen. Von Selbstvorwürfen ob meiner versuchten Herzlosigkeit ebenso geplagt wie von der Aussicht auf die Unmöglichkeit, ein nicht immerzu von Tante Jeannes Befehlen durchkreuztes Leben zu führen, eile ich zu ihr. Ich gebe ihr ein mit frischem Wasser gefülltes Glas in die Hand. Sie bedankt sich überschwenglich. Meine Selbstvorwürfe steigern sich. Zur Wiedergutmachung bringe ich ihr ein Stückchen Schokolade. Sie reagiert hocherfreut, nichts ißt sie lieber als Schokolade, doch leider, leider habe ihr Arzt gesagt, das sei nicht gesund. Ich solle die Schokolade auf das Tischchen zu ihrer Linken legen und mich dann unverzüglich an meine Arbeit machen. Die Schokolade werde sie später essen. Noch während ich mich umdrehe, stopft sie sich die Schokolade gierig in den Mund. Erst auf dem Weg in das Zimmer, in dem ich nun endlich arbeiten will, fällt mir auf, daß das Tischchen mit der Schokolade genau so weit entfernt ist von Tante Jeanne wie das Tischchen rechts, auf dem stets ein gefülltes Wasserglas steht. Wieso kann sie sich die Schokolade von dem Tischchen links nehmen, nicht aber das Wasserglas vom Tischchen rechts?

Damit sie hören kann, wohin ich gehe, und es dadurch nicht mehr nötig sei, mich bei jeder Bewegung nach deren Ziel zufragen, gewöhne ich mir an, möglichst laut zu gehen. Ich bin noch nicht in meinem Zimmer am anderen Ende des Flurs angelangt, als sie mir schon wieder etwas nachruft. Aufgrund meiner beabsichtigten, übermäßigen Geräuschentwicklung beim Gehen kann ich nicht verstehen, was sie sagt. Ich gehe, um mich nicht brüllend mit ihr verständigen zu müssen, zurück zu Tante Jeanne. Ich frage, was ich für sie tun kann. Nichts Besonderes, meint sie, sie wolle nur gern wissen, wohin ich denn ginge – in die Küche nach unten, oder in das Zimmer hinten? Die Harmlosigkeit der Alten macht mich fassungslos. Nahezu tonlos antworte ich ihr, daß ich ihr das bereits mehrmals gesagt hätte. Daß ich beabsichtige, im Zimmer am anderen Ende des Flurs zu arbeiten. Daß ich nun in genau dieses Zimmer gehen würde und während der nächsten Stunden auf keine ihrer Frage irgendeine Antwort zu geben bereit sei.

Tante Jeanne lebt seit über einundneunzig Jahren in einem kleinen Dorf einer abgelegenen Region Südwestfrankreichs. Sie weiß, daß sie dieses Haus, in dem sie geboren ist und ihr gesamtes Leben verbracht hat, nur noch einmal, anläßlich ihrer Beerdigung verlassen wird. Obwohl sie ständig ihre Fragen abspult, sind in Tante Jeannes Leben schon lange keine Fragen mehr offen. Auf meine peinlich höfliche Ankündigung reagiert sie indigniert: Sie erwarte auch keinerlei Antwort mehr von mir. Ihr Leben sei nie ein Zuckerschlecken gewesen … Wenn ich nur noch die Freundlichkeit hätte, sie von dieser überaus lästigen Fliege zu befreien … Doch ich habe mich bereits auf den Wegi n das Zimmer gemacht, in dem ich eigentlich arbeiten wollte. Ich werde mich nicht von einer alten Frau terrorisieren lassen. Wie spät ist es? Haben Sie schon gegessen? Sie müssen sich ausruhen. Wohin gehen Sie?

Tante Jeannes Bewegungen beschränken sich auf täglich drei Ausflüge auf die Toilette, etwa zwölf Meter von ihrem Sitzplatz entfernt am anderen Ende des Flurs. Mit schnellen Trippelschritten bewältigt sie diesen Weg. Die Krankenschwester hilft ihr morgens auf dem Weg von ihrem Bett bis zum Stuhl, beim Weg zurück ins Bett begleitet sie abends die Spanierin. Sonst bewegt sie sich nicht. Sie sitzt auf ihrem Stuhl, seit fünf Jahren. Der Stuhl, ein billiger, mit Plastikriemen umwickelterGartenstuhl, hat etwas Thronartiges, vielleicht wegen der Kissen und Decken, alle voll von Tante Jeannes Haaren. Die Position des Stuhls ist strategisch günstig: Nahe genug an der Treppe, entgeht ihr keine Bewegung im Haus. Dicht am Fenster, hört sie, was sich auf der Straße abspielt. Wer geht vorbei, welches Auto hält an, wer rangiert mit dem Traktor. Ich bin mir sicher, daß Tante Jeanne längst jedes der hier nicht zahlreichen Autos, die beiden Traktoren in der Nachbarschaft sowie die Schritte der zur immer gleichen Zeit Vorübergehenden zu identifizieren weiß. Dennoch verlangt sie mehrmals täglich eine Bestätigung. Anfangs finde ich diesen Wunsch verständlich, schließlich kann die Arme nicht sehen. Doch nachdem ich glaube, das Motiv dieser Fragen verstanden zu haben und mich nicht für ihre Kontrollbedürfnisse einspannen lassen will, erkläre ich ihr, daß ich nicht wisse, wer da gerade wegfahre, rangiere, vorübergehe. Daß mich das auch nicht interessiere. Ja, antwortet Tante Jeanne, das könne sie sich denken. Natürlich interessiere mich das nicht. Sie dagegen sei sehr daran interessiert … Es müsse schließlich alles seinen geregelten Gang gehen. Haben Sie schon gegessen? Wie spät ist es?

Nichts scheint unschuldiger, als eine Frage zu stellen, nichts unabweisbarer als das Recht auf eine Antwort. Tante Jeanne bringt mir bei, daß zu fragen eine Art von Folter sein kann. Haben Sie schon gegessen? Wie spät ist es?

Noch immer bemühe ich mich um Geduld. Ihre sinnlosen Fragen, rede ich mir gut zu, spiegeln ihr sinnlos gewordenes Leben. Immerhin sitzt sie tagein tagaus dort oben, seit vor fünf Jahren ihr Schwager gestorben ist und es plötzlich mit ihren Augen immer schlimmer wurde. Man muß Verständnis haben mit dieser alten Frau, die seit so langer Zeit vom Leben ausgeschlossen ist. Wie grausam muß es sein, ständig zu hören, wie andere sich ohne Vorankündigung hierhin und dorthin bewegen, während sie immer nur dort oben sitzt. Da sich niemand auf ein Gespräch mit Tante Jeanne einläßt, finden ihre Fragen, als Fragen sinnlos, ihren Sinn als Ersatz für fehlende Kommunikation. Ich setze mich mehrmals am Tag zu ihr und versuche, ganz normal mit ihr zu sprechen: über das Wetter, den Fortgang der Weinlese, das Mittagessen. Ich erzähle ihr von meiner Arbeit, meinem Leben in Deutschland. Ich frage sie nach ihrem Leben. Solche Gespräche, denke ich mir, werden irgendwann das ermüdende Ritual ihrer Fragen überflüssig machen.

Tante Jeanne ist hocherfreut, daß ich mich auf den Stuhl neben ihr setze. Doch an dem, was ich ihr erzähle, zeigt sie kein Interesse. Sie schießt unbeeindruckt ihre Salven ab: Ist die Tür abgeschlossen? Gehen Sie heute Abend aus? Wie spät ist es? Geduld bewahren, sage ich mir, was so lange eingeschliffen ist, läßt sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Ich sage ihr, daß es unnötig und langweilig sei, unaufhörlich dieselben Fragen zu stellen. Daß ich noch nie weggegangen sei, ohne ihr zuvor Bescheid zusagen. Daß ich jedesmal die Tür abgeschlossen hätte. Daß ich morgens meist noch nicht wisse, was ich abends tun würde, daß ich aber selbstverständlich, sollte ich heute abend ausgehen, die Tür schließen würde. Während ich ihr das auseinandersetze, wird mir deutlich, welches für sie unerhörte Maß an Freiheit ich mit diesen Worten zum Ausdruck bringe: morgens noch nicht zu wissen, was ich abends tun werde. Ist das nicht eine Anmaßung, eine Überforderung für sie, deren Leben von einer Unmenge sinnloser Regeln erstickt worden ist? Ich muß geduldig sein mit Tante Jeanne.

Um sie auf andere Gedanken zu bringen, lese ich ihr jeden Tag etwas vor. Ich nenne ihr den Titel des Buches, den Namen des Autors, der ihr, so vermute ich, bekannt sein müßte. Nach dem ersten Satz unterbricht sie mich. Haben Sie das geschrieben, das ist sehr interessant. Nein, antworte ich, das habe nicht ich geschrieben. Ich wiederhole den Namen des französischen Autors und lese weiter. Nach einigen Sätzen unterbricht sie mich wieder. Sie lesen sehr gut, Ihre Aussprache ist ausgezeichnet. Dann gibt ihr das Wort „Tür“ im Text Anlaß für die nächste Unterbrechung mit der vertrauten Frage: Werden Sie die Tür abschließen, falls Sie heute abend ausgehen? Selbstverständlich, antworte ich und fahre fort zu lesen. Um die offenbar unvermeidlichen Unterbrechungen wenigstens auf den Text zu lenken, spreche ich ab und zu ein Wort falsch aus – es funktioniert. Sie unterbricht, um meine Aussprache zu korrigieren. Ich bedanke mich, wiederhole den Satz und fahre fort. Dummerweise taucht dann das Wort „Uhr“ im Text auf, und ich begreife, daß mein Triumph verfrüht war: Haben Sie die Standuhr aufgezogen? Wie spät ist es? Von nun an versuche ich, alle Worte, die Tante Jeanne zu einer ihrer Fragen provozieren könnten, zu vermeiden und durch andere, unverfängliche zu ersetzen. Dem Text kommt das nicht zugute, aber daran stört sich Tante Jeanne nicht. Sollte es auf diese Weise gehen? Nein, natürlich nicht. Als ich und der Text ihrzu lange keinerlei Anlaß für eine Unterbrechung bieten, wird sie selbst aktiv. Da ist eine Fliege, befreien Sie mich von dieser Fliege, so kann ich nicht zuhören. Das leuchtet mir ein, nichts ist lästiger als eine Fliege, noch dazu, wenn man sie, wie Tante Jeanne, nicht sehen kann. Doch so sehr ich mich anstrenge, auch ich kann keine Fliege sehen. Sie haben sich getäuscht, Tante Jeanne, da ist keine Fliege. Aber ich täusche mich nie, sagt sie, so sehen Sie doch richtig nach! Obwohl keine Fliege da ist, tue ich so, als würde ich eine Fliege vertreiben und verspreche, die Lektüre morgen fortzusetzen. Ganz wie Sie wollen, erwidert Tante Jeanne würdevoll.

Damit, denke ich, bin ich wohl entlassen. Ich werde jetzt arbeiten, Tante Jeanne, im Zimmer am Ende des Flurs. Während der nächsten Stunden werde ich auf keine Ihrer Fragen antworten. Die Tür ist abgeschlossen, die Uhr aufgezogen. Bis später … Erleichtert und zufrieden über meine Behandlung Tante Jeannes mache ich mich auf den Weg in mein Zimmer. Ich habe noch nicht die Hälfte des Wegs dorthin zurückgelegt, als sie nachhakt: Vielen Dank, Sie sind wirklich zu freundlich. Na also, denke ich, sie erinnert sich sogar daran, was sich gehört. Ich werde nun aber nicht mehr antworten. In solchen Fällen muß man einhalten, was man angekündigt hat. Ihre unerwartet höfliche Verabschiedung ist allerdings nur eine Einleitung: Haben Sie die Tür abgeschlossen? Ist die Uhr aufgezogen? Wohin gehen Sie? Während ich die Tür zu meinem Zimmer öffne, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sie die Wolldecke auf ihren Knien absichtlich auf den Boden wirft. Ach bitte, könnten Sie nur noch … meine Decke! Mir ist so kalt! Wohin gehenSie denn?

Die Explosion ist da. Rascher, als von ihr erwartet, stehe ich vor ihr. Mit bedrohlich leiser Stimme halte ich ihr einen Vortrag. Einen Vortrag über Menschenrechte. Ich sage, daß es, Gefängnisse ausgenommen, allen Menschen frei stehe, sich zu bewegen, wie es ihnen in den Sinn komme, so lange sie damit andere nicht beeinträchtigten. Daß sie mich aufgefordert habe, mich als Gast des Hauses frei zu bewegen. Daß ich dies ohne Vorankündigung, wohin ich meine nächsten Schritte lenken würde, auch tun würde. Denn dies sei ein Menschenrecht. Ich sei bereit, alles Notwendige und selbst noch etwas mehr für sie zu tun. Doch fünf, sechs Stundent äglich würde ich für mich beanspruchen, ohne vorher anzukündigen, was ich in dieser Zeit tun würde. Wenn sie mit mir zusammen, und es bliebe ihr unter den ihr bekannten Umständen nichts anderes übrig, die nächsten Wochen leben wolle, habe sie das zu akzeptieren. Was ich fordere, sei nichts als die simple Wahrung der Menschenwürde. Die Alte hockt da, fingert an ihrem Taschentuch herum, und ich weiß, daß ich maßlos pathetisch bin. Aber anscheinend habe ich einen Ton getroffen, den sie versteht. Während meiner Neuverkündigung der Menschenrechte nenne ich Tante Jeanne nicht mehr Tante Jeanne, sondern Madame. Bei jedem meiner Sätze nickt sie zustimmend. Am Ende sagt sie: Das haben Sie sehr gut gesagt. Es war eine Freude, Ihnen zuzuhören. Wie spät ist es? Haben Sie die Uhr aufgezogen? Sagten Sie nicht, Sie wollen arbeiten? So gehen Sie doch endlich…ah, ich möchte auch gehen … wie spät ist es?

Wie ausgelöscht mache ich mich auf den Weg in das Zimmer, in dem ein Schreibtisch für mich steht. Nein so was aber auch, ruft Tante Jeanne, als ich gerade die Tür hinter mir schließe, mein Taschentuch ist auf den Boden gefallen. Ich bin ja so ungeschickt … Ich werde heute nicht mehr auf Tante Jeanne reagieren. Selbst wenn ihr sämtliche Kissen und Decken und Taschentücher abhanden kommen sollten. Selbst wenn hundert Fliegen über sie herfallen sollten. Sollen sie sie auffressen.

Das Zimmer am anderen Ende des Flurs, das in den nächsten Wochen mein Arbeitszimmer sein soll, war einst das Zimmer der Großeltern, Tante Jeannes älterer Schwester und ihrem Mann. Beide sind in diesem Zimmer gestorben, zuerst die Großmutter. Sie war über ihren Tod hinaus die alles dominierende Frau des Hauses. Großmutter hat, nach dem frühen Tod beider Mutter, Tante Jeanne großgezogen. Großmutter hat den Winzer geheiratet und die Bewerber Tante Jeannes abgewiesen. Großmutter hat den Haushalt geführt, gekocht, die Entscheidungen getroffen. Tante Jeanne lief mit dem Staubwedel herum und naschte in nie zu befriedigender Gier heimlich an allem, was in der Speisekammer zu finden war. Großmutter hat dafür gesorgt, daß das Haus in zwei Hälften aufgeteilt wurde, als ihr Sohn mit der Österreicherin aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückkam. Sicher, sie war aus gutem Haus, einer Familie von Kaufleuten und Weinbauern, aber sie war eben nicht von hier. Großmutter hat entschieden: Ihr bewohnt die rechte Hälfte des Hauses, wir die linke. Die beiden Zimmer an den entgegengesetzten Enden auf der linken Seite des Flurs wurden schon immer von Tante Jeanne – vorne – und den Großeltern – hinten –  als Schlafzimmer genutzt. Das Zimmer gegenüber von Tante Jeannes Zimmer wurde jetzt für die Jungverheirateten hergerichtet, das dem Zimmer der Großeltern benachbarte für die zu erwartenden Kinder. Tante Jeanne verfolgte die häufigen Auseinandersetzungen im Zimmer des jungen Paars mit Interesse. Das kommt davon, wenn man sich eine Fremde ins Haus holt, kichert sie. Tante Jeanne hat sich alles mit ihrer Schwester geteilt, auch den Sohn. Sie habe ihn gewarnt vor dieser Ehe, aber er habe ja nicht auf sie gehört. Doch man sei zurechtgekommen, die Österreicherin habe sich ja große Mühe gegeben. Sie sei früh gestorben. Man habe sich arrangiert.

Es muß ein höllisches Arrangement gewesen sein. Auch das Erdgeschoß wurde in zwei Hälften aufgeteilt. Zwei Küchen, eine links für Großmutters Haushalt, eine rechts für die Neue. Die Neue stellte Ansprüche. Eines Tages traf im Bahnhof der nächsten Stadt ein Eisenbahnwaggon voller Möbel aus Österreich ein. Man mußte ein Zugeständnis machen, ein Teil des rechts ans Haus grenzenden Stalls wurde ausgebaut – zum „Salon“. Mit den Möbeln der Österreicherin eingerichtet, machte das etwas her. Kein Mensch im Dorf hatte so etwas, einen Salon. Aber eigenartige Ansichten hatte die Österreicherin. Der Biedermeiersekretär sollte ausschließlich ihr zur Verfügung stehen – für Briefe und andere „private“ Dinge. Eine verheiratete Frau und private Dinge … das konnte nicht gutgehen. Sie starb an Krebs, als der jüngste ihrer beiden Söhne vierzehn war. Ihr verwitweter Mann ließ sich bald mit anderen Frauen ein. So sind sie, die Männer, kichert Tante Jeanne, mein Vater hat das ganz genauso gemacht, nachdem meine Mutter tot war. Sie sollten übrigens auch heiraten … Die Söhne der Österreicherin ließen den Salon bis heute, mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Tod, unverändert. Heute wird er, mit einem Anflug von Realismus, aber ohne jede Ironie, „das Museum“ genannt. Der Raum wird, seit dem Tod der Österreicherin, zweimal täglich betreten, morgens und abends, zum Öffnen und Schließen der Fensterläden. Über dem Eßtisch aus der Gründerzeit hängt in Öl ihr Vater, ein Kaufmann, weitgereister Mann mit Verbindungen nach Istanbul und Ägypten. Als seine Tochter sich nach Frankreich verheiratete, richtete er ihr ein Konto in der Schweiz ein. Sie sollte finanziell unabhängig sein und, falls nötig, jederzeit wieder abreisen können. In Österreich fürchtete man sich vor den Russen, aber Frankreich war das Land des „Erbfeinds“. Doch sie ist nicht abgereist. Sie kämpfte gegen die Großmutter, ertrotzte sich den Sekretär für „private“ Dinge. Daß sie dann einen Sohn gebar, verbesserte ihre Position im Haus nicht. Noch bevor der zweite Sohn auf die Welt kam, hatte sie resigniert. Ja, sagt Tante Jeanne, meine Schwester war eben eine starke Frau. Sie hat sich wirklich um alles gekümmert. Die von der Großmutter angeordnete Zweiteilung des Hauses ist inzwischen aufgehoben. Tante Jeannes Mahlzeiten werden von der Spanierin in der ehemals der Österreicherin zugeteilten Küche zubereitet. Tante Jeannes Stuhl steht direkt vor dem Zimmer, hinter dessen Tür die Ausländerin und ihr Mann ihre Eheprobleme austrugen. Hier hätte sie früher nicht sitzen dürfen. Auch in Tante Jeannes Leben gibt es Siege.

Meine Schwester, sagt Tante Jeanne, war wie eine Mutter für mich. Aber natürlich, sie war nur ein Ersatz … Tante Jeanne versuchte, es ihr in allem recht zu machen. Sie trug dieselben Kleider, Schuhe, Hüte wie ihre Schwester. Doch die Großmutter wurde von allen, die Österreicherin ausgenommen, geliebt, Tante Jeanne nicht. Obwohl sie als eigenständige Person nie vorhanden war, störten sich alle an Tante Jeanne. Die Großmutter war einige Jahre bettlägerig, bevor sie starb. Die beiden Enkel pflegten sie hingebungsvoll. Tante Jeanne durfte während dieser Zeit kochen, die Entscheidungen traf nach wie vor die Großmutter, vom Bett aus. Nach dem Tod der Großmutter mußte auch der Großvater gepflegt werden, bis er starb. Tante Jeanne gab  nicht auf. War es nicht Zeit, daß nun endlich sie den Platz der Großmutter einnahm? Über deren Autorität verfügte sie nicht. Aber auch sie war alt inzwischen. Sie wollte gepflegt werden wie die Großmutter. Ich war immer gesund, sagt Tante Jeanne, und ich bin es, leider, noch immer … Nach dem Tod des Großvaters sind die Enkel und Tante Jeanne übereingekommen, der Zustand ihrer Augen mache es unmöglich, daß sie sich weiter im Haus bewege. Sie beschlossen, eine Krankenschwester und eine Haushälterin zu engagieren und Tante Jeanne auf den Stuhl im ersten Stock zu setzen. Damit war Tante Jeanne sehr zufrieden. Sie sah sich, wie ihre Schwester, als pflegebedürftig anerkannt.

Offener Kampf mit Tante Jeanne. Jedes Mittel ist erlaubt. Wer rennt wem zuerst ins offene Messer. Ich bleibe ihr nichts schuldig. Wie spät ist es? Wer ist da? ruft sie. Niemand, antworte ich höhnisch, außer mir … Wen erwarten Sie eigentlich noch immer? Kommen Sie, rasch, befiehlt sie, helfen Sie mir! Noch bevor ich an ihrem Bett in dem verdunkelten Zimmer stehe, legt sie los: Wie spät ist es? Ist die Tür abgeschlossen? Haben Sie schon zu Abend gegessen? Geben Sie mir zu trinken. Gehen Sie aus heute abend? Im Zimmer ist es so dunkel, daß ich sie zunächst nicht sehen kann. Haben Sie die Fensterläden geschlossen? Gehen Sie nun nicht mehr an die Tür, wenn es klingelt! Geben Sie mir zu trinken! Jetzt sehe ich Tante Jeanne. Sie liegt gar nicht im Bett. Sie sitzt auf dem Stuhl mit dem Nachttopf. Sie wollen etwas trinken, obwohl Sie gerade auf dem Topf sitzen, frage ich, höfliches Erstaunen mimend. Ist das hier so üblich? Aber nein, antwortet Tante Jeanne verlegen, aber nein, ich bin ja gar nicht auf dem Topf. Behende klettert sie vom Topf aufs Bett, rollt sich längs dem Kopfkissen auf die Seite. Anders kommt sie nicht in eine liegende Position, ihr Buckel ist ihr im Weg. Geben Sie mir zu trinken, bitte. Bitte – das sagt sie selten. Mit unverhohlener Herablassung helfe ich ihr, sich aufzustützen, reiche ihr das Glas Wasser. Es bleibt ihr nichts übrig, als zu trinken, obwohl sie offensichtlich keinen Durst hat. Während sie trinkt, kann sie nicht reden,und das nütze ich aus, um ihr zu sagen, daß ich die Fensterläden schließen werde, wann ich das für richtig hielte. Daß ich essen würde, sobald ich Hunger hätte. Daß ich, falls es klingeln sollte, selbstverständlich an die Tür gehen würde, um nachzusehen, wer geklingelt habe. Daß sie doch sicher mit mir übereinstimme, daß es meine Sache sei, mich um all diese Dinge zu kümmern. Ob Sie noch etwas wünsche? Nein? Guten Abend dann. Ich habe das Zimmer schon verlassen, als Tante Jeanne sich unterwürfig zu bedanken beginnt, um dann allerdings doch den üblichen Fragenkatalog anzuschließen.

Aber da bin ich schon in der Küche. Ich schließe die Küchentür – obwohl das in diesem Haus nicht üblich ist. Tante Jeanne soll sich ja nicht ausgeschlossen fühlen. Sie beginnt sofort zu zetern: Sie verstehen nichts von den Dingen hier im Haus … Niemals wird hier die Küchentür geschlossen! Erschöpft sinke ich auf einen Stuhl. Sobald mein Haß auf Tante Jeanne nachläßt, fühle ich mich leer und ausgelaugt. Solchen Haß hätte ich mir nicht zugetraut, schon gar nicht meinen Genuß an diesem Haß. Der Eindruck, schon seit undenklichen Zeiten im Kampf mit ihr in diesem Haus zu leben, macht mich stumpf und mutlos. Tante Jeanne kreischt, ich solle sofort die Küchentür aufmachen. Ich öffne die Tür nicht, sondern stelle den Kassettenrekorder an, um das Kreischen zu übertönen. Doch es ist unmöglich, Musik zu hören, wenn man sie hört, um etwas anderes nicht zu hören. Es hat keinen Sinn, diesen Zustand länger zu ertragen. Tante Jeanne hat gewonnen. Um nicht Opfer ihres Bombardements von Fragen zu werden, bewege ich mich so wenig wie möglich im Haus. Um die Anlässe für ihre Kontrollfragen zu reduzieren, gebe ich vor zu tun, was sie erwartet. In der Hoffnung, irgendwann von ihr in Ruhe gelassen zu werden, beginne ich bereits zu leben, wie Tante Jeanne es für richtig hält. Ich lebe für Tante Jeanne. Ich will nicht leben wie Tante Jeanne. Ich bin auf dem besten Weg dazu.

Neugier und Empörung über die geschlossene Küchentür haben Tante Jeanne aus dem Bett getrieben. Ich frage mich schon seit längerem, warum sie, die doch immer in diesem Haus gelebt hat, sich nicht auch als Blinde darin zu bewegen weiß. Jetzt steht sie heulend mitten auf der Treppe: Machen Sie sofort die Küchentür auf! Ich will nicht mehr leben, ich will weg, nach oben… Ja, sage ich, das kann ich gut verstehen, ich will auch nicht hier leben. Bringen Sie mich in mein Bett, ich weiß nicht, wo ich bin, jammert Tante Jeanne. Ich bleibe ungerührt: Aber Sie sind doch hier zu Hause. Sie werden sicher wissen, wo Ihr Bett steht. Ich öffne die Küchentür nicht. Ich stelle die Musik ab. Von oben ist in regelmäßigen Abständen Tante Jeanne zu hören: quel malheur, quel malheur … Offenbar hat sie in ihr Bett zurückgefunden.

Ich bin so ungücklich, jammert Tante Jeanne. Ja, sage ich, ich auch. Aber Sie haben keinen Grund, unglücklich zu sein, sagt die Alte, Sie sind jung und können sich bewegen. Ja, sage ich, ich könnte mich bewegen, aber Sie lassen es nicht zu. Weil Sie sich nicht mehr bewegen können, wollen Sie auch jede Bewegung der anderen verhindern. Weil Sie nicht gelebt haben, sollen auch andere nicht leben. Aber, wehrt Tante Jeanne ab, ich ging tanzen, als ich jung war … Doch jetzt bin ich alt, zu alt. Ich möchte gehen, nach oben … Ja, sage ich, das wäre sicher besser. Nach oben … Mir fällt ein, daß einmal von einem Dachboden die Rede war, von Plänen, ihn auszubauen. Vielleicht ist das eine Lösung?

Um auf den Dachboden zu kommen, muß ich durch eine ausgedehnte Rumpelkammer. Wohin gehen Sie, ruft die Alte, in diesem Zimmer gibt es nur Gerümpel! Also doch, denke ich, natürlich hört sie ganz genau, wohin ich gehe. Aus der Rumpelkammer führt eine Leiter nach oben. Sie kreischt, ich solle da bloß nicht hochgehen. Als ich auf dem Dachboden stehe, stelle ich fest: Hier ist die Alte nicht zu hören. Der Dachboden nimmt die ganze Fläche des Hauses ein, wird allerdings in Anspruch genommen von Gerümpel jeder Art. Dazu kommen unglaubliche Mengen von Staub. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht dabei bin, eine Verzweiflungstat zu begehen, deren Sinnlosigkeit früher oder später nur zu deutlich würde. Es ist zumindest etwas wie Energie der Verzweiflung, die mich sofort damit beginnen läßt, den verdreckten Dachboden in einen Raum für mich umzubauen. Der Staub, den ich aufwirble, verursacht einen permanenten Hustenreiz. Als ich nach unten steige, sagt Tante Jeanne: Sehen Sie, Sie husten! Sie müssen sich ausruhen! Was machen Sie da oben? Wie spät ist es? Es dauert mehrere Tage, bis der Dachboden bewohnbar ist. Für Antworten an Tante Jeanne habe ich keine Zeit mehr.

Daß ich mit meiner Flucht auf den Dachboden eine Ungeheuerlichkeit begehe, wird mir klar, als Tante Jeannes Neffe und Großneffe erscheinen. Ob ich Probleme hätte mit Tante Jeanne, fragen sie. Ja, bestätige ich. Sie sprechen mir ihr Mitgefühl aus. Noch bevor ich es verhindern kann, stürzt der Neffe zu Tante Jeanne und hält ihr die übliche Standpauke. Der Großneffe sagt, jetzt siehst du, wie das ist. Man kann nicht leben mit Tante Jeanne. So war das immer mit ihr. Sie ist der böse Dämon des Hauses … Der Neffe kommt zurück. Er entschuldigt sich bei mir für Tante Jeannes Verhalten. Wir müssen, sagt er, eine befriedigende Lösung für Sie finden. Ich glaube, sage ich, ich habe die Lösung schon gefunden. Sie werden doch nicht gehen, sagen beide gleichzeitig. Nein, sage ich, ich werde nicht gehen. Ich gehe nach oben, auf den Dachboden. Aber das ist unmöglich, erklären beide einstimmig. Der Dachboden ist voller Gerümpel und völlig verschmutzt. Das Gerümpel, sage ich, habe ich bereits beiseite geräumt. Aber es wird dort oben viel zu heiß sein, unterbricht man mich. Die Hitze wird mich nicht stören, sage ich, aber Strom brauche ich dort oben. Ah, erwidert man, das wird sich nicht machen lassen. Doch, sage ich, das läßt sich machen. Ein Anschluß ist da, es müssen nur ein paar Kabel verlegt werden. Dafür wird man aber so schnell niemand finden, antwortet man mir. Ich werde jemand finden oder dieses Kabel selber verlegen, sage ich. Den beiden wird klar, daß sie mich nicht aufhalten können. Sie machen mir unmißverständlich deutlich, wie ungebührlich es ist, eine derartige Veränderung im Haus eingeleitet zu haben. In diesem Haus wird nichts verändert. Sie erweisen sich als folgsame Zöglinge Tante Jeannes. In diesem Haus wird jetzt etwas verändert, oder ich gehe, sage ich. Vier Stunden später habe ich die Stromanschlüsse, die ich brauche.

Tante Jeanne versucht es mit trotziger Regression. Einmal komme ich auf den Flur, als sie, bei offener Tür, gerade von der Toilette aufsteht. Warten Sie, ruft sie, streift Nachthemd und Morgenrock zurecht. Dann bückt sie sich, um ihre Hände zuwaschen – in der Toilette. Was machen Sie denn da, frage ich. Aber wissen Sie nicht, sagt sie unschuldig, man soll sich die Hände waschen, wenn man auf der Toilette war. In der Toilette? frage ich. Aber nein, sagt sie, im Waschbecken natürlich. Seit wann, frage ich, ist das Waschbecken so angebracht, daß Sie sich bücken müssen, um sich darin die Hände zu waschen? Sie wird rot. Warten Sie, sagt sie, helfen Sie mir, zu meinem Stuhl zurückzufinden. Wenn es Sie nicht stört, daß ich schmutzig bin, sage ich. Aber warum sind Sie schmutzig, sagt Tante Jeanne. Ach, es ist nicht gut, so alt zu werden, bei allem ist man auf Hilfe angewiesen … Ich möchte gehen … da, nach oben … Warum sind Sie schmutzig? Weil ich, sage ich, nach oben gehe. Nach oben, sagt Tante Jeanne, wie meinen Sie das? Nun, nach oben, sage ich, auf den Dachboden. Aber was wollen Sie dort, sagt Tante Jeanne. Dort werde ich arbeiten und für mich alleine sein, sage ich. Aber der Dachboden, sagt Tante Jeanne, ist schmutzig und voll Gerümpel. Ja, sage ich, deshalb räume ich ihn auf. Und deshalb bin ich schmutzig. Aber haben Sie das mit den anderen besprochen, sagt Tante Jeanne, der Dachboden wird doch nicht bewohnt. Ich habe die anderen informiert, sage ich, daß der Dachboden demnächst bewohnt werden wird. Aber, sagt Tante Jeanne, das ist zu viel Arbeit für Sie. Sie müssen sich ausruhen. Ja, sage ich, wenn der Dachboden bewohnbar ist. Aber Sie werden, sagt Tante Jeanne, mich dort oben nicht hören können. Nein, sage ich, dort oben werde ich Sie nicht hören können.

Der Dachboden ist fertig. Ein Provisorium, nichts für die in diesem Haus gültige Ewigkeit. Es ist der angenehmste Raum im Haus: groß, mit viel Licht, einem weiten Blick. Wenn ich aus der düsteren Küche unten, über den stets verdunkeltenersten Stock mit Tante Jeanne, durch die fensterlose Rumpelkammer über die Leiter nach oben komme, erscheint er mir wie nicht von dieser Welt. Nun ist alles an seinem Platz: Tante Jeanne, der Dämon, unter mir, über mir der Himmel.

Tante Jeanne ist, verständlicherweise, sehr böse auf mich. Einige Tage lang verkneift sie sich jede Frage. Als ihr klar wird, daß ich mich dadurch nicht bewegen lasse, auf meinen Freiraum auf dem Dachboden zu verzichten, gibt sie auf. Sie stellt wieder ihre Fragen, und ich bemerke, daß ich sie während der Tage ihres Schweigens bereits vermißt habe. Was der Sinn ihrer Fragen ist, habe ich noch immer nicht ganz verstanden. Verstanden habe ich, daß sie diese Fragen stellt, um eine andere Frage nicht zu stellen. Ich lese ihr weiterhin jeden Nachmittag vor. Märchen bevorzugt sie. Ihre Fragen verändern sich allmählich. Kommt beispielsweise ein Pferd in der Geschichte vor, fragt sie, ob es in dem Land,aus dem ich komme, auch Pferde gibt. Hochzeiten finden ihr besonderes Interesse. Ob dort, woher ich käme, die Braut auch ein weißes Kleid trage? Sie staunt, daß die meisten Dinge in beiden Ländern so ähnlich sind. Wir unterhalten uns wie ziemlich normale Leute.

Einmal gerät sie am Ende eines Märchens ins Grübeln. Das ist eigenartig, sagt sie, es gibt den König, und wie nennt man gleich nochmal die Frau, die zu ihm gehört? Aber Tante Jeanne, sage ich, das wissen Sie doch! Ah, natürlich … da sehen Sie, wie vergeßlich ich bin. Natürlich, die Frau des Königs ist die Prinzessin. Verblüfft wiederhole ich: die Prinzessin? Tante Jeanne und ich sehen uns an. Dann wird Tante Jeanne rot, schlägt erschrocken die Hände vors Gesicht. Mon dieu, stammelt sie, mon dieu … was sage ich da … Natürlich ist es nicht die Prinzessin. Natürlich gehört zum König die Königin … Sie dürfen das nicht falsch verstehen … Ihre Aufregung ist mir lange unverständlich. Sie beginnt zu weinen. Mein Vater war ja noch jung, als meine Mutter starb … Es war wohl nicht immer leicht für ihn, eine Frau zu finden. Tante Jeanne weint noch immer. Ich halte ihre Hand. Sie müssen das verstehen, flüstert sie, ich habe meinen Vater geliebt … und eine Königin war nicht vorhanden. Und deshalb wurde ich, seine Prinzessin … So sind die Männer nun mal. Sie bittet um ein Taschentuch, trocknet ihre Tränen, greift wieder nach meiner Hand. Sie tastet meine Hand ab, läßt sich den Ring, den ich trage, genau beschreiben. So einen Ähnlichen, sagt sie, mit einem großen Stein, so einen hatte meine Schwester auch.

Als ich eines Tages den Dachboden verlasse und den Flur überquere, sitzt Tante Jeanne nicht auf ihrem Stuhl. Auch auf der Toilette ist sie nicht. Beunruhigt gehe ich nach unten, in die Küche. Dort sitzt Tante Jeanne, im Lehnsessel neben dem Kamin. Jetzt staunen Sie aber, nicht wahr? empfängt sie mich grinsend. Ja, ich staune. Über Nachthemd und Morgenrock trägt sie eine dunkelgrüne Spitzenbluse. Es ist ihr teilweise gelungen, sie zuzuknöpfen. Einen grellgeblümten Schal hat sie sich wirr um den Hals geknotet, ein verdrücktes Etwas, das einmal ein Hut war, hängt auf ihrem Kopf. Sehen Sie, fing sie verschmitzt lächelnd wieder an, inzwischen kenne ich Ihre Gewohnheiten. Irgendwann kommt sie in die Küche, habe ich mir gesagt, um sich Kaffee zu kochen. Nun, habe ich mir gedacht, da werde ich sie einmal überraschen … Wissen Sie, es ist sehr langweilig, immer nur da oben zu sitzen. Deshalb werde ich heute den Kaffee hier unten trinken, mit Ihnen zusammen … Bemerken Sie, daß ich mich umgezogen habe? Sie rückt kokett an dem Ding auf ihrem Kopf. Übrigens, was halten Sie davon, wenn wir statt Kaffee etwas anderes trinken? In dem Schränkchen dort in der Ecke, da stand früher der Likör … mir ist heute danach. Nur nebenbei, wie spät ist es? Haben Sie daran gedacht, die Uhr aufzuziehen?

Feature, SFB, Reihe „Passagen“, 1993