Nur ein Tanz

1

Da öffnete sie einem nur mal die Tür, und schon zeigte sich, wieder wird einer bleiben wollen. Nicht, dass es ihm besonders gut gefiel bei ihr, vielleicht gerade deshalb. Sie hatte das oft erlebt, sie verwehrte ihm nichts, sie ahnte, wie alles seinen Lauf nehmen würde, bis zum üblichen Ende. Alles nahm seinen Lauf, bis zum Ende, wie immer. Nein, nicht ganz wie immer. Kurz vor diesem Ende öffnete sie die Tür, aber nicht für ihn, für keinen mehr, sie selbst ging über die Schwelle, Hanna schloss die Tür, hinter sich, von draußen, entschlossen, keine Tür mehr zu öffnen, weder um hinein- noch hinauszugehen.

Die Tür, als sie ging, schloss sich wie von selbst, lautlos.

 

2

Wann hast du es erfahren?

Als es nicht mehr anders ging.

Warum hasst du ihn nicht?

Ich wünschte, ich könnte es. Ihn und gegebenenfalls andere.

Warum tust du es nicht?

Vielleicht, weil es zu spät war. Als ich begriff, welche Gründe es gab, ihn zu hassen, war er alt und krank. Kein Ziel für ein Gefühl wie Hass.

So kannst du das nicht sehen. Ihr wart immerhin eine Familie, und –

Und Familien kommen noch immer im Inzest zu sich selbst.

Lass die Theorie! Du musst den hassen, 3der dich –

Der mich auf seine Weise geliebt hat?

 

 

 

 

 

3

Hannas Schwierigkeit, einen Platz zu finden, immer schon. Fand sie ihn, kam er aus dem Nichts. Nein, aus dem Nichts kam nichts, alles war immer schon da. Nur sie –

Platz war, wo nichts war. Das war überall, und deshalb fiel es ihr schwer, ihn zu finden. Er hätte überall sein können, und doch war er nur da, wo sie ihn nicht erwartete, und dann der Schreck, wenn sie ihn fand, als Provisorium bezeichnete, um das Erschrecken in Grenzen zu halten. Hier wird es sein, jetzt – sie wollte ihn nicht, nicht ausgerechnet diesen. Das war das untrügliche Zeichen. Hier wird es sein, egal für wie lange. Zeit war die falsche Kategorie, eine Kategorie des Verbrauchens.

Aber das wollte sie hinter sich lassen. Nur ein kurzes Verharren noch, bald, Hanna war mitten im Sprung.

Ihr Mund voll Mineralwasser, das sie nicht hinunterschluckte, weil sie bemerkte, dass am Verbrauch des Mineralwassers und der Notwendigkeit, Nachschub zu organisieren, deutlicher als an sonst etwas das Verstreichen der Zeit abzulesen war. Sie wollte mit der Zeit nichts mehr zu schaffen haben. Wenn es um den Ort ging, spielte Zeit keine Rolle. Mit Orten war es wie mit Männern. Jedes Sträuben bedeutete nur: hier, jetzt. Der Ort, der Mann. Für wie lange, spielte keine Rolle. So oft so unterschiedlich allein, kannte Hanna die Variationsmöglichkeiten der Dauer einer Minute. Etwas von der Einsamkeit kam immer mit, in alle Räume, zu allen Männern. Waren es die geeigneten Räume, passende Männer, ertrugen sie Hanna, auch ihre Einsamkeit. Stieß sie auf den Raum, von dem sie, gegen ihren Willen, wusste, es war der richtige, fehlten ihm alle Qualitäten. Musste Hanna sie entdecken, oder erfand sie sie?

Anfangs half die Notwendigkeit zu konkreten Aktivitäten, wegräumen, was mit ihr nichts zu schaffen hatte. Was hatte mit ihr nichts zu schaffen? Zu vieles, und warum schon wieder, doch Fragen und Einwände halfen nicht weiter. Es schien nur darum zu gehen, wieder anzufangen, dass es gelingen könnte, war nicht wahrscheinlich. Es war immer dasselbe und erschreckend und nicht neu. Aber das war schon wieder ein Argument aus der falschen Kategorie, der Zeit. Immer war es so, als wäre es noch nie versucht worden, immer wieder anfangen, das war alles, was sie tat, und doch gelang es ihr nie, dafür irgendeine Form von Routine zu entwickeln. Wenn sie trotzdem begann, immer wieder, so nur, weil es anderes nicht zu tun gab, nicht für Hanna. Sie begann und wusste, es würde über ihre Kräfte gehen. Sie begann, wünschte, es wäre ein für alle mal. Begann und wusste, es geht weiter. Wusste, sie würde wieder nicht weit kommen. Derselbe Schreck, dieselbe Pein – das Erkennungszeichen, es ging wieder los. Es war kein Beginnen, es wird kein Ende nehmen. Wann es begann, wusste Hanna nie. Sie steckte bereits mittendrin, wenn ihr auffiel: es ist schon wieder soweit. War es ein Trick, ein Ende zu vermeiden?

Am Anfang des Beginnens war alles angefüllt mit Altem. Wenn das Alte dann beiseite geschafft war – wie denn, wohin? – entstand für einen Moment unterschiedlicher und schwer zu definierender Länge tatsächlich Raum für etwas Neues. Als könnte es Freiräume geben, Ungekanntes –

 

 

 

 

 

4

Darüber ein Himmel, hoch und haltlos. Dort im Käfig sie, ihre Akrobatik, das Alleinsein und die Einsamkeit in eine Bewegung zu zwingen, den gefährlich fließenden Übergang vom einen zum anderen, die immer wieder noch einmal erreichte Unumkehrbarkeit. Hanna wollte das zu fassen kriegen, auch diese beiden Geräusche, den Lärm um sich herum, die Stille, die schon einen Zentimeter vor ihrer Haut einsetzte, den Lärm draußen vergeblich machte, aufsaugte, erstickte, und die Verbindung zwischen diesem Lärm und ihrer Stille, oder verhielt es sich genau umgekehrt, draußen die Stille, der Lärm in ihr, das Klingeln des Telefons jedenfalls erschien ihr unwirklich, wenn sie es seit einer Woche nicht gehört hatte, es kam gegen Stille wie Lärm längst nicht mehr an, verband nichts mehr. Wie auch hätte ihre Stimme hörbar sein können, womit die Stille durchbrechen, wozu hoffte sie, man würde dieser Stimme nicht anmerken, aus welcher Stummheit sie kommt, man würde es ihr anmerken, aber nichts dazu sagen, sondern ihr den einen Vorschlag machen, der ihre Stimme und sie erlöst. Dieser Vorschlag kam nie, sie vermutete, es lag daran, dass sie noch immer die Kontrolle hatte, über die Stimme, über sich, langjähriges Training, da konntekeiner etwas merken, keiner musste tun, als merke er es nicht, wen auch sollte es interessieren, wer ihr etwas vorschlagen. Sie fiel noch immer nicht auf bei den Begegnungen mit Menschen, sie wunderte sich darüber, denn meist war sie allein, hatte irgendwann daraus den Schluss gezogen, dass dabei jede Kontrolle überflüssig war, Heuchelei, ein Spiel als ob, das alles nur noch schlimmer machte, alles Theater, darauf verzichten konnte sie nur auf der Bühne, und dort gab es Applaus für diesen Verzicht. Und dennoch, jeder hat seine Begabung, verspottete sie sich, sie hatte gelernt, die bühnenferne Einsamkeit zu organisieren, jede Sekunde jeder Minute jeder Stunde jedes Tages und auch die Pausen zwischen all diesen Maßeinheiten zur Wahrnehmung der Zeit. Sie wusste, dass sie alle vorübergehen, auch wenn es stets den gegenteiligen Anschein hatte. Hanna wusste, im schlimmsten Fall galt es nur durchzuhalten, aber sie wusste oft nicht wozu, und vielleicht lag genau da der Fehler, Durchhalteparolen sind was für Kriege, wozu etwas aushalten, was unerträglich ist, aber wie sähe die Alternative aus? Sie wunderte sich, wie es zu ertragen war, jeden Tag dasselbe zu tun, aufwachen, aufstehen, Zeitung holen, frühstücken.  Dabei sah an so einem Morgen noch alles danach aus, als könnte ein ganz normaler Tag daraus werden, sie sah aus dem Fenster, als wäre alles offen. Um diese Zeit gab sie sich hoffnungsvoll und nachsichtig mit sich selbst, ja, steh auf, öffne das Fenster weit, die Luft tut gut, Räkeln, Strecken, Dehnen, sacht, nicht übertreiben, ihre Füße begannen zu wippen, und das war dann die Einleitung dazu, das Frühstück zu beenden, warum nicht mit diesem kleinen Trick. Sie durchschaute sich, sie lächelte, warum auch nicht, wenn es ihr so gelang, in diesen Tag hineinzukommen. Früher, sie lächelte schon wieder, hat sie sich anders überlistet, mit der Routine, die ihr damals noch Notwendigkeit schien, erst einmal die Wohnung aufzuräumen. Doch das ist lange her, sie gestand sich ein, dass dieses Aufräumen nicht notwendig, bloß Ritual war, nichts war notwendig, es wäre denn, sie wollte es. Überrascht stellte sie fest, aber wieso überraschte sie das, sie hatte doch so sehr darum gekämpft, dass sie im Zustand der Freiheit lebte, und von da an war sie eine Ausgestoßene wie alle, nein, korrigierte sie, das war sie  immer gewesen, nur hatte sie es vorher nicht gewusst. Dann fiel ihr auf, dass es sinnlos war, täglich zu duschen, weil sie allein gar nicht jeden Tag schmutzig wurde, und der Schweiß nach dem täglichen Tanz, was machte das, wenn morgens schon gewiss war, dass sie den ganzen Tag keinen Menschen treffen wird. Die einzige Folge täglichen Duschens, dachte sie seither, bestand darin, hinterher das Badezimmer säubern zu müssen, wobei sie zu beobachten glaubt, dass der beim Duschen entstehende Schmutz im Badezimmer immer weniger von ihr stammte, sondern Äußerungsform eines Badezimmers war, in dem nichts von Bedeutung geschah, so ähnlich, wie eine unbewohnte Wohnung verstaubt, wie ihre Wohnung, denn es erschien ihr unmöglich, eine Wohnung allein zu benutzen, was tat sie schon, sie absolvierte ihre täglichen Übungen, sie tanzte oder schlief oder aß, das war alles, und ihre Wohnung war dabei zur Attrappe geworden wie sie selbst – eine Tänzerin ohne Engagement. Aber das konnte sich heute schon ändern, und Staub hatte sie auch auf der Bühne geatmet, sie musste den Frühstückstisch nicht abräumen, das Bett nicht machen, in den nächsten Stunden brauchte sie weder Bett noch Tisch, mit unerwartetem Besuch war nicht zu rechnen, und das einzige, worauf es jetzt ankam, war die Stange. Nein, sie schaute nicht in den Spiegel, sie musste das nicht sehen, ihre Muskeln, ihre Sehnen, sie war noch in Form. Nein, sie schaute nicht hin, im Spiegel turnte eine Puppe, sie konnte auch wieder aufhören, raus hier, ins andere Zimmer, aufräumen, entdecken, dass sie dringend einen Brief schreiben, vielleicht sogar ein Telefongespräch führen musste. Bei all dem wirkte Hanna gelassen, fast heiter, der Morgen war schön, der Tag lag vor ihr, warum sollte nicht alles möglich sein. Doch sie traute dem Frieden nicht, ab jetzt lauerte Panik hinter jeder Kleinigkeit. Sie telefonierte, ihre Stimme war genau, wie sie sein musste, mal sachlich, mal fordernd, mal ironisch, wenn sie Glück hatte, ergab sich aus dem Telefongespräch die Notwendigkeit eines weiteren Anrufs, was heißt hier Glück, das ist völlig normal, oder eines Briefs, den sie sofort schrieb. Alles erledigte sie immer sofort, andere bestaunten sie deswegen, sie erklärte dann, es sei, gerade wenn viel zu tun sei, die beste Möglichkeit, alles zu schaffen, ohne in Zeitnot zu geraten, Stress, sagen andere dazu, ein Zustand, den sie nicht kannte, im Grund war sie stolz darauf, sie selbst bestimmte über ihre Zeit, sie konnte sich alles einteilen, ihr Zeitgefühl war untrüglich, niemand, der sie hätte drängen können. Sie sagte, das ist Freiheit, sie war überzeugt davon, aber trotzdem wünschte sie sich an so einem Morgen, es würde etwas geschehen, das sie in Zeitnot bringt. Manchmal schaffte sie es inzwischen, nicht jeden Brief gleich zu schreiben, sondern ihn aufzuschieben, aufzubewahren für die Stunde, wo es wichtig sein wird, ihn zu schreiben, für den Moment, wo sie die Illusion von Normalität, den Anschein einer Verbindung mit der Welt draußen wirklich brauchte, womöglich schon am Nachmittag, wenn sie geduldig war, erst in einer Woche. Auf diese Weise wurde sie, für ihre Verhältnisse, fast schlampig, faul. Wenn ihr das auffiel, stürzte sie in Ratlosigkeit, den Brief gleich zu schreiben, das hieß nichts anderes, als eine Brücke herzustellen, die ihr ermöglichte, von diesem Brief, Teil wenn auch nur vorgeblicher organisatorischer Routine, zum Wichtigen überzugehen, schleichend, unbemerkt. Es hieß aber auch, an der von früher bekannten Normalität festzuhalten, an Zeiten, zu denen sehr viel mehr routinierte Alltäglichkeit von ihr gefordert worden war als heute, und vielleicht sollte sie genau daran nicht festhalten, damit alles endlich anders wird. Sie ermahnte sich, nicht jede Banalität zu dramatisieren, mach doch ruhig alles, wie du es immer getan hast, es geht um beinahe nichts, um einen Brief, halte ruhig daran fest, aber sie verdarb sich die Aufmunterung durch das Eingeständnis, dass es nur ein Trick war, ein Versuch, sich selbst zu trösten, den Zusammenhang zu einem früheren Leben nicht zu verlieren und damit auch die Aussichten auf ein künftiges anderes nicht zu verscherzen. Nun war sie nicht mehr nachsichtig mit sich, sie verurteilte, was sie da anstellte, als magisches Denken, kindischen Aberglauben, aber was nun? Wie weiter? Sie suchte nach Möglichkeiten, sich die Krücken zu rechtfertigen, sie wusste seit einiger Zeit nicht mehr, bis zu welchem Punkt das sinnvoll war, was nutzlose Routine, was erlaubter Hilfsgriff, um sich in den Tag hineinzumogeln, wo ging die Ungebundenheit ins Verlottern über? Hätte sie vielleicht an den regelmäßigen Reinigungsgewohnheiten ebenso festhalten müssen wie an der Maxime, immer alles sofort zu erledigen, schon allein deshalb, um einen Wall zu errichten, einen Wall, wogegen, wofür? Um die Möglichkeit zu erhalten, jederzeit mit anderen in Kontakt zu treten, sagte sie sich, wie bitte, verschanzt hinter einem Wall? Aber das war nur Theorie, sie wusste es, diese Kontakte gab es nicht jederzeit, für sie nicht. Also hielt sie auch damit nur eine Illusion aufrecht, die alles andere, möglicherweise Reale verhinderte. Aber was, wandte sie ein, wäre sie ohne diese Illusion? Würde sie nicht sofort verwahrlosen? Dann stellte sie fest, dass all diese Überlegungen bereits auf Verwahrlosung wiesen, dass es noch immer relativ früh am Vormittag war und sie sich zu dieser Stunde solche Überlegungen nicht leisten konnte. Wie sollte es am Nachmittag werden? Sie hätte jetzt zum Briefkasten gehen können, vielleicht war Post da, wider alle Erwartung, doch wer konnte schon wissen, nur ein Brief, und alles wäre anders, aber sie wusste, er würde nicht da sein, weil sie darauf wartete, er war nicht da, wenn sie ihn so wichtig nahm, eigens deshalb runter zum Briefkasten zu gehen, später irgendwann würde sie einen Grund haben, die Wohnung zu verlassen, dann zwangsläufig am Briefkasten vorbeikommen, und natürlich war sowieso nichts drin. Sie beschloss, sich Boden unter den Füßen zu schaffen, das Bett zu machen, den Frühstückstisch abzuräumen, wie gut, dass sie nicht gleich aufgeräumt hat, sie durfte jetzt nur nicht daran denken, wie jämmerlich es war, auf solche Tricks angewiesen zu sein, bloß nicht, sonst wäre alles umsonst gewesen, sie musste es tun, ohne an irgend etwas zu denken, vor allem nicht daran, was sie anschließend tun wird, alles weitere würde folgen, es folgte ja immer etwas. Sie war nicht unter Druck, sie hätte auch etwas ganz anderes tun können, bloß was? Da klingelte das Telefon, sie kann es nicht fassen, wer mag das sein, vielleicht geschieht jetzt das Wunder, sie überlegt, wer das sein wird, sie kann es sich schon denken, aber irgendwann muss doch ein Wunder passieren, aber Hannas Vermutung ist richtig gewesen. Beim dritten Klingeln glaubte sie sich ausreichend gefasst, sie nahm den Hörer ab, er sagte, dass er etwas nicht schafft, den Termin verschieben muss, wie beneidete sie ihn! Nach diesem kurzen Gespräch half ihr kein Trick mehr, sie wusste jetzt, dass das Leben anderswo stattfand, anderswo zu Zeitnot führte, der Notwendigkeit, Termine zu verschieben. Seit sie aufstand, waren erst drei Stunden vergangen, auf die sie ungeheure Energie verwandte, und nun dieser eine Anruf, er machte alles zunichte, weil da einer keine Zeit hatte, weil da jemandem etwas dazwischen gekommen war. Ihre Gutwilligkeit, ihre Kniffe, ihre Bereitschaft, sich auf den Leim zu gehen, alles nutzlos. Sie wurde aufsässig, auch wenn sie nicht wusste, gegen wen oder was, sie wird heute nichts mehr tun. Sie überlegte, dort in der Ecke zu warten, so lange, bis etwas geschah, das sie da wieder herausholte, sie wusste, das wird nicht geschehen. Aber es musste einmal aufhören, konnte nicht immer so weitergehen, doch sie täuschte sich, es ist durchaus möglich, dass das immer so weitergeht, sie setzte sich in die Ecke, ruhig jetzt, ganz ruhig, das geht schon vorbei, oder sie geht einfach ein. Aber nicht einmal das ging so einfach, also musste sie weggehen, nicht so, wie sie es jetzt phantasierte, brüllend, ich halte das nicht mehr aus, nein, mit einem Ziel, neuer Anlauf, es war noch immer Vormittag. Wie gut, dass sie sich angewöhnt hatte, nicht immer sofort alles, was fehlt, zu besorgen, so gab es jetzt einen guten und ganz normalen Grund, die Wohnung zu verlassen. Jeder muss fast täglich irgendwas besorgen. Stimmt nicht, widersprach sie sich, sie hätte das nicht unbedingt jetzt besorgen müssen, es war nur ein Vorwand. Dann war es eben nur ein Vorwand, jetzt war jedes Mittel recht, wenn nur dieser Vormittag vorüberging. Sie machte sich, zu allem entschlossen, die Mühe, sich umzuziehen, sie ging und erwartete alles von diesem Wechsel nach draußen, warum ging sie nicht viel öfter weg, sie hatte sich ihre Wohnung zum Gefängnis gemacht. Aber das war jetzt der falsche Gedanke, Hanna verscheuchte ihn, jetzt wird sie erledigen, was nötig ist, sich Zeit nehmen, etwas herumzutrödeln, niemand trieb sie zur Eile, wer hatte ihr schon etwas zu sagen, vielleicht traf sie jemanden, alles wird möglich sein, wenn sie nur jetzt die Wohnung verlässt, als wäre das ganz normal, so wie jeder das tut.

 

Sie ging, und wie angenehm es war, sagte sie sich, zu dieser Zeit unterwegs zu sein, ohne Eile, und es war gut, wenn das Wetter schlecht war, wenn sie rausging. Sie vermutete dann, besser dazuzupassen, weniger aufzufallen, zudem erhöhte es den Reiz, wer schon, fragte sie sich lächelnd, geht schon vormittags um elf bei Regen durch die Stadt, einfach so. Bei diesem Wetter fiel es nicht auf, dass sie alleine durch die Gegend rannte, jeder beeilte sich bei diesem Wetter, aber sie beeilte sich nicht, aber bei diesem Wetter achtete niemand darauf, und dann fiel ihr ein, das war das falsche Wetter, um aus dem Haus zu gehen, da traf sie garantiert niemanden. Sie wusste nicht mehr, was sie besorgen wollte, das ist nicht schlimm, redete sie sich zu, so dringend war es nicht, sie geht eben in ein Café. Lange konnte sie sich nicht entscheiden, in welches, überall hielt Hanna etwas davon ab, endlich hineinzugehen, sie wurde wütend auf sich, weil sie wusste, wenn das noch lange so ging, konnte sie kein Café mehr betreten, weil sie dann stinken würde, nach Einsamkeit, Unsicherheit und vielem anderen, anderen Besuchern des Cafés nicht zuzumuten. Aber warum eigentlich nicht, empörte sie sich, und betrat das Café, das sie am wenigsten leiden konnte, setzte sich an einen Tisch, an dem sie sich so unwohl wie an keinem anderen fühlte, und bestellte etwas, das sie nicht mochte. Sie war gewitzt im Umgang mit Einsamkeit und allem, was dazugehört, also entlockte ihr so viel falsche Entscheidung ein Grinsen. Trotz allem fühlte sie sich jetzt beinahe wohl, eine Frau, die kurz vor zwölf in einem Café saß, der Kuchen schmeckte nicht, aber sie musste ihn ja nicht essen, wieso hatte sie ihn überhaupt bestellt, sie mochte doch keinen Kuchen, aber der Espresso war nicht schlecht, und jetzt wird sie sich an der Theke eine Zeitung holen und alles wird aussehen, als wäre es ganz gewöhnlich. Doch sie konnte nicht schon wieder Zeitung lesen, dafür war es zu spät, sie will weg, sofort, sie konnte es nicht erwarten, bis der Kellner  kam, sie will zahlen, sofort, raus hier, obwohl sie nirgendwo erwartet wurde, ohne Ziel, sobald sie draußen war. Sie ging und bemerkte Blicke, die ihr folgten, sie versetzten sie in Panik, alle, dachte sie, sehen ihr an, was mit ihr los ist. Draußen war sie noch ratloser als drinnen, was nun, wohin, ihr Blick fiel in ein Schaufenster, der Regen ließ nach, sie sah nicht, welche Waren hinter dem Fenster ausgebreitet waren, sie sah eine Frau in diesem Fenster, musterte sie mit professionellem, sachlichem Blick, Hanna dachte, sie ist attraktiv, dann erkannte sie, das war sie selbst. Sie traute sich nicht, ihr Spiegelbild noch einmal anzusehen, sie überwand sich, sah hin und begriff nicht, was sie sah. Von nun an war alles unmöglich, jeder Schritt, weil sie immer sah, wie sie dabei aussah, und weil es nicht zusammenpasste mit allem, was mit ihr los war, sie steckte nicht in sich drin, wie kommt überhaupt ein Fuß vor den andern? Dann wurde auch noch das Wetter besser, Sonne, leuchtende Farben nach dem Regen, irgendwo war ein Rasen gemäht worden, wie sich der Duft bis in ihren Magen zwängte, und nun war in der ganzen Stadt kein Platz mehr für sie. Die anderen hatten Mittagspause, oder sie waren gerade erst aufgestanden, alle freuten sich über den unerwarteten Einbruch des Sommers, alle redeten mit jemandem, der neben ihnen ging, alle waren auf dem Weg zu einem, mit dem sie reden würden, übers Wetter, über ihre Arbeit, über ihre Männer oder Frauen oder Kinder. Sie wusste, dass sie da nicht mitreden konnte, wusste, dass sie nicht dazugehörte, wusste, dass das jeder riechen kann, sie störte hier, also weg, schnell, aber wohin? Sie zwang sich, ganz langsam zu gehen, als wäre es so, wie es war, dass sie Zeit hatte und niemand sie zu Eile zwang. Sie ging in eine Buchhandlung und in eine zweite, eine Galerie war auch auf dem Weg, sie steigerte sich in einen völlig überflüssigen Trotz hinein, niemanden geht an, wo sie hingeht und wo nicht und wie und in welchem Tempo, und als sie abschließend noch einmal sagte, das geht keinen etwas an, kämpfte sie gegen Tränen, weil das keinen anging. Sie redete sich zu, das macht nichts, in einer Stadt ist Platz für alle, wieso nicht für sie, sie wird noch einen Espresso trinken. Das junge Mädchen, das die Bestellung entgegennahm, war gutgelaunt, Hanna brachte eine scherzhafte Bemerkung zustande, doch sie wurde nicht verstanden, selbst den Wunsch nach Espresso musste sie wiederholen. Das war zuviel, jetzt ging nichts mehr, der Lärmpegel um sie herum stieg an, Gelächter, Gespräche, sie war damit nicht gemeint, der Lärm war für sie unerreichbar, sie explodierte in einem Kokon aus Stille. Sie hatte keine Eile, nichts und niemand trieb sie, doch sie konnte nicht warten, bis die Kellnerin kam, sie legte das Geld auf den Tisch, musste verschwinden, so schnell wie möglich, natürlich blieb sie mit der Tasche an einem Stuhl hängen, keiner achtete darauf, doch sie wurde rot, verließ das Café, als wäre wer weiß was geschehen. Sie rannte durch die Straßen, sie floh, Hanna wusste, sie ist eine Beleidigung für alles, ihrem Blick, ihren Ohren, ihrem Geruchssinn entging nichts, der regennasse Staub, das frischgemähte Gras, die Freundinnen, die sich unerwartet trafen, das Paar, das verabredet war, und dann noch der Gestank nach schlechtem Speiseöl von der Würstchenbude, den sie nicht einmal dann vertragen kann, wenn es ihr gut geht, alles signalisierte jetzt nur, dass sie nicht dazugehörte, jetzt nicht und nie. Aber wohin? In der U-Bahn War sie wieder mit ihrem Spiegelbild konfrontiert, es überraschte sie, wie ein Kind glaubte sie, in diesem Zustand einfach nicht sichtbar zu sein, aber man konnte sie sehen, sie sah es ja selbst, und was sie sah, sah bei weitem nicht so schlimm aus, wie sie es erwartete, und das steigerte ihr Entsetzen. Dann lachte sie über sich, forderte sich auf, sich nicht so anzustellen, und erinnerte sich an ein Spiel, zu dem sie sich bisweilen in der U-Bahn selbst verleitet hat, irgendeinen der Menschen hier musste sie sympathisch finden, wenn schon keinen Mann, dann wenigstens eine Frau. Aber jetzt schaffte sie es nicht, die Leute anzusehen, alle, so schien ihr, starrten sie an, die U-Bahn war voll, überall Gedränge, bloß sie rempelte keiner an. Ist doch prima, dachte sie und kämpfte schon wieder gegen Tränen, mir kommt niemand zu nahe, zwang sie sich zu denken, wenn ich es nicht will, aber auch dann nicht, wenn ich es will, dachte sie unabsichtlich weiter. Sie überlegte, wann sie diese Macht verloren hatte, eine ganz gewöhnliche, konstitutiv humane Macht, über die auch sie einmal verfügt hatte. Aber das nützte ihr nichts, hier roch sie nach nichts, sie nahm  keinen Raum ein, keiner kam ihr zu nahe, alle starrten sie an, sie sah ihr Spiegelbild. Als wäre sie eine Frau, auf dem Weg zu einem genau bekannten Ziel, eine Frau, die keine Eile hatte. Sogar ihr Spiegelbild ließ sie im Stich, dachte sie verbittert, was ihr gespiegelt wurde, hatte sich von ihr verabschiedet, sah gar nicht unsympathisch aus, warum bemerkte es keiner, oder war es nur sie, die es nicht bemerkte? Hanna fuhr viele Stationen weiter als nötig, nur um den Widerspruch zwischen sich und diesem Spiegelbild zu verstehen, zwischendurch half sie einem Kind auf die Beine, das beim Anfahren der U-Bahn gestolpert war, gab zwei Touristen die Auskunft, die sie brauchten, verfolgte die Auseinandersetzung zwischen einer Frau und einem Mädchen, Mutter und Tochter. Der Waggon wurde leerer, sie setzte sich hin, und als ihr auffiel, dass sich niemand neben sie setzte, selbst dann nicht, als es wieder voll wurde, stieg sie aus, schon wieder auf der Flucht. Sie war, wo sie nie gewesen war, gab sich Mühe, das interessant zu finden, aber es interessierte sie nicht, es war ein Spießrutenlauf, was wollte sie hier, sie hatte hier nichts verloren, sie störte, ein öffentliches Ärgernis. Im Eilschritt verlor sie sich in den Straßen, die anderen hatten noch immer Mittagspause, Paare, überall Paare, aber Hanna wollte sich nicht täuschen lassen, sie wusste, wie es um die meisten dieser Paare stand, die hatten sich schon lang nichts mehr zu sagen und auch sonst nichts miteinander zu tun, da war nichts, das sie hätte beneiden müssen, sie sah sich schon wieder in einem Schaufenster. Nichts Anstößiges, nur eine Frau in Eile, aber nein, sie ließ sich nicht täuschen, sie sah ganz richtig, eine Tänzerin, die unzeitig den Boden unter den Füßen verlor, es war zum Lachen, es war ganz normal, denn hatte sie das nicht gelernt? Der Boden ist, wo ihre Füße sind, wenn sie tanzen. Sie spürte, ihre Beine brechen gleich ab, aber sie trugen sie weiter, unerbittlich, oder traf das auf sie selbst zu? Sie ging in ein Schreibwarengeschäft, kaufte Papier, Briefumschläge, nicht, weil sie sie brauchte, sondern um sich die Berechtigung zu suggerieren, sich jetzt auf dieser Straße aufzuhalten. Als sie aus dem Laden kam, beschloss sie, ein Taxi zu nehmen, sie konnte nicht mehr gehen, kein Taxi weit und breit, und dann stellte Hanna fest, sie würde sowieso gleich zu Hause sein. Die Sinne für Ort und Zeit hatten sie verlassen, es kam ihr einem Wunder gleich, fast schon zu Hause zu sein, natürlich, es war der einzige Ort, an den sie gehen konnte, sie hatte vergessen, wann und warum sie von dort aufgebrochen war, gleich würde sie am Ziel sein und alles gut. Sie begegnete Menschen, die sie kannte, Nachbarn, Begrüßungen, Scherze, keiner merkte ihr etwas an, alle waren gewöhnt daran, sie hier zu sehen, nur sie alleine hörte, wie brüchig ihre Stimme. Schon zehn Meter vor der Haustür suchte sie nach dem Schlüssel, fand ihn erleichtert, wie oft vergaß sie ihn in letzter Zeit, doch heute, sie sollte nicht immer so übertreiben, es klappte doch alles. Im Treppenhaus traf sie noch einen Nachbarn, es gelang ihr, interessiert zu wirken an dem, was er sagte, zumindest schloss sie aus seinen Reaktionen, dass sie die richtigen Antworten gab, dann erreichte Hanna ihre Wohnungstür, schloss auf, mit zitternder Hand, als wäre sie in höchster Not, und das war sie auch.

 

Sie gestand es sich ein, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, auf der Treppe hatte sie sich die ersten Handgriffe schon überlegt, das war wichtig, eine Reihenfolge festlegen, keine Lücke entstehen lassen, ein Rettungsseil aus lauter banalen Tätigkeiten, die Schuhe ausziehen, die Einkäufe verstauen, Mineralwasser aus dem Kühlschrank, eine Zigarette. Und dann? Dann stand sie in der Wohnung und war fassungslos über die Sinnlosigkeit dieser Mühen, des Aufbruchs, des Wiederkommens. Sie stand da wie bestellt und nicht abgeholt, versuchte sie sich zu verspotten, das würde ihre Mutter sagen, aber ihre Mutter und auch sonst niemand ahnte, wie sie hier stand, zum Glück nicht, nur über ihr brach jetzt alles zusammen, die guten Vorsätze beim Aufstehen, das Ritual der Alltagsorganisation, der listige Versuch, sich an der Stange vor dem Spiegel heimisch zu machen, die routinierten Bewegungen zum immergleichen taktlosen Rhythmus, der kopflose Aufbruch in die Welt, das ergebnislose Herumstreunen, die panische Rückkehr, alles vergeblich. Sie hatte die Einkäufe verstaut, das Mineralwasser stand vor ihr, die Zigarette brannte in ihrer Hand, aber sie wusste nicht, was sie jetzt und hier wollte, was sie hätte tun können, um wenigstens den Anschein zu erwecken, hier irgend etwas zu wollen. Hanna stand in ihrer Wohnung und wusste, so steht kein Mensch in seiner Wohnung, schon gar nicht eine Tänzerin, wieso stand sie so still? Es war ein Uhr nachmittags, einige Menschen kannte sie gut genug, um zu wissen, wenigstens ungefähr, was sie gerade jetzt wahrscheinlich taten, aber das half ihr nichts, sie tun, was sie tun, ohne darüber nachzudenken, und anders, das war ihr klar, ginge all das gar nicht, aber was tat sie jetzt, wo sie darüber nachdachte, über das, was andere einfach tun, und über das, was sie nicht weiß zu tun? Dann, schlagartig, war ihr alles zuviel, es fiel von ihr ab, Hanna sah den Lichtreflex auf dem Bild, dem einzigen, das in ihrer Wohnung hing, und dieser ganz bestimmte, von diesem Tag und dem dazu gehörenden Wetter abhängige Lichteinfall zeigte ihr etwas auf dem Bild, das sie nie zuvor gesehen hatte, und sie war bereit, alles andere, das heute schon passiert war, als nötige Überleitung zu genau diesem Moment zu akzeptieren, als billigen Preis für diesen neuen, unerwarteten Blick, und sie konnte sich jetzt vorstellen, dass alles doch noch ganz akzeptabel weiterging. Sie sah sich, wie sie Espresso machte, wie sie sich umzog, sie ging an die Stange, natürlich, sie gab ihr Halt, wieso hatte sie daran gezweifelt, Disziplin, Muskeln und Sehnen, ihr Körper war zuverlässiges Arbeitsmaterial, jetzt wird sie es benutzen, und wann immer ihr Blick abschweifte, war da dieses Bild und das ständig wechselnde Licht darauf. Hanna dachte, kann jemand besser dran sein als sie? Sie dachte, Musik, sie brauchte Musik zu diesen Schritten, aber die richtige. Sie ließ die Stange wieder los, und dann schrumpfte alles zusammen, zu nichts, ihre Disziplin und der immergleiche Tanz und das Bild und das Licht. Wer tanzt, ist das Opfer, sie hat es immer gewusst. Und plötzlich, jetzt erst, begriff sie, dass sie wiedergekommen wie weggegangen ist, unberührt, ungesehen, sie verdächtigte sich, alles wieder einmal nur inszeniert zu haben, das Bild, das Licht, ihren Blick, alles nur, weil es notwendig war, ein Minimum an Spannung zu erzeugen, soviel, wie nicht nur zum Tanzen unerlässlich ist, sondern allein schon zum Leben. Aber war es nicht gut, versuchte sie sich zu beruhigen, dass sie das noch immer schaffte, ganz allein, immer wieder noch das bisschen Spannung, wie aus dem Nichts? Doch was immer sie dachte, es half Hanna nichts, die Stille war noch größer geworden, so groß, dass sie jetzt keine Musik brauchen konnte, weil ihre Stille jeden Ton aufsaugen, zunichte machen wird, in ihren Muskeln dröhnte alles, wonach sie jemals getanzt hat, und zu hören war Musik erst, nachdem man das Wort eines anderen Menschen gehört hat, der mit diesem Wort tatsächlich den anderen meinte. Hanna hatte alle Bewegungen im Kopf, in den Gliedern, aber es war unmöglich, sie auszuführen, entstammten sie nicht alle einer Welt, die nicht ihre ist? Oder einer Welt, die sie sich erfunden hatte, ein Akt der Verzweiflung, in der nach und nach alle Gesten und Bewegungen ihre Bedeutung gewechselt hatten, so dass niemand damit zu tun haben mochte, sie ja auch nicht, wozu also auch nur eine Bewegung, Gehabe, leere Reflexe, sie blieb stehen, wo sie stand, bestellt und nicht abgeholt, ihr Erschrecken zu groß, als dass sie ihm standhielt. Trotzdem blieb sie stehen, reglos, es gab keinen Grund, etwas daran zu ändern, warum blieb sie nicht so stehen, fehl am Platz, fremd, für immer? Sie hielt es nicht aus und verachtete sich dafür, einmal nur, dachte sie, müsste sie das aushalten, dann würde es vielleicht vorbei sein, abgetan, erledigt für immer. Aber Hanna hielt es doch aus, immer wieder, und sie wusste, das geht vorbei, aber wie lange denn noch, das hält sie nicht aus, sie dachte, irgend etwas muss sie jetzt tun, deshalb legte sie sich aufs Bett, eine Siesta, sie versuchte zu lächeln, da war doch nichts dabei, aber sie glaubte sich nicht, so ein Mittagsschlaf gehörte nicht zu ihrem Leben, sie kopierte das Programm anderer Leute, das Bett, auf das sie sich legte, bedeutet Kapitulation. Und wenn schon, sagte sie laut, sie wollte nicht so unhörbar sein in dieser Wohnung, sie versuchte zu lächeln, wusste, es war sinnlos zu kämpfen, aber nachgeben auch nicht die Lösung. Ich lege mich auf mein Bett, das ist in Ordnung, sagte sie sich und wusste doch, dass es nicht stimmte, und was machte Hanna nun auf diesem Bett? Draußen war jetzt Sommer, kaum ein Auto fuhr über die sonst vielbefahrene Brücke, daran konnte sie ermessen, dass es heiß war, dass die Leute träge waren, warum also nicht auch sie, eine ganz normale Siesta an einem heißen Sommertag, nichts sprach dagegen, nur dass sie nicht müde war. Aber sie kannte Hilfsmittel für solche Fälle, auf dem Tisch neben dem Bett lag ein Buch, es wird ihr über die nächsten Stunden helfen, sie konnte darin eintauchen, verschwinden, die richtige Lage suchen, um trotz allen Interesses müde zu werden, das Buch beiseite zu legen, einzuschlafen. Anfangs war es unangenehm, ihr Körper zu groß und zu klein, zu schwer und zu leicht, verloren und lächerlich auf diesem Bett, alles, was man alleine tat, dachte sie, schon schläfrig, drehte sich, solange es sinnvoll war, einzig und allein um Reproduktion und war langweilig. Dann fiel ihr ein, aber sie schlief jetzt beinahe, dass das nicht sein konnte, im Widerspruch stand zu allen gängigen Theorien und auch zu ihren eigenen Erfahrungen von Zwei- oder gar Ehrsamkeit. Auf der Schwelle zum Einschlafen registrierte sie, wie sich ihr Körper benahm, gar nicht so, als wäre er allein, ein Räkeln und Strecken und Dehnen, es war lächerlich, sie hatte keine Kontrolle darüber. Sie ging nicht wirklich über die Schwelle, schlief nicht richtig ein, lag da und wusste nicht, was dieser Körper ihr signalisierte, war das Schwere, angenehm, weil überraschend wirklich, oder eine schwebende Leichtigkeit, bedrohlich zuerst, weil diese Leichtigkeit alles Bemühen um Wirklichkeit in Luft aufgehen ließ, aber dann doch gerade richtig, denn was soll ein wirklicher Körper allein? Also die Leichtigkeit, sie war jetzt fast Luft, und nur, weil sie so hier lag, verstummte auch noch das letzte Geräusch jenseits der weitgeöffneten Fenster. Sie hatte alles in sich eingesogen, sich gleichgemacht, nichts mehr, was außerhalb von ihr war, die Stadt, ihre Gerüche, Geräusche, ihre Farben, ihre Menschen und alles, was sie äußerten, das war nicht wirklich, es war nur in ihr selbst, nur deshalb wirklich, weil es in ihr war. Alberne Ausrede, versuchte sie, gegen diese widerliche Harmonisierung in Größenwahn anzugehen, aber es war zu spät, Hannas Widerspruchsgeist erschöpft, sie wollte sich nicht mehr wehren, auch nicht gegen sich selbst, es war heiß, und jetzt gab es doch wieder ein Geräusch, das von draußen kam, eine Kreissäge. Wie sie das beruhigte, besänftigte, einlullte, bloß weil sie das, jetzt fiel es ihr ein, als Kind gehört hat, in dem Haus nebenan befand sich die Tischlerei. Auch damals war es heiß, das Sirren der Kreissäge ist ein Geräusch, das zum Sommer gehört, und auch damals war dieser Mittagsschlaf nichts, was sie freiwillig auf sich nahm, und so kam es, dass die von der Kreissäge erzeugte schleifende Tonfolge für sie zum Sehnsuchtsgeräusch geworden war, einem Lockruf, dem sie zu gern gefolgt wäre, raus hier, bloß weg, warum hat sie den Aufbruch nie geschafft? Hanna verfluchte die Kreissäge, weil sie diese Erinnerung aktivierte, purer Hohn, nichts war anders geworden seit damals, sie hatte vergeblich gekämpft, die Kreissäge sirrte und lockte, doch sie folgte dem Signal nicht, unmöglich, die Leichtigkeit aus ihrem Körper verschwunden, bleischwer war er, monströs, so etwas ließ sich nicht bewegen, sie musste liegenbleiben, wie damals, wie immer. Sie verhöhnte sich, auch diese Erinnerung und was sie daraus zu machen vorgab, Täuschungsmanöver, nichts sonst, sie sehnte sich nach Zeiten, in denen andere ihre Peiniger waren, in denen, später, diese Peiniger nicht mehr real vorhanden waren, in ihr selbst aber umso nachhaltiger triumphierten, alle zugleich, von ihr selbst verschmolzen zu einer allmächtigen Figur, schlimmer als jemals in Wirklichkeit möglich, aber das war vorbei, sie hatte sie bekämpft, nachhaltig, ausdauernd, diese Phantasiegestalt, die ihr zu leben versagte, sie hatte diesen Kampf gewonnen, soweit es möglich war, und wenn Hanna heute  drangsaliert wurde, dann nur von Hanna, niemandem sonst, sie war frei. Jetzt fiel ihr auf, dass es gar nicht so schlecht gewesen ist, ihr früheres Leben mit dieser phantasierten, vergangenen Realitäten monströs nachgestalteten Figur, es gab immerhin ein Gegenüber ab, ein schreckliches, aber war das nicht besser als gar keines, sie hatte sich wehren und widersetzen und protestieren können, und jetzt? Ihr Widerstand traf nur noch sie selbst, das war so lächerlich wie aussichtslos, sie wollte sich nicht mehr wehren, auf diesem Bett, bei abgedunkelten Fenstern, es war heiß, die Kreissäge stumm. Sie unterdrückte den Impuls, auf die Uhr zu sehen, bestimmt war noch keine halbe Stunde vergangen, seit sie sich auf dieses Bett rettete, nein, sie hat sich einfach hingelegt, wozu dramatisierte sie, wenn sie sich nichts anderes einredete, war es völlig normal, jetzt hier zu liegen. Sie schaffte es, an gar nichts zu denken, wozu auch, sie lag nur da, doch dann sah sie, wie ihr Fuß sich wieder bewegte, wieso tat er das, sie wollte das nicht, wieso versetzte dieser Fuß sie in ein Schaukeln, das war nichts anderes als Hospitalismus, war es schon so schlimm mit ihr? Sie riss sich zusammen, stand auf, schließlich war sie nicht müde, sie sollte etwas essen, diesen Körper durch die Konfrontation mit etwas Konkretem, einem Apfel vielleicht, wieder zu seiner ganz gewöhnlichen, eigenen Konkretion zwingen. Sie stellte fest, dass es bereits zwei Uhr war, der Vormittag wieder einmal vorübergegangen, hatte sie es denn anders erwartet? Die Zeit verging, wie immer, ganz ohne ihr Zutun, sie hätte sich die Aufregung sparen können, lächelnd warf sie sich noch einmal Größenwahn vor, aber sie verzieh sich, Hanna aß den Apfel, langsam und eine Spur zu bewusst, sie wollte nicht daran denken, was sie anschließend tun wird, das würde sich schon ergeben, sie war jetzt entschlossen zu Normalität, schließlich konnte sie tun, was sie wollte, also auch, als wäre alles in Ordnung. Ihr Blick fiel auf die Matte, die Stange, den Spiegel, eine rettende Insel, dahin wird sie jetzt gehen, ohne Disziplin war sie nicht einmal Tänzerin. Sie musste nicht nachdenken, ihre Glieder wussten schon, was zu tun war, wie gut, dass sie sie hatte, verlässliches Material, nun mach etwas daraus. Hanna tanzte etwas, das sie nicht interessierte, sie verschwand dabei, genau, was sie jetzt brauchte. Sie selbst war es, stellte sie lächelnd fest, die sich zum Verschwinden brachte, ihre Füße tanzten weiter, zogen Beine, Rumpf, Arme und mehr hinter sich her, das lief wie von selbst, was sie tanzte, war ein sportives Unternehmen, aber das gehörte dazu, jetzt nicht daran denken, was sie tun wird, wenn sie auch hiermit fertig ist, diese Übungen konnte sie lange fortsetzen. Ihre Füße produzierten den Tanz ganz allein, sie wunderte sich, wie die Schritte sich fanden, nur ein Trick, um die Sache interessant zu machen, aber warum nicht, es funktionierte. Wie kam etwas zusammen und wieder auseinander? Sie war Tänzerin, wusste, was das hieß, ihre Füße stampften die Regeln, verliehen der Welt ihren Grund, der Rhythmus schmiedete die Fessel, der zu entkommen war, manchmal, mit List. Wie hatte sie vergessen können, warum sie tanzte, es gab Leute, die tanzten die Büffel herbei, was denn lockte Hanna? Als Opfer wollte sie ihn nicht, ihren Tanz, doch nun ging es wie üblich um Leben und Tod und einen Weg aus dem Labyrinth, also tanze, runter mit dir in den Abgrund, anders kam sie nicht ins Freie. Und wenn sie so freikam – wohin? Dann waren drei Stunden vergangen, sie hatte das selbstauferlegte Pensum geschafft, es war gleich fünf, die Stunde zum Aufatmen, sie gestattete sich einen Anflug von Erleichterung, es wurde Abend, wie immer, die Geräusche draußen veränderten sich, die Hitze ließ nach, viel war es nicht, was sie heute gemacht hat, doch sie kannte solche Krisen, sie gehörten dazu. Vielleicht jetzt doch Musik, überlegte sie, aber dann scheute sie davor zurück, die Stille zu unterbrechen, sie ahnte, dass Musik sie jetzt überfluten würde, dass sie ihr nichts entgegenzusetzen haben würde, sie musste ja nicht Musik hören, aber es war so still. Sie ging von Fenster zu Fenster, zog die Rollos hoch, das Licht draußen war verbraucht, abgenutzt, passte zu den Leuten, die jetzt von ihrer Arbeit nach Hause aufbrachen, in zwei Stunden wird das Licht draußen wieder anders sein, noch einmal aufpoliert, erneuert, fast wie frühmorgens, nur sanfter. Sie öffnete das Fenster weit, und genau in diesem Moment, als wäre es eine Folge ihrer Bewegung des Fensteröffnens gewesen, überschlug sich dort auf der Brücke ein Wagen, ein dumpfer Knall, der Wagen schrammte gegen die Mauer des Brückengeländers, kam nicht zum Stehen, sondern drohte über das Geländer ins Wasser zu fallen. Es geschah vor ihren Augen, natürlich hatte es nichts damit zu tun, dass sie ausgerechnet in diesem Moment das Fenster öffnete, aber erschreckend war die Gleichzeitigkeit schon. Sie verharrte am Fenster, der Wagen schaukelte, er wird in den Fluss fallen, sie konnte nichts dagegen tun, und dann kam er zum Stehen, die beiden Insassen stiegen aus, nichts war ihnen passiert, hatte Hanna alles phantasiert, hatte sich das wirklich zugetragen? Aber das ging sie gar nichts an, es war lächerlich, den beiden dort drüben war nichts geschehen, und ihr rutschte der Boden unter den Füßen weg. Sie hatte nichts zu essen im Haus, sie musste einkaufen gehen, das wird ihr gut tun, sie wird reden müssen, Antworten bekommen, gleich schlossen die Geschäfte, also raus.

 

Auf der Treppe befürchtete sie zu fallen, aber Hanna fiel nicht, ihr Körper gehorchte ihr, Tänzer kommen zu sich selbst im freien Fall, das waren nur Hirngespinste. Auf ihren Körper konnte sie sich immer verlassen, das erschien ihr selbstverständlich, aber sie war auch gelegentlich stolz darauf, sie regierte ihren Körper, nicht er sie, wenn sie gewollt hätte, müsste sie heute nicht einmal etwas essen, ohne deswegen zu hungern, aber alle essen abends, warum also nicht auch sie, sie wollte sich nicht ausgrenzen, keine Überheblichkeit, zudem wird es gut sein zu essen, allein die Vorbereitungen dazu, war das nicht der einzig konkrete Vorgang an so einem Tag? Auf der Straße traf sie Leute, die sie kannten, sie hatten ihre Arbeit hinter sich und noch etwas vor, das

hatte sie auch, sie ging einkaufen, auf dem Rückweg wird sie sich von jemandem aufhalten, in ein Gespräch verwickeln lassen, dann wird sie essen, ein ganz gewöhnlicher Tag. Auch die Händler auf dem Markt kannten sie, kein Wunder, sie kam fast täglich hierher. Am Gemüsestand war eine alte Frau vor ihr dran, der Einkauf  für sie der Höhepunkt des Tages, sie hatte ihr gutes Kleid angezogen, sie ließ sich Zeit, genoss das Geplänkel, in das der Verkäufer sie verwickelte, und da erkannte Hanna, dass sie lebte wie die. Es war kein Unterschied zwischen ihr und der alten Frau, nur, dass es bei einer alten Frau als normal gilt, einsam zu sein, wahrscheinlich fand sie selbst das auch, und vielleicht war ihr Mann erst vor kurzem gestorben, oder er lebte noch, wartete zu Hause auf sie, bettlägerig, sie musste sich um ihn kümmern, außerdem gab es da Hund oder Wellensittich. Entsetzt stellte sie die Ähnlichkeit fest, übertrieb sie vielleicht schon wieder, nein, es war nicht dran zu rütteln, die Ähnlichkeit entsprach den Tatsachen, es fehlten nur Hund und Wellensittich. Hanna starrte der alten Frau nach, sie begrüßte eine andere alte Frau, Hanna wusste nicht mehr, was sie hatte kaufen wollen. Der Verkäufer wies sie auf dies und jenes hin, er kannte ihre Vorlieben, aber sie konnte seinen Vorschlägen unmöglich folgen, sie verlangte etwas anderes, alles, nur nicht das, was er ihr riet. Er nahm es hin, gelassen, ihm war das egal, aber was wird sie nun zubereiten aus dem, was sie eingekauft hat, wieso hatte sie das gekauft, nur, um über den unsinnigen Widerstand gegenüber diesem Gemüsehändler etwas zu erzwingen, aber was? Sich selbst vielleicht? Jetzt hatte sie den Salat, versuchte sie zu scherzen, aber was sie einkaufte, wird sich nicht einmal zu Salat verarbeiten lassen. Flüchtig ging ihr durch den Kopf, dass sie auf diese Weise auch das Einkaufen zu einem lächerlichen Ritual machte, sich um die erhoffte Konkretion betrog, dass sie alles, was normales Leben hätte sein können, in eine Funktion ihrer Einsamkeit verwandelte. Aber sie wollte sich diesen Höhepunkt des Tages nicht verderben, auch nicht durch völlig zutreffende Überlegungen, sie wird nach Hause gehen, gemächlich, gelassen, wie jemand, der Zeit hat und der Alltäglichkeit einen Reiz abzugewinnen weiß. Sie wusste schon jetzt, wen sie auf dem Rückweg treffen wird, die Händler der kleinen Geschäfte schlossen, standen gern noch ein bisschen auf der Straße herum, redeten, sie wusste, was sie sagen werden, es war immer dasselbe, es war besser als nichts, also wollte Hanna zufrieden sein damit. Sie wurde begrüßt, als gehörte sie dazu, obwohl sie diesen Leuten nicht geheuer war, sie arbeitete nicht wie sie, auch wie sie lebte, begriffen sie nicht, begriff sie ja selbst nicht, aber sie hatten sich an sie gewöhnt, im Unterschied zu Hanna, und sie wusste, was sie jetzt zu sagen hatte, sagte es, die richtigen Sätze, der richtige Tonfall, die richtige Dosis Ironie, für die sie bekannt war, die den anderen den üblichen Widerspruch ermöglichte und den Beweis, Hannas Witz gewachsen zu sein. Als sie weiterging, gleich wird sie wieder in der Wohnung sein, hallten einzelne Worte der Gespräche in ihr nach, wieder und noch einmal, sie wurden sinnlos dabei, sie wollte das abstellen, es ging nicht, jedes einzelne Wort dieser Gespräche musste verdaut werden, aufgesogen von der Stille, ihrer Stille, und erst wenn jedes Wort von ihr verschluckt ist, wird sie Ruhe haben, aber wollte sie das? Sie musste grüßen, sie sah sich, wie sie da ging, gelassen, ein bisschen in Gedanken, mit der Einkaufstasche in der Hand, ihre Nachbarn dachten, sie erwartete jemanden zum Abendessen, ihr war klar, was sie phantasierten, die verheirateten Frauen beneideten sie um ihre Unabhängigkeit, ihre Männer vermuteten erotische Abenteuer, eine Künstlerin, sie hatten genaue Vorstellungen, was das heißt, besser, als wenn sie ahnten, wie es bei ihr wirklich zuging. Sie registrierte, dass sich die alten Ehepaare an ihren Fensterplätzen eingefunden hatten, kontrollierten, ob alles war wie jeden Abend und es gewährleisteten, indem sie sich an den Fenstern einfanden. Bevor sie das dunkle Treppenhaus betrat, fiel Hanna auf, wie schön der Abend war, schmerzhaft schön, aber wenn es ihr wehtat, entzog sie sich eben, sie passte sowieso nicht in diesen Abend, würde ihn zerstören, also rein mit ihr ins Haus, pack dich weg. Sie hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel, und zugleich das schrille Sirren der Schwalben, oder waren es doch Mauersegler? Auch sie produzierten diesen Lock- und Sehnsuchtsruf, jede Stunde hatte ihren eigenen, heute Nachmittag die Kreissäge, jetzt die Schwalben. Ganz kurz spielte Hanna mit dem Gedanken an Rebellion, die Einkaufstasche einfach fallenlassen, wieder raus auf die Straße, rennen, brüllen, wie ein Tier, das es geschafft hat, aus seinem Käfig auszubrechen, brüllen, ja, aber was, nein vielleicht. Das wäre lächerlich gewesen, das traute sie sich nie, es dauerte auch nur ganz kurz, dann stieg sie die Treppen hoch, gefasst, ergeben, wie ein geprügelter Hund, denk nicht so etwas, gleich wird sie in der Wohnung sein, von oben das Licht dieses frühen Abends noch viel besser sehen.

 

Während sie die Einkäufe verstaute, erfasste sie ein Gefühl von Normalität, leider fiel es ihr auf, da verflog es wieder, sie stolperte in das Loch zwischen zwei Sekunden, bestürzt betrachtete sie ihre Einkäufe, was stelle ich damit an, gib dir Mühe, tu so, als würdest du wirklich jemanden zum Essen erwarten, also keine Schlamperei, alles ganz sorgfältig, dann dauert es länger, was wird sie mit diesem Abend anfangen? Sie stellte fest, dass sie nicht wusste, ob sie Hunger hatte oder nicht, wieder einmal kam es ihr vor, als würde zu langes Alleinsein selbst ein so grundlegendes Bedürfnis wie das nach Nahrung verschlucken, ein Glas Wein als Apéritif, dann wird der Hunger schon kommen. Hanna putzte Gemüse, schnitt es in winzige, gleich große Partikel und wunderte sich, dass ihr noch immer alles so leicht von der Hand ging wie früher einmal, als sie fast täglich gekocht hatte und nicht für sich allein. Sie ärgerte sich, dass alles so schnell ging, aber hätte sie sich zum Herumtrödeln gezwungen, wäre die Sorgfalt verloren gegangen, die Professionalität, an der sie sich festhielt. Immerhin versetzte sie die Küche in eine Unordnung, die durch die Einfachheit des zubereiteten Essens nicht gerechtfertigt war, sie hatte Spuren erzeugt, den Anschein, als würde hier gelebt. Sie schaute aus dem Fenster, Gefängnis mit Aussicht, aber die Aussicht war gut. Sie nahm sich vor, am Tisch zu essen, zivilisiert, wo sie sich schon die Mühe gemacht hatte zu kochen, sie könnte lesen dabei oder aus dem Fenster sehen, noch besser wäre es, sie würde einfach nur essen und auf den Geschmack der Speisen achten. Aber dann packte sie Angst vor der Lächerlichkeit, sie sah sich da sitzen, kauen, Teller, Messer, Gabel, zu albern, das Essen war fertig, sie kapitulierte. Alles, was sie so sorgfältig und nach allen Regeln der Kunst zubereitet hatte, warf sie in eine einzige Schüssel, jetzt war es ein Napf, noch eine Gabel, und dann ab damit vor den Fernseher, wieso auch nicht, Zeit für die Nachrichten, Hanna saß auf dem Boden, auf den angewinkelten Knien balancierte sie den Trog, sie schämte sich dafür, verachtete sich, es ging nicht anders. Was der Nachrichtensprecher erzählte, ging sie nichts an, aber was sie aß, bemerkte sie auch nicht, draußen das gläserne Lied der Schwalben. Wenn jetzt vielleicht doch noch das Telefon klingeln würde, dachte sie, aber es wird nicht klingeln, sie konnte es sich auch nicht wünschen, dachte an neulich, als abends überraschend jemand vorbeigekommen war, einen Spaziergang vorschlug, und sie war neben ihm gegangen, stumm, nicht nur, weil sie nichts zu erzählen hatte, sondern weil etwas anderes drängender gewesen war. Sie konnte nicht reden, wollte nicht reden, weil sie wollte, dass der andere sie berührte, einen Arm um sie legte, es gab hin und wieder, wie das beim Gehen vorkommt, zufällige Berührungen, sie schaffte es beinahe nicht, um ein Haar hätte sie sich ihm in die Arme geworfen, es fiel schwer, sich zu beherrschen, aber Hanna hatte sich beherrscht, nur eben fast nichts gesagt. Wahrscheinlich störte es ihn nicht, bestimmt dachte er sich nichts dabei, und wenn er doch bemerkt hatte, was mit ihr los ist? Sie schämte sich noch jetzt, ihren Trog hatte sie leergegessen, zuviel, im Fernsehen noch immer Nachrichten, sie kam von der Erinnerung an diesen Spaziergang nicht los, an das Bedürfnis nach Nähe, nach einer Berührung, so stark, dass es jedes Gespräch verhinderte, hemmte. Vielleicht war es das, dachte sie, plötzlich aufgeregt, gehemmt war sie selbst, wieso hatte sie dem Drang nicht nachgegeben, wann und wie war sie so prüde geworden, er hätte bestimmt nichts dabei gefunden, also wieder einmal eine verpasste Chance, selbst schuld. Sie dachte, mein blöder Stolz, sie erschrak, müsste sie wirklich so weit gehen? Sich anbieten, bitten um die Berührung, die ihr freiwillig nicht gewährt wurde, womöglich ja deshalb nicht, weil sie sich unnahbar gab, weil sie unnahbar war, eingemauert in Stille, hinter einer gläsernen Wand, an die niemand zu rühren wagte? War sie gar nicht mehr erreichbar, blieb das jetzt so, für immer? Und jetzt packte sie die Wut, Wut auf sich selbst, allerdings blieb das so, wenn ihr nichts anderes einfiel, als um so etwas zu bitten, darum bittet man nicht, dazu verführt man, das nimmt man sich, und das ist es wohl, was sie verlernt hatte, geschah ihr recht. Ihr wurde schlecht, bestimmt, weil sie zuviel gegessen hatte, die Nachrichten waren vorbei, jetzt flimmerte eine Serie vor ihr, sie hätte einfach sitzenbleiben können, sich auf den Unsinn konzentrieren, sich davon zuschütten lassen, sich dabei vergessen, und schließlich wäre der Abend vorbei gewesen, sie hätte noch ein Glas Wein trinken können und noch eins, bis sie nicht mehr merkte, dass und wie die Zeit verging, nicht mehr darüber nachdachte, dass es auf diese Weise tatsächlich sinnlos war. Vielleicht sollte sie alles tun, was nur möglich war, alles aufessen, alles trinken, alles verbrauchen, was da war, vielleicht ließ sich damit eine Beschleunigung erzwingen, und dann, ja, was dann. Doch nun stand Hanna auf, machte den Apparat aus, trug die leere Schüssel in die Küche, sie wunderte sich über die Energie, sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun wird, eine vage Vorstellung, sie wird rausfahren, an den Fluss, an einen See, draußen schien noch immer die Sonne, es war lange hell, warum sollte nicht auch sie etwas haben von dem schönen Abend. Sie amüsierte sich über die Aufwallung von Trotz, zog sich um, räumte die Kleider nicht weg, in ganz kurzer Zeit gelang es ihr, die gesamte Wohnung in Unordnung zu versetzen, als wäre hier wer weiß was geschehen, und dann rannte sie die Treppe hinunter, zum Auto, die Nachbarn, die sie sahen, dachten, sie wäre verabredet.

 

Sie fuhr los, die Straßen leer, es war noch heiß, Wind durch alle geöffneten Fenster, ja, jetzt Musik, was das Radio eben hergab, gut, dass Hanna nicht auswählen musste. Sie konnte sich ganz darauf konzentrieren, den Wagen zu fahren, sie kann es auch lassen, eingeübte Griffe, es ging wie von selbst, sie drehte das Radio lauter, sie hätte immer so weiterfahren können, warum eigentlich nicht? Das sommerliche Abendlicht, die warme Luft, der Wind, sie musste sich nicht dafür rechtfertigen, was sie tat, aber besser, sie setzte sich ein Ziel, wer konnte wissen, ob sie es anders lange aushalten wird. Als sie am Flussankam, an dieser Stelle breit wie ein See, stand die Sonne noch hoch, auf dem Sand am Ufer lagen Leute. Sie zog die Schuhe aus, zum ersten Mal in diesem Jahr Sand unter den Füßen, wieso hatte sie das nicht schon früher gemacht, sie ging am Ufer entlang, manchmal auch im Wasser, die Hose hochgekrempelt. Sie merkte, die Leute sahen sie an, alleine kam man nicht hierher, höchstens um einer sportlichen Betätigung nachzugehen, sie fiel auf, aber jetzt machte es ihr nichts aus. Sie ging einfach spazieren, das Licht gleißend hell, irgendwo wird sie sich hinsetzen und aufs Wasser schauen, bis die Sonne untergeht. Sie ging und ging, wo setzte sie sich nun hin, hier nicht, nur Paare, bei den Familien mit Kindern auch nicht, wieso hätte sie sich das Geschrei antun sollen, bei der Gruppe Jugendlicher auch nicht, und schon gar nicht hier, die Männer spielten Karten, tranken Bier, hätten es ganz falsch verstanden, wenn sie sich hier setzen würde. Aber sie musste sich gar nicht setzen,

sie war ja nicht müde, sie ging weiter, und als sich ein Schmetterling auf dem nassen Saum ihres hochgekrempelten Hosenbeins niederließ, fühlte sie sich getröstet,  auserwählt, idiotisch, kritisierte sie sich, aber der Schmetterling blieb da sitzen. Sie sah sich die Leute an, alle in Badesachen, die meisten Frauen mit entblößtem Oberkörper, sie stellte fest, dasssie hässlich waren, schlaffes Fleisch, wellige Haut, Pickel, und das stellten sie so ungeniert zur Schau, die jungen Mädchen alle zu drall, zu aufdringlich, da stimmte keine Proportion, aber alle hatten einen Mann neben sich, nur Hanna nicht. Wieder spürte sie einen rebellischen Impuls, sie wollte laut protestieren gegen diese offensichtliche Ungerechtigkeit, aber dann sah sie sich die Frauen genauer an, untersagte sich ihre Überheblichkeit, was hatten sie, das sie nicht hatte? Sie überlegte, ob es wohl gerade die Unzulänglichkeiten waren, die Pickel und das schlaffe Fleisch, natürlich war Hanna selbst auch nicht makellos, im Gegenteil, aber den Anspruch, es zu sein, den hatte sie immer gehabt, und vielleicht hatte dieser Anspruch seine Auswirkungen, und jetzt schien alles an ihr perfekter, als es war, zu perfekt, und da kam keiner ran, da wollte keiner ran. Vielleicht suggerierte sie, ohne es zu merken, immer etwas, das so gar nicht vorhanden war, aber so überzeugend, unwiderstehlich, die Rolle ihres Lebens, dass es ihr jeder glaubte, nur ihre Ansprüche sah und nicht sie. Der Schmetterling klammerte sich noch immer an ihr Hosenbein, jetzt wollte sie sich endlich hinsetzen, irgendwo, dieser

Strand war schließlich für alle da, aber sie ging doch noch weiter, was machte sie jetzt mit dieser Panik? Immer hatte sie erklärt, ihr Körper sei dazu da, gebraucht zu werden, auch verbraucht, darauf lief es ja hinaus, und sie war überzeugt, dass genau diese Überzeugung ihn ausreichend attraktiv machte und zu einem hinreichenden Arbeitsmittel, Disziplin, natürlich, tägliches Training, aber von Sport und Diäten und Schönheitspflege hatte sie nie etwas gehalten, Hannas Körper musste benutzt werden, das reichte, ganz normales Leben. Aber nun wurde dieser Körper nicht mehr benutzt, sie alleine konnte ihn gar nicht so strapazieren, dass es der Rede wert gewesen wäre, höchstens, dass sie mal Zuviel aß, aber anscheinend machte das auch nichts, wenn sie dabei allein war, sie nahm nicht zu, seit das so war, dass niemand ihren Körper gebrauchte. Ihr fielen Komplimente ein, die sie in letzter Zeit bekommen hatte, sie liefen darauf hinaus, sie hätte sich gut gehalten, zumindest hatte sie sie so interpretiert, das war anerkennend gemeint, aber es machte sie noch jetzt wütend, was sollte denn so etwas heißen, als sei sie ein Museumsstück, was bildeten die sich ein, aber vielleicht hatten sie recht? Stimmte es nicht völlig damit überein, was sie selbst dachte, ein Museumsstück wird nicht mehr benutzt, sie hatten ihr das angesehen, und deshalb war sie wütend, weil es stimmte. Jetzt versperrte ihr ein Bootssteg den Weg, sie musste umdrehen, sie betrachtete wieder die Leute, manche bereiteten sich zum Gehen vor, und jetzt fiel ihr auf, dass sich die Frauen, die meisten, immerhin Mühe gaben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, eine Bemühung, die sie rührte, die Männer dagegen, nicht mitanzusehen. Gerade hatte sie noch geglaubt, da wäre einer, der ganz passabel aussah, sich zu bewegen wusste, aber dann griff er nach seinen Schuhen, nicht zu fassen, einen Mann, der sich so bückte und solche Schuhe trug, den wollte sie nicht geschenkt haben. Kriegst du auch nicht, machte Hanna sich über sich lustig, und nun setzte sie sich, der Schmetterling flog weiter, ganz dicht ans Wasser, sie suchte nach flachen Steinen, es müssten viele sein, bevor sie probierte, wie gut sie sie noch übers Wasser hüpfen lassen konnte, auf jeden Fall mehr als drei, sonst klappte es nicht, weil es dann auf jeden einzelnen angekommen wäre. Sie entdeckte immer mehr geeignete Steine, wie beruhigend, eine Frau ging ins Wasser, nicht weit, sie blieb stehen, im Gegenlicht, legte die Arme im Nacken zusammen und verharrte reglos. Das machte sie nur, damit ihr Begleiter sie so sah, er war am Strand geblieben, sie stellte sich zur Schau, wie widerlich, dann untersagte Hanna sich die Kritik, wahrscheinlich war sie nur neidisch, weil sie niemand so sah, auf der Bühne natürlich, aberhier, sie hätte sich nicht getraut, sich so einem Blick auszusetzen. Sie warf die Steine übers Wasser, es klappte ganz gut, das hätte Hanna noch lange tun können, aber jetzt fand sie keine geeigneten Steine mehr, also stand sie auf, ging weiter, zum Auto zurück, die Sonne war noch immer nicht untergegangen. Es war gut, wieder im Auto zu sitzen, unverfänglich, Musik aus dem Radio, der Wind, ganz langsam begann es zu dämmern, vielleicht sollte sie noch nicht zurück in die Wohnung, vielleicht noch in ein Café, erst jetzt ließ die Hitze nach, es wurde erträglich in der Stadt, alle gingen jetzt raus, geh doch auch, egal wohin, vielleicht traf sie jemanden? Aber wen hätte sie jetzt gerne getroffen, niemand kam in Frage, sinnlos, jemanden treffen zu wollen, so groß, wie ihre Erwartung war, wer hätte sie erfüllen können, nicht einmal jemand, den sie noch gar nicht kannte, der von so viel Erwartung nicht abgestoßen würde. Sie fuhr zurück, sie könnte aufräumen, danach fernsehen, lesen, ein volles Programm, wozu sich unter Leute mischen, die sie nur störte.

 

Und dann war sie wieder in der Wohnung, wie sah es hier aus, an der Unordnung überall erkannte Hanna, dass es ihr nicht gut gegangen ist, während sie sie erzeugte, aber das war nichts neues, und nun räumte sie nicht auf, sie stellte auch den Apparat nicht an, und lesen wird sie auch nicht. Sie ging in das Zimmer mit dem Spiegel, die Stange brauchte sie nun nicht, sie hatte keine Ahnung, wann diese Idee entstanden war, aber sie hörte die Musik, ihre Beine folgten den Vorgaben einer gerade erst, gerade jetzt entstehenden Choreographie, mitten im Chaos, sie tanzte, sie vergaß sich, sie war gut aufgehoben, aber jetzt merkte sie das gar nicht, erst später, wenn es vorbei ist, wird es ihr auffallen, sie wird sich danach zurücksehnen, aber jetzt tanzte sie, überlistete sich selbst und die Regeln der Schritte, wie gut, dass nun kein Anruf sie störte, aber auch daran dachte sie jetzt nicht, sie tanzte, ein Rausch im Bündnis mit Schwerkraft, und morgen wird sie sich fragen, weshalb sie das nicht anders schafft, langsamer, ruhiger, es würde dann länger dauern, sie hätte mehr davon, wäre länger gut aufgehoben, aber jetzt war nicht der Moment für kleinliche Ökonomie, Hanna  rücksichtslos, brauchte keine Rücksicht, sie tanzte. Sie vergaß die Zeit und draußen das Licht, sie suchte keinen Schritt und fand immer noch einen, sie sollte sich Notizen machen, so kriegt sie das nie wieder hin, sie schnellte hoch, ja, sie konnte fliegen, und auch das Kriechen schreckte sie nicht, nein, hör jetzt nicht auf, überlass dich der Raserei, wichtig ist, diesen Fluss nicht zu stoppen, den Kopf zu verlieren, einen Faden zu finden, ihm ganz bis ans Ende zu folgen, sie wünschte sich, schneller tanzen zu können, nicht schneller, mit verfielfältigtem Körper, gerade war schon wieder etwas, das sie dann doch verlor, weil anderes explodierte. Machte nichts, darauf kam es nicht an, es war genügend da, wenn nicht dieser Sprung aus der Reihe, dann riss Hanna ein anderer ins Zentrum, es war nicht wie bei armen Leuten, der Überfluss notwendig und nicht so schnell zu erschöpfen, und nur so und jetzt entstand die Welt, wer tanzt, ist das Opfer, aber tanzend entkommt es seiner Bestimmung. Dann war sie erschöpft, schweißnass, ihr Rücken schmerzte, wie erfreulich, der Körper war auch wieder da, es war lang nach Mitternacht, bald wird es wieder hell werden, und jetzt hatte sie Hunger und sie ging in die Küche und machte sich Nudeln, jetzt war es auch richtig, etwas zu trinken. Mit dem Teller voll Nudeln, dem Weinglas ging Hanna ins Bett, war sie eben verwahrlost, sie wird essen und trinken und dabei vielleicht lesen, für alle Fälle ein Stift, ein Blatt Papier neben dem Bett, das Zucken in ihren Füßen, der Tanz war nicht zu Ende, bestimmt kam noch der eine oder andere Einfall, sie wird ihn notieren, sonst hat sie ihn vergessen morgen, heute, und lesen konnte sie jetzt nicht. Draußen dunstete es grau mit hellroten Streifen, sie war hellwach, ob es wohl etwas taugte, was sie getrieben hat, in einigen Stunden wird sie überprüfen, wie weit ihr Tanz trägt. Ihr fiel ein, ein kleiner Schreck, dass sie schon wieder nicht wusste, welcher Tag heute war, obwohl sie täglich die Zeitung las, vergaß sie immer, auf das Datum zu achten, nachher, nahm sie sich vor, in ein paar Stunden, wenn sie wach wird, heute wird sie es nicht vergessen, wenn sie ausgeschlafen hat und die Zeitung holt und alles von vorne losgeht, die tägliche Etüde, ein Tanz. Sie löschte das Licht und streckte sich aus, sie war weder zu groß noch zu klein, nicht zu schwer und nicht zu leicht, die Schwalben waren schon wach, es war gut, dass ihr Schrei sie wieder lockte, und draußen sah Hanna den Himmel, hoch und haltlos.

 

 

 

 

 

5

Sie hatten miteinander geschlafen, er wusste jetzt, er hatte sich nicht getäuscht in ihr. Das war gut, sagte er, das will ich immer wieder.

Sie sagte nichts, aber dann spürte er doch ihre Verstimmung, stimmt etwas nicht, war es nicht gut?

Es war, Hannas Stimme war fern verloren, gut, ja, das wolltest du doch.

 

 

 

 

 

6

Eine erzählte Hanna, neulich sei sie von ihrer Mutter angerufen worden, das komme selten vor. Die Stimme der Mutter klang angestrengt, gepresst, sie gab sich Mühe, energisch zu wirken. Ob sie ihr nichts zu sagen habe, herrschte die Mutter sie an. Sie war verblüfft, nichts war vorgefallen, das für die Mutter von Interesse sein könnte, sie hatten sich schon lange nichts zu sagen. Was sie zu sagen haben solle, fragte sie zurück. Das frage ich dich, die Stimme der Mutter war schrill. Da fiel ihr ein, dass sie diese Frage in diesem Tonfall von früher kannte. Sie erinnerte sich daran, welche Angst diese Frage in diesem Tonfall in dem Kind auslöste, das sie gewesen war. Panisch hat sie damals überlegt, was die Mutter wohl meinen könnte, welchem Vergehen sie auf die Spur gekommen war. Schwierig war allein schon, sich darüber klarzuwerden, was der Mutter als Vergehen galt und was nicht. Meistens schätzte sie die Mutter falsch ein, überschätzte deren Kenntnis ihrer Vergehen. Deshalb, und weil sie diese Frage in solche Angst zu versetzen pflegte, gestand sie dann oft Dinge, von denen die Mutter gar nichts wusste. Meist meinte die Mutter etwas derart Harmloses, dass sie gar nicht darauf kam und ihr stattdessen die wirklich wichtigen Dinge verriet. Wenn sie dann ihren Irrtum bemerkte, waren Scham und Selbstverachtung grenzenlos. An all das erinnerte sie sich, während die Mutter am Telefon brüllte, sie frage jetzt zum letzten Mal, ob sie ihr nichts zu sagen habe. Sie war sehr erleichtert, den Unterschied zwischen damals und jetzt festzustellen. Lachend fragte sie die Mutter, was der Unsinn solle. Darauf erzählte die Mutter, wobei ihre Stimme weinerlich wurde, sie hätte auf Umwegen, von der Großmutter, gehört, dass sie, die Tochter, schwanger sei. Es sei ein Skandal, dass sie das von anderen erfahren müsse. Darauf lachte sie wieder, ihr fiel ein, dass sie vor kurzem, als sie von einer Reise zurückkam, der Großmutter ebenso wie der Mutter erzählt hatte, dass sie verliebt war. Normalerweise erzählt sie weder Großmutter noch Mutter solche Dinge, aber sie besuchte beide unmittelbar nach dieser Reise, und sie war wirklich sehr verliebt gewesen. Die Großmutter, praktisch, wie sie ist, fragte, ob sie denn in ihrem Alter noch Kinder haben wolle. Darauf antwortete sie, das komme ganz darauf an, wie sich nun alles weiterentwickle. Aus dieser Antwort machte sich die Großmutter, sie ist viel allein, wohl gleich eine Schwangerschaft. Sie wünschte sich damals tatsächlich, schwanger zu sein. Der aufgelösten Mutter am Telefon versuchte sie nun zu erklären, dass die Großmutter sich das eben so zurechtgelegt hat, kein Wunder, sie ist ja fast immer allein. Die Mutter fand sehr empörend, dass sie die Angelegenheit eher zum Lachen fand, anstatt sich über die Großmutter aufzuregen, die wieder einmal solche Lügen in die Welt gesetzt habe. Sie gab der Mutter zu verstehen, dass sie das nicht weiter störte. Ob sie denn nun schwanger sei, fragte da die Mutter noch einmal. Wenn, dann könnte sie, die Mutter, ja doch nichts dagegen tun, sie könnte es ihr ja nicht aus dem Leib prügeln. Da hörte sie auf zu lachen. Sie weiß nicht mehr, wie sie dieses Telefongespräch beendet hat.

Hanna war froh, kein Telefon mehr zu besitzen.

 

 

 

7

Nimm keine Tasche, steh einfach auf, geh, gleich, jeder Moment ist gut dafür, du wirst nirgends erwartet, jetzt nicht, nie, keiner wartet, worauf wartest du.

8

Nun reiß dich doch zusammen, sagte sie so leise wie möglich, um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen. An diesem Satz würde Hanna sie immer erkennen, überall. Der Mann im Bett war festgebunden, an den Füßen, an den Händen, am Bauch. Doch das hielt ihn nicht, so wenig wie die Schläuche an seinem Kopf. Er bäumte sich auf, ihn zwang keine Fessel, er redete pausenlos, er brüllte, er fluchte, nichts, was er nicht auszusprechen bereit war. Nichts als Gelalle, seine Nerven und Muskeln arbeiteten höchstens zufällig zusammen. Niemand verstand, was er von sich gab, nur sie, sein Ein und Alles. Warum tut er mir das an, sie zog schon wieder die Bettdecke über ihm zurecht, das tut man doch nicht. Ihre Makellosigkeit war atemberaubend, Ärzte und Pflegepersonal bewunderten seit Tagen ihre Haltung am Bett dieses Wracks. Kein Stäubchen auf dem Kleid, kein noch so kleines Haar quer zur Frisur. Wenn sie hier nicht ausharrte, kein Mensch hätte gesehen, dass das aufgedunsene Etwas im Bett ein Mann war, der es zu etwas gebracht hat. Sie allein hielt aller Welt und ihm und sich eisern vor Augen, was er hätte sein müssen. Sobald jemand den Raum betrat, rang sie sich ein Lächeln ab, und die Mühe dabei sollte man ihr ruhig ansehen. Die Situation war schließlich nicht alltäglich, im Gegenteil, wie ausgerechnet sie in diese Lage kommen konnte, war ihr unbegreiflich.

 

Hanna kam dazu und hätte es vorgezogen, die Frau am Bett nicht so gut zu kennen, nicht so leicht ihre Haltung zu durchschauen, sie verstand jede Regung auf ihrem Gesicht, nur für Hanna war es eine Grimasse.

 

Sollte man ruhig sehen, dass dies hier mit ihrem wirklichen Leben nichts zu tun hatte. Sollte man ruhig sehen, dass dieses Lächeln ihre ganze Kraft kostete, sie ist schließlich auch nur ein Mensch. Aber sie riss sich zusammen, das war sie sich schuldig und dieser Katastrophe, einem seltenen Höhepunkt in ihrem Leben, das dadurch Bühne wurde und sie selbst Hauptperson. Sie wusste sich für den Auftritt gut gerüstet. Ihr Lächeln, wenn jemand den Raum betrat, ein Kunstwerk, dreidimensional. Für Ärzte und Pflegepersonal eine Bitte um Entschuldigung, Anlass für solche Umstände zu geben. Dass Ärzte und Pflegepersonal in der Befassung mit solchen Umständen nur ihrer Pflicht nachkamen, gaben diese ihr, gerührt ob solcher Rücksicht und Naivität, gern zur Kenntnis. Sie war sich dieser Tatsachen sehr bewusst, unsere Steuergelder, sie war nicht naiv, doch in ihrer Situation gewährte ihr die höflich sinnlose Rücksicht einen Genuss, der durch die dankbare Abwehr der Adressaten noch gesteigert wurde. Ihr Lächeln, nächste Stufe, es war, für den im Bett gefesselten rasenden Mann, das Lächeln, das man für ein Kind aufbringt, das sich momentan zwar nicht gut benimmt – aber es weiß ja nicht, was es tut, und niemand kennt dieses Kind besser als sie. Wenn er nicht mehr konnte, dann lächelte sie für ihn, und das Lächeln hatte eine weitere Bedeutung, vielleicht die wichtigste, wenn auch nur für sie allein, das ergebene Lächeln aus der entsagungsgeübten Tradition der Schmerzensreichen. Mit diesem Lächeln an diesem Bett bei diesem Mann ausgeharrt zu haben, gedachte sie sich später hoch anzurechnen. Das Lächeln umfasste Beweis und Bitte: Was hier von mir verlangt wird, geht über meine Kräfte, doch ich strenge mich an, ich bin zu allem bereit, auch wenn es unmenschlich ist.

 

Ja, jeder sollte sehen, was dieses Lächeln sie kostete. Warum kannte Hanna diese Frau so gut, sie wollte doch schon lange nichts mehr mit ihr zu schaffen haben.

 

Der wüst stammelnde Mann blähte sich aufgedunsen, sein Körper voller blauer Flecke bestätigte ihren Abscheu vor allem allzu Körperlichen, der Mann stank, der Mann spuckte Wörter, als wäre er direkt aus der Gosse hierhergekommen und nicht aus einem ordentlichen Einfamilienhaus. Dass Dionysos nicht nur getanzt, sondern vor allem gesoffen hat, wusste sie nicht, im Übrigen wäre auch solcher Tanz nichts gewesen, das ihre Zustimmung hätte finden können. Was hatte sie mit diesem Mann zu schaffen?

 

Gib zu, Hanna sprach es nicht aus, dass dir die Rolle gefällt. Selbstverleugnung ist wichtigste mütterliche Disziplin, aber welches Selbst hättest du zu verleugnen. Nein, Hanna brachte kein Mitleid zustande – sie zeigte sich ganz als ihre Tochter.

 

Schon wieder gelang es ihm, die Bettdecke abzuwerfen. Der Krankenhauskittel rutschte ihm weit über den Bauch, wie konnte er sich so vor allen zur Schau stellen, hastig zog sie die Decke wieder zurecht, wieso lag er nicht wie die anderen Patienten ruhig da und röchelte leise, ließ sich ordentlich zugedeckt drehen und wenden und füttern und die Schläuche in den Öffnungen, in die sie die Ärzte gesteckt hatten. Sie hätte dann seine Hand halten können, mit diesem wehen Zug um den immer lächelnden Mund, ihm hin und wieder den Schweiß von der Stirn gewischt, ihm vorsichtig etwas zu trinken gegeben. Jeder hätte dann gesehen, dass sie ein perfektes Paar waren, dass sie sich hingebungsvoll um ihn zu kümmern da war, dass sie sich dem Schicksalsschlag gewachsen zeigte. Warum mussteer sie so bloßstellen, sie hatte doch alles für ihn getan, womit habe ich das verdient, zischte sie ihm zu, ohne dass ihr Lächeln aus der Balance kam, nun reiß dich doch zusammen.

 

Man hatte ihr gesagt, dass er jetzt nicht zurechnungsfähig wäre, die Operation am Gehirn, der unfreiwillige Entzug. Aber Hanna kannte sie, sie glaubte, ihn besser zu kennen, er tat das nur, um sie zu ärgern, ihr Lebenswerk zu zerstören. Wieder einmal war er ihr entwischt, er nutzte den Zusammenbruch zum Triumph, zum Triumph über sie, die alles daran gesetzt hatte, diese Offenbarung in aller Öffentlichkeit zu vermeiden. Aber sie wusstesich zu wehren, zum Äußersten entschlossen, sie brach nicht zusammen. Ihm stand ein Triumph nicht zu. Sie wusste ihn zu nehmen, nun nimm dich endlich zusammen, sagte sie, was sollen denn die Leute von uns denken. Sie hasste ihn, wie konnte er diese Katastrophe so schamlos ausnützen. Sie warf dem Pfleger ein tapferes Lächeln zu. Das ist, sagte er, ganz normal, das geht vorüber. Das ist, dachte sie – Pass jetzt auf, Mutter, sprach Hanna nicht aus, dein Lächeln rutscht ins Zynische ab -, allerdings normal, bloß geht es nicht vorüber, nicht für mich. Das ist mein Leben, wie niemand es kennenlernen sollte, wie kann er mich so verraten.

 

Sie tat es für ihn, ihre Sache, ihn vor diesem Leben, vor sich zu bewahren. Er war ihre Sache. Dass dies niemanden außer sie und ihn etwas anging, war die Grundlage ihrer beider Leben, wirklich eins geworden über allem, worüber nie zu sprechen war. Und nun erfüllte er sich, unter dem Deckmantel der Unzurechnungsfähigkeit, alle ihre Alpträume, als hätte das Blutgerinnsel in seinem Kopf alles, das bislang – mit gutem Grund, wenn man sah, wie er sich hier aufführte –  verstopft war, geronnen zu einem Makel, den sie perfekt zu kaschieren gelernt hatte, in einen nicht einmal von ihr aufzuhaltenden Fluss gebracht. Aber dazu war sie doch da, für ihn, wieso verleugnete er das, sie. Er ist noch immer nicht bei Sinnen, sagte der Pfleger, wir müssen aufpassen, dass er sich nicht wehtut. Ohne mich, wusste sie, war er doch nie bei Sinnen, besinnungslose Schläge, empfangen und wo immer möglich und von ihr dazu ermuntert weitergegeben, waren der Motor seines Lebens. Nur ihrem Durchhaltevermögen verdankte sich, dass das mit Vitalität hatte gleichgesetzt werden können. Vitalität, für sie ein bedrohliches Wort, sie zog stattdessen Haltung vor. Beides, sie sah es nun ja vor sich, an ihm, an sich, nicht nur Worte. Von ersterem, das nur zu oft dem winselnden Ungeheuer da im Bett zugute gehalten worden war, führte für sie ein direkter Weg zu einem anderen schrecklichen Wort, dessen Realität sie in dem Leben mit ihm anzuerkennen gelernt hatte: bis zum Exzess, der unweigerlich dazu führte, von Sinnen zu sein.

Er war immer zu weich, leistete sie sich etwas Wehmut und ein QuäntchenSchuldbewusstsein, nun ja, er ist ein Mann. Ihr Lächeln spielte ins Hochmütige, das Hannas auch, ja, Mutter, gib dich endlich zu erkennen. Er hatte  eine wie sie gebraucht, eine, die ihn vorantrieb. Jetzt reicht’s, unterbrach sie sein Bramabarsieren, du bist krank, aber nicht der einzige. Ohne dass eine Falte ihres Kleides verrutschte, beugte sie sich über ihn, ergriff seine Handgelenke, drückte sie unerbittlich auf die Matratze. Ich bitte dich, sagte sie, mach es mir nicht so schwer, es ist alles zu deinem Besten.

 

Es gelang ihm, sich zu befreien. Er schlug nach ihr. Für einen Moment wurde sein Blick klar, böse und gemein auf sie gerichtet. Er beschimpfte sie, deutlich artikuliert und so laut, wie von ihm beabsichtigt. Sie wurde blass, sie schämte sich so sehr, sie hielt ihm den Mund zu. So etwas kann er doch nicht sagen. Der Pfleger kam. Geistesgegenwärtig gelang es ihr, die Hand, die diese Worte, auch mit Gewalt, ihm in den Rachen zurückstopfen wollte, so zu bewegen, als würde sie ihm fürsorglich den Mund abwischen. Laut lachte sie, damit niemand hörte, was für Worte er ausspie. Seine Schamlosigkeit hatte etwas Ansteckendes. Aber sie wehrte sich dagegen. Sie wollte ihren Ohren nicht trauen, was sagt er denn da, dass er sich das überhaupt traut. Mach dir nichts daraus, Mutter, sprach Hanna nicht aus, morgen wirst du alles leugnen, wie immer. Das wird als Beweis durchgehen, der Pfleger sagte es doch, er ist unzurechnungsfähig gewesen, er wusste ja nicht, was er sagte und zu wem. Um das zu wissen, hatte er schließlich immer sie gebraucht, ihre Fußtritte unterm Tisch.

Seine Blicke pendelten ziellos hin und her, aber warum wurde dieser Blick immer so böse, wenn sie in sein Blickfeld geriet, wen sah er denn, wenn er sie sah. Sein Körper bäumte sich auf, soweit es die Fesseln erlaubten. Er schien etwas zu suchen, seine Handbewegungen wühlten ins Leere, doch was suchte er, sie nicht. Wut und Abwehr trieben seine ungerichtete Bewegung, sobald er dabei zufällig auf sie stieß. Sie musste ihn niederhalten, der Arzt hatte es angeordnet, es war zu seinem Besten. Entzugserscheinungen, sagte der Arzt, da muss er durch. Fehlte der Stoff, der ihn am Leben hielt, dann wurde dieses Leben kenntlich. War denn nicht sie dieser Stoff? Warum floh er vor ihr, diesem Leben, dass sie ihm zur Verfügung stellte, warum konnte er nie zufrieden sein. Durch Medikamente und alle Vorrichtungen der Intensivstation gewaltsam stillgestellt, blieb ihm doch der Griff nach der halluzinierten Flasche, nach der nicht vorhandenen Zigarette. Doch was nützte einem der Rausch des Alkohols, der damit andere Ekstasen floh.

 

Immer wollte er, was nicht zu haben war. Er rammte  den Körper gegen die Fesseln, er riss den Kopf hin und her. Der Verband verrutschte, die Schläuche. Sie brachte alles wieder an seinen Platz, wie die gebügelte Wäsche in ihrem Schrank. Die gut geübten Gesten machten ihn zu dem, was er war und sein sollte, zum Objekt. Zum Objekt ihrer Ordnungskunst und sonst gar nichts.

 

Keine Angst, Mutter, sprach Hanna nicht aus, er wird dir nicht mehr entkommen.

 

Solange er ihr ermöglichte, sich auf diese Weise mit ihm zu befassen, hatte sie keine Angst vor ihm, nicht einmal in seiner derzeitigen Erscheinungsform. Er war ihr Produkt, und mit Produzentenstolz ertrug sie selbst seine weniger schönen Seiten. Doch er ließ sie heute nicht, wie er sie immer gelassen hatte. Es sah aus wie ein albernes Spiel. Es war ein hartnäckiger Kampf, ein Tanz zur Unzeit, im einzig möglichen Moment. Er brachte sofort wieder in Unordnung, was sie geordnet hatte, damit alles war, wie es sein sollte. Es war ihm so tödlich ernst damit wie ihr. Ebenbürtige Partner, wer hätte das gedacht. Nein, nichts sollte sein, wie es war, nie sollte es so sein. Ob sie das je kapieren wird. Wie es ist, wussteer nicht. Unerträglich, jetzt wie immer, er wird sich nicht mehr fesseln lassen.

 

Seit sie ihn hier in diesem Bett bewegungsunfähig gemacht hatten, ahnte er, dass er genauso immer gefesselt war, dass es nie seine Fesseln waren. Der Fachausdruck für das Fesseln der Patienten hier in diesem Raum war Fixieren. Dieses Wort wird er mitnehmen in sein Leben danach, zu aller Erstaunen, war doch im Interesse aller davon auszugehen, dasser sich an diese Zeit nicht erinnert würde. Dass etwas fixiert werden musste, war ihm von nun an wichtig wie nie, es war unerträglich, ein kostbarer Moment, sollten ruhig alle sehen, wie er war. Ohne Fesseln, in brüllendem Schmerz, frei zu jeder Raserei. Er amüsierte sich, wann, wenn nicht jetzt. Die Chance hat man nicht jeden Tag. Delirium. Er erkannte den kleinsten Faden der Fallstricke ihrer Ordnung, was hieß hier Wahnsinn. Die Fesseln waren nicht seine, es waren immer die der anderen, doch ihn hielten sie nicht. Ob mit oder ohne Schnaps, sein Protest blieb der gleiche. Sie war es doch, die ein Ideal brauchte, ihn, den sie dazu gemacht hatte. Er war immer ein gefälliger Mensch, also hatte er versucht, ihr den Gefallen zu tun. Noch immer und selbst jetzt waren sie ein Herz und eine Seele, mit dem Hass der Frau an seinem Bett, ihrem Hass auf ihn, wucherte bei ihm eine ungekannte Liebe zu sich selbst. So bekam jeder sein Teil, er verstand nun und grinste, er hatte heftige Schmerzen, überall, so amüsierte er sich noch nie. Arbeitsteilung. Ihre Fesseln, seine Freiheit. Sah sie denn nicht, wie lächerlich sie war mit ihrem fleckenlosen Kleid, ihrer Sorge um die Fesseln. Es gab etwas, das war nicht zu halten. Sollte sie ruhig leiden, wenn er sich die Knöchel blutig riss. Sollte sie sich wundern, woher er die Kräfte nahm zu dieser Rebellion. Was andere nicht überstanden, für ihn war es schon lange der Ort, an dem er heimisch war. Er fühlte den Stolz des Spezialisten. Mit diesem Ort kannte er sich aus. Einen anderen hatte er nie, auch sie verschaffte ihm keinen anderen. Das sollte sie sich ruhig ansehen. Er machte daraus nie ein Geheimnis, schon gar nicht ihr gegenüber. Das Geheimnis ihrer beider Leben. Hatte sie sich nicht angeboten, als Fessel für ihn? Dann musste sie das endlich kapieren, Fesseln waren da, abgeworfen zu werden. Sie konnte ihm nicht vorwerfen, dass er nicht versucht hätte, damit zu leben. Ruiniert hatte er sich damit, ihretwegen.

 

Doch das Ideal, das sie von dir entworfen hat, Vater, es kam dir gelegen, sprach Hanna nicht aus. Um dir und ihr gerecht zu werden, brauchtest du ihre Kontrolle, du flohst vor ihrer Kontrolle.

 

Hanna betrachtete das traute Paar, mit dem sie mehr zu tun hatte, als ihr lieb war. Ihre Kontrolle und seine Fluchtversuche waren ununterscheidbar geworden. Während der Flucht hatte er ihr die Kontrolle über den Schnaps überlassen, so war sie seine Komplizin geworden. Immer hatte sie gewusst, dass die Drohung über ihr hing, dass die Komplizenschaft aufgekündigt werden konnte. Alles hatte an ihr gehangen. Sie hatte entschieden über die Dosierung, was war ihr anderes übriggeblieben. Entscheidend nur, dass niemand außer ihr davon wusste. Solange er vor ihr in den Rausch floh, musste er früher oder später zu ihr zurück. So blieb er bei ihr, auch während er vor ihr flüchtete. Der Kreislauf schien perfekt geschlossen. So hatte auch sie ihr heimliches, aufregenderes Leben, das Fieber, den Rausch jenseits der Makellosigkeit. Delirium tremens, sagte der Arzt, und sie zitterte vor Wut. Warum musste er alles zerstören. Warum bestrafte er sie. Warum musste sie sehen, wozu sie ihn gemacht hatte. Das Schlimmste ist bald überstanden, sagte der Pfleger, sie lächelte über ihn, nachsichtig, wie über jemanden, der nicht wusste, wovon er sprach. Ihr Rücken schmerzte vom stundenlangen Geradesitzen. Ihr Genick war steif. Sie würde niemand den Gefallen tun, zusammenzubrechen. Sie wusste Haltung zu bewahren. Hanna spürte jetzt fast Mitgefühl. Sollte das hier einmal vorübergegangen sein, wird er darauf setzen, nicht verantwortlich gewesen zu sein. Doch sie wird ihn auch dann besser kennen. Sie wird ihm das nicht vergessen. Seine Schamlosigkeit hat wirklich etwas Ansteckendes. Sie wird ihm nichts schuldig bleiben. Ihr seid füreinander geschaffen, sprach Hanna nicht aus, sie ging.

 

 

 

 

 

9

Sie teilte ihm mit, sie werde sich von ihm trennen, und er sagte nichts. Sie schrieb ihm, damit er verstehe, warum sie gegangen war. Da schickte auch er Hanna einen Brief, er enthielt nur eine Photographie von ihm. Die Augen hatte er mit einem Messer zerstochen.

 

 

 

 

 

10

Hanna sah einen Teller, ein Messer, die Orange. Das Messer ein einfaches Küchenmesser, Obstmesser gab es in diesem Haushalt nicht. Er entstammte einfachen Verhältnissen. Hanna sah, wie er auf einer Couch saß, davor der niedrige Tisch. Seine Beine gespreizt, sein Mund vor Konzentration leicht geöffnet. Hätte Hanna ihn jetzt angesprochen, wäre sie ohne Antwort geblieben. Er war ganz bei der Sache. Als Linkshänder hielt er die Orange in der rechten, das Messer in der linken Hand. Da, wo er herkam, galten Orangen als Luxus. Man konnte sie nicht selbst produzieren, deshalb war man dieser Frucht gegenüber lange Zeit misstrauisch. Mit dem Messer in der linken Hand überlegte er, wo er beginnen wird, die Orange zu schälen. Nach einiger Zeit erst schwand damals bei seinen Leuten das Misstrauen gegenüber der Südfrucht. Sie wurde dann Inbegriff des Überflüssigen,Besonderen. Ähnlich wie der Kopfsalat, den man allerdings selbst im Garten anbauen konnte – unter Bedenken, ob es vertretbar sei, auf die für den Anbau von Kopfsalat notwendige Fläche zu verzichten. Kopfsalat war nichts, das man brauchte, um satt zu werden. Er begann, die Orange zu schälen. Zuerst zwei Kreise an den Polen der Orange, zwei exakte Kreise mit einem kleineren Radius um die Stelle, an der der Stiel der Orange war, einem größeren dort, wo die Fruchtnarbe noch zu sehen ist. Dann sorgfältige Längsschnitte, die die Schale in gleichmäßige Segmente unterteilen. Er bevorzugte eine Unterteilung, die eine geraden Zahl von Segmenten einbrachte. Die einzelnen Schnitte führte er bedächtig durch. Sein Mund war geschlossen, Anstrengung presste die Lippen aufeinander. Nun ein entscheidender Moment – er wird die bislang nur durch Kreise markierten Pole der Orange abschneiden. Es kam ihm darauf an, nicht zuviel, aber auch nicht zuwenig abzuschneiden. Es kam darauf an, die Dicke der Schale richtig einzuschätzen. Er schob die Zunge zwischen die Lippen, ein Zeichen der Anspannung. Die kreisförmigen Schnitte sollten möglichst vollständig Schale und darunter liegende weiße Haut, möglichst wenig vom Fleisch der Orange entfernen. Die Hände müssten ertasten, wie dick die Schale ist. Vorsichtig führte er das Messer an der markierten Kreislinie unter die Schale, drehte die Orange, bis er mit dem Messer wieder den Ausgangspunkt erreichte. Nun konnte er, mit einem leichten Ruck, die Kuppel der Orangenschale wie ein Häubchen abnehmen. Sein Mund entspannte sich, öffnete sich. Er betrachtete das Ergebnis, zog daraus Schlüsse für die Dicke der Schale am entgegengesetzten Ende der Orange. Wenn auch dieser Teil der Schale häubchenförmig vor ihm lag, war der entscheidende Teil der Prozedur beendet. Er hielt einen Moment inne. Dann schälte er die durch Linien markierten Schalensegmente mit dem Messer ab, ein Stückchen Orangenschale nach dem anderen. Er legte sie als gleichförmige Schiffchen mit stumpfen Enden neben die Häubchen. Er stapelte die Schiffchen aus Orangenschalen aufeinander. Es freute ihn, wenn sie alle gleich groß geraten waren. Er legte das Messer aus der Hand. Sollte sein die Segmente markierender Schnitt nicht tief genug gewesen sein, um auch das weiße Häutchen unter der Schale vollständig zu erfassen, unternahm er nichts, um es nachträglich zu entfernen, dann aß er die Orange mit der weißen Haut. Früher aß man den Kopfsalat, ohne die Strünke der Blätter zu entfernen. Die Strünke galten als besonders gesund. Der Luxus des Kopfsalatessens war nur mit einem Quäntchen Unannehmlichkeit, den Strünken, zu rechtfertigen gewesen. Er hielt die Orange jetzt in beiden Händen, so, dass seine beiden Daumen an dem Pol der Orange, an dem dies am leichtesten möglich schien, ansetzen konnten, um die Orange in zwei Hälften zu teilen. Er zerteilte die Orange und legte eine Hälfte auf den Teller. Von der anderen Hälfte entfernte er zunächst den vertikal an den Spalten der Orangen entlang laufenden weißen Fruchtfaden. Mit den Fingern der linken Hand trennte er die erste Spalte ab, schob sie in den Mund, begann zu kauen. Er aß eine Spalte nach der anderen. Es störte ihn, wenn er beim Zerteilen der Spalten oder schon vorher beim Entfernen der Schale die Haut der Orange verletzt hatte. Dann lief Saft aus, der ihm beim Essen die Finger verklebte. Er gab sich jedes Mal Mühe, die Haut der Orange nicht zu verletzen, weder mit dem Messer beim Schälen, noch mit den Fingern beim Zerteilen. Bei manchen Orangen, deren Haut sehr dünn war, vielleicht auch schon etwas ausgetrocknet, ließ es sich aber nicht  vermeiden. Dann aß er schneller, um die Zeit, während der ihm der Saft der Orange über die Finger rann, möglichst zu verkürzen. Er achtete darauf, zumindest die Hand, die die Orangenhälfte hielt, nicht mit dem aus der verletzten Orange austretenden Saft in Berührung zu bringen. Hatte er die letzte Orangenspalte gegessen, zog er mit der nicht klebrigen Hand sein Taschentuch aus der Hosentasche, um damit die andere Hand zu trocknen. Auch den Mund wischte er sich ab, steckte das Taschentuch wieder weg. Dann spielte er eine Weile mit den aus Orangenhaut entstandenen Schiffchen. Manchmal zerschnitt er sie in immer kleinere Stückchen. Noch jetzt, wie während des ganzen Prozesses des Schälens und Essens der Orange, spiegelte jede seiner Gesten Konzentration und Selbstvergessenheit. Ahnte er jetzt etwas von der selbstverständlichen Ernsthaftigkeit, die gerade den scheinbar banalen Dingen, alltäglichen Handlungen überall auf der Welt entgegengebracht wurde, von Menschen, die vielleicht besser wussten als er, dass es nur darauf ankommt? Etwas wie Respekt gegenüber der Orange hatte alles geprägt, was zu ihrem Schälen und Essen erforderlich war, und hielt ihn nun noch eine Weile in Bann. Kein Mensch, kein Ding, keine Handlung sonst erfuhr durch ihn diese Würdigung. Hanna schon gar nicht. Er gab sich sonst verächtlich und grob. Liebenswürdig war dieser Mann, wenn er eine Orange aß. Die Perfektion, um die er sich sonst brutal bemühte, erreichte er in spielerischer Entschiedenheit und vermutlich, ohne es selbst je zu merken, wenn er eine Orange aß. Für diese Augenblicke konzentrierter Leichtigkeit gab es in seinem Leben nur ein einziges Pendant, einmal im Jahr, beim Schmücken des Christbaums. Es war ein Vorgang, in dem er die Welt neu erschuf. Nie akzeptierte er den Baum, wie er war. Stets befanden sich Äste an Stellen, die er für ungeeignet hielt. Er sägte diese Äste ab. Kurz hinter den Schnittstellen durchbohrte er sie, um sie dann an den Stellen des Stamms, die er mit sicherem Blick als die richtigen erkannte, mit Draht zu befestigen. So machte er sich den perfekten Tannenbaum. Danach erst begann er mit der Arbeit des Schmückens, jedes Jahr auf dieselbe Weise, unbeeinflusstvon Moden oder den Bitten von Frau und Kindern, dieses oder jenes zu verändern. Wenn sein Werk abgeschlossen war, setzte er sich in den Sessel, von dem aus der geschmückte Baum gut zu sehen war. Gut zu sehen war er für ihn, wenn er den Baum nicht frontal vor Augen hatte. Seitlich von ihm musste er jetzt stehen, aus einem Augenwinkel ständig sichtbar, in ganzer Pracht nur, wenn er sich ihm mit einer Bewegung des Kopfes zuwandte. Da er den Baum selbst in den jetzigen Zustand gebracht hatte, musste er ihn nicht oft direkt ansehen. Er kannte ihn, jede Ausrichtung jedes Astes war von ihm, es war sein Baum. Augenblicke gelingender Selbstvergewisserung, wenn er den Baum hin und wieder direkt ansah.

Vielleicht hätten Momente wie dieser zum Maßstab seines Lebens werden können. Wie das Essen der Orange. Nie, wusste Hanna, hätte er die in Mode gekommenen Clementinen, Mandarinen oder ähnliches gegessen, die viel leichter zu schälen und zu zerteilen sind. Das war etwas für Kinder, ohne die Notwendigkeit zu Präzision, ohne Ernst.

 

 

 

 

 

11

Sie ist nicht dabei gewesen, und doch glaubte Hanna, sich alles vorstellen zu können. Es geht mich ja nichts an, sagte die Frau auf der Plastikbank, und ich will mich auch in nichts einmischen. Aber der nächste Zug, falls es überhaupt der ist, auf den Sie warten, kommt erst in einer Stunde. Warum setzen Sie sich nicht?

Die Frau mit dem Koffer reagierte, als wäre ein Befehl an sie ergangen. Ohne lange zu überlegen, steuerte sie die Plastikbank an. Wieso war sie nicht gleich darauf gekommen, sie will doch um Himmels Willen nicht auffallen, natürlich setzt man sich in so einem Wartesaal. Sie ließ sich in ausreichendem Abstand neben der anderen Frau nieder. Ihre Hand umkrallte noch immer den Koffer, den sie wohl oder übel auf diesem schmutzigen Boden abgesetzt hatte, zu Hause könnte sie ihn ja gründlich reinigen, aber ihre Hand wird sie ihm nicht entziehen, war dieser Koffer nicht alles, was ihren Aufenthalt hier rechtfertigte?

Nun guck nicht so, sondern schau mich endlich an! Und nimm dir was, die andere Frau hielt ihr belegte Brote entgegen.

Sie zuckte zusammen, wurde, falls das möglich war, noch etwas starrer, wie erfroren. Sie schalt sich selbst, so schnell jede Reserve aufgegeben, sich neben diese Frau gesetzt zu haben. Nicht nur der Fußboden war schmutzig, sondern auch die Plastikbank, auf die sie sich hatte locken lassen, auf der sie sich nun Vertraulichkeiten gefallen lassen musste, wieso sagte die du zu ihr. Ihr Lächeln hing noch immer in ihrem Gesicht, eine Maske, hinter der sie verschwand. Nur die Hand auf dem Koffer zuckte unkontrolliert, in erschreckender Lebendigkeit verriet sie Lebendiges.

Kaffee habe ich auch, drängte diese Frau sich auf. Diese neuen Thermoskannen sind wirklich nicht schlecht. Dass ich dich noch einmal treffen würde, und dann noch ausgerechnet hier!

Die Frau mit der Hand auf dem Koffer dachte nach. Es wäre die pure Unhöflichkeit, Brote wie Kaffee abzulehnen, und sie ist nicht unhöflich, nie und unter keinen Umständen, aber wie soll sie es über sich bringen, ein Brot zu essen, das von einer ihr völlig unbekannten Frau für eine Reise vorbereitet worden war, die nicht die ihre ist. Sie will sich lieber gar nicht erst vorstellen, wie es in der Küche dieser Frau aussieht. Also Kaffee vielleicht, sie will sich ja nicht unbeliebt machen, aber woraus wird sie diesen fremden Kaffee trinken müssen? Sehr nett, quetscht sie eine Antwort aus sich, danke, etwas Kaffee vielleicht.

Ein Pappbecher wird ihr entgegengehalten, sie stellt fest, dass er sauber ist, zumindest sieht er so aus, und dann gießt ihr die andere Frau Kaffee ein, und jetzt erst begriff sie, was diese Frau gesagt hatte. Sie fühlte sich überfordert, hob den Blick, kam also schon wieder einer Aufforderung nach, noch bevor sie sich darüber klar geworden war, ob dies klug war, ob sie sich damit nicht einer erneuten Zumutung aussetzen würde. Sie kannte doch so gut wie niemand, und schon gar nicht so weit weg von zu Hause, und zum Glück hatte sie es nicht nötig gehabt zu lernen, wie man sich im Wartesaal eines beliebigen Kleinstadtbahnhofs benimmt.

Na siehst du! Jetzt staunst du, was? Ja, ich seh schon lang nicht mehr so aus, dass du mich beneiden müsstest. Reisefieber, was? Die Frau schien gutmütig, aber war diesem Schein zu trauen? Wenn ich dich so sitzen sehe – als wäre die Zeit stehengeblieben, wirklich! Nun sag bloß, du erkennst mich nicht. Oder willst du mich nicht erkennen? Hast du mir noch immer nicht verziehen, dass ich mal schöner war als du? Die Frau lachte leise. Ich hab das falsche Leben geführt, um schön zu bleiben. Das hab ich nun davon. Du hast mir ja nie was anderes prophezeit. Noch einmal dieses leise Lachen.

Daran erkannte sie sie wieder, stellte Hanna sich vor. Auch dieses Lachen hatte sie an ihr gehasst. Es war das Lachen aus einem Film, keins aus dem Leben. Ein Lachen, an dem im Film erkennbar ist, dass es mit einer, die so lacht, kein gutes Ende nehmen wird. Wie gut, dass sie schon vor Jahren den Kontakt abgebrochen hat zu dieser Frau, mit der sie irgendwie und um mindestens sieben Ecken sehr entfernt verwandt ist. Jede Familie hat ihre schwarzen Schafe. Und doch war sie jetzt unendlich erleichtert. Ohne eigenes Verschulden den Beschwerden einer solchen Reise ausgesetzt, konfrontiert mit Fremden, die ganz gewiss nichts Gutes im Schild führten, mit denen sie nichts gemein hatte und nichts gemein haben wollte, und nun plötzlich eine alte Bekannte, wenn auch eine, die sie nie hatte leiden können, aber das war ja wirklich lange her, und jetzt im Schmutz dieses Wartesaals, wie tröstlich, sie zu treffen. Ihr Name fiel ihr nicht mehr ein, es war irgendwas mit B. Ich bin auch nicht gerade auf Rosen gebettet, das kannst du mir glauben! platzten nun Worte aus ihrem Mund, und warum gerade diese?

Sie war versucht, dieser Fremden, die sie einmal gekannt hatte, sie erinnerte sich jetzt wieder ganz gut, wenn auch noch immer nicht an ihren Namen, sofort und ohne innezuhalten die ganze lange Reihe von Unglücksfällen zu schildern, in deren Folge sie sich an diesem Abend in diesem Wartesaal wiederfand. Aber dann fand sie doch nicht die Worte, die ihr Unglück hätten wiedergeben können. Sie erschrak, als die Hand auf dem Koffer in ihr Blickfeld geriet, das war ihre Hand, und sie bewegte sich auf dem Leder, ohne dass sie davon wusste, und es erschien ihr, als hätte sie sich damit verraten, eine obszöne Handlung in aller Öffentlichkeit.

Wenn du willst, kannst du ruhig rauchen. Ich rauche nicht. Nicht mehr. Aber außer uns ist niemand hier, und mich hat es nie gestört. Gestört haben mich eher immer solche Verbotsschilder. Damit wies die B. auf das Rauchen-Verboten-Schild gegenüber von der Plastikbank, und sie fühlte sich ertappt, bestimmt hatte die gesehen, wie sich diese Hand auf dem Koffer bewegte, und es stimmte, sie würde jetzt gern rauchen, aber sie befindet sich in der Öffentlichkeit, und da raucht sie nie. Sie lächelt noch immer, so schnell wird sie die Maske nicht los, und wer weiß, sicher ist sicher, aber jetzt wird sie beweisen, dass sie der Lage durchaus gewachsen ist. Sie zieht ihre Hand vom Koffer zurück, sie möchte nicht, dass diese B. denkt, sie würde ihr Misstrauen, immerhin haben sie sich mal gekannt, sie trinkt, der Kaffee ist gar nicht so schlecht.

Eigentlich rauche ich nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Sie redet, als wäre sie gerettet, sie hört sich selbst und erkennt ihre Stimme nicht, kein Wunder, in einem Wartesaal hat sie noch nie geredet, das hatte sie wirklich nicht nötig, sie ist so etwas nicht gewöhnt. Sie staunt, dass sie hier reden kann, an einem Ort, an dem sie niemals war, mit einer höchstens drittgradigen Cousine, die gar nicht weiß, wen sie vor sich hat. Denn wenn sie jetzt vergleicht, die Plastiktüte von der da, und daneben ihr Koffer, Leder, ohne jede Schramme, dann war ihr Leben doch nicht so schlecht. Sie vergisst ihre Schicksalsschläge, sie wundert sich über etwas wie Übermut, das steigt langsam auf oder flattert langsam runter, egal, hier kennt sie niemand, und diese B. wird sie nie wieder sehen. In der einen Hand hielt sie den Pappbecher mit Kaffee, und weil sie dann die andere vom Koffer nahm, konnte sie ohne weiteres mit dieser freien Hand nach einer Zigarette greifen. Sie zündete die Zigarette an, sie rauchte, sie ist daran gewöhnt, aber ihre Gesten sind ungeschickt, aufgesetzt, als gelte es, sich durch Unbeholfenheit für die Gewohnheit des Rauchens zu entschuldigen. Und doch fühlt sie sich jetzt wohl. Wenn sie diesen Ort erst wieder verlassen haben würde, nie wieder wird sie daran denken, was sich hier abspielt, außer gelegentlich vielleicht, und dann wäre es eine Erinnerung wie an ein Leben, das nicht das ihre ist, aber durchaus im Rahmen des Üblichen, und dann könnte sie mitreden. Sie nahm ihre Erschöpfung wahr, ein leichtes Schwindelgefühl im Kopf, dagegen hilft reden. Hast du auch den Anschluss verpasst?

Es war nun gar nichts dabei, mit der B. zu reden, einfach nur so, was man eben sagt in einem Wartesaal. Gut sah die wirklich nicht mehr aus, aber typisch, sie schien sich nichts daraus zu machen, so war sie früher schon, und auch deshalb hatte sie sie nie leiden können.

Nein. Willst du wirklich nichts essen? Ich habe auch noch Äpfel.

Danke, nein, das ist sehr nett, aber ich kann jetzt nichts essen. Der Kaffee ist übrigens gut. Zum Beweis nahm sie einen großen Schluck, der Kaffee war heiß, sie verbrannte sich die Zunge. Ich darf gar nicht daran denken. Wenn alles geklappt hätte, dann säße ich jetzt nicht hier. Ich bin es nicht gewöhnt, mit der Bahn zu fahren. Dabei habe ich den Schaffner so oft gefragt. Ich kann mir gar nicht erklären, wie mir das passieren konnte. Stell dir vor, ich bin am falschen Bahnhof ausgestiegen. Und jetzt muss ich hier warten, bis so ein Bummelzug vorbeikommt. Und dann noch zweimal umsteigen. Nein, womit habe ich das verdient! Ich dürfte jetzt wirklich nicht hier sein. So etwas hätte ich mir nie träumen lassen. Wenn mir das jemand vorausgesagt hätte, nein, das passt alles gar nicht zu mir. Ich kann mir da keinen Reim drauf machen. Wie gut, dass es diese Sätze gab, vorgestanzt, gebrauchsfertig, ohne Widerstand gegen Benutzung. Sie merkt plötzlich, dass ein riesiges Reservoir solcher Sätze in ihrem Kopf vorhanden ist, bestimmt ließen sich Stunden damit füllen, sie alle auszusprechen, doch glücklicherweise würde das nicht nötig sein, so lange wird sich ihr Aufenthalt hier nicht hinziehen. Aber wie beruhigend zu wissen, dass es diese Sätze gibt, vielleicht besteht ihr Kopf nur aus solchen Sätzen, aber was sprach dagegen? Damit ließ sich alles sagen, was zu sagen war. Ihr Leben fiel nicht aus dem Rahmen, und genau darauf kam es ihr an.

Wartet denn jemand auf dich? Zuhause, meine ich?

Die beiden Frauen sahen sich zum ersten Mal an, direkt in die Augen, gleichmütig der eine Blick, beunruhigt der andere. Sie trat ihre Zigarette mit dem Schuh aus, es gelang ihr nicht auf Anhieb, die Schuhe waren neu, eigens für die Reise gekauft, sie hätte sich doch nicht dazu hinreißen lassen sollen, die Zigarette zu rauchen, und was dachte die B. eigentlich von ihr? Sah sie etwa aus wie jemand, auf den niemand wartete zu Hause? Und doch stimmte es, da wartete nun keiner mehr.

Die B. schien sich nicht zu wundern, füllte ihren Pappbecher erneut mit Kaffee auf. Wie es scheint, verdient er nicht schlecht, dein Kostüm, dieser Koffer … So was hält manches zusammen.

Die war so frech wie früher, eine Unverschämtheit, weshalb musste sie sich das bieten lassen, nur wegen eines Kaffees.

Reg dich nicht auf, ich meine es gar nicht so. Nicht so, wie du denkst. Wovon du zuviel hast, davon hab ich zuwenig. Ordnung, Kontrolle und so. Jetzt versuche ich es nachzuholen. Aber es ist nur ein Spiel, natürlich, nichts lässt sich nachholen.

Er hat mich verlassen, warum verrät sie das dieser B., stell dir vor, nach all der Zeit. Wir können uns doch arrangieren, habe ich ihm gesagt, was werden die Leute denken.

Die Leute denken, sagt die B. und lacht schon wieder so, die arme Frau, so sauber, ordentlich und freundlich, und dann so ein Mann …

In seinem Alter fängt man doch kein neues Leben mehr an. Ich kenne ihn, es dauert nicht lang, dann kommt er wieder angekrochen. Ihr Lächeln streift die Maske ab und wird gemein, für den Bruchteil einer Sekunde. Dann bemerkt sie es, sie tut, als wäre nichts gewesen. Wenn irgendetwas in ihrem Leben ihr Werk ist, dann er. Warum stellt er mich so bloß. Wieso muss er jetzt alles zerstören?

Ich sehe direkt vor mir, sagte die B. und lachte, wie du ihn ansiehst. Und wie du ihm, wenn dieser Blick nicht genügt, gegen das Schienbein trittst, unauffällig, unterm Tisch. Du würdest ihn nie bloßstellen.

Wieso lachte die dabei, was gab es da zu lachen, die hat wirklich keine Ahnung, und ihr ist jetzt zum Heulen. Ich habe das doch für ihn getan. Damit er bleiben kann, was er ist. Ich habe auf alles aufgepasst, auf ihn, er verliert so leicht die Kontrolle. Er müsste mir dankbar sein dafür.

Ja. Die B. lachte nicht mehr. Du hast ihm manches abgenommen, sein Leben auch, so wie er dir deins. Es war ein Tausch, alles enthalten, kein Rest, hast du gedacht.

Kein Kaffee mehr in der Thermoskanne, in den Pappbechern, und wann war der Kratzer auf den Koffer gekommen und wie? Sie konnte, kaum hatte sie ihn entdeckt, nichts anderes mehr sehen, hörte nicht mehr, was die B. sagte. Unauffällig dirigierte sie den Koffer mit den Füßen, versuchte es, er war schwer, er sollte so stehen, dass wenigstens die B. diesen Kratzer nicht sah. Der Kratzer war unerträglich, sie wusste nicht, was sie tat, als sie in ihrer Handtasche das Tuch fand, aus Stoff, nicht aus Papier, mit gehäkeltem Rand, und dann an diesem Kratzer herumrieb, verbissen, versunken, sie war wie von Sinnen und jetzt doch bei sich.

So hast du ihm auch die Fussel vom Jackett gebürstet, mit demselben Blick, den du jetzt für den Koffer hast, für den Kratzer darauf. Ein Blick, der nur den Fusseln galt, nicht ihm, und du lagst ganz richtig damit. Die Fusseln störten das Bild, zerstörten, was du aus ihm gemacht hattest, natürlich galt dein Interesse nur ihnen. Die B. seufzte, dabei wusstesie doch gar nicht, wovon sie sprach, und der Kratzer war nicht zu entfernen.

Du verstehst das nicht. Er ist alles, was ich habe. Und das macht er jetzt kaputt. Dabei war ich immer für ihn da, vollständig, ich übertreibe nicht. Sie steckte entmutigt das Tuch zurück in die Tasche. Als die Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie eine Zigarette, wie geschickt sie doch war, das hätte sie sich nicht zugetraut.

Ich verstehe, dass du nicht übertreibst. Erst war er dein bestes Kind, ein Sohn, wie du ihn dir besser nicht wünschen konntest, und dann hast du was aus ihm gemacht, und er hat nichts anderes gewollt. Ich verstehe das besser, als du denkst. Es ist das, was ich nie gekonnt habe, und weshalb es mir jetzt auch nicht anders geht als dir. Ich begreife das erst seit kurzem, und seither beobachte ich diese Frauen. Frauen wie dich, und wie sie ihre Männer ansehen. Wie ein Hemd, aus dem ein Fleck nicht rauszukriegen ist. Ein Regal, auf dem Staub liegt. Etwas, das nicht in Ordnung ist, aber ein Handgriff, ganz automatisch, genügt, und dann –

Und dann stellt er mich so bloß! In aller Öffentlichkeit. Beinahe wäre Asche auf ihr Kostüm gefallen, doch wie gut, dass sie sich auf ihre Reflexe verlassen kann, da muss sie gar nicht darüber nachdenken, und alles bleibt in Ordnung.

Ja, du hast Glück gehabt. Warst sein Halt und kamst so zu Haltung. Was wirst du nun tun? Ich nehme an, du hast die Form gewahrt, je mehr er sie verlor.

Er wird meine Hilfe brauchen, mehr denn je. Ich weiß, was von mir erwartet wird, da mach dir mal keine Sorgen. Sie lächelte eisig wie je, schlug ihre Beine übereinander, sie hatte beinahe vergessen, wo sie sich befand, seltsam genug, und auch, dass der Wartesaal etwas Vertrautes annimmt, seit sie ihn vergisst. Sie ist davon überzeugt, dass sie nun genau so in diesem Wartesaal auf dieser Plastikbank sitzt, wie man hier zu sitzen hat. Jetzt erzähl doch mal von dir, glaubt Hanna sie sagen zu hören. Ich rede und rede, so besonders ist das doch alles gar nicht. Männer sind eben so. Wie kommst du denn hierher?

Die B. lachte, das wirst du nicht verstehen. Ich komme oft hierher, regelmäßig. Auf der Suche nach einer Gewohnheit, es ist ein Spiel, völlig sinnlos, ich weiß. Von hier ist er abgefahren, jedenfalls vermute ich das. Dabei war ich nicht, wie auch. Wer ist schon dabei, wenn er verlassen wird. Ich hatte nie diesen Blick für ihn, du weißt schon … So wollte ich das nicht, aber er, ihm hat wahrscheinlich genau dieser Blick gefehlt. Vielleicht wussteauch er nicht, was er tat, geplant hat er nie etwas, weshalb also diese unvermittelte Abreise. Vielleicht kam das für ihn so überraschend wie für mich, abgesehen von dem kleinen Vorsprung natürlich. Als ich hier ankam, war der Zug längst weg. Um etwas nachzuholen, eine Art Ordnung vielleicht, ich gebe zu, darauf verstehst du dich besser als ich, aber es geht darum. Ja, Ordnung schaffen, im Nachhinein. Regelmäßig. Ich komme hierher und tue so, als wüsste ich, dass er geht. Mit belegten Broten und Kaffee in der Thermoskanne. Sie kicherte. So etwas habe ich nie gemacht, nicht zum Abschied eines Mannes, auch nicht zu seinem Empfang. Und das, vermute ich heute, war mein Fehler, das war nicht mein Stil. Nun guck mich nicht so an. Es wird Zeit, dass du rausgehst, dein Zug wird gleich einlaufen.

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen, sie steckte tief in ihrer Lächelgrimasse, stand auf, nahm den Koffer, ja, er war schwer, sie brachte eine Abschiedsfloskel über die Lippen, alles wie es sich gehört. Die B. weiß wirklich Bescheid, der Zug läuft schon ein, sie stehtbereit und hat doch Angst, ihn zu verpassen. Sie ist es nicht gewöhnt zu verreisen, und dann auch noch allein, unter diesen Umständen, sie stolpert. Es fiel nicht auf, ihr Straucheln, zumindest nicht ungebührlich, ein Bahnbeamter stand neben ihr, öffnete die Waggontür. Als sie einstieg, überfiel sie der Gedanke, flüchtig nur, was, wenn sie dort im Wartesaal sitzen geblieben wäre, neben dieser B., die sie von früher kannte und noch nie leiden konnte. Gar nichts wäre, dachte sie, jedenfalls nicht anders, sie ist auch nicht besser dran als ich.

Aber vielleicht irrte Hanna in diesem Punkt, dieser Gedanke, der Vergleich, so weit wäre sie vermutlich nie gegangen.

 

 

 

 

 

12

Eine erzählte Hanna, da sei zum Beispiel die Geschichte mit der Nagelschere, eine durch und durch harmlose Erinnerung, auf die man zufällig zu sprechen gekommen war. Eigenartig, dass ihre Mutter auf derartige Harmlosigkeiten stets mit unerbittlicher Leugnung reagierte. Es geschah bei einem der seltenen Besuche bei der Mutter, es war im Sommer, sie saßen leichtbekleidet auf der Terrasse. Die Mutter servierte Campari, das übliche Signal für Wohlwollen und gute Laune. Sie schnitt sich mit einer Nagelschere die Zehennägel, eine Art Tribut an die von der Mutter verlangte Vertraulichkeit. Die Mutter mochte es, bei solch intimen Verrichtungen zugegen zu sein. Ihr selbst war das eher unangenehm, jetzt auf dieser Terrasse wollte sie vermutlich ihr schlechtes Gewissen beruhigen. Sie hatte nämlich an diesem Morgen die Mutter aus dem Badezimmer geschickt, weil sie nicht unter deren Augen duschen wollte. Sie schnitt sich also als Geste der Entschuldigung unter den Augen der Mutter in der Sonne auf der Terrasse die Zehennägel, auf eine Weise, wie sie das bis dahin immer getan hat. Die Nagelschere hielt sie so, dass sie sich konvex zu den Fußnägeln rundete. Die Mutter schrie plötzlich laut auf, wie sie sich denn die Fußnägel schneide. So mache das ja kein Mensch. Sie sah die Mutter an, erstaunt, und sagte, dass doch sie selbst ihr das auf diese Weise beigebracht habe, als sie noch klein war. Vermutlich, und das war ihr immer ganz vernünftig vorgekommen, dachte die Mutter damals, dass auf diese Weise die Verletzungsgefahr am geringsten sei. Ohne darüber nachzudenken, behielt sie diese Gewohnheit des Nagelschneidens bei. Die Mutter regte sich daraufhin maßlos auf. Sie erinnerte sich ganz genau an die Szene damals, wie ihr die Mutter gezeigt hat, den Fuß auf den Rand der Badewanne zu stellen und dann die Zehennägel auf diese Weise zu schneiden. Sie versuchte, die Mutter an diese Situation zu erinnern. Die Mutter brüllte, wie sie dazu käme, solche Behauptungen aufzustellen. Die Aufregung der Mutter wurde immer größer und stand in keinem Verhältnis zu dieser banalen Geschichte. Sie verstand nicht, warum sich die Mutter über eine Lappalie so sehr aufregte. Sie war sich ganz sicher, dass die Sache mit der Nagelschere sich so abgespielt hatte, wie sie sich daran erinnerte.

Das sei nicht der einzige Fall, dass die Mutter eine Banalität, an die sie sich aus irgendwelchen Gründen ganz genau erinnere, vehement bestreite. Jetzt frage sie sich manchmal, was wohl geschähe, wenn sie sich an anderes, weniger Harmloses erinnerte. Die Frage sei natürlich, was überhaupt harmlos ist.

Wie sollte ausgerechnet Hanna darauf eine Antwort wissen.

 

 

 

 

13

Sie hatte lange auf ihn gewartet, jetzt auf dem Flughafen wartete sie noch einmal. Dann kam er, ihre Freude auf ihn war schon schal geworden. Er wich Hannas Blick aus, und sie erkannte auf den ersten Augenschein, dass er nicht zu ihr zurückgekommen war. Sie wünschte so sehr, von seiner Abwesenheit nicht zu wissen, dass sie sich noch eine Weile quälten. Dann war auch das vorbei.

 

 

 

 

14

Was wollen Sie wissen?

Nun, ich frage mich, man sieht Sie jetzt nicht mehr. Warum?

Sie sehen mich gerade jetzt.

Ja, natürlich, aber … Ich meine auf der Bühne. Was ist los? Sie hatten Erfolg, und dann plötzlich … Hat man einmal Erfolg, will man immer Erfolg, mehr davon. Ist es nicht so?

Nein.

Gut, für Sie anscheinend nicht. Aber warum ist das so? Sie könnten noch immer Erfolg haben, wenn Sie –

Erfolg hatte ich schon. Weshalb also mehr davon?

Das ist interessant. Können Sie mehr dazu sagen? Wie war das, als Sie Erfolg hatten?

Ich war vier.

Das ist keine Antwort.

Es ist meine Antwort.

Gut, Sie waren also vier. Ein vierjähriges Mädchen. Welche Erfolge sind einem da beschert?

Überlegen Sie selbst.

Vierjährige spielen.

Ja.

Und was haben Sie gespielt?

Dasselbe wie alle Vierjährigen. Das Leben.

Das Leben, natürlich. Da steckt vieles drin. Geht es etwas genauer?

Genaugenommen nicht.

Das Leben, wie Sie es nennen, ist doch viel zu allgemein. Viel zu viele Aspekte. Menschen vor allem.

Ja.

Für Vierjährige ist die Kenntnis anderer Menschen doch eher beschränkt.

Ja.

Da sind vielleicht Geschwister, Verwandte, Nachbarn, Freunde, und Eltern natürlich.

Ja.

Also beschränkte Erfahrungsmöglichkeiten. Beschränkte Erfolge auch. Alles eher wie zur Übung.

Ja.

Und? Worin bestand nun Ihr Erfolg?

Ich habe versucht, was Vierjährige versuchen.

Werden Sie endlich präzise!

Ich habe versucht, meinen Vater zu verführen.

Ach, das meinen Sie. Ja, das versuchen in dem Alter alle. Eine unappetitliche Mischung aus Angst, Narzissmus und explosiver Erotik. Kindheit ist die Hölle, durch die wir alle hindurchmüssen. Aber zurück zum Thema, Ihrem Erfolg. Worin bestand er? Weshalb knüpfen Sie an diese Erfahrung nicht an? Was einmal war, lässt sich wiederholen.

Mein Versuch war erfolgreich.

 

Schweigen, Gesichtabwenden, Mikrophon überprüfen. Wird wenigstens die Aufnahmequalität erträglich sein?

Hanna sah, wie die Gäste am Nebentisch zahlten und gingen, draußen der Regen ließ nach, das Kuchenbuffet wurde neu arrangiert.

 

Eine letzte Frage, zum Abschluss dieses sehr interessanten Gesprächs. Wann werden wir Sie wieder auf der Bühne erleben? Wann tanzen Sie wieder?

Wieder? Ich habe nie aufgehört.

 

 

 

 

 

 

15

Dann eine Sonntagnacht, überall blubberte Leere, eine vage Hoffnung zog Schleifen durch Hanna, wenn jetzt doch alles vorbei wäre. War etwas schon geschehen, zu spät und unbemerkt, oder hielt wieder was nur die Luft an, bis dicht ans Ersticken, und dann. Selbst wenn kein Fernsehgerät den Schlaf derer störte, die morgen fit sein wollten ohne zu wissen wofür, noch das Schwarz der Bildschirme enthielt diese Wahrheit und alle Farben und Zuckungen der sogenannten Programme, das vollere Leben. Das Schlafen wurde unterbrochen oder auch nicht, die Bäuche waren zu voll, weshalb manche noch im Halbschlaf noch einmal aufgefüllt wurden, die Vertrautheit mit Kühlschränken im Dunkeln, die Wege zu ihnen fanden sich von selbst und brachten doch zum Straucheln. Das machte nichts, keiner sah es, auch Hanna nicht, das war nur ein Traum. Was sonst als ein Traum auch die Töne von draußen, woher jetzt, mitten in der Nacht, aus der Schwärze, Ruhestörung, wurde schwach gemurmelt. Doch die ersten verließen die Betten, erreichten die Straße, auf der die Töne verwehten. Ruhestörung, das Murmeln wurde lauter, wo bleibt die Polizei, doch die Füße setzten sich in Gang, da half kein Gemurmel, keine Polizei, die Töne verwischten, also schnell, hinterher. Die Töne ergaben kein Lied, wen interessierte, dass sie falsch waren, keiner blieb zurück. Das raschelte und schlurfte und wollte sich ergeben, vergessen. Die Töne, aus einem Nirgendwo, weshalb nicht viel früher, nichts wie hinterher, ah, endlich lockte etwas. Wäre da jemand am Fenster gestanden, wie Hanna zum Beispiel, er hätte sie gesehen, triefend von Programmen und Schlaf, in den Fußstapfen ihrer Sinnestäuschung, doch da waren keine Sinne, nichts zu täuschen. Die Töne zogen blubbernde Schleifen, niemand blieb außen vor, und dann war es Morgen am Montag. Kaffee wurde getrunken, die Mienen gaben sich straff, kein ziehender Ton draußen noch drinnen. Das setzte sich in Gang, alles geordnet wie immer, jedes Lachen am richtigen Platz. Es war nicht vorbei, begriff Hanna, auch jetzt nicht, nichts war geschehen.

 

 

 

 

 

16

Eine erzählte Hanna, als Kind habe sie auch Dinge essen müssen, die sie nicht mochte. Einmal gab es Linsen, mit Würsten und fettem Speck. Den fetten Speck mochte sie nicht, die Mutter legte ihr trotzdem ein Stück auf den Teller und befahl ihr, den Teller leer zu essen. Die Großmutter war zu Besuch. Die Großmutter saß neben ihr und nahm schließlich, weil sie den Speck auf keinen Fall essen wollte und schon beim Gedanken daran würgte, den Speck auf ihren eigenen Teller. Daraufhin wurde die Mutter wütend. Die Mutter legte den Speck auf ihren Teller zurück. Die Großmutter holte den Speck wieder auf ihren Teller. So wurde der Speck mehrmals von einem Teller auf den anderen geschoben. Der Vater war nicht dabei. Die Mutter stritt sich furchtbar mit ihrer Mutter. Irgendwann standen beide auf und begannen, sich gegenseitig auf den Hintern zu schlagen. Mutter und Großmutter waren ungefähr gleich groß. Sie erschrak, weil man ihr immer gesagt hatte, man dürfe seine Mutter niemals schlagen. Weil sie der Mutter nicht gehorchte, schlug die Mutter nun ihre eigene Mutter, die Großmutter ihre Tochter, die ihre Mutter war. Beim Nachdenken über diese Verhältnisse und das Ausmaß ihrer Schuld wurde ihr ganz schwindlig. Sie war sich sicher, dass die beiden Frauen etwas Furchtbares miteinander machten. Es stand in keinem Verhältnis zum Anlass. Zugleich war die Situation aber auch komisch. Man wusste nicht genau, ob die beiden sich schlagen oder miteinander tanzen. Viele Jahre später habe sie erfahren, dass die Mutter sich ihren Mann mit ihrer Mutter geteilt hat.

Hatte Hanna überhaupt zugehört?

 

 

 

 

 

17

Er war, hörte Hanna die Frau im Waschsalon sagen, ganz einfach angenehm. Ich weiß, das ist ein Allerweltswort, aber auf ihn passt es. Nicht, dass ihm irgendetwas zu glauben gewesen wäre, nein, dazu hat er sich viel zu sehr angestrengt. Gekonnt, dass muss man sagen, wie er alles vorbrachte, aber angestrengt. Er hat keine Sekunde lang, sagte sie, vergessen, worum es ihm geht. Keine Sekunde lang, wiederholte sie, hat er das vergessen. Ich finde das bewundernswert, einerseits, aber andererseits – welche Ängstlichkeit hinter der lässigen Tarnung. Das Wasser scho0 in die Maschine, die sich mit leisem Brummen zu drehen begann. Ein Typ, sagte die Frau, der absolut überzeugt ist von sich und von seinem System. Sie lächelte. Solche Männer kennt jeder, nicht wahr? Sie sind so leicht zu durchschauen, so vertieft in ihr Spiel, so bemüht, es als wirklich erscheinen zu lassen. Das hat etwas Rührendes. Ich fand ihn komisch, anfangs, sagte die Frau, er nahm sich und das, was er zu spielen versuchte, so ernst. Doch bei all dem war er – angenehm, ja. Ich kann es nicht anders sagen. Er wusste sich in einer drittklassigen Absteige genau so selbstverständlich zu bewegen wie in einem 3-Sterne-Restaurant, natürlich, das war er schon seiner Lässigkeit schuldig. Aber er hat das so gut gespielt, dass ich, wenn ich wollte, mir jederzeit vorstellen konnte, er sei wirklich so. Sie lächelte, sie war noch immer glücklich. Wenn mit nichts sonst, sagte sie, so hat er sich doch mit seinem Spiel Mühe gegeben. Ein Narziss, wäre einzuwenden, doch welcher Narziss nimmt heute sein Spiel noch ernst? Anfangs, das sagte ich schon, fand ich ihn komisch. Dann amüsant. Und dann begann ich, ihn zu lieben. Obwohl ich sah, sagte sie, was los ist mit ihm, und obwohl mir klar war, das ihm das nicht in den Kram passte. Die Frau füllte eine weitere Maschine mit schmutziger Wäsche, packte den Inhalt einer anderen Maschine, nach beendetem Waschvorgang, in den daneben stehenden Trockner. Ich habe es ihm nicht leicht gemacht, mich zu lieben, sagte die Frau, ich hatte Schnupfen, mein Gesicht war verquollen. Ich hab nicht gut ausgesehen, solange wir zusammen waren, und wenn doch, dann nur, weil es mir egal war. Er hatte ein ausgeprägtes Gespür für Timing, Sie verstehen, was ich meine? Er beherrschte die Regeln, und er wusste genau, wann es Zeit war, die Regeln zu verletzen. Er ist ein Profi, sagte sie, und damit ziemlich allein. Aber das gehört wohl zu seinem Spiel, ich werde es ihm nicht verderben. Er war so angenehm. Es ist doch rührend, wieviel Mühe sich so einer gibt, sich sein Gefängnis als Paradies einzureden. Einer, der sich anstrengt, den wilden Mann zu markieren, natürlich ganz auf der Höhe der Zivilisation – tough guy, lonesome rider. Obwohl so einer sein sicheres Nest immer im Hintergrund hat. Die ganze Kunst, sagte sie und lächelte weiter, liegt darin, die Grenzen nie aus den Augen zu verlieren. Dann passiert so einem nichts, er eckt nirgends an. Ich frage mich, sagte sie, ob er von seiner Verzweiflung was weiß. Glaubt er sich das alles selbst?

Am Lächeln der Frau verstand Hanna, dass es keine Frage war, die sie beantworten müsste.

 

 

 

 

 

18

Sie standen in der Bar, tranken, was sie in der kurzen Zeit ihres Zusammenseins immer getrunken hatten. Noch zwei Stunden bis zu seinem Abflug. Wie machen wir das nun, sagte er, am besten, ich gehe einfach.

Aber wie könnte ich bleiben, wandte Hanna ein.

Aber wie machen wir es dann?

Wir gehen beide.

Vor die Tür, und dann jeder in eine andere Richtung?

Sie nickte, sie gingen vor die Tür, er schlug die eine Richtung ein, sie die andere. Es war lächerlich, es war wie im Film und doch ein Abschied.

 

 

 

 

 

19

Sie wollte nichts mehr hören, aber immer erzählten die Leute, auch wenn es so aussah, als würden sie gar nichts sagen. Hanna ging, wollte kein Ziel mehr, es ging immer weiter. Leute, denen sie nicht begegnen wollte, erzählten, was sie nicht hören wollte. Nie war sicher, ob sie wirklich ihr erzählten, was sie erzählten, deshalb wusste sie nie so genau, waren es fremde Erzählungen oder eigene Erinnerungen oder war sie einfach verrückt? Bei diesem Leben auf den Straßen vermischte sich alles, die Grenzen waren anderswo als sonst. Anfangs dachte sie, nun gebe es keine Grenzen mehr, aber das war eine Täuschung. Immer wieder derselbe Fehler. Ganz langsam begann sie zu verstehen, wie das Leben funktioniert, zumindest redete sie sich das ein. Vorläufig beschäftigte sie immerhin eine Frage – kann man sich, und wie, etwas wünschen, das man nicht kennt?

 

 

 

 

 

20

Eine Fläche so weiß wie die Wand dahinter, darauf eine Linie, ebenfalls weiß, eine kaum wahrnehmbare Schattierung dunkler, es war nicht auszumachen, ob sie von links nach rechts oder umgekehrt verläuft. Die Frau und der Mann verharrten schon lange davor, ihre Reglosigkeit war perfekt, und wer, wie Hanna, in ausreichendem Abstand dort stand, hinter den beiden vor dem weißen Bild mit der weißen Linie, nahm die Rückenansicht leicht für das Bild, so ein Gemälde hängt in jedem Museum.

Der Mann und die Frau kannten sich nicht, lange war unsicher, ob einer den anderen bemerkte, aber dann begann der Mann zu sprechen.

Ich habe alles vergessen, sagte er, und das ist gut so. Wozu sich tyrannisieren lassen von Dingen, die längst geschehen sind. Ich bin gegen jede Gewalt, also auch gegen die der Erinnerung, denn damit fängt doch alles an.

Das sehe ich genauso, erwiderte die Frau, deshalb stehe ich gern vor Bildern wie diesem. Es hilft beim Vergessen.

Stimmt, pflichtete der Mann ihr bei, solche Bilder und Gartenarbeit. Immer dasselbe, natürliche Zwangsläufigkeit, hübsch zeitlos und überschaubar geordnet. Mein Vater war damals wie alle anderen, vielleicht ein bisschen fähiger und deshalb fast unvermeidlich bald ein hohes Tier.

Die Frau wunderte sich nicht über die Wendung des Gesprächs, vielleicht hörte sie nicht zu. Vergessen ist harte Arbeit, sagte sie und betrachtete weiterhin das Weiß, aber ich bin gut vorangekommen. Nur eine Kleinigkeit muss ich noch tilgen, dann habe ich Ruhe.

Seinen Vater sucht sich ja keiner aus, fuhr der Mann fort. Die Zackenlinie stört den Frieden doch ein bisschen, finden Sie nicht? Wie mein Garten, wenn ich die Erde umgegraben habe, das wäre nicht nötig, was hat die Natur in der Kunst zu suchen.

Mich stört sie nicht, sagte die Frau, ich sehe die Linie als Welle, die alles wegschwemmt, oder als Tuch, es flattert im Wind. Ungefähr so funktioniert das bei mir mit dem Vergessen.

Die Linie ist zu naturalistisch, beharrte der Mann, und wenn ich die Augen zukneife, wird sie sogar zum Balken.

Die Frau ging darauf nicht ein. Der letzte noch unvergessene Rest ihres Lebens schob sich zwischen sie und dieses Bild, sie erzählte, sie fühlte sich als Kind von den jüngeren Geschwistern oft gestört. Dass dies unzulässig war, sei ihr bewusst gewesen, den Nächsten gilt es zu lieben wie sich selbst. Sie hatte kein Zimmer für sich, und die Geschwister, davon ist sie überzeugt, spielten häufig nur deshalb besonders laut, um sie zu ärgern.

Mich ärgert nichts mehr, sagte der Mann, wozu auch, alles ist menschlich, diese Lektion habe ich gelernt. Alles geschieht sowieso, wie es geschieht, und wer müsste ich sein, um mich querzustellen.

Einmal ging sie in das Schlafzimmer der Eltern. Sie wollte bloß ihre Ruhe haben. Das Schlafzimmer der Eltern wurde tagsüber nicht benutzt. Sie dachte, dass sich niemand gestört fühlen kann, wenn sie sich dorthin zurückzieht. Sie war aufgeregt, weil sie auf den Gedanken gekommen war, ein Tagebuch zu führen. Die Vorstellung, in das Tagebuch alles schreiben zu können, ohne dass es jemand erfuhr, beschäftigte sie schon seit längerem. Sie war acht Jahre alt. Das Tagebuch konnte man sogar abschließen. Sie hatte sich ein Versteck für den Schlüssel ausgedacht. Sie legte sich im Schlafzimmer der Eltern auf ein Bett, begann zu schreiben.

Der Mann neben ihr räusperte sich, ich habe mir nichts vorzuwerfen, sagte er, ich habe mich den Tatsachen gestellt. Irgendwann wusste ich alles über meinen Vater, schön war das nicht. Aber vorbei ist vorbei, und dass die Sünden der Väter über die Kinder kommen, er lachte, ich bin nicht religiös und ein friedliebender Mensch.

Die Frau steckte noch immer in der letzten Erinnerung an ihr Leben fest, im Schlafzimmer ihrer Eltern. Bald entdeckten die Geschwister sie. Um nicht dauernd von ihnen gestört zu werden, schloss sie die Tür des Schlafzimmers ab. Dann begann sie zu schreiben, entdeckte, wie sich ihr Leben veränderte, sobald sie es beschrieb. Sie vergaß, wo sie war, bis jemand an der Türklinke rüttelte. Es war die Mutter, die befahl, sofort die Tür zu öffnen. Sie versuchte zu erklären, dass sie nur für eine Weile ihre Ruhe haben wolle, und dass sie doch in diesem Zimmer niemand störe.

Ich lebe auch sehr zurückgezogen, sagte da der Mann, ich habe meinen Frieden mit der Welt geschlossen und konzentriere mich ganz auf die Gegenwart. Und mein Garten bereitet mir viel Freude, gerade weil sich dort immer dasselbe abspielt. Wiederholungen haben so etwas Beruhigendes.

Die Mutter wurde wütend und hämmerte gegen die Tür. Sie bat flehentlich, sie doch für eine Weile da drin alleine zu lassen. Die Mutter wurde noch wütender. Sie befürchtete, die Tür würde gleich bersten, jeder Schlag gegen die Tür traf sie selbst an einer Stelle, die erst während dieser Schläge entstand. Aber bleiben würde, als habe sie immer zu ihr gehört. Sie versuchte noch einmal, die Mutter umzustimmen. Sie versicherte, alles, was ihr aufgetragen war, erledigt zu haben. Nun wollte sie ein bisschen Zeit für sich haben. Die Mutter brüllte lauter und hämmerte heftiger gegen die Tür. Sie gab die Versuche, die Mutter umzustimmen, endlich auf. Während die Mutter gegen die Tür hämmerte und brüllte, schrieb sie rasch noch in ihr Tagebuch, dass die Mutter gegen die Tür hämmere und brülle.

Gartenarbeit ist ja so vielseitig, das machen sich die meisten Leute gar nicht klar. Und irgendetwas ist im Garten immer zu tun, Wildwuchs gibt es bei mir nicht. Wenn man die Natur einfach lässt, ich sage Ihnen, der Mann lachte, von Gewaltlosigkeit hält die nicht viel. Gewissermaßen kämpfe ich auch in meinem Garten gegen die Gewalt, mit aller Macht.

Weil sie befürchtete, die Mutter würde demnächst die Tür einschlagen, hörte sie auf zu schreiben, das Tagebuch klappte sie zu, schloss es ab. Ihr war klar, dass es nun darum ging, um jeden Preis zu verhindern, dass die Mutter zu lesen bekam, was sie geschrieben hatte. Sie schloss die Tür auf. Das Tagebuch presste sie mit beiden Armen an sich, den kleinen Schlüssel hielt sie in der Faust. Die Mutter stürzte sich auf sie, zerrte an ihr herum und brüllte, sie solle ihr sofort das Heft geben. Sie erklärte der Mutter, dass das Heft ein Tagebuch sei und deshalb niemand lesen dürfe, was darin stand. Die Mutter ließ sich davon nicht überzeugen, war stärker als sie und entriss ihr das Tagebuch. Sie dachte, dass es ja zum Glück abgeschlossen war und die Mutter so doch nicht darin lesen konnte. Die Mutter rüttelte am Schloss des Tagebuchs. Sie befahl ihr, sofort den Schlüssel auszuhändigen.

Außerdem ist die Arbeit im Garten gesund, Schlafprobleme kenne ich nicht und zum Glück auch keine Träume. Nicht einmal dann, wenn in den Zeitungen mal wieder etwas Neues steht über meinen Vater & Co., mich kann auf diesem Gebiet nichts mehr erschüttern, irgendwie stumpft man auch ab, und das Leben geht schließlich weiter.

Ich hielt den Schlüssel fest in der Faust. Ich versuchte, die Faust zum Mund zu führen, um den Schlüssel zu verschlucken. Die Mutter renkte mir fast den Arm aus, um mich daran zu hindern. Ich war entschlossen, alles daran zu setzen, damit die Mutter den Schlüssel nicht bekommt. Der Mutter gelang es, meine vor Anstrengung schweißnasse Faust zu öffnen und den Schlüssel an sich zu nehmen. Dann sagte die Mutter, dass sie, hätte sie den Schlüssel nicht bekommen, das Schloss eben aufgebrochen hätte.

Die Frau schwieg, der Mann auch. Hanna wäre es lieber gewesen, das Gespräch nicht gehört zu haben. Durch das Weiß des Gemäldes an der Wand schlängelte oder zackte sich die um eine Schattierung dunklere weiße Linie.

Wenn ich im Garten bin und grabe, sagte der Mann dann noch, finde ich immer Schnecken, die man vernichten muss, und da kommt mir immer wie eine Zwangsvorstellung, nicht etwa, dass ich die Schnecken nicht töten kann, aber ob da nicht vielleicht doch noch eine ist, die getötet werden muss.

Das muss man sich mal klarmachen, sagte die Frau, als ich den Kampf um das Tagebuch begann, glaubte ich an Argumente, an Worte. Und selbst, als es dann nur noch um den Schlüssel ging, hoffte ich noch immer auf etwas wie eine Chance. Das war nicht meine letzte Illusion.

Es wird immer noch eine Schnecke da sein, sagte der Mann, und dann noch eine und noch eine, das geht immer so weiter, es kann ja nicht anders sein.

Mit zwei Angestellten des Museums erschien, so ungerufen wie unbeachtet, eine Realität außerhalb jedes Gemäldes, sie nahmen das weiße Bild von der Wand, murmelten etwas von Restaurierung. Der Mann und die Frau verharrten auf ihren Plätzen, sie betrachteten den gelblichen Rand, den das Bild an der Wand hinterlassen hat, ein Rahmen, der für einen etwas entfernt stehenden Betrachter wie Hanna den Mann und die Frau in einem Weiß vereinte, das von dem des nun entfernten Gemäldes kaum zu unterscheiden war.

 

 

 

 

 

21

Das kleine Mädchen saß vor dem flimmernden Kasten, zum ersten Mal, sie begriff nicht, was sie sah, und erkannte sofort die Tänzerin. Muskulös und schwebend, auf dem Bretterboden, hoch in der Luft, war das ein Mann, eine Frau? Ein Mensch, ein besserer, bestimmt, so wollte Hanna werden, gehüllt in dieses Weiß wie eine zweite Haut, so sauber, keine Körperöffnung, dass es das gab. Eine Primaballerina, so nannte sich das Wesen, ein Wort wie zuckender Samt im Mund. Alles war glatt verschlossen und bewegte sich doch, der Flug des Tanzes fand im Absturz kein Ende, keine Öffnungen, da kam nichts heraus, nichts hinein, ein Körper als Unschuldsfanal, so wollte sie werden.

 

 

 

 

 

22

Schon seit Stunden hatte sie dort gesessen, Hanna sah es wie ein Bild noch immer vor sich. Hanna ahnte, es war an der Zeit, ich zu sagen, und mit dieser Geschichte, die vielleicht doch eine Erinnerung barg, wollte sie es ausprobieren. Dort drin hing das Januarlicht beißend nüchtern. Der Raum war klein, kaum mehr als eine Öffnung, nicht breiter als die Flügeltür, deren beide Hälften bis zum Anschlag auf den Vorraum hinaus ausgebreitet waren. Es gab keine Fenster. Außer für sie und den Sarg war höchstens noch Platz für ein, zwei andere Personen. Als ich eintraf, befand sich niemand außer ihr und dem toten Kind in der Leichenkammer, auch nicht im Vorraum. Unter der Tür kam ich nicht weiter. Sie schaute nicht auf. Mit ihrer rechten Hand hielt sie die linke Hand des aufgebahrten Kindes. Sie trug Lederhandschuhe. Es war kalt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sich die tote Hand des Kindes durch die Lederhandschuhe anfühlte. Weil es so hell war, brannten die Kerzen blass und künstlich. Sie trug Stiefel, warm gefüttert, außen ein wasserabweisender Kunststoff. Auch ich besaß solche Stiefel, bedauerte, sie heute nicht angezogen zu haben. Ich fror schon jetzt. Jetzt diese Stiefel zu tragen, wäre mehr als nur Reaktion auf die Beerdigung an einem Wintertag. Auf dem Sarg, davor und dahinter, bäumten sich Blumengebinde aus Fresien, ihren Lieblingsblumen. Ich vereiste auf der Türschwelle. Meine Schwester bewegte sich nicht. Sie trug eine Sonnenbrille. Die mir zugewandte Gesichtshälfte zeigte zwei helle Streifen, Spuren von Tränen auf dem Make up. Noch immer auf der Schwelle vereist, hörte ich, dass andere Leute den Vorraum betraten, wieder umkehrten. Wir blieben allein, sie, das tote Kind, ich. Ich betrat die Kammer. Sie blickte auf, gab mir die linke Hand. Mit ihrer Rechten hielt sie weiterhin die Hand des Kindes. Sie schaute wieder auf das Kind, ich auch. Wir hielten uns an den Händen. Vor dem Betreten der Kammer, auf der Türschwelle, hatte ich gedacht, sie umarmen zu wollen. DieUmarmung wäre, sitzend sie, stehend ich, zwischen Blumen, Kerzen, Wand und Sarg, sehr ungeschickt ausgefallen. Sie hätte, ohne die Hand des Kindes loszulassen, sie nur über sich ergehen lassen können. So hielten wir uns an den Händen, sie sitzend, ich stehend, ihre linke Hand in meiner rechten, ihre rechte Hand auf der linken des Kindes. Wir schauten auf das tote Kind. Jemand trat unter die Tür, ging gleich wieder. Keine von schaute auf. Wir hielten uns an den Händen. Als Kinder hatten wir uns oft so gehalten. Wir waren noch sehr klein, als sie durch einen Unfall mit heißem Wasser, verursacht durch mich, beinahe ums Leben gekommen wäre. Danach hatte ich sie jahrelang zu beschützen versucht, vermutlich auch dann, wenn sie das gar nicht wollte. Immer hatte ich sie an die Hand genommen. Doch jetzt war es anders. Obwohl sie saß und ich stand, befanden sich unsere ineinander verschränkten Hände auf derselben Ebene. Anfangs war der Händedruck starr und verkrampft. Allmählich fanden unsere Hände Gewicht, die Starre schwand aus ihnen. Ich dachte daran, wie ich sie vor Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes besucht hatte. Wie ich neben ihr auf dem Krankenhausbett gesessen hatte. Wie ich mich gegen das Gefühl gewehrt hatte, dass mit meinem Eintreffen sich alles zum Schlechteren wandte. Wie wir gewartet hatten, dass das Kind endlich von irgendwelchen Untersuchungen zurückgebracht würde. Es wurde nicht zurückgebracht, es ist drei Tage später gestorben. Ich erinnerte mich, wie sie damals die Hand des sterbenden Neugeborenen im Brutkasten gehalten hat. Wir hörten, wie die draußen versammelte Verwandtschaft sich begrüßte. Wir schauten auf das tote Kind. Es trug dunkelblaue Hosen, einen bunten Pullover. Er war sehr gewachsen in letzter Zeit, und da sie ihn weder im Schlafanzug noch in der Krankenhauskleidung begraben wollte, war sie vor drei Tagen, eine halbe Stunde, nachdem er gestorben war, kurz vor Ladenschluss losgerannt, um ihm neue Kleider zu kaufen. Sie konnte sich schwer entscheiden, die Verkäuferin riet ihr zu diesem und jenem. Wenn die wüsste, hatte sie gedacht, wofür ich diese Kleider brauche. Je weniger starr unsere Hände wurden, umso fester lagen sie ineinander. Jemand trat kurz vor den kleinen weißen Sarg, ging wieder. Wir schauten nicht auf. Warum ist der Sarg weiß, hatte ihr nun jüngster Sohn am Morgen gefragt. Er kam hin und wieder hereingerannt, verschwand gleich wieder. Damit er und sein älterer Bruder ihn nicht in der weißen Krankenhauskleidung in Erinnerung behalten würden, hatte sie dem toten Bruder rasch, bevor Leichenstarre und Ladenschluss es unmöglich machen würde ihn umzuziehen, diese neuen Kleider gekauft. Seine beiden Brüder waren dabei, als der Unfall vor eineinhalb Jahren passierte, sahen, wie er blau aus dem Wasser gezogen wurde. Jemand betrat geräuschvoll die kleine Kammer. Unser Händedruck verkrampfte sich. Lautstark begann unsere Mutter, mich nach den wetterbedingt schwierigen Umständen meiner Anreise zur Beerdigung zu fragen. Ich antwortete nicht. Weder sie noch ich hoben den Blick. Außer mit ihren beiden Söhnen, die manchmal hereingekommen waren, hatte sie in den letzten Stunden mit niemandem gesprochen. Keiner, der in die Kammer gekommen war, hatte etwas gesagt. Die Stimme unserer Mutter war schrill und aufgeregt. Dass ihre Töchter Hand in Hand das tote Kind betrachteten, machte sie nervös. Ich ärgerte mich, dass sie sich in dieser Leichenkammer wie zu Hause fühlte. Sie hatte mich telefonisch vom Tod des Kindes benachrichtigt, etwa um die Zeit, als meine Schwester neue Kleider für das tote Kind kaufte. Ich dachte daran, wie ich diese Nachricht, weil sie von dieser Mutter überbracht wurde, nicht hatte glauben wollen. Wie ich ihr hatte verbieten wollen, solchen Unsinn zu erzählen. Nun plapperte sie noch immer in der Leichenkammer. Wir reagierten nicht. Die Stimme unserer Mutter war laut, grellblau ihr Halstuch, ihre Frisur sehr blond. Unser Händedruck wurde eisern. Vorhin, auf dem Vorplatz der Leichenhalle, bei meinem fast schon zu späten Eintreffen, hatte sich diese grelle Mutter auf mich gestürzt. Fast die gesamte Verwandtschaft wartete bereits auf dem Platz, ausreichend Publikum. Auf halbem Weg zu mir war sie in lautes Schluchzen ausgebrochen. Bei den letzten Schritten schien sie sich kaum noch auf den Beinen halten zu können. Mir war nichts übriggeblieben, als die Zusammenbrechende aufzufangen. Unser Hass ging, während wir uns neben der unablässig redenden Mutter an den Händen hielten und auf das tote Kind schauten, endlich in Gleichgültigkeit über. Es dauerte lange, bis unsere Mutter aufgab und ging. Sie war schon immer der Ansicht gewesen, dass dieses Kind keine Lebenschancen mehr gehabt hätte, dass ihre Tochter mit seiner Pflege überfordert sei. Aus Gründen der Hygiene ist es verboten, Leichen bis zur Beerdigung zu Hause aufzubahren. Vor drei Tagen hatte meine Schwester das Kind in ihrem Schoß gehalten, bis es tot war. Sie sah, wie es sich während des Sterbens veränderte. Sie sah, wie es starb. Nachdem sie ihren toten Sohn noch einmal, wie so oft in den letzten Monaten, gewaschen, ihm die neuen Kleider angezogen hatte – sie musste sich dabei gegen eine Krankenschwester behaupten, die ihr diese Arbeit nicht alleine überlassen wollte -, musstesie das Krankenhauszimmer, in dem sie mit ihm seine letzten Stunden verbracht hatte, verlassen. Das tote Kind blieb dort alleine liegen. Als sie ihn dann im Sarg in dieser Kammer wiedersah, hat sie ihn fast nicht mehr erkannt. Es war, sagte sie, nicht mehr mein Kind. Auch ich hatte ihn anders in Erinnerung. Seine Behinderung war ihm fast nicht mehr anzusehen. Ich hatte zu diesem Kind erst spät einen Zugang gefunden, erst nach dem Unfall, als er nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen, nicht mehr schlucken konnte. Sein Mund war leicht geöffnet, das eine Auge nicht ganz geschlossen. Unsere Mutter hatte bemängelt, dass man das nicht ordentlicher gemacht hatte. Die Mutter des toten Kindes hatte darauf nichts erwidert und daran gedacht, dass er immer auf diese Weise geschlafen hat, mit leicht geöffnetem Mund und nicht ganz geschlossenen Augen. Als sie vor drei Tagen sehr früh am Morgen mit dem Kind in die Klinik gekommen war, hatte man ihr gesagt, sie solle sich nichts vormachen, diesmal würde er sterben. Das hatte man ihr hier oft gesagt, deshalb gab sie nichts darauf. Eineinhalb Jahre lang hatte man sie mit den Resten seines Lebens alleine gelassen, es war ihr nichts anderes übrig geblieben, als die Kompetenz darüber zu erwerben. Im Lauf des Vormittags in der Klinik wurde ihr dann klar, dass die Ärzte diesmal mit ihrer Prognose Recht behalten würden. Aber um das zu verstehen, brauchte sie keine Ärzte. Sie entfernte die verrutschte Magensonde, als sie begriff, dass er sie nicht mehr brauchte. Er sah mich an, sagte sie, als wolle er mir sagen, lasse mich gehen, bitte. Er war ganz wach, ganz klar, wie nie mehr seit dem Unfall. Das war, sagte sie, der erste Schub, als mir das klar wurde. Der zweite Schub kam, als er dann wirklich gestorben war. Und dann wollte ich ihn möglichst bald beerdigen, ein Wochenende auf diese Weise von ihm getrennt, das hätte ich nicht ertragen. Die Totenglocke begann zu läuten. Wir hatten unsere Hände voneinander gelöst, unsere Verbundenheit konnte nicht dauern, ein Zwischenspiel nur, aber immerhin. Ich war zurückgetreten, neben die Tür in den Vorraum, um anderen Platz zu machen. Der Vater des toten Kindes stand nun am Fußende des Sargs. Die Verwandten betraten nacheinander den Raum. Die auf dem Vorplatz Wartenden wurden unruhig, die Zeremonie musste gleich beginnen. Der Vater des Vaters des toten Kindes suchte nach jemandem, um den Sarg zu tragen. Immer wieder hörte man die Stimme unserer Mutter. Die Brüder des toten Kindes gerieten in leise Panik, immer öfter rannte der kleinere hinein in die Kammer und sofort wieder hinaus. Der Größere, obwohl er sich schon am Morgen von seinem Bruder verabschiedet und ihn danach eigentlich nicht mehr hatte sehen wollen, kam doch noch einmal herein. Seine Beine drohten bei jedem Schritt abzubrechen. Neben der Tür stehend sah ich, wie die Urgroßmuter des toten Kindes in der grellen Sonne über den Vorplatz kam, mit Stock und Hut, mit ihrem starren, staksigen Gang. Ihre Tochter, unsere Mutter, umkreiste sie aufgeregt, half ihr aber nicht über die vereisten Stufen zur Leichenhalle. Dann stand die Urgroßmutter vor dem toten Urenkel. Ich sah, dass die Naht am Kragen ihres Persianermantels aufgeplatzt war. Als ich so klein war wie die Brüder des toten Kindes heute, war ich von dieser Frau in der Wohnung von Verwandten in ein Zimmer gezerrt worden, in dem ein Kind aufgebahrt lag. Die Großmutter hatte mich gedrängt, das fremde Kind anzufassen. Deswegen war es später zu einer Auseinandersetzung zwischen Mutter und Großmutter gekommen. Das nicht ganz geschlossene Auge des toten Kindes war irritierend, wider besseres Wissen erwartete ich die Bewegung, durch die es wieder ganz geöffnet wäre. Unser Vater kam erst jetzt in die Kammer, allein, ohne seine Frau. Er hatte immer eine Scheu vor Toten. Der Vater des toten Kindes stand neben seiner immer noch sitzenden Frau, unser Vater zu Füßen des toten Kindes. Draußen suchte aufgeregt seine Frau nach ihm. Er blieb, bis der Sarg geschlossen wurde und die Zeremonie begann, und an dieses Ende gelangt, wusste Hanna nicht, was ihr die Übung nützen würde.

 

 

 

 

 

23

Ich verstehe das selbst nicht, sagte er, ich liebe dich, wirklich, solange du nicht da bist. Aber sind wir zusammen, dann halte ich dich nicht aus, du wirst das nicht verstehen.

Ich verstehe dich, sagte Hanna, ich kenne mich, mir geht es nicht anders mit mir.

 

 

 

 

 

24

Immer vergaß Hanna, eine Frage zu stellen, und dadurch wurde sie zur wichtigsten überhaupt. Wie verlässt man eine Wohnung, wenn man sie für immer verlässt, ohne ordentliche Kündigung, einfach so? Sicher, es gibt Unterschiede, Mutter, du warst damals noch ein Kind, andere hatten entschieden, dass ihr zu gehen hattet, Vertreibung hieß das, die Russen sollten kommen. Wie ging das vor sich? Geschah es nach dem Frühstück? Habt ihr den Tisch abgeräumt, Geschirr abgewaschen? Wurde die Tür ordentlich abgeschlossen? Oder habt ihr den befürchteten Vandalismus des Feindes vorweggenommen, euch selbst einen Anfall von sonst mühsam in Schach gehaltener Zerstörungslust gestattet? Das Geschirr zu Boden geschmettert, den Tisch nicht abgewischt, die Tür blieb weit offen? Dem anstürmenden Feind das Vergnügen an gewaltsamem Eindringen verwehrt?

Das fragte Hanna nie, es ging um Vertriebene, arm dran und bedauernswert, die wollten vergessen, da stellte man keine Fragen. Nun war es zu spät, die Antwort überflüssig. Hanna floh vor keinem Feind, sie ging nur. Was sie zurückließ und wie, das spielte keine Rolle, sie ging, und ihr fiel etwas ein, keine Geschichte von anderen, sie wollte nicht daran denken, erschrak, dachte weiter und dachte ich und mein und mir.

Mein Großvater war der schwarze Mann auf dem Bild im Schlafzimmer der Großmutter. Im Krieg gefallen, mehr war nicht zu erfahren, und viel später erst bekam ich heraus, er war SS-Mann. Man hat ihn gezwungen, hieß es, doch das entspricht nicht den Fakten, die mir seit Jahren vertraut sind. Doch mit den Fakten allein war es nicht auszuhalten, zu lange hatte ich mir andere Vorstellungen gemacht, und nun der SS-Mann.

Gespräche in der Küche, ich war ein Kind, es war ihnen recht, dass ich den Dialekt nicht verstand. Oder war es gar eine Sprache, die sie heute zu kennen leugnen? Ich habe den Klang in den Ohren, und dazu der Name der Großmutter, ist das nicht jiddisch, zigeunerisch doch bestimmt. Und dann entstand mir die Vergangenheit, wie sie mir passte, der Großvater bei der SS, ja, aber das ist Tarnung, er will die Familie retten, ein tollkühner Plan, ich zog und zerrte an den Fakten, ja, nun haben sie Sinn, und viel später erschrak ich über meine Erfindung, beste deutsche Nachkriegstradition. Er war SS-Mann, so wenig gezwungen wie andere, zu tarnen gab es nichts.

So blieb auch diese Familie sich treu. Nach dem nationalen Inzest aus weltreinigenden Gründen der übliche familiäre. Den musste man noch nie begründen.

Hanna dachte ich, mein und mir und fand heraus, was sie nicht herausfinden wollte, und da entstanden ungewollte Anzeichen von Sinn. Aber für wen?

 

 

 

 

 

25

Die Stadtstreicherin atmete, sonst tat sie nichts. Die Geräusche der Stadt waren nichts in diesem Atmen, ihr Atmen keuchte den Lärm der Stadt. Sie ließ sich nichts anmerken, sie hörte die Schritte der Näherkommenden. Die flüsterten miteinander, sie atmete, sonst nichts.

Ist sie tot, fragte der eine. Natürlich nicht, der andere seufzte. Also was ist dann mit ihr, wenn sie nicht tot ist? Nichts. Sie schläft. Sonst nichts? Sie stinkt. So eine Sauerei. Was machen wir jetzt?

Na was schon. Unsere Arbeit.

Die Stadtstreicherin kannte diese Männer und ihre Arbeit, es ging dabei nur um sie. Sie wollte ihre Aufmerksamkeit nicht, doch sie stellte ein Problem dar, eine Ordnungswidrigkeit und auch eine Attraktion, sie ging auf die Straßen, um nirgends und nichts zu sein, und nun das.

Der Atem der Stadtstreicherin verkroch sich hinter den Geräuschen der Stadt, wie weit denn noch musste sie gehen, bis sie keinen mehr störte? Sie ging keinen Schritt, sie blieb liegen.

Sie macht was, glaubte einer der Männer zu bemerken.

Der andere hatte Zweifel, was macht so eine schon? Die Augen auf. Tatsächlich. Pünktlich wie immer.

Ist es schon halb drei? Auf die Minute. Pass auf! Verdammt noch mal. Hat sie dich getroffen? Und wie! Die spuckt wie ein Lama.

Alles wie immer, stellte der eine fest, er blätterte in Papieren. Wochentag, Uhrzeit, Straße – die funktioniert wie eine Maschine. Und wie lange, nörgelte der andere, wollen wir das noch überprüfen?

So lange, bis wir ganz sicher sind. So lange, bis wir was finden. Eine Unregelmäßigkeit, eine Abweichung vom Programm. Etwas Menschliches eben. Sie ist schließlich ein Mensch, oder? Die anderen nennen sie Hanna, soviel steht wenigstens fest. Den Rest kriegen wir auch noch raus, eine Frage der Zeit.

Da kicherte die Stadtstreicherin, erst leise, dann lauter, dann tat sie den Männern den Gefallen, sie formte aus dem Kichern ein Lied, den Männern kam es bekannt vor. Die Stadt hielt ganz kurz den Atem an.

Ist das nicht aus einer Oper? fragte der eine Mann. Carmen oder so, die Frau, die –

Die Sirene eines Krankenwagens verschluckte seine Worte und das kichernde Lied der Stadtstreicherin, ihre Füße zuckten, träumte sie jetzt einen Tanz?

Das kam mir bekannt vor, wiederholte der Mann. Der andere blieb bei seinen Zweifeln, das kommt dir nur so vor. Nein, ich bin mir sicher.

Sicher ist nur – die macht sich einen Spaß mit uns.

Wir sind aber noch im Dienst.

Der Atem der Stadt gab der Stadtstreicherin einen Ton, einen nur, aber einen, der sie trug.

Schläft sie, fragte der Mann noch einmal. Der andere wusste keine Antwort, jedenfalls nicht so genau. Stinkt sie, fragte daraufhin der eine, der andere witterte, roch nichts, sagte nein. Nicht ein bisschen? hoffte der eine.

Der andere hatte wieder nicht mehr als ein Nein.

Was dann? Was ist los? Der andere zuckte die Schultern, sie ist tot, vielleicht. Sauerei, schimpfte der eine, was machen wir jetzt?

 

 

 

 

 

 

2

Warum, fragte er, bist du so ungeduldig, so kurze Zeit, wie wir uns kennen, was drängt dich denn da?

Eben dass wir uns, antwortete sie, so kurz erst kennen. Was jetzt nicht anders wird, sofort, wird nicht mehr anders.

Aber, sagte er, ich will mit dir schlafen.

Das, Hanna lachte, wird uns nicht weiterhelfen.

Und was, fragte er, wird nun aus uns?

Sie sagte, nichts mehr, das war es.

 

 

 

 

 

27

Hanna erzählte eine Geschichte zuviel. Sie habe damals gleich gewusst, dass sie damit zu weit ging. Womöglich wollte sie, dass endlich alles herauskommt. Was das sein könnte, alles, wusste sie vermutlich selbst nicht genau. Sie war sieben. Einige Tage zuvor hatte die jüngere Schwester von einem Mann erzählt, den sie auf dem Weg zum Kindergarten traf. Er öffnete seinen Mantel vor ihr, darunter hatte er nichts an. Die Mutter reagierte auf diese Erzählung ungeheuer aufgeregt und forderte abends den Vater auf, etwas zu unternehmen. Weder sie noch die Schwester verstanden die Aufregung. Man prägte ihnen wieder einmal ein, niemals mit fremden Männern mitzugehen. Sie konnte diesen Vorfall nicht mehr vergessen. Vielleicht wollte sie ja nur den Grund für die Aufregung verstehen. Jedenfalls erzählte sie der Mutter bald darauf, was ihr auf dem Weg zum Religionsunterricht passiert sei. Dass es ausgerechnet der Weg zum Religionsunterricht war, auf dem sie diese Geschichte spielen ließ, wurde ihr später ganz besonders angekreidet. Sie erfand damals ständig Geschichten, oft wusste sie selbst nicht mehr, wann und wo die Wirklichkeit in Erfindung überging. Noch vor dem Mittagessen erzählte sie also der Mutter, da stand vor dem Supermarkt ein großes schwarzes Auto. Darin saß, auf dem Rücksitz, ein Mann. Der öffnete, gerade, als sie an dem Auto vorbeiging, die Tür. Er sprach sie an. Er versuchte, sie auf den Rücksitz zu ziehen. Vielleicht war sie sogar auf diesem Rücksitz, das wüsste sie nicht mehr so genau. Es gelang ihr dann, dem Griff des Mannes zu entkommen. Dann ging sie ganz schnell in den Religionsunterricht. Die Mutter fragte mehrmals, ob das auch stimme. Was der Mann gesagt habe. Was auf dem Rücksitz geschehen sei. Die Mutter sah sie immer wieder so merkwürdig an. Sie regte sich nicht so auf wie nach der Geschichte, die die Schwester kurz zuvor erzählt hatte. Die Mutter forderte sie auf, sich alles noch einmal ganz genau zu überlegen. Abends müsse sie alles dem Vater erzählen. Dann kümmerte sich die Mutter um das Mittagessen, als sei nichts geschehen. Sie kann sich nicht mehr erinnern, wie sie den Nachmittag verbracht hat. Sie fürchtete sich vor dem Moment, wo der Vater nach Hause kommen würde. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Mutter erwähnte die Sache nicht mehr, sah sie aber immer wieder so merkwürdig an. Abends erzählte die Mutter dem Vater alles, noch bevor dieser sein Jackett ausgezogen hatte. Sie erinnert sich genau an dieses Jackett, das Muster nennt man Pfeffer und Salz. Sie sieht noch vor sich, wie der Vater dieses Jackett auszieht und an die Garderobe hängt. All das spielte sich im Flur der Wohnung ab, sie schaute vom Kinderzimmer aus zu. Der Vater rief dann nach ihr, in dem Tonfall, in dem er abends immer nach ihr rief, nachdem die Mutter ihm von den strafwürdigen Vorfällen des Tages berichtet hatte. Er forderte sie auf, sich vor ihn hinzustellen und ihm in die Augen zu sehen. Er befahl ihr, die ganze Geschichte noch einmal zu erzählen. Sie erinnert sich noch genau an seine Augen, und dass sie erwartete, sie würden ihm vor Wut gleich aus dem Kopf fallen. Es war auch noch etwas wie Angst in seinen Augen. Sie erzählte ihm die Geschichte noch einmal, er unterbrach sie ständig mit Fragen. Dadurch kam sie aus dem Konzept. Er fragte sie, ob das alles wahr sei. Ja, hat sie gesagt. Darauf nahm er das Jackett wieder von der Garderobe und zog es an. Wenn alles wahr ist, sagte er, dann müssen wir jetzt zur Polizei gehen. Sie antwortete, ja, wir müssen zur Polizei gehen. Sie bemühte sich sehr, seinem Blick standzuhalten. Er fragte, wie der Mann aussah. Er trug, antwortete sie, ein Jackett wie du. Der Vater atmete schwer. Ob sie wisse, was sie da sage. Die Mutter sah, unter der Tür zur Küche stehend, schweigend zu. Es war nicht eindeutig, ob die Mutter, wie sonst, auf der Seite des Vaters stand. Es könne sein, dass die Mutter die Entscheidung über alles Weitere ihr überlassen wollte. Der Vater packte sie am Arm und sagte, er frage jetzt zum letzten Mal, ob das alles wahr sei. Der Vater keuchte dabei. Sein Blick erinnerte an ein wildes Tier, einen Büffel vielleicht, den kein Tanz mehr lockt. Sie konnte diesem Blick nicht standhalten, noch dazu unter den Augen der Mutter. Sie gestand, dass die ganze Geschichte erfunden sei. Sie spürte, wie sie ins Bodenlose fiel. Der Vater schüttelte sie dann hin und her. Er geriet völlig außer sich. Er begann sie zu schlagen. Die Mutter schaute noch immer schweigend zu. Man schickte sie dann ohne Abendessen ins Bett. Sie wusste, dass das noch nicht das Ende war. Sie lag wach im Bett, später kam ihre Schwester. Die Schwester wollte wissen, was denn geschehen sei. Sie wusste nicht, wie sie das erklären sollte. Die Schwester war deshalb gekränkt. Sie hörte dann die Eltern im Zimmer nebenan reden. Dann rief der Vater nach ihr, in diesem Ton, der schwer zu beschreiben sei. Äußerste Wut und Verachtung klangen in diesem Ton, so, wie man unter Umständen vielleicht einen Hund rief. Bei ihrem Namen war das relativ leicht, sie hatte das als Kind manchmal ausprobiert. Sie folgte der Aufforderung des Vaters. Offenbar hatte die Mutter ihm inzwischen andere Geschichten erzählt, die ihr auch nicht glaubwürdig erschienen waren. Der Vater konnte jedenfalls von diesen Geschichten nur von der Mutter wissen. Nun gab er diese Geschichten, eine nach der anderen, sehr verkürzt wieder und fragte anschließend, ob sie wahr wären. Darauf antwortete sie jeweils mit Nein. Darauf schickte der Vater sie wieder ins Bett. Nach einer Weile rief er sie wieder, konfrontierte sie mit einer anderen Geschichte. Sie hat sich gewundert, dass nach dieser letzten Geschichte von heute Mittag die vielen anderen überhaupt noch ins Gewicht fielen. Die seien nämlich ganz harmlos gewesen, im Vergleich zu dieser letzten Geschichte völlig unbedeutend. Aber die Eltern nahmen nun jede einzelne kleine Geschichte sehr wichtig, wichtiger als diese letzte Geschichte. Das ging so die ganze Nacht über. In den Phasen, in denen sie im Bett lag und darauf wartete, wieder ins Wohnzimmer befohlen zu werden, überlegte sie fieberhaft, was wohl als nächstes aufgedeckt würde. Sie überlegte, ob sie nicht einige der Geschichten retten könnte. Immer wieder riefen die Eltern sie zu sich. Sie hatte das Gefühl, dass am Ende der Nacht nichts mehr von ihr übrig sein wird. Irgendwann war sie sehr müde, aber die Eltern ließen nicht locker. Sie gestand schließlich auch Dinge, die wirklich passiert waren, als Erfindung ein. Sie dachte, dass nun wirklich alles zu Ende war. So, wie sie zuvor oft nicht genau wusste, wo die Wirklichkeit in Erfindung überging, befürchtete Hanna nun, dass alle ihre Erfindungen Wirklichkeit wären. Sie war sich nie mehr sicher, ob es sie überhaupt gab.

 

 

 

 

 

28

Ich treffe andere, die leben wie ich, jenseits der Türen. Doch das sieht nur so aus, sie träumen von Rückkehr in die Gehäuse der Norm. Sie haben ihre Regeln wie die in den Häusern, und sie halten sie ein, eisern. Muss ich ihnen einen solchen Traum erfinden, einen für mich, damit sie mich ertragen? Noch haben sie Geduld mit mir, aber wie lange noch. Sie wollen tanzen, sie müssen, und wer müsste ich sein, um –

 

 

 

 

 

 

 

29

 

Aber ich wünsche mir, was ich nicht kenne, auch wenn ich noch immer nicht weiß, wie das geht. Gut möglich, es ist nur ein Tanz, noch einer.

Udo Klückmann
Udo Klückmann, o.T., Collage, 1997