Karla kocht

1. Kapitel

„Muß das sein?“
Karla grinste, als ihre Erwartungen sich so prompt erfüllten. Mit genau dieser Frage war nämlich zu rechnen gewesen. Ihre Mutter stellte sie, Mitte Sechzig, tonnenförmig vom Hals bis zum Becken, die Beine aber tiptop, und im blondierten Haar sprang keine Locke aus der Reihe. Ihr gereizter Blick galt dem schweren Topf auf der hinteren Herdplatte, ein riesiger Topf, verbeult, mit verkrusteten Rissen. Was darin kochte, verströmte einen dumpf süßlichen Geruch.
„Ja, das muß sein.“
Es war genau die Antwort, die Karla ebenfalls kannte. Ihre Großmutter saß auf der Holzbank am Fenster, schwarzhaarig, knapp zwanzig Jahre älter als ihre Mutter. Sie hielt sich sehr gerade, das betonte ihre knochige Gestalt, wie die straff am Hinterkopf verknoteten Haare das Männliche in ihrem Gesicht. Die Hände im Schoß gefaltet, saß sie nur da, tat nichts und hatte doch fraglos die Kontrolle über alles, was in dieser Küche geschah. Auf dem Hocker vor ihr reihten sich Messer, klein, mittel, groß. Natürlich entschied sie, den Wetzstein in der Hand, auch über den schweren Topf auf dem Herd, Rüben schmurgelten da seit dem frühen Morgen schon vor sich hin, um das Schweinefutter kümmerte sie sich noch immer allein.
Es war das Schwein der Großmutter, ein einziges nur noch, für das die Rüben im Topf zu Brei wurden. Sie nannte es Franz, obwohl es weiblich war. Mit einigen Hühnern zusammen garantierte es so eben noch, das Haus, in der sich die Küche befand, als Teil eines Bauernhofs durchgehen zu lassen.
„Muß das jetzt sein? Es ist schon spät“, erinnerte Karla. Sie saß vor Gemüsebergen am Tisch zwischen Herd und Bank, Mitte Zwanzig war sie, das rotblonde Haar eine wild gekrauste Flut. Oft hatte es Anlaß zu Spekulationen gegeben, hinter vorgehaltener Hand, solches Gelock kam in der Familie eigentlich nicht vor. Vor Karla auf dem vielfach gekerbten Tisch lag ein helles Brett, in ihrer Hand ein Messer, lang wie ihr Unterarm. Sie schnitt Gemüse klein, das Übliche, Zwiebeln, Mohrrüben, Sellerie, Lauch. Sie war die Jüngste in der Küche, Karla Wandel, und weil sie heute aller Voraussicht nach zum letzten Mal in dieser Küche stand, zwischen diesen beiden Frauen, wollte sie verhindern, daß es auch heute zum üblichen Streit zwischen Mutter und Großmutter kam. Denn drei Generationen in einer einzigen Küche, das sorgte zwangsläufig dafür, daß nicht nur der Geruch aus dem Schweinetopf ätzend dumpf, die Blicke der drei Frauen spitz durch den Raum gingen.
„Heute nicht“, wiederholte Karla fast flehentlich, „wir haben noch so viel zu tun!“
„Gerade wenn es spät ist, hat Eile noch nie geholfen. Mit so einem Messer schon gar nicht.“
Karla bei ihrem Gemüse seufzte ergeben, stand auf, gab der Großmutter das Messer. Auf diese Weise war das in der Küche oft geschehen, es war alltäglich, ein Ritual. Karla kannte es, glaubte es zu durchschauen und wollte ihm entkommen, möglichst bald.
Pschitt pschirr pschitt, begann die Großmutter das Messer zu wetzen, geübt, konzentriert und doch so, als atme sie nur ein und wieder aus. Karla konnte sich die Großmutter nicht ohne dieses Geräusch denken, der gleichmäßige Rhythmus korrigierte das Geklapper der Mutter mit den Töpfen am Herd, den Regen draußen, der mal mehr, mal weniger heftig ans Fenster schlug. Pschitt pschirr pschitt, das allein ergab einen Takt, alles andere war Willkür in Großmutters Augen, der Herrin über die Messer.
„Möchte wissen, ob es was taugt“, sagte Karlas Mutter am Herd und beäugte den Klumpen Fleisch in der Schüssel.
Die Großmutter kicherte, sie wetzte weiter, pschitt pschirr. „Wenn wir selber noch Vieh hätten im Stall, wüßten wir es. Aber so … Mußt es halt nehmen, wie es kommt.“ Sie wandte den Kopf zu Karla, die gereizt aus dem Fenster schaute, dort erst die Regentropfen sah, dann das winterlich karge Land, knorrige Schlehen drüben am Weg, Nebelfetzen rissen sich an ihnen auf. „Das andere Messer!“
Darauf hatte Karla nur gewartet, auch heute war Widerspruch zwecklos. Sie ging zur Mutter hinüber, das Messer, länger als das fürs Gemüse, nachgiebig schwingend, schmal und spitz, lag zwischen Fleisch und Gewürzen, pschitt pschirr, übernahm es die Großmutter, ihre Wangen röteten sich, pschitt pschirr, etwas wie Leidenschaft machte ihr Gesicht jung.
„Das wäre nicht nötig gewesen“, brummte die Mutter, als Karla ihr das Messer zurückbrachte. In einem Topf vorn auf dem Herd begann das Wasser schon leise zu köcheln. Sie versenkte das Fleischstück darin.
„Von dir werde ich mich belehren lassen!“ Die Großmutter lehnte den Kopf an das Fenster hinter der Bank, beschlagen vom Schweinefutterdampf. Nur kurz ruhte sie sich aus. Dann spürte Karla den großmütterlichen Blick wieder auf sich, voll zufriedener Gewißheit, daß Karla die winzigen Gemüsestücke nur deswegen so flink und gleichmäßig von der Schneide hüpften, weil für die nötige Schärfe gesorgt war.
Ohne hinzuschauen wußte Karla aber auch, wie geringschätzig diese Augen dreinsahen, sobald sie zu noch einer Wurzel griff, bräunlich gelb, seidig schimmernd, wie zarte Haut lag der Ingwer in der Hand, für den Blick aber war er schrumplig, verwachsen.
„Neumodischer Kram“, schnaubte die Großmutter Verachtung aus.
Karlas Mutter am Herd fuhr prompt herum. „Ich mach das so, seit ich denken kann. Es geht heut um meine Tochter, also halte du dich heraus!“ Die Butter in einem zweiten Topf zischte, sie gab die rotglänzenden Knollen hinein, die ihre Hände sofort färbten, streute geschroteten Pfeffer darüber, Safran, weit mehr als die sprichwörtliche Messerspitze, wirbelte die Knollen herum, löschte mit Essig, stellte die Flamme kleiner, sobald die brodelnde Brühe blasig verdampfte.
„Streitet nicht, es ist schon spät“, bat Karla noch einmal und öffnete vorsorglich schon den Rotwein.
„Hier streitet doch keiner“, behauptete die Großmutter, den Wetzstein noch immer in der Hand.
„Der Wein!“, verlangte die Mutter, entriß Karla die Flasche und goß die Hälfte des Inhalts über die Knollen. Dann verrührte sie Tomatenmark in den Sud, warf händeweise Rosinen hinterher.
Karla ging zurück zum Tisch, hackte den Ingwer auf Haaresbreite, längs, kreuz und quer.
„Etwas Rotes muß es sein, etwas aus der Erde. Und etwas Heißes vom Tier, aus dem Inneren. Nicht zu vergessen etwas, das die Sauce aufsaugt, es wäre ja schade um sie …“ Es klang, als würde die Großmutter singen, ein Kinderlied nach dem Rhythmus des Pschittpschirr, der auch jetzt noch die Küche erfüllte.
„Hör auf mit dem Singsang!“ verlangte die Mutter. „Wir kochen, deine Märchen kannst du später erzählen.“
Aber vielleicht war hier Kochen und Märchenerzählen eins? Karla sortierte das Gemüse nach Sorten auf Teller, versenkte den Abfall im Eimer fürs Schwein, ihre Mutter füllte den Topf mit den Knollen mit Wasser auf.
„Jetzt der Ingwer!“
Karla stand schon bereit.
„Etwas Rotes muß es sein“, summte die Großmutter, als Karla zum Schrank ging.
Er war blitzblank, polierter Edelstahl, viel zu groß für die Küche, wie noch einiges andere, was aus dem Restaurant der Eltern gerettet worden war und sich absurd zwischen abgescheuerte alte Holzmöbel zwang und anderes, was aus den sechziger Jahren stammte, Resopal in Orange und Braun. Karla nahm eine gußeiserne Pfanne heraus.
„Dafür ist es noch zu früh“, kritisierte ihre Mutter und schob Karla beiseite, als sie ebenfalls an den Herd treten wollte. Mit einem Hüftschwung verteidigte sie ihren Platz, weich und energisch zugleich.
„Das Gemüsemesser noch einmal, wenn du jetzt fertig bist!“ verlangte die Großmutter, und als Karla es ihr reichte, zischte es wieder, pschitt pschirr, „und etwas Heißes vom Tier, aus dem Inneren“, sang die alte Frau dazu.
Karla beobachtete ihre Mutter, diese wiederum den Fleischklumpen im aufschäumenden Wasser, die Eiweißflocken, die er ausstieß. Ihre Haare im Nacken verloren im Dampf ihre Lockenform, standen waagrecht.
Nur das Geräusch des Messerwetzens, sonst war es still, so daß Geräusche aus einem Nebenraum laut wurden, eindeutig, um was es dabei ging.
Daß ihr das nicht peinlich ist, dachte Karla und bewunderte Ute gleichzeitig auch. Die Cousine der Mutter traf sich nur noch in diesem Haus mit ihrem Exmann, stritt zuerst jedesmal um dieselben Dinge mit ihm wie zur Zeit ihrer Ehe, bis dann beide in jenem Zimmer verschwanden. Dort ging es jetzt so hoch her, daß für einen Moment alles in der Küche erstarrte, Dornröschenhauch: kein Hacken, kein Rühren, kein Messerwetzen mehr. Nur die Gerüche aus den Töpfen hielten dem Stöhnen von nebenan stand.
Nicht lang, dann war das vorbei, wie ein Spuk, pschitt pschirr, das Messer wurde wieder gewetzt, Karla stellte mehr Gewürze in Reichweite ihrer Mutter, und diese strich sich die Haare glatt.
Wieder nicht lang, dann ließ sich Ute in der Küche sehen, kein bißchen verlegen, der Morgenmantel verbarg kaum ihre üppige Gestalt. Sie ging barfuß, ihr strohblondes Haar war zerzaust, hektische Röte zeichnete das Gesicht der bald fünfzigjährigen Frau. Ob Mutter neidisch ist? fragte sich Karla.
„Es ist die Landluft!“ rief Ute übertrieben laut. „Wir haben solchen Durst.“ Sie ließ offen, ob der Durst auf die Landluft zurückzuführen sei oder das, was in der Kammer geschah.
Dann füllte sie Wasser aus dem Hahn in einen Krug, die Spüle hatte einst in einer Großküche gestanden. Gierig trank sie einen ersten Schluck gleich aus der Hand. „Wie riecht es denn hier?“ Sie verzog das Gesicht, verschwand.
„Wenn sie ihn früher so rangelassen hätte, wäre sie heute nicht geschieden“, bemerkte die Großmutter.
„Früher war es Pflicht, heute ist es Vergnügen“, bemerkte Karlas Mutter spitz, und Karla überlegte, ob die beiden Sätze beim letzten Mal nicht anders verteilt gewesen waren, der erste der Mutter, der zweite der Großmutter über die Lippen gekommen war.
Aber das nahm sich nichts, führte zu keinem anderen Ergebnis, pschitt pschirr, beendete die Großmutter die Diskussion, und die Mutter wies mit dem Kinn auf die Pfanne.
Karla war wieder dran. Sie ließ Öl in der Pfanne heiß werden, während ihre Mutter den Fleischklumpen abgoß, braungrau sah er inzwischen aus, gesprenkelt mit Eiweißflocken. Als die Mutter ihn mit kaltem Wasser abschreckte, schien er zu schrumpfen. Karla gab das Gemüse ins Fett, rührte, nichts durfte anbrennen. Ihre Mutter setzte noch einmal Wasser auf, warf Lorbeerblätter hinein, Piment und Pfeffer, mit der Hand bemessenes Salz, Karla fügte das Gemüse hinzu.
Ihr stand jetzt die nächste Hilfsarbeit bevor, also zurück an den Tisch, diesmal mit einer Schüssel, mit Mehl, Öl und Salz. Von allen im Raum hatte sie die beste Ausbildung hinter sich, bescheinigt durch ein Diplom, aber hier half ihr das nichts, hier war sie zwar nicht Aschenputtel, aber die Jüngste. Mutter und Großmutter sahen zu, wie sie sich die Hände anfeuchtete und zu kneten begann.
Karla rechnete mit Kommentaren, ähnlich wie vorhin beim Ingwer, nur mit anders verteilten Rollen diesmal. Denn Karlas Elternhaus befand sich auf der Schwäbischen Alb, deshalb hätte die Mutter gern andere Teigwaren zur Sauce gereicht, die landesüblichen, von Hand geschabt, in dieser Kunst wurde sie von keinem erreicht. Aber Karla hielt es in diesem Fall mit der Großmutter, die jetzt zu erzählen begann, wie früher ihre Großmutter, daheim im Ungarischen, einmal wöchentlich die Nudeln gemacht hatte, über der Wäscheleine wurden sie zum Trocknen aufgehängt.
„So frisch taugen sie nämlich nichts“, rief sie Karla zu.
Die zuckte die Schultern. „Sie werden dir schon schmecken heut Abend.“ Für diesmal war sie entschlossen, auf einer Neuerung von ihrer Seite zu bestehen. Frisch schmeckten die Nudeln eindeutig besser, und es ging ihr ja nicht darum, den Wochenvorrat für eine Familie zuzubereiten. Der Teig lag ihr gut in den Händen. Sie ließ einen Teil der Spannung, die sich zwischen den dreien in der Küche angesammelt hatte, an ihm aus. Ihn zu schlagen, bis er ganz glatt war, ging besser mit einer gehörigen Portion Zorn.
Die Mutter konnte nun eine gute Stunde ihre Töpfe sich selbst überlassen, auf kleiner Flamme, den mit dem Fleisch wie den mit den violettroten Knollen. Aufatmend lehnte sie sich an die Arbeitsplatte neben dem Herd, entzündete sich eine Zigarette und fand so die Muße, der Tochter so kritisch zuzusehen, wie es die Großmutter tat beim unaufhörlichen Wetzen der Messer.
„Zu viel Wasser“, bemerkte die Mutter.
„Nein, zu wenig Öl.“ Der Widerspruch kam prompt, von pschitt pschirr unterstrichen.
Karla verkniff sich jedes Wort, trieb ihre Wut in den Teig, ließ ihn Blasen schlagen. Es war gut, daß jetzt ein Mann in die Küche trat, großgewachsen, hager, das spärliche Haar grau, Karlas Vater.
„Schon so früh?“ Ihre Mutter zog eine Braue hoch.
„Bei dem Wetter hätte ich gleich daheim bleiben können“, schimpfte er und trat ans Spülbecken. Schon vor Karlas Geburt war im Haus ein Bad eingebaut worden, die Wände gefliest, ein dreiflügeliger Spiegel. Aber weil das trotz allem noch immer ein Bauernhaus war, wusch sich ihr Vater jetzt dort an der Spüle die Hände, umständlich und in der gleichen Haltung wie früher sein Vater.
„Es regnet Bindfäden“, schimpfte er weiter. „Da kommt niemand zur Höhle, meine Bratwürste kannst du dem Schwein geben.“ Er hatte einen flüchtigen Blick für die Schwiegermutter.
„Untersteh dich!“ protestierte sie prompt und stand auf, entschlossen, ihren Topf auf dem Herd zu verteidigen. „Bratwürste, beim Großhandel gekauft, so weit kommt es noch!“
Auch Karla hatte für derartige Fertigprodukte nur Verachtung übrig, für den Imbißstand draußen an der Höhle sowieso. Ihre Eltern hatten ihn eröffnet, nachdem sie das gutbürgerliche Ausflugslokal hatten schließen müssen. Weil die Leute fürs Essen nichts ausgeben wollen, erklärten sich die Eltern das Scheitern, für das Karla allerdings andere Gründe fand. Ihre Eltern konnten sich einfach nie auf etwas einigen, auch nicht, wenn es darum ging, ob das Hirschgulasch in Butter, Öl oder Schmalz anzubraten sei. Die Folgen lagen jedermann unangenehm auf der Zunge. Touristen abfüttern, nannte Karla den jetzigen Broterwerb ihrer Eltern, die Tropfsteinhöhle zog Wanderer in Massen an, ganze Busse machten dort halt. Aber im Moment sagte sie das lieber nicht laut. Es lag sowieso schon ein Knistern in der Luft, auch als der Vater sich jetzt brummelnd verzog, auf ein Bier und einen Schnaps drüben im „Hirsch“.
„Komm aber rechtzeitig!“ rief die Mutter ihm nach. „Du weißt ja, worum es heute geht!“
Wie soll er das nicht wissen, dachte Karla. Für ihn ist ja auch einmal so gekocht worden, am Tag, als er um die Hand ihrer Mutter anhielt. Bis auf die Knollen wurde damals dasselbe serviert, gewisse Variationen ließ das Familienrezept durchaus zu. Er hatte Karla oft erzählt, wie aufgeregt er gewesen war damals, wie er fraglos geschluckt hatte, was auf dem Teller lag, ohne zu wissen, was es war. Fremd hatte es geschmeckt, aber gut, er hatte gegessen, geheiratet, und dann war alles wie immer.
Wie immer, schoß es Karla durch den Kopf, als sie am Teig nichts mehr auszusetzen fand, immer hat das Familienrezept zu Heirat, Ehe und Kindern geführt, zu Rezeptvarianten. Aber die Ehen, erkannte Karla mit Teigresten unter den Nägeln und gehörig erschrocken, früher oder später rissen die Männer aus, für immer oder doch zeitweilig, wie ihr Vater, der erst seit ein paar Jahren wieder im Haus war. Was er und wo auf der Welt getrieben hatte, darüber wurde nicht geredet, jedenfalls nicht laut, und Karla erschrak jetzt doch sehr.
„Das wär ja noch schöner“, ließ sich die Großmutter vernehmen, „wenn er an so einem Tag zu spät käme! Wo es um die Zukunft seiner Tochter geht!“
Denn genau darum ging es heute. Ein Mann wurde zum Essen am Abend erwartet, der, den Karla heiraten wollte und an dem, überraschend genug, auch niemand sonst etwas auszusetzen fand. Um ihn endlich zur entscheidenden Frage zu bewegen, köchelte dort auf dem Herd das Rote und das Innere, die größte Arbeit war inzwischen getan, was später noch geschehen werden mußte, war Schneiden, Abschmecken, sämig Rühren. Doch Karla fragte sich plötzlich bang, zu welchem Ziel das alles geschah. Was, wenn das Familienrezept funktionierte wie immer?
„Ich ziehe mich dann um“, erklärte ihre Mutter. Ihr Blick blieb auf Karla hängen. „Er kann froh sein, daß er dich kriegt.“
Die Großmutter griff mit zwei Lappen nach dem Topf mit dem Schweinefutter auf dem Herd. „Jetzt ist es, wie es sein muß“, stellte sie fest, ein kurzes Schnuppern genügte ihr für das Urteil.
Karla hatte den Eindruck, sie meinte damit weit mehr als nur den Inhalt des Topfes.
Aber wie muß es sein? dachte sie bang. Dann beeilte sich, noch vor der Mutter ins Bad zu kommen, so wie sie aussah, wollte sie den nicht begrüßen, dem all dieses Arbeiten galt. Was half das Grübeln jetzt noch, mit den Töpfen auf dem Herd und dem Mann bestimmt schon bald unter der Tür. Und womöglich konnte ja alles auch einmal ganz anders kommen, so wie im Lauf der Zeit auch das eine oder andere am Rezept verändert worden war, warum denn nicht?
„Muß das sein?“
Diesmal ertönte die Frage zweistimmig. Karlas Mutter meinte damit das Gläschen Likör, das ihre Mutter sich genehmigte, und diese die nächste Zigarette, die ihre Tochter sich ansteckte.
„Ja, das muß sein“, murmelte Karla und verließ die Küche rasch. In der Flut ihres Kraushaars knisterte es.

2. Kapitel

„Kinder, wie die Zeit vergeht!“
Nicht nur Schwiegermütter reden so. Karla haßte den Satz, von Anfang an. Zunächst aber hatte sie ihn in Kauf genommen, Emmi tat immerhin etwas. Zwar nur, was sie immer getan hatte, doch Karla glaubte daran, ihr das ausreden zu können. So nach und nach. Wie sie auch darauf setzte, so nach und nach aus der heruntergekommenen Gastwirtschaft etwas machen zu können. Gerade, weil die Gegend kulinarisches Entwicklungsgebiet war, Zonenrand – aber den gab es ja nun nicht mehr, der Osten stülpte sich in den Westen. Geografisch genommen hätte der Gasthof die Mitte des Landes markieren können. Karla, ganz auf Zukunft gestimmt, sah schon Gäste von überallher an den altehrwürdigen Tischen, wie ein Lauffeuer mußte sich früher oder später herumsprechen, daß ab sofort hier anderes als Hausmannskost aus der Küche kam.
In der Küche aber führte Emmi das Regiment. Und die Gäste, die kamen – Kegelbahn, Vereine, manchmal ganze Busladungen, man liebte es deftig. So eben, wie Emmi kochte.
„Sag ihr, das geht so nicht!“ Karla hatte es selber probiert, doch auf sie hörte Emmi ja nicht. Aber vielleicht ja auf ihren Sohn? „Außerdem war das nicht so abgemacht!“
„Steht dir gut, wenn du wütend bist!“ Hans machte verliebte Augen und aus Karla täglich mehr eine lächerliche Figur. Denn neben seiner Mutter vergaß er offenbar, daß er verheiratet war, Pläne hatte – mit Karla, nicht mit seiner Mutter.
Die himmelte ihren Sohn an, Hans hinten, Hans vorn. Karlas erster Fehler war, daß sie sich auf den Wettstreit einließ. Sie war doch verliebt, wie nie! Und so eine Schwiegermutter muß man zu nehmen wissen.
Hans nahm bald reißaus, vor gleich beiden Frauen, Hans Dampf in allen Gassen, Hans im Glück, wie es plattlandweit hieß. Es kam Karla erst spät zu Ohren, blind vor etwas, das sie anfangs für Liebe hielt, war bald nicht mehr der Grund. Dafür das Arrangement mit Emmi: zwei Küchen, zwei Gasträume, es wäre doch gelacht, wäre hier nichts zu machen! Auch wenn Karla sich darüber erhaben fühlte, es wurde doch Konkurrenz daraus, bis aufs sprichwörtliche Messer.
Emmi machte einfach weiter wie immer, Grünkohl, fette Würste, mehldicke Saucen. Karla lüftete in ihrem Bereich stundenlang jeden Tag, um anderen Aromen eine Chance zu lassen. Von den Jägern erhielt sie Wildbret, vom Feinsten – die es erlegt hatten, aßen dann aber nebenan, bei Emmi, ihr Jägerschnitzel. Auch die Mitglieder aller anderen Vereine, die Busladungen zum Nachmittagskaffee blieben Emmi treu. Schreckten sie kundigere Esser etwa ab?
Nein, manche fanden allmählich doch den Weg zu Karla, staunten, nicht zuletzt wegen des Kontrasts zu Emmi nebenan, lobten, empfahlen weiter.
„Kinder, wie doch die Zeit vergeht!“
Die Zeit stand eher still, schien es Karla. Lang glaubte sie daran – sie war ganz kurz vor dem Durchbruch. Sie tüftelte an Rezepten, investierte alles, was sie hatte, in einen Neubau, schuftete rund um die Uhr. Es mußte zu schaffen sein! Nur nicht aufgeben, gleich …
Hans war viel unterwegs, schickte Journalisten zu Karla. Die mußten doch erfahren, was hier in der Einöde geschah! Hans war stolz auf Karlas Erfolg. Daß auch er weiterhin lieber bei Emmi aß, erklärte er treuherzig mit kindlicher Anhänglichkeit. Wie sehr er dabei doch auch ein Mann war, bewies er – anderswo. Zwei Frauen unter einem Dach, es war einfach zu viel für ihn.
„Kinder, wie doch die Zeit vergeht!“
Alles in allem schließlich zehn Jahre, für Karla fast wie ein Tag, ihre Liebe war zwischen all den Töpfen verdampft, Durchhaltewillen vernebelte ihr den Blick, bis sie begriff, woran sie da köchelte – am Familienrezept, wieder einmal.
Hell entsetzt über sich selbst, warf sie den Kochlöffel weg, reichte die Scheidung ein.
Emmi glaubte, triumphieren zu können, und natürlich hatte sie es immer schon gewußt – eine wie Karla gehörte nicht hierher!
Hans winselte, gelobte Besserung. Ganz nebenbei gestand er, daß es in letzter Zeit weniger Frauen waren, die ihn fernhielten von Karla, sondern das Spielkasino. Und natürlich hatte er nur Karla zuliebe alles gesetzt – und verloren.
Karla verließ ihn, Emmi, das platte Land. Kaum einen Meter über Meereshöhe war anderes als ein Nullpunkt wohl nicht zu haben.

3. Kapitel

„Was für eine Aussicht!“
Jeder sagte es, der die Dachterrasse betrat, Karla Wandel hatte es bestimmt schon zwanzig Mal gehört. Sie war eine der Ersten in der Wohnung hier oben gewesen, aber sie war nicht die Einzige, die sich für die drei Zimmer mit Küche, Bad und eben Dachterrasse interessierte. An das weißlackierte Geländer gelehnt, fühlte sie sich wie auf einem Schiff, Wolken zum Greifen nah, und das Meer formte sich aus Dächern, Türmen, anderen Dachterrassen. Auf der gleich gegenüber wuchsen Tomaten, auch Rosmarin und Petersilie erkannte Karla. Und Sonnenblumen. Sonnenblumen waren hier offensichtlich beliebter als die Begonien und Geranien an den Balkonen der Ein-, höchstens Zweifamilienhäuser, die Karla vertraut waren.
Vielleicht auf den Balkonen, weil es hier keine
Gartenzäune gibt, wo wie bei uns Sonnenblumen wachsen könnten, überlegte sie.
Aber stand sie hier oben, um über Balkonpflanzen
nachzudenken? Bestimmt nicht.
„Auf der Terrasse haben Sie Sonne vom Mittag bis
abends“, pries der Vermieter seine Wohnung an. „Und im Schlafzimmer geht sie Ihnen auf. Sind das nicht verlockende Aussichten?“
Er lachte über seinen Scherz, viele taten es ihm
gleich, bemüht darum, einen guten Eindruck zu machen und die Mitbewerber auszustechen.
Die Wohnung war eindeutig zu teuer für Karla, das
hatte sie gleich befürchtet. Aber die Aussicht war wirklich gut, auch beruhigend, denn mit einem Blick von hier oben schien ihr die Größe der Stadt bezwingbar. Und etwas wie Aussicht konnte sie in jedem Fall gut gebrauchen, so aussichtslos, wie ihre Lage derzeit war.
Gegenüber ließ sich jetzt eine Frau blicken, schnitt
Petersilie ab, und als das kleine Messer in der Augustsonne aufblitzte, wandte Karla rasch den Blick ab. Wie wenig doch genügte, um zur Unzeit von Erinnerungen heimgesucht zu werden! Sogar mit Tönen waren sie unterlegt, Karla hörte, wie es klang, wenn so ein Messer gewetzt wurde. Pschittpschirr …
„Verkehrstechnisch äußerst günstig gelegen“,
erklärte der Vermieter gerade einem Paar, älter als Karla, bestimmt schon über Vierzig, durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. Rosa getönte Sonnenbrillen verspiegelten ihre Augen. Sie gaben sich sehr verliebt. „Von hier ist es gleich weit ins westliche und östliche Zentrum der Stadt, U-Bahn direkt vor der Tür, Cafés, Kneipen, ein Markt.“
Er begann, Formulare zu verteilen, alle drängelten
sich um ihn.
Die Wohnung ist zu teuer für mich, sagte sich Karla
noch einmal, am besten, ich gehe.
Alle anderen taten das bereits, nur der Vermieter
schaute noch einmal auf die Terrasse, er wollte die Tür schließen. „Das tut mir leid, jetzt habe ich kein Formular mehr“, wandte er sich an Karla, ein hemdsärmliger Typ, das geblümte Hemd hing ihm über die Hose. „Kommen Sie doch einfach mit runter, in meiner Wohnung habe ich noch eins.“
Warum nicht, sagte sich Karla, schau ich mir so ein
Formular eben an, dann weiß ich wenigstens schon, welche Fragen mich bei anderen Vermietern erwarten.

Er wohnte Parterre, eine riesige, unüberschaubare Wohnung, Möbel schon im endlos langen Flur, gruftartig, mit undefinierbaren Gerüchen, etwas wie Heu war darin. Die Kühle erinnerte Karla an einen Keller, doch aus einer offenen Tür zog Dampf.
„Das Wasser für den Reis!“ rief der Vermieter
erschrocken. Er hieß Pluntke, urberliner Adel, hatte er oben in der Wohnung gewitzelt.
Als er in die Küche ging, folgte ihm Karla. Vor
lauter Wasserdampf sah sie erst gar nichts, dann eine Einbauküche, Pluntke, wie er den Topf von der Platte riß.
„Alles verdampft!“ schimpfte er und steckte die
Finger, mit denen er den heißen Topf berührt hatte, in den Mund.
„Verdampft? Was denn?“ fragte Karla ganz
automatisch. Wo immer es ums Kochen ging, fühlte sie sich angesprochen.
„Das Wasser für den Reis“, erwiderte er und drehte
den Wasserhahn auf.
„Für welchen Reis?“ fragte Karla, aber was ging sie
das eigentlich an?
Er wies mit dem Kinn auf eine Packung, füllte Wasser
in den Topf.
„In Wasser kochen? Diesen Reis?“ Karla schüttelte
den Kopf. „Haben Sie eine Zwiebel? Einen kleineren Topf? Öl?“
Natürlich war er verblüfft, und so fand Karla selbst
rasch, was sie brauchte. Es gab, so ihre Erfahrung, nur zwei Sorten von Küchen, und in beiden kannte sie sich aus.
„Was machen Sie da?“ empörte sich Pluntke.
„Reis. Ich zeig Ihnen mal schnell, wie das geht.“ Sie schnippelte bereits die Zwiebel klein. „Haben Sie Fleischbrühe?“
Pluntke verdrehte die Augen, das hieß wohl nein.
„Dann zur Not eben das“, entdeckte Karla die Instantbrühe. „Oder gibt es Paprikapulver?“
„Aber Sie wollten doch nur das Formular!“ erinnerte Pluntke.
„Ja, gleich.“ Karla nickte. Sie war nun mal in jeder Küche zu Hause. „Jetzt schauen Sie zu. Sie geben die Zwiebel ins Öl, auch Knoblauch, wenn Sie mögen. Aber nicht braun werden lassen, nur glasig. Dann den Reis dazu. Wie viele Personen?“
„Ich bin heut allein, meine Frau besucht…“ Pluntke verstummte. Was ging hier vor?
„Also etwa eine Handvoll.“ Karla ließ den Reis ins gezwiebelte Öl rieseln. „Und jetzt umrühren, auch der Reis soll nur glasig werden.“
Sie rührte, Pluntke sah zwischen ihr und dem Topf hin und her. Eigentlich war sonst er es, der andere überrumpelte.
„Und jetzt Paprikapulver drüber.“ Karla hatte die klebrige Dose auf dem Regal entdeckt. „Er ist nicht scharf, also keine Angst.“ Sie ging nicht sparsam um mit dem Doseninhalt. „Curry geht auch, je nach dem, was Sie dazu essen.“ Sie rührte die Reiskörner paprikarot. „Und nun Salz dazu, Wasser, bloß nicht zuviel, nur etwa Daumenbreit höher als der Reis. Oder wie gesagt eine Brühe, aus Fleisch oder Gemüse, dann brauchen Sie kein anderes Gewürz. Und mit dem Reis können Sie auch einige Pinienkerne rösten, ein anderes Mal. Und nun aufkochen lassen, Deckel drauf und ab in den Ofen, die Temperatur so niedrig, wie es nur geht.“
„Was machen Sie da?“ fragte Pluntke noch einmal. „Meinen Sie, ich weiß nicht, wie das geht mit dem Reis? Ich mach das so wie meine Frau, wie meine Mutter, es ist ein Familienrezept!“ Gereizt sah er Karla an.
Sie zuckte unmerklich zusammen. Weg hier! warnte etwas in ihr. Erst das blitzende Messer, und nun dieses Wort, wohin bin ich schon wieder gekommen!
„Aber so schmeckt der Reis besser“, erwiderte sie sanft und mit verlegenem Lächeln. „Sie werden schon sehen, in etwa dreißig Minuten …“
„So lang?“ Pluntke tobte jetzt. „Ja, meinen Sie denn, ich hab hier nichts anderes zu tun? Fünf Minuten, so steht es auf der Packung!“
„Tut mir leid“, murmelte Karla betreten. Kein Wort mehr, nahm sie sich vor. „Aber Sie werden sehen, so schmeckt der Reis besser!“
„Jetzt nehmen Sie endlich Ihr Formular und verschwinden!“ schrie Pluntke sie an. „Obwohl, nach der Nummer hier, ich weiß ja nicht, die Wohnung oben …“
„Ist sowieso zu teuer für mich“, fiel Karla ihm ins Wort und warf einen Blick Richtung Tür. Sie fürchtete, der Mann würde noch handgreiflich werden, wieso auch hatte sie nicht die Finger lassen können von seinem Topf!
Da beruhigte sich Pluntke aber unerwartet. „Zu teuer, so so. Und das sagen Sie erst jetzt? Typen wie Sie kenn ich!“ Er grinste, offenbar waren seine Worte nicht böse gemeint. „Kommen Sie mal mit!“
Er zog sie mit sich aus der Wohnung, durch eine Tür in der Küche gelangte man direkt auf den Hinterhof. Den Seitenflügel hatte Karla schon oben von der Terrasse gesehen, nicht aber die Remise. Eine Kastanie überragte sie.
„Das hier hab ich für Sie!“ rief Pluntke und blieb so abrupt stehen, daß Karla ihm auf die Füße trat.
„Entschuldigung“, murmelte sie. „Was ist mit dem Schuppen?“ Sie hatte keine Ahnung, was Pluntke so zufrieden machte.
„Das ist kein Schuppen, meine Liebe, sondern ein Gartenhaus“, belehrte er sie. „Die Hauswartswohnung, verstehen Sie?“
„Nein.“ Karla hatte das Wort noch nie gehört.
„Sie kommen wohl vom Mond?“ Pluntke lächelte sie mitleidig an. „Was meinen Sie denn, wer Vorderhaus und Seitenflügel sauber hält, kaputte Birnen im Treppenhaus auswechselt, sich um die Mülltonnen kümmert, um dies und das, was bei den Leuten so anfällt?“
Er ratterte eine Latte von Aufgaben herunter, die für Karla unter den Begriff Kehrwoche fielen. Aber so etwas kannte man in Berlin offenbar nicht, hier kehrte nicht jeder vor seiner Tür, sondern einer erledigte dies und noch mehr für alle.
„Einen Hausmeister meinen Sie?“
Die Sonne brannte direkt von oben auf das Hinterhofrechteck, Karla spürte, wie sich Schweiß in ihrem Nacken sammelte.
„Nennen Sie es von mir aus, wie Sie wollen“, fuhr Pluntke ungeduldig fort. „Die Hauswartswohnung im Gartenhaus jedenfalls steht leer. Genau das Richtige für Sie, kommt es mir vor. Teuer ist sie nicht, und dafür müssen Sie nur …“
Er zählte noch einmal alles auf, Treppenhausreinigung, Mülltonnen, Auswechseln defekter Glühbirnen, aber Karla begriff noch immer nicht, wieso er ihr das erzählte.
„Sie sind die Richtige dafür“, behauptete Pluntke zufrieden. „So, wie Sie gleich Ihre Nase in alles stecken! Beliebt machen Sie sich damit nicht, aber das sollen Sie auch nicht als Hauswartsfrau. Für Ordnung sorgen, darauf kommt es an.“
Er ging auf das Haus zu, schloß auf, führte Karla durch zwei stickige Räume. „Küche und Bad gibt es selbstverständlich auch, und das zu dem Preis! Mit der Arbeit, das schaffen Sie schon, das ist nur eine Frage der Organisation.“
Das große Mietshaus sah man aus keinem der Fenster, Büsche wucherten rund um die Remise, und die Kastanienblätter warfen bewegte Schatten auf den staubigen Dielenboden. Pluntke redete wie ein Wasserfall, erzählte vom letzten Hauswart, wie schwer heute noch jemand für diese Aufgabe zu finden sei. „Früher war hier eine Tischlerwerkstatt. Aber das ist lang her, da gab es noch keine Möbelhäuser wie heute. Also was ist, Sie sagen ja gar nichts!“
Er schob Karla vor sich her, auf den Hof hinaus, in seine Wohnung. „Das mit dem Mietvertrag haben wir gleich, und zum nächsten Ersten …“ Er schnupperte, der Reis fiel ihm ein. „Ob der nicht längst anbrennt?“ Fragend sah er Karla ein.
„Nicht bei der Temperatur“, beruhigte sie. „Meine Großmutter hat das immer im Bett gemacht.“
Pluntke sah sie an, als zweifle er an ihrem Verstand.
„Den Reis“, erklärte sie, schon wieder ein bißchen verlegen. Denn was ging das Pluntke an? „Im Backofen ging es ja nicht, da schmorte der Braten. Viel zu heiß für etwas Empfindliches wie Reis. Onkel Franz war immer wütend, wenn sie ihn aus dem Bett warf, er wollte lang schlafen am Sonntag. Aber es half nichts, er mußte raus, und der Reis kam in sein körperwarmes Bett. Eine Stunde später war er dann fertig, Korn für Korn, nichts klebte zusammen.“
„Und Ihr Onkel Franz?“ Pluntke fragte nur deshalb nach, weil er schon wieder völlig überrumpelt worden war.
„Lebt nicht mehr.“ Karla zuckte die Schultern.
„Aha.“ Pluntke kratzte sich am Kopf, er fühlte sich aus dem Konzept gebracht.
„Was essen Sie denn zum Reis?“ fragte Karla.
„Gut, daß Sie mich daran erinnern.“ Er ging in die Küche, Karla verharrte auf dem Flur.
„Ach so, erst der Mietvertrag!“ Er war jetzt wirklich sehr durcheinander, klemmte sich die Dose unter den Arm und ging in ein anderes Zimmer.
„Hier, das füllen Sie aus“, kam er gleich wieder zurück. „Persönliche Daten, Einkommen und so weiter. Na ja, in Ihrem Fall … Füllen Sie einfach das Nötigste aus.“
Er wies Karla auf einen Platz am Küchentisch, begann selbst mit einem Dosenöffner zu hantieren, und Karla ärgerte sich, daß sie ihren Belehrungsversuch nicht unterlassen hatte. Wenn er jetzt doch nur Gulasch aus der Dose über den Reis kippte …
„Einkommen hab ich noch nicht“, sagte sie laut. „Ich bin erst seit kurzem in der Stadt.“
„Ich hab doch gesagt, nur das Nötigste!“ raunzte Pluntke.
„Und geht es vielleicht schon vor dem nächsten Ersten?“ Karla kritzelte die Adresse der Pension auf das Formular, in der sie derzeit wohnte.
„Von mir aus.“ Aus der geöffneten Dose rann Pluntke gelbbrauner Glibber über die Hand. „Daß Sie sich um die Renovierung selber kümmern müssen, ist Ihnen wohl klar.“
Karla beeilte sich, aus der Wohnung zu kommen. Noch überwog dort der Duft aus dem Reistopf, aber wenn Pluntke nun gleich den Inhalt der Dose in eine Pfanne ergoß …
Draußen auf der Akazienstraße flimmerte in der Mittagshitze die Luft. Karla lehnte sich an einen Baum, atmete tief durch. Ich hab einen Mietvertrag, wurde ihr klar, wenn auch für eine Wohnung, die aussieht wie eine Ruine. Die sozusagen nicht zu bezahlen ist, sondern abgearbeitet werden muß.
Sie grinste, strich sich durchs krause Haar, überquerte die Straße. „Schöne Aussichten“, verspottete sie sich selbst, mit einem Blick auf die prächtige Vorderfront des Hauses, hinauf zur Wohnung mit der Terrasse, in die sie nicht einziehen würde.

Aber schlecht fühlte sie sich nicht mit dem Mietvertrag in der Tasche. Nun zählte ein Stück Papier mehr zu ihrem Besitz, der derzeit nicht viel mehr als ein Spar- und ein Kochbuch umfaßte. Der Betrag auf dem Sparbuch war fast schon auf Null geschrumpft, und das Kochbuch erlebte sie eigentlich als Ballast. Handschriftlich verfaßt, von Mutter, Großmutter, anderen Vorfahren, erschien es Karla als Ansammlung von Verhängnissen, denen sie nun doch einmal entkommen wollte.
Denn sie war geschieden, als sie in der Hauptstadt eintraf, nach zehn Jahren Ehe, schon Mitte Dreißig war sie jetzt, und das Familienrezept, nach dem einst in der Küche auf der Alb gekocht worden war, glaubte sie, endgültig durchschaut zu haben. Auch bei ihr hatte es funktioniert, wie immer, der Unterschied bestand nur darin, daß sie nicht hatte ausharren wollen in ihrem Unglück. Etwas Besseres als einen Ehemann, der das von ihr mühsam erwirtschaftete Geld mit anderen Frauen ausgab, fand sie überall auf der Welt. Warum also nicht in Berlin?

Wozu brauchen die hier so viele Kneipen, fragte sich Karla bei einem ersten nächtlichen Gang durch das Viertel, in dem sie jetzt wohnte.
Nicht nur hier in Schöneberg, überall schien die Stadt nachts nur aus Kneipen zu bestehen. Alle paar Schritte erfüllten andere Aromen die Luft, auf Pizza folgte Asiatisches, darauf Grillhähnchen oder nur der Geruch nach Bier, Schweiß und Zigarettenqualm. Sogar auf Hauptverkehrsstraßen standen Tische und Stühle im Freien, es war Sommer, und da zog es die Großstädter in Scharen auf die Straßen und Mücken jeder Art um die Laternenpfähle.
Wenn es mir zu viel wird, gehe ich einfach wieder ins Gartenhaus, sagte sich Karla, als eine Mischung aus karibischen Rhythmen und Jazz ihre Ohren strapazierte. Denn natürlich gab es in jeder dieser auf die Straßen verlagerten Kneipen auch Musik.
Im Gartenhaus hatte sie inzwischen die Wände weiß gestrichen und unter Schichten von Staub und Fett einen gut erhaltenen Parkettboden freigelegt. Im kleineren Zimmer standen Bett und Schrank, ein Tisch mit drei Stühlen im Zimmer daneben. Vorhänge brauchte sie vorläufig noch nicht, die Büsche vor dem Haus versperrten sowieso jeden Einblick. Das Bad hatte Karla gesäubert, für die Küche ein Regal gezimmert. Außerdem gab es dort ebenfalls einen Tisch, zwei weitere Stühle und einen Kühlschrank, der funktionierte. Einen Herd gab es nicht. Karla behalf sich mit einem Gaskocher.
Mit dieser Wohnung als Rückhalt traute sie sich immerhin zu, die Stadt allmählich zu erobern. Also rein, ermunterte sie sich, als ihr Durst immer größer wurde.
Der Raum war schmal, aber sehr lang, von der Decke hing ein riesiger Ventilator und verquirlte Stimmengewirr und Qualm. Karla hatte den Eindruck, alle starrten sie an, und so steuerte sie rasch den einzigen freien Barhocker an der Theke an.
„Hier ist doch frei?“
„Aber klar.“ Der Mann hinter der Theke lachte sie an, als säße sie jeden Abend hier. „Was darf es denn sein?“
Karla sah sich um, die meisten tranken Cocktails, grünlich-gelb, rosa und schwimmbadblau schillerte es in den Gläsern.
Aber bei der Hitze, nein, entschied sie und bestellte ein Bier. Nun war es wirklich, als säße sie jeden Abend hier, ein gutes Gefühl. Noch vor dem Bier schob ihr der Barkeeper ein Schälchen mit Nüssen zu.
„Sommerzeit, Krebszeit“, hörte sie den Mann neben sich sagen. Als einziger im Raum trug er trotz der Hitze ein dunkles Jackett überm weißen Hemd, das schmale Ende seiner Krawatte hing aus der Tasche. „Berge von Krebsen, Hummern, Langusten, Schalentiere jeder Art“, fuhr er fort, an den Barkeeper gewandt, der nur mäßig interessiert zuhörte. „Jakobsmuscheln sind dieses Jahr der Renner, ich hab allein heute so viele davon verarbeitet, mit den Schalen könnte ich den Pariser Platz pflastern. Und mit den Saucen dazu den Wannsee füllen, Mengen sind das, das glaubt mir kein Mensch!“
„Ihr Bier.“ Der Barkeeper zwinkerte Karla zu, und dadurch wurde auch der Mann im Jackett auf sie aufmerksam.
Er sah Karla an, lächelte, rutschte auf seinem Hocker herum. „Sehr vernünftig“, lobte er und wies auf das Bier. „Alles andere verklebt nur den Magen. Sind Sie allein hier?“
„Ich hab nur Durst“, erwiderte Karla sofort, die seine Frage als zu direkt empfand.
„Und ich hab nur gefragt.“ Obwohl er eher rundlich war, sprang er erstaunlich behende vom Hocker. „Knoblich, Georg Knoblich“, stellte er sich vor. Seine Förmlichkeit wirkte an diesem Ort komisch deplaziert.
„Karla Wandel.“ Sie antwortete wie automatisch und ärgerte sich gleich darauf. Sie hatte doch wirklich nur Durst, an Bekanntschaften lag ihr vorerst nicht. Gut war nur, daß es ihr Mädchenname war, der ihr so reflexhaft über die Lippen kam. Ich hab meine Ehe wirklich erledigt, freute sie sich und lächelte unwillkürlich dabei.
Dieser Knoblich bezog das Lächeln natürlich auf sich. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, wie gut Karla ihm gefiel, aber immerhin kam er jetzt wieder auf allerlei Delikatessen zu sprechen. Er wies auf den Kübel, in dem seine Flasche Chablis gekühlt wurde. „Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, drei von den Dingern, und dann gefüllt mit Kaviar. Mit dem Besten natürlich, anderes kommt mir nicht in die Küche. Trinken Sie ein Glas mit mir? Dieser Chablis steht hier nur für mich bereit. Und hat genau die richtige Temperatur. Nebenbei gesagt – trinken Sie nirgends in dieser Stadt Rotwein! Der wird immer brühwarm serviert, das hält man hier für Zimmertemperatur“
Noch bevor Karla etwas sagen konnte, schenkte der Barkeeper ihr ein.
„Gut“, lobte sie nach einem ersten Schluck. Flüchtig flog sie eine Erinnerung an, der Gasthof im Norddeutschen, in total flachem Land, Jahrzehnte in Familienbesitz, Stammkundschaft. Aber die hatte das Bier gewärmt verlangt. Und nur bestellt, wenn Karla kochte wie ihre Schwiegermutter. Wirklich sehr flaches Land …
„Freut mich, daß es Ihnen schmeckt.“ Knoblich strahlte. „Aber jetzt zurück zu den Krebsen, den Fischen, dem Kaviar, Sie glauben ja nicht …“
„Alles glaube ich Ihnen!“ unterbrach Karla. Die Mischung aus Bier und Wein stieg ihr wie immer rasch zu Kopf und ließ sie redselig werden. „Solche Mengen, das muß ja sein wie im Schlaraffenland!“ Sie kicherte und dachte an die Fische, die seit heute Nachmittag zufällig in ihrem eigenen Kühlschrank lagen, viel zu viele für eine Person.
„Sie glaubt mir nicht!“ regte Knoblich sich auf. „Sag es ihr!“ Er brüllte fast, denn der Barkeeper stand gerade etwas weiter links.
„Er ist Chefkoch, im besten Restaurant dieser Stadt“, bestätigte er, kaum leiser als Knoblich.
„Oh nein“, murmelte Karla. Sie fühlte sich ernüchtert. War es denn möglich, daß sie am ersten Abend, an dem sie sich in dieser Stadt unter Menschen traute, ausgerechnet an einen Koch geriet? Noch dazu einen, der es eher mit dem Durst als mit dem Hunger zu haben schien, denn Knoblich füllte sich schon wieder sein Glas.
„Oh doch!“ Knoblich triumphierte. „Im besten Restaurant des besten Hotels dieser Stadt!“ Er erhob sein Glas und lächelte Karla an, stolz wie ein Kind.
„Na gut, auf Ihr Wohl.“ Auch sie griff zum Weinglas.
„Nein, auf das Ihre!“ widersprach Knoblich. „Karla, du gefällst mit.“ Zwischen zweimal Schlucken ging er zum Du über. „Deshalb verrat ich dir gleich auch mein wichtigstes Rezept: Man nehme ein Glas Wein und schütte es in den Koch … Kochst du manchmal auch?“
„Manchmal“, erwiderte Karla gedehnt. „Zur Zeit habe ich nicht einmal einen Herd.“
„Keinen Herd? Und das sagst du erst jetzt? Mädchen, das geht doch nicht!“
„Oh doch, das geht“, beharrte Karla.
„Nee, nicht, wo du jetzt mich kennengelernt hast“, hielt er dagegen. „Bei mir zu Hause steht nämlich so ein Ding rum, völlig überflüssig. Zu Hause rühre ich keinen Topf an. Und das Ding nimmt nur Platz weg, den ich besser für noch einen Kühlschrank gebrauchen könnte. Wo wohnst du? Hier in der Gegend?“
Karla gab eine ausweichende Antwort, suchte nach anderen Themen. Knoblich ließ sich sogar darauf ein, aber nur, bis sie aufstand.
„Warte, ich geh auch.“ Er bestand darauf, ihr Bier zu bezahlen. Die Geste, mit der er das Portemonnaie aus der Hosentasche holte, erinnerte Karla an ihren Vater.
„Ich hab es nicht weit“, versicherte Karla draußen auf der Straße.
„Ich auch nicht“, brummte Knoblich und hatte etwas Mühe, seine Beine voreinander zu setzen. „Ich muß da lang, und du?“
Es war Karlas Richtung. Was sprach schon dagegen, die paar Schritte gemeinsam zu tun? Seit Karla an Knoblich etwas wahrgenommen hatte, das sie an ihren Vater erinnerte, schwand ihre Skepsis. Überhaupt, Knoblich war bestimmt schon fünfzig, angetrunken obendrein, was sollte sie von ihm zu fürchten haben. Und außerdem war sie jetzt doch schon ziemlich lang allein.
„Hier wohnst du?“ Bewundernd sah er an der frisch renovierten Fassade des Vorderhauses hinauf.
„Nein, dahinter.“ Karla grinste. „Gartenhaus, die Hauswartswohnung.“
„Am besten komm ich mal eben mit rein“, schlug Knoblich vor. „Damit ich sehe, ob mein Herd auch reinpaßt in deine Küche.“
„Jetzt? Mitten in der Nacht?“
„Wann sonst, tagsüber steh ich am Herd. Willst du nun den Herd oder nicht?“
Er stolperte in die Wohnung, auch Karla vergaß noch manchmal die Stufe gleich hinter der Tür.
„Zweite Tür links, da ist die Küche“, ließ sie ihn wissen und machte schnell Licht.
Er inspizierte aber zuerst die beiden Zimmer. „Nicht schlecht“, murmelte er, „geradezu asketisch. Aber warum nicht, alles Wichtige ist immerhin da.“ Er starrte auf das Bett, dann auf Karla.
„Das ist alles nur vorläufig“, erklärte sie vom Flur aus nervös. Irritiert war sie auch. Wieso sagte er nichts zu dem Saxophon, das in dem spärlich möblierten Zimmer doch auffallend genug war und obendrein Karlas ganzer Stolz? „Sobald ich Arbeit habe … Na ja, und einen Herd, das wäre nicht schlecht.“
Sie ging in die Küche, er folgte ihr.
Ich muß etwas tun, ging es ihr durch den Kopf, damit er das Bett wieder vergißt und nicht noch ganz aus der Rolle fällt. Das wäre schade, ich finde ihn fast schon nett.
„Der Herd würde passen, perfekt!“ murmelte er und nahm mit den Händen das Maß. „Für so etwas hab ich ’nen Blick, das kannst du mir glauben.“
„Setz dich doch“, forderte Karla ihn auf. Sie selbst stand vor dem Kühlschrank. „Hier, Flasche und Korkenzieher. Und hier …“
„Was machst du da?“ fragte er, als sie eine Zwiebelknolle, Knoblauch, Fenchel und Lauch auf den Tisch legte.
„Nur schnell eine Suppe“, erwiderte sie. „Den Tag über war es so heiß, da hatte ich keinen Hunger. Aber jetzt. Und wo die Sachen schon mal da sind …“ Eine Ingwerwurzel, Tomaten, Chilischoten und frischer Thymian landeten auf dem Tisch.
„Aber du hast keinen Herd!“ erinnerte Knoblich.
„Damit geht es auch“, meinte Karla und wies auf den Gaskocher.
„Ach du meine Güte!“ entfuhr es dem Koch, als Karla nun Fische auf den Tisch legte, Dorade, Wolfsbarsch und Hummerkrabben. „Du lebst hier wirklich allein?“
Karla nickte und begann die Fische zu häuten, in Filets zu zerlegen.
„Und dann solche Mengen?“ Knoblich war so verblüfft, daß er darüber die Flasche zu öffnen vergaß.
„Im Geschäft sah das alles ganz wenig aus“, Karla lachte und zuckte die Schultern. „Ich hab es zufällig entdeckt, ein Großhandel. Aber sie verkaufen auch an Privatleute. Und die Fische waren so frisch …“
„Aber du hast keinen Herd!“ Knoblich wurde sichtlich nervös.
„Der Gaskocher reicht“, behauptete Karla.
Die Fische waren schon säuberlich filetiert, die Krabben glänzten matt ohne ihre Panzer. Karla begann, die Gemüse klein zu schneiden.
„Erstklassiges Messer“, stellte Knoblich fest und öffnete endlich die Flasche. „Sieht man selten in einem Privathaushalt.“
„Ist das hier etwa ein Haushalt?“ Karla lachte, erhitzte Olivenöl, warf sämtliches Gemüse in den Topf.
„Hier, dein Glas!“ Er sah Karla mißtrauisch zu, ihre Fingerfertigkeit mit den Fischen, mit den Gemüsen, wie paßte das zu dem Gaskocher?
Karla trank einen Schluck, zerkrümelte Lorbeerblätter ins Gemüse, den Thymian. Wieder und wieder rührte sie um, gab Safran dazu, Anissamen und endlich die Gräten, Häute und Köpfe vom Fisch. Dann salzte sie, goß den Inhalt ihres Weinglases darüber und füllte endlich mit Wasser auf.
„Bist du sicher, daß das etwas wird?“ Knoblich schenkte ihr Wein nach.
„Irgendwas wird es immer“, erwiderte sie gleichmütig, würfelte eine rasch enthäutete Tomate und stellte dann ihre einzigen beiden Suppenteller auf den Tisch.
„Riecht unglaublich“, stellte Knoblich verwundert fest. „Wie in Marseille! Mädchen, sag mal, wieso kannst du das?“
„Gelernt ist gelernt“, kam es Karla mal wieder schneller über die Zunge, als sie denken konnte. Es war doch nicht nötig, daß Knoblich das erfuhr! So sprach sie schnell weiter. „Außerdem, mit Marseille hat diese Fischsuppe nun wirklich nichts zu tun, sie ist ja nur eine Notlösung.“ Etwas, um dich auf andere Gedanken zu bringen, ergänzte sie im stillen, höchst zufrieden, wie gut ihr das offenbar gelang. Denn er schaute jetzt kaum noch zum Bett im Zimmer hinüber, und auch ihre unbedachte Bemerkung schien er überhört zu haben.
„Und es riecht doch nach Marseille!“ beharrte er und erwähnte dann ein Sterne-Restaurant in der Stadt am Mittelmeer. „Zwei Jahre hab ich dort gekocht, der dritte Stern ist einzig mein Verdienst!“
Karla goß indessen die Brühe durch ein Sieb, schmeckte ab, fand, daß etwas mehr Schärfe nicht schaden konnte. Als sie ein Gläschen Pernod angoß, bekam Knoblich glänzende Augen. „Marseille, ich rieche es doch! Mädchen, was machst du da nur?“
„Ich?“ Karla lachte. „Ich lasse jetzt die Fischfilets noch höchstens fünf Minuten mitziehen, dann können wir essen.“ Sie verteilte Tomatenwürfel in den beiden Tellern, träufelte fruchtiges Olivenöl darüber. „Das hab ich auch in diesem Großhandel gekauft, erstklassig, gib es zu!“
Als sie die Suppe in die Teller schöpfte, verstärkte das Olivenöl sein Aroma und erfüllte die Küche, als befände sie sich direkt am Meer.
„Wie hast du das nur gemacht?“ Geradezu andächtig löffelte Knoblich die Suppe. „Morgen bring ich dir den Herd vorbei, den hast du dir redlich verdient.“
Er sprach kein Wort mehr, bis sein Teller geleert war. Dann sah er Karla traurig an.
„Was hast du denn?“ fragte sie besorgt.
„Das Dumme an deiner Suppe ist, daß sie mich nüchtern gemacht hat.“ Er seufzte. „Immer dasselbe mit den Fischen.“
„Dann trink eben noch ein Glas, und dann geh!“ Karla fühlte sich ganz und gar als Herrin der Lage und wohl wie lange nicht. Denn jetzt erst, nach diesem improvisierten Essen, war dieser Raum wirklich eine Küche und sie ein bißchen mehr hier Zuhaus.
„So eine Suppe!“ murmelte Knoblich wieder und wieder, als Karla ihn nach einem weiteren Glas zur Tür schob. „Gib es zu, du hast das gelernt!“
„Nun ja, ein bißchen …“ Karla wollte darüber wirklich nicht reden.
„Ein bißchen? Du bist gut!“ Er trat auf den Hof hinaus, fast taghell machte ihn der Vollmond, und aus den geöffneten Fenstern von Karlas Wohnung wehten südlich satte Aromen.
„Komm gut nach Hause.“ Karla verharrte unter der Tür, das Licht aus dem Flur streckte ihren Schatten bis zur Kastanie.
Aber Knoblich ging noch nicht. „Wie war das? Hast du vorhin nicht mal gesagt, du suchst Arbeit?“
„Ja, aber heute nicht mehr, es ist schon spät!“ Sie mußte gähnen.
„Es reicht ja auch, wenn du morgen ins Hotel kommst. Seit Wochen fehlt mir eine Küchenhilfe, und du … bist dafür natürlich eher überqualifiziert, aber wenn es dir nichts ausmacht? Nur für den Anfang vielleicht? Du weißt ja, schon mancher hat als Tellerwäscher begonnen.“
Er kam noch einmal zurück. „Wirklich seltsam, daß du kochen kannst. Schöne Frauen können das nämlich meiner Erfahrung nach nicht …“
Jetzt kommt er doch wieder auf dumme Gedanken! begriff Karla.
„Eigentlich hab ich mir ganz anderes erhofft, als ich zu dir mitgekommen bin. Daß du schön bist, weißt du doch?“ Er lächelte auf eine Art, die er bestimmt für unwiderstehlich hielt und gerade deshalb etwas merkwürdig Rührendes hatte.
Karla ergriff den einzigen Strohhalm, der sich ihr bot. „Gut, ich komme morgen in deine Hotelküche und schau mir das einmal an“, versprach sie.
„Komm doch mal, wie das hier riecht!“ Im ersten Stock trat eine Frau schnuppernd ans Fenster, sie war nackt.
Karla zog schnell die Tür hinter sich zu.
„Bis morgen!“ rief Knoblich von draußen.
„Ruhe!“ beschwerte sich jemand.
Dann war es still. Karla ging verblüfft durch die Räume, die jetzt ihr Zuhause waren. Sie erschienen ihr plötzlich doch wieder fremd, gehörten diese Gerüche denn hier her?
„Ja, und vor allem zu mir“, murmelte sie, grinste und löffelte dann einen Rest Suppe direkt aus dem Topf.
Sie stand in der Lücke zwischen Kühlschrank und Spülbecken, dort, wo Platz für den Herd war, und aus dem geöffneten Mülleimer sah sie das stumpfe Auge eines gekochten Fischkopfs an.
„Jetzt hab ich eine Wohnung, für die ich das Treppenhaus reinigen muß“, sagte sie halblaut, „und einen Job, wie ich ihn mir eigentlich nicht gewünscht habe. Aber was soll’s, ein Anfang ist es doch!“
Sie räumte auf und dachte, daß so eine Fischsuppe im Familienrezeptbuch nicht vorkam. Und daß vielleicht genau dies, ihr chaotisches Zusammenrühren von allem, was sich zufällig anfand, ein gutes Zeichen war. Kein Rezept, nur ein Zufall, und der gekonnt genützt. Wo, außer in Rezepten, stand denn geschrieben, daß Kochen immer nur ins Unglück führen mußte?
Schade, daß es schon so spät war. Zu gern hätte Karla jetzt Saxophon gespielt.

4. Kapitel

„Sch … wanenbraten aber auch!“
Karla hatte es kommen sehen. Die Küche des Luxusrestaurants war generalstabsmäßig konzipiert, eine Vielzahl von Räumen, ausgeklügelt miteinander verbunden, optimale Arbeitsverhältnisse zur Produktion unübertrefflicher Gaumenfreuden, aber eine Schwachstelle gab es eben immer. Auch hier. Genau dort, wo Karlas Hilfsdienste im Moment gefragt waren, am Paß, einer Art Kreuzung. Für den Entremetier, also den Koch für Zwischengerichte und Beilagen, mußten hier die Teller bereitstehen, auf denen er seine Gemüse schichtete, als gelte es sämtliche Gesetzmäßigkeiten zeitgenössischer Architektur außer Kraft zu setzen. Aber auch der Saucier hatte hier seinen Auftritt, von der anderen Seite träufelte er seine mal luftigen, mal dickflüssigen Kunstwerke tröpfchenweise auf die Teller. Er ein Anhänger des Barock, der Entremetier hingegen kühler Sachlichkeit verschrieben, waren die beiden sowieso nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen. Und wenn dann der Meister der Saucen nur eine winzige Drehung zu viel machte, und die noch im falschen Moment – zartrosa schwappte es in der Saucenkelle, fügte sich den Gesetzen der Schwerkraft und klatschte dem Gemüsemeister an den Kopf.
Teilweise jedenfalls, auch auf dem gefliesten schneeweißen Boden landete ein beträchtlicher Klacks, altrosa auf Weiß, ein interessantes Spiel aus Formen und Farben, aber dann rutschte der Saucier darin aus, schneller, als er seinen Fluch über die Lippen brachte.
„Schwanenbraten!“ Der dem Entremetier zugeteilte Commis grinste. Jedem Chef de partie ging hier mindestens ein Jungkoch zur Hand, und dieser hier, ein abgebrochener Student, hatte vor allem eins noch nicht gelernt. Nämlich wann etwas zum Lachen war und wann nicht. „Ich kenn ein Rezept dafür! Und Hieronymus Bosch, ihr wißt schon, der niederländische Maler, der hat gemalt, wie so ein Kunstwerk serviert wird …“
„Wachteltitten für Tisch sieben!“ brüllte jemand von der Tür her.
„Das war was Besonderes“, faselte der Jungkoch weiter, „für Bosch und seine Logenbrüder … Sie verspeisten den Schwan zu Ehren der Mutter Gottes, er gilt ja als Marientier, in gewissem Sinn waren sie also Kannibalen, haben die Mutti selber gefressen …“
Er merkte nicht mal, daß er im Weg stand. Karla schob ihn beiseite. „Haben Sie sich verletzt?“
Der Saucier verzog das Gesicht. „Ich? Nach meiner Sauce sollten Sie fragen! Wissen Sie, wie viele Stunden ich damit beschäftigt war? Wie lang es gedauert hat, bis …“
Karla wischte den duftenden Fleck vom Boden, während die beiden Köche sich mit Blicken maßen, die man in früheren Zeiten wohl für die Aufforderung zum Duell bereithielt. Es war der Poissonnier, der Schlimmeres verhinderte. Sein Rochenflügel war genau jetzt à point, auf Bruchteile von Sekunden kam es nun an. Was zum Glück auch die anderen beiden Köche einsahen, sie riefen nach neuen Tellern. Aber Karla war noch mit dem Putzlappen beschäftigt, und so war es unweigerlich sie, die den Rüffel einstecken mußte.
„Wohl doch eher Aschenputtel als Millionärin in spe“, glaubte auch der Jungkoch sie anraunzen zu müssen.
Karla verschluckte jede Entgegnung, für Diskussionen war jetzt nicht der richtige Moment, denn jeden Mittag um diese Zeit verwandelte sich die Küche in einen Tatort, an dem blitzende Messer gefragt waren, nicht Worte. In langen Reihen standen Töpfe und Pfannen jeder Größe auf Herden, eine halbe Hundertschaft an Menschen sorgte dafür, daß es überall brutzelte, köchelte, dampfte und zischte, daß all die Tätigkeiten verrichtet wurden, die der Herstellung von Speisen dienten. Jeder einzelne hier galt als Meister seines Fachs, jeder einzelne ein Star. Nur eben leider so hochspezialisiert, daß er die vielen anderen neben sich dulden mußte, damit endlich auf jedem Teller aufs neue all die Einzelteile vereint werden konnten, zu einem Gesamtkunstwerk, das die Esser jenseits dieses Hexenkessels, an blütenweiß gedeckten Tischen, in orgiastische Zustände versetzte.
Karla gab einer Kollegin durch einen Blick zu verstehen, sich um die Teller zu kümmern. Hier, im Zwischenreich, tauchten vereinzelt Frauen auf, in der angrenzenden Spülhalle waren sie in der Mehrzahl. An den Herden stand keine einzige – man fühlte sich in diesem Haus Traditionen verpflichtet, und nach denen war ein Koch nun mal Mann.
Als Karla sich dort in der Spülhölle, wie manche das nannten, ihres Putzlappens entledigte und die Hände wusch, dachte sie an ihr Saxophon. Denn das Geklapper hier ergab einen Rhythmus, gar nicht schlecht, und sie dachte auch daran, daß es heute Abend so weit war. Sie würde Saxophon spielen, in einem Jazzclub, und sie war entschlossen, das nicht nur zur Probe zu tun. Musik, das sollte künftig ihr Leben sein, nicht mehr das Kochen, die Unterstützung des ewig gleichen Kreislaufs aus Einverleiben und Ausscheiden hatte sie satt. Nur als Broterwerb sah sie den Job hier, mal als Tellerwäscherin wurde sie eingesetzt, mal beim Mise en place, dem Bereitstellen der Zutaten für die Zauberer am Herd. Aber als was auch immer, Mädchen für alles eben – Karla lachte in sich hinein.
Aschenputtel, hatte der Jungkoch vorhin gewitzelt – aber wenn schon märchenhaft, dann war sie hier Rumpelstilzchen. Denn keiner wußte zum Glück, wer die Frau war mit der roten Lockenflut, die sich nur mühsam unter die Haube zwingen ließ. Nicht einmal Georg Knoblich, der Chef de cuisine, ahnte etwas davon. Sein Staunen über der Fischsuppe hatte er längst vergessen.
Und das war genau, was Karla wollte. Mädchen für alles und noch viel mehr, ging es ihr zufrieden durch den Kopf, als sie ihren Platz an der Kreuzung wieder einnahm, an der Sauce und Gemüse zueinander fanden.
Aber was war los? So still war es plötzlich, keine gezischelten Anweisungen, nur die Geräusche, die allerlei Lebensmittel bei ihrem Verwandlungsprozeß in Speisen verursachten, füllten die Halle.
„Der Sohn!“ flüsterte der Jungkoch Karla zu und verdrehte wissend die Augen. Er hieß Oliver, was ihm wohl selbst peinlich war. Um das zu überspielen, verzichtete er auf die letzte Silbe in seinem Namen und erwähnte gern, daß auch ein berühmter Komiker so hieß.
„Der Sohn?“ wiederholte Karla fragend.
Der Jungkoch wies mit dem Kinn in den Bereich, in dem der Pâtissier seines Amtes waltete, und natürlich fiel der Mann im dunklen Nadelstreifenanzug auf inmitten von lauter Weiß. Es sah komisch aus, wie der Konditor, genau so klein und rundlich, wie man sich einen seines Metiers vorstellt, dem groß Gewachsenen im Nadelstreifen ein Löffelchen mit irgend etwas Sahnigem in Vanillegelb in den Mund schob. Der kleine Mann mußte fast hüpfen, um den erwartungsvoll geöffneten Mund zu erreichen.
„Johannes Maiwald“, ließ sich der Jungkoch zu einer Präzisierung herbei, „hauptberuflich Sohn – und zwar vom Chef!“
„Ich dachte, der Schuppen hier gehört einer Aktiengesellschaft.“ Karla verschob wirbelnd die Teller, von den Gemüsen zur Sauce, bei bestimmten Speisen auch andersherum, und eigentlich hätte auffallen müssen, wie gekonnt sie das tat – schnell, doch ohne die kunstvollen Arrangements zu zerstören. Sah das nach einer Küchenhilfe aus?
Der Jungkoch ließ hauchfeine Streifen von Möhren übereinander stürzen wie im Mikadospiel. Ganz unbegabt war er nicht. „Eine Aktiengesellschaft hält sich einen Vorstand, und der wiederum einen Direktor. Und der ist der Vater von dem Nadelstreifen.“
Karla beäugte ihn unauffällig. Groß, schlank, dunkle Haare, und er sah eindeutig zu gut aus. Was er wußte und vermutlich nur deshalb – und weil er es als Sohn gar nicht nötig hatte – kein Kapital daraus schlug. Andererseits wußte er zu schätzen, was der Süßkoch ihm in den Mund schob, ein verzücktes Schmecken mit geschlossenen Augen, ein Lippenlecken bei leicht zurückgelegtem Kopf, dann kindlich-freudiges Wohlbehagen im ganzen Gesicht, als sei ein Eimer Honig darüber gekippt worden. Irgendwie nahm Karla das doch für ihn ein.
„Ein Glück, daß Knoblich gerade die Vorräte inspiziert“, meinte der Jungkoch. „Denn wenn er auf den Sohn trifft und dabei so verkatert ist wie heute – dann geht es immer hoch her. Zu blöd aber auch, daß der immer meint, sich in alles einmischen zu müssen. Wenn ich so ein Sohn wäre …“ Er hätte bestimmt zu gern losgelegt und Karla geschildert, wie sich Söhne sehr reicher Eltern am besten durch ihr schwieriges Leben schlagen. Aber der Entremetier verlangte harsch den Trüffelhobel, erinnerte ihn an die Selleriewürfel – in exakte winzige Quader geschnitten, in salzigem Zitronenwasser blanchiert und mit einem Hauch Ingwer angeweht, mußten sie in hauchdünn gerollten Teig gewickelt, verpackt werden wie Knallbonbons, Zitronengras sorgte für Schleifchen, und dann ab in das sprudelnde Öl. Der Jungkoch fügte sich zähneknirschend und gab bestimmt dem Sohn die Schuld an dem Auftrag.
Der stand jetzt schon bei Karla, die ihm noch den Rücken zuwandte. So sah er zuerst das Lockenrot, das am Hinterkopf der Haube entkam. Sie spürte, wie er darauf starrte, und wie sehr ihn, als sie sich umdrehte, ihre grünen Augen verblüfften.
„Oh, ein neues Gesicht!“ stellte er fest. „Wissen Sie, ich kenne jeden hier im Haus, ganz egal, wo er arbeitet.“
Er bemühte sich sehr, jovial zu wirken, besorgter Hausvater vom Scheitel bis zur Sohle, nur daß sein Blick dabei tiefer rutschte an Karla, über Schlankes und Gerundetes, das der weiße Kittel nicht verbarg. Daß er dabei vergaß, den Mund zuzumachen, ließ ihn nicht eben intelligent aussehen.
„Die Champagnermousseline!“ bellte der Saucier Karla an, und diese eilte zu seinem Herd. Dort hatte im Moment niemand Zeit, das luftig-empfindliche Gemenge aus Ei, Butter, Champagner und Gewürzen, deren Zusammenstellung der Meister geheimhielt, vor dem zu dünn oder zu dick Werden zu bewahren. Karla ließ den Schneebesen locker aus dem Handgelenk kreisen, kontrollierte die Flamme. Für Johannes Maiwald hatte sie keinen Blick.
Er um so mehr für sie, er folgte ihr. Maßgeschneiderte Schuhe, das immerhin nahm Karla wahr.
„Ich sage immer“, beharrte er auf seiner Ansprache, „daß in solch einem Restaurant das letzte Küchenmädchen genau so wichtig ist wie der Chef de cuisine. Nur wir alle zusammen …“
Er ließ nichts aus. Das Personal in Hotel und Restaurant eine große Familie, einer für alle und umgekehrt, daß höchste Qualität nur erreiche, wer es aufs I-Tüpfelchen genau nahm. Verwechselte er sich mit einem Berufsschullehrer?
„Das ist jetzt aber das Letzte!“ polterte Georg Knoblich da herein.
Er kam direkt aus den Kühlhallen und Vorratsräumen, hatte mit den Einkäufern besprochen, was besorgt werden mußte. Schnüffelnd hielt er die Nase in die Luft, witterte etwas in Richtung Moschus. Das kam in keiner der Speisen vor, die an diesem Tag nach seinen Anweisungen zubereitet wurden. Knoblich tat so, als gelte sein Rüffel dem Commis des Hors d’œuvrier, aber der Vorspeisenazubi stand direkt neben ihm. Wieso brüllte er also so laut?
Johannes Maiwald zuckte jedenfalls zusammen, er akzeptierte prompt, daß nur einer hier Platzhirsch war, und zwar Knoblich. Dagegen half auch das teuerste Parfum nicht.
„Vielleicht trinken wir ja mal einen Kaffee miteinander“, leitete er seinen Rückzug ein und tat so, als sehe er nur Karla und ganz bestimmt nicht den Küchenchef.
Also wirklich ein Sohn, dachte Karla, und da wurde ihr schon der Topf unterm Schneebesen weggerissen, der Poissonnier winkte nach ihr.
Er war ein sehr ernster, in sich gekehrter Mann, der nur wenig sprach. Vielleicht, weil er es immer mit Fischen zu tun hatte und das unweigerlich gewisse Angleichungen nach sich zog? Ein in der Pfanne akkurat gleichgerichtetes Rudel kleiner Tintenfische, gefüllt mit Zartweizen und einer Farce aus Jakobsmuscheln, galt es bei ihrem Köcheln in Weißwein zu überwachen.
„Sie hatten neulich ein gutes Gespür dafür.“
Mehr sagte er nicht zu Karla, mehr war auch nicht nötig – auch er fand nicht die Zeit sich zu wundern, wie eine Küchenhilfe zu so viel Fingerspitzengefühl kam.
Knoblich fächelte angewidert mit der Hand. Rasierwässer, Parfums und was alles sonst noch ablenken konnte von den Aromen, die den Töpfen, Tiegeln und Pfannen entströmten, waren strikt verboten in seiner Küche. Auch der Sohn wußte das, und ihm war auch bekannt, daß Knoblich die falsche Duftnote sofort bemerkte, auch wenn er verkatert war wie heute. Eine Spur des Sohnaromas hing noch in der Luft, als Knoblich den Küchenbereich wieder verließ, um Anweisungen für den Druck der Speisekarte für morgen zu geben.
„Irgendwann prügeln die sich“, prophezeite Oliver, als Karla wieder an der Kreuzung verlangt wurde. Einmal schon hatte sie inzwischen die Runde gemacht durch sämtliche Abteilungen der Küche. „So eine Schlacht mit fliegenden Hummern, Rebhühnern, tournierten Rinderfilets – solche Aussichten sind doch nicht schlecht! Ich hab mal einen Film gesehen …“
Unglaublich, wie viel der Jungkoch zu reden wußte, wobei End- und Ausgangspunkt stets mit Kochen zu tun hatten. So war Karla ganz froh, daß sie ein zweites Mal auf die Runde ging, noch ein drittes Mal, und dann nahte fürs Hilfspersonal die nachmittägliche Pause. Nicht für die Köche und ihre Assistenten, die mußten jetzt zum Rapport, zu Knoblich.
Er weihte sie ein, was er übermorgen von ihnen erwartete. Auch wenn er nicht selbst an allen Kochtöpfen stehen konnte bei solch einem Großbetrieb, alles mußte doch seine Handschrift tragen. Von demokratischen Verfahren am Herd hielt er nichts. Ganz als Nachfahr Napoleons ordnete er die Schlachtreihen, und die Chefs de partie wußten, daß Widerstand zwecklos war.
Nur weil Karla sich hatte aufhalten lassen, in der Spülhalle, wo eine nicht mehr ganz taufrische Blonde ihr langatmig von dem Rendezvous erzählte, dem sie entgegenfieberte, kam sie an Knoblichs Büro vorbei, als dieser längst allein war. Nicht ganz, vor ihm auf dem Tisch stand die unvermeidliche Flasche Chablis.
Er ist sternhagelvoll, erkannte Karla erschrocken – denn in drei Stunden ging der Kochzirkus weiter, am Abend waren die Gäste eher noch anspruchsvoller. Wie wollte Knoblich bis dahin wieder fit sein?
„Mädchen, komm rein, setz dich zu mir!“ rief er ihr zu.
Karla wollte zu ihrem Saxophon, noch ein letztes Mal üben vor dem Auftritt, aber immerhin, Knoblich war ihr Chef.
„Nimm dir ein Glas!“ forderte er sie auf, mit so weitausholender Geste, daß er fast vom Stuhl rutschte.
Karla nahm sich das Glas, füllte es aber mit Wasser, und Knoblich bemerkte es nicht.
„Ich muß jetzt einfach mit jemandem reden“, bramabarsierte Knoblich, „und du bist die einzige, der ich derzeit hier trauen kann …“
Sein Alkoholpegel hatte die Höhe erreicht, bei dem er schwermütig wurde, Karla sah es, hörte es und strich das Saxophon.
„Das alles ist ja so eine Sch-sch-sch …“ Er sprach das Wort nicht aus Zartgefühl nicht aus, sondern weil der Zischlaut seiner Zunge Probleme machte.
„Schwanenbraten“, erinnerte sich Karla. Ihr kam jetzt jede Ablenkung gelegen. Sie kicherte. „Wußtest du, daß es das wirklich gibt? Oliver hat es behauptet.“
„Der kann mich mal“, versetzte Knoblich. „Und der Schwan gleich mit. Weil das doch alles nur Scheiße ist.“ Einmal im Redefluß, kam ihm das Wort ganz leicht über die Lippen. „Scheiße, nichts sonst. Hast du dir das mal klargemacht?“ Er griff zu seinem Glas, vergaß aber zu trinken. „Auf dem Friedhof reden sie vornehm von Staub. Aber das kommt aufs Gleiche raus. Auf Scheiße! Oben rein, unten raus, und dann geht das wieder los mit dem Wachsen und Ernten und Zubereiten. Zubereiten! Wenn ich das schon höre!“ Nun trank er doch, aber nicht viel, das meiste schwappte ihm über die Hand. „Jesus hat Wasser in Wein verwandelt – lachhaft ist das! Jeder Chemiestudent kriegt so was hin! Aber was von mir erwartet wird, Verwandlungen, jede Tag aufs neue, Scheiße zu Speise, auf daß ja der Kreislauf erhalten bleibe … Kein Mensch fragt, wie ich das anstelle.“
Als er Karla jetzt anschaute, platzte der Kummer des gesamten Universums aus seinem Blick. Sie kannte solche Verzweiflungsanfälle bei ihm, ahnte auch jetzt einen höchst konkreten Kern. „Worum geht es denn?“ fragte sie sanft.
„Um die Winterwunderweihnachtsseligkeit“, stieß er hervor, mit so schwerer Zunge, daß er, einmal in Schwung, wohl gern noch ein Wort mit W daran gehängt hätte. „Worum sonst? Das ist ja das Elend. Draußen noch schönster Sommer, und unsereins … Bald geht das wieder los, mit den Gelüsten nach Kinderverzückung, nach Lebkuchen und Zimt und dem ganzen Kram …“ Er stand auf, verließ das Büro.
Karla folgte ihm. Er trank eindeutig zu viel, aber sie mochte ihn. Zu viel, wovon auch immer – war das nicht das Grundrezept schlechthin? Ohne Verschwendung, Luxus also, kam man doch nie aus dem Eintopf heraus! Und Knoblich verkörperte dieses Prinzip tragisch genug, aber dafür auch von Kopf bis Fuß. Und was war schon zu haben ohne ein Quentchen Tragik?
„Ich weiß nicht weiter!“ Fast gespenstisch hallte seine Stimme in der leeren, penibel sauberen Küche wieder. Einem Labor glich sie jetzt, erstarrt im Dornröschenschlaf, und Georg Knoblich, der momentan an sich zweifelnde Großzauberer, hoffte wohl, sich mit neuer Energie aufladen zu können, als er sich an einen Herd lehnte. Doch der war kalt.
„Zimt!“ Er stöhnte, faßte sich an den Kopf. „Irgendwie steh ich schon immer auf Kriegsfuß mit diesen Stangen. Aber das hilft nichts, Zimt muß sein in der nächsten Saison, Zimt ist der Renner!“ Weinte er jetzt?
Karla jedenfalls glaubte, etwas über seine Wangen laufen zu sehen, dick und groß wie schlecht aufgelöste Gelatine. Die Tränen eines Meisters, natürlich griff ihr das ans Herz.
„Taubenconfit mit Zimt, Kalbsbries an Zimtstangen gegart, Chicoreemousse mit Zimthaube – all das gibt es ja längst!“ Er breitete die Arme aus, als wolle er die Kollegen erwürgen, die sich mit diesen Geschmackskombinationen einen Ruf erkocht hatten. Oder Karla umarmen.
„Das ist doch alles nicht dein Ding“, meinte sie und ging in Richtung der Vorratskammern. „Bleib dir treu, dann packst du es!“ Ich rede wie eine Pfadfinderin, durchfuhr es sie. Aber angesichts des nun hemmungslos weinenden Kochs konnte sie nicht kleinlich sein.
„Und was ist dann mein Ding, wie du das nennst?“ höhnte er.
Im Bauch der Küche, in der Schatzkammer, dem heiligen Gral, im innersten Heiligtum hatte eine wie Karla, Küchenhilfe, natürlich nichts verloren. Aber jetzt … Sie verstand nicht mehr, was Knoblich nölte, griff zu, ins Volle, an das Saxophon dachte sie nur noch sehr entfernt. Nein, ein Schlaraffenland war das nicht, in das sie sich dank Knoblichs Tränen Zutritt verschafft hatte – eher die Vorstufe dazu, und deshalb so reizvoll. Alles war da, aus dem sich alles und noch mehr machen ließ. Karla gingen die Augen über. Ein leichtes Hungergefühl, denn sie hatte seit morgens um acht nichts Nennenswertes mehr gegessen, Georgs Schwermut und ihre Phantasie, die angesichts all dieser Schätze explodierte, ergaben zusammen genau die richtige Mischung.
Es war gar nicht viel, was sie in Händen hielt, als sie zu Georg zurückkam. „Du – das ist Hummermousseline, Georg, daran mußt du immer denken.“
Er schluchzte leise, riß sich die Haube vom Kopf, um sich das Gesicht abzuwischen. „Was machst du denn da?“
„Was wohl, deine berühmte Mousseline. Ich hab mich am Hummerfond bedient, das ist doch okay?“
„Es geht um Zimt, nicht um Hummer!“ glaubte Georg erinnern zu müssen.
„Genau!“ Karla lachte ihm ins tränenfeuchte Gesicht. „Wir bringen jetzt versuchsweise einfach beides zusammen, was spricht denn dagegen?“ Sie hatte die Flamme schon entzündet, nach Töpfchen und Schneebesen gegriffen.
„Meine Hummermousseline … mit Zimt?“ Vor Schreck versiegten Knoblichs Tränen.
„Mhm“, brummte Karla. „Und mit Vanille.“ Sie quetschte eine der feuchtperligen Schoten aus, die es in dieser Qualität nur auf fernen Inseln gab und wöchentlich frisch eingeflogen wurden. Dann zerstieß sie ein paar Zentimeter borkige Zimtrinde im Mörser, ließ sie durch ein Sieb staubkörnchenfein in den Topf rieseln. „Dazu vielleicht noch …“ Sie überlegte nicht lang. „Orangenöl, und den Rest kennst du ja.“
„Und woher du?“ Georg vergaß Tränen und Rausch, ganz nüchtern wirkte er jetzt, näherte sich Karla, in deren Hand der Schneebesen wie eine selbstverständliche Verlängerung ihres Handgelenks wirkte.
„Ist mir eben so eingefallen. Und ich kenn dich jetzt ja schon ein bißchen“, erwiderte sie leichthin. „Hier, probier mal. Das müßte ganz dein Stil sein.“
Sie balancierte den Löffel einen guten Meter durch die Luft, denn Knoblich war auf Distanz gegangen. Aus Verblüffung, Respekt, Angst? Was für eine Laus hatte er sich da ins Nest geholt?
Dann schluckte er schon. „Aber das schmeckt …“
„Warte, das noch dazu!“ Karla schob ihm einen Streifen Hummerfleisch in den Mund, ein saftiges Stück aus der Schere, und weidete sich an der Verzückung, die sein Gesicht fast zerfließen ließ. Seine Kiefer schnappten so gierig zu, daß für einen Moment auch ihr Finger in seinen Mund geriet.
Karla zog ihn zurück, stippte ihn in die Flüssigkeit im Topf, leckte die Fingerkuppe ab. „Vielleicht noch etwas Portwein?“ sinnierte sie.
„Das ist … göttlich!“ Knoblich ging tatsächlich in die Knie, umfaßte die Karlas. Er weinte wieder, diesmal war der Grund etwas wie Andacht, er kaute und lutschte und zerging.
„Na ja, ein Anfang“, meinte sie und verrührte schon den uralten Port im Topf, zwei, drei Tropfen vielleicht.
„Wie machst du das?“ Georgs Zunge rotierte. Endlich ließ er Karlas Knie los, stand auf.
„Wie schon, ich nehme, was da ist. Nur das mit dem Port, das war falsch.“ Sie sog den Dampf aus dem Topf mit der Nase ein, schmeckte ab und verzog das Gesicht. „Du erlaubst doch?“
Ohne Bedauern goß Karla den Inhalt des Töpfchens in den Ausguß, verschwand noch einmal im Küchenbauch, kam wieder, begann von vorn. „Nicht Port, eine Spur Schärfe“, murmelte sie und zerrieb einen paar Millimeter der asiatischen Schote. Dreiviertel davon warf sie weg, den Rest verrührte sie in der Sauce, kostete, balancierte wieder einen Löffel in Georgs Mund. „Und nun vielleicht noch etwas Cognac?“
Sie rührte, schmeckte ab, teilte Löffel an Georg aus, und dieser wußte nicht, wie ihm geschah. Klaras Einfälle, hiervon eine Winzigkeit, davon ein Hauch, kamen schneller, als er schlucken konnte, sie stand bloß am Herd und war doch außer Rand und Band.
„Hör auf!“ bettelte er endlich. „Das ist mehr als genug, damit schaffen wir den übernächsten Winter gleich mit! Mädchen, wie machst du das nur?“ Er war nüchtern wie lange nicht, starrte Karla an, gab es sie wirklich?
Sie selbst wußte das wieder mal auch nicht so recht. Was mache ich da? schoß es ihr durch den Kopf. Er ist der Chef, ich will zu meinem Saxophon, was kümmern mich seine Zimtzweifel? „Und dazu“, hörte sie sich nachdenklich sagen, „vielleicht ein Püree aus Tobinambur, in Ingwer und einem Hauch Limone glasiert … Einen passenden Namen dafür“, sie warf die Mähne zurück, „findest du schon.“
Knoblich hatte sich inzwischen auf einen Hocker geworfen, seine Zunge strich unablässig über die Lippen, er starrte Karla an. „Und das alles fällt dir einfach so mir nichts dir nichts ein?“
„Mir nichts, dir nichts?“ Sie lachte leise. „Für dich, das kommt eher hin. Geht es dir wieder besser?“ Ich bin viel zu nett, hielt sie sich im stillen vor. Warum mach ich das überhaupt?
Knoblich starrte noch immer Karla an. Oder sah er durch sie hindurch? „Wandel“, murmelte er dann, sprach ihren Nachnamen wieder und wieder aus, leise erst, dann lauter, beim letzten Mal schrie er ihn und tippte sich an die Stirn. Er sprang auf. „Alfred Wandel! Gib’s zu, du bist aus derselben Sippe! Alfred Wandel, meine Güte, sein Restaurant zur Kaiserzeit ist noch immer eine Legende, hier im Haus, er hatte es gekauft, damals hieß der Besitzer noch wie das Hotel, da war das keine Aktiengesellschaft, und Wandel, der göttliche Wandel … Tout Berlin verkehrte bei ihm, ach was, die ganze Welt, Diplomaten, gekrönte Häupter, Künstler, jeder, der auf sich hielt, aß bei Wandel!“
Knoblich hatte sich in Ekstase geredet, er bekam kaum noch Luft, kleine Speicheltröpfchen schossen bei jedem Wort aus seinem Mund.
Karla rührte im Topf, stellte sich taub.
„Verdammt, Karla, wieso bin ich da nicht gleich darauf gekommen!“ Er ging zu ihr zum Herd. So klein und zierlich sie da stand und rührte, ihm wuchs sie jetzt ins Gigantische. „Gib’s zu!“ flüsterte er. „Wandel, Knoblich, das sind beides urschwäbische Namen, bloß deshalb hab ich mir erst nichts gedacht! Aber jetzt …“
„Ein Geschäft!“ Blitzschnell drehte sie sich um, die grünen Augen plötzlich schmal, die Stirn gefurcht. „Ich schlag dir ein Geschäft vor, Georg.“
Knoblich wurde blaß, er fürchtete wohl eine Erpressung. Denn so, wie diese Karla kochte, und dann so ein Vorfahr – wenn sie nicht dumm war, machte sie daraus was.
„Nenn es von mir aus auch einen Kuhhandel“, fuhr sie fort und bemühte sich um ein Lächeln, einen beiläufigen Tonfall. Alles, damit Knoblich bloß nicht merkte, wie unangenehm er ihr mit seinen historischen Kenntnissen auf den Pelz rückte. „Niemand erfährt davon, ich meine von … meinem Urgroßvater. Und zum Ausgleich erfährt auch niemand, daß diese Zimtmousseline von mir …“
„Aber Mädchen, schämst du dich etwa für ihn?“ platzte Knoblich dazwischen. „Mit dem verwandt zu sein, das ist doch keine Schande! Auch wenn er dann später abgewirtschaftet hat, was willst du, das war die Weimarer Zeit, da ging ja alles perdu … Und es heißt ja, also nur ein Gerücht … Er soll ja beteiligt gewesen sein bei einem Attentatsversuch auf den Kaiser, und nur deshalb dann sein unaufhaltsamer Niedergang und … Weißt du darüber vielleicht mehr?“ Seine Augen glänzten lüstern, seine Stimme senkte er auf das Flüsterniveau, das zu der mutmaßlichen Verschwörung damals paßte.
„Kein Wort mehr!“ zischte Karla, keine Spur mehr von Freundlichkeit in ihrem Gesicht. „Ich hab dir einen Deal vorgeschlagen. Schweigen gegen Schweigen. Und das ab sofort! Und für immer! Und egal, ob du nüchtern oder sturzbesoffen bist!“
Solang sie im Topf den Zimtzauber rührte, hatte sie keinen Moment daran gedacht, sich das etwas kosten zu lassen. Eine Gefälligkeit, selbstverständlich, daß sie Knoblich mal eben aus der Verlegenheit half. Aber als dann dieser Erinnerungsschub über ihn kam, begriff sie, daß ihr nichts anderes übrig blieb. Sie hatte doch Schluß gemacht mit der Kocherei, mit der Familie, sie war nach Berlin gekommen, weil es ja vielleicht doch möglich war, noch einmal neu anzufangen, ohne Kochlöffel, dafür mit Saxophon, mit einer Zukunft statt einer Vergangenheit voller verkrusteter Bratpfannen! Nun sollte es ausgerechnet ein Koch sein, der ihr das verdarb und in die Suppe spuckte?
Nein. Karla konnte auch rechnen, verhandeln, wenn es sein mußte, und das bewies sie jetzt. Sie hielt Knoblich die Hand entgegen. „Schlag ein, sofort! Und dann nie wieder ein Wort darüber. Mein letztes Angebot, klar?“
Georg zögerte. Zimtfarbige Saucenspritzer hatten Karlas hellgelber Leinenbluse ein Muster verpaßt. Sah gar nicht schlecht aus. Lang nicht so gut natürlich, wie diese Kombination aus Hummer, Zimt und Vanille schmeckte. Er fand die Mischung so naheliegend, hatte den Geschmack noch immer so intensiv auf der Zunge, daß er gar nicht begriff, darauf nicht längst selbst gekommen zu sein. Aber er begriff immerhin, daß viel für ihn davon abhing, diesen zimtigen Hummerschaum unter seinem Namen auf die edel gedeckten Tische des Restaurants zu bringen. So ergriff er endlich die Hand.
„Anscheinend ist an der Sache mit den Genen doch etwas dran“, murmelte er. „Oder hast du das alles doch richtig gelernt?“
„Kein Wort, haben wir vereinbart“, erinnerte Karla und entzog ihm ihre Hand.
„Darauf müssen wir wenigstens noch ein Glas trinken“, schlug er vor. „Und dann eine Currywurst essen, am Stand drüben, bei …“
„Du vielleicht“, fiel ihm Karla ins Wort. „Ich nicht. Ich geh jetzt. Meine Pause ist eh gleich vorbei.“
Für einen Spaziergang, dachte sie, reicht die Zeit so eben noch, jenseits der Linden, wo sich die Touristen nicht mehr drängelten, zwischen den düster wilhelminischen Gebäuden der Universität gab es kleine Cafés, einen Park …

Mit ihren Gedanken befand sie sich schon dort, leibhaftig aber noch immer im Hotel. Um diese Nachmittagsstunde wirkte die Pracht der Lobby hauptsächlich auf sich selbst, nur ein einzelner Herr versank in den tief orientalischen Polstern. Ein anderer durchquerte eilig den großen Saal, das Rot des schrittweise wippenden Haars lockte ihn schon von weitem.
„Was für ein Zufall!“ sprach Johannes Maiwald die Küchenhilfe an. Tatsächlich lauerte er schon seit einer ganzen Weile auf sie. Den Nadelstreifen hatte er durch lässige Schilftöne in Seide ersetzt, vermutlich ein Signal, daß er jetzt Privatmensch sei. „Den nützen wir, für einen Kaffee, wie verabredet.“ Er wies auf die Bar, wo ein Angestellter die Espressomaschine gleich noch etwas beflissener polierte.
„Verabredet?“ Karla verzog eine Augenbraue. „Nicht daß ich wüßte.“ Die bekleckerte Bluse, die reichlich zerknitterte Leinenjacke, die sie sich über die Schulter geworfen hatte – alles kein Grund, den Junior nicht in seine Grenzen zu verweisen.
„Aber Sie sind doch die neue Küchenhilfe?“ gab er sich verunsichert. „Ich vergesse Gesichter nie!“
„Das Letzte der Küchenmädchen“, versetzte Karla, „so haben Sie mich genannt.“
„Aber ich bitte Sie!“ rief er bestürzt. „Das war keineswegs persönlich gemeint, Sie wissen ja, eine Redewendung, und ich wollte damit nicht … Bitte, nur auf einen Kaffee! Das können Sie mir nicht abschlagen!“
Karla gab nach, wenn auch nur, weil Maiwald aussah, als wolle er vor ihr in die Knie gehen. Und es reichte, daß Knoblich das vorhin getan hatte, ein zweites Mal an einem Tag verkraftete sie so etwas nicht.
Maiwald war wirklich groß. Aber als er Karla jetzt voranging, erschien er ihr wie ein schwanzwedelndes Hündchen, lächerlich und rührend zugleich.
Der Jungkoch hat ausnahmsweise doch mal recht, dachte sie, denn nur ein Sohn kann so versessen darauf sein, es allen immer nur recht zu machen. Sogar dem letzten Küchenmädchen.
Sie grinste unwillkürlich, was Maiwald sofort auf sich bezog. „Es muß natürlich nicht unbedingt Kaffee sein“, schlug er eifrig vor. „Vielleicht ja auch schon ein Aperitif?“
Er blieb stehen, während sie auf den Barhocker kletterte, plötzlich war gleiche Augenhöhe erreicht.
„Einen Espresso“, wandte Karla sich an den Mann hinterm spiegelblank polierten Tresen.
Aus einer antikisierenden Marmorschale ganz in der Nähe entstieg der Duft von an die Hundert geköpften, glutroten Rosen – aber es mischte sich noch ein anderer Geruch darunter, der noch näher war.
„Für mich bitte auch“, schloß sich Maiwald Karlas Bestellung an. Aber ihm war nicht entgangen, wie sie witternd die Nase gehoben hatte. „Ich weiß, in der Küche ist Parfum streng verboten, und es ist ja nur gut, daß Knoblich so eisern darüber wacht. Aber hier draußen – wie finden Sie es? Das Parfum ist ganz neu!“
Karla war perplex wie lange nicht. Da saß sie mit dem Juniorchef an der Espressobar, hatte gedacht, der wolle sich ein bißchen aufspielen und wichtig machen, als guter Patriarch, Hotelbesitzer in spe, gutes Betriebsklima und so weiter. Und nun schaute er sie an wie ein eifriger Schuljunge, der auf ein Lob der Lehrerin hofft!
„Das fragen Sie mich?“ wich sie aus. „Bestimmt sind da andere, die …“
„Nehmen Sie es als Beweis“, unterbrach er hastig. „Dafür, daß ich meine Bemerkung in der Küche wirklich nicht so gemeint habe. Ich habe lang in den Staaten gelebt, Sie wissen ja, wie man dort vom Tellerwäscher zum Millionär … Nein, Vorurteile habe ich nicht. Und deshalb ist mir gerade Ihre Meinung so wichtig!“ Er strahlte wie ein Vierjähriger, der es geschafft hat, ein Gedicht fehlerfrei aufzusagen.
Er will sich auf meine Kosten billig ein gutes Gefühl verschaffen, ahnte Karla, so billig, wie es nur geht, denn teuer war sein Parfum garantiert. Obwohl es eindeutig stinkt.
„Sie wollen das wirklich wissen?“ In einem Zug leerte sie ihre Tasse, rutschte vom Hocker.
„Ja!“ Nun war er wieder zwei Köpfe größer als sie.
„Eindeutig zu viel Moschus“, lieferte sie ihm das gewünschte Urteil. „Und Sie wissen ja – so riecht der Ochse am Arsch. Danke auch für den Kaffee!“
Er hat es nicht anders gewollt, dachte sie, als sie ging, und wenn ich den Job nun verliere, tief falle ich immerhin nicht. Lang nicht so tief wie damals Alfred.
Obwohl das dem Personal untersagt war, verließ sie das Hotel durch den Haupteingang. So lange nicht einmal die Chefs wußten, wie sie sich zu benehmen hatten …
Sie pfiff leise vor sich hin, merkte nicht, wie der Junior ihr nachsah, war überzeugt, ihn ein für allemal abgeschreckt zu haben, wovor auch immer.
Doch da täuschte sie sich. Trotz ihrer schon deutlich mehr als dreißig Jahre, trotz diverser Erfahrungen mit Männern und allem, was so dazu gehört, trotz der Ehe, die hinter ihr lag, trotz aller Vorsätze, daß zwischen ihr und welchem Mann auch immer nur noch das geschehen sollte, was sie wollte – sie wußte noch nicht, welche Wirkung ein entschiedenes Nein auf diesem Gebiet haben konnte. Und daß sie Johannes Maiwalds Hormone mit ihrer ruppigen Antwort in genau die Wallung versetzt hatte, die in den Zustand führt, der landläufig als Verliebtheit bezeichnet wird.

„Geben Sie mir … einen Cognac“, brachte er heiser über die Lippen. „Es kann auch ein Doppelter sein.“ Johannes sah den Barkeeper nicht an, er starrte immer noch dorthin, wo Karla längst verschwunden war, gleißend hell fiel von den Linden draußen das Spätsommerlicht des Nachmittags in den vornehmen Dämmer der Lobby.
„Gern, Herr Maiwald“, sagte der Barkeeper.
Was für eine Frau, dachte Johannes.
Er spürte, es half nichts, daß sie nur Küchenhilfe war, wirklich eine der Letzten auf der ausgeklügelten hierarchischen Leiter dieses Hauses, sie war …
„Bitte sehr, der Cognac. Ihre Lieblingsmarke.“ Der Barkeeper kannte die Vorlieben des Juniorchefs so gut wie die aller anderen im Haus.
„Nein, die will ich heute nicht“, versetzte Johannes ungewohnt barsch. „Und überhaupt … geben Sie mir einen Whisky. Single malt.“ Er spürte, daß gerade etwas mit ihm geschah, eine Verwandlung, und sie hatte mit dieser Frau zu tun, von der er fast nichts wußte außer …
„Mit Söhnen hat die nichts am Hut“, murmelte er.
„Verzeihung, Herr Maiwald?“ Der Barkeeper hatte nichts verstanden oder tat auch nur so.
Johannes kippte das edle Destillat in einem Zug. Er verzog das Gesicht – unerträglich, dieser Ochsengeruch überdeckte einfach alles. Er beschloß, auf der Stelle ein Bad zu nehmen. Und das teure Parfum zu entsorgen. Und überhaupt … Alles würde sich ändern. Denn diese Frau …
Ein bekannter Dirigent ging in Sichtweite vorbei. Das Lächeln, mit dem Johannes ihn anschaute, ohne ihn wirklich zu sehen, konnte nur als blöde bezeichnet werden. Natürlich verstimmte es den Maestro sofort. Konnte man nicht erwarten, hier anständig begrüßt zu werden? Das war doch der Sohn, der müßte doch eigentlich wissen …!
Johannes bemerkte den Stammgast auch dann nicht, als er die Lobby verließ. Er war viel zu beschäftigt damit, über sich selbst zu staunen. So anders fühlte er sich, so entschlossen, so … plötzlich gereift! Nein, das war auch nicht das richtige Wort, es gab einfach keine Bezeichnung dafür, keine Silbe, kein Buchstabe wollte dafür passen.
Er blieb abrupt stehen, als ihm dämmerte, wieso das so war. Ihr Namen! Er wußte ja nicht einmal, wie sie hieß!

Karla saß indessen im Gras, am Ufer der Spree, blinzelte in die schon tief stehende Sonne und hatte auch ein Problem mit ihrem Namen. Erstens, weil Knoblich dieser Name etwas sagte. Leicht möglich, daß es auch anderen so ging. Hätte sie doch nicht auf ihren Mädchennamen zurückgreifen sollen bei diesem Versuch eines Neubeginns?
Zweitens war weder dieser Name noch der, den sie ein paar Jahre als Ehefrau getragen hatte, geeignet, um damit in einem Jazzlokal aufzutreten. Und das sollte immerhin heute Nacht schon geschehen, nach einigen weiteren Runden durch die Hotelküche.
„Ich bin denkbar schlecht vorbereitet“, murmelte sie zerknirscht. „Zum Üben bin ich nun nicht mehr gekommen, und die Sache mit dem Namen habe ich überhaupt nicht bedacht!“
Lang hielten ihre Gewissensbisse nicht an. Vielleicht war ja genau dieses Hals-über-Kopf das Richtige, und improvisierte sie in ihrer Musik nicht auch?
Eigentlich wollte sie sich zurücksinken lassen ins Gras, aber dann griff sie nach ihrer Tasche, fand einen Zettel darin. Vier mal sieben Zentimeter höchstens, eine Rechnung aus einem Kaufhaus. Aber für das Rezept für die Zimtmousseline war er doch groß genug, und rasch kritzelte Karla auf ihn, was sie da alles vermengt hatte.
Nur für den Fall, daß Georg es doch wieder vergißt, sagte sie sich, und weil ich ja nie zweimal dasselbe hinkriege. Jedenfalls beim Kochen nicht …
Sie verzog das Gesicht, auf anderen Gebieten waren ihr Wiederholungen leider nicht fremd.
„Und wenn Georg diese Zutatenliste nicht braucht“, murmelte sie, „dann landet sie halt in dem Massengrab namens Familienrezeptbuch.“
Es erleichterte sie, so abschätzig von der Kladde zu reden, die ihrer Familie stets als Heiligtum galt und weit mehr als nur Rezepte enthielt – eine Chronologie des allmählichen Abstiegs eher, eine Ansammlung von Katastrophen und Unglücksfällen, von Peinlichkeiten, sorgsam zu Legenden geknetet, eingedickt und öfter, als bekömmlich sein konnte, verquirlt, paniert, überbacken … Der mutmaßlich in eine Verschwörung gegen den Kaiser verwickelte Urahn hatte mit diesen Notizen begonnen, Großmutter, Großonkel, die Eltern hatten es fortgeführt, Spionage, dubiose Beziehungen zu NS-Größen, Ehebrüche kamen darin genau so vor wie die Zutaten zu allerlei Speisen, gehütet wie Staatsgeheimnisse. Wie Dinge eben, die nie bekannt werden durften, weil die Familienehre davon abhing, der Ruf eines guten Namens, der Karla heute nur noch Probleme eintrug.
Aber getrennt hatte sie sich von dem zerfledderten Ding doch nicht. Nicht wegen etwas wie Respekt, Sehnsucht nach Wurzeln, Tradition oder Herkunft. Nein, ganz im Gegenteil, aus Gründen der Abschreckung, wie sie sich entschuldigte, und damit ich nie vergesse, wohin ich nicht will!
Sie verstaute den Zettel in der Tasche, sank ins Gras, spürte die Müdigkeit in ihren Knochen. Wenn sie die Augen schloß, spürte sie das helldunkle Geflimmer, zu dem sich Blätter und Sonne verbanden. Die Spree plätscherte eine Begleitmusik gegen die Ufermauern. Von einem nahen Straßencafé trug der Wind Wortfetzen herüber. Oder träumte Karla schon?
„Angst vor Spinnen?“ sagte jemand. „Dann werde Buddhist!“ Die Stimme war männlich.
„Was hat denn das miteinander zu tun?“ gab sich eine weibliche Stimme ablehnend.
„Ganz einfach. Respekt vor allem, was lebt“, lehrte die männliche Stimme. „Ich spreche aus Erfahrung. Seit ich Buddhist bin, mag ich kleine Tiere. Ich erwarte nichts mehr, es kommt sowieso, wie es kommt. Wenn du so ans Leben rangehst, bleibt es garantiert enttäuschungsfrei.“
„Wie, was heißt, du magst kleine Tiere?“ zeigte sich die weibliche Stimme an einer praktischen Wendung interessiert. „Ißt du die auch?“
Die Fortsetzung entging Karla, wenn sie nicht längst schon träumte, dann jetzt ganz bestimmt. Sie befand sich plötzlich auf einer sehr schiefen Bahn, rutschte ab, in Wasser, leichte Wellenbewegungen, darauf ein Schwan, noch einer … ein Rudel. Sie schwammen gewohnt majestätisch, plump, stur geradeaus, wieso wurde das eigentlich immer als elegant bezeichnet? Doch sie spuckten Feuer dabei, Feuer aus weit geöffneten Schnäbeln, es brach aus den lang gestreckten Hälsen, kam es von dem Rost, auf dem sie gebraten wurden? Ja, eine Festgesellschaft nahte, die Wellen wurden zu Nadelstreifen, begannen zu reden. „Gestatten? Attentäter.“ Aber auch in der Tarnung des Verräters war der Urahn zu erkennen, auch Knoblich war da, eine Hummerschere baumelte ihm lässig am Ohr, und er baute etwas, ein Podest aus Lebern, in Blattgold verkleidet, und darauf …
„Trifft sich ja gut!“
Etwas schob sich zwischen Karla und die Sonne und ließ sie erwachen. Blinzelnd hob sie die Hand vor die Augen.
Da saß Charly schon neben ihr im Gras. Ihm gehörte das Jazzlokal in Mitte, er hatte Karla den Auftritt angeboten. Zu Besuch bei Leuten im Vorderhaus, waren ihm die Töne aus der Remise unüberhörbar gewesen, und er hatte Karla gesagt, das sei gut, und ob sie nicht auftreten …
„Auftreten ist heute nicht“, sagte der schlaksige Enddreißiger jetzt und nannte einen Namen, den auch Karla gut kannte.
„Der spielt bei euch?“ staunte sie.
„Hat sich spontan so ergeben“, spielte Charly herunter, wie stolz er auf diesen Coup war. „Daran zeigt sich, daß er ein wirklich Großer ist. Einer der ganz Großen. Keine Zicken, keine Mätzchen. Der packt einfach sein Instrument aus und legt los. Wir werden uns vor Leuten nicht retten können. Um zwölf geht es los. Du kommst doch auch?“
„Mal sehen“, erwiderte Karla gedehnt, denn das ging ihr jetzt doch etwas zu schnell.
Denn um zwölf heute Nacht, da hatte doch eigentlich sie auftreten sollen mit ihrem Saxophon, und wenn ihr auch klar war, daß Charly schon aus rein ökonomischen Gründen dem anderen den Vorzug gegeben hatte, diesem Mythos des Jazz, wie er allenthalben genannt wurde – eine Enttäuschung bedeutete das für sie schon.
„Mach dir nichts daraus“, riet Charly gutmütig und sprang schon wieder auf. Langes Stillsitzen war nicht seine Sache, irgend etwas an ihm zappelte ständig. „Du kommst schon auch noch dran. Nächste Woche zum Beispiel. Ich ruf dich dann an.“ Er winkte lässig und verschwand in Richtung der S-Bahn. Mit seinem leicht schlurfenden Schritt brachte er das Laub zum Rascheln, dem Sommer ging ganz langsam die Luft aus.
Karla nun gleich auch, denn Enttäuschung hin oder her, ein Blick auf die Uhr sagte ihr, daß sie rennen mußte, um pünktlich zur Abendschicht in der Hotelküche zu sein. Daß Saxophonklänge die Luft zerrissen, aus einer der Kneipen, an denen sie vorbeihastete – sollte sie es als Verhöhnung nehmen oder als Versprechen? Oder war es wie immer nur Zufall, bedeutungslos, wie ihr Namen?
Grinsend entschied sie sich für Letzteres und betrat das Hotel einfach als Küchenhilfe, durch den Personaleingang selbstverständlich.
„Riecht garantiert nicht!“
Sie schrak zusammen, als sie so unvermutet angesprochen wurde. Vom Sohn.
Johannes steckte ihr etwas zu, flüsterte etwas, das wie ihr Namen klang, und war schon verschwunden. Karla ließ das kleine Ding, das weder weich war noch hart noch sonst irgendwie auf seinen Inhalt schließen ließ, rasch in der Hosentasche verschwinden.
5. Kapitel

„Sex? Sag jetzt bloß nicht, du hast erwartet, daß ich … Ich meine, du und ich …“
Karla sagte gar nichts. Das war auch nicht nötig, Charly redete ja ständig, ohne Punkt und Komma. Schon an der Bar hatte er damit angefangen, gleich nach ihrem Auftritt. Hatte ihr gesagt, wie gut sie gewesen sei, daß ihr der Blues wirklich im Blut liege. Er hatte Apfelsaft getrunken, wie immer, Karla einen Whisky. Aber betrunken war er geworden. Jedenfalls wirkte er so und erzählte eine komplizierte Geschichte, weshalb er in dieser Nacht nicht nach Hause könne, und daß Musiker doch zusammenhielten, eine große Familie und so weiter.
Karla hatte ihn mitgenommen, trotz dieses Geredes. Bestimmt hatte das mit dem Hochgefühl zu tun, ihr erster Auftritt vor Publikum war wirklich gut gelaufen. Jetzt lag Charly der Länge nach auf ihrem Bett und redete immer noch. Karla stellte das Saxophon in die Ecke, es war ihr in dieser Nacht vertrauter als sie selbst. Denn sie als Musikerin in den Clubs dieser Stadt – daran mußte sie sich erst noch gewöhnen.
„Wenn du mich fragst, das mit dem Sex wird doch einfach maßlos überschätzt“, erklärte Charly. „Entweder ist es Gymnastik ohne jedes Gefühl, dann ist es langweilig. Oder das Ganze mit Gefühl – unerträglich. Lenkt nur von allem ab. Und früher oder später dann garantiert Diskussionen ohne Ende, Streit, Tränen … Nee, muß ich nicht haben. Aber wem sag ich das!“ Er lachte zu ihr herüber. „Wir Musiker stehen da sowieso drüber. Wir haben die Musik im Blut, Sex ist da überflüssig …“
Karla hatte immer gedacht, daß beides eigentlich ganz gut zusammenpasse. Auch jetzt dachte sie das, und Charly sah nicht übel aus. Aber sollte sie sich deshalb aufdrängen? Sie ließ ihn weiterreden. In der Küche fand sie eine Flasche Rotwein, öffnete sie. Beim ersten Schluck erlebte sie das Konzert noch einmal, sah sich selbst dort auf der kleinen Bühne stehen, hörte die Klänge ihres Saxophons, Seufzer, Schreie, Jubelrufe. Aber plötzlich sah sie auch, was zur selben Zeit das Publikum tat. Sicher, die Leute waren mitgegangen, hatten auch immer wieder geklatscht. Aber … Sie hatten gegessen, die ganze Zeit.
Es war nämlich einer jener Clubs, wo man auch essen konnte. Und was für Zeug … Karla sah die vollen Teller vor sich. Crossover nannte sich das, eine Mixtur aus den Töpfen aller Länder, Crossover wurde auch die Musik genannt, die Karla mit der Band zu Gehör gebracht hatte. Ihre Idee war das nicht gewesen, aber man müsse der Sache einen Namen geben, hatten die anderen gesagt. Charly auch. Und Karla war das im Grunde egal.
Jetzt aber sah sie die überhäuften Teller mit den fettigen Speisen, finger food war der Hit bei den Gästen, sich wie Kleinkinder zu benehmen, trug offenbar zu ihrem Wohlgefühl bei. Stopften das Zeug also mit den Fingern in sich hinein, verrenkten die Zungen, um wer weiß wo Saucenreste abzulecken, glänzten rund um die Münder und bis zu den Ellbogen vor Fett.
Nicht so natürlich Johannes Maiwald. Der hatte sie nur mit glänzenden Augen angestarrt. Karla war nicht wenig erschrocken, als sie den Sohn im Publikum entdeckt hatte, lässig an den Tresen gelehnt, ein Glas in der Hand. Er war eindeutig ihretwegen gekommen. Aber woher wußte er, daß sie hier auftrat? Sie hatte doch keinem Menschen von ihren Ambitionen als Musikerin erzählt, nicht einmal Knoblich! Und dann Maiwalds Blick … Sie hatte darüber fast ihren Einsatz verpaßt. Daß sie dann so gut gespielt hatte, verdankte sie im Grund aber doch ihm, besser gesagt, ihrer Wut auf ihn. Wieso wollte er denn nicht begreifen, daß sie nichts von ihm wollte? Auch nicht diese Zettelchen, die er ihr jetzt immer wieder zusteckte – von wegen „riecht garantiert nach nichts!“ Zuckersüßes Zeug war das, Gedichte oder doch Zeilen daraus, und Karla befürchtete, daß Maiwald sie nicht nur abschrieb, sondern sie sich selbst ausdachte. Er steckte sie ihr zu, indem er schamlos seine Position als Sohn ausnützte. Kaum besser als ein Klaps auf den Hintern war das … Sie war dazu übergegangen, diese Zettel vor seinen Augen zu entsorgen. Aber wenn er jetzt sogar im Club auftauchte, mußte sie wohl deutlicher werden.
„Einen richtig fetten Applaus hast du da gekriegt, Mädchen!“ drang Charlys Monolog vom Bett herüber und erinnerte sie wieder an die fetttriefenden Teller. „Kannst echt stolz sein auf dich. Aber jetzt bloß nicht die Bodenhaftung verlieren, hörst du? Laß es schön langsam angehen, nichts überstürzen. Am besten, du läßt mich machen, ich hab Erfahrung mit solchen Karrieren …“
Fetter Applaus, hakte es sich in Karlas Kopf fest, und prompt schmeckte sie das Fett von den Tellern in der Kehle. Ein übler Geschmack, sie rührte ihr Weinglas nicht an. Charly redete jetzt immerhin etwas langsamer, gelegentlich legte er sogar Pausen ein. Wie ein Kind, das sich in den Schlaf redet, und es war Karla nun doch nicht so recht, daß dies auf ihrem Bett geschah. Doch bis sie sich dazu aufraffte, es Charly zu sagen, war der eingeschlafen, mitten im Satz, und nun sah er auch aus wie ein Kind. Fast war Karla der Irrtum peinlich – sie hatte doch einen Mann gesehen in ihm!
Schon morgen, halb acht, stellte sie fest, aber draußen war es immer noch dunkel. Meist war das rund um die Uhr so zu dieser Jahreszeit, die ganze große Stadt erschien Karla im Dezember wie eine Höhle, da half auch nicht noch so viel Kunstlicht. „Höhlenbewohner“, murmelte sie, „und mit dem Essen trösten sie sich darüber hinweg, egal ob in den Clubs, in den Restaurants, in den Häusern … Auf Schritt und Tritt müssen sie was in sich reinstopfen. Als ob ihr Leben bloß aus Lücken bestehe, die sie ausfüllen müssen. Womit auch immer …“
Sogar, wenn sie magersüchtig waren, fiel ihr ein. Die liefen immer mit diesen Wasserflaschen rum. Magersüchtige und solche, die in den Folterkammern namens Fitneß-Studios aus- und eingingen. Oder doch so taten. Entweder Schokoriegel, oder sie hingen eben an der Flasche. Ein unappetitlicher Gedanke. Karla seufzte. Wie schön wäre es, wenn Fett keine Rolle spielte, wenn jemand das Saxophon blies!
„Ich war wirklich nicht schlecht“, sagte sie sich und bekam Hunger. Sie beschloß, frische Brötchen zu holen, aber dann war es ein infernalisches Getöse, das sie die Wohnung zu verlassen zwang. Da zerdepperte wieder einmal jemand in aller Frühe seine leeren Flaschen in der Tonne!
„Endlich hat es geklappt!“ Es war ein Mieter aus dem Vorderhaus, dritter Stock. Er lächelte Karla strahlend an.
„Sie meinen wohl geklappert“, knurrte sie. „Und zwar zu laut! Kennen Sie nicht die Hausordnung?“ Karla hatte sich fast schon daran gewöhnt, daß es ihre Aufgabe war, solche Belehrungen auszusprechen. Tat sie es nicht, bekam sie Ärger mit den anderen Vermietern. Und mit dem Hausbesitzer. Pluntkes Erwartungen an seine Hauswartsfrau waren ausgesprochen präzise.
„Ich wollte Sie doch endlich mal kennenlernen!“ Er hatte noch mindestens fünf leere Flaschen im Arm. „Stimmt das denn, was man so sagt? Sie sind Köchin? Und arbeiten im …“
„Wüßte nicht, was Sie das angeht“, knurrte Karla. Den Umgangston in der Hauptstadt beherrschte sie mittlerweile ganz gut.
„Ich koche nämlich auch“, ließ sich der Mann nicht beirren. Typ Oberstudienrat, in der Küche garantiert ein ganzes Regal voller Bücher. Kochanweisungen, die er penibel einhielt. Und dann jedes Rührei, als sei es eben erst von Kolumbus erfunden … „Nicht hauptberuflich, dafür aber mit viel Liebe. Nur mit dem Kartoffelbrei habe ich immer so ein Problem. Ob Sie mir da vielleicht mal …“
Karla ließ ihn einfach stehen. Als sie vom Bäcker zurückkam, drangen Geräusche aus dem Schlafzimmer. Charly sah aus wie ein Mordopfer, aber er schlief noch. Stöhnte er in einem Albtraum? Oder erledigte er, im Schlaf gewissermaßen, die für ihn so unbedeutende Angelegenheit mit dem Sex?
Karla überließ ihn sich selbst, braute Kaffee. Genaugenommen tat das die Maschine, wieder mal ein Geschenk von Knoblich, er selbst rühre die Espressomaschine sowieso nie an. Sie schaute zu, wie die Milch zu Schaum wurde, ein chemischer Prozeß, an dessen Ende die Milch mit zahllosen Luftblasen fast schnittfest wurde, im Volumen vervielfacht, durch nichts eigentlich, und da mußte sie wieder an Charlys Ansichten über Sex denken. Die ja wohl nicht nur die seinen waren. Alle redeten davon, ständig – wann also sollten sie es da tun? Das war wie mit den Arbeitern, kam es Karla in den Sinn, kürzlich erst war sie zufällig in eine Ausstellung über die untergegangene DDR geraten. Die hatte man dort zu Helden erklärt – und dann brach der Staat zusammen, und es zeigte sich, daß es so was wie Arbeit dort gar nicht gab. Deshalb vermutlich hat man sie auf den Sockel gestellt, Museumsstücke – Helden der Arbeit, bedauernswerte Opfer. Wie ein paar Jahre davor bei den Nazis die deutschen Mütter, die sollten ja Kinder auf die Welt bringen ohne Sinn und Verstand oder gar Lust an der Sache, aber automatisiert, in Rudel zusammengefaßt, eben geopfert, gar nicht viel anders als in den Lagern zur selben Zeit …
Karla wurde schwindlig, was braute sie da alles zusammen? In der Hauptstadt gab es Ausstellungen auf Schritt und Tritt, und weil das Wetter derzeit so schlecht war, geriet Karla manchmal in eine hinein. Mit chaotischen Folgen für ihren unausgeschlafenen Kopf, wie sich jetzt zeigte. Sie tunkte ein Croissant in ihren Milchkaffee, fragte sich, wie sie Charly wieder los wurde, ohne Auswirkungen auf ihre Karriere als Musikerin zu riskieren. Eigentlich war nur Maiwald daran schuld, daß der Clubbesitzer jetzt in ihrem Schlafzimmer lag, wenn Maiwald nicht dort gewesen wäre mit diesen kitschig glänzenden Augen …
Draußen auf dem Hof wurde es allmählich morgen. Samstagmorgen, man nahm sich Zeit an den Mülleimern, plauschte unter Nachbarn. Das brachte Karla in Erinnerung, daß sie heute das Treppenhaus reinigen mußte, es sah aus wie eine Sandwüste nach ein paar Flocken Schnee. Die Stadtreinigung hatte daraus eine große Sache gemacht, Sand ohne Ende über die Hauptstadt verstreut, und der knirschte nun auch in dem Treppenhaus, für das Karla verantwortlich war.
Aber zuerst brauchte sie mehr Kaffee, diesmal ohne Milch, und da fiel ihr Blick auf die Kladde im Küchenregal. Das Familienrezeptbuch, diese Sammlung von Katastrophen und Mißverständnissen. Sie griff danach. Trotz allem war es eben doch ein Beweis, daß sie dort nicht mehr war. Sie war all dem entkommen, um Haaresbreite nur, aber immerhin. Sie kochte – aber offiziell war sie nur Küchenmädchen. Allmählich kamen zwar Gerüchte auf, es sprach sich auch herum, wie sie Knoblich gelegentlich aus der Patsche half. Aber natürlich hütete er sich, das an die große Glocke zu hängen, und da er Küchenchef war, spielten die anderen mit. Sie war Küchenmädchen, basta. Nur ein Job, um ganz anderes zu tun. Nämlich Saxophon zu spielen. Vielleicht war es ja gar nicht schlecht, daß Maiwald sie gesehen hatte im Club.
Sie blätterte in den gelblich gewordenen Seiten der Kladde, von Fettspritzern geziert, geknickt, eingerissen. Hausmannskost und haute cuisine, alles ging darin durcheinander, nicht anders als das, was so Liebe und Leidenschaft genannt wurde. Lief nicht beides auf dasselbe hinaus? Am Ende hatte man so genug davon … Selbst wenn so ein Ende auf den noch relativ frühen Morgen fiel. Aber so genau wollte sich Karla damit lieber nicht befassen, und so las sie sich fest. Die Schrift ihrer Großmutter, die alt geworden war, aber nicht weißhaarig. Und die hatte außer über Steckrüben und Kohl auch über Vertreibung ihre Notizen gemacht, hatte den Kohl Kraut genannt und die Vertreibung aus Ungarn ein Unrecht. Dann aber sofort auch Chancen gesehen, in beidem, hatte Rüben zu Delikatessen verarbeitet und einen geheiratet, der von hier war. Wie sehr von hier, darüber munkelte man nur, mal hieß es, er habe Flugblätter verteilt, gegen die Nazis, andere wußten, er habe für die Bonzen gekocht. Ihre Großmutter hatte sich nur für ihn interessiert, nicht für seine Vergangenheit. Ein schöner Mann, hatte sie Karla oft erzählt, und ansonsten widmete sie sich den Rüben, und das fand Karla nun doch interessant.
Denn Rüben waren derzeit wieder der letzte Schrei, nicht mehr unter Mehlschwitzen wie damals nahrhaft gemacht, sondern mit Brühen, Wein, erlesenen Gewürzen zu Delikatessen, mit Trüffeln gekrönt, mit Ingwer verfremdet, mit …
Wer rief um diese Zeit an? Wollte Pluntke sich über den Sand im Treppenhaus beschweren? Oder war es der Typ von dem Studio, der Karla eine große Karriere vorausgesagt hatte, mit ihr in Kontakt bleiben wollte?
Knoblich meldete sich. Völlig aufgelöst, also nüchtern.
„Ich hab heute frei“, wollte Karla seinen Redefluß stoppen.
„Und ich das Fallbeil über mir“, hechelte er. „Du glaubst ja nicht, was passiert ist. Und was noch passieren wird, wenn …“
Er nannte Zahlen, und nach einer Weile begriff Karla, daß es Daten waren. Daten, an denen berühmte Köche Hand an sich gelegt hatten. „Willst du so was schon wieder in der Zeitung lesen?“ Er röchelte, ganz so, als habe er die tödliche Dosis schon intus. „Und dazu meinen Namen?“
„Ist deine letzte Chablis-Lieferung nicht pünktlich bekommen?“ fragte Karla spöttisch, und als er dann die letzten Sätze wiederholte, auf schwäbisch, also unerträglich plump an eine Gemeinsamkeit appellierte, die Karla mehr als alles andere zuwider war, wollte sie einfach auflegen.
„Das Galadiner heute Abend!“ bellte er da. „Meine berühmte Hummerconsommé!“ Er sprach immerhin wieder hochdeutsch.
„Was ist damit?“ fragte Karla. „Wir haben sie doch gestern zusammen abgeschmeckt. Wenn du sie heute genau so …“
„Nix ist mit heute!“ Knoblich schnappte nach Luft. „Sie ist … nicht mehr da. Jemand hat den Fond ausgekippt. Jetzt fehlt mir die Grundlage, ich bin geliefert! Ausgekippt, verstehst du?“
„Nein“, gab Karla zu. „Wer sollte so etwas tun?“
„Da könnte ich dir einige nennen“, zischte Knoblich. „Aber dafür ist jetzt gar keine Zeit. Galadiner! Heute Abend! Hundert Personen! Und den Hummerfond … Ich brauche ihn gleich für drei Gänge. Und heute ist Samstag. Du weißt, was das heißt. Ich hab vorgestern sämtliche frische Hummer aufgekauft … Ich bin ruiniert! Und hab nicht mal eine Pistole …“
„Ich auch nicht.“ Aus dem Schlafzimmer hörte Karla ein Geräusch, als träume Charly etwas sehr Schönes. Etwas ausgesprochen Unschönes wurde ihr im Moment klar. Sie war das gewesen mit dem Fond. Hatte die Töpfe verwechselt, weil … Klar, sie könnte dem Chaos die Schuld geben, das Knoblich angerichtet hatte. Aber sie hatte ihn dabei unterstützt, darauf gesetzt, sie würde den Überblick schon behalten. Maßlose Selbstüberschätzung! Und nun? Mußte sie das Knoblich nicht beichten?
„Jetzt mach dich noch lustig!“ tobte der, ohne zu ahnen, daß ihre Bemerkung so gar nicht gemeint war. „Mir ist es ernst! Karla, wenn du mir jetzt nicht hilfst …“ Er stockte.
„Ich hab heute frei“, zwang sich Karla, ihrer Position als Küchenhilfe gerecht zu werden. Der aufgeschlagenen Seite des Familienrezeptbuchs verpaßte sie, ohne es recht zu merken, ein zusätzliches Eselsohr. Und ihr fiel ein, wie neulich ein Kind aus dem Vorderhaus, dritte Klasse, nicht gewußt hatte, was das war, ein Eselsohr … Nichts als ein Ablenkungsmanöver. Gegen ihr schlechtes Gewissen half es nichts.
„Ja, eben drum!“ rief Knoblich. „Mädchen, nur du kannst mir jetzt helfen! Du mußt mir helfen! Denn sonst …“
„Sonst was?“ unterbrach Karla. „Ich muß jetzt das Treppenhaus reinigen. Und ich hab weder Pistole noch Hummer. Was also …“ Zeit gewinnen, sagte sie sich, natürlich muß ich was tun. Nur was?
„Du mußt mir helfen!“ wiederholte Knoblich eindringlich. „Du hast doch immer irgendeine Idee! Keine Kunst, bei solchen Vorfahren. Karla, ich bitte dich, laß mich jetzt nicht im Stich!“
Mit dem Verweis auf die Vorfahren hatte Knoblich einen Fehler gemacht. Einen, für den Karla ihn eigentlich büßen lassen wollte. Aber dann …
Brotsuppe, las sie im Familienrezeptbuch, und gleich fiel ihr auch ein, wie das geschmeckt hatte. Verbrannte Zwiebeln. Überm Rösten bitter gewordenes Mehl. Bei Durchfall war das für ihre Mutter die Rettung gewesen, auch die Großmutter schwor darauf. Karla hatte als Kind eher darunter gelitten, aber so sollte das ja wohl sein, vermutlich eine homöopathisch inspirierte Idee – Leiden gegen Leiden, und krank war sie ja sowieso schon gewesen. Also Brotsuppe. Sie hatte etwas gutzumachen.
„Es muß vom Feinsten sein“, redete Knoblich indessen unablässig auf sie ein. „Du weißt ja, Galadiner! Jede Menge Presse, ein guter Zweck! Die oberen Zehntausend! Der Kanzler! Der Chef persönlich, nicht nur der Sohn!“
Er lamentierte ohne Ende. Draußen wurde es indessen so hell, wie es der Dezember nur zuließ, sogar das Licht eines Sonnenstrahls, mehrmals gespiegelt, umgeleitet und gebrochen an höher gelegenen Fenstern, verirrte sich in Karlas Küche, bis aufs Familienrezeptbuch. Dort ließ er das Wort „Brotsuppe“, geboren aus Mangel, Not und später etwas wie Bauchschmerzen, hell aufleuchten. Und auch in einem Teil von Karlas Gehirn bewirkte er etwas. Etwas, das sich sofort auf ihre Zunge verlagerte.
„Jetzt sag doch endlich was!“ brüllte Knoblich.
„Rinderbrühe“, erwiderte sie. Es war nicht nötig, hatte sie inzwischen beschlossen, daß Knoblich von ihrem Fehler erfuhr. Schadete gar nichts, wenn er glaubte, in ihrer Schuld zu stehen. Und Hängenlassen würde sie ihn natürlich nicht. „Am Besten mit einigen Ochsenschwänzen darin … Brot aus Sauerteig, das kann ruhig schon alt sein …“
„Karla, ich bitte dich!“ Knoblich war einem Nervenzusammenbruch nahe. „Du weißt doch, mein Markenzeichen, der Hummer …“
„Ist perdu“, erinnerte Karla sanft. „Also kein Ersatz, sondern gleich etwas ganz anderes. Brotsuppe eben.“
Knoblich japste nach Luft. „Du spinnst! Das ist was für Fastenzeiten, für arme Leute …“
„Richtig, Arme-Leute-Suppe nennst du das!“ Karla lachte, allmählich fand sie Gefallen daran. „Understatement kommt doch derzeit gut an. Wie viele Trüffel brauchen wir für einhundert Portionen? Und wer verkauft sie uns innerhalb der nächsten Stunde, zu welchem Preis?“
Einen Moment sagte Knoblauch gar nichts mehr. „Du meinst das ernst?“ hauchte er dann.
Karla hielt eine Zustimmung für überflüssig. „Schreib dir lieber auf, was wir brauchen. Und sieh zu, daß du alles beschaffst. Ich komme dann … gegen drei. Wenn ich mit dem Treppenhaus fertig bin. Und wenn du die Trüffel nicht in hinreichender Qualität bekommst – nimm Kaviar. Ja, Kaviar, das wäre noch besser …“
„Das ist Wahnsinn!“ stöhnte Knoblich. „Weißt du, was für mich auf dem Spiel steht? Während du tust, als sei das … ein Spiel!“ Er war so durcheinander, daß er sein Wortspiel gar nicht bemerkte.
„Da sind wir uns doch einig“, erwiderte Karla und kicherte. „Bis später!“
Sie legte auf, grinste, dann sah sie, daß Charly unter der Tür stand. Er war noch nicht richtig wach, begriff nicht, wo er war und warum. „Was immer gewesen ist heute Nacht“, er schielte auf die Espressomaschine, „es tut mir leid. Ich meine, falls ich mich daneben benommen habe …“
„Hast du nicht“, sagte Karla und verschluckte ein „leider“. „Leider kann ich dir kein Frühstück mehr machen. Du wirst allein zurechtkommen.“
Jetzt erst fiel ihr auf, daß sie noch immer das Glitzerding trug, mit dem sie auf der Bühne gestanden hatte. Sie ging ins Schlafzimmer, in Jeans und Pulli kam sie gleich darauf zurück und verließ die Wohnung. Charly sah ihr verschlafen nach. Wieso spielte sie jetzt das Aschenputtel und lief mit Eimer und Lappen über den Hof? Eine Frau, die so auf dem Saxophon spielte …
Es hatte zu schneien begonnen.

Nur scheele Blicke trafen Karla, als sie an Knoblichs Herd stand – was trieb sie da, die Küchenhilfe? Es ging heute doch um das Galadiner! Also um alles, überall brodelte und zischte es, und sie experimentierte mit altem Brot!
„Jetzt probier mal“, forderte sie Knoblich auf, der gebannt zischen dem Topf und ihren Lippen hin- und hersah. Sie streute Kaviar auf den Löffel, bevor sie ihn ihm in den Mund schob. Seelenruhig, als bemerke sie die Hektik ringsum überhaupt nicht.
Und Knoblich probierte. Er schmeckte Ochsenschwanz, Sherry, so viele Kräuter, das keines mehr so ganz genau zu identifizieren war. Auch einen Hauch Tomate. Knoblauch wie angedeutet. Wohl auch etwas Sahne, und all das in einer Konsistenz wie … flüssiger Samt. Und endlich auch die schwarzen Fischeier, ihr Salz rückte das Brot erst so richtig ins Zentrum … altes Brot. Fastenspeise, Arme-Leute-Essen, aber natürlich mit dem Kaviar …
„Du bist unglaublich“, stieß der Chefkoch hervor und nahm Karla den Löffel ab. Wieder und wieder probierte er, bald nur noch Ekstase im eben noch so verzweifelten Blick, er probierte, schmatzte, verdrehte die Augen.
„Dann kann ich ja gehen“, meinte Karla.
Blitzschnell hielt er sie fest. „Nichts da! Das hier ist nur ein halber Liter. Jetzt beweise, ob du das auch hundertfach hinkriegst!“
Er verschwand, mußte er sich doch um den Neudruck der Menükarten kümmern, wo nun statt der Hummerconsommé die Arme-Leute-Suppe angekündigt wurde, an vierter Stelle des fünfzehngängigen Menüs.
Karla fand nicht gleich jemand, der ihr, der Küchenhilfe, die riesigen Töpfe mit der noch gar nicht völlig erkalteten Rinderbrühe herbeischleppte. Sie hörte gut, was geredet wurde – ob sie mit Knoblich ins Bett gehe oder mit Maiwald junior. Denn anders sei doch nicht zu erklären, daß sie, eine Küchenhilfe …
„Mir kannst du es doch sagen!“ säuselte Oliver. „Und probieren würde ich auch gern einmal …“
„Der hat seine Consommé doch garantiert selbst vergossen im Vollrausch!“ vermutete der Fischkoch und sah dabei verbittert aus wie ein uralter Barsch.
Karla stellte sich taub und blind über ihren Töpfen und ließ keinen probieren. Bald hatten die anderen auch gar keine Zeit mehr für ihre spitzen Vermutungen, Knoblich rief schon zum Uhrenvergleich. Und dann lief alles nach deren Maß ab, Gang nach Gang, Knoblich war General der Schlacht und wankte kein einziges Mal. Manchmal, wenn hinter der Armada der Kellner die Tür zum Küchenbereich zufiel, hörte man von draußen ein verzücktes „Ahhh!“, sogar Beifall wurde geklatscht. Und als Karlas Suppe serviert wurde, riskierte sie einen Blick in den Festsaal, auf der Zunge noch immer den Geschmack, der die da draußen erst erwartete.
Blütenweiße Tischtücher aus schwerem Damast, der Blumenschmuck ganz in Hellgelb gehalten, und in den polierten Gläsern jeder Größe spiegelte sich Kerzenlicht. Karla war ganz geblendet von so viel Pracht. Maiwald erkannte sie dann zuerst, er zückte eben den Löffel, sah dabei – zu ihr. Als hätte er nur darauf gewartet, daß sie die Tür einen Spalt öffnete. Aber Karla hatte ja schon in der letzten Nacht im Club gelernt, seinen Glanzaugen auszuweichen, und vielleicht sah sie den Mann am Tisch hinter ihm nur deshalb. Bestimmt nur deshalb.
Aber warum sah dieser im selben Moment auf, verfing sich an den grünen Augen dort im Türspalt? Und Karla sah ja auch gar nicht nur ihn. Am selben Tisch saßen noch andere, auch Frauen, nicht mehr die Jüngsten, aber reich genug, um das hinlänglich zu vertuschen.
Also noch ein Sohn, murmelte sie, grinste, wollte sich abwenden. Doch Knoblich kam ihr zuvor, er riß sie in seine Arme, er heulte. „Danke, Karla, danke!“ Er war außer sich. „Du hast mich gerettet mit dieser Brotsuppe, ist dir das klar? Und du hast bewiesen, daß du wirklich vom selben Stamm bist wie dein Großvater …“
„Urgroßvater“, verbesserte sie und stieß sein nasses Gesicht von sich. „Und wehe, du sagst das laut!“
Sie ging quer durch die Küche, durch Blicke, die sie wie Messer trafen. Ein Küchenmädchen, das den anderen dermaßen die Show stahl! Aber neugierig war man doch auch, wer immer es einrichten konnte, tauchte einen Löffel in den Topf mit ihrer Suppe. Brotsuppe! Oliver hatte schon so viel davon probiert, daß er nur noch dozierte. Daß die sogenannten Fastenzeiten in Wahrheit immer genau das Gegenteil gewesen seien, vom Brot kam er leicht auf das Salz, von da auf den Fisch, der nichts als der Gottessohn persönlich sei, und es gehe Karfreitag nicht darum, kein Fleisch zu essen, sondern eben Fisch, und der sei weit mehr als ein Symbol des Gotts, er selbst sei das, seine Inkarnation, sein Fleisch, darauf beharre die katholische Kirche, das Ganze im Grunde also Kannibalismus …
Als der Chef in der Küche erschien, gefolgt vom Sohn, suchte Karla das Weite. „Knoblich, Sie haben sich selbst übertroffen!“ hörte Karla ihn jubeln. „Das Menü ist zwar noch nicht mal zur Hälfte vorbei, aber nach dieser Suppe … Sie werden sich anstrengen müssen, um das zu toppen! Nun kommen Sie, man verlangt draußen nach Ihnen!“
Knoblich hatte nichts anderes erwartet und schon eine frische Mütze auf dem Kopf. Begierig, die Ovationen entgegen zu nehmen, sah er sich kurz noch nach Karla um. Aber die war verschwunden.

Vom Hinterausgang der Küche schaute man auf eine Baustelle, wegen des Neubaus einer Botschaft wurde einfach eine Straße verschoben. Dahinter ein Denkmal, um das Jahre heftig gestritten worden war und nun nicht mehr weiter auffiel. Der Verkehr stockte wie immer um diese Zeit. Karla atmete tief ein und hob den Kopf. Sie erkannte Sterne zwischen den Schneewolken und direkt vor der Tür dieselbe Gesellschaft wie jeden Abend. Einige der Obdachlosen kannte sie inzwischen schon mit Namen. Sie waren enttäuscht, als Karla mit leeren Händen kam.
„Das Diner hat doch erst angefangen“, entschuldigte sie sich. „Bis es Reste gibt …“
Sie verschluckte, wie viele Stunden es bis dahin noch zu warten galt. Denn was bedeutete diesen Leuten die Zeit? Nichts, weil sie davon mehr als genug hatten. Aber nichts im Magen. Deshalb kamen sie regelmäßig, wurden nur manchmal geduldet, meistens vertrieben. Aber gelegentlich fiel eben doch etwas für sie ab, außerdem war es warm im Küchendunst, den ein Gebläse in die Dezembernacht wirbelte.
Niemand sagte etwas, die Gestalten, grau und geduckt, wichen instinktiv vor Karla zurück. Sie stellte den Mantelkragen hoch, wollte schräg über die Straße, zur Bushaltestelle. Der Stau hatte sich plötzlich in Nichts aufgelöst. Aber ein Knirps versperrte ihr den Weg.
„Gibt es bei euch auch Milchreis?“ Sein Gesicht war schmutzig, eine löchrige Mütze ließ filzige Haare sehen. „Mit Zucker und Zimt?“ Er leckte sich die Lippen, lächelte Karla zutraulich an.
Natürlich erschrak sie. Noch hatte sie sich kaum an das Heer der erwachsenen Obdachlosen gewöhnt, und nun dieses Kind. Bestimmt noch nicht einmal zwölf. Daß es draußen lebte, verriet die Plastiktüte, die es fest an sich gepreßt hielt. Und dann Milchreis, ausgerechnet! Trostspeise, dachte Karla, das war sie für mich, das ist sie für diesen kleinen Rumtreiber, vermutlich für alle Kinder auf dieser Welt. Aber um diesen Jungen zu trösten, Eimer von Milchreis würden da nicht genügen.
Sie wollte so tun, als habe sie nichts gehört, nichts gesehen, sie rannte über die Straße. Aber der Junge folgte ihr. Und er war feinfühlig genug, nicht mehr von Milchreis zu reden. Karla hörte nicht zu, sie wollte jetzt nur, daß der Bus kam. Aber der kam nicht. Es war der Junge, der sie auf das über den Fahrplan geklebte Schild aufmerksam machte. Die Route war heute geändert, von Sicherheitsmaßnahmen, weiträumiger Absperrung war die Rede.
Also das Galadinner, vermutete Karla.
„Wir könnten zu mir gehen“, sagte der Junge. „Ich heiße Alikan.“
„Du hast ja Manieren“, spottete Karla.
„Ma was?“, fragte er. „Wieso fragst du nicht, wieso ich Alikan heiße? Gib’s zu, das hast du noch nie gehört!“
„So heißt ja auch kein Mensch“, brummte Karla und sah sich nach einem Taxi um.
„Nee, nur ich!“ Der Junge strahlte. „Alikan Skywalker. Skywalker natürlich als Nachname.“
Weit und breit kein Taxi, überhaupt kein Auto, dafür vorn an der Kreuzung Blaulicht. Also doch nicht wegen unserem Galadiner, dachte Karla, Samstagabend, welcher Politiker ist denn jetzt noch unterwegs? Sie ging weiter, der Junge folgte ihr, erklärte ihr seine Herkunft aus der Familie einer galaktischen Raubritterdynastie. Wenn Karla zu schnell ging, faßte er nach ihrem Mantel, dabei merkte sie, daß er fror. Irgendwann schob er seine Hand in die ihre, eisigkalt und klebrig.
„Wo wohnst du denn?“ fragte Karla ungefähr so streng, wie er roch. Bis zum Potsdamer Platz, dachte sie, ist es nicht weit, und die U-Bahn dort können sie ja nicht umleiten.
„Ein guter Platz!“ gab Alikan an. „Deshalb kann ich ihn dir nicht verraten. Es ist warm dort. Und nur ich kenne ihn. Und es ist auch nicht weit.“
Schon beschrieb er ihr haarklein, wo sich die Brücke befand, schwärmte von dem Abzugsschacht, der warme Luft von der U-Bahn nach oben strömen ließ. „Ich hab auch einen Kocher“, prahlte er. „So mit Gas.“
„Und was kochst du darauf?“ Karla hätte seine Hand gern abgeschüttelt. Aber so, wie die an der ihren klebte …
„Kommt darauf an.“ Alikan zuckte die Schultern. „Milchreis hab ich auch mal probiert. Alles aus einer Tüte. Aber es hat nicht geschmeckt. Dabei hätte ich Milchreis so gern!“ Er seufzte.
Je näher sie dem Potsdamer Platz kamen, um so eisiger pfiff der Wind. Nur Touristen hielten sich hier auf, die Einheimischen mieden diesen Ort einer künstlichen Moderne, deren Protz, kaum fertig gestellt, schon wieder bröckelte, eine Pracht für Arme, wie der kunstvoll illuminierte Ramsch, den die Geschäfte hier feilboten.
„Wenn was aus einer einzigen Tüte kommt, kann es nicht schmecken“, bemerkte Karla.
„Aber auf der Tüte war ein Bild, und das war Milchreis“, beharrte der Junge. „Komm mit, ich zeig es dir!“
Er zog sie schon mit sich in einen Supermarkt, der rund um die Uhr geöffnet hatte. Ohne Karla hätte man Alikan bestimmt gleich wieder vertrieben, aber so, an ihrer Hand … Stürmisch zerrte er sie zu den Regalen mit den Fertigprodukten. Es gab hier fast nichts anderes, Karla wurde übel. Aber sie verspürte auch Hunger. Diese paar Löffel Brotsuppe hielten nicht lange vor, und dann all diese bunten Bildchen auf den Dosen, Kartons und Flaschen … Als sie den Supermarkt verließen, trug auch Karla eine Plastiktüte, darin Reis, Milch, Sahne, Eier, Zucker und Äpfel.
Ich müßte den Jungen zur Polizei bringen, sagte sie sich, oder in eines der Heime für Obdachlose.
Alikan hüpfte an ihrer Hand auf und ab wie ein kleiner, vor Energie nahezu berstender Ball. „Es ist wirklich nicht weit!“ beteuerte er. „Und wenn du wirklich keinem was sagst …“
Ein Bauzaun, dann eine Böschung, das Gras war gefroren. Eis bedeckte auch den Kanal, nur unter der Brücke gluckste Wasser gegen die Mauern, Enten sorgten schnatternd für etwas Bewegung. Alikan ging voran, er sah sich immer wieder um, lächelte endlich zufrieden. „Hier sind wir!“ Stolz wies er mit der Hand auf einen Verschlag aus Brettern, Kartonresten und Plastikfolien. Etwas ragte hoch auf wie ein Segel.
„So zieht es nicht so“, erklärte er. „Da rein geh ich nur zum Schlafen. Setz dich doch!“ Aufgeregt wieselte er umher, ganz besorgter Gastgeber. Er stapelte einige Backsteine aufeinander, legte einen Sack darüber und lächelte Karla entwaffnend an. „Dein Stuhl! Direkt neben dem Schacht. Wart nur, wenn erst die U-Bahn kommt, dann wird es richtig warm.“
Karla war schockiert und überrumpelt zugleich. Eine Katastrophe, wie der Junge hier hauste, mitten im Winter! Aber er nahm es so selbstverständlich, freute sich so … und sein Segel funktionierte. Kein Wind, es war vergleichsweise warm. Weil ihm so viel daran lag, setzte sich Karla.
„Das alles gehört mir!“ rief Alikan stolz und wies auf einiges Gerümpel, das am Stützpfeiler der Brücke sorgsam gestapelt lag. Dann verschwand er für einen Moment im Verschlag. Als er wieder herauskroch, hielt er Karla strahlend einen Flachmann entgegen. „Schnaps, kein Likör“, erklärte er und verzog das Gesicht. „Ich krieg so was nicht runter. Obwohl die anderen sagen, das wär gut, wenn es kalt ist. Warte, jetzt bau ich den Gaskocher auf.“
„Wie alt bist du eigentlich?“ fragte Karla, und sie mochte ihre Stimme nicht – so sprachen sehr alte Frauen mit Kindern, die sie für mißraten hielten.
Aber Alikan lachte nur. „In unserer Galaxie zählen wir nicht so wie ihr. Und ich weiß nicht, wie man das umrechnet …“ Er zerrte den Gaskocher herbei, faltete sorgfältig eine Plastikplane auseinander und breitete sie vor Karlas Füßen aus. „Das wär dann der Tisch“, murmelte er.
Das wär dann Spinat, erinnerte sich Karla und sah sich als kleines Mädchen mit anderen, und der Spinat war in Wirklichkeit Gras. Sie spielten Familie, Kochen gehörte dazu – und dieser Junge hier, tat er denn etwas anderes? Sie begann leise zu zittern. Alikan bemerkte es sofort, hielt es für eine Folge der für Karla ungewohnten Temperaturen. Er breitete eine Decke über ihre Schultern. „Ist es so gut?“
„Gar nichts ist gut!“ stieß sie hervor. „Hör mal, du kannst so nicht leben, es ist Winter, du bist noch ein Kind!“
Alikan nickte. „Deshalb will ich jetzt Milchreis. Mit Apfelmus. Und du hast es versprochen.“ Er verschwand wieder irgendwo, kam gleich darauf zurück. „Schau, ich hab sogar zwei Töpfe. Und ein Messer. Jetzt fang endlich an!“
Was er Töpfe nannte, waren simple Blechdosen, einstige Behälter für Ravioli oder Kohlrouladen.
„Ganz sauber!“ versicherte er. „Was machen wir zuerst?“ Er hantierte mit Streichhölzern, probierte aus, ob sein Gaskocher funktionierte. Einen Moment lang war er nervös. Aber nur, bis die kleinen blauen Flämmchen ansprangen. „Alles perfekt!“ Er freute sich, als sei Weihnachten.
Und so begann Karla, unter der Brücke zu kochen. Sie wählte die größere der beiden Dosen für den Reis. „Hast du vielleicht auch was, das ein Deckel sein könnte?“ schickte sie Alikan noch einmal auf die Suche. Dann goß sie Milch in die Büchse, gab Butter dazu, etwas Zucker.
Stolz präsentierte Alikan etwas Rundes aus leicht rostigem Metall. „Ein Deckel liegt ja bloß obendrauf“, entschuldigte er sich. „Da stört das bißchen Rost doch nicht, oder?“
„Hast du Salz?“
„Klar, trag ich immer bei mir, für alle Fälle!“ Er griff in die Hosentasche, zögerte aber, Karla den Streuer zu geben. „Salz in den Milchreis? Ich mag ihn süß!“
„Er wird schon süß“, beruhigte Karla. „Aber eine Prise Salz muß immer sein. Sonst schmeckt alles fade.“
Alikan kauerte sich auf die andere Seite des Gaskochers, wie gebannt starrte er in die Milch. Und Karla hatte Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Vermutlich war er eher blaß unter der Dreckkruste, die sein Gesicht überzog. Stellenweise erkannte man eine sehr feine Haut, wie die von Schwarzhaarigen. Seine Augen aber waren blau, die Wimpern seidig und lang.
„Worauf wartest du denn, ich hab Hunger!“ drängelte er.
„Erst muß die Milch kochen“, erwiderte Karla. „Überhaupt, Milchreis, das geht nicht so schnell.“
„Jetzt!“ rief Alikan. „Jetzt kocht sie!“
Aber noch stiegen nur ein paar Bläschen auf.
„Seit wann lebst du hier?“ versuchte Karla ihn abzulenken und zugleich ihre Neugier zu befriedigen – oder auch etwas nachzukommen, das vielleicht Verantwortung hieß.
„Schon lang“, meinte Alikan schulterzuckend.
„Und was sagen deine Eltern dazu?“
Er runzelte die Stirn, wandte flüchtig sogar den Blick von der Milch. „Denen … ist das egal. Die haben andere Sorgen.“
„Und deine Lehrer? Du bist doch mal zur Schule gegangen?“
Alikan seufzte. „Das war vielleicht langweilig! Da, schau!“ Er sprang auf, im selben Moment, als auch die Milch aufzusteigen begann.
Karla nahm die Büchse vom Feuer. Wie gut, daß sie Lederhandschuhe trug, sonst hätte sie sich die Finger verbrannt. Nur der Reis ließ sich mit den belederten Fingern nicht allzu gut einstreuen.
„So wenig!“ protestierte Alikan. „Warum machst du den Topf nicht voll?“
„Leg den Deckel drauf“, bat Karla. „Dann quillt das Ganze. Am Ende ist die Büchse voll.“
„Wirklich?“ Ungläubig sah Alikan Karla an. „Ich hab nämlich großen Hunger. Und wenn du auch mitessen willst …“
„Kann man die Flamme kleiner stellen?“ fragte Karla.
Alikan schüttelte den Kopf.
„Dann nehmen wir den Topf alle paar Minuten vom Feuer“, überlegte Karla.
„Wieso das denn? Das wird ja nie fertig!“ zeigte Alikan sich ungehalten.
„Das wird nur fertig und außerdem gut, wenn es langsam geht“, beharrte Karla. „Also mach, was ich dir sage!“
Er fügte sich murrend, und Karla begann, Äpfel zu schälen. Das Messer war so gut wie stumpf. Alikan sammelte die Schalen sorgfältig auf. „Daraus mach ich mir später einen warmen Saft“, verriet er. „Einfach mit Wasser. Mußt du mal probieren, schmeckt gut!“
Als der Reis mal wieder vom Feuer mußte und Karla in der zweiten Blechdose Zucker karamelisieren ließ, geriet Alikan in Ekstase. „Wie auf dem Rummel riecht das!“ freute er sich.
Karla gab die Äpfel dazu, es zischte. Sie zerquetschte die halbierten Zitronen mit den Händen, legte die Schalen beiseite. „Nicht auslutschen!“ ordnete sie an, als Alikan schon nach ihnen griff. „Noch nicht“, verbesserte sie sich. „Ein bißchen von der Schale brauchen wir noch …“
Sie ärgerte sich, nicht auch Rosinen gekauft zu haben für das Mus. Verrückt, wie das Ganze war, wäre es darauf auch nicht mehr angekommen. Und der Kleine wäre bestimmt selig gewesen.
Das war Alikan auch so. Er hüpfte um den Gaskocher, als sei der ein Rumpelstilzchenfeuer, und er sang so laut wie falsch. Aber Karla erkannte den Song trotzdem, er wurde derzeit auf allen Radiokanälen gespielt. Doch mehr interessierte sie, was mit den Apfelstückchen in der Blechdose geschah. Konnte man so kochen?
Man konnte. Die Äpfel verfielen allmählich. Eine wohlige Wärme verbreitete sich, verstärkt im Drei-Minutentakt von der Abluft aus dem Schacht. Und in den Modergeruch unter der Brücke mischte sich der nach Äpfeln. Bald hatten die beiden den Rhythmus heraus, wechselten die Blechdosen aus, aus den Äpfeln wurde Mus. Und langsam aber sicher garte der Reis. Mit dem stumpfen Messer kratzte Karla an der Zitronenschale herum, ohne jeden Erfolg. So landete sie ganz im Topf.
Alikan begann, den Tisch zu decken, wie er sagte. „Zwei Teller, zwei Gabeln, zwei Löffel! Und alles sauber!“
Die Enten drängten sich dicht an der Ufermauer, das Aroma der Äpfel blieb auch auf sie nicht ohne Wirkung. Karla schlug indessen ein Ei auf, das Gelbe in den einen Teller, das Weiße in den anderen.
„Was wird das?“ fragte Alikan skeptisch.
„Wart es ab“, murmelte Karla und begann, das Eiweiß mit der Gabel zu schlagen. Nur drei Zinken hatte sie. Wenn mich Knoblich hier sehen würde, ging es ihr durch den Kopf, und die anderen! Wie weit die wohl waren mit dem Galadiner? Bestimmt schon bei den Fleischgängen …
„Darf ich auch mal?“ Alikan hatte genau zugesehen, Karla mußte ihm nichts weiter erklären, als er den Teller und die Gabel übernahm. Und wie er sich freute, als das Eiweiß sich unter seinen rhythmischen Schlägen zu einem duftigen Schaumberg türmte! „Aber jetzt können wir essen, ja?“
Karla nahm den Reistopf vom Feuer, bestand aber darauf, daß er noch nicht fertig sei.
„Aber ohne Feuer, da wird er nie fertig!“ empörte sich Alikan.
Karla hörte, wie sein Magen knurrte. „Zehn Minuten noch“, sagte sie. „Er nimmt die Hitze jetzt aus sich selbst. Erzähl mir doch mal, wie du lebst!“
Alikan schaute sie an, als habe er nie eine dümmere Frage gehört. „Wie wohl! Ich schlafe, ich seh zu, daß ich was zu essen krieg, ich treff mich mit ein paar Kumpeln …“
Es klang wirklich völlig normal. Pluntke, dachte Karla, lebt im Grunde auch nicht viel anders …
Es kam ihr ungehörig vor, noch mehr Fragen zu stellen. Dieser Kleine hier, er kam auf seine Weise doch bestens zurecht. Und was hatte sie ihm schon zu bieten außer Fragen? Ohne es zu merken, begann Karla zu summen, das Motiv, auf das sie gestern im Club improvisiert hatte. Alikan bewies einige Musikalität, denn gleich begann er, mit den Gabeln einen Takt zu schlagen, synkopisch höchst interessant. Karla war darüber so verblüfft, daß sie verstummte. Die Enten sorgten nun für die Begleitmusik zu Alikans Schlagzeug, ein wildes Geschnatter, und über die Brücke raste ein Polizeiauto mit Sirene und Blaulicht. Dann wurde es still. Seit wann eigentlich lehnte Alikan seinen Kopf gegen Karlas Knie?
„Jetzt müßte der Reis fertig sein“, sagte sie, und Alikan sprang sofort auf.
Karla fischte die Zitronenschale aus dem Reis, verrührte das Eigelb in ihm, zog dann vorsichtig den Eischnee unter. „Wir können essen. Zucker und Zimt streuen wir einfach darüber … Mist, den Zimt hab ich vergessen!“
„Aber ich nicht.“ Alikan grinste und zog die kleine Dose aus der Hosentasche.
„Geklaut?“ fragte Karla.
Alikan nickte, seine Miene sollte wohl schuldbewußt sein. „Tut mir leid, heut, wo du dabei warst, wär es ja nicht nötig gewesen. Das ist so ´ne Angewohnheit …“
Karla verzichtete darauf, ihm Vorhaltungen zu machen, er freute sich so auf den Reis. So sehr, daß er ganz still wurde, geradezu andächtig zu löffeln begann, immer abwechselnd Milchreis und Apfelmus. „Mann, du kannst kochen!“ murmelte er.
Karla schmeckte es auch.

Später im Nachtbus fragte sie sich, ob sie das alles vielleicht doch nur geträumt habe. Aber in ihrer Manteltasche steckte der Flachmann – ja, sie hatte ihn eingesteckt. Ein Kind sollte so etwas nicht haben. Und auf Karlas Zunge lag noch der Milchreisgeschmack, dieser Inbegriff von heiler Welt, Kinderglück … Und Alikan schlief jetzt in seinem Verschlag, träumte. Fror hoffentlich nicht.
Ich hätte ihn dort nicht lassen dürfen, meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Mitnehmen hätte ich ihn müssen, und dann in die Badewanne stecken …
„Hallo“, sagte er und setzte sich schon. Es war nicht der einzige freie Platz, viele Leute waren nicht mehr unterwegs so spät in der Nacht. Es war der vom Galadiner. Vom Tisch hinter dem Sohn. Und so, wie er Karla anschaute … Von einem Sohn hatte er nichts. Sein Mantel kam eindeutig von der Stange.
„Ich hab Sie gesehen, an der Tür zur Küche“, glaubte er sie erinnern zu müssen.
„Und? Wie war das Essen?“ hörte Karla sich fragen. Dabei hatte sie ihn doch ignorieren wollen. Er hatte etwas, das …
„Umwerfend!“ Er lachte. „Aber wieso fragen Sie das, Sie …“
„Bin dort nur Küchenhilfe“, murmelte Karla. Nein, er sah wirklich nicht unsympathisch aus. Aber wieso nahm er an so einem Galadiner teil? In seinem Alter gab man doch für so etwas noch kein Geld aus. Zumal auch der Anzug unter dem Mantel nur aus einem Kaufhaus kam. Und die Schuhe … die waren gut. Nicht mehr neu, aber gut. Ohne Schnörkel, ohne Traktorsohlen. Einfach Leder. Gut geschnitten, nicht zu rund, nicht zu spitz. „Wo haben Sie denn ihre … charmante weibliche Begleitung gelassen?“ Karla verlegte sich auf einen spöttischen Ton und wußte selbst nicht warum.
Er winkte ab. „Sie hat natürlich einen Chauffeur. Und mich braucht sie nur zum Essen.“
„Die alte Schachtel?“ rutschte es Karla heraus.
Er zuckte die Schultern. „Von Leuten wie ihr bekomme ich meine Aufträge. Für Architekten ist inzwischen ja nicht mehr so viel zu tun in der Stadt. Da muß ich froh sein, wenn so eine ihre Villa umbauen will.“
Etwas wie Streitlust stieg in Karla auf. „Interessant, wozu sich Architekten so hergeben.“
Er konnte nicht verbergen, wie sehr die Bemerkung ihn traf. „Sie haben gut reden“, murmelte er. „Haben Sie eine Ahnung, wie schlecht es um die Auftragslage steht! Und überhaupt, was ist schon dabei? Ich geh ja nur Essen mit denen, manchmal. Und wenn das Essen dann auch noch so gut ist … Außerdem, was machen Sie schon groß anders? Sie kochen, für jeden, solang der es nur bezahlt und …“
„Ich bin nur Küchenhilfe“, knurrte Karla. „Und jetzt muß ich raus!“
Das stimmte nicht, aber sie stand schon auf und rempelte ihn unsanft an. Der Fahrer bremste, mit leisem Ächzen öffnete sich die Tür.
„Schade“, rief er ihr nach. „Ich heiße Paul. Und wo wir uns schon zufällig treffen, hätten wir doch …“
Die Tür schloß sich wieder, der Bus fuhr weiter, und Karla stellte fest, daß sie noch mehr als zwei Kilometer gehen mußte. „Blöder Typ“, schimpfte sie, „der hat mir jetzt glatt den Abend verdorben. Bloß weil er …“
Sie wußte nicht weiter. Und dann auch noch Paul, wie konnte man nur so heißen! Alles an ihm regte sie auf. So sehr, daß bald jede Spur von Milchreisgeschmack aus ihrem Mund verschwunden war.

6. Kapitel

„So eine Schnapsidee!“ Karla schaltete einen Gang tiefer, so hatte das ja kommen müssen. Wieso war sie nur losgefahren. Und dann auch noch mit ihm … „Ich seh nichts mehr!“ schimpfte sie. „Für so etwas sind Scheibenwischer eindeutig nicht gemacht.“
„So etwas hab ich auch noch nicht gesehen“, murmelte Paul.
Ein Sturm preßte den Schnee gegen die Windschutzscheibe, ein Brett, hinter dem die Welt verschwand. Andere Autos, verwehte Schatten links und rechts, vorn und hinten, kämpften sich ebenfalls voran, auf einer Straße, die längst nicht mehr zu sehen war. Alles ein Wirbel aus Weiß. Seit mindestens einer Stunde ging das so, und ein Ende ließ sich nicht absehen.
„Da vorn kommt eine Raststätte!“ rief Paul gegen das Wutschwutsch der Scheibenwischer an. „Wir sollten runterfahren, eine Pause einlegen. Bis das vorbei ist.“
„Sieht nicht aus, als sollte das so bald vorbei sein.“ Klara sah keinen Abzweig, sie hielt sich dennoch rechts. Trotz des weißen Wirbelns war es dunkel, wenn dort eine Raststätte war, dann verschluckte der Schnee jedes Zeichen von ihr. Aber dann begann der Schnee bläulich zu schimmern, Neonlicht, und dann tauchten wirklich die Umrisse eines Gebäudes auf.
„Da kann man sogar übernachten“, stellte Paul fest.
Karla nickte. „Genau das tun wir auch. Bei dem Wetter weiterzufahren, wäre reiner Irrsinn.“
Hier zu bleiben aber möglicherweise auch.
„Nur noch ein Zimmer frei“, murmelte ein schlechtgelaunter Mann an der Rezeption.
Karla und Paul waren nicht die einzigen, die der Schneesturm zum Halten veranlaßt hatte. Das Zimmer war immerhin eins für zwei.
„Für eine Nacht wird das doch gehen, oder?“ Sie sah Paul an und wußte im selben Moment, daß die Frage ein Fehler war.
Im Moment, Schneesturm draußen, Resopaltresen unter trübem Licht drin, störte aber auch diese Einsicht. Karla schob sie in den Winkel ihres Gehirns, der für Unerledigtes reserviert war.
Er bemerkte, daß Karlas Blick sich veränderte. Ihr Blick auf ihn. Und die Veränderung war ihm nicht geheuer. „Warum sollte das nicht gehen?“ Seine Mundwinkel zuckten. „Besser als dieser Sturm da draußen.“
Der Sturm da draußen, so zeigte sich wenig später, war nichts im Vergleich zu jenem, der zwischen ihnen losbrach. Dabei war das Zimmer so schäbig, zerschlissene Vorhänge, trübes Licht, und es roch nach altem Fett aus einer Küche, die ganz in der Nähe sein mußte. Aber all diese Armseligkeit verschwand, ähnlich wie die Welt draußen im Schnee.
„Und ich wollte doch gerade vernünftig werden!“ stieß Karla zwischen zwei Küssen hervor. Sie strahlte, sie lachte, sie bebte – und Angst hatte sie auch. Wozu konnte es führen, was da hereinbrach über sie wie ein Orkan? Auch machte ihr die alte Scheu zu schaffen, die sie immer befiel, wenn sie einem anderen Menschen so nahe kam. Eigentlich schien ihr das immer unmöglich zu sein, eine Grenzüberschreitung …
Ein Schwindelgefühl ließ sie die Hürde nehmen, und natürlich half Paul auch dabei, seine Hände, seine Lippen, sein Geruch …
„Du bist sogar noch schöner“, stieß er heiser hervor, als sie nackt war.
„Schöner als wer, als wann?“ Sie versuchte noch, die Kesse zu geben, wie immer.
Dann war er auch nackt, mit zitternden Händen hatten sie sich aus den Kleidern geholfen, bestaunten einander einen atemlosen Moment lang, sie stammelten Worte, verschlangen sich ineinander, fanden endlich aufs Bett. Fragten nicht, ob das nichts als ein dummer Zufall war, schiere Gier, wollten nichts wissen, sondern immer nur mehr.
„Aber verliebt sind wir nicht.“ Karla sprach es aus, Stunden später.
„Ich hab das schon lang gewußt“, behauptete Paul ohne jede Logik und wühlte seine Hände in ihr zerzaustes Haar.
„Ach ja? Du alter Rechthaber.“ Kichernd schmiegte sich Karla an ihn. „Und wieso hast du es nicht früher gesagt?“
„Du hast ja nichts davon wissen wollen.“
Prompt stritten sie sich. Es war das alte Spiel, auch wenn es ihnen sehr neu vorkam. Und es währte die ganze Nacht. Sie pochte auch mit Worten darauf, es gehe um Sex und sonst gar nichts, und er zeigte sich mit und ohne Worte einverstanden. Sex sei ja immerhin die Grundlage von allem, kamen sie überein. Sie redeten auch über anderes, natürlich fing Karla damit an, auch übers Essen.
Denn sie waren hungrig geworden, nur eine Tafel Schokolade war da, wie weit konnte die reichen? Ziemlich weit, wenn man sie in ganz kleine Stückchen brach und diese auf sehr besonderen Tellern servierte, in einer Armbeuge zum Beispiel, auf einem Bauchnabel. Die Teller gingen ihnen nicht so schnell aus. Endlich aber doch die Schokolade.
„Laß uns tun, als seien wir in der Wüste“, schlug Karla vor. „Und sähen eine Fata morgana.“
„Wir sind in dieser Wüste.“ Paul lachte. „Wozu also so tun als ob?“ Er leckte sich die Lippen, mit dem Finger strich er die von Karla nach. „Oliven zum Beispiel. Frag mich nicht wieso, ich hab einen Heißhunger auf Oliven.“
„Nicht schlecht“, gab Karla zu. „Aber nicht das Richtige für unsere Situation.“ Sie überlegte einen Moment. „Es müßte doch etwas Besonderes sein. Eine Steigerung aller Oliven … weißt du, was ich meine?“
„Nein“, gab Paul zu.
„Eine Olive, an der nichts stört. Eine Olive ohne Kern, gefüllt mit … nein, nicht mit diesen faden Paprikastückchen oder ranzigen Mandeln.“ Sie geriet in Fahrt. „Eine Olive gefüllt mit Oliven. Verstehst du?“ Sie hielt die Luft an, sah Paul an, wußte er, wieviel von seiner Antwort jetzt abhing? Davon, daß er verstand?
Einen kleinen Moment brauchte er. Dann aber … „Eine Olive, und statt des Kerns wieder eine Olive. Und dann … eine Avocado, gefüllt mit Avocado …“
„Ja“, freute sich Karla, plötzlich sicher, daß diese Nacht doch kein Irrtum war. „Und dann ein Pfirsich, gefüllt mit …“
„Mit einer Erdbeere!“ ergänzte Paul.
Karla sah ihn entsetzt an.
Er merkte zum Glück ziemlich schnell, wie sehr er in die Irre gegangen war. „Tut mir leid“, murmelte er zerknirscht. „Mit Pfirsich natürlich. Pfirsich gefüllt mit Pfirsich! Aprikose mit Aprikose, Kirsche mit Kirsche …“ Er stockte. „So sehr …?“
Sie grinste – wie lang brauchte er denn, um zu lernen! „So sehr lieb ich dich nicht!“
„Kompliziert!“ Er nagte an seiner Unterlippe. „Dabei hab ich gedacht … Kochen, das ist doch so was Positives. So ähnlich, wie wenn ich am Reißbrett steh. Und nun …“
„Ich bin nur Küchenhilfe“, beharrte sie und wollte vergessen, daß das nicht mehr stimmte.
Denn wider Willen hatte sie inzwischen etwas wie Karriere gemacht – als Saxophonistin und im Restaurant. Dort trug sie inzwischen den Titel einer Sous-Chefin, von den meisten angefeindet, von Knoblich und Maiwald protegiert. Knoblich hatte gemeint, anders gehe das nicht mehr, als Küchenhilfe sei sie pure Verschwendung. Sie hatte nachgegeben. Denn das Gehalt, das Knoblich ihr anbot, das Maiwald sogar noch toppen wollte … Pure Bestechung. Doch andererseits konnte sie sich damit ein Studio finanzieren, eine Plattenaufnahme. Das Tingeln durch die Clubs brachte zwar Applaus, aber ohne eine Platte sonst nicht viel ein. So hatte Karla sich ihre Schwäche als Vernunft zurecht gelegt. War die Zustimmung zu einem Gehalt dieser Größenordnung nicht die absolut übliche Korruption für eine Frau ihres Alters? Sie spielte manchmal sogar mit dem Gedanken, sich auf Maiwald einzulassen. Wenn Glück nicht zu haben war, wieso dann nicht Erfolg – und Geld? Als Maiwalds Frau müßte sie nie wieder an einen Herd treten …
Aschenputtelträume, spottete sie über sich selbst bei solchen Gedanken. Aber immerhin hatte sie dann beschlossen, doch wenigstens ihre Vergangenheit in Ordnung zu bringen. Um Platz zu schaffen für irgend etwas wie Zukunft. Dazu gehörte, das Haus auf der Schwäbischen Alb zu verkaufen. Seit dort niemand mehr lebte, verrottete es allmählich, den ordentlichen Nachbarn ein Ärgernis. Immer wieder erhielt Karla Aufforderungen, in letzter Zeit sogar amtliche, ihren Besitz in Ordnung zu bringen. Ihr Erbe … Auf dieses Wort reagierte sie zuverlässig mit einer Gänsehaut. War sie denn je gefragt worden, ob sie dieses Erbe wollte? Und woraus bestand es schon, nichts als Altlasten, Gerümpel, störender Ballast.
Doch von allein verschwand das eben nicht. Karla dämmerte, daß man in dieser Welt vor vielem weglaufen konnte, nur bei Immobilien war Flucht keine Lösung. Sagte das nicht schon der Name? Unbewegliche Güter, auf denen diese Welt gründete. Die an ihrer Unbeweglichkeit jeden Fluchtversuch scheitern ließen, zu Mahlsteinen wurden, die Karla genau in jene Untiefen zogen, die sie doch vermeiden wollte. Oder zu etwas wie Kaugummi wurden, der an jeder Sohle kleben blieb, egal, in welche Schuhe sie schlüpfte.
Also keine Fluchtversuche mehr, hatte Karla sich vorgenommen. Und wozu hatte sie die Bekanntschaft dieses Architekten gemacht? Der offenbar wirklich nicht viel zu tun hatte, weshalb sonst traf sie ihn auf Schritt und Tritt.
Ja, Paul Worrner sollte ihr behilflich sein. Denn bevor sie das Haus auf der Alb verkaufte, mußte sie doch wissen, zu welchem Preis das möglich und sinnvoll war. Zuerst hatte sie gedacht, es einfach nur loswerden zu wollen, egal zu welchem Preis. Aber wäre das nicht schon wieder nur Flucht gewesen? Wenn schon, denn schon, hatte sie sich gesagt, und war mit ihm losgefahren, mitten im Januar, der Schneesturm war angekündigt gewesen. Nicht aber, daß für Karla nun doch wieder eine Flucht daraus wurde. Denn wie sonst sollte sie nennen, was da zwischen ihm und ihr explodierte, und nur, weil es kein zweites Zimmer gab …
Nicht daran denken, sagte sie sich, nicht jetzt, dieser Schneesturm draußen hat einfach die üblichen Maßstäbe außer Kraft gesetzt. Zu bedeuten hat das nicht viel, der Sturm wird sich legen, und dann …
Sie setzten ihr Spiel fort. Einmal unterlief Paul doch noch ein Fehler. Jedenfalls behauptete Karla, daß es einer sei.
„Spaghetti gefüllt mit Spaghetti?“ Er pustete eine Wimper von ihrer Nasenspitze.
„Falsch!“ protestierte sie. „Das wäre doch keine Steigerung. Nur was für Vielfrasse!“
„Und wenn ich so einer bin?“
Er bewies ihr, was er damit meinte, und so geriet Karla bei dem Versuch, mit dem Weglaufen aufzuhören, erneut auf die Flucht. Fast schien es, als könne Flucht etwas mit Flug zu tun haben. Und zwar mit einem Höhenflug.

Er endete am nächsten Morgen. Nicht mit einem Absturz, aber doch mit einer gewissen, voraussehbaren Ernüchterung. Das schäbige Zimmer, zum Frühstück Kaffee, der nach Maggi schmeckte, die Brötchen erinnerten an aufgewärmte Pappe.
„Aber es schneit nicht mehr!“ Paul hatte eindeutig einen Hang zum Positiven. Denn so dick, wie das Wolkengrau über der Autobahn hing, konnte das jederzeit wieder losgehen. Für ihn sprach immerhin, daß er sonst nicht so viel sagte.
Karla beglich die Rechnung, sie war ja Auftraggeberin dieser Fahrt, sie kaufte auch noch Schokolade. Ihr Frühstück hatte sie nicht angerührt. Sie wunderte sich, wie wach sie war, nach höchstens drei Stunden Schlaf. Und auch darüber, wie leer die Straße vor ihr lag.
„Vier, höchstens fünf Stunden“, meinte sie, „dann sind wir da.“ Sie setzte sich ans Steuer, aber Paul merkte bald, daß sie unnötig langsam fuhr. Das war sonst nicht ihre Art.
Doch er sagte nichts. Vielleicht möchte sie, daß es länger dauert, überlegte er, sie tut sich schwer mit dem Ziel dieser Fahrt …
Eine gute Stunde hielt Karla durch. Dann steuerte sie einen Parkplatz an. „Ich kann nicht mehr.“
„Soll ich fahren?“
„Du mußt. Meine Brille …“ Karla verzog das Gesicht. Erst seit kurzem war sie darauf angewiesen. Und dementsprechend ungeübt im Umgang damit. „Ich hab sie vergessen, dort im Hotel.“
„Und das sagst du erst jetzt!“ Paul sah sie kopfschüttelnd an.
„Ich hab es doch erst vor kurzem bemerkt“, gab sie unwillig zu.
„Also zurück.“
„Oder du fährst.“ Karlas Widerwille gegen die optische Prothese war etwa gleich groß wie gegen ein Wiedersehen mit diesem Zimmer. „Sobald wir da sind, besorge ich mir eine Neue, ich hab die dioptrischen Werte im Kopf.“
„Kurz- oder weitsichtig?“ erkundigte sich Paul, als er am Steuer saß.
Karla stöhnte. „Kurzsichtig, was sonst.“ Ihr schien, mit diesem Wort sei alles gesagt. Nicht nur zu ihren Augen. Auch zu ihr selbst.
„Das legt sich im Alter.“ Paul meinte es bestimmt als Witz und tröstlich.
Karla setzte noch einen drauf. „Zu weit weg“, murmelte sie, „für eine, die kurzsichtig ist.“
Paul lachte nicht über ihren Kalauer. Das Grau der Straße ging eine durch nichts gestörte Verbindung mit dem Grau der Schneewolken ein, eine Schneise durch das Weiß, das sich links und rechts dehnte. Für Karla ergab sich daraus nach einiger Zeit ein grauweißes Flimmerbild.
„Du wolltest mir doch von deiner Familie erzählen“, erinnerte Paul und sah sie kurz von der Seite an. Schlief sie?
Wenn, dann mit offenen Augen. Wobei die eben nur sahen, was unmittelbar vor ihr lag. Wobei sie genau das eher nicht sehen wollte. Sie blinzelte es weg. Schon wieder Flucht. Eine Zuflucht diesmal. Wieso fiel ihr das jetzt ein?
Das leise Sirren eines Libellenflügels. Das Geräusch eines sachten Atems, verursacht vom Wind, der die Gräser in Schwingung versetzte. Der Sehnsuchtsruf der Schwalben, hoch oben im Himmel. In einem Himmel, der einer Öffnung glich, aus der immer noch tieferes Blau strömte. Einige wenige Wolken, die ein hoch oben kräftigerer Wind vor sich herjagte wie ungezähmte weiße Pferde. Sonst nichts. Nur Stille, Hitze, flirrendes Licht. Ein warmer, sonnenglatter Fels. Ein Bach, dem die Sonne nur noch ein schmales Rinnsal gelassen hatte. Wenn man die Augen zusammenkniff, nahm das Gras der Wiese einen blauen Schimmer an, als habe der Himmel zu viel davon und von seinem Überfluß abgegeben. Und dann noch Grillengezirp, das selbstvergessene Gebrumm der Hummeln, ihr torkelnder Flug. Eine Vollkommenheit, die nur für einen Maitag lang gedacht war und doch wirkte, als sei sie für immer …
„Und wie hieß er?“
Karla schrak zusammen, als Paul das fragte. Hatte sie all das denn laut gesagt? Sie rutschte höher auf dem Sitz, riß die Augen auf, so weit es nur ging. Das Grau draußen war inzwischen wieder weiß gesprenkelt, die Wolken hielten ihre Schneelast nicht mehr. Und da faselte sie von Libellenflügeln …
„Er hat mich finanziell ruiniert, dann hab ich mich scheiden lassen“, murmelte sie.
Zum Glück beharrte Paul nicht darauf, daß sie ausführlicher wurde. Sie sank wieder in sich zusammen. Wie hatte das nur geschehen können! Kein größerer Fehler, als einem Mann von einem anderen zu erzählen. Noch dazu, wo der neben ihr doch nur in einer eher geschäftlichen Verbindung zu ihr stand. Jedenfalls hatte sie vor, das nach dem Ausrutscher der letzten Nacht wieder in den Vordergrund zu rücken. Und nun so etwas!
Daß Paul so tat, als habe sie gar nichts gesagt, sprach wieder einmal für ihn. Karla erinnerte sich der Schokolade, zerbrach sie in kleine Stücke und bot ihm davon an. Sehr gesittet, aber sie dachte dabei doch an die letzte Nacht. Und an den Schwung seiner Hüfte.
„Es war alles wie immer“, brach sie da doch ihren Vorsatz. „Am Anfang ganz große Liebe. Und wir wollten nicht nur ein Paar sein. Ein Team. Weil es ja nicht nur um Gegenwart gehen sollte, sondern um Zukunft. Ich war blöd genug, daran zu glauben. Anfangs er womöglich ja auch, aber … Ein Zauderer, wenn du verstehst, was ich meine. Er tat sich schwer damit, etwas zu entscheiden. Egal, ob es um den Kauf einer Hose ging, eines Tischs. Und dann gar um eine Frau! Wär doch gut möglich, daß es immer noch eine Bessere gibt …“
War sie das, die so bitter lachte? Außerdem war der Vergleich schief, es war ja nicht darum gegangen, daß er sie kaufte. „Ich bin jedenfalls froh, daß ich ihn los bin. Und ein paar Illusionen gleich mit. Vielleicht verstehst du jetzt, weshalb ich heute nacht … Liebe ist nichts für mich.“
Nach diesem Schlußwort blieb nur Schweigen, ziemlich lang. Er fand endlich ein passend banales Thema, Architektur. Anfangs hörte sie kaum zu, erst, als er von dem Hotel sprach, in dessen Küche sie nun doch wie zu Hause war, spitzte sie die Ohren.
„Es hat was von Disneyland, und außerdem stimmen die Proportionen nicht. Man hat die historische Höhe des einstigen Hotels genommen, aber dann kleinkrämerisch viele Geschosse reingedrückt. Es hat keinen Atem, keine Großzügigkeit. Man hat das Gefühl, man wird platt gedrückt. Und dann dieses billig historisierende Interieur, Plüsch und Rüsch und getürkte Antiquitäten. Spießerträume von Luxus, neureiches Kleinbürgergehabe …“
Sie begann zu lachen. Er hatte ja wirklich Temperament!
„Siehst du das nicht so?“ fragte er irritiert.
„Wie denn, von der Küche aus?“ Sie gluckste.
Er grinste. „Na ja, zum Glück kommt ja aus dieser Küche doch immer wieder einiges, was mich mit dem Drumherum bei solchen Arbeitsessen versöhnt. Und neulich, beim Gala-Diner, hab ich einen kennengelernt, Urtig heißt er, schon älter, aber …“
Er ging nun so weit ins Detail, nicht mit der Schilderung des alten Mannes, sondern mit dessen Zustimmung zu seinen ästhetischen Ansichten, daß Karla doch wieder abschaltete. Es war warm, kaum kam das Gebläse an gegen den zweifachen Atemhauch gegen die Scheiben, dahinter malte der Schnee weiße Punkte an den grauen Himmel, dazu das unablässige Wutschwutsch …
Sie schlief ein.

„Ich glaube, hier müssen wir raus.“
Karla fror, als sie wach wurde. Er hatte sein Fenster heruntergekurbelt, gegen den Waschküchendunst. Auch draußen war alles unverändert grauweiß. Sie war froh, daß es ihr ohne Brille überhaupt gelang, die Buchstaben auf dem Schild zu entziffern. „Ja, die nächste Abfahrt ist es.“
Kurz davor gab es aber noch eine Raststätte. Paul lachte lauthals über die Ankündigung – angeblich war sie nach den Prinzipien des Feng shui erbaut und die Erste ihrer Art.
„Laß uns einen Kaffee trinken“, schlug Karla vor.
Das Gebäude sah aus wie ein übermäßig gequollener Hefeteig, bonbonfarben übertünchte Formlosigkeit, aber es gab Espresso. Und im Reiseshop fand Karla eine Brille. Die Fassung war quietschgelb, doch die Sehstärke stimmte.
So saß anschließend sie wieder am Steuer, verließ die Autobahn. Paul sah jetzt vermutlich nichts als Schnee auf sanft geschwungenen Hügeln, knorrigen Bäumen, ruppigem Gesträuch. Karla aber hatte anzukämpfen gegen ein Gefühl, das sie gar nicht mochte. Eine aufgeregte Erwartung, als sei sie mit jeder Kurve, jeder Bergkuppe, jedem Wäldchen persönlich bekannt. Was sie ja tatsächlich war.
„Im Sommer sieht es hier ganz anders aus.“ Es war schiere Aufregung, die sie solche Banalitäten plappern ließ. „Kennst du Schlehen? Die stehen hier an jedem Wegrand, und wenn sie blühen, ganz weiß …“
Beim Stichwort Weiß lachte Paul, sie fiel mit ein. Am Himmel gab es eine Stelle, an der das Grau heller, leicht löchrig wirkte. Fast weiß. Aber Sonne kam nicht durch. Karla bog von der Landstraße ab, auf einen Feldweg.

Ein flaches, langgestrecktes Gebäude riegelte endlich den Weg ab. Dampf stieg von ihm auf, es gab nichts, was auf seinen Zweck hinwies.
Karla geriet beim Bremsen ins Schlittern. Sobald sie die Tür öffnete, war es zu riechen. Dumpf, süßlich, warm. „Komm doch mit!“ rief sie. „Eine Metzgerei gehört dazu, hier kriegen wir alles.“
Paul winkte ab. „Mach lieber die Tür schnell wieder zu!“ Er vermied es zu atmen.
„Ach ja!“ Karla verzog das Gesicht. „Fleisch essen, aber vom Schlachten nichts wissen wollen!“
„Mach die Tür zu!“ verlangte er. „Das stinkt ja barbarisch!“
„Barbarisch bist du!“ hielt sie dagegen. „Wenn du nicht wahrhaben willst, woher das Filet auf deinem Teller kommt …“
Ihm war gleich, was sie sagte, wenn sie nur endlich die Tür zuwarf. Er beugte sich schon vor, um es selbst zu tun, als sie ein Einsehen hatte. Dann stapfte sie durch den Schnee, in viel zu leichten Schuhen, schob die gelb geränderte Brille ins rote Haar und verschwand hinter einer Metalltür. Sie sah dabei aus, als freue sie sich.
Aber jetzt war diese Luft im Auto. Blut, ganz frisch, Paul hatte es nie zuvor gerochen, erkannte es aber sofort. Ein Brechreiz im Hals ließ ihn die Tür aufreißen, aussteigen. Aber das roch überall so … Er ging schneller, umrundete das flache Gebäude im Laufschritt. Und entkam nicht.
Da war ein Transporter, Kälber auf schiefer Ebene, sie führte zu einem hölzern begrenzten Gang. Die Kälber wurden erst ganz zuletzt nervös, tänzelten, muhten, besprangen sich in ihrer Aufregung. Paul wußte nicht, wohin mit sich, wollte zum Wagen zurück, hörte die Stimmen von Männern, sah, wie sie zupackten, wie sie den Kälbern etwas an die Köpfe setzten, und er sah auch, wie Tier für Tier umfiel, zappelte. Paul wollte weg, nichts sehen, aber dann hatte er ganz kurz die Augen so eines Kalbs vor sich, die Panik im Blick des Tiers war seine eigene. Da packten schon Arme zu, der Körper dazu blieb Paul verborgen, sie zogen den leicht zuckenden Tierkörper weiter auf einem vermutlich von Fließbändern geregelten Weg. Dann nichts mehr.
Doch seine Phantasie gaukelte ihm alles vor, was er nicht sah. Tiere in Massen, verstört, brüllend, ganz kurz davor, nur noch Fleisch zu sein, am eigenen Fell zu baumeln, dann aus diesem Fell geschält, Ströme von Blut, blitzblanke Maschinen, Messer, Sägen, es war eine Arbeit für Spezialisten, und das Leben all dieser Tiere nur ein vorbereitender Zustand, um Fleisch zu werden inmitten von Hitze und Dampf. Woher kannte er diese Bilder?
Da war Paul wieder am Auto, warf sich auf den Sitz, ihm war schlecht.
Gleich darauf kam Karla, sie strahlte übers ganze Gesicht. „Ich hab wirklich gekriegt, was ich wollte! In einer Qualität, nach der man in Berlin lang suchen kann …“ Sehr beschwingt stieg sie ein und gab Gas, so heftig, daß die Räder ein paar mal leer drehten. Dann fiel ihr auf, wie blaß Paul war, und sie bremste wieder. „So, du gibst jetzt also die Mimose! Glaubst, wer weiß was gesehen zu haben! Dabei war das nur eine Landschlachterei, nicht so eine industrielle Großanlage, aus der sich die Supermärkte bedienen, in denen du dich sonst versorgst. Mit etwas, das Fleisch gar nicht genannt werden kann, höchstens in dem Moment, wo es ans Schlachten geht …“
Im Takt ihrer Wut ließ sie die Räder im Schnee auf der Stelle rotieren. Paul war noch immer damit beschäftigt, möglichst flach zu atmen.
Er entspannte sich erst wieder, als sie auf die Landstraße einbog. „Filet also.“
„Filet?“ Sie lachte, ihr Zorn war verpufft. „Nein. Aber frag besser nicht. Du wirst schon sehen.“
Ein tief verschneiter Wald, eine steile Linkskurve, dann hatten sie das Dorf erreicht. Bei einem Bäcker stoppte Karla schon wieder. „Heute ist Dienstag!“ Sie strahlte ihn an, als sei damit alles gesagt. Sie sah anders aus als in Berlin, kindlicher. Auch färbte eine Spur von Dialekt ihre Worte anders ein als sonst. „Dienstag, das heißt, es gibt frischen Nudelteig. Bei jedem Bäcker, der auf sich hält. Für Maultaschen.“
Paul zögerte, ebenfalls auszusteigen. Er fürchtete, sie könne ihm sein Versagen beim Schlachthof draußen vorwerfen. Aber sie war viel zu aufgekratzt.
Groß wie Kuchenbleche lagen die Teigplatten aus, aufeinandergestapelt. Die Frau, die sie verkaufte, ließ sich erst beim Kassieren anmerken, daß sie Karla kannte. „Wird aber auch Zeit“, brummte sie. „So, wie euer Haus verkommen ist … Erst kümmert sich kein Mensch, und jetzt …“ Sie sah Karla taxierend an.
„Und jetzt was?“ hakte diese nach, ganz betont ohne jede Spur von Schuldgefühl.
„Ich will ja nichts Falsches sagen“, brummte die Frau. „Ob es stimmt, weiß ich nicht. Aber man hört halt, da wär jetzt noch eine, wo Ansprüche anmeldet.“ Sie fand zu einem schadenfrohen Grinsen.
Bei Karla meldete sich mit einem kräftigen Knurren – Hunger. Sie bat noch um Weißbrot, um frische Laugenbrezeln. In eine davon biß sie beim Weiterfahren.

Sie durchquerten das ganze Dorf, ein Industriegebiet, zuletzt ging es wieder über einen Feldweg. Dann endlich das Haus, erdrückt von Schnee, von Unordnung oder gar Verwahrlosung keine Spur. Alles weiß. Aber kalt. Karlas Hand zitterte ganz leicht, als sie den Schlüssel fand und die Tür öffnete. Drin roch die Kälte, nur wonach, war schwer auszumachen.
„Wir stellen erst mal die Einkäufe in der Küche ab. Das heißt, du könntest ja gleich die anderen Sachen aus dem Auto holen …“ Karla gab Anordnungen, sie bewegte sich kopflos hierhin und dorthin, riß Türen auf, wollte möglichst nichts sehen.
Paul sah, daß es ihr nicht gut ging, so spielte er den Packesel. Die Koffer stellte er im Flur ab, doch da waren auch Lebensmittel, Wein und Gewürze vor allem. „Das kommt in die Küche?“
Karla hatte sie noch immer nicht betreten. Sie stand auf der Schwelle, begann zu reden, sobald Paul auftauchte. „Der Kachelofen müßte noch funktionieren.“ Ob sie wollte oder nicht, sie sah alles. Die Möbel, die nicht zueinander paßten, auch nicht in ihrer jetzigen gleichmäßigen Schäbigkeit. Die Staubschicht auf der Aufgeräumtheit. Die Messer der Großmutter. Vaters Stiefel. Auch eine angebrochene Zigarettenschachtel, es war die Marke ihrer Mutter.
Endlich stellte sie die Einkaufstüten auf den Tisch, sah auch, daß neben dem Kachelofen Feuerholz lag, Briketts. „Ich werde Feuer machen.“
„Wenn du mir sagst, wo der Keller ist …“ Sie tat Paul leid in ihrer hektischen Hilflosigkeit. „Ich könnte mich um die Heizung kümmern.“
Sie beschrieb ihm den Weg, lief ihm dann aber doch selbst voran. Die Falltür, die steile Treppe hinunter, als sie das Faß entdeckte, begann sie zu weinen. „Most“, murmelte sie. „Das Obst hier taugt nämlich nicht viel, weißt du. Klein und hart, Äpfel wie Birnen, höchstens zum Dörren reicht es. Was dabei entsteht, nennt man Hutzeln. Oder man macht halt Most daraus. Im Sommer schmeckt so was gar nicht schlecht …“
Sie stolperte wieder die Treppen hinauf, besorgt sah Paul ihr nach. Bei Tränen in den Augen half keine Brille. Er fand die Heizungsanlage, auch den richtigen Knopf, ein Licht flammte auf, dann begann es schwerfällig zu rattern. Als er wieder nach oben kam, in die Küche, hockte Karla vor dem Kachelofen. So lang, bis das Feuer brannte und ihre Augen wieder trocken waren.
Dann räumte sie auf, noch immer in der dicken Winterjacke, und als sie bemerkte, daß Paul einfach nur da stand, wies sie auf Gemüse und Zwiebeln. „Fang doch schon mal an. Alles so klein wie möglich, du schaffst das schon.“
Wer muß hier eigentlich aufgemuntert werden, dachte er, wieso gibt sie nicht einfach zu, wie mies sie sich fühlt!
Sie inspizierte die Messer, es dauerte lang, bis sie sich entschied und ihm eines gab. Dann machte sie sich an das Paket aus dem Schlachthof. „Falls du so kalte Hände hast wie ich – es ist noch ganz warm. Die Kutteln wurden vorhin erst gebrüht.“ Sie schlug das Papier zurück. Mattweiße Fetzen, glatt auf der einen Seite, die andere zottig, Karla lächelte verzückt.
„Kutteln?“ Begeistert klang Paul nicht.
Sie nickte. „Gibt es immer am Dienstag. Genau wie den Nudelteig. Aber aus dem machen wir keine Maultaschen heute, sondern …“
„Kutteln?“ unterbrach Paul und sah lieber nicht so genau an, woran sie sich die Hände wärmte. Er erinnerte sich, zumindest etwas sehr Ähnliches schon gesehen zu haben, in Hundefrischfleischabteilungen.
„Das kennst du nicht? Tripa in Italien, französisch tripes … Keine Angst, ich bereite sie nicht wie die Schwaben.“ Sie begann schon, das weiße, gummiartige Zeug in hauchfeine Streifen zu schneiden. „Bei den Schwaben kommt da überhaupt kein Gemüse ran, dafür Mehl. Und jede Menge Essig, die sauerste Sorte. Als Kind hab ich das gehaßt.“
Wenn Karla so geschäftig tat, um möglichst nicht zu bemerken, wo sie sich befand, dann Paul deshalb, um nicht zu hören, was sie erzählte. Um nicht zu sehen, was sie tat mit den Kuhmägen.

Es war warm geworden, zumindest in der Küche. Schwitzwasser ließ den Blick durchs Fenster verschwimmen. Aber draußen wurde es sowieso nur dunkel über dem Weiß. Was auf dem Herd vor sich hinköchelte, samt dem Inhalt einer der von Karla wohlweislich mitgebrachten Flaschen Rotwein, roch gar nicht schlecht. Eine zweite Flasche war ebenfalls schon geöffnet, ein schwerer, erdigroter Burgunder. Karla saß auf der Bank am Fenster, die Beine hochgezogen, umschloß sie das bauchige Weinglas mit beiden Händen.
„Etwas zu kalt ist er noch“, meinte sie. „Aber besser als zu warm. Das gibt sich rasch.“
Paul saß am Küchentisch, vor dem Schneidebrett, einigen Messern. Er fand den Wein jetzt schon vorzüglich. Er wußte nicht, daß er dort saß, wo früher Karlas Platz gewesen war, zwischen Mutter und Großmutter. Und sie hatte keine Lust, es ihm zu erzählen. Sie starrte aus dem Fenster, sah die knorrigen Schlehen unterm Schnee kaum, und auffallend oft wandte sie den Blick zur Tür.
Aber natürlich kam da keiner herein. So begann sie endlich doch von ihrem Vater zu reden. „Wenn er nach Hause kam, hat er sich immer zuerst die Hände gewaschen. Nie im Bad, immer am Spülstein. Der stand an derselben Stelle wie jetzt das zerkratzte Nirostading. Kennst du noch einen Spülstein? Schwarz und braun und weiß gesprenkelt …“
„Terrazzo“, warf er ein.
„Ja.“ Sie nippte am Wein. „Jeden Abend das Händewaschen am Spülstein. Und dann war er weg. Einfach so. Ich war ungefähr sieben. Und ich hab natürlich gefragt. Das hat ja so kommen müssen, hat meine Großmutter gesagt. Als ob das eine Antwort gewesen wäre! Aber von meiner Mutter hab ich auch keine bekommen. Anfangs hat sie geweint nach solchen Fragen. Dann ist ihr Blick nur noch glasig geworden. Und dann war es eben so, daß Vater verschwunden war. Im ganzen Dorf wurde darüber geredet, frag nicht wie. Aber hier drin – nie. Kein Wort. Dabei war es nicht so, als gebe es ihn nicht mehr. Er war einfach – anderswo.“
Karlas Finger malte quietschende Muster auf das beschlagene Fenster.
„Er hatte eine Affäre?“ Paul aß schon die zweite Laugenbrezel, wie gut, daß Karla sie gekauft hatte. Denn das Zeug in dem Topf, es würde Stunden brauchen, hatte sie gesagt.
„Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Karla gähnte. Der Wein, inzwischen ziemlich ideal temperiert, verstärkte ihren Hunger noch. „Er hing an meiner Mutter wie ein Kind, ohne sie war er hilflos. Wobei, ich muß zugeben, ich hab das damals doch bewundert. Nicht gleich, aber als ich dann älter wurde.“ Welche Erklärungen sie für sein Verschwinden gefunden hatte, verschwieg sie Paul lieber. „Es hatte so etwas Abenteuerliches. Hätte ich ihm nie zugetraut. Ja, ich hab ihn ziemlich lang zu meinem Helden gemacht. Meine Mutter hat es gespürt, du kannst dir denken, wie sich das ausgewirkt hat. Unser Verhältnis war wirklich nicht gut. Und dazu meine Großmutter, die immer so tat, als sei das nur zu erwarten gewesen und meine Mutter einfach zu blöd, um einen Mann … Na ja, lassen wir das.“
„Wovon habt ihr gelebt?“ wollte Paul wissen.
„Ich weiß nicht, ich war ja noch ein Kind.“ Karla zerrte an einer Haarsträhne, als wolle sie ein für allemal alles Gelock darin zum Verschwinden bringen. „Anfangs vermutlich einfach von dem, was da war. Ein bißchen was wird die Gaststube schon abgeworfen haben. Außerdem Kartoffeln, Gemüse, was eben auf den steinigen Böden hier so wächst. Und im Stall gab es ja Vieh. Zweimal im Jahr wurde geschlachtet, einmal ein Kalb, dann ein Schwein. Zwischendurch Hühner. Und aus einem Teil des Schweins wurden Würste gemacht, die hielten sich. In Därmen, später in Dosen. Roter und weißer Schwartenmagen. Griebenwurst, Leberwurst, Blutwurst. Vom Rind, eine Neuerung, als das mit den Dosen aufkam, Ochsenmaulsalat.“
Karla sprach die in Pauls Ohren höchst verdächtigen Bezeichnungen für Dinge, die an diesem Ort wohl als eßbar galten, nicht anders aus als andere Leute vielleicht Formeln eines Gebets. Wie entrückt kauerte sie auf der Bank, nippte am Wein, sah abwechselnd hinter dem Fenster – nichts, und an der Tür ebenfalls – nichts.
„In Berlin kenne ich einen Koch“, warf Paul in ihr Schweigen, „der macht was aus Hahnenkämmen. Und aus Schweinekinn. Wenn man nicht daran denkt, was es ist, schmeckt es unglaublich – gut sogar.“
Karla überhörte die Bemerkung. Für sie ging es ja im Moment gar nicht ums Essen. Nur eben um das, was sich so leicht daran hängt. Eine ganze Welt. „Stell dir vor, wie das hier aussah an einem Schlachttag. Berge von Fleisch, riesige Teile. Und du siehst noch ganz genau, was es war. Keulen natürlich, nein, Beine, die Hufe noch dran. Der Kopf eines Rinds, nie sieht er größer aus als auf so einem Küchentisch. Und das mußte dann zerlegt werden. Die Zunge, die Bäckchen … ich rieche es wieder. Und ich höre das Messerwetzen. Meine Großmutter am Herd, vor den riesigen Töpfen, in denen die Wurst kochte. Händeweise warf sie Gewürze hinein … Alle wußten, was sie zu tun hatten. Und alle wußten auch, was sie taten – ein Geruch nach totem Tier. Nach Mord. Das erzeugt einen gewissen Respekt.“
Sie schwieg. Irgendwo jenseits der Schneeberge draußen heulte ein Motorrad durch die Dunkelheit. Paul stand auf, um ihr Glas noch einmal zu füllen. Aber er blieb nicht bei ihr, sondern ging zum Tisch zurück, füllte dort auch sein Glas. Bevor er sich wieder setzte, zog er den Pullover aus, die Luft kochte. „Was hast du bei all dem gemacht?“
„Hin und her gerannt bin ich.“ Sie lachte kurz auf. „Immer wollte ich es schaffen, im Stall zu sein, wenn sie schlachten. Aber man hat mich immer daran gehindert. Den Schrei hörte ich … Und später dann, wenn das Tier an der Leiter hing, tropfte Blut herunter. Dann sehe ich erst wieder die Teile, hier in der Küche, die Messer, die Töpfe. Nur Frauen hielten sich zu diesem Zeitpunkt in der Küche auf, manchmal eine Nachbarin, die Mutter und Großmutter half. Und ich halt irgendwie dazwischen … Später erst, als wir eine Kühltruhe hatten und das Fleisch ganz anders haltbar gemacht wurde … also nicht mehr gepökelt, geräuchert, eingemacht … Da seh ich mich, mit diesen kleinen Plastiktüten, zur Hälfte gefüllt mit Fleisch, sechs Portionen etwa. Und daraus sog ich dann die Luft, verschloß sie mit versteiften Pappstreifen. In meinem Kopf entstand dabei eine Leere, ich sog und sog Luft, und die portionierten Fleischberge wurden und wurden nicht weniger … Danach gab es meist ausgelassene Grieben, mit gerösteten Zwiebelringen. Und meine Großmutter streute sehr scharfen Paprika darüber. Aber da waren dann schon wieder die Männer in der Küche, auf dem Herd kochte Metzelsuppe, in Milchkannen hab ich sie zu den Nachbarn getragen. Das war so üblich, jeder, der schlachtete, gab davon etwas an die anderen ab, jedenfalls vor der Zeit der Kühltruhen … Kommst du mit in den Keller?“
Sie sah Paul an, sie war nicht richtig da. Ihn schauderte beim Gedanken an die Kälte außerhalb der Küche. Aber natürlich, er sagte nicht nein. Sie nahm zwei Gläser mit. Als sie den Spund des Mostfasses öffnete, kicherte sie. Das erste Glas reichte sie ihm.
Er verzog das Gesicht. „Schmeckt grauenhaft.“
Auch das zweite Glas war jetzt gefüllt, sie nahm einen größeren Schluck. „Kaum ein Unterschied“, murmelte sie. „Ob frisch oder alt, es schmeckt eben sauer.“ Sie begann zu weinen, Paul zog sie an sich, ganz schnell war sein Hemd durchnäßt.

„Der Burgunder ist mir eindeutig lieber.“
Sie waren wieder in der Küche, Karla stand über den Topf mit den Kutteln gebeugt, schmeckte ab. Wie in Trance griff sie zu allen möglichen Gewürzen, Paul zweifelte sehr daran, daß sie wußte, was sie tat. Doch was sie ihm auf einem verbeulten Silberlöffel zum Mund führte, schmeckte gut.
„Du kannst schon mal Nudeln schneiden“, wies sie ihn an. „Oder … nein, laß es. Morgen mach ich richtige Maultaschen daraus. Mit Hackfleisch und Spinat. Wobei Spinat, um diese Jahreszeit …“ Sie grinste. „Nehmen wir halt den Tiefgekühlten. Wie die Eingeborenen auch. Und heute wird uns das Weißbrot genügen.“ Sie schlug die Teigplatte in ein feuchtes Tuch ein, rollte es zusammen. Auf halbem Weg zwischen Karla und Paul kochte es – nicht nur im Topf auf dem Herd.
Paul fühlte sich dabei unbehaglicher als Karla, die immerhin ständig etwas zu tun fand. Ihre Erinnerungen ließen auch bei ihm manches wach werden. Aber er fühlte sich armselig dabei, nichts war an der Kindheit in der mittelgroßen Stadt, was ihm der Mühe wert schien, erzählt zu werden. Auch die mittelgute Ehe seiner Eltern gab vergleichsweise wenig her. Er fragte sich, wie es kam, daß Karla ihm fremder wurde, je mehr sie erzählte. Doch zugleich, er gestand es sich ein, hatte auch diese neue Fremdheit ihren Reiz. Im Topf kochten Kutteln – ein ungewohnter Geruch voller Wildheit, so kam es ihm vor, sehr passend zu ihr.
„Laß uns anderswo essen“, schlug sie vor. „Hier ist es zu heiß.“
Aber außerhalb der Küche war es noch immer eher zu kalt, obwohl die Heizung lautstark brummte. Paul folgte Karla von Zimmer zu Zimmer, er sah das Eis an den Wänden, teilweise begann es immerhin schon zu schmelzen.
„Hier!“ rief sie endlich, „das, das und das räumen wir raus. Wir brauchen nur den Tisch, zwei Stühle. Und für später eine Matratze.“
Er fragte lieber nicht, was das für ein Zimmer früher gewesen war, ihr reichten die Erinnerungen bis zum Hals, das erkannte er an ihrer Miene. Und es gefiel ihm, wie sie dagegen anging, Möbel verschob, alles ausräumte, was nicht unbedingt nötig war. Gegen die Kälte half das Geräume obendrein.
„So?“ Sie sah ihn an, mit einem unerwartet schüchternen Lächeln. „Eine Notlösung, klar, aber für eine Nacht vielleicht …“ Sie stockte. Irgendwie kam ihr das bekannt vor. Gestern erst … Und wollte sie das überhaupt?
Der Tisch in der Mitte, eine Glühbirne darüber, die zwei Stühle. Die Matratze in der Ecke, üppiges Bettzeug hatte sie herbeigeschleppt. „Ja, so.“
Er nickte, er hätte sie jetzt sehr gern …
„Ich muß in die Küche! Hilfst du mir?“
Sie fand nicht alles auf Anhieb. Die Teller hatten früher in einem anderen Schrank gestanden. Der Brotkorb ließ sie blaß werden, die alte, längst vergilbte Serviette aus Halbleinen darin, mit Lochstickerei am Rand …
Bis auf den Wein stand endlich alles auf dem Tisch. Er ging, um Flasche und Gläser zu holen, und als er zurückkam – ein Bild archaischer Wucht ließ ihn auf der Türschwelle innehalten. Holztisch, Glühbirne, Teller mit Kutteln, Brot. Und die Frau. Sie lachte ihn nicht an, sie saß nur da, wartete. Als säße sie schon immer hier. Er hatte sofort einen Kloß im Hals.
„Nun setz dich, schenk uns ein und probier!“ drängte sie.
Wenn er auch Bedenken gehabt hatte gegen den Inhalt des Topfs, nun der Teller – es war ein Moment, um sie zu vergessen. Ein Moment voller Freiheit. Was sich da auf dem Teller befand, sah durchaus appetitlich aus. Ein Duft nach sehr vielem. Paul erkannte zunächst nichts, nur eine verblüffende Symbiose, aus der sich nach und nach Tomaten, eine Spur Fenchel, nicht zu knapp Knoblauch, sehr viel mehr Rosmarin und wohl auch Koriander herausfiltern ließen. Pfeffer natürlich, vielleicht auch Ingwer. Aber vor allem vieles, von dem er nichts wußte. Das ihn aber verlockte wie kaum etwas zuvor. Und diese Streifen aus zottigem Gummi, sie waren zu Fleisch geworden, zart, köstlich – und nach wie vor mit einem Hauch Abenteuer behaftet.
Karla brach eine der dick geschnitten Scheiben Weißbrot in zwei Hälften. Als sie eine davon Paul reichte, ganz beiläufig, sie zwinkerte ihm dabei zu – war es doch wie die Besiegelung eines Bundes.
Beide taten, als merkten sie es nicht, Paul lobte das Essen, sie tranken noch mehr Wein, Karla kam wieder auf die Eltern zu sprechen. Beziehungsweise auf den Vater, und auf die Lücke von etwas mehr als sieben Jahren, die er der Ehe verschafft hatte.
„Denn ganz plötzlich war er wieder da. Kurz vor meinem fünfzehnten Geburtstag. Er kam rein, wie immer, in die Küche natürlich, wusch sich die Hände. Da war das Becken schon aus Nirosta. Er sagte nichts, meine Mutter sagte nichts. Meine Großmutter zog schwarze Johannisbeeren durch eine Gabel, ja, es war Sommer, sie hatte schon den ganzen Tag Marmelade gekocht. Es muß ein Mittwoch gewesen sein.“ Karla lächelte, aber man sah gut, welches Frösteln ihr über den Rücken lief. „Weil es Maultaschen gab. Aber nicht mehr frisch in der Brühe, sondern in Butter geschmelzt. Wie immer am zweiten Tag.“
Paul wunderte sich noch immer, wie gut ihm die Kutteln geschmeckt hatten. Weißbrot war noch da, auch Wein. Fehlte nur noch der Käse, an den hatte er gedacht, ihn schon in Berlin gekauft, Karla hatte ja angedeutet, hier gebe es nicht viel. Er holte ihn aus der Küche. Als er zurückkam, fiel ihm auf, wie kalt es noch immer war.
„Er wird doch was erzählt haben“, sagte er leichthin.
„Hat er nicht.“ Karla ließ sich ihr Glas noch einmal füllen. „Und keiner hat ihn gefragt. Ich hätte schon, aber ich durfte ja nicht, hatte mich längst daran gewöhnt. Und dann …“ Sie nahm einen sehr großen Schluck und legte den Kopf dabei in den Nacken.
„Dann ging alles weiter wie vorher“, vermutete Paul. „A là Dornröschen. Der Bäcker schiebt das Brot in den Backofen, der Küchenjunge klatscht nach der Fliege … Und alles nur wegen eines Kusses.“
„Von wegen“, widersprach Karla. „Einen Kuß hab ich nicht gesehen. Und weiter ging gar nichts – es ging bergab. Mit aller Rasanz. Vermutlich sollte es so was wie Versöhnung sein, Neuanfang, was weiß ich. Das Lokal draußen an der Tropfsteinhöhle war jedenfalls günstig zu pachten. Und mein Vater war immerhin gelernter Koch. Also ein Ausflugslokal, gutbürgerlich, die Spätzle von Hand geschabt, mehldicke Saucen. Bis weit in die Siebziger stand ja ein Stückchen Ananas für Revolution, worauf auch immer es lag. Wirklich neu war, daß sie sich jetzt stritten. Vorzugsweise Sonntagmittag um elf, wenn klar war, daß ganze Familien auf dem Weg ins Restaurant waren, Punkt zwölf wird hier nämlich gegessen … Oder eben auch nicht, wenn meine Eltern sich stritten, jede Kleinigkeit war dafür gut genug, ob das Hirschragout nun in Butter angebraten wird oder in Schmalz … Sie warfen sich nicht nur Schimpfworte um die Ohren. Einmal ging ich gerade noch rechtzeitig in Deckung, das Kalbshirn hätte eigentlich in Klößchenform in der Rinderbrühe landen müssen, aber dann klebte es an der Küchenwand, eine gräuliche Masse, ich wurde wirklich nur um Haaresbreite verschont …“
„Kalbshirn“, wiederholte Paul, eher automatisch, weil Karla jetzt schwieg, und auch, weil ihm nun wieder leicht übel wurde. Eine Erinnerung des Schlachthofgeruchs wehte ihn an.
„Ja, Kalbshirn“, blieb Karla bei der Sache. „Und das heißt, es muß ein besonderer Sonntag gewesen sein. Taufe oder Hochzeit. Nur dann gab es Kalbshirn. Nie im Ganzen, wie bei den Franzosen, du weißt schon, mit Kapern, flüssige Butter darüber …“
„Ich weiß nicht!“ protestierte Paul. Er stand auf, riß ein Fenster auf – draußen fehlte bestimmt nicht viel an minus zwanzig Grad. Kein Stern am Himmel, nur Schneewolken. Es würgte ihn.
„Man sollte nur schlachten, was man auch ißt“, bemerkte Karla, die jetzt über die Stimmlage einer Gymnasialrätin verfügte.
Paul glaubte, sich guten Gewissens nicht angesprochen fühlen zu müssen. Er schloß das Fenster, es war einfach zu kalt. Aber dann störte ihn die Enge im Zimmer, Karlas Dünsten in Erinnerung. Er sah plötzlich das morsche Holz der Fenster, die Wasserflecken an der Decke, den bröckelnden Putz der Wände. Er hörte das Ächzen der Heizung, viel Lärm um nichts, denn wirklich warm wurde es noch immer nicht. Und er glaubte sich vorstellen zu können, wie der Boden unter dem Linoleum aussah. „Eine Bruchbude“, sagte er. „Du hattest ganz recht. Sei froh, wenn dir jemand das alte Gerümpel abkauft, egal zu welchem Preis …“
Er sprach einfach als Architekt. Hatte Karla ihn nicht als solchen mitgenommen auf diese Fahrt?
Doch es war wohl der falsche Moment. Plötzlich begann Karla, ihren Besitz zu verteidigen, geriet richtig ins Schwärmen, schilderte den Frühling hier oben, den Sommer, den Winter. Ob sie wirklich nicht mehr spürte, wie kalt es war?
„Wenn du das alles behalten willst, wirst du viel reinstecken müssen“, gab Paul zu bedenken. „Ich habe vorhin im Keller gesehen …“
Karla zeigte nicht das geringste Interesse an seinen fachmännischen Auslassungen. Er merkte nicht, wie spitz ihr Gesicht wurde. Sie sprach von den Stuttgartern, die schon immer in Scharen am Wochenende auf die Alb gekommen waren, Worte wie Naherholungsgebiet kamen ihr in den Mund, sie gestaltete die Bruchbude mit wenigen Worten zu einem romantischen Landsitz um, wirklich im Handumdrehen, ein letztes Stück Weißbrot mußte dabei daran glauben.
Ein Streit wurde vermutlich nur deshalb nicht daraus, weil es so kalt war. Irgendwann schwiegen sie, endlich stand Karla auf, steuerte auf die Matratze zu. „Sieh zu, wo du ein Bett findest.“ Das war heute ihre Art, gute Nacht zu sagen.
Natürlich war Paul sauer. Er griff nach der Weinflasche, bevor er ging, ganz leer war sie noch nicht.
Da zog Karla sich schon die Bettdecke über den Kopf, schwer und muffig und eisig kalt. Sogar durch ihre Kleider hindurch glaubte sie, von etwas wie feuchtem Moder erdrückt zu werden. Sie wälzte sich her und hin, fror immer mehr. Doch sie hielt ziemlich lang durch.
Bis sie dann doch wieder aufstand. Und erst im Schrank eine Flasche fand, laut Etikett war Schlehengeist darin. Und dann Paul, in der Küche. Dort war es warm, er hatte irgendwo noch eine Matratze gefunden. Karla legte sich zu ihm. Tat aber so, als sei er nicht da. Sie trank, direkt aus der Flasche, bekam von dem scharfen Zeug einen Hustenreiz. Paul nahm ihr die Flasche ab, trank ebenfalls, hustete auch.
Karla nahm noch einen Schluck, dann er. Es roch noch immer nach Kutteln, im Kachelofen kam es zu gelegentlichen Explosionen. Paul lag schon ohne Hose und Pullover unter der Decke, Karla wurde es bald auch zu warm. Es war vollständig dunkel, eine Nacht wie sumpfig schwarze Suppe drinnen wie draußen. Das bißchen Wärme im Haus genügte, daß sich eine kleine Lawine vom Dach löste. Paul schrak leicht zusammen.
Karla kannte das Geräusch. Sie lachte. „Ein neues Spiel. Stell dir Erdbeeren vor. Nicht einfach so. In diesem Schnee. Das leicht bräunliche Grün der Blätter. Ein paar Blüten sind auch noch da. Ich glaube, die sind weißer als Schnee … Und außerdem eben Erdbeeren. Im Schnee.“ Sie holte tief Luft. „Jetzt du! Mach weiter!“
Er sagte nichts, griff auch nicht nach der Flasche, die sie ihm reichte. Aber so schnell gab sie nicht auf. „Es ist ganz leicht.“ Ihre Stimme war jetzt genau so, wie er sie liebte. „Kirschen in der Wüste, Eisschollen an einem Palmenstrand …“
Daß er noch immer nicht reagierte, nahm sie nur als Ansporn. Sie brachte immer noch mehr zusammen, was partout nicht zusammen gehörte. Bis endlich auch Himmel und Hölle eins waren. „Maiwald und ich, was hältst du davon?“
Wie dumm, ihn zu fragen! Keine Frage, sie hatte sich ganz und gar vergaloppiert. Sie kniff die Lippen zusammen, verärgert über sich selbst. Aber dann doch über ihn. Denn an wem sonst konnte es liegen, daß sie sich so vergaß? Einer wie er, das war das Letzte, was sie brauchte!
Doch er lag so nah bei ihr, und er hatte kein Wort gehört. Er schlief. Karla lauschte, er atmete, so sacht, wie der Schnee jetzt draußen wieder fiel. Sie sah ihn an, es dauerte lang, bis sich die vagen Umrisse seines Gesichts aus der Dunkelheit schälen ließen. Dann erst schloß auch Karla die Augen. Sein Atem war immer noch da. Ein Atem wie Schneefall, er streifte sie wie das Beben eines Libellenflügels. Wie die winzig kleinen Blüten der Schlehen, wenn ein Gewitterwind sie von den Ästen fegt, ein Rieseln, schwer von bitterem Honigduft. Ganz rasch schlief auch Karla ein, wie von selbst verschlangen sich ihre Arme, ihre Beine mit denen von Paul. Sie wollte nicht schlafen, sie hörte etwas, es schien eine Warnung zu sein. Aber noch lauter war das Geräusch, als ihr Kopf sich auf Pauls Brust schob. Ein berauschender Rhythmus, eine Lockung, unwiderstehlich, ihr Traum brachte mehr davon, sie schlief, sie träumte, unabhängig von ihrem Willen bahnten sich Verbindungen an. Was konnte sie dafür, daß alles Atmen, Schlafen, Träumen nur Paul war?

An einem Traum erwachte sie. Er war so schön – aber sie verdarb natürlich alles. Zumindest in diesem Traum. Sie war verliebt, war drauf und dran, es ihm zu sagen, was, sie wußte es, alles beenden würde, aber schon lagen ihr die Worte auf der Zunge, und nur gerade rechtzeitig noch wurde sie wach.
Es war nicht Paul, von dem ich geträumt hab, war ihr erster Gedanke. Sie lächelte, erleichtert, weil der verhängnisvolle Satz doch nicht ausgesprochen worden war, aber auch, weil das Gefühl aus dem Traum sie noch immer umfangen hielt. Ein wundervolles Gefühl … es hatte mit Füßen zu tun. Mit den Füßen des Mannes im Traum. Große Füße – in Wirklichkeit mochte sie das gar nicht. Aber in diesem Traum … ihre eigenen, viel kleineren Füße hatten sich an diese großen geschmiegt, darin ganz und gar Platz gefunden, banal, dachte sie jetzt, doch in diesem Traum … Ein unbeschreiblich gutes Gefühl. Und es hielt an. Und plötzlich begriff sie – Paul! Er hatte so große Füße! Und an nichts anderes als seine Füße schmiegten sich im Moment ihre eigenen …
Mit einem Schlag war sie hellwach, sprang aus dem Bett wie von der sprichwörtlichen Tarantel gestochen. Aber im Traum war es nicht Paul!, hielt sie sich noch einmal zur Beruhigung vor.
Es war kalt, der Ofen längst ausgegangen. Ein kaltes Licht stand auch vor dem Fenster, ein milchiges Weiß. Wir sind eingeschneit, stellte sie fest, ein Meter Neuschnee. Aber war das ein Grund für solche Panik? Sie tappste ins Bad, brachte zitternd vor Kälte eine Katzenwäsche hinter sich. Dann verkroch sie sich in einer Schicht aus drei Pullovern und begann, Feuer zu machen.

7. Kapitel

„Spinnst du jetzt?“
Viel hätte nicht gefehlt, und Karla hätte Paul aus dem Bett geschubst. Es war wieder jenes in der Remise, die Großstadt zeigte sich Ende Januar noch immer von ihrer schmuddlig-düsteren Seite. Nur wenige Stunden am Tag wurde es richtig hell, und bestimmt nur deswegen kam Paul manchmal bei ihr vorbei. Sex, nichts sonst, darauf hatten sie sich am Ende wieder verständigt, während der Rückfahrt. Die schneetrunkenen Tage dort im Dorf waren nichts, was fortzusetzen wäre. Wenn sie jetzt daran dachten, verschwammen diese Tage zu einer Insel in der Zeit, einer nur geträumten vermutlich.
Aber ganz ohne Worte ging das mit dem Sex mitunter eben auch nicht ab, und die Auflösung, in die sie sich gegenseitig versetzten, machte gesprächig.
Er versuchte noch immer, sie festzuhalten, sein Blick war verschleiert. Ihre Empörung verstand er erst nach und nach. „Tut mir leid, so hab ich das nicht gemeint.“
Sie hatte sich aufgesetzt, zitterte, sein Gemurmel noch immer im Ohr. Du bist die Frau, die ich schwängern möchte. Ja, das hatte er wirklich gesagt. Obwohl er wußte, daß das bei ihr nicht mehr ging, eine Operation im letzten Jahr, sie hatte nicht lang gezögert. Kinder, für sie war das nur eine vage Option gewesen, das wuchernde Ding in ihrem Bauch dagegen real. Und hatte die Entscheidung niemals bereut.
Jetzt aber vielleicht doch? Ihr dämmerte – das war zwar eine Kränkung, zugleich aber auch eine Liebeserklärung gewesen. Fragte sich nur, ob das besser war. Wollte sie das? Liebe! Um Sex sollte es hier doch gehen und um sonst gar nichts!
Sie schüttelte seine Arme ab, stand auf. Unerträglich still war es, als sei da nichts mehr auf der Welt außer ihr, diesem Mann und einer sehr vertrackten Geschichte. Sie ging zur Musikanlage, griff wahllos nach einer CD.
„Bitte, komm wieder zu mir“, bat er bei den ersten Takten. Nina Simone sang, „tomorrow is my turn, no more doubts, no more fears …” Eine Melodie wie eine Lawine, ausgelöst vom Flügelschlag einer Libelle, so sanft in ihrer Gewalt, selig von einem Glück, das doch erst noch bevorstand, und Nina Simones samtig zerkratzte Stimme, atemlos, wie lächelnd … Auch Paul setzte sich auf. „Ich hab es wirklich nicht so gemeint.“
„Um so schlimmer.“ Sie kroch wieder ins Bett. Es war immerhin ihres, auch wenn er darin lag, sie jetzt an sich zog und – gleich darauf schlief.
Sie sah ihn an, wieder einmal verblüfft darüber, daß Menschen gelegentlich auf die Idee kamen, sich einander so auszuliefern. Da half es wenig, es Sex zu nennen. Es endete immer im Chaos.
Sie wollte auch schlafen, doch es gelang ihr nicht. Statt dessen zog sie eine Art Bilanz. Noch war es möglich, aus Paul nicht mehr als eine flüchtige Episode zu machen. Für ihn sprach so gut wie nichts. Er war jünger als sie, fast sieben Jahre. Und mit seinen Ende zwanzig genau so verworren, wie man es heutzutage leicht mit Jugendlichkeit gleichsetzte. Dort im Haus im Schnee hatte er ihr manches erzählt, hatte fast kokettiert mit seiner Angst vor allem, was nach Verbindlichkeit aussah.
„Sprich nie davon, mit mir leben zu wollen“, hatte er sie gewarnt. Ohne jeden Grund, dergleichen hatte sie ja gar nicht vor. „Wenn eine Frau damit anfängt, lauf ich nämlich davon. Und tu ihr weh. Obwohl ich das gar nicht will …“
Aber was wollte er, wenn er jetzt doch davon sprach, Kinder zu zeugen? Weil er genau wußte, daß dies mit Karla nicht möglich war? Sie spürte noch immer die Kränkung, aber endlich doch auch etwas wie Wut. Sie sagte sich, daß er unreif sei, in keiner Hinsicht wisse, was er wollte. Bei ihm lief alles immer nur falsch. Studierte Architektur in einem Moment, als schon klar war, daß es mehr Architekten gab als Steine auf dieser Welt, die zusammenzufügen wären. Schlug sich mit kleinen Aufträgen durchs Leben, erteilt von reichen alternden Frauen, die ihre verblassenden Reize dadurch aufzumöbeln hofften, daß sie ihn in kostspielige Restaurants einluden. Und wenn gar nichts mehr ging, dann schwafelte er vom Kinderzeugen, klar, so was war schnell geschehen, und einem wie Paul reichte es aus als Ersatz für alles, was er nicht auf die Reihe brachte. Wenn seine Phantasie weiter nicht reichte, wenn er nicht mehr zu bieten hatte als dieses bißchen Potenz …
Sie griff nach der Weinflasche neben dem Bett, nach einem der Gläser. Schon jetzt war er älter als sie, Karla, jemals werden würde. So viel stand fest. Ein Zauderer, einer, der vor dem Leben immer nur auswich. Für den seine Zeit immer erst morgen kam, Nina Simone sang den Refrain noch einmal. Der Sex mit Liebe verwechselte und Liebe mit Sex, wie er es gerade brauchte. Und demnach von beidem nichts verstand.
„Also kein Mann für mich“, murmelte Karla. Der Wein schmeckte schal. Draußen wurde es noch immer nicht hell. Er schnarchte leise.
Sie ärgerte sich, jetzt über sich selbst. Immer dieselbe Blindheit! Ein netter, sehr normaler Mann, ohne Höhen und Tiefen, war ihr erster Eindruck von ihm gewesen. Ein bißchen langweilig vielleicht, aber doch auch … eine neue Erfahrung. Und um Liebe hatte es ja sowieso nie gehen sollen. Weshalb also war sie dann jetzt gekränkt? Er war nichts für sie.
„Also genau, was ich will.“ Sie lachte noch kurz über sich selbst, dann fielen auch ihr die Augen zu.
Es hatte schon was, wie fest er sie an sich zog, wie er im Schlaf alle Vorbehalte und Ängste vergaß. Kurz bevor sie wirklich einschlief, durchzuckte sie eine Erkenntnis.
Es ist unmöglich. Und genau deshalb will ich ihn. Meine alte Krankheit. Ich werde …

„Ich werde so langsam aber sicher verrückt.“
Dabei kam Karla bloß in ihre Wohnung zurück, nach einem anstrengenden Tag in der Hotelküche. Nach einem Streit mit Knoblich, wieder einmal, einem Espresso mit Maiwald. Der tat inzwischen so, als habe er ein Anrecht darauf, und Karla verfügte derzeit einfach nicht über die Energie, ihm seinen Irrtum klarzumachen.
Sie starrte auf den Tisch in ihrer Küche. Dort stand eine Tasse. Dabei war sie sicher, am Morgen alles vom Tisch geräumt zu haben. So wie gestern das Wasserglas neben dem Sofa. Und abends hatte es doch dort gestanden. Und hing nicht auch ein seltsamer Geruch in der Wohnung? Er gehörte eindeutig nicht zu ihr, auch nicht zu Paul. Der roch ziemlich gut, und das hier …
Karla riß mehrere Fenster auf, sah sich um. Es half nichts, daß sie sich verspottete, sich wie die sieben Zwerge zu benehmen. Denn genau solche Zwergenfragen überfielen sie jetzt immer, wenn sie ihre Wohnung betrat. Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen? Wer hat aus meinem Glas genippt? Sie schaute in allen Räumen nach, es war doch auch ein Vorteil, daß die Hauswartswohnung so klein war. Da war niemand.
„Ich rede mir das nur ein“, sagte sie laut. „Vielleicht hat es mit Paul zu tun. Ich hätte nie zulassen dürfen, daß er mir so dicht auf die Pelle rückt.“
Aber da lag ein Kissen auf dem Boden. Jemand hatte darauf gesessen. Oder seinen Kopf darauf gelegt. Sie nicht, und Paul auch nicht. Und sonst kam keiner in diese Wohnung.
„Aber es war doch jemand da!“ Karla flüsterte nur, es half alles nichts, sie hatte Angst. Und begann deshalb, die Wohnung sauber zu machen. Mitten in der Nacht.
„Und wenn ich morgen weg gehe“, sie hielt es wirklich für eine gute Idee, „spanne ich einen Faden. Direkt vor der Tür. Dann habe ich den Beweis. Und wahrscheinlich bilde ich mir sowieso alles nur ein …“
Natürlich dachte sie an die Angstzustände, von denen Paul ihr erzählt hatte. Bis vor kurzem hatten sie dafür gesorgt, daß er manchmal tagelang seine Wohnung nicht hatte verlassen können. Wobei ihn auch dort Panikanfälle heimgesucht hatten. Und nun, da er das überwunden hatte …
„Wäre typisch für mich, daß ich ihm so eine Macke abnehme. Verdammt noch mal, ich will ihn nicht!“
Ein Tee, und dann ab ins Bett. Oder doch ein Glas Rotwein? Beides war nicht im Kühlschrank zu finden. Wieso also machte sie ihn auf? Um das zu sehen? Das große Stück Käse, das dort heute morgen garantiert noch gelegen hatte – und jetzt nicht mehr?
„Aber wer bricht schon wegen Käse in eine Wohnung ein?“ hielt sie sich vor Augen. „Und dann so gekonnt, ohne jede Spur an der Tür.“
Vielleicht doch ein neues Schloß, eins mit allen Schikanen? Oder gleich eine andere Wohnung? Inzwischen verdiente sie ja nicht schlecht. Sie hatte es nicht mehr nötig, die Wächterin über die Mülleimer im Hof zu spielen.

Als das Telefon klingelte, war es fast schon Mittag und auch sonst alles wieder normal. Auch Karlas Stimme klang nicht mehr wie die eines kleinen Mädchens, das sich im Dunkeln verirrt hat.
„Ich hab jetzt rausgefunden, wer da Ansprüche auf dein Haus auf der Alb anmeldet.“ Pauls Stimme vibrierte vor Stolz.
Auf dem Amt dort im Dorf hatte Karla erfahren, daß ihr das Haus gar nicht so ohne weiteres gehöre. Sie müsse ihre Ansprüche auf den elterlichen Besitz beim Nachlaßgericht anmelden. Und hierfür sei ein Erbschein notwendig. Als sie ihn beantragte, hatte eine hämische Sekretärin angedeutet, wegen derselben Sache sei schon jemand hiergewesen. Genauere Auskünfte hatte sie verweigert, aber spitz bemerkt, es sei „auch keine von hier“. Und daß sie auch in Berlin lebe.
Paul hatte gelacht, als Karla sich deswegen aufregte. „Das find ich im Handumdrehen heraus! Wozu habe ich Kontakte?“
Er sprach von „Kontakten“ wie kleine Jungs über ihre komplette Sammlung von Comicfiguren. Karla hatte auf solch kindischen Größenwahn nichts gegeben. Für sie stand sowieso fest, daß niemand außer ihr Ansprüche auf das Haus hatte. Die Bruchbude, wie Paul sie nannte. Wer schon würde sich um so etwas reißen? Nur ein Mißverständnis konnte das sein, das Gericht würde das klären.
„Lina Sambeth heißt sie“, platzte er jetzt heraus. „Sagt dir der Name was?“
„Absolut nichts.“ Flüchtig mußte Karla an Knoblich denken, wie er ihren Namen mal als urschwäbisch erkannt hatte, genau wie seinen. Auf diesen hier traf das ebenfalls zu.
„Vielleicht eine Nachbarin?“ schlug Paul eifrig vor. „Sie könnte mit deinen Eltern im Streit gelegen haben, wegen was auch immer. Und will jetzt versuchen, auch dich da mit reinzuziehen. Dir Ärger machen, indem sie verhindert, daß du die Bruchbude los wirst. Du kannst nicht verkaufen, solang die Eigentumsfrage ungeklärt ist.“
„Sag nicht Bruchbude!“ Der Verweis war fast schon ein Ritual. „Immerhin hast du versprochen, dich um den Verkauf zu kümmern.“
„Aber das tue ich doch! Nun überleg doch mal, Lina Sambeth, vielleicht hast du den Namen ja doch schon mal gehört?“
„Nie!“ Karla hatte plötzlich keine Lust mehr, über das Haus zu reden und irgendwelche fremden Leute. Ein kaltes Licht fiel von draußen herein, ließ alles fremd werden. Auch Karla sich selbst. Etwas machte ihr die Kehle eng, Verlorenheit, Sehnsucht, ein großes Bedürfnis nach …
„Na gut, dann werde ich mich eben mit der Dame in Verbindung setzen.“ Paul lachte. „Vielleicht hast du ja eine verheimlichte Schwester. In den sieben Jahren, die dein Vater verschwunden war, könnte so manches passiert sein. Zur Not schalten wir noch einen Juristen ein. Wenn sie nicht hieb- und stichfest beweisen kann …“
Karla hörte nicht, was er sagte. Zu angestrengt versuchte sie, selbst gar nichts zu sagen. Und schon gar nicht – komm bitte zu mir, jetzt gleich. Wenn er nicht selbst darauf kam … Und überhaupt, was half ihr das schon, noch ein Tag, eine Nacht mit ihm? Nein, nicht noch ein Tag. Aber viele Tage und Nächte, einfach alle, die noch kamen … Die Gewißheit, er würde da sein, wenn sie nach Hause kam. Oder er wäre noch unterwegs, sie könnte sich schon schlafen legen und sicher sein – irgendwann kommt auch er. Dann würden sie reden miteinander oder auch nicht, so gut würden sie einander kennen, daß sie die wichtigsten Dinge sowieso wortlos verstünden. Und überhaupt …
„Ich wäre jetzt gern bei dir.“
Irgendwann sagte er es doch. Gerade in dem Moment, als sie sich ihrer Träumerei bewußt wurde und über sich selber erschrak. Hatte sie diesen Traum nicht längst abgehakt, als Albtraum?
„Karla, bist du noch dran? Ich wäre jetzt wirklich gern bei dir. Aber es geht leider nicht. Ich muß heute endlich die Abrechnung fertig machen. Egal, wie lang ich dran sitze, zur Not den ganzen Tag, die Nacht, bis morgen früh.“
„Dann wünsch ich viel Spaß beim Sitzen!“
„Wieso bist du jetzt böse? Versteh doch, ich tu mich schwer mit manchen Dingen. Ist das so schlimm?“
„Wenn, dann höchstens für dich.“ Ihre Stimme klang kalt.
Was ihn prompt ganz weich werden ließ. „Sprich nicht so. Uns verbindet doch so viel. Heute erst ist mir das klar geworden. Schon durch unsere Arbeit, da geht es doch in beiden Fällen um Sinnlichkeit, Genuß, die Freude an schönen Dingen …“
„Bei dir leider nur in der Theorie“, unterbrach sie bissig. „Nur auf dem Reißbrett, und weil das dein Beruf nun mal verlangt. Genau wie diese Abendessen in den Luxusschuppen, mit diesen aufgetakelten Schreckschrauben – Auftragsakquirierung, darum geht es dabei! Und nicht darum, wie köstlich oder auch miserabel eine Fischsuppe schmeckt. Von wirklichem Vergnügen hast du doch keine Ahnung!“
Sie ließ ihn nicht mehr zu Wort kommen. Als sie aufgelegt hatte, war ihre Wut leider schon wieder verflogen. Was ihn hatte treffen sollen, verschaffte ihr selbst Magendrücken. Das wurde nicht besser durch den starken Kaffee, den sie sich braute. Karla sagte sich, ihre Standpauke sei nur berechtigt gewesen. Diese Abrechnung war schon seit Tagen der Grund, daß er keine Zeit hatte. Eine Arbeit, die in ein, zwei Stunden zu erledigen war. Aber er schob sie immer vor sich her.
„Wie alles.“ Sie nippte am bitteren Kaffee. „Er ist einer, der sein ganzes Leben immer wieder verschiebt. Was soll ich mit so einem?“
Nicht einmal etwas so Simples wie einen Hausverkauf würde Paul zuwege bringen. Aber war das so schlimm? Dann verrottete das Haus dort eben weiter. Sie brauchte es nicht. Und diese Lina Sambeth, sollte sie ruhig Ansprüche anmelden. Solange sie nicht darauf einging, konnte nichts geschehen. Und um das Haus war es ja wirklich nicht schade.

Außerdem hatte sie anderes zu überlegen. Karla griff zu der Kladde mit den Familienrezepten. Zwischen Knoblich und ihr herrschte derzeit ein unerklärter Krieg. Obwohl Karla in der Küchenhierarchie noch immer weit unter ihm stand, fürchtete er um seine Position. Fast alles, so sah es aus, konnte sie besser als er. Selbst, wenn ihr etwas mißlang – sie machte dann einfach etwas anderes daraus und behauptete, genau dies gewollt zu haben. Frechheit siegt, nannte Oliver das, und er meinte es anerkennend. Und nicht nur der Jungkoch erkannte Karlas Talente.
Anfangs war es Karla gar nicht aufgefallen, dann hatte sie sich gesagt, solche Konkurrenz habe sie nicht nötig. Und dann doch irgendwie Vergnügen daran gefunden. Die Flaute, die überall in der Gastronomie herrschte, kam ihr dabei nur zustatten. Trüffel, Kaviar, Entenstopfleber, alles, womit einer wie Knoblich zum Starkoch geworden war, das war derzeit nicht mehr gefragt. Selbst wenn Leute noch Geld ausgaben für gutes Essen, taten sie, als könnten sie es sich im Grund nicht leisten. Und hielten die sogenannten einfachen Genüsse hoch, was immer sie darunter verstanden.
Karla jedenfalls verstand davon fraglos mehr als Knoblich. Manchmal hatte die Herkunft aus einfachen Verhältnissen doch etwas für sich. Und da war die Kladde, eine unerschöpfliche Fundgrube …
Nur eben nicht nur an Rezepten. Einige völlig verklebte Seiten kamen Karla unter die Finger. Ihre Fingernägel waren mal wieder sehr kurz, außerdem zitterte das Telefongespräch noch in ihr nach, und so entstand erst einmal nur ein Riß. Sie fluchte leise und erinnerte sich der Fleischnadel in der Schublade. Sonst nähte sie damit entbeinte und mit einer Farce gefüllte Wachteln wieder zu, aber auch ihrem Zweck entfremdet zeigte sie sich hilfreich. Ein weitere Tasse Kaffee später hatte Karla die verklebten Seiten geöffnet, ohne größeren Schaden verursacht zu haben. Drei Blätter waren es, die vermutlich dank Zucker, Fett und viel Zeit eine Einheit eingegangen waren, die in sich vier beschriebene Seiten verbarg.
Auf den ersten drei Seiten erkannte Karla eindeutig die Handschrift ihrer Großmutter. Eher eine Schön- denn eine Handschrift, wie die einer übereifrigen Schülerin. Geradezu peinlich war in dieser Schrift alles vermieden, was auf Eigenes hinweisen könnte, ein übermäßig glattes Bild entstand dabei.
Bloß eines, das Karla dennoch kaum entziffern konnte. Denn es war Altdeutsch. Nur Eigennamen, die von Orten ebenso wie die von Personen, waren in Druckschrift notiert, unbeholfen, aber lesbar. Und ziemlich uninteressant. Karla konnte sich anhand all der Namen leicht zusammenreimen, was da stand, sie kannte die Geschichte ihrer Großmutter gut genug, die Vertreibung, die kümmerlichen Anfänge im Nachkriegswesten, dann die Bekanntschaft mit jenem Mann, der im Dorf genau so verschrien war wie die Flüchtlinge. Vielleicht fanden sie deshalb so schnell zu einander und heirateten. Vielleicht lag es auch daran, daß er Koch war, und zwar ein guter. Nicht so gut wie sein Vater, der sogar für den Kaiser gekocht hatte, aber immerhin. Sie wußte das zu schätzen, und er die Neuerungen, die sie aus ihrer österreichisch-ungarischen Vergangenheit beizusteuern hatte.
Das Gerede über ihn schien ihr nichts auszumachen, schließlich wurde über sie auch getuschelt, eine Spionin sei sie, für den Ostblock. Als es Karla zu Ohren gekommen war, fand sie das aufregend. Aber da war der kalte Krieg schon fast vorbei, und ihre Großmutter bestätigte die Gerüchte höchstens, indem sie hartnäckig schwieg. Wie zuvor auch ihr Mann, von dem damals manche behauptet hatten, er habe vor kurzem noch für Nazigrößen gekocht und sei daher in vieles eingeweiht gewesen, was alle anderen erst erfahren haben wollten, als alles längst zu spät war. Andere wieder wußten, daß er diese Nähe genützt habe, und zwar zu Verrat, von Kontakten zum Widerstand war die Rede. Was ihm aber keineswegs mehr Achtung eintrug, im Gegenteil. Gegen ihn sprach in aller Augen, daß er „damals, in der schlimmen Zeit“ – die lag da erst wenige Jahre zurück – überhaupt etwas getan und gewußt hatte. Im Unterschied zu den anderen im Dorf, die einfach keine Wahl gehabt hatten, ihrer Pflicht nachgekommen, hinters Licht geführt worden waren und wie sonst noch die Floskeln lauteten, mit denen man sich gegenseitig aus den mehr oder weniger braunen Westen half.
Karla überflog diese Zeilen ohne großes Interesse. Von ihrem Großonkel war auch einmal die Rede, ein Genie an den Herden der Küchen in aller Welt und leider, ihre Großmutter hatte es lebenslang beklagt, auch ein Held bei den Frauen und nur deshalb nicht so berühmt geworden, wie es ihm zustand. Und ihr, der Großmutter, natürlich auch. Denn der Mann, den sie geheiratet hatte, wurde als Gastwirt nicht akzeptiert, so wenig wie sie. Den kümmerlichen Erfolg der Gastwirtschaft im Dorf begründete sie jedenfalls mit dem Neid der Dörfler. Und wenn Karla fragte, worauf die denn neidisch hätten sein können, klappte ihre Großmutter Mund und Augen zu, überhaupt das ganze Gesicht. So hatte Karla sich früh daran gewöhnt, daß es da wohl doch eine Vergangenheit gab, aufregender als die Gegenwart, und oft genug hatte sie das Träumen davon über das öde Einerlei der dörflichen Tage hinweg getröstet. Aber das war früher gewesen, als sie noch träumte …
Aber was war das? Nur Zahlen und Buchstabenkürzel auf der vierten Seite, und eindeutig in der unbeholfenen Handschrift ihrer Mutter. Nach einigem Grübeln begriff Karla – die Zahlen waren Daten, sie begannen mit jenem Jahr, in dem ihr Vater verschwunden war. Doch was besagten die Buchstaben daneben, die Ausrufezeichen, Fragezeichen, immer wieder auch ein Herz, von einem Pfeil durchbohrt, Sternchen, hilflos gekritzelte Blümchen.
„Peinlich“, murmelte Karla betroffen. „So sieht das Tagebuch einer Zwölfjährigen aus. Die glaubt, Weltbewegendes zu erleben und es verschlüsseln zu müssen. Dabei interessiert sich für solchen Herzschmerzunsinn kein Mensch!“
Und so was war nun die eigene Mutter. Karla bediente sich an einer halb geleerten Flache Rotwein, um den bitteren Kaffeegeschmack loszuwerden. Und wieder einmal gab sie ihrem Vater Recht. Solch eine Frau mußte man ganz einfach verlassen! Er habe sich mit Terroristen eingelassen, hatte Karla mal irgendwo aufgeschnappt. Vorstellen konnte sie sich das nicht. Aber immerhin, irgend etwas mußte ja geschehen sein in dieser Zeit. Vage erinnerte sich Karla an Fotos, sie hingen damals überall. Gesucht, stand darüber. Aber das Gesicht ihres Vaters war nicht dabei gewesen. Blieb nur zu hoffen, daß er in den sieben Jahren ohne seine Frau auch wirklich gelebt hatte. Wogegen allerdings seine Rückkehr sprach … Genau besehen taugte leider auch so ein Vater kein bißchen zum Helden.
Karla wollte die Kladde schon schließen, Krümeliges fiel ihr dabei in die Hand. Und dann war da ein Geruch nach Lorbeer. Krümel nur noch, aber noch immer voll Duft. Wieso trieb ihr das jetzt die Tränen in die Augen? Sie ahnte, von welcher Seite Krümel und Duft stammten. An das Familienrezept hatte sie sich seit damals nie wieder gewagt. Und als sie die Seite nun aufschlug –
„Verlobung Karlas!“ hatte ihre Mutter oben drüber geschrieben. Auch ein Herzchen fehlte nicht.
Und von dem Pfeil, der es bald durchbohren sollte, ihr eigenes Herz, um mal für einen Moment in der Sprache ihrer Mutter zu bleiben – von dem hatte Karla ja damals auch noch nichts geahnt.
„Und heute ist das kein Grund mehr zum Heulen!“ Sie zog die Nase hoch und die Stirn kraus. Denn wenn sie es genau bedachte – das Rezept selbst, das hatte schon etwas. Vielleicht genau das, womit sie Knoblich so richtig beeindrucken konnte. Und die anderen natürlich auch. Und natürlich, sie würde sich nicht sklavisch an sämtliche Angaben halten, im Gegenteil, neue Zutaten, andere Methoden der Zubereitung, und vor allem – zu einem ganz anderen Zweck gekocht! Wirklich professionell diesmal, die allseits gefragte Rückkehr zu den guten, einfachen Dingen, aber mit Raffinesse, mit Witz!
Karla schnappte sich einen Zettel, sie notierte sich, was sie brauchte, erwog auch bereits Variationen, Rotwein und Lorbeerduft waren dabei eine Hilfe. Sie stöberte in anderen Rezepten, schlug in Kochbüchern nach, ganz allmählich entstand auf ihrer Zunge der Geschmack, den sie herbeikochen wollte. Der Nachmittag verging darüber, auch der Abend, und der Tag nahm sehr spät nachts doch noch einen ganz guten Schluß.

„Das war mal wieder einsame Spitze!“ Mit einem Glas Whisky kam Johannes Maiwald an den Tresen des Jazzclubs.
Dort leerte Karla durstig ein Glas Bier. Sie war verschwitzt, wie immer nach einem Auftritt. Und diesmal hatte sie sich bei einer Improvisation so weit hinreißen lassen, daß ihr Auftritt doppelt so lang gedauert hatte wie geplant.
Was ihr keiner verübelte. Denn tatsächlich hatte ihr Namen unter Kennern jetzt schon einen gewissen Klang, Charly räumte ihr regelmäßig Auftrittsmöglichkeiten ein. Und das Honorar hatte er längst erhöht.
„Stört es dich, wenn ich mich zu dir setze?“ Vor einiger Zeit schon war Johannes zu Du und Vornamen übergegangen, wie es nun mal in solchen Clubs üblich war. Er versäumte kaum einen Auftritt von Karla, sie hatte sich schon richtig daran gewöhnt. Meist saß er links, ganz vorn, und von Musik schien er doch einiges zu verstehen.
„Mir ist schon klar, ein Lob von mir bedeutet nicht viel.“ Er zog sich den Barhocker heran.
Karla gab dem Mann hinterm Tresen ein Zeichen, sie brauchte dringend noch ein Bier. Noch hatte sie nicht ganz und gar aus der Musik zurückgefunden in diese schummrige Wirklichkeit, sie mochte diesen Zustand ganz gern.
„Aber so, wie du dieses Motiv verwandelt hast, diese ewig bekannte Phrase von Miles Davis … ich hätte weinen können.“
Zum Glück tat er es nicht, wie Karla bei einem flüchtigen Blick überprüfte. Und was er dann noch zu sagen hatte über ihr Spiel, das war gar nicht übel.
„Trinkst du auch was anderes als Bier?“ Er wies auf sein Whiskyglas und lächelte Karla dabei an.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, im Moment nicht.“
„Gut, dann nehm ich eben dasselbe wie du.“ Er lachte ungewohnt ungezwungen, was ihm gut stand. Bis das Bier vor ihm stand, schwieg er.
Karla summte, ohne es zu merken, jenes in der Geschichte des Jazz so wichtige Motiv vor sich hin. Und er merkte womöglich auch nicht, wie er den Takt dazu auf den Tresen zu trommeln begann, mit sehr geschickten, feingliedrigen Händen.
Schließlich stachen diese Hände Karla in die Augen. Sie verstummte.
„Tut mir leid, ich hab gar nicht gemerkt, was ich tu.“ Am Bierglas fanden seine Hände jetzt Halt. „Und da wir schon dabei sind …“
Er begann von Südfrankreich zu reden. So, als sei das die ganze Zeit schon das Thema gewesen. Daß er dort ein Haus besitze, einen Weinberg dazu. Und daß es ihn schon lange verlocke, dort einmal selbst etwas auf die Beine zu stellen. In diesem Haus lasse sich auch leicht ein Musikstudio einbauen, so richtig professionell, mit allen Schikanen. Auch kenne er einen Plattenproduzenten, wirklich wahr, er sage das nicht nur so. Kochen, das könnten immer mehr Menschen. Aber so das Saxophon blasen … Es müsse einfach etwas geschehen, damit Karla ihr Talent nicht noch länger vergeude. Und auch auf ihn treffe das zu, in gewisser Weise. Wenn er natürlich auch nicht sicher sein könne, wirklich das Zeug zum Winzer zu haben. Aber er spüre, es sei Zeit, jetzt oder nie.
„Ich weiß genau, wie ihr im Hotel über mich redet!“ Er leerte das Bierglas in einem Zug, bestellte noch einmal. „Den Sohn nennt ihr mich. Und ihr habt ja völlig recht damit, nichts anderes war ich bislang. Aber damit ist jetzt Schluß. Dann jedenfalls, wenn du mitkommst. Karla, sag nicht gleich nein, überleg es dir gut, und ich rede ja auch gar nicht von Liebe …“
„Danke übrigens, daß du mit den albernen Briefchen Schluß gemacht hast“, fiel Karla ihm da zum ersten Mal ins Wort. In denen war immer und ausschließlich von Liebe die Rede gewesen, in abgegriffenen, zuckrigen Worten.
„Ja, das war peinlich“, stimmte er zu. „Ich hab gedacht … Ach, gar nichts. Mir ist nur nichts Besseres eingefallen. Denn gefallen hast du mir gleich. Bitte, vergiß es. Und denk über das andere nach. Ich nie wieder Sohn, du nie mehr am Herd. Das möchtest du doch. Dafür eine Karriere als Jazzmusikerin. Du hast das Zeug dazu, ich das nötige Geld, und weit weg von hier, in Südfrankreich …“
Südfrankreich, das war es vermutlich, was Karla nun doch wieder zuhören ließ. Und sie zum Träumen brachte, vielleicht gar nicht viel anders als Johannes. Denn diese Landschaft im Süden hatte stets einen ganz besonderen Reiz für sie gehabt, genau die richtige Mischung aus fremd und vertraut. Eine Landschaft aus Gerüchen und Farben und Licht und für Karla immer auch getränkt mit Musik.
„Südfrankreich als Basis“, geriet Johannes immer mehr ins Schwärmen. „Und von dort aus erobern wir die Welt. Dort verkriechen wir uns auch wieder, wenn uns danach ist. Dort …“
„… lebt es sich wie von selbst“, hörte Karla sich sagen. Sie fand, daß er das Wort wir eindeutig zu oft aussprach.
Er nickte, sah sie an. Sehr jung sah er aus, aber dabei kein bißchen wie ein Sohn.
Keine Küche mehr, dachte Karla. Keine alberne Konkurrenz mit Knoblich. Keine Hauswartswohnung, kein Pluntke. Auch kein Paul, der immer alles auf morgen verschiebt. Und auch keine Bruchbude mehr auf der Alb, keine kleinlichen Streitigkeiten. Keine Liebe, wenn es geht, auch kein Sex. Nur Leben, Arbeit, Musik. Und wenn Johannes den passenden Wein dazu macht …
An irgendeiner Stelle hatte sie wohl begonnen, all das und noch mehr laut auszusprechen. Wie ein Rausch kam es über sie, fast so wie vorhin, auf der Bühne, und die Rolle der Band, die übernahm nun Johannes. Er unterlegte ihr sirrendes Solo mit kräftigen Baßtönen, wußte Nuancen zu setzen, Kontraste, verleitete sie zu Steigerungen, zu mehr Tempo. Und dann doch auch zu einem Whisky, zu einem zweiten, einem dritten. Sie steckten die Köpfe sehr eng zusammen, tuschelten, lachten. Eine ganze Welt entstand ihnen neu.
„Hey, Karla, können wir nun?“ Charly kam aus einem Hinterzimmer. Für Johannes hatte er keinen Blick. „Du hast es doch hoffentlich nicht vergessen, ich brauch mal wieder ein Bett für die Nacht. Du warst übrigens richtig gut, Süße, immer mehr andere Clubs fragen jetzt an, ob du nicht ….“
„Zieh Leine!“ Karla lehnte den schweren Kopf an Johannes’ Schulter.
„Was denn, ich kann nicht bei dir …“
„Nein, kannst du nicht.“
Falls Johannes sich bei ihrer ruppigen Absage Hoffnungen machte, laut werden ließ er sie nicht. Und das war sein Glück. Sonst wäre Karla auf der Stelle nüchtern geworden. So aber verließ sie das Lokal bald, mit ihm zusammen, die kalte Januarnacht hielt sie nicht von einem Spaziergang ab.

Der Rausch verflüchtigte sich in einem Kater. Aber nur, so weit es den Alkohol betraf. Alles andere erschien Karla auch am nächsten Morgen noch reizvoll.
„Wenn er wirklich Wort hält und nicht alles bloß Wortgeklingel war, bin ich dabei.“ Erst glaubte Karla an einen Irrtum. Doch da kroch wirklich ein Sonnenstrahl durchs schmutzige Fenster. Ob tatsächlich auch so ein Großstadtwinter mal ein Ende nahm?
Sie spülte die Kopfschmerzen mit starkem Kaffee weg, einer kalten Dusche. Ihre Entschlossenheit, ihr Leben zu ändern, und zwar sofort, wuchs. Womöglich ja nur, um es Paul endlich einmal zu zeigen. Verdammt, wieso rief der nicht an? Sie hätte ihm gern erzählt von ihren neuen Plänen.
Aber das war kindisch. Sie tat das ja nicht seinetwegen. Seinetwegen hätte sie höchstens ums Haar übersehen, was in Johannes wirklich steckte! Wobei, ganz ausschließen durfte sie die Möglichkeit nicht, daß sie sich in ihm täuschte. Daß es nur die Mischung aus Musik, Bier und Whisky gewesen war, eine gewisse Neigung zum Prahlen, versetzt mit romantischen Hoffnungen …
„Hör auf, dir schon wieder alles selbst schlecht zu reden!“ ermahnte sie ihr Spiegelbild. „Warte einfach ab, in aller Ruhe. Schließlich hat er versprochen, erste Schritte einzuleiten. Ich werde früh genug sehen, ob das mehr war als Schaumschlägerei. Und bis dahin …“
Bis dahin war Zeit, an ihrer Neufassung des Familienrezepts zu arbeiten. Es mußte besser werden als alles, was sie jemals gekocht hatte. Denn sie wollte die Luxusküche und Knoblich verlassen, aber mit einem Paukenschlag als Finale. Einmal rücksichtslos zeigen, wie gut sie war, einmal noch nach diesem Rezept kochen, und dann nie wieder. Und wozu hatte sie heute ihren freien Tag? Wozu in den letzten Tagen endlich alles eingekauft, was sie brauchte?
Auf dem Weg in die Küche fiel ihr Blick zur Wohnungstür. Den Faden dort spannte sie jetzt immer, wenn sie ging. Und wenn sie kam, war er straff. Daß er heute zerrissen war, lag einzig an ihr. Sie erinnerte sich, wie sie vor gar nicht so vielen Stunden hier herein gestolpert war und gleich darauf ins Bett.
„War ja auch eine Schnapsidee, wer sollte hier einbrechen!“
Die abgedeckte Schüssel mit der Marinade und darin das Fleisch stand auf dem Fensterbrett in der Küche. Gleich, als Karla sie in die Hand nahm, spürte sie – das war zu wenig Gewicht! Plötzlich waren ihre Kopfschmerzen wieder da, ein Frösteln durchlief sie. Unfähig zu jeder Bewegung, starrte sie auf die Schüssel.
„Das kann nicht sein. Gestern Abend war das Fleisch noch da drin, ich habe noch mehr Wein angegossen.“ Es klang wie eine Beschwörung. „Und seit gestern Abend war niemand in dieser Küche außer mir. Fenster, Tür, alles geschlossen. Wie sollte da …“
Ruckartig entfernte sie den Deckel. Sah Zwiebelringe, Lorbeerblätter, Körner von Koriander und anderem in der goldgelben Mischung aus besten Ölen und Weißwein. Nur der Fleischklumpen fehlte. Der Deckel schlug klirrend auf dem Boden auf.
Sie setzte erst die Schüssel auf dem Tisch ab, dann sich selbst auf den Stuhl davor. Sie fror, zitterte, bekam keine Luft.
Gestern hatte es einen ähnlichen Vorfall gegeben. Da waren die Rosinen verschwunden gewesen. Und vorgestern die Pinienkerne. Sie hatte alles daran gesetzt, um sich das als Vergeßlichkeit anzukreiden. Auch wenn sie sicher gewesen war, Rosinen ebenso besorgt zu haben wie Pinien. Nun aber, angesichts des fehlenden Klumpen Fleischs, halfen Selbstbezichtigungen nicht weiter.
„Jemand war hier, in meiner Wohnung. Immer ist er hier, wenn ich nicht da bin. Aber wer? Und weshalb?“
Paul hatte ihr einmal genau beschrieben, wie das war, wenn man eine Panikattacke bekam. Und genau dieselben Symptome verspürte Karla jetzt. Herzrasen, Schweißausbrüche, die Gewißheit, auf der Stelle zu sterben. Und der Inhalt der Schüssel, er entwickelte etwas wie Eigenleben, nicht Zwiebeln, Blätter und Körner, eklige Tiere ringelten sich dort.
„Ich werde verrückt!“ Karla sprang auf, suchte ihr Handy. Nur einer konnte, mußte ihr jetzt helfen. Aber Paul nahm nicht ab!
Statt dessen entdeckte sie eine SMS von ihm. „Muß dringend verreisen, nach Polen. Ganz großes Projekt! Mach’s gut, bis bald …“
„Ausgerechnet jetzt, wo ich dich brauche!“ Ein plötzlicher Zorn brachte sie fast wieder zur Vernunft.
Aber dann quietschte im Zimmer drüben die Schranktür. Von allein ging die doch nicht auf! Die in Resten noch vorhandene Wut auf Paul gab Karla den Mut, in das Zimmer zu gehen. Ja, die Schranktür stand weit offen, und davor, auf dem Boden, beulte sich ein Knäuel aus schmutzigen Kleidern, ein filziger Haarschopf.
„Dumm gelaufen.“ Alikan rappelte sich verlegen auf. „Irgendwie bin ich eingeschlafen im Schrank. Und es hätt ja auch sein können, daß du schon wieder gegangen bist.“
„Du … hast dich hier einquartiert?“
„Ein was? Ich schlaf hier bloß manchmal. Und esse ein bißchen was. Weil ich gedacht hab, das stört doch keinen, wenn du nicht da bist. Und draußen ist es so kalt.“
„Kalt“, echote Karla. „Und du ißt hier … auch rohes Fleisch?“
„Ach so, das.“ Alikan spielte mit dem einzigen Knopf an seiner Jacke. „Missis Feelgood hatte auch Hunger.“
„Missis wer?“ Karla sah vor sich, wie sich ihre Wohnung mit den Plastiktütenmenschen füllte, wann immer sie sie verließ.
„Ich kenn sie nicht so gut, sie gehört einem Kumpel. Der hat sich ein Bein gebrochen und liegt jetzt im Krankenhaus. Und es ist ja auch nur ein ganz kleiner Hund.“
„Ein Hund? Hier?“ Ein struppiges, von Flöhen und womöglich Schlimmerem befallenes Vieh vor Augen, begann Karla sich zu kratzen.
Alikan schüttelte den Kopf. „Missis Feelgood bleibt nirgends lang. Und nachdem sie ja das Fleisch gekriegt hat …“
Karla wollte nicht glauben, was sie hörte und sah. Und explodierte. „Raus hier! Sofort! Und laß dich bloß nie wieder blicken. Sonst …“
Sie packte ihn am Arm, er sträubte sich nicht, als sie ihn den Flur entlang bugsierte, zur Tür hinaus.
Alikan tat ihr auch nicht leid, als sie hörte, daß er auf dem Hof Pluntke begegnete. Und von dem gleich noch mal angebrüllt wurde. „Verschwinde hier, sonst hol ich die Polizei!“

Danach aber hielt Karla es in der Wohnung auch nicht mehr aus. Sie nahm sich vor, die zwei, drei besseren Fleischer der Stadt abzuklappern – vielleicht bekam sie ja Ersatz für das Fleisch, mit dem ein schmutziger kleiner Junge einen widerlichen Hund gefüttert hatte. Aber natürlich, so etwas war nur auf Vorbestellung zu haben. Als auch der dritte Fleischer bedauernd den Kopf schüttelte, verließ sie den Laden mit einem Kloß in der Kehle. Ihr war, als sei ihr alles abhanden gekommen mit diesem Stück Fleisch. Als sei dieser Tag einfach überflüssig geworden. Und sie gleich mit.
Sie ging, blind für die Stadt, für den gläsern klaren Himmel des Januarnachmittags. Sie ging, als sei es möglich, dem Tag davonzulaufen, sich selbst. Sie merkte kaum, wie sie die Bezirke wechselte, von Schöneberg nach Neukölln, nach Kreuzberg, nach Treptow. Im Osten war es schon dunkel, grünlich-orange schimmerte das Blau am westlichen Himmel. Sie ging, weil sonst nichts ging. Als es völlig nacht war und sie in Mitte, spürte sie ihre Beine nicht mehr. In einem der vielen Cafés, in dem immer nur gut gelaunte Menschen so taten, als seien sie sämtlich Statisten für einem Film über New York, trank sie drei Espresso nacheinander. Ihr wurde übel, aber das war immerhin etwas. Eine Weile hörte sie den Gesprächen an den Nebentischen zu, natürlich ging es überall um ganz große Projekte, und alle redeten, als hätten sie ihren Text perfekt gelernt.
„Nicht nur um Sex, nein, vermutlich geht es doch auch um Liebe.“ Die Frau rauchte ihre Zigarette mit einer mattrot schimmernden Spitze. „Nur …“
„Nur daß daran nichts jemals eindeutig sein kann, du verstehst!“ Der Mann, ergraut, lässig, Typ ewiger Philosophiestudent, bestimmt verdiente er sein Geld als Taxifahrer, drehte seine Zigaretten mit nikotingelben Fingern selbst. „Aber …“
„Aber so bleibt es nicht aus, daß sie viele Möglichkeiten finden um zu verneinen, was sie verbindet.“ Ein sehr junges, ernst drein blickendes Mädchen blätterte in einem dicken Stapel Notizen, der Mann ihr gegenüber starrte ihr interessiert in die nachlässig geschlossene Bluse. „Du mußt dir die beiden ganz naiv denken, sie scheitern natürlich. Nimm einmal an …“
Nahm man all das Wortgeklingel zusammen, den riesigen Raum, über dem in regelmäßigen Abständen die S-Bahn hinwegdonnerte – alles perfekt für den Beginn von Romanzen, die all diese Leute mit sich selbst einzugehen entschlossen waren. Autisten, deren letztes Wort stets aus einer Einschränkung bestand. Und natürlich auch gar kein letztes Wort war, das ging ja weiter, pausenlos, Tag für Tag, nicht nur in diesem Café.
Als Karla ging, war ihr sehr flau im Magen, noch immer wußte sie nicht, wohin mit sich. Blieb die Zeit heute stehen? Fast alle Geschäfte hatten noch offen. Dabei war bloß, ein Plakat verriet es ihr, „lange Nacht des Shoppings“, ein Touristenpulk riß sie mit in eines der Warenhäuser. Muffige Wärme lullte Karla ein, sie ließ sich treiben, und als sie wieder auf die Straße hinausgespült wurde, trug auch sie eine Plastiktüte. Kinderklamotten befanden sich darin.
Warum und wozu sie die gekauft hatte, wußte sie nicht, nicht einmal wann und wie das passiert war, und sie wußte auch nicht, wohin mit sich. Nach Hause jedenfalls nicht. Aber Mitte war so voller Menschen, da kam es auf einen mehr nicht an. Sie fiel keinem auf, so wenig, daß sie immer wieder angerempelt wurde. Vielleicht gab es sie im Moment ja wirklich nicht, die Vorstellung war tröstlich. So kam es nicht darauf an, was sie tat. Und wenig genug war nötig, immer nur einen Fuß vor den anderen. Mit überkreuzten Armen hielt sie sich an den Schultern fest, die Kaufhaustüte gegen die Brust gepreßt. Nicht, weil sie fror. Aber das machte sie massiver, größer. Ausreichend sogar für den Alexanderplatz, dessen reklamebunt gesäumte Leere. Und die Gruppe von Touristen, die einer Gestalt mit grellgelb hochgehaltenem Regenschirm folgte –
Nein, das sind keine Touristen. Es ist ja auch ein ganz anderer Platz, groß wie dieser hier nur für ein kleines Mädchen, das Angst hat. Angst vor denen, die immer näher kommen, sie feixen, grölen, verbinden sich in Spott.
„Hexenbastard!“
„Spuck dir in die eigne Suppe!“
„Giftmischerin!“
Es sind ganz viele, alle aus dem Dorf, alle gegen sie, sie zeigen mit dem Finger auf sie, haben sich die Schulranzen vor die Bäuche geschnallt, Kampfpanzer.
„Erzähl uns, wo er ist, dein Vater!“
„Sag doch, was hat ihm deine Mutter ins Essen gestreut?“
„Hat sie das Rezept von deiner Oma? Der ihr Mann ist ja auch verschwunden, und keiner weiß …“
„Wen wirst du mal vergiften, sag!“
Das kleine Mädchen stand ganz still, für Wirbel sorgten die anderen schon, rasend schnell drehten sie sich um ihr Opfer, rasend schnell geriet auch die Welt aus dem Takt –
Aber nein, das waren doch nur Touristen, japanische, so viele Fotoapparate wie Menschen, und alle schossen jetzt fast gleichzeitig Blitze in die Nacht, nein, nicht auf Karla, an ihr vorbei. Der Fernsehturm war ein dankbares Motiv.
In der Schönhauser Allee erklärte sich Karla alles mit Hunger. Und wenn sogar Knoblich gelegentlich von einer Currywurst schwärmte – einen Versuch war es wert.
„Rot-weiß? Mit Fritten?“
Sie nickte, auch wenn sie nicht wußte, wonach da gefragt wurde, stellte sich, den Pappteller in der Hand, wie die anderen, den Rücken gebeugt. Sie aß schnell, ohne hinzusehen.
Noch schneller wurde ihr schlecht, richtig übel. Ihr Magen revoltierte gegen die Mischung aus Kaffee, Fett und Zucker, er hob und senkte sich, trieb Karla auf ein Stück Brachland. Oder war es doch ein Park? Ihr war es egal, solange bloß niemand zusah, wie sie sich übergab. Als sie den Kopf wieder hob, ragte ganz in der Nähe der Fernsehturm in die wolkige Nacht, auch Musik hörte sie. Die Hackeschen Höfe mußten ganz nah sein.
Ganz langsam fand ihr Magen wieder auf seinen Platz zurück. Karlas Beine zitterten leicht. Weil sie fror, zog sie sich die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf.
„Na endlich! Wo bleibst du so lang!“
Sie sah nicht, wer sprach, es war ein Zischeln, nicht mal zu unterscheiden, ob es von einem Mann oder einer Frau kam.
„Punkt zehn, das war abgemacht. Jetzt aber ist es schon …“ Die Gestalt kam näher, Hut und Regenmantel, teure Schuhe. „Gib mir die Tasche! Ich will sehen, was drin ist. Glaub bloß nicht, ich kauf die Katze im Sack!“
„Sie verwechseln mich mit jemandem“, brachte Karla matt über die Lippen. „In der Tüte ist nichts für Sie, und ich …“
Weg hier, schnell, ermahnte sie sich. Aber ihre Beine zitterten noch immer. Und dann war da noch eine Gestalt, und noch eine, beide in Jeans und Parka, und ihre Fäuste flogen so schnell auf Karla zu, daß sie gar nichts mehr sagen konnte. Noch als sie zu Boden ging, versuchte sie die Plastiktüte festzuhalten, was drin war, wußte sie im Moment selber nicht mehr. Wichtig war nur – nicht loslassen, nicht auch noch die Tüte …
Dann wurde ihr schwarz vor Augen, in ihrem Mund schmeckte es nach Eisen.

„Karla, bist du das?“
Es war Hanne, aus der Wohnung ganz oben im Vorderhaus. Inzwischen lebte sie dort allein, die getönte Brille hatte sie auch nach dem Auszug des Mannes, mit dem sie kurzfristig so ideal ein Paar abgegeben hatte, noch eine Weile getragen – aber nur noch, damit man ihre verheulten Augen nicht sah. Inzwischen hatte sie ihre Sonnenbrille wie ihren Kummer entsorgt.
„Was ist denn mit dir passiert?“
Karla wußte es auch nicht. Sie hatte sich zur Haltestelle einer Trambahn geschleppt, die zerrissene Plastiktüte fest an sich gepreßt.
„Und was schleppst du da mit dir herum?“
Wie Hanne betrachtete jetzt auch Karla, was aus dem Plastik heraushing. Ein grasgrünes Kindersweatshirt, mit irgendeinem quietschbunten Aufdruck. Karla leckte sich über die Lippen, es schmeckte nach Blut.
„Ich glaube, ich bin zusammengeschlagen worden. Frag mich nicht warum … Wie spät ist es?“
„Elf vorbei. Ich war hier in der Nähe … bei einem Freund. Und wollte mir jetzt ein Taxi rufen.“ Hanne besah sich die Wunde an Karlas Lippe genauer. „Schlimm ist es wohl nicht.“
„Die müssen mich mit jemand verwechselt haben“, fiel Karla allmählich immer mehr ein. „Und diese Tüte … bestimmt dachten die, da wäre Stoff drin.“ Sie begann zu kichern. „Direkt komisch! Die haben mich mit einem Dealer verwechselt … Ich hab schrecklichen Hunger.“
Hanne trug gleich mehrere Tüten, alles Designernamen. Sie verdiente gut, wenn auch mit etwas, worüber jeder nur abschätzig grinste. Ihr war es egal, solange die Groschenromane, die sie verfaßte wie am Fließband, ihr solche Klamotten erlaubten, die teure Wohnung.
„Essen, ja!“ überkam es Karla wie eine Erleuchtung. Ihr Magen begann zu knurren und half ihr zurück in die Welt, in diesen Tag.
Hanne kannte sich gut aus in dieser Stadt, sie lebte schon ewig hier, und jetzt lotste sie Karla zu einem indischen Restaurant. „Wenn du wirklich Hunger hast, muß es was Ordentliches sein“, erklärte sie bestimmt.
Alle Restaurants, die derzeit aufmachten, waren indisch, wie ein paar Jahre zuvor asiatisch. Dies hier lag direkt an der Spree, als sich die beiden Frauen an einen Tisch am Fenster setzten, fuhr eben ein Schiff vorbei, mit Lichtergirlanden dekoriert wie ein Weihnachtsbaum. Aber es gefiel Karla, wie das Glitzerding draußen vorbei glitt, und sie überließ es Hanne, das Essen auszusuchen. Bestimmt sah sie genau, wie mies es ihr ging. Aber zum Glück war sie taktvoll genug, es nicht anzusprechen.
„Ich geh erst mal aufs Klo.“ Karla hatte das Gefühl, sie müsse sich etwas zurechtmachen. Neben Hanne sah sie garantiert fürchterlich aus.
Sie untersuchte ihre Lippe vor einem nicht sehr sauberen Spiegel. Eine Platzwunde, bereits verkrustet. Wenn sie da mit etwas Lippenstift drüber ging, und mit beiden Händen durch die Haare … Sie wusch sich dann auch noch die Hände, die Seife roch streng.
Als sie an den Tisch zurück kam, nickte Hanne zustimmend und erzählte dann sofort von der Idee zu einem neuen Roman. Nicht einer aus dem trivialen Genre, sie schrieb ja auch anderes. Stipendien erhielt sie dafür, auch anerkennende Worte. Nur bis heute keinen Verlag. „Eigentlich verdanke ich die Idee dir. Es geht nämlich ums Kochen. Um Kochen als Ersatz für alles, was fehlt. Als Utopie auch, als könne aus allem, was da ist, doch etwas werden. Kochen als Verwandlungsprozeß, jeden Tag aufs Neue, weil wir ja alle immer täglich hungrig sind, aber am Ende einmal vielleicht mehr als bloß satt werden wollen …“
Ein Kellner brachte seltsam verformte, aufgeblähte Fladen. Karla griff sofort zu. Das Zeug schmeckte erst nach nichts, dann brannte es höllisch scharf.
„Wenn wir kochen, arbeiten wir am Stillstand der Zeit.“ Hanne war jetzt ganz in ihrem Element, sie hatte alles mögliche studiert, viele wollten nicht glauben, daß sie mit Groschenromanen ihr Geld verdiente. Aber sie sprach sowieso nicht so oft darüber. „Wir kochen die Gerüche unsere Kindheit herbei, bilden es uns jedenfalls ein. Denn das geht ja gar nicht, so wie zum Beispiel eine Mohrrübe heutzutage produziert wird, im Vergleich zu irgendeinem ‚früher’ …“
„Sie haben noch nichts zu trinken bestellt“, ließ sich der Kellner wieder blicken.
„Für mich nur Wasser.“ Karla mußte das Feuer des Fladenbrots löschen, sie konnte nicht aufhören, daran zu knabbern.
„Eine ganze Flasche“, ergänzte Hanne. „Aber gleichzeitig kochen wir auch, um uns eine Zukunft zu erhalten. Gegen Alter und Tod, verstehst du?“
Karla nickte, trank Wasser, aß Feuerbrot.
„Wir kochen, um vergessen zu machen, woraus unsere Nahrung besteht. Es ist ein Bearbeitungsprozeß, der Spuren tilgt, Herkunft unkenntlich macht. Und gleichzeitig ist es auch wie im Labor eines Zauberers, meinetwegen auch in einer Hexenküche.“ Hanne schnappte nach dem letzten Stück eines Fladenbrots. „Kochen ist zeitlos und doch immer Moden unterworfen. Kannibalismus zum Beispiel ist heute absolut nicht mehr in.“ Hanne grinste, bestimmt hatte sie in den letzten Stunden nicht nur Wasser getrunken. „Mit dem Essen eignen wir uns Fremdes an, verführen andere, uns selbst. Wir haben, was wir lieben, zum Fressen gern, und verspeist wird auch, was zum Fürchten ist, wie die Götter zum Beispiel …“
Draußen wieder ein Schiff, Hannes Worte waren wie das Plätschern dazu. Karla hätte nicht damit gerechnet, sich heute noch so wohl zu fühlen.
„Kochen gegen die Zeit, und damit auch gegen die Abstumpfung.“ Hanne aß das Fladenbrot nicht, sondern zerkrümelte es zwischen den Fingern. „Es müssen immer neue Vergnügen sein, um die Sinne nicht träge werden zu lassen. Wer gerade ein Huhn gegessen hat, ißt anschließend lieber eine Banane als noch ein Huhn. Und nach der Banane, das haben Hirnforscher herausgefunden, schmeckt den meisten Fisch besonders gut …“
Vor dem Fenster schoben sich zwei Schiffe in entgegengesetzter Richtung aneinander vorbei. In einem wurde getanzt, im anderen gegessen.
„Und? Was sagst du dazu?“
„Klingt alles sehr interessant.“ Karla lächelte schuldbewußt, sie hatte nicht zugehört.
„Daß es interessant ist, weiß ich selber.“ Wegen ihrer Neigung zu solchen Äußerungen hielten manche Hanne für arrogant. „Aber daß ich dich als Vorbild nehme für meine Hauptfigur, wäre dir das sehr unangenehm? Ich muß das Ganze schließlich irgendwie sinnlich machen, bei dem Thema. Und bevor ich mir mühsam etwas ausdenke, hab ich gedacht, du …“
Wieder der Kellner, diesmal mit allerlei Vorspeisen. Alles sah fremd aus, schwer zu erraten, woraus es bestand. Doch es roch köstlich.

„Gute Stimmung durch gute Küche!“ Hannes Lachen hallte laut nach in der Eingangshalle des Hauses.
Auch Karla kicherte, eine Folge von etlichen Martinis. Nach dem indischen Essen waren sie noch in eine Bar gegangen, Hannes Ideen für einen Roman hatten sich mehr und mehr mit allerlei Wirklichkeit vermischt. „Und zur Not werden sogar Verbrechen niedergekocht!“
Dann verstummten beide. Denn auf dem Hinterhof war die Hölle los. Streitende Männerstimmen. Karla kannte beide.
Paul, wieso war der nicht in Polen? Und hatte Johannes nicht behauptet, schon heute diesen Musikmogul treffen zu wollen, in Hamburg?
Die beiden stritten, Karla verstand fast jedes Wort. Es ging um sie, lächerlich genug, und eine gute Figur machten beide Männer nicht dabei. Hahnenkämpfe, um nichts, schoß es ihr in den Kopf und, idiotisch genug, gleichzeitig auch feucht in die Augen.
„Wegen denen geht es dir so mies?“ Hanne legte ihr einen Arm um die Schulter. „Wenn du willst, schlaf bei mir oben.“ Sie zog Karla schon zur Treppe.
Von dort hörten sie, wie die Männer gingen, den unsicheren Tritten nach zu urteilen auch nicht mehr ganz nüchtern. Als die schwere Haustür zuschlug, brachen die beiden Frauen wieder in Gelächter aus. Schon deshalb hörten sie nicht, daß unten jemand die Tür zum Hof hin öffnete, kaum mehr als ein Schatten, und dann in Karlas Wohnung verschwand.

8. Kapitel

„Wohin jetzt?“
Johannes stellte die Frage, Paul zuckte die Schultern. Beide legten keinen Wert auf diese Begegnung, jeder fragte sich, warum der andere wußte, wo Karla wohnte, so selbstverständlich nachts bei ihr klingelte. Sehr spät nachts.
„Da vorn vielleicht.“ Vage wies Johannes zum Ende der Straße, es ging leicht bergauf.
Wenn sie jetzt gemeinsam die Kneipe ansteuerten, dann nur, um der zufälligen Begegnung ihre Peinlichkeit zu nehmen. Und wenn sie sich beim Gehen gelegentlich berührten, dann nur, weil sie beide nicht mehr ganz nüchtern waren.
„Sie denkt, ich wär gar nicht da“, bemerkte Paul.
Johannes vermutete darin ein Auftrumpfen, einen Hinweis auf vertrauten Umgang. „Ich auch.“ Er ärgerte sich, es nicht zuerst gesagt zu haben. „Ich meine, sie denkt, auch ich wär nicht in der Stadt heute.“
So stand es eins zu eins.
„Bestimmt ist sie noch im Hotel“, versuchte Paul, gleich noch einen Punkt zu machen.
„Ist sie nicht.“ Johannes sorgte für Gleichstand. „Laut Dienstplan hat sie heute frei.“
Keiner fragte laut, wo Karla dann wohl sein könne. „Klippenloch“ hieß die Kneipe, obwohl sie auf ebener Erde lag, und die Tür öffnete sich von Innen, als Paul und Johannes davorstanden. Das Paar, das herauskam, hatte für zwei freie Plätze gesorgt.
„Die haben hier sogar einen trinkbaren Chablis“, wußte Johannes. „Das sagt jedenfalls unser Chefkoch.“
Paul bestellte sich ein Bier. Johannes auch. Beide sahen sich an, daß sie etwa so viele Jahre trennten, daß Karla ziemlich exakt die Mitte einnahm. Und Karla war ja auch sonst das einzige, was die beiden miteinander verband.
„Prost!“ Johannes bemühte sich, beim Trinken keinen Schaumrand um seine Lippen zu hinterlassen.
Paul nickte, kümmerte sich nicht um Schaum. Erst nach einem zweiten Schluck wischte er ihn ab.
Junger Spund, dachte Johannes. Von so einem will sie doch nichts!
Alter Knacker, konterte Paul im stillen. Der hat seine beste Zeit schon hinter sich. Und gut war die nicht. Noch mal so lang, dann …
„Was treiben Sie eigentlich beruflich?“ Eine ganz normale Konversation schien Johannes das beste Mittel, und natürlich blieb er beim Sie.
„Das wüßtest du wohl gern.“ Pauls Du war reine Provokation. „Nur weil ich weiß, wer du bist, interessiert dich das. Stimmt’s?“
„Ich hab Sie schon gesehen bei uns im Hotel. Aber natürlich kenne ich nicht alle Gäste beim Namen.“
„Einfach Paul, Herr Maiwald. Ich sag dann auch Johannes zu dir.“
Johannes leerte sein Bierglas in einem Zug, Paul winkte der Kellnerin, daß sie Nachschub bringe. Ein mächtiger Ventilator an der Decke sorgte dafür, daß Zigarettenqualm, Bierdunst und Gespräche gleichmäßig verquirlt wurden. Am Nebentisch küßte sich ein schon älteres Paar.
„Sie muß raus aus dem Laden, hab ich ihr gesagt. Dort vergeudet sie nur ihr Talent.“ Johannes schien es angebracht, eine gewisse Vertrautheit mit Klara herauszustellen.
„Laß das deinen Vater nicht hören.“ Auch Paul hatte noch Trümpfe. „Und wenn in eurem Luxusschuppen einer fehl am Platz ist, dann Knoblich, die alte Schnapsdrossel. Ohne Karla wär der doch längst …“
„Morgen jedenfalls treffe ich den Produzenten. Er ist zufällig in der Stadt, da kann ich mir die Reise nach Hamburg sparen. Er ist mir noch einen Gefallen schuldig. Wobei, so gut wie Karla mit ihrem Saxophon ist, wird er sich die Chance sowieso nicht entgehen lassen …“
„Hast du etwa Karla diesen Spleen in den Kopf gesetzt? Ich bitte dich, Jazzmusiker gibt es wie Sand am Meer. Und alle können nichts tun, als die großen Alten zu imitieren. Das ist doch längst vorbei!“ Für Paul kam das zweite Bier genau im richtigen Moment, er hatte mit einem Mal einen trockenen Hals. Schätzte er die Sache mit dem Saxophon etwa nicht richtig ein? Er mochte zwar Jazz, aber nicht die Veranstaltungen, bei denen man ihn live hören konnte. Entweder fand das in riesigen Hallen statt, und die Zuhörer wurden einfach zu Fans. Oder in düsteren Clubs, wo man den Existentialismus längst vergangener Zeiten nachspielte, eine Tragik, die garantiert in nichts mündete. Außerdem hatte Karla ihm stets ihre Auftritte verschwiegen. Und wenn sie ihn nicht dabei haben wollte …
Weil er schneller getrunken hatte als Johannes, konnte er als erster wieder reden. „Was ich an Karla so bewundere, ist ihre Klarheit. Sie weiß genau, was sie will. Und sie tut es. Und kocht auch entsprechend. Und zwar so, daß es aussieht, als koste es sie gar keine Mühe.“
„Am Herd ist das doch für die Katz, bei so vielen Kollegen!“ Johannes zündete sich ein Zigarillo an. „Die lassen Frauen einfach nicht ran. Und da sie nun mal eindeutig eine Doppelbegabung hat … Sie braucht nur ein bißchen Unterstützung. Kontakte, ein gutes Studio.“
„Das Zeug stinkt ja erbärmlich!“ Paul ließ keinen Zweifel daran, daß er das Zigarillo meinte.
Ein Zeitungsverkäufer erschien, gleich darauf einer mit Rosen. Johannes wollte eine Zeitung, und als sie auf dem Tisch lag, griff Paul sofort danach. Er fingerte nach dem Teil mit der Restaurantkritik. Johannes schlug gezielt die Seite mit den Konzertberichten auf, Jazz nahm viel Platz ein.
Dann lasen sie sehr viel länger, als es die Zeilen eigentlich hergaben. Anschließend waren die Biergläser wieder leer.
„Noch eins?“ Paul winkte bereits nach der Kellnerin.
Und dann wurde es doch noch ein richtiges Kneipengespräch unter Männern. Sie taxierten die Frauen an den anderen Tischen, teilten sich ihre Einschätzungen mit, feixten. Karla schien endlich vergessen zu sein. Doch so, wie sie über die anderen sprachen – Karla gab vermutlich den Maßstab dafür ab. Und auch hierbei war es möglich, ohne ihren Namen zu nennen, immer wieder Details einzustreuen, die auf die gute Bekanntschaft mit ihr schließen lassen sollten. Es war ein Kampf, der nach dem vierten Bier endete, mit unentschiedenem Ausgang. Da lag beiden die Zunge schwer im Mund, sie vertrauten sich an, was sie alles schon hinter sich hatten. Nicht nur, was Frauen betraf. Das Leben hielt ja so manche andere Kränkung auch noch bereit.
Jeder die Hand auf der Schulter des anderen, verließen sie endlich die Kneipe.
„Im Sommer wäre es jetzt schon hell.“ Paul hob den Blick zum wolkendicken Himmel.
„In welche Richtung gehst du?“ Johannes schlug den Mantelkragen hoch.
„Da lang“, behauptete Paul und wies in die entgegengesetzte Richtung des Hauses, in dem Karla wohnte.
Johannes begriff seinen Fehler. Er will sehen, ob ich noch mal zu ihr gehe … „Ich zufällig auch. Da vorn ist ein Taxistand. Wo wohnst du eigentlich?“
„Geht dich nichts an.“ Paul hatte genug. Nicht nur vom Bier, auch von der Kameraderie, die sich zwischen Johannes und ihm breit machte. Er begann zu rennen, eine Ampel weiter stand schon sein Bus. Und wenn dieser Maiwald sich jetzt zurückschlich zur Remise – sollte er doch. Er machte solche Kinderspielchen nicht mit.
Als Paul vom Bus aus sah, wie der andere in ein Taxi stieg, war er dennoch erleichtert.

Hanne hatte Karla aufgefordert, doch noch zum Frühstück zu bleiben. Ziemlich spektakulär durchflogen vor den Fenstern Wolken die tief stehende Sonne.
Doch Karla lehnte ab. Sie hatte nicht lang, aber gut geschlafen und spürte, daß sie drauf und dran war, sich mit dieser Frau anzufreunden. Und das war ihr nicht geheuer. Freundinnen hatte sie nie gehabt, wie auch, bei einem Leben, in dem Mutter und Großmutter die Eckpfeiler setzten. Und damit Maßstäbe. Karla traute Frauen vorsichtshalber lieber nicht.
„Wenigstens einen Espresso“, drängte Hanne. Sie wirkte nervös. „Gib es zu, meine Wohnung gefällt dir nicht.“
„Aber wieso denn, sie ist … einfach perfekt.“ Und bestand hauptsächlich aus Bücherregalen, großen Tischen, Stühlen und Sesseln. Eine Couch gab es nicht. Bilder an den Wänden, aber keine Teppiche. Von nichts zu viel, aber dennoch war die Wirkung keineswegs kühl.
„Eben. Vielleicht etwas zu sehr.“
„Irgendwie maßgeschneidert. Sie paßt zu dir. Wenn du ein bißchen Milch hättest?“
„Klar.“
Bestimmt, dachte Karla, fehlt in Hannes Haushalt nie etwas. Obwohl sie keine Hausfrau ist, keine Köchin. Aber eben perfekt …
„Als es anfing“, Hanne sprach lauter, um das Geräusch zu übertönen, das beim Aufschäumen der Milch entstand, „steckte ich mitten in einer Auftragsarbeit. Es ging um die übliche Geschichte von Liebe, Schmerz und garantiertem Glück am absehbaren Ende.“
Deshalb also die Einladung zum Frühstück, dämmerte es Karla. Sie will das berühmte Gespräch unter Frauen. Unbedingt loswerden, wieso das mit ihrem letzten Lover nicht geklappt hat. Auch Karla wurde nervös.
„Vielleicht schreibe ich dieses Zeug inzwischen einfach zu lang. Verstehst du, manchmal fürchte ich, mir verrutscht da etwas. Vielleicht gerade weil ich versuche, diesen Schrott wie nebenbei zu produzieren, ohne viel nachzudenken. Wäre ja denkbar, daß sich dabei manches davon unbemerkt in mein Leben schleicht. Und als ich ihn kennengelernt habe … Gut möglich, daß ich die Differenz zwischen dem, was meine Finger routiniert produzierten und dem Chaos, das sich in meinem Hormonhaushalt anbahnte, zunächst kaum wahrnahm. Zumal das ja nicht als Chaos daherkam, sondern in größtmöglicher Übereinstimmung. Genau dies hätte mich skeptisch machen müssen.“
Karla stürzte den Milchkaffee in einem Zug hinunter, sie verbrannte sich die Zunge. „Ich muß jetzt wirklich runter.“
Immerhin versuchte Hanne nichts, um sie noch einmal aufzuhalten. Während Karla die Treppen hinunterstieg, fühlte sie sich mit jedem Schritt etwas leichter. Wie kompliziert diese Hanne nur war! Oder gab sie sich nur so? Es käme aufs selbe hinaus. Schrieb sich in Trivialromanen ihr Leben zurecht und kam doch nicht zu einem Happy end … Ein handfester Beruf wie Kochen hatte schon etwas für sich.
„Mir ist es jedenfalls noch nie passiert, daß ich mich mit dem Inhalt eines Topfs verwechselt habe.“
„Nach einem guten Morgen hört sich das nicht an.“ Wie aus dem Nichts stand unten im Hausdurchgang Pluntke vor ihr. „Es hat übrigens schon wieder Beschwerden gegeben. Im dritten Stock ist die Birne defekt. Wenn da im Dunkeln jemand stolpert auf der Treppe …“
„Ich kümmere mich darum.“ Es ging Karla nur darum, den ewig schlechtgelaunten Hausbesitzer loszuwerden.
„Wann?“ Er vertrat ihr tatsächlich den Weg.
„Sobald Sie mich da durchlassen. Schönen Sonntag auch noch.“
Das mit der defekten Birne brachte sie dann wirklich sofort in Ordnung. Als sie mit der Aluleiter in den dritten Stock stieg, roch es im ganzen Treppenhaus nach Kaffee. Aus manchen Wohnungen drang Musik. Und war da nicht auch ein Duft nach Kuchen? Die Birne war rasch eingeschraubt, Karla verharrte noch auf der Leiter. Lange nicht hatte sie so deutlich wahrgenommen, was ein Sonntag ist. Ihr eher zuwider, als Kind schon, weil an diesem Tag alles noch öder und dösiger als sonst daherkam und der fehlende Alltag überall Risse sichtbar machte. Vor allem in Kleinstädten wie der, in der sie aufgewachsen war, zum Frühstück Hefezopf, danach der Kirchgang, auf dem Heimweg wurde man schon satt von dem Bratengeruch vor jedem Haus. Und man konnte auch die Gereiztheit riechen, mit der er verspeist wurde, den Überdruß, den die Aussicht auf einen überlangen Nachmittag verbreitete, mit bald wieder Kaffee und Kuchen, als gelte es, die Leere eines arbeitsfreien Tags mit Essen zuzustopfen, bis zum Erbrechen.
Hier in der Großstadt sah man nicht so genau, wie die Sonntage ihrer Bewohner verliefen. Karla vermutete allerdings Ähnlichkeiten. Nur im Moment, dort oben auf ihrer Leiter, flog sie der Wunsch an, es könne vielleicht doch anders sein und so ein Sonntag nicht mit Leere, sondern mit Freiheit zu tun haben. Sie hockte ganz still da und spürte, wie sich da etwas zu einer riesigen Sehnsuchtslawine zusammenballte.
Es endete damit, daß sie sich ausgeschlossen fühlte. Denn angenommen, so etwas wie ein perfekter Sonntag sei möglich – dann allein zu sein, war geradezu anstößig.
Es war die kaputte Birne, die Karla vorm Abrutschen in Selbstmitleid abhielt. Sie fiel ihr aus der Hand, aus der Höhe zerbrach sie trotz Kokosläufer. Beim Einsammeln der Scherben schnitt sie sich. Den blutenden Finger im Mund, hatte sie nur eine Hand frei für die Leiter. Sie war zum Glück leicht, und ganz leichthin klang es auch, wie Karla einige Mieter begrüßte. Die holten Zeitungen, Brötchen, keine Frage, auch der Großstadtsonntag hatte sein Ritual. Von wegen Freiheit …
Zurück in ihrer Wohnung, war Karla so frei und legte sich in das in der letzten Nacht unberührt gebliebene Bett. Ein paar Stunden zusätzlicher Schlaf, dann mußte sie sowieso ins Hotel.

„Hör dir das an, Mädchen, das ist phantastisch!“
Karla war früher gekommen als nötig, doch Knoblich saß bereits in seinem Büro. Daß er Cola trank, aus einer Dose, sprach für eine anstrengende Nacht. Das Kochbuch, in dem er blätterte, fiel schon fast aus dem Leim.
„Stecke eine Olive in eine Weindrossel“, las er vor. „Ein Krammetsvogel ist die nächste Hülle, die wiederum eine Wachtel einschließt, welche mit einem Weinblatt umwunden wird. Ein mit Speck umgebener Kiebitz dient der Wachtel als Aufenthalt und verschwindet in einem vergoldeten Brachvogel. Die nächsten Einschließungen sind eine Schnepfe, eine Taucherente, eine Wildente, ein Poulard, ein Fasan, eine Gans, eine Truthenne, zuletzt kommt die Trappe. Zur Bereitung gehören als Würze Kastanien, Speck, Salz und Pfeffer. 24 Stunden schmort die eingeschachtelte Vogelwelt in einem hermetisch geschlossenen Topfe …“ Er sah auf. „Und jetzt kommt es, hör dir das an! Das Rezept stammt übrigens von einer Eufemia von Kudriaffsky, welch herrlicher Name! Und weißt du, wie ihr Rezept endet? Der Gourmand von Profession, notiert sie – ißt nur die Olive!“
Er schüttete sich aus vor Lachen, Karla auch.
Das Gelächter endete abrupt. Knoblich seufzte. „Dabei, genau so muß es ja sein! Kochen als pure Verschwendung. Aber mach das mal den Managern klar, die uns das Budget diktieren! Den Gästen, die …“
„So was kenne ich, aus den USA!“ Oliver stand unter der Tür, er hatte alles mit angehört. „Dort steckt man zu Thanksgiving eine Ente in einen Truthahn und in die Ente ein Huhn. Sie nennen das Turducken.“
„Da hast du jetzt aber wie deine amerikanischen Freunde das Wesentliche nicht kapiert!“ Knoblich nahm einen letzten Schluck aus seiner Coladose und grinste. „Die Olive, auf sie kommt es an! Und deine Amis, ich vermute, die vertilgen natürlich das ganze Geflügel.“
„Klar, dazu noch Kartoffelbrei und Süßkartoffeln, Preiselbeeren. Und während das alles schmort, schon mal ein vorbeugendes Medikament …“
Karla sagte nichts. Wie Knoblich, hatte auch sie diese Olive im Sinn, Paul fiel ihr ein, das Spiel in jener ersten Nacht hatte auch damit begonnen. Und Oliven wuchsen auch in Südfrankreich.
„So, aber jetzt …“ Knoblich klappte das Kochbuch zu. Seine Blechdose war leer, er griff jetzt doch zum Chablis. „Es ist gut, daß du früher gekommen bist, Mädchen.“
Der onkelhafte Ton, in dem er mit ihr sprach, störte Karla schon lang nicht mehr.
„Ich hab dir da nämlich einen Vorschlag zu machen. IKA, sagt dir das was?“ Er hielt ihr ein Formular vor die Nase. „Das füllen wir jetzt aus. Und dann machst du mit.“
„Ich? Wobei denn?“
„Internationale Kochkunstausstellung, kurz Olympiade der Köche. Fand zum ersten Mal 1900 statt, damals in Frankfurt. Und dieses Jahr in …“
„Vergiß es. So ein Quatsch interessiert mich nicht. Seit wann ist Kochen Sport?“
„Das ist kein Quatsch!“
„Warum machst du das dann nicht selber?“
„Ich bin zu alt. Auch schon zu bekannt. Du aber … Du kannst dir die besten Leute aus unserer Küche mitnehmen. Und dann zeigst du es allen!“
„Und wozu?“, höhnte Karla. „Um den Ruhm dieses Hauses zu mehren?“
„Was spricht dagegen? Nun tu bloß nicht so hochnäsig. Du verdienst hier schließlich auch nicht schlecht. Muß ich dir sagen, wie viele Köche arbeitslos sind? Das Thema ist übrigens – Blut.“ Knoblich grinste übers ganze Gesicht. „Ehrlich gesagt, ich hab dabei gleich an dich denken müssen.“
„Blut?“ Karla griff nun doch nach dem Formular. „Wer kocht denn heute noch damit?“
„Eben, kein Mensch! Mädchen, das ist genau die Herausforderung, die du brauchst. Besser, als daß wir beide uns hier zerfleischen. Komm, trink doch ein Glas mit mir. Wir gehen dabei gleich mal die heutige Menükarte durch. Es gibt da ein paar Änderungen …“
Blut also. Der Gedanke ließ Karla nicht mehr los. Auch nicht mit einem Schluck Chablis im Mund. Auch nicht, als nach und nach die gesamte Brigade eintraf und der Küchenbetrieb bald auf Hochtouren lief. Auch nicht, als Johannes auftauchte, wie zufällig in ihrer Pause.
„Ich hab richtig gute Nachrichten! Du hast doch heute Abend nichts vor? Ich habe nämlich mit diesem Produzenten vereinbart …“
„Vergiß es, vor elf komm ich hier heute nicht raus.“
„Aber Karla, das ist die Chance deines Lebens! Und denk an Südfrankreich!“
Genau an der Stelle, wo sie sich am Morgen mit der Glasscherbe verletzt hatte, blutete es schon wieder. Der Schnitt war noch größer geworden, beim Entbeinen einer Taube war das passiert. Dazu noch zwei Brandblasen, an der anderen Hand.
Und er schwafelt von Südfrankreich, was soll der Quatsch! Karla leckte das Blut von ihrer Hand und war ganz bei sich selbst. Blut, die Quelle von allem, vielleicht sollte ich wirklich …
Johannes sagte erst dann nichts mehr, als sich Karlas Handy meldete. Sie sagte nicht viel, hauptsächlich nein.
„Das war wohl dieser Baukünstler“, vermutete Johannes in bemühtem Sarkasmus. „Vielleicht wird ja noch was aus ihm, wenn er erst groß ist …“
„Das reicht jetzt.“ Karlas Wut kam ganz plötzlich, sie reichte für zwei, für Johannes und für Paul. Ihm hatte ihr telefonisches Nein eben wirklich gegolten, auch er wollte sie unbedingt treffen, egal, wie spät es dann sei.
Sie beendete ihre Pause vorzeitig, und zurück in der Küche, war ihre Wut noch immer nicht erschöpft. An allem und jedem fand sie etwas zu kritteln. Sie nahm den anderen die Messer aus der Hand, entriß ihnen die Töpfe. Daß zwei Drittel des Fonds, aus dem die Sauce zum Rehrücken werden sollte, zu einem Nichts von dicker Pampe zusammenschmurgelte, war denn auch allein ihre Schuld. Und diesmal hatte sie weder eine Idee noch die Lust dazu, den Fehler auszubügeln. Knoblich tobte, sogar Maiwald senior erschien.
Karla wusch sich seelenruhig die Hände und schlüpfte aus dem Kittel, der längst nicht mehr weiß war.

Es ging ihr nicht schlecht, als sie spät nachts nach Hause ging. Es war noch einmal sehr kalt geworden, dabei aber auch klar. Klar und kalt klapperten auch ihre Absätze auf dem Pflaster, klar und kalt, fühlte sie, arbeitete ihr Gehirn. Und es sagte ihr, es müsse Schluß sein mit dem Verzetteln.
„Ich mache endlich was aus dem, was ich bin. Köchin. Und das Saxophon muß ich ja nicht gleich an den Nagel hängen. Ich kann es weiterhin spielen, eine Liebhaberei … Anstelle dieser albernen Männergeschichten. Die brauchen mich ja nur, um etwas zum Träumen zu haben, Paul genau wie Johannes. Was habe ich davon? Blut dagegen …“
Sie wußte plötzlich, daß sie sich von beiden auf einen Irrweg hatte locken lassen. Bloß, weil sie ein anderes Leben wollte, und als sei das nicht zu haben ohne einen Mann. Während der paar Schritte vom Bus bis zum Haus klopften ihre klarkalten Schritte den Entschluß fest. Dabei wurde sie selbst ganz klar und fest, eine Wohltat war es, das Leben endlich wieder ganz praktisch zu sehen, von der Substanz her. Blut … Ob das Familienbuch dazu auch etwas hergab? Sofort wollte sie mit der Suche nach Rezepten beginnen.
Und dann, in der Wohnung, sie war noch nicht aus dem Mantel geschlüpft, war wieder einmal über die Plastiktüte mit Kinderkleidung gestolpert, mit der sie seit gestern nichts anzufangen wußte, alarmierte sie ihr Geruchssinn. War da etwa schon wieder dieser dreckige Bengel …
„Hi.“ Alikan kauerte in einer Nische auf dem Flur.
Er tat selbstverständlich, aber in seinem Blick war eine Unterwürfigkeit, die Karla ärgerte. „Was machst du hier schon wieder?“ Ihre Stimme war leider nur gereizt, nicht richtig wütend, ihre Wut war für heute verbraucht. Sie hörte selbst, daß es klang, als habe sie sich längst damit abgefunden.
„Bevor du gekommen bist, hab ich gerade überlegt, ob ich wieder geh. Aber dann …“ Er zuckte die Schultern.
„Ist dir eigentlich klar, daß du stinkst?“
„Ins Bad hab ich mich immer nur kurz getraut, da sieht alles so sauber aus.“
Schmeiß ihn raus, trommelte es glasklar in ihrem Gehirn, mach ihm ein für allemal deutlich, daß das nicht geht!
„Trotzdem gehst du da jetzt rein.“
„Ins Bad?“
„Wohin sonst.“
„Wenn, dann ohne dich! Und die Tür bleibt zu!“ fiel ihm sein Schamgefühl ein.
Das Verhör, das Karla begann, wurde durch die geschlossene Badezimmertür geführt, Alikan drin, Karla draußen.
„Seit wann geht das so?“
„Seit du verreist warst.“
„Verreist? Woher hast du das gewußt?“
„Ich hab dich gesehen, wie du rausgekommen bist, mit einem Koffer und ganz vielen Taschen. Und dieser Typ hat auf dich gewartet.“
„Woher weißt du, wo ich wohne?“
„Erst hab ich ja nur gewußt, wo du arbeitest. Ich bin dir nachgegangen, vom Hotel aus zum Bus bis hierher. Das war leicht.“
„Und wie bist du in die Wohnung gekommen?“
„Da gibt es so Tricks. Die kenn ich, von einem Kumpel. Und außerdem, bei so einer Altbauwohnung … Das war ganz leicht.“
Das war Irrsinn! Karla lehnte an der geschlossenen Tür, drin plätscherte Alikan im Wasser. Ich bring ihn zur Polizei, sobald er sauber ist, überlegte sie. Dort gibt es Leute, die wissen, was zu tun ist.
„Jetzt, wo du schon da bist, machst du da Milchreis? Ich hab es selber probiert, sogar mit Salz. Aber er hat anders geschmeckt als deiner. Nicht so gut. Alles nur Klumpen und Matsch.“
Mach ihm klar, daß er hier nichts verloren hat, jetzt gleich! befahl sich Karla. Daß es hier für ihn auch nichts zu essen gibt. Ein Bad, und dann …
Alikan sprach noch immer von Milchreis, Karla hörte nicht mehr zu. Im Telefonbuch suchte sie nach der nächsten Polizeidienststelle. Sie sah eine Zelle vor sich, aus Filmen kannte sie das, eine Pritsche darin, eine dünne Decke, darunter Alikan mit seinen Milchreisträumen.
Dann stand sie doch in der Küche. Nein, Milchreis war nicht drin. Aber Eier, Milch, Mehl und Butter waren vorhanden. Mehr brauchte sie nicht. Schon der Name würde dem Kleinen gefallen …
„Machst du Milchreis?“ Er stand unter der Küchentür, in ein Badetuch gewickelt. Schwarz und naß klebten ihm die Haare am Kopf. Und doch ging etwas Kokettes von ihm aus. Legte er es darauf an?
„Wieso ziehst du dich nicht an?“
„Dann stinke ich wieder. Machst du Milchreis?“
Er war kaum wiederzuerkennen. So sauber, Gesicht und Hände ganz rot geschrubbt, nichts als ein kleiner Junge. Mit großem Hunger.
Aber er hatte recht. Karla seufzte beim Gedanken an das schmutzstarrende Kleiderbündel. Wenn sie die wusch, trocknete … darüber verging die Nacht.
„Steck deine Klamotten in die Waschmaschine im Bad, sofort!“
Ihr harscher Tonfall schien ihn nicht zu stören, er trottete wieder nach nebenan. „Ich weiß genau, wie das geht, vom Waschsalon! Hat mir auch ein Kumpel gezeigt.“
So einen Kumpel, dachte Karla, könnte ich jetzt auch gut gebrauchen. Einen, der mir sagt, was zu tun ist. Sie wünschte das Kind zwar nicht gerade zum Teufel, aber doch irgendwo anders hin. Wieso kam es ausgerechnet zu ihr? Was tat man in so einer Lage?
Ihr Kopf wußte nicht weiter, ihre Hände schon. Die verrührten Mehl und Milch, schlugen Eier dazu, etwas Salz, die nebenbei zerlassene Butter. Dann noch einmal Milch, und als Alikan zurückkam, mit einem Handtuch inzwischen auch um den nassen Kopf, butterte Karla schon irdene Förmchen aus. Der Finger, den Alikan rasch in den glatten Teig vorschnellen ließ, war ungewohnt sauber, sogar unterm Fingernagel nur noch ein schmaler, mattschwarzer Rand.
„Schmeckt ja nach gar nichts!“ rief er enttäuscht. „Das wird kein Milchreis.“
„Nein, Pfitzauf.“ Sie füllte die Förmchen kaum bis zur Hälfte mit dem Teig.
„Pfitz was? So heißt doch nichts, was man essen kann.“
„Wart’s ab. Später kommt noch Puderzucker darauf. Schau einfach zu, was passiert.“
Alikan nahm die Aufforderung wörtlich. Er setzte sich vor den Herd, der Schneidersitz verstärkte eine orientalische Note, keinen Blick wandte er vom Backofenfenster. Karla sah die Blasen an seinen Füßen, die Schrammen an seinen knochigen Knien, er beobachtete, wie der Teig in den Förmchen zu dreifachem Volumen anschwoll.
„Ich hab übrigens doch was zum Anziehen für dich!“ Die Plastiktüte fiel ihr ein. „Draußen im Flur, vorn bei der Tür …“
„Das explodiert!“ Er rutschte näher ans Backofenfenster. „Wie in Zeitlupe! Zeitlupe ist, wenn …“
„Schon gut. Das hat dir bestimmt ein Kumpel erklärt. Und jetzt zieh dir die Sachen an aus der Tüte!“ Heute Nacht, begann Klaras Kopf wieder zu arbeiten, kann er hierbleiben. Aber gleich morgen früh bring ich ihn zur Polizei. Jemand muß sich um ihn kümmern.
„Da muß man sich jetzt aber drum kümmern!“ Alikan sprang auf. „Die Dinger werden schon braun!“ Er riß die Backofentür auf.
„Finger weg, das ist heiß!“ Seit wann verfügte Klara über solch einen Kasernenhofton?
Alikan verübelte ihr nichts. „Darf ich das machen?“
Sie überließ ihm ganz in Gedanken das Sieb mit dem Puderzucker. Wenn er gegessen hat, wird er müde sein, überlegte sie. Dann hab ich Zeit für meine Kladde.
Sie wollte sich von ihm nicht ihre Pläne vereiteln lassen. Vielleicht steckte er sie auch damit an, alles nur selbstverständlich zu finden. Aber es war dann doch ein komisches Gefühl, dieses Kind in der Wohnung zu wissen. „Ich muß noch mal weg!“
Er machte sich über das lockere Gebäck her, als ihr Hanne einfiel. Die war bestimmt noch wach, die wußte vielleicht, was zu tun war. „Zum Schlafen legst du dich dann auf die Couch.“
Draußen im Hinterhof fiel ihr auf, daß ihr das Gefühl von Klarheit schon wieder abhanden gekommen war. Paul, Johannes, Knoblich, und nun auch noch dieser kleine Junge. Wieso wollten alle etwas von ihr? Und wieso ließ sie das zu?
Das Treppenhauslicht verlöschte, bevor sie im zweiten Stock war. Beim Vorantasten zum Lichtschalter störte sie ein knutschendes Paar auf. Sie murmelte eine Entschuldigung, den vierten Stock erreichte sie atemlos. Aber Hanne war nicht da. Wieso kam ihr der Gedanke, trotzdem vor ihrer Tür zu warten? Wie ein Kind, das keinen Schlüssel hat?
„Wie Alikan.“ In ihrem leisen Kichern flackerte Verwunderung auf, eine Ahnung, welch eine Last so ein Wohnungsschlüssel war. Aber, keine Frage, auch leise Panik fiel über sie her, wieso suchte sie jetzt Gemeinsamkeiten mit diesem Kind?
Alikan schlief tief und fest, als sie in die Remise zurück kam. Nicht auf der Couch. In ihrem Bett.
Mit zusammengebissenen Zähnen wollte sie sich ihre Rezeptsammlung vornehmen, etwas Handfestes gegen die Brüchigkeit dieser Nacht. Aber dann schrie sich Alikan aus dem Schlaf. Und Karla produzierte, als sie zu ihm rannte, aus Gründen, die ihr nicht zugänglich waren, die Tränen zu diesem Schrei.
„Hab was Blödes geträumt. Und Bauchweh hab ich auch. Ob das Hunger ist?“
„Eher das Gegenteil. Du hast zu viel Pfitzauf gegessen, und zu heiß.“
„Und du, wieso weinst du? Hast du vielleicht Hunger?“ Die Tränen in Karlas Gesicht faszinierten ihn so sehr, daß er seine Schmerzen vergaß.
„Hunger, ich? Ganz im Gegenteil. Ich hab es satt.“ Als sie sich heulend aufs Bett warf, stand Alikan auf. Und bewies, wie gut er sich schon auskannte in Karlas Wohnung. Mit Pfefferminztee nämlich kam er zurück.

Nur daß Karla da schon schlief. Und leider auch träumte. Roh und rot liegt die Leber im Kühlschrank, eine Frau verschlingt die weichen glitschigen Lappen, direkt aus dem Papier, ihre Lippen zucken, wie wehrlos sich dieses Fleisch ergibt, ihre Zähne reißen die Stücke mundgerecht, wie rotroh der Blutgeruch ihr in die Nase steigt, die Zunge unterscheidet sich nicht von dem, was sie zerdrückt, Lappen auf Lappen, eine Vereinigung, die immer gelingt. Sie kann den Mund gar nicht voll genug kriegen, fühlt das fremde kalte Weiche auf der weichen eigenen Wärme, da ist noch immer Platz für mehr, mehr, sie schluckt nicht, Blut und Speichel rinnen über das Kinn der Frau, noch mehr kaltes Fleisch ins warme, jetzt beginnt der Kampf gegen den Brechreiz, sie bezwingt ihn, bewegt Kiefer und Zunge und Zähne, ein malmendes Hin und Her, Auf und Ab, bei fest geschlossenen Lippen, damit ihr kein Fetzen kein Tropfen keine Faser entkommt. Dann ist das fremde Fleisch so warm wie ihr eigenes, ein einziger Brei, in ruckartigen Krämpfen gibt sie dem Schluckimpuls nach. Die Frau rülpst, staunt über den Klumpen aus Matsch, ist das sie selbst, nein, nun fühlt sie ihn doch wieder fremd in sich, seine Fremdheit erregend, sie hat ihn bezwungen und auch sich selbst.
„Trink das doch!“
Für einen Moment öffneten sich Karlas Augen, aber richtig wach wurde sie nicht. Nur daß das Kind jetzt mit in ihren Traum schlüpfte, es liegt in einem Bett, viel kleiner als Alikan, da, wo eigentlich der Platz der Frau mit der rohen Leber ist. Jetzt aber dort das Kind, neben ihm ein Mann, die Frau zwängt sich zwischen Vater und Sohn. Gleich sucht das Kind ihre Nähe, die Frau ist gerührt, es findet die Brust einer Mutter, da ist nichts dabei, auch wenn dieses Mutterorgan sich nun zuspitzt im kindlichen Mund. Die Frau ist gar nicht da, darf den Schlaf des Sohnes nicht stören, und was sie spürt an einer Stelle ihres Körpers, gehört nicht wirklich zu ihr, aber ist doch, ach, wie schön. Leider nun auch die Hand des Mannes, er knetet die andere Brust, er schnarcht, dreht sich zu ihr, weiß nicht, was er tut, die Frau, weiß Karla in ihrem Traum, will das nicht, aber der Schlaf ihres Kindes ist wichtig, und die Frau denkt an das Fleisch im Mund, die Macht darüber, eben erst war das noch rohrot und glitschig. Ihr Sohn kriecht noch enger an sie, sein glattes Bein schiebt sich ihr weich zwischen die Knie, aber da ist auch wieder das Harte in ihrem Rücken, der Mann im Tiefschlaf hat sich nicht unter Kontrolle. Die Frau preßt die Schenkel zusammen, zwischen weich und hart beginnt ihr Becken zu kreisen, sie weiß nichts davon, will es nicht wissen, ihre Lippen öffnen sich, ein Geruch nach rohroter Leber, sie ist gar nicht da. Dann wimmert das Kind, der Mann stöhnt, und die Frau kneift die Lippen zusammen, nichts wird ihr entgehen, zwischen ihren Beinen das Warme ist nicht von ihr.
„Das hab ich dann eben nicht mehr gewollt.“ Alikan atmete schwer über der Tasse mit dampfender Pfefferminze.
Und Karla war sehr erleichtert, als sie die Augen aufschlug. Das war gar nicht ihr Traum gewesen, wie auch käme sie dazu! Das war Alikan. Was für verworrenes Zeug erzählte er da?
„Möchtest du Tee? Ich kann dir noch einen machen.“
„Laß nur.“ Karla ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Der Eisengeschmack in ihrem Mund, das war keine Leber. Nur die Wunde an der Lippe war wieder aufgeplatzt.
Als sie zum Bett zurückkam, lag darin Alikan, ganz schmal hatte er sich an eine Seite gepreßt. Und schlief. Das neue grüne Sweatshirt war ihm mindestens eine Nummer zu groß.

Karla entschied sich gegen die Polizei. Auch gegen ein Amt. Mit beidem hatte Alikan schon seine Erfahrungen gemacht, bei heißer Milch am frühen Morgen hatte er viel erzählt.
„Wenn du zu denen gehst … Ich reiß halt wieder aus. Hast du wirklich keinen Kakao? Heiße Milch, das gab es auch in einem Heim, wo ich mal …“
Karla hatte ihm, als sie ging, nicht erzählt, was sie vorhatte. Ein bißchen setzte sie darauf, er sei einfach weg, wenn sie zurückkam. Und zwar für immer.
Hanne hatte ihr den Hinweis gegeben und früh am Morgen am Telefon gleich noch eine halbe Vorlesung dazu. Danach war Alikan „auf Trebe“, laut Lexikon ein Heranwachsender, der sein Elternhaus verlassen hat und versucht, sich allein durchzuschlagen, ohne regelmäßige Arbeit. Die Bezeichnung Trebegänger umfasse ganz allgemein auch Nichtseßhafte und Obdachlose.
Welcher Art von Arbeit ein kaum Zwölfjähriger denn nachgehen könne, hatte Karla gefragt.
„Er wird anschaffen gehen.“
Manchmal war die sachliche Art von Hanne schwer zu ertragen. Aber natürlich, sie hatte diesen Zwölfjährigen bei ihren Worten nicht vor sich. Karla schon. Sie sah, wie er am Küchentisch saß und mißmutig die heiße Milch beäugte.
„Wenn jetzt noch nicht, dann eben demnächst.“ Hanne hatte dann wohl doch gespürt, wie schockiert Karla war. „Wie sonst soll er sich denn durchschlagen?“
Und immerhin, Hanne wußte auch von einer Einrichtung, die sich mit solchen Kindern befaßte. Es war näher, als Karla lieb war. Das Wort Treber kannte sie, aus ganz anderen Zusammenhängen. Der Rückstand beim Keltern von Wein wurde so genannt, Abfall, als Trester mitunter zu Schnaps weiterverarbeitet. Ein Bodensatz aus Eiweiß und Zellulose, beim Bierbrauen gab es das auch und konnte an Vieh verfüttert werden. Nahrhafter Abfall also – wie paßte das zu einem wie Alikan? Wen oder was nährte der? Oder meinte das Wort, das für einen wie ihn nur der Abfall blieb, um sich zu nähren? Ob auch das Wort treiben damit zu tun hatte? Sie nahm sich vor, Hanne gelegentlich danach zu fragen. Denn jetzt stand sie schon vor dem Haus.
„Treberhilfe“ stand auf einer kleinen Tafel neben der Tür zu einer Ladenwohnung. Karla fröstelte, als sie eintrat und die gefliesten Wände sah. Offenbar war das einmal eine Metzgerei gewesen.
Die Frau war schon älter, um die Sechzig vermutlich, dunkles, kurzgeschnittenes Haar umschloß ihren Kopf wie ein Helm. Sie wies auf einen Stuhl, als sie Karla bemerkte, und telefonierte weiter. An der linken Hand trug sie einen Ring mit einem auffallend großen grünen Stein. Grün waren auch ihre lebhaften Augen, und das nahm die ebenfalls grünäugige Karla während des Wartens für sie ein.
„Jetzt können wir“, legte sie den Hörer auf. „Wann ist er Ihnen weggelaufen? Oder ist es ein Mädchen? Wie alt?“ Sie griff nach einem Aktenordner mit Formularen.
„Nein, so ist das nicht.“ Karla lachte gepreßt. „Nicht weggelaufen. Eher das Gegenteil. Er ist zwölf, das schätze ich jedenfalls, ich weiß kaum etwas von ihm. Klar ist nur, ich kann mich nicht um ihn kümmern. Und auf die Straße gehört so ein Kind nicht.“
„Wovon reden Sie da?“ Die Frau hinter dem übervollen Schreibtisch nahm ihre Brille ab.
„Erst dachte ich ja auch, die Polizei müßte … Aber irgendwie war mir bei dem Gedanken nicht wohl. Verbrochen hat er ja schließlich nichts.“
„Hören Sie mal, wir …“
„Obwohl, er ist bei mir regelrecht eingebrochen. Hat sich eingenistet wie ein Kuckucksei …“
Eine ganze Weile noch sprachen sie aneinander vorbei. Karla kannte sich nicht gut aus mit Einrichtungen dieser Art.
„Tut mir leid, aber dafür sind wir nicht zuständig.“ Das Telefon klingelte wieder.
„Aber ich auch nicht!“ regte Karla sich auf. „Dann sagen Sie mir wenigstens, wohin ich mich wenden kann, das Kind muß doch …“ Sie verstummte.
Denn die Frau schwieg nur ins Telefon, man konnte sehen, wie sie blaß wurde. Das Rot ihres Lippenstifts wurde darüber ganz grell. „Ja, ich bin noch dran“, murmelte sie endlich. „Natürlich, ich habe alles verstanden. Obwohl, daß man das auf diese Weise erfährt …“
Die Frau legte auf. Sie begann, mit dem großen Ring zu spielen. Karla hatte sie anscheinend vergessen.
„Hören Sie, ich hab nicht endlos Zeit“, machte diese auf sich aufmerksam. „Und wenn ich hier falsch bin, dann sagen Sie mir doch ganz einfach …“
Die Frau begann zu lachen. Wütend wollte Karla etwas sagen. Aber da kam ein Briefträger herein.
„Morgen auch!“ Einen dicken Stapel legte er auf dem Schreibtisch ab. Er wartete einen Moment auf eine Entgegnung seines Grußes. Als nichts dergleichen kam, ging er.
Ans Gehen dachte inzwischen auch Karla. Weil sie etwas hastig aufstand, stieß sie mit dem Fuß an den Schreibtisch. Das brachte den Briefstapel ins Rutschen. Reflexhaft griff sie zu. Und las den Namen auf dem Umschlag.
„Sie sind das?“
Die Frau griff nach ihrer Handtasche, holte Zigaretten heraus.
„Sie sind Lina Sambeth?“
„Wollen Sie auch eine?“
Karla schüttelte den Kopf. „Ich hab Sie was gefragt! Sind Sie Lina Sambeth?“
Die Frau zündete sich eine Zigarette an. „Ja. Was stört Sie daran? Und was Ihr Problem mit diesem Jungen betrifft – wir können für ihn nur etwas tun, wenn er freiwillig zu uns kommt. Verstehen Sie? Wenn wir so einem mit Zwang kommen …“
„Geben Sie mir jetzt doch eine Zigarette.“ Karla setzte sich wieder. Sie nannte den Namen der kleinen Stadt auf der Schwäbischen Alb, auch die Namen von Mutter und Vater.
Die Frau gab Karla Zigarette und Feuerzeug und war nun auch aus der Fassung gebracht. „Was haben Sie mit denen zu tun?“
„Das frage ich Sie!“
„Schon lange nichts mehr. Wobei – was geht Sie das überhaupt an?“
„Aber das Haus, wie kommen Sie dazu, Ansprüche darauf zu stellen?“
„Und wieso wollen Sie das alles wissen?“ Die Frau sah Karla an, das Grün ihrer Augen wurde trüb. Wie ungefilterter Wein von Treber.
Sag es ihr nicht! ermahnte sich Karla. Es ist besser, wenn sie nicht weiß, daß ich weiß … „Weil ich … die Tochter der Wandels bin.“
Erst denken, dann reden – wie oft hatte ihre Großmutter das gesagt. Nun hatte sie sich sogar mal daran gehalten. Aber was hatte es genützt?
„Jetzt, wo Sie es sagen … Ja, da ist eine Ähnlichkeit. Was es aber auch für Zufälle gibt! Denn der Anruf eben …“ Lina Sambeth stand auf, um die Tür zu öffnen. Nicht nur der Qualm zweier Zigaretten hatte die Luft dick gemacht. „Ich bin meinen Job los. Ab sofort. Sparmaßnahmen.“
„Was wollen Sie mit meinem Haus?“ insistierte Karla barsch.
„Was wollen Sie denn damit?“ Lina Sambeth verschränkte die Arme, fast mitleidig sah sie Karla an, aus inzwischen wieder weniger trüben Augen. „Reine Sentimentalität, vermute ich. Wie bei mir. Bloß, weil Martin mir damals etwas geben wollte. Irgendwas. Und was hatte er schon? Bestimmt ging es ihm nur darum, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Wenn einem nach sieben Jahren so plötzlich wieder einfällt, daß er schon eine Familie hat …“ Lina Sambeth setzte sich wieder.
Die Luft von der Yorkstraße draußen war bestimmt nicht besser als die im Raum, und kalt wurde es auch. Karla spürte in ihrem Kopf ein Kartenhaus, das eben in sich zusammenfiel. Und zwar in dem Moment, als diese Lina von den sieben Jahren sprach. Es waren, erst jetzt begriff Karla es, die magischen Jahre ihres Lebens. Ein schwarzes Loch, aus dem ihr immer wieder bunte Bilder aufstiegen, Träume, Möglichkeiten. Ein Bodensatz, von dem sich ihre Phantasie nährte, seit, ja, seit sie denken konnte. Die Jahre, in denen ihr Vater verschwunden war, in einem Geheimnis, für das Karla ihn liebte, das damals schon den gehässigen Spott der anderen erträglich sein ließ, das sie versöhnte mit der Gewöhnlichkeit, auf der er, die Mutter, alle, nach seiner Rückkehr bestanden.
„Ich könnte deine Mutter sein, weißt du das? Ich müßte es eigentlich sein.“ Jedes Wort eine spitze Nadel, wollte Lina das so?
„Gar nichts weiß ich!“ Und ich will auch nichts wissen. Ich will, daß sie mir diesen sieben Jahre läßt, wie sie waren. „Und wie reden Sie von meinem Vater? Sie tun ja, als hätten Sie ihn gut gekannt!“
„Hab ich ja auch.“ Linas Gesicht verschwand hinter dem Qualm einer weiteren Zigarette. „Einen Monat lang, vor seiner Heirat. Und später dann sieben Jahre …“
Karla hatte genug, sie stand auf. Die Zigarette warf sie in den Aschenbecher, ohne sie auszudrücken. Draußen auf der Straße holte sie tief Luft. Ihr war so schlecht, daß daran nicht das bißchen Nikotin schuld sein konnte. Erst rannte sie, dann ließ sie sich treiben, mit dem Gefühl, aus allem herausgefallen zu sein. Aus diesem Tag, aus dieser Stadt, aus der Zeit. Aus sich selbst.

Alikan, Paul, Johannes, Georg Knoblich. Sie saßen alle in Karlas Küche, als sie wieder zu Hause war. Alikan spielte den Gastgeber, er hatte wieder mal Pfefferminztee gekocht. Ansonsten herrschte Schweigen unter den Vieren. Jedenfalls solange, bis Karla unter der Küchentür stand.
„Hab ich es doch gewußt! Du bist nicht so fies und gehst zur Polizei!“ Alikan sprang auf, wie ein kleiner Hund, der sein Herrchen begrüßt, berechnende Ergebenheit im Blick.
„Wenn du das hier unterschreibst, bin ich schon wieder weg.“ Knoblichs Baß übertönte Alikan mühelos. Er wedelte mit einem Formular. „Morgen ist Einsendeschluß bei der IKA.“
„Entweder du kommst gleich mit in ein Studio, oder du gibst mir wenigstens eines von deinen Demo-Bändern. Der Plattenproduzent ist schon ganz heiß.“ Johannes sprach leise, aber sehr bestimmt über Knoblich hinweg.
„Wirf diese Leute hier endlich raus“, verlangte gleichzeitig Paul. „Ich muß mit dir reden, dringend. Mir ist da einiges klar geworden …“
Karla war gar nichts mehr klar. Aber daß diese Invasion von Menschen in ihrer Küche eine Unverschämtheit war, das stand fest. Sie ließ alle vier noch eine Weile durcheinander reden, das Plätschern gleich mehrerer Wasserfälle, Steinschläge auf einer morastigen Straße.
„Raus“, sagte sie dann.
Leise genug, daß die anderen schwiegen. Einer sah den anderen an, triumphierend – jeder fühlte sich mit diesem Rausschmiß nicht gemeint.
„Raus, und zwar alle. Und sofort.“ Karla ging zur Haustür, öffnete sie.
Es dauerte noch einen Moment, bis die vier in der Küche begriffen, daß wirklich jeder von ihnen gemeint war. Stühle wurden gerückt, Knoblich verließ die Küche als erster. Dahinter Johannes, Paul, und Alikan legte den Weg durch den Flur gleich mehrfach zurück, eine Maus, die nicht weiß, ob sie die Falle fliehen soll oder sie sucht. Alle versuchten, einen Blick Karlas zu erhaschen.
Aber die starrte ins Nichts, wartete wortlos, bis auch Alikan draußen war. Dann warf sie die Tür zu. Sie riß alle Fenster auf, schleppte die Stühle aus der Küche, die dorthin nicht gehörten. Als sie sah, daß auf dem Küchentisch alles bereitstand, was man für eine Quiche brauchte, der Lauch so haarfein geschnitten, wie es von den Vieren nur Knoblich zustande brachte, war ihr die eigene Küche zuwider. Sie kippte die Masse aus Sahne und Eiern in den Ausguß, stopfte Mürbteig und Lauch in eine Plastiktüte und trug alles sofort raus zum Mülleimer.
Aber die Wohnung war noch immer nicht wieder ihre geworden. Sie schlüpfte aus dem Mantel, den sie immer noch trug. Das fremde Gefühl blieb. So zog sie ihn wieder an, ging. Es hatte zu regnen begonnen, und auf dem kurzen Weg zur Treberhilfe wurde sie naß bis auf die Haut.

„Das hab ich mir gedacht, daß du wiederkommst.“ Linas Büro war voller Zigarettenqualm. Der Schreibtisch aber war aufgeräumt. „Nur deshalb bin ich noch hier. Na ja, und weil ich warten muß, bis jemand mich ablöst.“
„Wenn Sie wirklich die sind, die … Ich möchte wissen, womit Sie Ihren Anspruch auf das Haus dort begründen.“ Karla fror so, daß sie sich beherrschen mußte, nicht mit den Zähnen zu klappern.
Eine andere Frau stürzte ins Zimmer und gleich auf Lina zu. „Das tut mir jetzt wirklich leid, daß du warten mußtest! An deinem letzten Tag hier wollte ich wirklich pünktlich sein. Aber du weißt ja, wie das ist …“
„Mach nicht solchen Wirbel, du kommst doch immer zu spät“, fiel Lina ihr ins Wort. „Karla, können wir nun?“
Karla machte der vertrauliche Ton wütend. Aber sie trottete Lina dann doch hinterher, bis zu dem Auto auf der anderen Straßenseite.
„Warst du dabei, als er gestorben ist?“ Es schüttete inzwischen, Lina wurde so naß, wie Karla es längst war.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie fragte, ließ Karla den Kopf schütteln und wieder mal reden, ohne daß sie es wollte. „Auch nicht bei meiner Mutter. Sie starb ein Jahr nach ihm. Aber das interessiert Sie wohl nicht.“
Lina lachte. „Das wäre übertrieben. Ich hab sie ja gekannt. Und Eifersüchteleien … Na ja, das hab ich schon lang hinter mir.“
„Ich will nicht wissen, was er getan hat und wo, während der sieben Jahre!“ Karla schrie. „Und schon gar nicht von Ihnen will ich das erfahren!“
„Ich war aber dabei. Es war … im Grund nichts Besonderes. Nur eine gute Zeit. Aber er wollte dann doch zurück …“
Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde Karla schlecht. Sie hörte wieder, was damals im Dorf getuschelt worden war, erstickte fast an den Fragen, auf die man ihr jede Antwort verweigert hatte, sah die Fahndungsfotos vor sich, die späten siebziger Jahre machten solche Kleinstädte noch dumpfer als sonst. Heftiger denn je wünschte sie sich, daß alles so sei, wie sie es sich als Kind zusammengebraut hatte, aufregend und geheimnisvoll und fremd. Nur so paßte das in die Familienlinie, beim Koch für den Kaiser samt Attentat angefangen. Es mußte vage bleiben, damit es wirklich blieb. Alles, bloß nicht das, was diese Frau daraus machte.
„Sie hatten also eine ganz banale Affäre mit meinem Vater? Mehr ist nicht passiert in diesen sieben Jahren?“ Woher ihr diese Frage kam, ärgerlich passend, ganz so, als sei sie an einem Gespräch interessiert, Karla wußte es nicht.
Lina fingerte nach ihrem Autoschlüssel. „Wenn du es unbedingt so nennen willst … Nein, mehr nicht. Steigst du jetzt ein?“ Bestimmt war es nur Regen in ihrem Gesicht.
„Zu Ihnen? Niemals!“
Lina rief ihr noch etwas hinterher, es wurde von wütendem Hupen übertönt, Bremsgeräuschen. Aber da war Karla schon auf der anderen Straßenseite. Die Tränen in ihrem Gesicht sahen aus wie vom Regen.

9. Kapitel

„Blut, meinetwegen!“
Karlas Haare leuchteten röter als sonst, als sie die weiße Kochmütze darüber zog. Die war während des Gesprächs mit dem Chef von ihren Händen bearbeitet worden und entsprechend zerknittert.
Knoblich nahm alles zusammen als Verzweiflung. „So eng mußt du das ja nicht unbedingt sehen. Wörtlich meint das heutzutage ja keiner mehr. Nimm Schokolade, das kommt farblich gut hin, wirkt sich ähnlich verdickend aus auf jede Konsistenz, und süß ist Blut doch auch!“
Er meinte es gut, und ein schlechtes Gewissen hatte er sowieso. Denn daß der Zorn des Chefs nun ganz allein Karla traf … Gut, an jenem Abend war es wirklich sie gewesen, die alles verpatzt hatte. Ausgerechnet an jenem Abend hatte ein beruflicher Esser das Restaurant heimgesucht, und seiner kritischen Zunge war nichts entgangen. Daß Karla aber auch gerade da einen Fehler nach dem anderen gemacht hatte, an sämtlichen Töpfen gleichzeitig, und dann auch noch ohne ihre sonstige Gabe, alles im letzten Moment doch irgendwie wieder zu retten – es war Künstlerpech.
Knoblich kannte dergleichen gut, gerade Paula hatte ihm in der letzten Zeit in solchen Situationen oft genug beigestanden. Mit einem Unterschied – er hatte sich helfen lassen, sie an jenem Abend nicht. Vielleicht, rechtfertigte sich Knoblich, war gerade der Rüffel von ganz oben nötig, damit auch sie endlich lernte, wo ihre Grenzen waren. Der Chef jedenfalls hatte getobt, mehr noch, als Karla nicht einmal versucht hatte, sich herauszureden. Künstlerpech, hatte sie gesagt – und gelacht. Sogar vor dem Chef. Der hatte die Küche wortlos verlassen und Karla zu einem der allseits gefürchteten Gespräche unter vier Augen einbestellt.
Nein, beruhigte sich Knoblich, mehr hatte er nicht für sie tun können, und im Grund war es zu ihrem Besten, eine Chance. Es war auch nicht leicht gewesen, ihre nachträgliche Anmeldung durchzusetzen. Dem Chef hatte er ihre Teilnahme am Kochwettbewerb als Strafe dargestellt, eine Art Bewährungsprobe. Wenn es ihr gelang, unter so großer Konkurrenz aus aller Welt den Ruhm des Hauses zu mehren …
„Nein, Blut pur, keine Schokolade!“ bewies Karla den üblichen Dickschädel. „Das wäre nur Ersatz. Und was ich davon halte …“ Ihr vernichtender Blick sprach Bände. Im übrigen tat sie, als existiere Knoblich gar nicht, schob sich an ihm vorbei ins Büro und telefonierte mit Fleischlieferanten.
Knoblich war gar nicht wohl, als er sah, mit welchem Furor Karla sich der Aufgabe des Kochwettbewerbs stellte. Mußte sie denn immer gleich so übertreiben?
„Blut, ja!“ Ihre Stimme klang metallisch, selbst in Metzgereien löste die Frage regelmäßig Befremden aus, Räuspern und Schweigen, als sei sie obszön geworden. Tatsächlich wurde sie, je öfter sie ihre Frage stellen mußte, einfach nur wütend.
„Blut, Sie wissen schon, das, was quillt, solange das Fleisch noch nicht tot ist, was es straff hält, zum Schwellen bringt, was auch bei Ihnen fließt, wenn Sie sich schneiden!“ Sie war aggressiv und genoß es. Und wenn sie dann noch anschloß, mit kühlraumtemperierter Stimme, sie brauche das Zeug nicht tröpfchenweise, sondern in Litern bemessen, von Hühnern, von Schweinen, von Wild, und möglicherweise für eine gewisse Zeit täglich, außerdem müsse es frisch sein, am besten noch warm …
Jeder, der das mit anhörte, bekam es mit der Angst zu tun, nicht nur Knoblich. Vor allem die aus der Brigade, die sie beim Wettkochen unterstützen sollten. Da niemand sich freiwillig meldete, traf Knoblich die Entscheidung. Der Unmut, den er damit auf sich zog, trug deutlich zur Minderung seines schlechten Gewissens bei.
Ein Teil der Großküche unterstand ab sofort allein Karla, für die Zeit, die der Chef zur Vorbereitung auf den Wettbewerb für angemessen hielt. Ein Labor, das über dem blutigen Ernst, mit dem Karla zur Sache ging, rasch zur Hexenküche wurde. Ihre grimmige Entschlossenheit war kaum zu ertragen.
Für sie selbst ja auch nicht. Will ich das überhaupt? fragte sie sich, während sie nach Rezepten fahndete, in den Bibliotheken der Stadt, bei Kollegen, im Internet. Warum lag ihr so viel daran, nicht gefeuert zu werden oder eben auch wieder zur Küchenhilfe degradiert? Sie ahnte doch, daß sie es genau darauf angelegt hatte, von Anfang an. Genau genommen hätte die Kündigung da nur ins Konzept gepaßt. Genau genommen aber paßte derzeit einfach gar nichts, vielleicht deshalb kam ihr das mit dem Blut jetzt genau recht.

Ein paar Tropfen Essig, damit fing es immer an. Die mußten rein, gleich nach dem Schlachten, dem Abfangen, damit das dampfende Zeug nicht gerann. Von Schwein und Wild bekam Karla es endlich doch von einem Schlachter, Hühnerblut besorgte sie sich selbst, auf einer biologisch-dynamisch geführten Farm in der Nähe der Stadt. Essig und Blut, Karla dämmerten biblische Zusammenhänge, aber ein Chemiker erklärte ihr den Vorgang ganz nüchtern, eine Kettenreaktion, die sofort oder nie gestoppt werden konnte und nur durch die Säure von Essig.
Immer war Blut geflossen beim Schlachten, und in alten Kochbüchern wußte man auch noch, was damit anzufangen sei. Blutwurst, entdeckte Karla, war auf der ganzen Welt zu Hause, auch wenn es regionale Varianten gab, bis hinauf zum Polarkreis. Dort hieß die gesäuerte Schafsblutwurst mit Zucker „Blodmör“, als eine der großen Erfindungen der Zivilisation pries das zu Wurst gewordene Blut ein Puddingrezept, das aus Großbritannien stammte – in Spanien, Italien und sogar Frankreich war man derselben Meinung. Oder es doch einmal gewesen.
„Ich halte den Geruch nicht aus!“ stöhnte Oliver, der zu Karlas Experimentierbrigade gehörte. Wie immer, hatte er zuerst versucht, sich ins Dozieren zu retten, Blut, dieser ganz besondere Saft … Aber das verging ihm rasch als blutleere Theorie, als Karla ihn an einen der Töpfe beorderte.
„Dann halte dir eben die Nase zu“, riet sie ihm kalt. „Mit der einen Hand. Mit der anderen – vergiß nicht zu rühren!“ Sie versorgte ihn mit den Gewürzen für ein Grundrezept, Salz, Pfeffer, Piment, Nelken, alles fein gemahlen, dazu noch Majoran – und Ingwer, versuchsweise.
Denn Karlas Plan war – und sie ging derzeit planmäßig vor wie noch nie -, sich mit eigenen Erfindungen vorerst zurückzuhalten. Erst einmal nachkochen, was immer gewesen war, Neuerungen dann Schritt für Schritt.
Sie spürte Kombinationen auf, mit Ananas, mit Rhabarber, mit Äpfeln. Klar, mit Sauerkraut auch. Mit weißen Bohnen in Spanien, in Italien kamen unvermeidlich Tomaten mit ins Spiel. Das Ergebnis, mal in Därme gefüllt, mal in Terrinenform, mal puddingweich, mal schrumpelig hart, gelegentlich geräuchert sogar, wie die Schwarzwürste, wie ihr Vater sie geliebt hatte – das Ergebnis mußte vor allem eines sein: schwarz. Tiefschwarz, und wenn Speckwürfel mit im Spiel waren, auch die.
Nicht nur Oliver beschwerte sich, auch Karlas übrige Helfer über den Blutwursttöpfen schimpften erst leise, dann laut. Zum ersten Mal erlebte es Karla, wie es war, von Gegnern umgeben zu sein. Doch sie – hatte Blut geleckt und ließ nicht mit sich reden.

Auch außerhalb der Küche nicht. Als habe sie über der Beschäftigung mit Blutwürsten die Freuden der Bösartigkeit entdeckt, ging sie keinem Streit aus dem Weg. Auf einem Zettel teilte sie Pluntke mit, sie habe keine Zeit mehr, sich um den Dreck seiner Mieter zu kümmern. Wie hoch die Miete für die Remise ohne Sklavenarbeit sei?
Er tobte, betätigte nicht die Klingel an ihrer Tür, sondern hieb mit seinen Pranken dagegen.
„Ja?“ Sie öffnete, daß sie einen Bademantel trug, war reine Berechnung. Ihr eisig herablassendes Lächeln auch. „Nicht so laut! Denken Sie an ihre Mieter!“
Mehr als ihre nackten Füße sah er gar nicht, doch es reichte, um ihn prompt zu verunsichern. „Hören Sie, wir können doch über alles reden! Bisher hat doch alles prima geklappt! Und Sie wissen doch, die Remise ist nun mal an die paar Reinigungsarbeiten gekoppelt.“
„Sie stand lange leer, bevor ich einzog“, erinnerte ihn Karla. „Sagen Sie mir einfach, wieviel Sie dafür wollen. Wenn nicht, ziehe ich eben aus. Wohnungen sind derzeit überall zu haben.“
„Aber gerade jetzt!“ Er ließ ihre nackten Füße mit den blutrot lackierten Zehennägeln nicht aus dem Blick. „Und so von heute auf morgen! Woher krieg ich auf die Schnelle eine Firma, die Ihren Job macht? Und die Miete, also das Doppelte müßte ich schon …“
„Das Doppelte also, abgemacht!“ Karla warf die Tür zu. Wie einfach das Leben wurde, wenn man nur endlich ein paar Höflichkeitsformen vergaß!
Sie hörte, wie Pluntke weg schlurfte, ein paar Mal stehen blieb und endlich in einem anderen Mieter, der auf den Hof kam, ein Ventil für seinen Ärger fand. „Hab ich Ihnen nicht tausendmal gesagt, Altpapier gehört nicht in diese Tonne? Noch nie was von Mülltrennung gehört? Macht hier denn jetzt jeder, was er will?“
Ich jedenfalls schon, dachte Karla und saß dann ziemlich zufrieden in der Badewanne. Das tat sie nun täglich, anders wurde sie einfach den Blutgeruch nicht los. Und sie entdeckte, daß es sich im warmen Wasser ziemlich gut nachdenken ließ.
Über Paul zum Beispiel. Der redete neuerdings auf etwas undurchsichtige Weise von Liebe. Zumindest verstand es Karla so, wenn er immer wieder einmal von einer leer stehenden Wohnung wußte, davon sprach, wie sie umzubauen sei, gar kein Problem für ihn, und alles so, wie sie beide es brauchten. „Und die Küche ganz nach deinen Wünschen, das wird dein Reich sein!“
Vielleicht merkte er ja wirklich nicht, was er da vorschlug. Natürlich war er kein Mann, der eine Frau an den Herd schickte. Und dummerweise stand Karla ja schon dort.
Sie war kaum aus dem Bad, als er vor der Tür stand, mit Blumen. Mohnblüten, gaukeliges Weiß, Gelb und Rot, sie hatte ihm mal gesagt, wie sehr sie die mochte. Doch das war schon längere Zeit her, wie so manches – mit einem Mal erinnerte er sich wieder daran, und für Karla war es ein weiterer Beweis.
Aber es waren Beweise zur falschen Zeit. Ja, es hatte Phasen gegeben, da wären sie ihr recht gewesen. Kurz nach der Fahrt auf die Schwäbische Alb, sie hatte an etwas wie Liebe lieber nicht denken wollen, doch wenn – es wäre darauf hinausgelaufen. Wenn er da nicht von seinen Bindungsängsten gesprochen hätte, von Freiräumen, die für ihn unabdingbar seien, wenn er die Dinge einfach hätte geschehen lassen, wenn …
„Wenn du Zeit hast, wir könnten essen gehen?“ schlug er jetzt vor.
Karla drehte den Kopf beiseite, so streiften seine Lippen nur ihre Wangen. Eindeutig zu viele Wenns, dachte sie und ging in die Küche.
Ja, wieder einmal in die Küche. Denn Karla war vorbereitet auf diesen Besuch, sogar auf die Blumen. Sie ahnte, was kommen sollte. Aber sie wollte das nicht, nicht jetzt. Vielleicht überhaupt nicht. „Ich dachte, wir essen hier eine Kleinigkeit.“
„Oh, Kalbsleber!“ kam Paul erfreut hinterher. Er nahm es eindeutig als Versprechen. Denn Kalbsleber aß er besonders gern, zweimal schon hatte Karla sie zubereitet, genau so, wie er es liebte, nur ganz sanft gebraten, mit Apfelringen, einem buttrigen Kartoffelbrei, und er hatte ihr auch erzählt, welche Erinnerungen er damit verband, an Kindheit natürlich. „Kann ich dir helfen?“
„Kümmere dich um die Blumen, den Rest erledige ich.“ War er zu dumm, den Affront zu begreifen, der in ihrer Antwort lag? Zu sicher, auf dem richtigen Weg zu sein?
„Morgen können wir uns die Wohnung ansehen.“ Er überlegte genau, welche Vase die Richtige sei. „Du wirst begeistert sein. Direkt am Kanal gelegen, einige Wände lasse ich rausreißen, und dann …“
Ein paar Mal war Karla in seiner Wohnung gewesen, nicht sehr oft. Sie lag ziemlich weit draußen, vor allem nachts dauerte es ewig, bis man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Weißensee kam. Doch einige Male war es reizvoll gewesen, gerade weil es im Grund gar keine Wohnung war, nur ein Freiraum im Nirgendwo, den sie problemlos füllten – mit Sex und sonst gar nichts, wie sie einander beteuerten. Zufällige Möbel standen in zufälliger Anordnung herum, alles improvisiert, eine Übergangslösung, wie er verlegen erklärt hatte. Der einzige persönliche Gegenstand darin hatte Karla anfangs erschreckt – auf dem Bett, einer Matratze auf dem Boden, ihrem wichtigsten Aufenthaltsort, lag ein abgegriffener Stoffhund. Paul war das nicht einmal peinlich gewesen, und Karla hatte es dann als doch eher liebenswerte Marotte genommen. Ein Mann, der zu seinen Schwächen stand.
Später schrieb sie diese Einschätzung dem zeitweiligen Durcheinander ihres Hormonhaushalts zu, und sie sagte sich, Paul sei einfach zu jung.
„Du hast doch Zeit morgen?“ Paul hatte inzwischen eine Vase gefunden, mit der er zufrieden war. „Danach geht es bei mir nämlich nicht mehr. Ein ziemlich großes Projekt. Ich will lieber noch nicht darüber reden. Erst, wenn ich den Vertrag in der Tasche habe. Aber dann!“
Er trat hinter Karla, umschlang sie mit den Armen, die Nase vergrub er in ihrem roten Gekraus.
„Wir können gleich essen“, schüttelte Karla ihn ab. „Deckst du schon mal den Tisch?“ Der Topf, in dem sie rührte, enthielt etwas nahezu Schwarzes, sehr Dickflüssiges.
Paul klapperte mit den Tellern und sprach schon wieder von dieser Wohnung am Kanal, ganz selbstverständlich, als sei das alles vereinbart. Und in Karla blubberte die Wut wie die Sauce im Topf. Nein, von Liebe sprach er nicht. Nicht direkt, und genau das ärgerte sie so. War er sich zu fein dafür, die üblichen Worte in den Mund zu nehmen? Fiel das bei ihm unter die Rubrik Kitsch? Begriff er nicht, daß bestimmte Sätze einfach sein mußten? Sätze wie – ich habe Hunger. Ich bin durstig. Ich liebe dich.
„Das riecht heute so anders als sonst“, fiel ihm nun immerhin auf. „Welchen Wein trinken wir dazu?“
Wortlos wies Karla auf eine Flasche. Dann richtete sie die Teller an. Die Leber, in Streifen geschnitten, türmte sich gleich einem Scheiterhaufen auf schwarzsamten glänzendem Grund. Rosinen schimmerten hervor, prall bis zum Platzen, und darüber streute Karla noch das Hoffnungsgrün von feingeschnittener Minze.
„Oh, als Vorspeise eine Überraschung?“ Paul war in seiner arglosen Zuversicht fast schon rührend.
„Weißbrot schmeckt am besten dazu.“ Karla setzte sich auch, griff nach dem Rotweinglas. Sie lächelte Paul an – genau so, wie er es mochte.
„Verrätst du mir auch, was das ist? Es riecht …“ Er wagte keine Festlegung.
„Es ist Leber, wie angekündigt.“
„Aber …“ Er schluckte. „Das sieht heute ganz anders aus.“ Er selbst mit einem Mal auch. Wie ein Kind, fest überzeugt zu wissen, daß im Frühjahr die Blätter sprießen. Und sie nun statt dessen verdorren sah.
„Es ist auch ganz anders.“ Karla war die Liebenswürdigkeit in Person und gar nicht mehr vorrangig wütend. Sie entdeckte – das war ein Test. Und wenn er den nun bestand, wer weiß, vielleicht war ja doch noch alles möglich. „Du weißt doch, ich wiederhole mich ungern beim Kochen. Jetzt probier doch endlich! Es ist ein ganz neues Rezept. Das hat noch nie jemand gegessen!“ Etwas wie Premierenfieber packte sie.
„Ich hatte mich so auf die Kalbsleber gefreut.“ Enttäuscht griff Paul zu Messer und Gabel.
„Aber es ist Kalbsleber!“ machte Karla ihm Mut.
„Aber nicht die, die ich …“ Endlich spießte er etwas auf seine Gabel, schob sie in den Mund, kaute.
„Und?“
„Na ja. Wie gesagt, ich hatte mich auf Kalbsleber gefreut. Und diese Sauce … Nicht schlecht, nur eben nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Was ist da eigentlich drin?“
„Was schmeckst du?“ Karla war so stolz auf ihre Kreation, daß sie ihm noch eine weitere Chance gab.
„Schwer zu sagen.“ Er stippte ein Stück Weißbrot in den dunkelsämigen Saft und sah sehr unglücklich aus. Daß Essen auf diese Weise in Arbeit ausartete, mochte er nicht. „Ein bißchen süß. Aber auch scharf. Und Safran?“
Sie nickte.
„Schokolade?“ Eigentlich erschien ihm das absurd, aber er war schon manches von ihr gewöhnt.
„Falsch!“ Wie ein Kind freute sie sich an dem Ratespiel. „Versuch es noch mal.“
Er hatte keine Lust mehr. „Ich dachte, wir essen hier. Nun sag schon. Die Leber ist immerhin zart.“
„Blut“, spielte Karla da ihren Trumpf aus – Paul nämlich hatte verspielt. Mit dieser kindlichen Haltung, immer dasselbe auf dem Teller haben zu wollen, Leibspeise war ein Wort, daß sie haßte.
„Was hast du gesagt?“
Er wollte nicht richtig gehört haben. Als Karla sich weigerte, sich zu wiederholen, begriff er dann aber doch. Und hatte plötzlich keinen Hunger mehr, sondern einen dringenden Termin. Stand auf, murmelte noch mal etwas von einem großen Projekt, ging. Ohne jeden Versuch, sie zu küssen.
„Na also!“ Zuerst verspürte Karla etwas wie Triumph. Es hatte geklappt, sie hatte ihn in die Flucht gekocht, seine Sehnsucht nach dem immer Gleichen nicht erfüllt. Vielleicht kapierte er nun endlich, daß das bei ihr nicht zu haben war?
Endlich begann sie zu essen. Doch es schmeckte ihr nicht, die Sauce war kalt geworden und darüber fast zäh, die gestückelte Leber wie Gummi. Heiß war, was über Karlas Gesicht lief. Gut, er hatte den Test nicht bestanden. Aber hatte sie das wirklich gewollt?
Sie verließ die Küche und beschimpfte sich selbst. Wieso hatte sie alles nicht in der Schwebe lassen können? Manches sprach doch auch für Paul. Immer dieses Bedürfnis, die Dinge zu klären, und garantiert zur falschen Zeit! Gerade jetzt, wo sie wegen des Wettbewerbs so unter Druck stand, Paul wäre da zur Entspannung ganz nett. Selbst wenn er weiter nach Wohnungen suchte, sie hätte doch gar nicht darauf eingehen müssen! Noch fand sie es in ihrer Remise ganz angenehm.
Und in dieser Remise befanden sich, so entdeckte sie jetzt, als sie heulend umher ging, fast schon mehr Dinge, die ihm gehörten als ihr. Während er mit Abwesenheit glänzte, nistete er sich doch bei ihr ein, und sie, die nicht hatte kleinlich sein wollen, hatte wieder mal nicht rechtzeitig daran gedacht, sich dagegen zu wehren. Sie heulte noch eine Weile, aber nun doch wieder aus Wut. Auf Paul. Nur gut, daß er gegangen war! Und daß es möglich war, jemanden so leicht in die Flucht zu kochen, das wollte sie sich merken, fürs nächste Mal!

Auch wenn alle anderen die Nase rümpften, der Blutgeruch im Küchenlabor war ganz nach Karlas Geschmack. Sie glaubte, die Sache jetzt so weit verstanden zu haben, daß sie zu experimentieren begann – kein Blut im Schuh, aber im Pfeffer, in dem der Hase lag, zusammen mit Wacholder, Thymian, Rotwein.
Interessant erschien ihr auch ein Rezept aus Italien, aus Piemont – Sanc rusti hieß es. Sie rätselte, ob dieses „sanc“ eine Kurzform von sanguinaccio war, wie dort die Blutwurst heißt, oder eine regionale Variante von Heiligem – wobei, sie stieß ein grimmiges Lachen aus, beides paßte ja gut zusammen, floß nicht regelmäßig Blut, sobald angeblich Heiliges ins Spiel kam? Das mußte also kein Widerspruch sein. Für den sorgte zur Not das zweite Wort, „rusti“ bedeutete derbe, ländlich, und es waren ja auch Landarbeiterinnen auf den Reisfeldern gewesen, denen schiere Armut einst geraten sein ließ, nichts zu verschwenden, was beim Schlachten entstand. Höchstens Geflügel kam ihnen unters Messer, und deren Blut mischten sie mit Bröseln von Weißbrot, mit Parmesan, Olivenöl, Zwiebeln, Pfeffer und Salz. Eine Weile in Vergessenheit geraten, wurde dieses die Armut notdürftig heilende Gericht inzwischen in den Nobelrestaurants der Provinz Novara aufgetischt. Karla gab noch Rosinen dazu, Pinienkerne, mit beiden Händen steckte sie in dem klebrigen Blutteig, formte kleine Plätzchen daraus, die sie auf kleiner Flamme zum Stocken brachte.
Was dabei entstand – die anderen kosteten nur auf Befehl, verzogen keine Miene, enthielten sich jeden Kommentars. Karla selbst fand es nicht schlecht. Aber natürlich, es konnte noch besser werden. Genau wie das einst – bevor erst der Bürgerkrieg eine Soldatenküche kommun machte, später die Bewunderung für den Nachbarn im Norden fast food – in Mexiko zubereitete Kaninchen, tagelang blubberte die Blutsauce vor sich hin, hier kam tatsächlich auch noch Schokolade ins Spiel, und Chilischoten sorgten für den süßscharfen Kontrast.
Oliver hatte sich inzwischen halbwegs an das Rühren in Blutbädern, wie er feixte, gewöhnt. Also schimpfte er auch wieder. „Blublub, wonach klingt euch das denn? Blut und Boden, klar, und was sagt uns das? In welche Steinzeit kochen wir uns eigentlich zurück? Fällt euch nicht auf, daß wir hier dauernd … Dialekt kochen?“ Er grinste Karla herausfordernd an. „Die berühmten bodenständigen Speisen. Und das im ersten Haus am Platz!“
Karla sagte nichts darauf, sie überhörte auch das zustimmende Gelächter der anderen. Mit Blut zu kochen – ihre Idee war das schließlich nicht gewesen. Und natürlich waren die Vorbilder Speisen, die oft unter dialektgefärbten Bezeichnungen überlebt hatten und immer wieder mal in den Rang regionaler Spezialitäten erhoben wurden. Diese nun zu globalisieren, der muffigen Dörflichkeit zu entreißen, erhob Karla sich zum Programm. Und ihre kleine Brigade hatte sich zu fügen, basta. Denn solange dieses Experiment währte, war sie hier der Chef, entschlossen, mit dem Inhalt all der Töpfe sich einen ersten Platz zu erkochen. Mindestens.

Paul blieb weg, sie redete sich ein, das habe sie so gewollt. Einer wie er kam irgendwann schon wieder, im Moment hätte er sowieso nur gestört.
Anders verhielt es sich mit Lina Sambeth. Nach dem ersten Schreck wollte Karla nun doch mit ihr reden. Im Telefonbuch fand sie gleich fünf Einträge auf den Namen, bei vieren rief sie an und war falsch verbunden. Und wenn sie die fünfte Nummer wählte, nahm dort nie jemand ab.
Blieb nur der Weg zur Treberhilfe. Gern ging Karla dort nicht hin. Das hatte mit Alikan zu tun – auch er ließ sich nicht mehr blicken. Ja, sie war ihn losgeworden. Aber irgendwie war ihr das nun doch nicht recht. Und mit dem Kleinen war auch ihr Saxophon verschwunden. Es konnte kein Zufall sein, daß beides gleichzeitig geschah. Und nichts als ärgerlich, daß sie nun einem Dieb hinterher trauerte, einem, dem bei aller Kindlichkeit einfach nicht zu trauen war, ein hinterhältiger, verschlagener Strolch …
Ihre stumme Schimpflitanei verkürzte ihr den Weg. Erstaunt sah sie Anzeichen von Frühling. Hier und da ein Krokus, sogar zwischen Müll leuchtete es gelb und violett hervor. Die Forsythien waren drauf und dran, in ihr schrilles Gelb zu platzen. Manche Cafés hatten schon Tische auf den Bürgersteig gerückt, und etliche Hauptstadtbewohner zeigten sich abgehärtet genug, um dort ihren Kaffee zu trinken.
„Lina? Nein, die arbeitet hier nicht mehr“, erfuhr Karla, als sie am Ziel war.
Das hatte sie schon gewußt.
„Ihre Stelle ist doch gestrichen worden“, sprach die Frau weiter. „Weil sie doch nur noch halbtags wollte, und das in diesen Zeiten! Na ja, mich geht es nichts an …“
„Wissen Sie, wo sie wohnt?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Sie wollte doch umziehen. Und gemeldet hat sie sich hier nicht mehr. Was man ja auch verstehen kann, obwohl, nach all den Jahren, und wir sind doch Kolleginnen gewesen …“
Karla ging wieder, sie fragte sich, wie das möglich sei, daß jemand wie vom Erdboden verschluckt war. Lina Sambeth hatte anscheinend die Fähigkeit, zum Phantom zu werden. Was sie auf eine Weise mit ihrem Vater verband, die Karla zur Raserei brachte.
Ich will nicht, daß es diese Frau war, hämmerte es in ihrem Kopf, lieber soll er was mit den Terroristen zu tun gehabt haben, nichts richtig Schlimmes natürlich, aber … Es wäre gar zu jämmerlich, nur irgend eine Frau, nichts als eine Affäre, und danach nur noch die Pleite mit dem Restaurant, das Händewaschen am Spülstein …
So lief das in ihrem Kopf, während auch sie lief, ziemlich schnell, kreuz und quer, schon wieder mal ohne ein Ziel. Sie wollte nicht, daß eine wie Lina Sambeth existierte, und sie wollte sie unbedingt finden.
Vor einer Gemüsehandlung in Charlottenburg – im nobleren Teil, in der Nähe der Fasanenstraße – kam Karla zu sich. Denn dort präsentierten sich in unwiderstehlicher Schrumpeligkeit – frische Morcheln. Sofort erwachte Beutegier in ihr, sie mußte die Dinger haben, am besten den ganzen Korb! Während sie nach ihrem Portemonnaie fingerte, um zu überprüfen, ob dessen Inhalt für die seltene Delikatesse ausreichend sei, griff jemand nach dem Korb und verschwand damit im Laden.
„Halt! Die will ich!“ Karla schrie so laut, daß andere Passanten aufmerksam wurden.
„Hat man Sie bestohlen?“ fragte jemand teilnahmsvoll. „Ist mir neulich auch passiert, als ich …“
Karla stieß den Mann beiseite, um nur rasch in den Laden zu kommen. „Diese Morcheln, ich …“
„Es sind die Letzten“, sagte der Verkäufer eben zu der Frau. „Ein Schnäppchen, wenn Sie mich fragen, um diese Jahreszeit …“
„Ich nehme Sie!“ mischte Karla sich ein. „Alle!“
Da drehte die Frau sich um und war Lina Sambeth.

„Sie wollen ja gar nichts wissen. Sie wollen, daß alles so war, wie Sie es sich zurecht gelegt haben als Kind.“
Das Körbchen mit den Morcheln stand auf dem Stuhl zwischen Lina und Karla. Es war eines jener Cafés mit rundum verspiegelten Wänden, Karla sah Lina von allen Seiten zugleich. Sich selbst auch, und zum ersten Mal fiel ihr die Ähnlichkeit mit ihrem Vater auf. Lina zeigte sich davon so fasziniert, daß ihr das förmliche Sie, auf dem Karla dieses Mal doch bestand, nur schwer über die Lippen ging.
„Die üblichen Lebenslügen. Bilden Sie sich darauf wirklich was ein?“ Lina gab sich gelassen. Aber wieso rauchte sie dann, eine Zigarette nach der anderen?
„Davon verstehen Sie ja was.“ Karla grinste anzüglich. „Was wären Sie denn ohne den Glauben, mein Vater habe Sie geliebt?“
„Das glaube ich nicht, das weiß ich.“ Linas Lippen wurden schmal.
„Und wieso hat er dann meine Mutter genommen?“
„Weil er da ja schon wußte, daß er mich liebt. Und deswegen natürlich auch.“ Lina rieb Daumen und Zeigefinger aneinander.
Karla haßte sie gleich noch ein bißchen mehr.
„Und weil sie ja aus einer Familie kam, in dem das Kochen schon Tradition hatte.“ Lina sprach leise, fast wie für sich. „Und da er auch Koch war … Er nahm es als Schicksalswink. Außerdem, so eine ganz große Liebe macht Angst. Er wollte seine Vernunft dagegen setzen, um nicht …“
Empörend, wie leichthin diese alte Frau so große Worte in den Mund nahm, in diesem leicht schnoddrigen Tonfall, dem man den langen Aufenthalt in dieser Stadt anhörte. Karla hätte gern gelacht darüber.
„Mit seiner Schwiegermutter“, fuhr Lina fort, „hat er sich ja auch immer ganz gut verstanden. Und ihr gehörte ja die Gaststube, mitten im Dorf. Die Lage hätte nicht besser sein können. Ich hab mich nicht gefreut über seine Entscheidung, aber ich hab sie verstanden. Und wissen Sie“, Lina griff zur nächsten Zigarette, „was ich in den nächsten sieben Jahren gemacht habe? Kochen gelernt …“ Sie lachte glucksend. „Das konnte ich nämlich nicht, und damals … Na ja, alles, was man nicht kann, überschätzt man leicht. Und ich war jung genug, um an Wunder zu glauben. Wenn ich erst gut wäre, dachte ich, richtig gut – dann käme er wieder.“
„Ist der Stuhl hier noch frei?“ fragte jemand und wies auf den Morchelkorb.
„Nein“, zischte Karla, „das sehen Sie doch!“
„Sie können ihn haben.“ Lina stellte den Korb auf den Tisch, zwischen Kaffeetassen und Aschenbecher. „Und als ich dann Kochen konnte und an Wunder nicht mehr geglaubt habe, da kam er wieder.“ Sie lehnte sich zurück, ihr Lächeln war sehr jung.
„Sieben Jahre nur!“ blaffte Karla. „Wenn das alles überhaupt stimmt. Sieben Jahre!“
Lina lachte. „Ja, ich geb es zu, ein märchenhaftes Detail. Ausgerechnet sieben, so eine magische Zahl! Ich habe ihn dann zurückgeschickt.“
„Verstehe. Weil Ihre Liebe so groß war“ mokierte sich Karla.
„Genau.“ Lina war durch nichts aus der Fassung zu bringen. „Ich behaupte ja nicht, daß ich nicht gern noch mehr gehabt hätte. Aber klar war schon, daß unsere beste Zeit vorüber war. Er dachte immer öfter an das Dorf auf der Alb, an seine Verpflichtungen dort – auch an Sie. Er war nicht mehr frei für das Glück, das mir vorschwebte.“
„Jetzt hören Sie endlich auf, hier wie eine Märchentante zu faseln!“ platzte Karla der Kragen. „Erst ist er verantwortungslos, dann wieder nicht, verknallt, aber zu schissig dafür, einer, der nie weiß, was er will – was wollen Sie an so einem denn geliebt haben?“
Lina wußte, daß Karla auch diese Frage nicht ernst meinte. Dennoch antwortete sie. „Alles eben. Auch das, was anderen nicht liebenswert war. Das, was Sie jetzt zu hassen beginnen. Oder immer gehaßt haben und sich gut reden mußten … Einen Vater als Held! Geht das denn wirklich nicht anders?“
„Mir reicht es jetzt.“ Abrupt stand Karla auf. Für ihren Kaffee legte sie ein paar Münzen auf den Tisch.
„Halt, die Morcheln!“ Lina griff nach dem Korb. „Sie können sie haben. Nehmen Sie es als …“
„Von Ihnen nehme ich gar nichts!“ Mit diesem Satz rauschte Karla davon, ein Abgang nach Maß.
So jedenfalls hatte sie sich das gedacht. Draußen aber sah das anders aus, gar nichts mehr sah sie, vor Tränen. Flüchtig und unscharf nur schob sich eine kleine Gestalt in ihren Blick, aber was hätte Alikan hier zu suchen?

„Morcheln, ganz frisch!“ Es war ein Triumphruf, mit dem Karla den ihr unterstehenden Teil der Küche betrat.
Knoblich hörte es, auch der Entremetier, und beide machten begehrliche Augen.
„Und die fritieren wir nun in Blut?“ frotzelte Oliver.
„Wir schon mal gar nicht“, raunzte Karla ihn an. Sehr früh war sie aufgestanden, sie mußte Morcheln haben! Im Fruchthof war sie fündig geworden. „Du darfst sie höchstens putzen. Und ich fülle sie dann, mit einer ganz leichten Farce aus Blutwurst vom Huhn, gespickt mit Würfelchen von der Taubenbrust. Und wenn wir damit in Leipzig den anderen nicht wenigstens bei den Vorspeisen das Wasser abgraben …“
„Seit wann wird hier mit Wasser gekocht?“ konnte es Oliver mal wieder nicht lassen.
„Nicht mal gewaschen, so weit die Morcheln im Spiel sind, das ist dir doch klar?“
Oliver reagierte gar nicht. Wer war er denn, um das nicht zu wissen? Er griff schon nach dem Pinsel, um in den Morchelfurchen nach Sandkörnern zu fahnden. Auch wenn er es nicht zugab – Karla in ihrem Grimm gefiel ihm ganz gut. Und auch das tägliche Blut fand er nicht mehr ohne Reiz. Das Alte als das ganz Neue, das Ekelerregende als Spezialität – wenn man nicht daran dachte, was es war, schmeckte es gut, täglich besser, denn Karla in ihrem blinden Entschlossenheit … „Oh, das riecht hier ja plötzlich wieder nach Sohn!“ Er grinste anzüglich.
Karlas Kopf flog schon herum. Tatsächlich, Johannes! Aber er ignorierte sie, sprach mit Knoblich, der nicht wußte, wohin mit seinem Ärger über den Moschusduft, was Johannes wohl bemerkte, aber ignorierte, genau wie Karla. Verkaufte er das jetzt als Selbstbewußtsein?
„Rühr das mal weiter“, murmelte Karla und überließ einem hierüber nicht wenig erstaunten Oliver ihren Topf. Er enthielt ihre Farce aus Blutwurst und wer weiß nicht was, keinem hatte sie verraten, woraus das bestand, und Oliver steckte sofort einen Finger hinein und dann in den Mund.
„Ich hab wenig Zeit.“ Johannes spielte den Beleidigten, seit Karla ins Schußfeld seines Vaters geraten war. Zum großen Beschützer hätte er werden wollen, Karla ums Leben gern flammend verteidigt gegen die Anschuldigungen. Und sie samt ihrem Saxophon mitgenommen, nach Südfrankreich. Wenn er nur nicht so lächerlich den Rebell gegeben hätte, gegen seinen Vater, gegen Knoblich, gegen sich selbst. Seit es ihm selbst dämmerte, hielt er auf Distanz, und die fand er am besten als Sohn.
„Auf einen Kaffee vielleicht?“
Knoblich klappte der Kiefer herunter, als er Karla so reden hörte. Auch die anderen, die nicht gehört hatten, was Karla zum Junior sagte, hielten für einen Moment inne. Jeder merkte, daß hier ein paar Regeln verändert waren. Seit wann bemühte sich Karla um jemanden?
„Im Moment ist es wirklich schlecht.“ Johannes sah demonstrativ auf die Uhr an seinem Handgelenk, seufzte.
„Steht dein Angebot noch?“ Karla sprach so laut, daß jeder es hören mußte – eine Flucht nach vorn. „Ich meine, wenn ich die Kocholympiade erst gewonnen habe, dann wäre Südfrankreich …“
Sein Handy klingelte. „Du siehst, es geht jetzt nicht.“
Tu dir das nicht an, Mädchen, dachte Knoblich, als er sah, wie Karla Johannes nachstarrte, als der jetzt ging. Das hast du doch nicht nötig, Mädchen, so eine Witzblattfigur wie dieser Sohn!
„Ich fürchte, das Zeug wird allmählich zu fest!“ Womöglich war es auch Mitleid, was Oliver zu seinem Hilferuf bewegte. „Was kipp ich da jetzt rein? Mehr Blut? Oder mehr Wein? Oder …“
Als Karla daraufhin die Küche durchquerte, wich jeder vor ihr zurück. Zum Fürchten sah sie aus, sie kochte, bis aufs Blut. Oliver schubste sie dann einfach beiseite, den Topf riß sie vom Feuer, und den Inhalt kippte sie weg.
Immerhin so viel war klar – so trübe wie die rot-dickliche Flüssigkeit, die da im Ausguß vergurgelte, war ihr eigenes Leben derzeit ungefähr auch.

Außerhalb der Stadt war es noch Winter. Obendrein nieselte es, als Karla aus der S-Bahn stieg, und an der Bushaltestelle gab es kein Dach. Lächerlich bunt standen die Häuser einer Neubausiedlung gegen das Grau des Märztags, ein Haus wie das andere, dicht an dicht, die Künstlichkeit ihrer Farben war alles, was ihnen blieb, um sich voneinander zu unterscheiden. Die Menschen zeigten sich abgehärtet gegen das alberne Bunt, eine höhnische Fassade für ihre mürrischen Mienen.
Mürrisch war auch der Busfahrer, weil Karla das Geld für den Fahrschein nicht passend hatte. „Wenn mir jeder so käme! Ich bin doch keine Bank!“
Karla war die einzige, die in den leeren Bus einstieg, froh, endlich im Trockenen zu sein. Und diesen Weg nun wohl zum letzten Mal zu machen, am nächsten Tag würde sie mit ihrer kleinen Blutbrigade nach Leipzig fahren, mit einem hoteleigenen Wagen. Und mit Blut natürlich und dem festen Vorsatz, den Wettbewerb zu gewinnen. Sie starrte in die regenschraffierte Landschaft, ihr Gefühl sagte ihr, sie habe den Sieg schon so gut wie in der Tasche. Jedes Rezept, das sie ertüftelt hatte, neu und unerhört raffiniert und doch basierend auf Altem, und alles so wohlschmeckend, daß Knoblich wieder mal feuchte Augen bekommen hatte – sie konnte damit nur gewinnen. Und jetzt im Bus, auf dem Weg zur biologisch-dynamischen Hühnerfarm, dachte sie, so wäre ihr Unglück nun doch zu etwas gut.
Denn unglücklich war sie, sie gestand es sich endlich ein. Sie wußte nicht genau, was der Grund dafür war, lief denn nicht alles, wie sie es wollte? Paul, Lina, Alikan, gestohlen bleiben konnten die ihr alle, und Johannes dann eben auch. Wenn der lieber weiterhin schmollte, auf einem übervollen Terminkalender bestand, gerade in dem Moment, in dem Karla ihm eine Partnerschaft vorschlagen wollte, wenn ihm daran liegen sollte, sogar eine Art Ehe –
„He, wollten Sie nicht hier raus?“ blaffte der Busfahrer und bremste hart ab.
Karla stolperte auf die Straße, kein Haus weit und breit. Der Weg zum Hühnerhof, aufgeweicht vom Regen, verlief schnurgerade zwischen aufgerissenen Äckern, und weiter rechts, hinter blattlosen Bäumen, schlug ein See graue Wellen. Alls sah ein bißchen nach Weltende aus.
Matauschewitz, der Hühnerzüchter, stand unter der Tür und winkte. Er lebte allein, ein Mann, dessen Alter schwer einzuschätzen war und der Wert darauf legte, nicht als schrullig zu gelten – trotz seines Lebens hier draußen, trotz des Hühnergegackers rundum und seiner Leidenschaft für alte Möbel, die er restaurierte. Alt hätte er selbst sie nicht genannt, er sammelte ausschließlich die klassische Moderne, bald schon hundert Jahre alte Bauhausprodukte galten ihm noch immer als letzter Schrei.
„Frau Wandel, das muß ich Ihnen zeigen.“ Er trat in den Regen hinaus, steuerte den Schuppen an, in dem sich seine Werkstatt befand. Davor parkte ein großer dunkler Wagen mit offenem Kofferraum.
„Nein, heute nicht.“ Beim Kopfschütteln spürte Karla, wie naß ihre Haare waren. „Heute nur Blut – morgen wird es ernst. Ist alles fertig?“
„Aber sicher, die Flasche steht bereit, noch ganz warm, und Essig habe ich auch … Wollen Sie nicht doch einen Moment mitkommen? Es ist ein zu schönes Stück, und Urtig ist neugierig, Sie kennenzulernen. Er bringt mir öfter etwas, heute diesen Stuhl, und er …“
Ein Mann verließ die Scheune, dunkler Anzug, Trenchcoat darüber, Seidenschal und Regenschirm. Sein Haar war weiß.
„Ich hab wirklich keine Zeit, ich will den nächsten Bus nicht verpassen.“ Und mich nicht erkälten, ergänzte Karla im stillen, das fehlte gerade noch, mit einem Schnupfen in Leipzig am Herd.
„Sie können mit mir fahren“, schlug der Weißhaarige vor. Er kam näher, hielt den Schirm auch über Karla und stellte sich vor.
Seinem Blick entnahm Karla, daß er erwartete, sein Name würde ihr etwas sagen. Aber Urtig? Nein, nie gehört.
„Sie also sind die blutrünstige Köchin.“ Er musterte sie interessiert.
„Dann haben Sie doch Zeit, für einen Blick auf den Stuhl!“, drängte Matauschewitz. „Wenn er Sie mitnimmt …“
„Wenn es Sie nicht stört, in Ihrem Auto das Blut zu transportieren?“ Gegen eine Rückfahrt im Auto hatte Karla nichts einzuwenden.
„Aber ich bitte Sie, genau das interessiert mich doch!“
Urtig hielt weiterhin den Schirm auch über Karla, während der Hühnerzüchter sich am Geniesel nicht störte und von seinem neuesten Beutestück schwärmte. „Mies van der Rohe, und zwar ein Original, kein Nachbau …“
Das Leder des zu etwas wie Heu gewordenen Polsters hing in Fetzen, unterm Rost war der Chromstahl des geschwungenen Gestells nicht zu ahnen. Man konnte solch einen Stuhl günstig als Nachbau kaufen, in Hannes Wohnung stand so ein Ding, weshalb Karla die Begeisterung der beiden Männer nicht ganz nachvollziehen konnte. Wenn ich schon hier bin, fiel ihr ein, könnte ich frische Eier mitnehmen.
Matauschewitz brauchte einen Moment, bis er ihre Frage verstand, Urtig grinste.
„Genau so hab ich Sie mir vorgestellt!“
„Eier, natürlich.“ Matauschewitz strich über das rissige Leder. „Haben Sie eigentlich nie was anderes im Kopf?“
„Heute nicht.“ Karla fror. „Und wenn Sie jetzt vielleicht die Eier …? Und natürlich das Blut.“
Matauschewitz riß sich ungern los von seinem Stuhl. Aber da jetzt auch Urtig sich auf kein Fachsimpeln mehr einließ, schlurfte er aus der Werkstatt.
Als Eier und Blut im Kofferraum verstaut waren, regnete es nicht mehr. Und bis Urtig auf die Landstraße einbog, schimmerte es stellenweise bläulich zwischen den Wolken. Die Sitze im Auto waren aus richtigem Leder, das Steuer aus Holz. Und Urtig roch nach einem sehr teuren Parfum. Hatte es so einer nötig, mit Sperrmüll zu handeln?
„Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, daß etwas vergänglich ist.“ Seinem spöttischen Tonfall nach meinte er wohl nicht nur den Stuhl.
Karla erinnerte sich, daß er vorhin erwähnt hatte, er sei Historiker.
„Deswegen interessiert mich Ihr Beruf.“ Er wandte keinen Blick von der Straße. „Der ist ja auch fast schon antik. Wer kocht denn heute noch?“
Karla dachte an die etwa hundert Mitbewerber, gegen die sie morgen antreten wollte. Aber ein Gegenargument war das nicht, eben fuhren sie an einem jener riesigen Supermärkte vorbei, die den sogenannten Speckgürtel um die Großstadt legten. Und was in denen als Nahrungsmittel angeboten und auch gekauft wurde …
„Er müßte Ihr Urgroßvater gewesen sein.“
Karla hatte einen Moment lang nicht zugehört. Aber dieser Satz hätte sie sogar aus dem Tiefschlaf gerissen. „Was wissen Sie denn von ihm?“ Es klang wie ein Vorwurf, nach Abwehr.
Urtig lachte leise. „Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg war an der Universität meine Spezialität. Da bin ich unvermeidlich auch auf die Gerüchte gestoßen, der Koch, bei dem die ganze Welt speiste, verwickelt in ein Komplott gegen den Kaiser …“
Als er von Gerüchten sprach, versteifte sich Karla auf ihrem Ledersitz. „Mir ist die Geschichte meiner Familie bestens bekannt.“
„Na, dann wissen Sie ja, daß er mit dem angeblichen Attentat eindeutig nichts zu tun hatte. Und daß es auch nicht an einer schönen Frau lag, daß er seinen Platz im Restaurant räumen mußte.“
Woher wußte er das? Karla fand sein Parfum jetzt doch aufdringlich. Sie war immer davon ausgegangen, daß ihr Urgroßvater als mutmaßlicher Attentäter in den Fußnoten von Geschichtsbüchern auftauchte und als einer, den eine Frau seinen Ruf als Koch und fast auch sein Leben gekostet hatte, nur andeutungsweise auf gewissen Seiten im Familienrezeptbuch. Nur in Anspielungen, und geredet wurde darüber zu Hause nie, so wenig wie über die sieben Jahre, in denen ihr Vater …
„Den wirklichen Grund kenne ich leider nicht“, fuhr Urtig fort. „Aber ich habe doch so meine Vermutungen. Und wissen Sie, was ich glaube?“ Er sah sie flüchtig an, lächelnd. „Er wird was verpatzt haben am Herd. Beweisen kann ich das nicht, es ist nur so ein Gefühl. Was meinen Sie? Was sonst könnte einen Koch Kopf und Kragen kosten? Ich meine, solang so einer gut kocht, wird ihm doch alles verziehen, nur wenn …“
„Können Sie die Kurven nicht etwas langsamer nehmen? Mir wird schlecht!“ Karla wollte das Fenster herunterkurbeln, aber das ging nicht.
Urtig wies auf einen Knopf, drückte dann selber darauf, automatisch versank die Glasscheibe im Blech der Tür, und Karla hielt das blasse Gesicht aus dem Fenster.
„Nur wenn es um den Anlaß hierfür geht“, redete Urtig weiter, „dann könnte vielleicht doch eine Frau ins Spiel kommen. Was meinen Sie? Was sonst kann einen Meister wie Ihren Urahn dazu gebracht haben, von heute auf morgen schlecht zu kochen? Nehmen Sie das ganze vorerst nur als Theorie, eine hübsche kleine Spekulation.“
Karla war wirklich übel, daran war nichts spekulativ, ihr Magen hob und senkte sich, und wenn sich das auf das hübsche Polster ergoß …
„Mit Paul Worrner bin ich darüber mal ins Gespräch gekommen, beim Essen, als er mir erzählt hatte, daß eigentlich gar nicht Knoblich, sondern Sie …“
„Jetzt reicht es!“ Karla riß den Kopf vom Fenster weg, sie fühlte sich, als wären nicht nur ihre Augen grün, sondern ihr ganzes Gesicht. „Was haben Sie mit Paul zu tun?“
Urtig schien erstaunt. „Das wissen Sie nicht? Als Architekt ist er gar nicht schlecht, etwas verworren noch ab und zu. Er möchte zu viel auf einmal, ein typischer Anfängerfehler. Aber das gibt sich gewiß noch. Und das hängt ja nicht zuletzt von den Bauherren ab, wie klar die ihre Vorstellungen formulieren.“ Er lachte. „Und die Aufgabe, die mir vorschwebt für ihn … Sie müßten natürlich ebenfalls mitspielen.“
Urtig nahm die nächste Kurve sehr sanft. Doch dahinter ballte sich eine Blechkarawane zum Stau. Karla sah im Hinweis auf die nächste S-Bahnstation einen rettenden Strohhalm. „Ich will raus, damit bin ich schneller!“
Sie wollte weg, so schnell wie nur möglich, sogar das Hühnerblut vergaß sie darüber.
Urtig aber nicht. Er stieg ebenfalls aus, öffnete den Kofferraum und reichte ihr die Tüte, in die Matauschewitz die Flasche mit dem Hühnerblut und die Eier gelegt hatte.
Karla wollte kaum ein Danke über die Lippen kommen, so sehr war ihr Urtig zuwider.
„Was Paul betrifft“, sagte er jetzt noch, „er weiß manches noch nicht. Aber seit er Sie liebt, auch wenn er das vielleicht auch noch gar nicht weiß …“
Karla begann zu rennen und preßte die Tüte so fest an sich, daß sie spürte, wie dabei etwas zu Bruch ging. Etwa die Flasche mit Blut? Sie warf einen Blick in die Tüte, mit der Flasche schien alles in Ordnung, aber mindestens ein Ei war zerquetscht. Sie war erleichtert, zufrieden sogar, denn dies war real, das Ei nur ein billiges Opfer, was dieser Urtig dagegen so daher plapperte …
Eine Frechheit! Unverschämt und arrogant war der Kerl, bildete sich wer weiß was ein auf sein bißchen Erfahrung und Geschichtskenntnis! Paul und Liebe, das paßte so schlecht zusammen wie ihr Urgroßvater und ein schlechtes Rezept! Oder wie ihr Vater und diese Lina, überhaupt, Urtig könnte sich mit der Sambeth zusammentun, das würde passen!
Schienenersatzverkehr, wegen Bauarbeiten, las Karla, als sie atemlos den S-Bahnhof betrat. Wo der Bus Richtung Berliner City abfuhr, wußte niemand. Sie warf einen gehetzten Blick auf ihre Uhr. Auf der Straße, sah sie, hatte sich der Stau schon wieder aufgelöst.

Der schwarzglänzende Kleinbus trug an den Seiten das Logo des Hotels. Oliver saß am Steuer, die drei anderen aus der kleinen Brigade hatten schon hinten Platz genommen. Karla überprüfte noch ein letztes Mal, ob auch wirklich nichts fehlte. Dann stieg auch sie ein.
Knoblich stand am Hinterausgang und winkte, als Oliver Gas gab. Karlas Grimmigkeit, auch bei diesem Aufbruch, gefiel ihm nicht. Wo war ihre Leichtigkeit geblieben, die freche Unbekümmertheit?
„Ob sie es schafft?“
Johannes benützte heute kein Parfum, so schrak der Küchenchef leicht zusammen, als der Junior neben ihn trat.
„Seit wann interessiert Sie das?“ Knoblich ging in die Küche zurück.
Ich muß hier weg, deutete Johannes Knoblichs Ungehobeltheit wieder einmal. Er starrte dem schwarzen Wagen hinterher, der noch an der nächsten Ampel stand. Er spürte, daß es ein Fehler gewesen war, Karla in der letzten Zeit die kalte Schulter zu zeigen. Er hatte damit etwas erzwingen wollen von ihr. Etwas anderes als Vernunft, Berechnung, klare Verhältnisse. Etwas, das er nicht kannte. Als die Ampel da vorne auf Grün sprang, ging ihm auf – er würde es nicht bekommen. Nicht von Karla. Die erkochte sich jetzt bestimmt einen ersten Platz, und dann …
„Wissen Sie, ob Karla noch da ist?“ Paul nahm sich nicht die Zeit für eine Begrüßung. Und wieso mit einem Mal dieses förmliche Sie?
„Tja, du kommst zu spät.“ Die Tatsache an sich war ebenso wohltuend für Johannes wie das duzende Beharren auf der Kneipenbekanntschaft.
Paul fluchte und ging schon weiter, in der Richtung, in die Karla losgefahren war, als ließe sich damit eine Gemeinsamkeit erzwingen. Vielleicht ist es ja gut so, sagte er sich, denn wenn sie so kurz vor dem Wettbewerb erfahren würde, daß es Essig ist mit dem Haus auf der Alb, weil diese Sambeth notariell verbriefte Ansprüche hat, sie aber bloß den guten Glauben der Tochter …
Er winkte nach einem Taxi, wie öfter in letzter Zeit, wo ihn Urtig mit seinem Auftrag tatsächlich in Streß versetzte. Als das dritte Taxi auch nicht stoppte, stieg er in den Bus.
Alikan an der hinteren Tür erkannte ihn sofort, er versteckte sich hinter Lina. Er gab Paul die Schuld daran, daß Karla ihn rausgeworfen hatte.
„Ja, was denn nun, du hast doch gesagt, hier müssen wir aussteigen?“ drängte Lina.
„Bin ja schon draußen.“ Er grinste frech.
Lina stolperte fast, denn der Bus fuhr schon wieder an. „Und jetzt? Ist es noch weit?“
Alikan schüttelte den Kopf und griff nach Linas Hand. Aber er bekam nur einen Zipfel ihrer Jacke zu fassen. „Drüben beim Kanal.“
Während er aufpaßte, daß Lina ihm unter all den Touristen nicht abhanden kam, schielte er zum Hintereingang des Hotels. Die graue Schar seiner Kumpel hatte sich heute noch nicht dort eingefunden, jetzt, wo es wieder wärmer war, hatten sie tagsüber andere Aufenthaltsorte. Aber es wäre ja möglich, daß Karla da jetzt rauskäme. Alikan zog eine trotzige Schnute. Und dann würde Karla ihn sehen, ihn und Lina, und sie könnte sich denken, wohin er mit ihr ging. Und dann würde Karla sich bestimmt ärgern, daß sie nicht mehr die einzige war, die seinen Schlafplatz kannte. Und das geschah ihr nur Recht.
Karla kam nicht heraus, aber Alikan genügte im Moment schon die Vorstellung für seine Rachegelüste. Und wenn es stimmte, daß Lina Würste dabei hatte, und wenn sie die dann brieten am offenen Feuer – das war besser als Milchreis!
„Hör auf, so an mir herumzuzerren!“ schimpfte Lina. „Und überhaupt, was hast du da an der Hand?“
„Bloß ein Kratzer.“
„Es blutet.“
„Klar, wenn Sie so grob sind!“ Er betrachtete die teilweise verkrustete Wunde verächtlich und schob den blutenden Finger dann in den Mund.
Lina versuchte, den braunroten Fleck an ihrer Jacke mit Spucke wegzureiben. Er wurde dabei nur größer, wie ihr Ärger über sich selbst. Warum ließ sie sich ein auf diesen dreckigen Bengel? Sich um solche wie ihn zu kümmern, war nicht mehr ihr Job. Schon daß sie ihm einen Platz in der von einem Betreuer geleiteten Wohnung verschafft hatte, war höchstens aus alter Gewohnheit geschehen. Und ein bißchen, um es den früheren Kollegen zu zeigen, ja, das sicher auch. Sie kam eben klar, auch mit hoffnungslosen Fällen wie diesem Alikan …
„Gibt es zu der Bratwurst eigentlich auch Senf?“ Schon wieder schnappte er nach ihrem Jackenzipfel. „Süßen? Den mag ich am liebsten.“

10. Kapitel

Vergiß es, vergiß es, vergiß es …
Der Zug trommelte die Worte auf die Schienen, Karla hörte es genau. Dabei wollte sie nichts denken, nichts hören, nicht einmal das. Ihre Hoffnung auf diese Bahnfahrt, nicht hier sein, nicht dort, bloß unterwegs, für eine Weile niemand, nirgends – schon wieder eine Illusion.
Bardieren … blanchieren … bridieren … cannelieren … degraissieren … glacieren … legieren … marinieren … nappieren … poelieren … reduzieren … sautieren … tranchieren … Sobald der Zug schneller fuhr, beherrschte er sogar das Küchen-ABC. Karla hoffte, es könne ein Schlaflied sein.
Doch in dem Großraumwaggon half es nicht einmal, am Fenster zu sitzen, auch hier war sie mittendrin. Überall wurde geredet, telefoniert, der Mann neben ihr balancierte einen Laptop auf seinen Knien.
„Aus dem Tierreich sind ja Beispiele bekannt, wonach das Weibchen ihre Männchen nach Gebrauch verspeist.“
Der sah sich auf dem kleinen Ding tatsächlich einen Film an, unwillkürlich starrte auch Karla auf den Monitor, über den zwei riesige Spinnen krabbelten. Die Stimme erinnerte Karla an die einer Biologielehrerin, vergiß es, zischten die Gleise.
„ … daß diese Geschichte als wissenschaftlicher Mythos betrachtet werden muß. Selbst die einschlägigen Beschreibungen aus dem 18.Jahrhundert, die sich in allem anderen durch bestechende Exaktheit auszeichnen, fallen bei der Beschreibung des Verhaltens der weiblichen Spinne eigentümlich nebulös aus.“
Der Besitzer des Laptops bemerkte Karlas Interesse und grinste sie an. Sie griff nach ihrem Handy, ihr erster Versuch galt Paul, wieder einmal. Aber wieder einmal war er nicht zu erreichen. Für sie jedenfalls nicht.
Wieso hab ich die Leber für ihn nicht so gemacht, wie er sie mag? Auf diese Frage lief es für Karla immer hinaus, gefolgt von einem engen Gefühl in der Kehle.
Sie tippte die Nummer von Johannes ein, ebenfalls ohne Erfolg. Endlich die von Hanne.
„Gut, daß du anrufst! Ich wollte dich nämlich auch …“ Hanne wirkte richtig aufgekratzt.
„Ich hab es vermasselt in Leipzig.“ Es sollte leichthin klingen, aber man hörte, Karla sprach es zum ersten Mal aus.
„Du? Das kann ich mir nicht vorstellen!“
„Mußt du ja auch nicht, es ist so.“
„Dann waren die Leute, die das beurteilt haben, Idioten! Hörst du? Nimm das bloß nicht ernst, vergiß es ganz einfach.“
Es war genau der Rat, den Karla nicht hören wollte. Von den Schienen nicht, und schon gar nicht von Hanne. Gleich darauf raste der Zug in ein Funkloch, die Verbindung brach ab. Aber das Wesentliche war ja gesagt. Und auf etwas wie Trost wagte Karla im Moment sowieso nicht zu hoffen. Deshalb hatte sie ja die Rückfahrt allein angetreten, im Zug, während die anderen jetzt bestimmt auf der Autobahn die einzelnen Phasen der verlorenen Schlacht noch einmal erörterten.
„Natürlich hat die Geschichte einen gewissen Reiz“, die Spinnen auf dem Monitor neben Karla krabbelten übereinander, „und ist vermutlich deshalb bis heute nicht ins Reich männlicher Angstphantasien verwiesen worden. Immer wieder einmal wird das Thema aufgegriffen, zuletzt bezeichnenderweise von einer Frau, einer kanadischen Zoologin. Ihrer Ansicht nach bieten sich die Spinnenmännchen sogar freiwillig zum Fraß an während des Sexualakts.“
Weil der Mann jetzt noch breiter grinste, in Karlas Richtung, wandte sie den Kopf ab. Was nichts besser machte, denn nun hörte sie, was vor ihr eine Frau zu einer anderen sagte. „Sie hält sich da die männliche Variante eines Harems, sage ich dir. Kannst du dir das vorstellen, gleich mit mehreren Exmännern um einen Tisch zu sitzen? Für sie zu kochen, was du ihnen früher gekocht hast, für jeden die Lieblingsspeise?“
Klar, Paul fiel ihr ein.
Dann meldete sich Hanne wieder, diesmal ganz teilnahmsvolle Freundin. „Eine Kocholympiade, ich bitte dich! So was kann doch nur Männern einfallen. Als einzige Triebfeder immer nur Konkurrenz, immer die gleichen Rachefeldzüge. Hast du dir schon mal überlegt, wieso in euren Küchen, außer französisch, parliert wird wie auf dem Kasernenhof? Und bestimmt haben deine Herren Kollegen schon vorher ausgekungelt, wer den ersten Preis kriegt. Ich sitze gerade übrigens auf der Terrasse. Im Liegestuhl. Mit einer Decke ist die Sonne schon richtig warm. Ich trinke Tee. Es ist ein bißchen wie im Sanatorium. Schade, daß du nicht hier bist.“
Hannes Gelassenheit war Salz in der Wunde, die Karla ihre Niederlage in Leipzig gerissen hatte. „Ja, das wäre nett.“ In ihren Augen war Tee etwas für Kranke. Aber genau so fühlte sie sich ja auch.
Drei Tage Hochspannung lagen hinter ihr, sie hatte gekocht rund um die Uhr, mit Blut, und Blut geschwitzt dabei auch, Amuse bouche, Vorspeise, Suppe, Zwischengericht, Fisch- und Fleischgang, zwei Desserts. Pannen hatte es nicht gegeben, auch keine Reibungen in ihrer Brigade. Alles hatte geklappt wie am Schnürchen, wie noch nie. Karla war sich ihres Sieges ganz sicher gewesen, unter den ersten Dreien rechnete sie sich Chancen aus. Und war dann doch, eine von zwei Köchinnen, die gegen die geballte männliche Konkurrenz antraten, auf einem unbedeutenden Platz in der Mitte gelandet. Mittelmaß also, nach dem Urteil der Juroren, männlich auch sie. Und deren immerhin mündlich vorgetragenes Lob wegen besonderer Originalität – Hohn war das in Karlas Ohren. Denn originell, was hieß das schon?
„Ausgefallen, rausgefallen.“ Auch diese Worte paßten gut zum leisen Rattern des Zugs.
„Jetzt mach aber mal einen Punkt! Du wirst dich doch nicht von dem Urteil dieser Machos am Herd abhängig machen!”
„Das bin ich aber. Und gerade jetzt, wo ich es wirklich allen zeigen wollte … Wo nicht zuletzt meine Stelle im Hotel vom Ausgang des Wettbewerbs abhängt … Zum nächsten Ersten kann ich mit der Kündigung rechnen.“
„Dann tu das.“ Hannes Stimme vibrierte vor Optimismus. „Rechne damit, und nimm es als Schicksalswink. Hör auf, dich unter die Fuchtel anderer zu stellen. So, wie du kochen kannst – mach endlich dein eigenes Restaurant auf!“
Karla gab einen Laut zwischen Seufzen und Lachen von sich. „Das hab ich schon probiert. Und bin gescheitert. Wie es nun mal Familientradition ist.“
„Wie du mir das erzählt hast, war da ein Mann mit im Spiel“, hielt Hanne dagegen.
„Machst du jetzt ein Programm daraus, daß du derzeit allein bist?“ Karla wandte demonstrativ den Kopf beiseite. Genau in diesem Moment blitzte draußen bei einem Haus etwas auf, wie damals, als sie zum ersten Mal auf der Terrasse gewesen war, auf der Hanne jetzt Tee trank, als sie sich das Messer auf dem Balkon gegenüber nicht zur Warnung genommen hatte. Diesmal war es kein Messer, nur ein Fenster wurde geöffnet, in dem sich die Sonne brach, und dann war das Haus schon verschwunden. Doch damit wurde nichts besser. Nichts wurde je besser, Karla spürte es genau. Eine wie Hanne verstand das natürlich nicht, die machte sich zur Not aus allem einen Roman.
„Ich hätte dir da auch etwas zu erzählen.“ Für Hanne war das Thema abgehakt. „Du wirst es nicht glauben. Und natürlich hab ich erst gedacht, das geht nicht, weil …“
Karla störte es nicht, daß die Verbindung schon wieder abriß.
„Nach der Ansicht dieser kanadischen Wissenschaftlerin“, schob sich die blecherne Stimme aus dem Laptop wieder in den Vordergrund, „bringt sich das Männchen beim Sexualakt zwar in Todesgefahr, erhöht damit aber zugleich seine Chancen, die eigenen Gene in die nächste Generation zu bringen. Ganz einfach deshalb, weil die Kopulation auf diese Weise länger dauert, weil mehr Samen aus dem sterbenden Männchen fließt, wenn es unterdessen aufgegessen wird.“
Karlas Sitznachbar benahm sich, als sähe er einen Pornofilm. Und er rutschte dabei immer näher an sie heran. Als Ausweg blieb ihr da wohl nur der Speisewagen. „Lassen Sie mich bitte vorbei?“
Er stellte sich taub.
„Jene Zoologin hat sogar noch einen weiteren Vorzug in dieser für das Männchen tödlichen Vereinigung entdeckt. Denn die Verspeisung des Männchens stillt angeblich den Liebeshunger des Weibchens. Nur jede dritte kannibalisierende weibliche Spinne ist an einem weiteren Akt mit einem neuen Liebhaber interessiert. Läßt sich einer fressen, ist das demnach ein Ausdruck von Solidarität“, der Laptop-Mann gluckste vor Lachen, „besser vielleicht von Kumpanei unter Männern …“
Der Fensterplatz im Zug von Leipzig nach Berlin erwies sich als Falle für Karla.
Die Frau vor ihr regte sich immer noch auf, lautstark. „Bei solchen Abendessen muß es zugehen wie bei einer Raubtierfütterung. Sie wie ein Dompteuse im Zentrum, um sie herum ihre Männchen. Sie behauptet ja immer, daß sie niemals dasselbe kocht, jedes Mal Variationen …“
Dann kann sie nicht kochen, hätte Karla fast laut dazwischen gerufen. Das geht nun mal nicht ab ohne Wiederholungen, so lange, bis etwas perfekt ist … Ob das mein Problem in Leipzig war? Weil ich mich endlich daran gehalten habe? War ich zu gut?
„Der delikate Vorgang“, die Spinnen waren jetzt so stark vergrößert zu sehen, daß sie nichts als schwarz behaarte Linien über den Monitor zogen, „wenn er denn überhaupt vorkommt, ist vermutlich weniger der Lust des Weibchens als ihrem Schutzinstinkt für die gerade erst befruchteten Eier geschuldet. Auch im Tierreich gründet sich der Ruf der Männchen auf eine gewisse Tolpatschigkeit …“ Damit ging dem Kleincomputer der Strom aus.
„Mit den Naturwissenschaften ist es immer dasselbe.“ Der Mann klappte seinen Rechner zu und grinste Karla an. „Immer dieser Vitalismus, als drehe sich alles nur um die Nachkommen!“
Sie wollte nicht reden, sondern raus. „Würden Sie mich bitte vorbei lassen?“
Er nahm es als Einladung. „Wir könnten in den Speisewagen gehen, etwas trinken.“
Karla stellte sich taub und stand auf. Sie sah so entschlossen an ihm vorbei, daß er endlich doch aufgab.
Auf dem Gang stolperte sie fast über ein Kind, das kaum aus dem Krabbelalter heraus war. „Bauchweh!“ jammerte es und griff nach dem Arm einer Frau, die einen Säugling stillte. „Bauchweh und Hunger!“ Begehrlich schaute der Kleine auf die Brust, an dem sein geschwisterlicher Konkurrent gierig saugte. Die Frau merkte nichts davon, oder sie war diese Rivalität gewöhnt und darin geübt, sie zu ignorieren.
Karla hatte eben erst den Speisewagen erreicht und einen freien Tisch ergattert, als sich schon wieder ihr Handy meldete. Und wieder sah sie – nicht Paul, schon wieder rief Hanne an.
„Ich muß dir das einfach erzählen, weil … Es hat geklingelt, und da stand er vor der Tür, mit einer Flasche Wein, Blumen. Zunächst hab ich nicht verstanden, was er will, dann ist mir eingefallen, daß ich ihn zum Abendessen eingeladen hatte. Stell dir vor, das hatte ich komplett vergessen.“
Sie hat also jemanden kennengelernt, erklärte sich Karla Hannes Rededrang. Und sie fragte sich, weshalb sie sich das anhören mußte, ausgerechnet jetzt. Als ein Kellner zu ihr trat, wies sie wortlos auf den teuersten Wein in der Karte.
„Daß ich ihn eingeladen habe, am Tag zuvor, war reiner Zufall, das kannst du mir glauben. Er stand vor unserem Haus, irgendwie so verloren. Von dir hat er gesprochen. Aber du warst ja in Leipzig.“
Leipzig. Für Karla war damit für immer diese riesige Messehalle verbunden, verwandelt in eine gigantische Küche, an jedem Herd eine Nationalmannschaft, das wurde dort jede Brigade, jede einzelne zusammengepfercht in garagengroßen gläsernen Küchen, auch die von Karla, sie kochte, es war ein Witz, für Deutschland, und das mit Blut. Weißkittel mit Klemmbrettern vor den Bäuchen beäugten jeden Handgriff, dazu jede Menge Schaulustiger, es war eindeutig wie im Zoo. Karla hatte sich einfach nicht rechtzeitig klargemacht, was sie bei dieser Kocholympiade erwartete, und daß ihre Crew von ihr angeführt wurde, einer Frau – mitleidiges Lächeln und zotige Sprüche begleiteten jeden Handgriff, den sie tat.
„Er stand da also vor meiner Tür“, fuhr Hanne fort, „er verlegen, ich auch. Ich hab ihn hereingebeten. Im Kühlschrank fand ich immerhin Schinken und Käse, auch Brot und Tomaten waren da und einige Flaschen Wein. Verhungern werden wir nicht, hab ich Witze gemacht. Verunsichert hat er davon gesprochen, sofort wieder zu gehen. Aber das wollte ich nun doch nicht, es war irgendwie … Wir beschlossen, das improvisierte Abendessen gleich am Küchentisch einzunehmen, ohne große Umstände. Er entkorkte die erste Flasche Wein, wir setzten uns, begannen zögernd zu essen und hatten uns nichts zu sagen. Na ja, du kennst Johannes ja.“ Hanne legte eine kurze Pause ein. „Als er zu reden begann, klang es wie ein Vortrag, zu dem das Publikum fehlte. Ein Selbstgespräch, ich hab lang nicht begriffen, worum es dabei überhaupt ging.“
Karla bemerkte plötzlich, wie stickig die Luft im Speisewagen war. Johannes? Da hatte sie sich doch wohl verhört. Und wieso brachte Hanne dauernd die Zeiten durcheinander, sie legte doch sonst so großen Wert auf korrekte Grammatik!
„Es war interessant, eigentlich schade, daß du nicht dabei warst. Denn es ging ums Essen. Anfangs.“ Hanne kicherte. „Und darum, wie manche Frauen das einsetzen, du weißt schon.“
Hanne und Johannes also. Und gerade jetzt, wo sie sowieso schon am Boden war. Sie wollte sich trotzdem nichts anmerken lassen. „Du lädst einen Mann zu dir ein und hörst dir dann an, was er über andere Frauen zu sagen hat?“ War das zwischen Hanne und ihr nun nicht doch genau wie unter Freundinnen? Hatte sie diesen Beweis gebraucht, um ihre alte Skepsis zu bestärken? Hanne und Johannes, kaum, daß sie mal ein paar Tage weg war …
„Tja, ich sehe das eben nicht so eng“, behauptete Hanne. „Außerdem geht es sowieso nicht um das, was du denkst … Ich trinke inzwischen übrigens Weißwein statt Tee. Riesling. Ein sehr edles Gewächs. Hat er mitgebracht.“
Riesling stand auch auf der Halbliterfalsche, die der Kellner brachte. Ich glaube, ich will das gar nicht hören, dachte Karla, während der Kellner es nicht für nötig hielt, die Flasche zu öffnen. Sie hatte einen Schraubverschluß. Aber in Karlas Kehle steckte etwas quer, und so sagte sie nichts. Weder zum Kellner, noch zu Hanne.
„Hast du dir eigentlich schon mal klargemacht, was für eine positive Angelegenheit das Essen ist? Kochen natürlich auch. Deswegen ist es ja auch immer besonders peinlich, wenn es während eines Essens zum Streit kommt. Ich meine, zu Hause, im Restaurant ist es was anderes.“
„Ihr habt euch also gestritten, Johannes und du?“ Der Kloß in Karlas Hals rutschte Richtung Magen. Außerdem – woher wollte ausgerechnet Hanne so etwas wissen? Oder zitierte sie mit dieser Einsicht Johannes? Auch das war absurd. Die Preisrichter hingegen, Karla sah sie wieder vor sich, ihre Verzückung, wenn sie kosteten, was sie gekocht hatte – aber eben doch nicht mit der ausreichenden Punktzahl versahen. Als würde sie selbst verspeist werden und nicht ihre mit Blut angereicherten Kreationen, so war das für Karla gewesen.
„Essen ist was Positives, das jedenfalls steht fest. Nein, wir haben uns nicht gestritten, wie kommst du darauf?“
Von wegen positiv. Karla nippte an ihrem Weinglas. „Ich glaube, ich fasse keinen Kochlöffel mehr an. Und deine Geschichte mit Johannes, die will ich lieber nicht …“
„Wart’s ab, das Beste kommt ja erst noch! Mir ist dann eingefallen, daß ich noch Spaghetti habe, irgend etwas für eine Sauce könnte ich bestimmt ebenfalls finden. Ich hab also am Herd hantiert, komisch, dabei fühlt man sich immer irgendwie mütterlich, und er …“
Eine ältere Frau blieb vor Karla stehen und wies fragend auf den freien Platz ihr gegenüber. Karla nickte. Eine Frau, die davon überzeugt war, wann und wo immer sie hinkäme, Aufsehen zu erregen. Mit einem Blick, der ganz bestimmt gebieterisch gemeint war und in dem doch Unsicherheit aufflackerte, sah sie sich um.
„Johannes hat da eine interessante Theorie. Mit Essen kann man andere ja auch zum Schweigen bringen. Eine Art Dressur oder gar Unterwerfung –“
Wenn Johannes ihr das erzählt hat, dachte Karla, dann doch nur, um sie zu beeindrucken! Und Hanne fällt auch noch prompt darauf rein. Bei mir hat er nie so kompliziert gedacht. Was kränkend war, klar, wieso legte er sich bei Hanne so ins Zeug, und das ausgerechnet, während sie doch sowieso schon eine Niederlage erlitt, an diesem dämlichen Herd in Leipzig! Und daß Hanne es für nötig hielt, ihr das ausgerechnet jetzt zu erzählen, haarklein … Aber immerhin, der Riesling war besser als erhofft. Karla gähnte und hoffte, Hanne höre es.
„Und dann die heikle Frage“, ließ Hanne sich durch nichts stoppen, „was man mitbringt, wenn man eingeladen ist. Oft kennt man ja die Gastgeber gar nicht so gut. Blumen sind ja doch immer etwas konventionell, Wein hingegen kann verräterisch sein. Eine Flasche Wein, gleich welcher Qualität, ermöglicht ja sofort, Rückschlüsse zu ziehen, man verrät dabei jede Menge über sich selbst.“
Ihr hat er aber Wein mitgebracht, erinnerte sich Karla, und auch Blumen. Was will sie damit andeuten? Karla beschloß, was Hanne ihr da erzählte, sei kein Grund, um sich aufzuregen. Jedenfalls nicht nach allem, was hinter ihr lag. Leipzig, ihre verlorene Schlacht.
Die Frau ihr gegenüber fuchtelte wild mit beiden Armen, es dauerte ihr zu lang, bis ihr Kaffee gebracht wurde. Eben jetzt aber kam der Kellner, mit einer ihrer ziellos heftigen Gesten wischte sie die Kaffeetasse vom Tisch. Ein Teil des Inhalts ergoß sich über ihre Jacke. Sie sprang auf, schnappte nach Luft und sah mißbilligend auf den Kellner herab. Der versuchte, mit einer Papierserviette die Kaffeepfütze um ihre Beine zu trocknen. Als er damit fertig war, bestellte sie Eintopf. „Manche Leute sind einfach zu ungeschickt!“
Karla wandte den Kopf zum Fenster und ließ die Lider zufallen. Mit einem Blinzeln ab und zu ergab das bizarre Muster gegen die Sonne.
„Mir hat er übrigens Wein mitgebracht“, fuhr Hanne prompt fort. „Ziemlich edles Gewächs … Aber das hab ich ja schon gesagt. Was meinst du?“
„Wozu?“
„Na ja, was bringt man mit, wenn man zum Essen eingeladen ist? Bei Leuten, die man kaum kennt?“
„Das passiert mir nicht so häufig. Zum Glück.“ Vage bleiben, sagte sich Karla, und auf Distanz. Hanne redete da eindeutig um einen Brei herum, einen ziemlich heißen. Es schien Karla nicht nötig, die Augen zu öffnen. Ihre mit Blutwurstfarce gefüllten Morcheln fielen ihr wieder ein, der Schaum, in dem sie dekorativ versunken waren, hatte hauptsächlich auch aus Riesling bestanden. Aus einem Besseren als dem in ihrem Glas. Aber was hatte es genützt?
„Klar, dich traut sich keiner einzuladen. So wie du kochst …“ Hanne lachte. „Unangenehm ist es ja auch, wenn man später zu einem Essen kommt als die anderen. Die, die schon eine Weile um den Tisch sitzen, haben dann meist einen gewissen Vorsprung und etwas von einer ausgelassenen Horde.“
Eine Horde, ja, hing Karla ihren eigenen Gedanken nach, mit einer Horde hatte sie es in Leipzig zu tun gehabt, einer Horde aus Männchen, die Frauen nur in untergeordneten Positionen duldeten. Allein der Jargon rund um die Herde der Männer, nichts als Zoten, wie Zwölfjährige rückten sie alles, was rund um die Töpfe und Teller geschah, in das trübe Licht von schmuddeligem Sex. Karla kannte das, aus der Zeit ihrer Ausbildung. Aber gleich danach verheiratet und als Köchin ihr eigener Chef, hatte sie es vergessen.
„Was habt ihr denn nun gegessen?“ Karla fragte sich, ob das Gefühl in ihrem Bauch Hunger war oder mit der Langatmigkeit zu tun hatte, mit der Hanne ihr da etwas erzählte. Worauf lief das hinaus?
Die Frau ihr gegenüber bekam ihren Eintopf serviert, Karla roch eine Fertigwürzmischung, und was der Napf enthielt, ließ sie lieber gleich wieder aus dem Fenster schauen. Das half leider nichts gegen die Schlürf- und Schmatzgeräusche, die die Frau beim Essen von sich gab. Sie fraß wie ein Schwein. Zum Glück sah Karla doch hin, als sie einen Löffel voll suppiger Pampe zum Mund führte und einen Hustenanfall erlitt. Was auf ihrem Löffel lag, spritzte in alle Richtungen, gerade noch rechtzeitig sprang Karla auf.
Sie beschloß, ihren Wein im sogenannten Bistro nebenan zu trinken, an den Stehplätzen dort wurde geraucht. Aber das war eher zu ertragen als diese Tischnachbarin, die noch immer prustete, sich verschluckte und ihre Handtasche nach einem Taschentuch durchsuchte. Dabei beförderte sie den gesamten Tascheninhalt auf den Tisch. Sie fand nichts Geeignetes, und so bearbeitete sie mit ihrem Schal ihr suppennasses Gesicht, die Flecken auf ihrer Jacke. Halb empört, halb verzweifelt, schaute sie zu Karla – warum ist die Welt so schlecht?
„Hörst du überhaupt zu?“ beschwerte sich Hanne. „Wir haben dann nämlich auch über dich geredet. Du mit deinem ewigen Widerspruchsgeist. Eigentlich dürftest du da gar nicht Köchin sein.“
„So haben die das in Leipzig ja vielleicht auch gesehen.“ Karla fühlte sich wieder mal wie aus allem herausgerutscht. Von den Juroren verkannt, von dieser Frau vom Tisch vertrieben, und von Hanne … enteignet, ja, das war das richtige Wort. Hatte die den keinen anderen abschleppen können als ausgerechnet Johannes? „Denkst du dir das eigentlich alles aus, oder …?“
Hanne redete, ohne Punkt und Komma, und Karla hörte zu, wenn auch widerwillig. Vielleicht ja auch deshalb, weil sie fürchtete, Paul komme in dieser Geschichte irgendwann auch noch vor. Paul …
„Hast du uns vielleicht deshalb noch nie zum Abendessen eingeladen?“ wollte Hanne wissen. „Weil du zwar kochen kannst, aber zu negativ bist? Versteh mich nicht falsch, ich will damit nur sagen … So ein Essen funktioniert wie eine Inszenierung, so was muß man als Gastgeber durchziehen wie eine Schlacht. Klar und eindeutig, ohne Selbstzweifel. Gnadenlos positiv, wenn du weißt, was ich meine.“
Karla stellte sich so, daß sie die Frau, die sich nach dem Eintopf ein Stück Sahnetorte in den Mund stopfte, nicht sehen mußte.
„Wann kommst du eigentlich an? Wir könnten zusammen was essen. Einen richtig guten Wein hab ich auch kalt gestellt. Oder arbeitest du heute noch?“
„Hab mich krank gemeldet. Wo ich nun ohne Medaille zurückkomme … Test nicht bestanden, also Kopf ab.“
„Na hör mal! Es geht hier doch nicht um ein Märchen! Hast du schon mal was von Arbeitsrecht gehört? Die können doch nicht … Jedenfalls, in meiner Küche herrschte am Ende der Nacht eine unbeschreibliche Unordnung, nach einem Gelage hätte es nicht schlimmer sein können.“
Allmählich sah es so aus, als würde Paul in dieser Geschichte doch nicht vorkommen. Das beruhigte Karla, aber sie verlor auch die Lust, noch länger zuzuhören.
„Klar, jetzt wäre es naheliegend gewesen, ihn aufzufordern, mit nach nebenan zu kommen. Bestimmt hat er damit gerechnet. Als ich aufgestanden bin, war er ziemlich verlegen. Süß irgendwie … Erst an der Tür hat er begriffen, daß es für ihn Zeit war zu gehen.“
Hannes Stimme senkte sich, wie zu einem Schlußpunkt.
Und da begriff auch Karla. „Du hast dir das alles nur ausgedacht, stimmt’s?“
„Stimmt.“
„Und wie war es wirklich mit Johannes?“
„Wir sind gleich ins Bett gegangen. Ohne etwas zu essen. Das macht dir doch nichts aus?“
„Und wenn doch?“ Karla blieb die Luft weg. „Nur gut, daß wir nicht Freundinnen sind!“ Sie war wütend und spürte doch – es war eine Inszenierung. Johannes war ihr gleichgültig, nur ihr Kopf gaukelte ihr manchmal vor, daß mit ihm …
„Vergiß es!“ Hanne lachte. „Auch das stimmt nicht. Ich wollte dich nur auf andere Gedanken bringen. Mal sehen, ob er dir wichtig ist. Und testen, ob meine Geschichte funktioniert. Mensch Karla, jetzt sei doch nicht so! Wir könnten …“
„Du kannst mich mal.“ Mit einem Tastendruck beendete Karla das Gespräch.

Director Purchasing, das stand wirklich unter dem Schriftzug, mit dem Johannes den Brief signiert hatte. Aber nicht einfach mit Johannes, sondern mit Vor- und Zunamen, und es war ja auch wirklich ein höchst offizieller Brief.
Der einzige Brief, den Karla im Briefkasten an der Remise fand. Von Paul auch auf diesem Weg nichts.
Sie starrte immer wieder auf diesen bombastischen Titel, seit wann hatte Johannes eine so ausdrückliche Position im Hotel seines Vaters? Sie war doch nur ein paar Tage weggewesen! Und überhaupt, purchasing, das hatte mit dem Einkauf zu tun. Seit wann verstand denn Johannes davon etwas? Er müßte dann ja mit Knoblich zusammenarbeiten, da war die Katastrophe vorprogrammiert!
Der Brief selbst war an Förmlichkeit nicht zu überbieten. „… gratulieren wir zu dem angesichts der Umstände doch beachtlichen Erfolg in Leipzig und freuen uns, Sie demnächst, nach einigen Tagen Urlaub, den Sie sich redlich verdient haben, wieder bei uns …“
Etwas in Karla verhärtete sich, sie hatte doch mit der Kündigung gerechnet, und nun das, und dann auch noch von Johannes! Eine schallende Ohrfeige, so empfand sie den Brief, machten die sich lustig über ihre Niederlage? Hofften gar, davon zu profitieren, sie endlich so klein zu sehen, wie sie Karla gern haben wollten?
„Dann kündige ich eben selbst!“
Das Harte in ihr wurde wie Glas, nicht auszuschließen, daß da gleich etwas klirrte und einfach zerbrach. Sie verschob das Schreiben der Kündigung, die Heizung funktionierte nicht, draußen war es bestimmt wärmer als in der Remise, sie mußte auch raus, überall war es besser als hier drin. Noch einmal hörte sie den Anrufbeantworter ab. Aber da war wirklich nichts gewesen, auch nicht von Paul.
Doch an der Garderobe hing eins seiner Jacketts, im Bad stand sein Rasierzeug, ein Buch von ihm neben dem Bett – es war hier auf keinen Fall auszuhalten.

Und so lief Karla wieder einmal durch die Stadt, glaubte wieder, sie habe kein Ziel, bis ihr in der Nähe des Potsdamer Platzes ihr Saxophon einfiel und der schmutzige kleine Strolch, in dem sie den Dieb vermutete.
„Ich hol es mir wieder!“
Der Vorsatz verlieh ihrer gläsernen Brüchigkeit etwas wie Struktur, gekonnt schob sie sich durch die Menschenmassen. Aber die Brachstelle, über die Alikan sie damals im Winter zu seiner windigen Bleibe geführt hatte, war verschwunden, ein Bauplatz war daraus geworden, Kräne, das Fundament schon betoniert, und die Arbeiter feixten und pfiffen ihr nach. Karla stellte sich taub, sie wußte keinen anderen Weg zum Kanal, auch wenn sie bis zum Knöchel in schlammigen Dreck sank bei jedem Schritt.
Am liebsten hätte sie Alikan überrascht, ihn womöglich im Schlaf angetroffen. Aber da lag nur eine zerschlissene Decke, die Plastikplane hing schlaff in der Sonne. Was einmal Alikans stolzer Besitz gewesen war, sah mehr denn je nach Gerümpel aus. Vom Saxophon keine Spur. Zwei Blechdosen entdeckte Karla immerhin, und ihr lag viel daran, sie als jene zu erkennen, in denen sie damals gekocht hatte. Milchreis und Apfelmus. Ihr fiel ein, wie sehr ihn die Prise Salz verblüfft hatte, und salzig schmeckte auch, was ihr jetzt auf die Lippen kam.
„Was wollen Sie hier?“ schrie jemand von der Böschung oben. Er trug einen Helm, mit einem Meterstab schlug er sich gegen die geöffnete Handfläche. „Gehört der Müll Ihnen? Dann schaffen Sie ihn endlich weg! Das ist jetzt alles Privatbesitz! Und wenn ich Sie hier noch einmal antreffe …“
Karla trug den Kopf sehr hoch, als sie Alikans einstiges Zuhause verließ, die gemauerte Böschung war schmal. Der Mann schimpfte ihr hinterher, sie sah ins grautrübe Wasser, ein Schiff schob sich in ihren Blick, fast so breit wie der Kanal, und die darauf saßen, aßen Bockwürste oder Eis oder hielten Kameras in der Hand.
Etwas Glück hatte Karla dann doch, denn weiter vorn gab es Treppen, die wieder nach oben führten, auf dem Brachland hier wurde noch nicht gebaut.

An Paul dachte sie eigentlich die ganze Zeit, aber bewußt wurde es ihr erst, als sie ein Loch in ihrer Manteltasche entdeckte und dann weiter unten im Futter etwas Schweres. Sie fingerte danach, es war ein Schlüssel. Und zwar der zu Pauls Wohnung.
Also noch ein Beweis, daß da etwas anders geworden war. Karlas Augen sonderten schon wieder Salziges ab. Er hatte ihr seine Wohnungsschlüssel schon mehrmals geben wollen, sie hatte immer abgelehnt.
„Dann wirst du auch meine haben wollen.“
Er hatte genickt. „Klar, wieso denn nicht? Es wäre doch nur praktisch, wenn …“
„Ich will das nicht.“
Wen kümmert denn noch, was ich will und was nicht? Selbstmitleid stieg in ihr auf, noch mehr Tränen waren die Folge. Aber ihre Hand umklammerte ganz fest diesen Schlüssel, während sie Richtung Mitte ging, in einem absichtlich großen Bogen, um nicht in die Nähe des Hotels zu kommen. Paul, was war da nur falsch gelaufen? Sex und sonst gar nichts, wieso war es dabei nicht geblieben? Oder war da doch nicht mehr? Bildete sie sich das nur ein, weil derzeit alles andere in die Brüche ging?
Sie kam an einem Kino vorbei, erinnerte sich an den Film – zusammen mit Paul hatte sie ihn gesehen. Und dort war jenes Café, in dem sie einmal stundenlang Pläne geschmiedet hatte, mit Paul, nur zum Spaß natürlich, das Spiel hatte geheißen – was würden wir tun, wenn … Und es war auf ein gemeinsames Leben hinausgelaufen. Später kam sie an der Bushaltestelle vorbei, an der sie sich gestritten hatten. Und dann war da noch die Blumenhandlung, Paul hatte sie gebeten, davor zu warten, war hineingegangen und mit einer Sonnenblume zurückgekommen. „Für dich, weil der Himmel so grau ist!“
Sagte man so etwas, wenn es nur um Sex ging? Und freute man sich darüber so, wie sie es getan hatte, wenn man nicht mehr wollte als eine Verabredung dann und wann?
Karla ging immer schneller, aber es half nichts. Hatte sie wirklich so vieles schon mit ihm erlebt? Die ganze große Stadt bestand anscheinend nur noch aus Orten, an denen sie einmal mit Paul gewesen war, Paul, überall nur Paul! Sie wollte es nicht, aber es war nicht zu ändern. Sie beschimpfte sich selbst – was sollte das, jetzt, wo es zu spät war, auch hierfür, wo Paul nicht mehr anrief, auch nicht mehr erreichbar war für sie, und den Schlüssel in ihrer Tasche hatte er bestimmt längst vergessen.
Es war ein weiter Weg bis nach Weißensee, und als Karla irgendwann vor dem Haus stand, in dem Paul wohnte, hoffte sie, er sei nicht da. Wie ein Dieb wollte sie bei ihm eindringen, heimlich, und sie stellte sich vor, er habe etwas dagegen. Rache für den Schlüssel, den er ihr zugesteckt hatte, wann wohl? Nach Leipzig war sie mit einem anderen Mantel gefahren. War er eingebrochen bei ihr? Nur, um ihr diesen Schlüssel zuzustecken? Nein, so viel kriminelle Energie traute sie ihm nicht zu. Aber sie selbst verfügte plötzlich genau darüber, einbrechen wollte sie bei ihm, allein sein in seiner Wohnung, allein etwas sehen, das ihr bislang vielleicht entgangen war.
Als sie den Schlüssel in Schloß schob, hoffte sie einen Moment lang, er passe nicht. Aber da ging die Tür schon auf.

Es blieb jetzt schon lange hell, viel Licht fand von draußen herein. Aber Karla sah nichts. Mit geschlossenen Augen konnte sie besser riechen. Und sie roch – Paul. Sein Rasierwasser. Vermischt mit Staub und einem Hauch des stark aromatisierten Tees, den er bisweilen trank. Karla hatte ihn wegen dieser kindischen Vorliebe immer ausgelacht, aber jetzt –
Sie stolperte, über Schuhe. Gleich mehrere Paare, gleich neben der Tür, auch die waren darunter, die er einmal für sie gekauft hatte. Laufschuhe, zwei Nummern größer, als Karla sie sonst trug.
Das müsse so sein, hatte er erklärt, beim Laufen würden sich ihre Füße ausdehnen.
„Aber wozu laufen?“
„Weil du dich zu wenig bewegst, wie wir alle.“
Einmal hatten sie wirklich einen Versuch unternommen, quer durch den nahen Park. Karla war erschrocken, wie schnell sie aus der Puste kam, während Paul gemeint hatte, das sei nur normal am Anfang.
Aber wiederholt hatten sie das Experiment nicht, auch Paul selbst redete mehr davon, als daß er wirklich lief.
Und nun waren diese Schuhe nur noch zum Stolpern gut und dazu, daß Karlas Mund ganz trocken wurde. „Ich hätte eben doch mit ihm laufen sollen und die Leber so zubereiten, wie er sie mag.“
Sie sah, wie da ein Versäumnis zum andern gekommen war, sie spürte Paul rund um sich, wie eine Wolke, in der sie zu gern versinken wollte. Aber er war nicht da, und das Bett, auf das sie sich warf, roch auch ein bißchen nach ihr.
Sie blieb liegen, sie war schon froh, wenigstens nicht zu weinen, reglos verharrte sie, bis ihr klar wurde – hier drin war die Luft ganz einfach verbraucht. Und sie selbst war eine romantische Gans, das Bett war bestimmt wochenlang nicht frisch bezogen worden, alles hier war schlichtweg verwahrlost unter der dünnen Tünche einer hastigen Ordnung.
Blieb eine ganz andere Frage. Wo schlief Paul, wenn so offensichtlich nicht hier?
Karla setzte sich auf, vom Bett aus übersah man den ganzen Raum, auch das Zimmer nebenan mit dem Arbeitstisch. Über dem Stuhl hing ein seidner Schal. Wann hatte sie den hier vergessen? Der Laptop stand nicht an seinem Platz. Paul arbeitete also auch anderswo.
Eine der Schranktüren zu öffnen, kostete sie Überwindung – so etwas tat man einfach nicht. Und wie zur Strafe sah sie, daß auch die meisten seiner Hemden fehlten. War das noch immer nicht Beweis genug?
Sie warf die Schranktür zu, mit einer heftigen Geste, wütend über sich selbst. Wieso tat sie sich das an? Brauchte sie noch eine Niederlage? Da geriet ins Rutschen, was oben auf dem Schrank lag, lose Blätter, in allen Größen, Karla schrie leise auf, hob voller Abwehr die Hände.
Zu verhindern war nichts mehr, der Boden war übersät mit Zeichnungen. Keine Baupläne, Menschen. Nur Gesichter. Karla ging in die Knie. Zeichnete Paul denn Porträts? Gesprochen hatte er davon nie, und keines der Blätter war signiert.
Aber es konnte nur Paul gewesen sein. Bald erkannte Karla sich selbst. Obwohl – sah sie wirklich so aus? So glücklich? Wann hatte Paul sie so gesehen? Nicht nur so. Sie griff zu anderen Blättern und fand sich selbst in allen möglichen Stimmungen. Dann auch Alikan, Knoblich, sogar Johannes. Urtig war ebenfalls mehrfach vorhanden, und eine weitere Frau – das war Lina. Woher kannte Paul sie?
Sie sortierte alle Blätter aus, die Porträts von Menschen zeigten, die sie nicht kannte. Sie sagte sich, daß sie von Kunst nichts verstehe und daher nicht beurteilen könne –
Aber vielleicht war es ja gleichgültig, ob die Porträts gut oder schlecht waren, rein ästhetisch gesehen? Obwohl, so wenige Striche, wie Paul immer genügten, um jemanden kenntlich zu machen, da war nichts zu viel, war das vielleicht doch große Kunst? Aufgeregt schob Karla die Blätter hin und her, Alikan, Urtig, Lina, sie selbst. Und auch ein Selbstporträt fand sie, ja, genau so sah der Paul aus, den sie liebte.
Sie sprach es laut aus, zum ersten Mal, in dieser leeren Wohnung, in der alle Paulgerüche längst schal geworden waren. Doch ihre eigene Stimme erschien ihr fremd, „ich liebe dich, Paul“, lag es an diesen so häufig und unbedacht benützten Worten? Jeder sagte so etwas, überall. Jetzt aber sie.
„Ja, Paul, ich liebe dich.“
Kläglich klang es in ihren Ohren, bestimmt auch nicht glaubwürdig, sie stand auf, sie schaffte es nicht, die Zeichnungen einzusammeln, zu ordnen, auf ihren Platz auf dem Schrank zurückzulegen. Sie wollte gehen, ganz schnell, auf dem Flur schlüpfte sie aus den Schuhen. Und zog statt dessen die Laufschuhe an, Kunststoff, häßliche Streifen, mit den dünnen Strümpfen war es, als sei sie ein Kind, das in die viel zu großen Schuhe der Mutter schlüpfe, wohin wollte sie darin entkommen?
Kurz, bevor sie dann wirklich ging, fiel ihr Blick noch einmal auf die Porträts dort auf dem Boden. Paul, Alikan, sie selbst, es war Zufall, wie gerade diese drei Gesichter nebeneinander lagen, und es sah doch aus, als –
An der Tür wurde geklingelt, sie preßte sich gegen die Wand, schluckte ihren ängstlichen Atem hinunter. Noch einmal die Klingel, dann Schritte im Treppenhaus. Als es ganz still war, stürzte Karla zur Tür und wäre ums Haar gefallen. Die Schuhe waren wirklich zu groß. Ruckedigu, die Tauben im Hof kündigten es an, und wirklich war ja auch bald Blut in den Schuhen. Da war Karla noch nicht einmal an der U-Bahn.

An den Füßen Blasen, und ihr Herz hing in Fetzen, als sie wieder in der Remise eintraf. An der Tür hatte ein Zettel geflattert – nein, nicht von Paul. Pluntke kündigte an, am nächsten Tag solle die Heizung repariert werden. Kalt, wie es war, begann Karla endlich den Koffer auszupacken, er enthielt hauptsächlich schmutzige weiße Schürzen. Und natürlich auch die Kochhaube, Knoblich hatte sie ihr geschenkt, als Glücksbringer. Karla stopfte alles zusammen in die Waschmaschine, die Kochmütze zuletzt.
Und da erst begriff sie, weshalb sie in Leipzig so jämmerlich untergegangen war. Denn Knoblich, dieser sentimentale Trottel, natürlich hatte er es gut gemeint, aber …
Vorn auf der Mütze war ein Namenszug aufgedruckt, für einen Blick in den Spiegel hatte sich Karla in Leipzig keine Zeit genommen. Und hätte es doch tun sollen. Denn auf dieser Mütze stand – Wandel.

11. Kapitel

„War dir eigentlich klar, was du da tust?“
Karla hatte Knoblich regelrecht aufgelauert, es war fast schon Mitternacht, als er die Hotelküche wie erwartet über den Hinterausgang verließ. Karlas Augen sprühten grüne Funken, und die Hand, die ihm die Kochmütze unter die Nase hielt, zitterte.
„Mädchen, was hast du mich jetzt erschreckt! Aber gut, daß du endlich kommst, ich wollte sowieso …“
„Erklär mir das hier! War da nicht mal eine Abmachung zwischen uns?“
„Jetzt reg dich doch nicht so auf. Komm, wir trinken da drüben ein Bier.“
Knoblich wollte Karla mit sich ziehen, doch sie vertrat ihm den Weg. „Weißt du, daß ich deshalb den Wettbewerb verloren habe? Weil hier so dick und fett mein Name steht! Und ich hab es noch nicht mal gewußt, gar nicht in den Spiegel geguckt. Immer nur in die Töpfe!“
„Jetzt mach doch wegen dem Namen nicht so einen Wirbel, unter dem warst du doch auch angemeldet!“
„Schon. Aber das wäre untergegangen, schließlich bin ich zu Ehren und unter dem Namen des Hotels angetreten. Aber mit meinem eigenen Namen auf der Stirn auch noch kochen – das hätte ich mir schenken können. Wie ein Kainsmal! Jetzt versteh ich auch, warum die Juroren so komisch geguckt haben. Und immer wieder was zu tuscheln hatten. Mit dem verfluchten Namen meines Urahns hat das zu tun gehabt, wer weiß, was da noch für alte Geschichten schwelen, die Rivalitäten unter Köchen verjähren ja bekanntlich nie!“
Karla redete sich immer mehr in Rage, an Knoblich schien ihre Wut abzuprallen. Er seufzte nur, immer wieder, und er schüttelte den Kopf, wie über ein Kind, das Anlaß zur Sorge gibt.
„Jetzt komm endlich mit, ich habe Durst auf ein Bier! Außerdem muß ja nicht das halbe Hotel mitkriegen … Hast du denn wirklich nicht gewußt, was du tust?“ Wieder griff er nach ihrem Arm, und diesmal ließ er nicht los.
„Nein, ich hab nichts gewußt von dem blöden Namenszug an der Mütze! Aber inzwischen denke ich, er ist die Erklärung. Ich hab nämlich gut gekocht dort in Leipzig, besser denn je! Also kann es nur mit diesem Namen zu tun haben … Ich brauche ein Pseudonym.“
„Meinst du nicht, dafür ist es zu spät?“ Knoblich ließ sie wieder los und riskierte ein Grinsen. „Außerdem, an diesem Namen lag es nicht. Paul ist heute da gewesen, er hat …“
„Versuch jetzt bloß nicht abzulenken!“
Mit Karla war nicht zu reden, sie überschüttete Knoblich mit einer Flut von Schimpfworten.
Der blieb erstaunlich ruhig, ließ alles wortlos ergehen über sich. In der Eckkneipe stapfte er an den einzigen freien Tisch. Er kam öfter hierher an seinen späten Feierabenden, zwei hochgestreckte Finger genügten für seine Bestellung.
Karla ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen, sie schimpfte immer noch, zählte auf, wie oft sie Knoblich aus der Patsche geholfen hatte, zuverlässig und diskret. „Und das ist nun der Dank?“ Sie kam zu einem Ende, aber nur, weil ihr die Luft knapp wurde.
Dann, zusammen mit den zwei Gläsern Bier, die eine Kellnerin brachte, legte Knoblich ein Buch auf den Tisch. „Seite 73. Paul hat …“
„Nun laß Paul endlich aus dem Spiel!“ Karla griff nach dem Glas, ihre Wut hatte ihr einen trockenen Mund verschafft. Und das Buch, ein Kochbuch, wie der Titel verriet, und noch dazu allem Anschein nach ziemlich alt, interessierte sie jetzt nicht. Begriff Knoblich denn noch immer nicht, was er angerichtet hatte?
„Seite 73. Schau dir das einmal an.“ Auch Knoblich griff nach seinem Bierglas.
Als Karla mit spitzen Fingern nach dem Buch tastete, löste sich gleich der Einband ab.
„Antiquarisch. Aber das Ding zirkuliert derzeit wohl als Kopie in gewissen Kreisen.“ Knoblich leckte sich den Bierschaum von den Lippen. „Und wie gesagt – Seite 73. Lies!“
„Das ist ja mehr Staub als Papier.“ Karla begann endlich zu blättern. Sie las, wer der Verfasser des Kochbuchs war – kein anderer als ihr Urgroßvater. Ihr Widerwillen wuchs.
„Das Reglement des Kochwettbewerbs ist dir ja bekannt gewesen. Wie in der Schule. Abschreiben verboten. Nachkochen erst recht. Und dann eine so direkte Übernahme …“ Knoblich lehnte sich zurück, es wirkte nicht entspannt. Eher so, als wolle er sich in Sicherheit bringen.
Ziemlich viele Seiten des Buchs waren lose. Viel hätte nicht gefehlt, und Karla hätte das Ding einfach vom Tisch gewischt. Aber Knoblichs Miene verunsicherte sie, und endlich fand sie die fragliche Seite. „Von fast schon vergessenen Genüssen“, war die Seite überschrieben, und dann stachen Karla zwei Worte in die Augen. Zwei Worte, bei denen ihr schlecht wurde. Zuerst glaubte sie sogar an eine Halluzination, Morcheln und Blutwurst, wer kam schon auf so eine Idee! Es war ihr bestes Rezept gewesen in Leipzig, allein dies hätte ihr einen der ersten Plätze sichern müssen, Morcheln und Blutwurst …
„Es ist bis aufs I-Tüpfelchen das, was du gekocht hast. Mädchen, wie konntest du nur? Den Regeln nach hätten sie dich disqualifizieren müssen. War dir nicht klar, welches Risiko …“
„Das kann nicht sein. Ich hab dieses Kochbuch nie gesehen. So etwas steht auch nicht im Familienbuch. Es ist ausgeschlossen. Es ist …“
Karla wurde so blaß, daß Knoblich fürchtete, sie rutsche gleich vom Stuhl. „Ganz ruhig bleiben, Mädchen. Jeder macht einmal einen Fehler. Im Hotel nimmt man es dir ja auch gar nicht übel. Mit einem ersten Platz wärst du für uns vermutlich verloren gewesen. Man macht jetzt richtig Reklame damit, ‚Wandel im Lauf der Zeiten’ oder so ähnlich. Johannes hat sich das ausgedacht.“
„Aber ich hab das Rezept nicht gekannt, wirklich!“ Mit beiden Händen hielt sich Karla an der Tischkante fest, sie starrte auf das Buch, als sei es eine Ansammlung sämtlicher Heimsuchungen der Welt. Das Lob dort in Leipzig, die Anerkennung wegen besonderer Originalität – jetzt war klar, es war so höhnisch gemeint gewesen, wie es gleich in ihren Ohren geklungen hatte.
Knoblich bestellte noch zwei Bier, unschlüssig, was er von all dem halten sollte. Er glaubte, Karla inzwischen doch schon etwas zu kennen. Daß sie versuchte, sich herauszureden, war ihm neu. Aber sie war immerhin eine Frau, und wer kannte sich mit denen schon aus?
„Bis aufs I-Tüpfelchen, tatsächlich.“ Karla las das Rezept noch einmal, bläulich traten ihre Knöchel hervor an den Händen, die an der Tischkante nur scheinbar Halt fanden. „Sogar Riesling hat er verwendet … eingelegten Ingwer, roten Pfeffer … Es kann einfach nicht sein.“
Es war aber so, schwarz auf bräunlich vergilbtem Papier, in einem schon reichlich zerfledderten Kochbuch. Sämtliche Gruselgeschichten dieser Welt hätten Karla nicht solch ein Entsetzen einjagen können wie diese nüchternen Zeilen mit Mengenangaben, Verarbeitungshinweisen, Garzeiten.
„Wenigstens eine klitzekleine Variante, verstehst du?“ Knoblich sah sie an, er rutschte mit seinem Stuhl noch etwas weiter vom Tisch. „Einen anderen Wein, andere Gewürze, so schwer wär das doch nicht gewesen! Aber so eins zu eins, das war einfach zu frech. Hast du denn nicht gewußt, daß Köche ein gutes Gedächtnis haben? Und daß derzeit Originalität wieder einmal Kult ist? Gerade einer wie dein Urgroßvater, der hat nun mal Maßstäbe gesetzt …“
Karla machte den Mund auf, kein Laut kam heraus. Sie klappte die Kiefer wieder zu, unternahm noch einen Versuch. Doch ihre Stimme wollte sich nicht einstellen. Und ihre Hände flatterten, so unruhig, daß das Bierglas umfiel, das die Kellnerin vor ihr absetzte. Aber immerhin, ihre Füße, die funktionierten halbwegs, taten in etwa das, was sie wollte, sie stand auf, ihr Blick der einer Schlafwandlerin, aber dort war die Tür, gar nicht weit, nur einen Fuß vor den anderen …
„Karla, jetzt bleib doch! Weglaufen hat doch keinen Sinn! Ich meine es gut mit dir, laß uns bereden, wie …“ Knoblich rettete das Kochbuch aus der Bierpfütze und fingerte nach seinem Portemonnaie. Doch bis er es fand, war Karla längst draußen.

In dieser Nacht schrieb Karla die Kündigung. Sehr spät in der Nacht erst, es wurde allmählich schon hell draußen. Wie diese Nacht vergangen war, sie wußte es nicht. Wie auch, von sich selbst wußte sie ja auch nichts mehr. Wer war sie überhaupt – vermutlich ja eher ein Etwas. Ein Etwas, bestimmt von fremden Kräften, von einer Vergangenheit, die ihr nur als Lügengespinst bekannt war. Von Genen, Urgroßvatergenen, die es eindeutig schlecht mir ihr meinten, sie fliehen ließen – nur um immer wieder im Altbekannten zu stranden. Um zu ersticken im modrigen Sumpf einer Familie, vor der es eindeutig kein Entkommen gab. Am besten, sie versuchte es nie wieder, gab einfach auf …
Doch die Kündigung zu schreiben – es war dann doch eine Wohltat, ganz unerwartet. Fast nahm dabei das wieder Kontur an, was sie bislang für sich selbst gehalten hatte. Aber eben nur fast. Karla verfügte im Moment nicht über die Energie, um daraus etwas zu machen. Sie überlegte eine Weile, an wen sie das Schreiben richten sollte, und sie entschied sich schließlich für den Director purchasing. Johannes war für Kündigungen zwar nicht zuständig, aber … als Sohn würde er es schon weiterleiten. Außerdem war es gut, ihm so kurz und knapp alles vor die Füße zu kippen, wie stinkenden Müll, ja, eine Wohltat.
Draußen dämmerte es schon, sie wollte den Brief loswerden, auf der Stelle. Auf dem Weg zum Briefkasten hatte sie das Gefühl, zum ersten Mal seit sehr langem das Richtige zu tun. Zurück auf Null, das war es. Sie bedauerte die Leute, die jetzt ihre Hunde ausführten, wie jeden Tag um diese Zeit, jeden Tag jeden Jahres, so lange sie lebten oder die Hunde. Noch gab es kaum Verkehr, dafür lärmten die Vögel. Unglaublich, wie viele es davon gab in einer großen Stadt. Wo lebten sie eigentlich? Man sah sie kaum einmal, aber dieses vielkehlige Gezwitscher von oben, aus grüngeflaumten Bäumen, sprach deutlich für ihre Existenz.
Auf dem Rückweg ging Karla langsamer, eine Maßnahme dagegen, daß nun nichts mehr zu tun war. Nichts. Sie versuchte sich einzureden, sie sei müde. Dann schälte sich aus dem Vogellärm eine einzelne Stimme heraus. Sie blieb stehen. Nie zuvor hatte sie eine Nachtigall gehört, doch jetzt wußte sie – das war eine. Mitten in Schöneberg? Sie hatte schon gelesen, Berlin sei auch die Hauptstadt der Nachtigallen. Geglaubt hatte sie es nicht, es dem typischen Größenwahn dieser Stadt und seiner Bewohner zugeschrieben. Doch da sang wirklich eine Nachtigall.
Und das machte Karla nervös. Zurück in der Remise, ging sie nicht ins Bett. Zurück zum Nullpunkt – nun ließ sie das zum Besen greifen, zu einem Eimer. Kurz darauf säuberte sie das Treppenhaus, eine Hauswartsfrau, versessen auf jedes Staubkorn, auf jeden Fleck. Manche Mieter mußten früh aus dem Haus, sie wunderten sich, freuten sich – es war doch besser, wenn das jemand erledigte, den man kannte. Diese anonymen Reinigungsfirmen taugten nichts.
Der kochbegeisterte Lehrer aus dem zweiten Stock blieb sogar stehen. „Das trifft sich gut, daß ich Sie endlich wieder einmal treffe! Ich habe Ihnen doch erzählt, der Kartoffelbrei …“
„Nehmen Sie einen aus der Tüte.“ Karla lächelte honigsüß und kippte Wischwasser rund um seine Füße.
„Aus der Tüte?“ Er schien das Wort kaum über die Lippen zu kriegen. „Und das sagen Sie?“
„Das sage ich.“ Noch mehr Wasser, sie griff nach dem Schrubber, tat so, als seien die Lehrerbeine gar nicht da.
Er wollte noch etwas sagen, brachte es aber nicht heraus und ging endlich. Karla begann zu pfeifen. Nullpunkt, das Wort gefiel ihr immer besser. Sie bedauerte, nicht daran gedacht zu haben, sich ein Tuch um den Kopf zu binden. Dann vielleicht noch eine Kittelschürze, Putzfrauen waren schließlich auch Menschen …
Dann standen da wieder Beine, die im Unterschied zu denen des Lehrers nicht zu übersehen waren. „Hab ich es mir doch gedacht! Das steckt einfach zu tief in Ihnen. Sparen und Putzen, das sagt man den Schwaben doch nach!“ Pluntke lachte zufrieden. „Keine Frage, Sie machen das besser als diese Firma. Mir soll es recht sein. Tun Sie Ihrem Naturell bloß keinen Zwang an! Es kann eben keiner so leicht aus seiner Haut.“
Als er über den Eimer hinwegstieg, war es, als sei Karla nicht da. Auch das gehörte also zum Nullpunkt. Es gefiel ihr weniger gut, wenn darüber andere bestimmten, nicht sie. Und was er da gesagt hatte – den Nullpunkt namens Familie wollte sie nicht. Was fiel Pluntke ein, sie mit ein paar Worten dorthin zurückzustoßen!
Sie stieß den Eimer um, absichtlich, und die Pfütze, die sich über die Treppen ergoß, war längst nicht so schnell wie sie selbst.

Wasser beginnt am Nullpunkt zu frieren, Karla nahm sich ein Beispiel daran. Keine Sentimentalitäten mehr. Und natürlich brachte es auch nichts, in alte Rollen zu schlüpfen. Sie war keine Hauswartsfrau mehr. Auch keine Köchin, keine Tochter, keine Urenkelin. Keine Kollegin, keine Geliebte. Sie war – beinahe nichts. Und sie wollte ihr Saxophon zurück. Es war ihr gestohlen worden, die Anzeige bei der Polizei nur normal und längst überfällig.
„Karla!“
Sie wollte die Stimme nicht hören und erkennen schon gar nicht.
Aber Lina war mit wenigen Schritten da. „So ein Zufall, daß wir uns hier vor der Polizei treffen! Paul hat gesagt …“
„Ich bin nur hier, weil mir was abhanden gekommen ist.“ Paul schon wieder. Wieso redete jetzt jeder von ihm? Jetzt, wo sie …
„Was abhanden gekommen … Ja, so kann man das natürlich nennen. Mir auch.“ Lina trug wieder den Ring, so grün wie ihre Augen. Sie sah aus, als habe sie mehrere Nächte sehr schlecht geschlafen. „Dabei hat er sich so gut an sein neues Leben gewöhnt. Auch in die Schule ist er regelmäßig gegangen. Und seine Eltern habe ich auch endlich gefunden. Frag nicht, was das für Verhältnisse sind! Sie sind jedenfalls einverstanden, daß eine Pflegschaft …“
„Mir geht es bloß um mein Saxophon.“ Karla nahm Linas Grün ins Visier, mit ebenfalls grünen Augen. Grün und sehr kühl. Nullpunktfarbe.
„Karla!“ Wenn ihre Stimme so spitz wurde, hatte Lina eindeutig etwas von einer alten Frau. „Du weißt doch genau, wo es ist! Und er hat es ja nur an sich genommen, um etwas von dir bei sich zu haben. Etwas, das dir wichtig ist. Er mag dich, begreifst du das nicht? Und er hat es nun mal nicht gelernt, seine Gefühle auszudrücken. Du wirst doch deshalb nicht gleich die Polizei …“
„Du machst dich lächerlich! Vermißt willst du ihn melden, einen kleinen Stadtstreicher? Einen Dieb, einen Strolch? Jetzt ist er doch wieder, wo er hingehört!“
Die Tür, vor der die beiden Frauen stritten, wurde von innen geöffnet. Als Polizist war der Mann mit den Ringen im Ohr nur an der Mütze zu erkennen, die er lässig in den Händen hielt.
Er kam Karla gerade recht. „Sie sind hier doch auch für Diebstähle zuständig?“
„Für eine Vermißtenanzeige, meint sie.“ In Rentnermanier drängelte Lina sich vor.
„Ich jetzt für gar nichts mehr. Feierabend!“ Mit Turnschuhfüßen schlurfte er davon.
„Mit einer Anzeige machst du alles nur schlimmer. Überhaupt … hast du auch Post bekommen? Vom Nachlaßgericht?“
Karla war an Ablenkungsmanövern nicht interessiert. „Laß mich vorbei!“
„Glaub bloß nicht, daß mir das angenehm ist. Ehrlich gesagt, habe ich es deinem Vater gar nicht zugetraut, daß er so etwas hieb- und stichfest regelt. Aber in diesem Fall hat er doch mal was hingekriegt.“ Ein Augenaufschlag, und Lina sah aus wie zwanzig.
Karlas Mund wurde wieder einmal staubtrocken, dafür schoß es ihr feucht in die Augen. „Soll das heißen … das Haus gehört dir?“
„Ja, mit Brief und Siegel, stell dir nur vor!“ Als sei mitten im März Weihnachten für sie, leuchteten Linas Augen. „Dabei, ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, was ich damit soll. Und bestimmt ist da ja jede Menge zu machen. Vermutlich hab ich gar nicht das nötige Geld, um so ein Erbe … Was meinst du, ob ich darüber mal mit Paul …“
Karlas Gelächter brachte Lina zum Schweigen. Ihr selbst tat dieses Lachen weh, für Lina war es ein Schock, der ihre Augen trüb werden ließ.
„Na also! Irgend jemand muß doch auch von so einer Familie profitieren. Warum nicht du? Wo ich schon den ganzen Ärger mit ihr hab … Und dieses verdammte Haus, eine Bruchbude ist es, mehr nicht! Genau genommen ein Friedhof, ich wünsche dir eine glückliche Beerdigung darin!“
„Karla, jetzt lauf doch nicht weg! Wir können uns doch einigen. Dieses Haus darf doch nicht … Ich meine, wo du fast meine Tochter sein könntest … Karla!“
Auch Karlas Gehör war irgendeinem Nullpunkt erlegen, sie war sogar taub für die Polizeisirene, ihr Blick blind für das Blaulicht, und die Vollbremsung, mit der der Wagen zum Stehen kam, beeindruckte sie kein bißchen.
„Das war gekonnt, was?“ Der junge Polizist, dem das Glanzstück gelungen war, grinste seinem Kollegen voller Stolz zu.
Dieser hatte noch immer die Rothaarige im Blick. Eigentlich war sie zu hübsch, um betrunken zu sein oder unter Drogen. „He, Kleine! Wie wär’s mit einem Danke?“
Lina sah vor Schreck wieder aus wie eine alte Frau. „Karla, so warte doch! Laß uns darüber reden. Auch über das Saxophon, über den Kleinen. Und über Paul!“
Karla war eindeutig nicht mehr von dieser Welt, wie sie dort ging, mitten auf der Straße, unerreichbar für alles, ein wandelnder Nullpunkt mit rotknisterndem Haar.
„Was ist denn mit der?“ Einer der Polizisten sorgte endlich dafür, daß die Sirene verstummte. Das Blaulicht mäanderte weiter, ein unglaubwürdiges Flackern unter der Märzsonne.
„Ich glaube, ich kenne sie doch nicht.“ Lina drückte auf die Klinke, sie war ganz warm geworden in der Sonne. Es war ein angenehmes Gefühl. So wurde Verrat gelegentlich auch belohnt.

„Endlich! Verdammt, wo steckst du die ganze Zeit! Knoblich, Lina, ich hab allen Bescheid gesagt. Sogar Johannes.“
Paul saß auf dem Mäuerchen rund um die Mülltonnen vor der Remise, auffallend war, daß er ein Jackett trug. Und keinen Rucksack. An den Ästen der Kastanie über ihm schimmerten die Knospen reichlich obszön.
Für einen Wimpernschlag lang kam Karlas Nullpunktvorsatz in Gefahr. Als hätte, zusätzlich zu all dem Frühlingsgehabe ringsum, nur diese Stimme noch gefehlt, dieses Lächeln, um noch mehr wegrutschen zu lassen. Aber noch mehr, das ging gar nicht. Dann wäre sie ja gar nicht mehr da. Also noch ein Wimpernschlag, ein energisches Blinzeln, und schon war alles wieder ausradiert, was nicht mehr sein sollte, Festigkeit kehrte in ihre Knie zurück. „Du? Jetzt?“
Die Kälte in ihre Stimme war gut dosiert, Paul erstarrte mitten im Schritt. Aber sein Blick aus sehr hellen Augen versuchte, das Dschungelgrün ihrer Augen zu zerteilen. „Ich wußte mir keine andere Lösung. Da ist so viel falsch gelaufen. Also zurück, habe ich mir gesagt, alles auf Null. Und dann ein zweiter Anlauf, alles anders diesmal, und dann …“
„Kein Dann mehr.“ Ihre Stimme schnitt Quader in die Luft, sie stapelten sich zu einer säuberlich geschichteten Trennwand. „Es hat Zeiten gegeben, da … Aber jetzt brauche ich das nicht mehr. Und dich schon gar nicht.“
„Aber ich dich.“ Womit glaubte er, die Trennwand einreißen zu können? Er kam näher, er lachte, als sähe er ein Ziel.
Karlas Barrieren aber hielten stand. „Gib dir keine Mühe. Wenn etwas war, dann ist es vorbei.“
„Nichts ist vorbei. Es fängt doch erst an.“
Noch etwas näher kam er, Karla hörte ganze Libellengeschwader, noch einmal Blinzeln, zweimal Schlucken, dann war es damit vorbei. „Du hast mir sowieso immer nur etwas vorgemacht! Das mit dem Sex hat so wenig gestimmt wie alles andere! Weil du einfach von gar nichts etwas verstehst! Du bist zu jung. Und Architekt, daß ich nicht lache! Dein Gekritzel, diese Porträts …“
Wieso wurde ausgerechnet jetzt ein Fenster aufgemacht, irgendwo im Vorderhaus, hinter dem ausgerechnet Nina Simone sang, und natürlich ausgerechnet … „Tomorrow is my turn, no more doubts, no more fears …”
Auch ein Nullpunkt konnte gesteigert werden, Karla gefror zu Eis. Und Pauls Lächeln – nichts als eine dümmliche Hoffnung. Begriff er es immer noch nicht? Das Fenster schlug schon wieder zu, kein Gesäusel mehr von tomorrow. Die Starre eines zukunftslosen Dornröschenschlafs beherrschte den Hinterhof. Kein Prinz konnte den je beenden.
Und Paul war sowieso kein Prinz. Sondern wütend. „Wieso weißt du von diesen Porträts? Ich hab sie noch keinem Menschen gezeigt. Ich will nicht …“
„Na siehst du! Ich will auch nicht! Gar nichts mehr. Da sind wir uns ja doch einmal einig. Und überleg dir in Zukunft besser, wem du deine Hausschlüssel zusteckst!“
Karlas Stimme hallte von allen Hauswänden wider, so eisig – kein Wunder, daß sich prompt eine Wolke vor die Sonne schob. Und sie sich an Paul vorbei zur Remise, ihr Grünblick eine Absage an alle Hoffnung der Welt. Sie stellte sich vor, es müsse sehr souverän aussehen, wie sie die Schlüssel zu Pauls Wohnung hinter sich warf.
Die Brise, die gleichzeitig mit dem Klirren der Schlüssel auf dem Beton in den Hinterhof fand, fing sich an der Plastiktüte, direkt vor der Tür zur Remise, und verhalf ihr zu einem hilflosen Knattern. Für das, was in ihr war, war sie zu klein. Karla öffnete die Tür, keinen Blick mehr für Paul. Und schon gar nicht für das Saxophon in dieser Tüte. Sie stieg darüber hinweg. Wenn es denn sein mußte – sie wollte es nicht mehr. Nicht von ihm. Gar nichts mehr wollte sie. Nur noch in aller Ruhe vereisen, restlos.
Die Tür zu ihrer Wohnung warf sie im selben Moment zu wie Paul die zum Vorderhaus, beide etwa gleich laut. Aber von Gemeinsamkeiten wollten im Moment beide nichts wissen. Karla nie mehr, und Paul –
Trotz seiner Wut, daß Karla seine Zeichnungen entdeckt hatte, ohne ihn, gegen seinen Willen, zur absolut falschen Zeit, das Lied ließ ihn nicht los, er pfiff es und spürte, Wut konnte auch der Anfang von etwas sein. Tomorrow is my turn, das stand ja sowieso fest, er drehte noch einmal um, nahm die Plastiktüte an sich, den Schlüssel. Es war einfach der falsche Ort, um Karla ihr Saxophon wiederzugeben. Die falsche Zeit auch.
Als er den Hinterhof zum zweiten Mal verließ und dieses Mal die Tür sehr sacht ins Schloß fallen ließ, sang auf der Kastanie eine Amsel. Auch sie hatte der Melodie nach nichts als Zukunft im Sinn.

Gegen die geschlossenen Vorhänge hatten die Frühlingsexplosionen draußen keine Chance. Nullpunkt, das hieß Stillstand, und erstaunlich wenig gehörte dazu, ihn zu erreichen. Bald klingelte das Telefon nicht mehr. Je mehr Zeit verstrich, um so mehr verlor sie an Bedeutung. Und alles übrige auch. Der Blick auf ihre Vorräte an Nudeln aller Art beruhigte Karla – sehr lange noch konnte sie es so aushalten. Lang genug, daß die Welt einfach verschwand. Oder doch zu einer ganz andern wurde, zu einer, in der –
„Karla? Sie sind doch da?“
Daß Urtig kam, als eines ihrer Fenster offen stand, war reiner Zufall. Ganz ohne frische Luft ging es nicht, und Urtig war der Letzte, dem zuzutrauen gewesen wäre, daß er es ausnützte. Mit auf Hochglanz polierten Schuhen, dem feinen Hosentuch in das Kiesel-Erde-Gemisch rund um die Remise, Löwenzahn und Kleingesträuch, die noch blattlose Ranke einer wilden Rose verhakte sich in seinem Hut.
„Karla, Sie kommen doch mit? Ich warte vor dem Haus auf Sie, mein Wagen steht in der zweiten Reihe.“
Sie sagte sich, sie habe ihn geträumt. Einer wie Urtig tat so was nicht. Dann ging ihr auf, daß, was er gesagt hatte, wie freundlich-gelassen auch immer, einem Befehl glich. Wie kam er dazu? Hielt die Welt nur noch Zumutungen für sie bereit?
Das Fenster war rasch wieder geschlossen. Aber das Bild von Urtig, wie er jetzt wartete, blieb. Und es machte Karla nervös, eine Belagerung, und gab nicht der Klügere nach? Sie schlüpfte in irgendwelche hochhakigen Schuhe, strich sich die Lippen nach, griff nach der Jacke. Schlüssel und etwas Geld stopfte sie in die Taschen der Jeans, was konnte Urtig wollen von ihr?
Der Wagen, dunkelglänzend blau, mit den Karla schon bekannten Sitzen aus weißem Leder, sorgte bei den Passanten für erstaunte Blicke. Wagen wie diesen sah man hier selten, wer stieg in ihn ein? Die rotgekrauste Frau in den verblichenen Jeans stolperte fast über ihre eigenen Füße, und wie paßte sie zu dem gepflegten älteren Herrn, der ihr die Beifahrertür aufhielt?
Auch Hanne traute ihren Augen nicht, sie kam eben vom Einkaufen zurück. War Karla also doch da? Wieso dann nicht für sie? „Karla, warte!“
Karla hielt sich sehr gerade, als Urtig die Tür zuwarf, ebenfalls einstieg und los fuhr. „Sie sagen mir sicher gleich, was das soll?“
„Interessant, diese hochhakigen Schuhe zu den Jeans.“
„Wollen Sie etwa über Mode diskutieren?“
Am Kleistpark fuhr er geradeaus über die Kreuzung, Richtung Kreuzberg. „Mode, wieso nicht? Die Art und Weise, sich zu kleiden, zu essen, zu leben …“ Er hielt es nicht für nötig, den Satz zu beenden.
Karla riskierte einen seitlichen Blick auf ihn, sein Lächeln provozierte sie. Die Güte in Person.
„Es freut mich, daß Sie mich begleiten. Ich habe mir gleich gedacht, so schwierig wird das nicht sein. Und ich bin es Paul einfach schuldig, nach allem …“
„Wohin fahren Sie mich?“ Kreuzberg war eindeutig nicht das Ziel, die Straßenschilder wiesen jetzt nach Tempelhof.
„Was halten Sie eigentlich von Paul?“ Unmöglich, daß Urtig ihre Frage nicht gehört hatte, so nahezu lautlos, wie der Motor schnurrte.
„Das geht Sie nichts an!“ Fast auf Anhieb fand Karla diesmal den Knopf, mit dem sich das Fenster öffnen ließ. Die frische Luft von draußen verwehte ihren barschen Ton.
Doch Urtig schien sich daran sowieso nicht gestört zu haben. „Und wenn Sie einen Wunsch frei hätten?“
„Nur einen?“ Karla lachte spitz. „Im Märchen waren das doch immer drei.“
„Wer sagt denn, daß wir hier in einem Märchen sind?“ Urtigs großvatergütiges Lächeln wollte kein Ende nehmen. „Woran dachten Sie? Dornröschen? Aschenputtel?“
„Sie kennen sich da wohl nicht so gut aus, was? Für die beiden gab’s gar nichts zu wünschen. Wohin fahren wir?“
Tempelhof war so wenig das Ziel wie Treptow. Endlos lang zog sich die Stadt zu ihrem südöstlichen Rand. Da Urtig entschlossen schien, weiterhin den Geheimnisvollen zu spielen, nahm Karla sich vor, auf keinen Fall weiter als bis zur Stadtgrenze mit ihm zu fahren. Und von dort dann eben mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder zurück.
„Sie wissen ja, wie das so ist, wenn man erbt.“ Urtig warf leicht irritiert einen Blick auf Karlas Füße.
Sie schlüpfte eben aus den hochhakigen Schuhen – sogar im Sitzen schmerzten die Blasen. Die konnte man sich offenbar nicht nur in zu kleinen Schuhen holen, sondern auch, wenn man versuchte, viel zu große Laufschuhe nicht zu verlieren.
„Ich konnte mit dem Haus lange nichts anfangen. Viel zu weit draußen. Viel zu östlich. Idyllisch gelegen, gewiß. Aber was nützt das allein? Ohne Geschäfte, Restaurants, die paar Annehmlichkeiten, die man zu einem halbwegs guten Leben braucht … Nein, ich wollte damit lang nichts zu tun haben. Bis dann eins zum andern gekommen ist. Und bis Paul dann eine Idee hatte, die …“
Karla legte den Kopf schief, halb zum Fenster hinaus. Wenn Urtig ihr nicht antwortete, wollte sie gar nicht erst hören, was er da sagte. Außerdem war er schon wieder mal nicht gut informiert. Sie erbte ja gar nicht. Das Haus auf der Alb gehörte der Geliebten ihres Vaters. Es klang so lächerlich, wie es war. Und wenn es obendrein schon wieder um Paul ging …
„So, wir sind da.“ Urtig stoppte ziemlich abrupt. „Wollen Sie nicht aussteigen?“
Es tat höllisch weh, als Karla wieder in ihre Schuhe schlüpfte. „Und Sie?“
Wieder sagte Urtig nichts, er stieg auch nicht aus, um Karla die Tür zu öffnen. So tat sie dies schließlich selbst. Urtig wendete bereits – er fuhr wieder zurück. „Was soll das? Wie komme ich in die Stadt zurück?“ Wie still es hier draußen war! Sie erschrak vor der eigenen Stimme.
Mit diesen Schuhen an den Füßen kam sie jedenfalls gar nirgends hin. Sie zog sie wieder aus, schnell würden ihre Strümpfe zerrissen sein. Aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an.

Solch ein Haus gab es eigentlich gar nicht in Berlin. In Mexiko konnte man solche Bauhausruinen noch sehen, in Tel Aviv wurden sie gehegt und gepflegt. Aber in Berlin? Und dann auch noch Köpenick? Hier galten zu der Zeit, als die Architekten vom Bauhaus ihre klar gegliederten Pläne anderswo in der Welt ausführten, meist in Mittelamerika, ganz andere ästhetische Vorstellungen.
Karla sah vier Stockwerke, viele Fenster, der Putz schwärzlich verdreckt oder nicht mehr vorhanden. Direkt am Fluß lag das Haus, das mußte die Spree sein. Nachbarhäuser im pompösen Stil der Jahrhundertwende gab es erst in einiger Entfernung, als seien sie auf Abstand bedacht zu dem Fremdkörper, der das Haus auch für Karlas architektonisch ungeschulten Blick war. Geräusche drangen aus dem Haus, Hämmern, Sägen, Klopfen. Unangenehm spitz stachen Karla die Steine in die Fußsohlen, der Weg führte durch einen verwilderten Garten immerhin umweglos zu einer Tür.
Weit offen stand sie, und so sah Karla die Leute im Haus. Bauarbeiter, und unter ihnen – Paul. Wieder im Jackett, ohne Rucksack. Mit einem Helm auf dem Kopf. Aber nicht deshalb sah er anders aus, als Karla ihn kannte.
Er war hier ohne Frage der Chef, erläuterte Pläne,
gab Abweisungen, gestikulierte. Einer, der sehr genau wußte, was er will, mit sehr hell leuchtenden Augen. Einer, der …
Karla drückte sich an die Hauswand, er sollte sie nicht sehen. Er sprach davon, daß Wände eingerissen werden müßten, sprach von Kühlräumen, einem Küchenbereich, und daß die Wege von dort bis zu den Tischen der Gäste – „Karla!“
Instinktiv riß Karla den Kopf zurück. Sie machte sogar die Augen zu, wie Kinder es tun und denken, sobald sie die Welt ausblenden, seien auch sie für die Welt nicht mehr da. Das war lächerlich, sie öffnete die Augen wieder und sah, wie sich der rot lackierte Nagel ihres großen Zehs durch den Strumpf bohrte.
„Meinst du nicht auch, das Erdgeschoß hier ist bestens geeignet für ein Restaurant? Eine Terrasse gibt es auch, zur Spree hin. Die Plätze dort werden im Sommer begehrt sein. Komm, schau dich um!“ Ganz selbstverständlich faßte Paul sie am Arm und zog sie ins Haus, an den Bauarbeitern vorbei, zu der Wand, an der seine Pläne hingen.
„Als mir das mit dem Restaurant einfiel, hat Urtig Feuer gefangen. Er ißt nun mal gern. Und er weiß, wie gut du kochen kannst. Ohne ein Restaurant so weit draußen zu leben … Na, das hat er dir bestimmt alles selber erzählt. Es ist natürlich noch wahnsinnig viel Arbeit, aber ich denke, bis zum Sommer … Ich hab jetzt eine Truppe zusammen, die mit Feuereifer bei der Sache ist. Leute, die kapieren, was für ein Juwel dieses Haus ist. Die Wohnungen in den oberen Geschossen haben wir so ausgebaut, daß die Sonne rund um die Uhr …“
„Warum erzählst du das alles mir? Was soll ich hier?“ Karla fixierte noch immer ihren Zeh. Das Rot des Lacks glich eindeutig geronnenem Blut.
Paul sah sie an, noch mehr Leuchten im Blick. „Kochen natürlich! Das Restaurant wird genau so sein, wie du es haben willst. Maßgeschneidert bis ins letzte Detail. Du mußt mir nur sagen, wie …“
„Ich fasse kein Messer mehr an.“ Karlas Stimme durchschnitt die Luft, in der Staubkörnchen tanzten. „Du weißt ja nicht, was passiert ist.“ Er muß es ja auch nicht wissen, Vorsicht, bloß keine Vertraulichkeiten mehr – ihr Warnsystem war noch intakt.
„Doch, alles weiß ich! Als ich das Kochbuch in einem Antiquariat gefunden hab, wollte ich es dir bringen. Allerdings hab ich natürlich nicht gewußt, wie nah du dich an deinen Urahn herangekocht hast. Ganz schön verrückt. Lina hat es mir erzählt, und sie weiß es von Knoblich, und …“
„Ach, für Lina arbeitest du jetzt auch? Bringst das Haus auf der Alb in Schuß? Da hast du ja gut zu tun in der nächsten Zeit!“ Nicht nur die Füße, alles tat plötzlich weh. Aber Angriff war noch immer besser, als nur in Deckung zu gehen.
„Karla, nicht so!“ Sanft und sehr bestimmt war Pauls Stimme. „Das ist vorbei. Zurück auf Null, das hab ich dir doch gesagt. Und seither hier gearbeitet, Tag und Nacht. Ich wohne in der Nähe in einer Pension, der Weg nach Weißensee dauert einfach zu lang. Ich hab viel zu viel Zeit verschwendet. Und dieses Haus, Karla, es wird …“
Er wollte sie an sich ziehen, sie dies verhindern, mit einem hastigen Schritt.
„Au!“ Diesmal war es nicht nur ein Stein.
„Du hast dir einen Nagel in den Fuß getreten!“ Paul ging in die Knie. „Wieso auch läufst du ohne Schuhe herum? Laß mich mal machen.“
Karla ließ ihn machen, er zog den Nagel heraus, streifte ihr den Strumpf ab, es blutete. Schnell war das Papiertaschentuch ganz rot. Sie setzte sich auf einen Karton, Blut, schon wieder, sie konnte nicht hinsehen. Ließ den Blick wandern, der Raum zeigte tatsächlich, schon jetzt als Baustelle, einen unleugbaren Charme. Groß, klar gegliedert, so viel Licht! Hier ein Restaurant, das wäre …
„Bist du gegen Tetanus geimpft?“ Paul untersuchte noch immer die Wunde an ihrem Fuß.
„Klar. Was denkst du, wie oft man sich beim Kochen verletzt.“
„Normalerweise aber sicher nicht am Fuß.“ Paul grinste sie an. „Ich hol dir einen Verband. Das haben wir gleich.“
„Ihr seid hier wohl auf alles vorbereitet.“ Karla versuchte mal wieder, mit Spott gegen Tränen anzukommen.
„Ohne Erste Hilfe geht nichts, das wäre auch gegen die Vorschriften.“ Jetzt entdeckte Paul die Blase an ihrer Ferse. „Wo hast du denn die dir geholt?“
„Die andere Ferse sieht genau so aus. Und überhaupt …“ Tränen überrollten den Spott. Karla starrte auf die blutigen Hautfetzen an ihren Fersen, Paul streifte ihr auch den zweiten Strumpf ab.
„Das sieht ja schlimm aus!“
„Ich hab sie mir nicht beim Tanzen geholt!“
„Auch dann wär es schlimm.“
Paul sah sie an, in jeder Hand eine ihrer Fersen. „Du mußt besser aufpassen auf dich. So geht das doch nicht!“
„Stimmt, Gehen ist mit solchen Füßen fast ausgeschlossen.“ Spott unter Tränen, so herum klappte es halbwegs.
„Deshalb bleib sitzen.“ Paul küßte jeden Fuß Karlas, auf den Rist. „Ich bin gleich zurück und verarzte dich.“
Karlas Tränen rannen noch immer, dabei tat jetzt fast gar nichts mehr weh. Und wieder schaute sie sich um, sah weißgedeckte Tische, wo sich im Moment noch Baustoffe türmten auf nur in Ansätzen vorhandenem Parkett. Nicht allzu viele Tische, höchstens zwölf, die Großzügigkeit des Raums mußte erhalten bleiben. Außerdem mußte man an solch einem Ort das Kochen als ganz hohe Kunst zelebrieren, nicht zur Massenabfütterung. Gerade hier, tief im Osten, es war eine Herausforderung, ganz nach Karlas Geschmack.
Paul kam wieder, tupfte mit bräunlicher Flüssigkeit über die Wunden an den Füßen, umwickelte alles gekonnt mit Metern von Mull. Auch Socken hatte er dabei. „Ich lebe derzeit ja aus dem Koffer.“
Die Socken von ihm waren ihr zu groß, auch die Stiefel, in die er ihr half.
„Geht das so?“
„Ja, das geht.“ Karla stand auf, ein bißchen gestiefelter Kater, oder doch Däumeling?
„Dann komm mit. Ich möchte dir alles zeigen. In den oberen Geschossen sind wir mit dem Innenausbau schon fast fertig. Du wirst staunen! Daß es so ein Haus überhaupt gibt, hier …“
Karla vergaß die fußwärtige Behinderung und staunte.
„Hier wird Urtig wohnen. Mehr Treppen will er sich nicht zumuten. Und auf einen Fahrstuhleinbau verzichten wir. Der würde den Grundriß zerstören. Und das Haus steht ja unter Denkmalschutz.“ Sie waren schon im zweiten Stock, ein Schreiner nahm Maß für Regale. „Urtig braucht viel Platz für seine Bibliothek. Und er stellt sich vor, daß er dann hier am Kamin … Paß auf!“
Etliche Bretter, nachlässig an die Wand gelehnt, gerieten ins Rutschen. Paul riß Karla im letzten Moment beiseite, das Krachen beim Aufprall brachte den Schreiner zum Fluchen und Karla irgendwie in Pauls Arme.
Dort hörte sie nichts, sah nichts, spürte nur – das war ja gut! Und genau das, was sie brauchte, Pauls Arme, Pauls Augen, sein Lächeln. Und dann endlich sein Kuß.
Er dauerte sehr lang, denn gar nicht lang, dann verschwand alles aus Karla, was starr geworden war und vereist, und küssen konnte schließlich auch sie. Und wie.
Unbemerkt war es dunkel geworden, keine Handwerkergeräusche mehr im Haus. Draußen stand halb der Mond und trug fast mittig einen Bauch.
„Und das Beste hast du immer noch nicht gesehen!“ Paul strich durch das rote Gekräusel, lachte, er fand zwei Taschenlampen, eine für Karla, eine für sich. „Komm mit, nach oben!“
Jede Wohnung war etwas anders geschnitten, die im obersten Stock bestand fast nur aus einem einzigen Raum.
„Nur Küche, Bad und zwei weitere Räume sind abgetrennt.“ Pauls Hände folgten dem Kegel, den die Taschenlampe ins Dunkel schnitzte.
„Da kennt ihr wohl schon die Mieter und geht auf deren Wünsche ein?“ Karla wußte plötzlich, wie es war, durch einen fremden, sehr dunklen Wald zu gehen – und keine Angst zu haben.
„Na ja, wie man’s nimmt.“ Paul faßte nach ihrer Hand. „Komm mit, da vorn führt eine Treppe hinauf. Diese Wohnung besteht gleich aus zwei Etagen. Und oben noch ein Bad, zwei Räume. Einer zum Arbeiten, einer zum Schlafen.“
Mit Blick direkt in die Sterne. Das Wasser der Spree malte Wellenlinien an die Wand.
„Ja, so müßte man wohnen!“ Karla seufzte.
Da war Paul wieder ganz nah. „Möchtest du?“
Karla lachte nur, es war, als rede er davon, ihr einen Stern vom Himmel zu holen. „Seit wann glaubst du, daß es so einfach ist, Paradiese zu bauen?“
„Ich glaub nicht daran, ich tu es einfach.“ Das unbekümmerte Erobererlächeln stand ihm gut. „Jetzt liegt alles nur an dir. Wenn du willst, werden wir hier wohnen. Du und ich. Urtig hat mir den Vorschlag gemacht, diese Wohnung, anstatt eines Honorars … Der Umbau wird doch teuerer als gedacht, der Denkmalschutz kommt uns teuer zu stehen. Und ein Krösus ist Urtig nicht.“
„Weißt du, was du da sagst?“ Karlas Hand malte Linien auf Pauls Gesicht. Es war ansteckend, wie er da träumte, aber …
„Ganz genau weiß ich das.“ Seine Stimme kitzelte ihr Ohr. „Und ich sehe es auch schon vor mir. Wenn du unten im Restaurant fertig bist, kommst du hier herauf. Und ich brate dir dann ein Omelett.“
„Ein Omelett wird doch nicht gebraten!“ Tief in Karlas Bauch bahnte sich ein Lachen an.
„Egal. Würdest du es essen?“
Sie sah seine Augen, hell auch im Dunkeln. Sie roch ihn, spürte ihn, von Kopf bis Fuß. Das Lachen explodierte, noch bevor sie antworten konnte. „Ja!“ Zwischen zwei Glucksern kam es heraus. „Ja, ich würde es essen, dein gebratenes Omelett.“
Das Gelächter irritierte Paul, er bog ihren Kopf leicht zurück. „Weißt du, was du da sagst?“
„Ja, ganz genau. Ich liebe dich auch!“

Als sie wieder nach unten stiegen, war der Mond weit nach oben gerutscht und im Süden. Das Himmelsschlafzimmer war eingeweiht worden, obwohl es nicht einmal eine Matratze gab. Nicht nur auf die Wände, auch auf zwei nackte Körper hatte die Spree ihre Muster gemalt. Klar, Sex war nicht alles. Doch ohne war alles andere – nichts. Ihre verletzten Füße spürte Karla nicht mehr, aber sonst sehr vieles. Und nichts davon tat weh.
„Mußt du in die Stadt zurück?“ Paul ging voran, im Dunkeln hatte jedes Haus seine Tücken.
„Nicht unbedingt. Wo ist denn deine Pension?“
„Zehn Minuten von hier. Wir könnten …“ Er blieb stehen. „Da war doch was! Ein Geräusch! Hast du das auch gehört?“
„Nur ein Rascheln.“ Karla war nicht danach, sich beunruhigen zu lassen, jetzt doch nicht! „Bestimmt nur der Wind.“
„Aber die Fenster sind alle geschlossen.“ Paul ließ das Licht aus seiner Taschenlampe umherwandern. „Und das hörte sich an wie Schritte. Außerdem riecht es hier etwas streng.“
Karla in ihrem Glück roch nichts außer Paul.
„Hier!“
Im Taschenlampenlicht blitzten Blechdosen auf, zwei. Ein Gebilde aus Kartons, kompliziert ineinander verschachtelt. Plastiktüten, Decken.
„Einen ersten Mieter haben wir anscheinend schon.“ Paul griff hinter sich, fand Karlas Hand. Er lachte.
„Das sieht verdächtig nach Alikan aus.“ Karla fand nichts zu lachen. „Alikan? Wo steckst du?“ Ihre Stimme hallte lange nach, das bißchen Gerümpel war keine ausreichende Dämmung. „Alikan!“
Sie erhielt keine Antwort, auch vor dem Haus nicht. „Wir müssen ihn suchen! So ganz allein, hier draußen, er ist doch noch klein! Alikan!“
„Er braucht uns jetzt nicht.“ Paul sah, wie schwer Karla jeder Schritt fiel. „Hier draußen ist er sicherer als in der Stadt. Außerdem hat er ja leider längst lernen müssen …“
„Und Lina macht sich Sorgen wegen ihm! Sogar eine Vermißtenanzeige hat sie aufgegeben. Als wär das für einen wie Alikan nicht normal! Dieser Strolch! Und ein Dieb ist er auch!“ Karla spürte ihre Füße wieder, sie humpelte und schimpfte lauthals dabei.
„Ein Dieb aus Liebe.“ Paul lachte noch immer. „Ich hab ihm klar gemacht, daß es so nicht funktioniert. Er hat mir das Saxophon dann ja auch zurückgegeben. Aber du …“
Karla wollte nicht zuhören, ihr war nach Schimpfen. Und zwar so lang, bis sie bei der Pension eintrafen. Dort schwieg sie, aber nur aus Rücksicht auf andere Gäste.
„Die gibt es hier nicht.“ Paul ging ihr in das Zimmer voran, das Saxophon vor dem Fenster blinkte im Mondlicht. „Tu dir keinen Zwang an.“
„Du meinst, ich soll spielen? Jetzt?“
„Wieso nicht?“
„Und was machst du?“
„Am Ende des Flurs gibt es eine Küche. Du müßtest eigentlich Hunger haben, wie ich. Was meinst du, wenn ich uns jetzt ein Omelett brate?“
Paul stand noch unter der Tür, Karla schon beim Fenster. Das Zimmer war ähnlich schäbig wie jenes an der Autobahn.
„Weißt du noch, unser Spiel mit den Oliven?“ Karlas Hand glitt über das kühle Metall des Saxophons.
„Es hat ganz gut geholfen, gegen den ersten Hunger. Und uns Appetit gemacht, auf immer noch mehr.“ Pauls Blick stülpte sich über Karla, umschloß sie auch dann noch, als er ging.
Sie wiederholten das Spiel mit den Oliven nicht. Denn es war keine Nacht, um etwas zum zweiten Mal zu tun, alles war neu, begann eben erst. Karla griff zu ihrem Instrument, sie spielte, „tomorrow is my turn“ improvisierte sie, zum ersten Mal, und bald duftete es dazu nach brutzelnder Butter und Eiern.
Ein Omelett brachte Paul an diesem Abend nicht zustande, aber Rühreier, direkt aus der Pfanne gegessen und im Bett, schmeckten auch nicht schlecht.

12. Kapitel

„Man kann eben nicht alles haben!“
Karla wollte Paul trösten, außerdem, fand sie, gab es an diesem Tag wirklich Wichtigeres.
„Aber ich versteh das nicht! Gestern Abend hat es doch noch funktioniert!“
Es war früher Morgen, noch nicht einmal sechs Uhr, selbst wenn der tiefgrüne Neonschriftzug über dem Eingang zum Restaurant aufgeflammt wäre, Karla W., – spektakulär hätte das um diese Uhrzeit nicht gewirkt. Über der Spree dampfte es leicht, die Augustnacht hatte kaum Abkühlung gebracht, träge schlierten Enten Muster durchs grünbraune Wasser. Nur ihr Gequake und Pauls Enttäuschung brachten Geräusche in den frühen Morgen.
„Es ist wirklich nicht schlimm.“ Karla küßte ihn auf die Nasenspitze. „Wenn das heute die einzige Panne bleibt, bin ich zufrieden.“
„Ich versprech dir, bis heute Abend ist das in Ordnung. Der Elektriker kann sich auf was gefaßt machen!“ Paul vergrub sein Gesicht in Karlas rotem Gekraus, das milderte seinen Grimm.
Für einen Moment vergaßen beide, was für ein Tag da eben begann. Der Tag aller Tage, ein Tag wie ein Leben. Seit Wochen gab er das Ziel vor. Und nun, da er da war …
„Ich wäre jetzt gern auf dem Fluß unterwegs. Mit einem Ruderboot vielleicht. Wir könnten uns einfach treiben lassen.“ Ziellos wanderte Karlas Hand über Pauls Rücken.
„Das machen wir. Aber nicht heute. Zumindest gleichzeitig kann man nämlich wirklich nicht alles haben. Aber der Name deines Restaurants, ich verspreche es dir, heute Abend, wenn die Gäste kommen …“
„Chefin, kommst du mal?“ Oliver, nach Karla der Wichtigste in der nagelneuen Küche, erschien unter der Tür. Seine gelgestylte Frisur ließ ahnen, wie sehr er sich seiner Bedeutung gewiß war. Er trug bereits die weiße Jacke.
Karla, noch in Jeans und barfuß, riß sich endlich von Paul los. „Was gibt es denn?“
„Ein kleines Problem, fürchte ich.“
Eine Ahnung von Tau feuchtete trotz der Hitze den Rasen an, über den Karla zum Haus rannte – ein Haus wie ein Schiff, strahlend weiß setzte es sich gegen das Staubgrün der Bäume, das glastige Blau des Himmels ab.
„Ein Problem? Heute gibt es keine Probleme!“ Karla folgte Oliver, über meerweiße Fliesen, die das gesamte Erdgeschoß an ein südliches Gestade rückten. „Was willst du denn jetzt im Keller?“ Sie hatte diesen Tag minutengenau geplant, wenn Oliver schon jetzt damit begann, sich nicht daran zu halten …
Am Eingang zu den Kühlräumen wartete er. „Mach dich auf was gefaßt. Ich fürchte …“
Zuerst nahm Karlas Nase das Desaster wahr. Ein Gestank wie auf einem Fischmarkt, über dem seit Stunden eine tropische Sonne brütet. Sie mußte an Fliegen denken, die sich über schmierige Fleischstücke hermachen, in Marokko hatte sie das einmal gesehen. Und dann noch der Geruch von Gegorenem, Gemüse und Obst, in hitziger Verwesung begriffen. Als Karla neben Oliver stand, sah sie die Pfützen. Als wäre hier unten ein tropischer Regen niedergegangen. Der Gestank nahm ihr den Atem.
„Mathematisch gesehen sind plus und minus ja nichts anderes als …“ Gerade noch rechtzeitig schwante Oliver, daß er jetzt doch besser gar nichts sagte. Im Gesicht seiner Chefin sah er überdeutlich, daß dieser mathematisch unbedeutende Unterschied im restlichen Leben eben doch über alles entschied.
„Eine Sauna.“ Karlas Stimme war kurz vorm Ertrinken. „Kein Kühlraum, eine Sauna ist das.“
Und in dieser Sauna schlug zum Beispiel das Kalbsbries Blasen, vierzig Portionen, die sie gestern blanchiert, gepreßt und pariert hatte. Rührte von diesem Drüsenfleisch der widerlich süße Geruch her? Oder kam der von den Flußkrebsen, die das Kalbsbries hatten begleiten sollen, in einem Fumet von Chorizo? Stanken die Taubenbrüste so bestialisch, die sie sich als zweiten Fleischgang ihres Eröffnungsmenüs gedacht hatte, begleitet von Safranbutter und den ersten, gerade mal Murmelgröße aufweisenden Roten Beeten? Das ergänzende Thymiansorbet machte sich geruchlich vermutlich am wenigstens bemerkbar.
Karla übernahm, was Aufgabe des Kühlraums hätte sein sollen. Sie gefror.
„Da scheint mit der Elektrik was schiefzulaufen.“ Oliver wäre jetzt lieber woanders gewesen.
„Ein Kurzschluß! Im ganzen Haus!“ Das kam von Paul, von oben, er schrie es ins Telefon und bedachte den Elektriker am anderen Ende der Leitung mit einer Sintflut aus Flüchen.
„Was machen wir jetzt, Chefin?“ Oliver fragte es nur, um Karla irgendein Lebenszeichen zu entlocken.
Es kam, wenn auch mit Verzögerung. „Retten, was zu retten ist. Du gehst da rein, vielleicht ist ja noch nicht alles hinüber. Und ich ans Telefon, wir brauchen Ersatz!“
Es war ein Kampfruf, mit dem sie nach oben stürzte. Oliver blieb mit einem Würgereiz im Hals allein, sie wählte sich die Finger wund, flötete honigsüß wie nie, wollte lange nicht wahrhaben, was sie doch selbst gewußt hatte, von Anfang an. So schnell waren zwar Taubenbrüste und Flußkrebse zu haben – für einen unverschämten Preis. Aber Kalbsbries für kein Geld der Welt. Schon gar nicht in der benötigten Menge.
„Nieren können Sie haben, vom Kalb, auch vom Lamm.“
„Leber ist reichlich da, sogar vom Kaninchen.“
„Leber und Nieren, was hat das mit Kalbsbries zu tun?“
„Nichts, natürlich, aber … wie wäre es mit Herz? Wenn es schon unbedingt was Inneres sein muß?“

Geknister rund ums Rotgelock, dort konzentrierte sich alle Energie, die ansonsten ausgegangen war im Haus, vom Keller bis zum Dach. Außerdem fehlte im Moment noch alles, was der Küche ihre Bezeichnung zu recht eingetragen hätte, in einer Stunde erst war mit den Lieferanten zu rechnen.
Aber Karla selbst schien im Auge des Taifuns zu nisten, sie hängte Bilder auf im Restaurant, Pauls Porträts, seelenruhig, nicht von dieser Welt, während Paul die Elektriker zur Schadensbehebung antrieb und Oliver dafür sorgte, daß vorerst einmal nichts im Topf und schon gar nicht auf irgendeinem Teller landete wie geplant, sondern im Müll.
Doch Karla wußte – von ihr hing heute doch das Wesentliche ab, also half es nichts, wenn sie jetzt auch noch verrückt spielte, Ruhe, Konzentration, was nicht ging, ging eben nicht. Dafür im Moment aber anderes, die Überraschung, die sie sich für Paul ausgedacht hatte …
„Vater, Mutter, Kind.“ Der Elektrikerazubi grinste, als Paula ihn bat, einen Nagel in die Wand zu schlagen.
Ihr waren schon drei abgebrochen, ein grelles Klirren gegen das Sehnsuchtsgeschwirr der Schwalben rund ums Haus, ihr Daumen bläulich verfärbt.
Er sprach von Paul, Karla, Alikan, so, wie Paul sie gezeichnet hatte, Karla begriff es nicht gleich.
„Komisch, daß man immer gleich auf Anhieb sieht, wer aus dem selben Stall kommt.“ Nur zwei Hammerschläge, dann steckte der Nagel am gewünschten Platz, und der Azubi erinnerte sich daran, daß sein Lehrherr unablässig nach ihm schrie.
Für Karla war die achtlose Bemerkung ein Stich mitten ins Herz.
„Was machst du denn hier?“ Paul schleppte Blumen herein, eimerweise. „Draußen sind sie im Weg, ich habe …“ Er sah die Bilder. Seine Porträts. Weil Karla sie hatte rahmen lassen, erkannte er sie gar nicht gleich.
„Ich wollte dich auch mit was überraschen.“ Karla strich sich eine Strähne aus der Stirn und damit, hoffte sie, zugleich auch die Bemerkung des Lehrlings aus dem Kopf. Was hatte das schon zu sagen, so einer verstand doch nichts von Kunst! Und er hatte ja kaum richtig hingesehen …
„Aber hier, im Restaurant, wo jeder sie sieht?“ Paul sah Karla doppelt, einmal direkt vor sich, einmal hinter Glas an der Wand.
„Sind Zeichnungen dazu nicht da?“ Seine plötzliche Schüchternheit gefiel Karla gut.
„Aber wenn sie gar nicht gut sind?“
„Das mußt du riskieren. Wie ich, wenn ich in der Küche …“
Blech übertönte das Vogelgezwitscher, Trommeln, Flöten, eine Pauke.
„O je, also doch!“ Paul vergaß die Bilder.
„Eine Überraschung?“ Karla verließ das Restaurant über die Terrasse, das große Tschinderassabumm verschluckte die hitzige Schläfrigkeit des Vormittags.
„Es ist der Bezirk. Ich hab es den Leuten ausreden wollen.“ Paul fürchtete, solche Blasmusik sei gar nicht nach Karlas Geschmack. „Aber der Bürgermeister … Aufschwung Ost und so weiter …“ Er kam gegen das Tohuwabohu nicht an, sah immerhin –
Karla lachte. Vielleicht ja nur aus Verzweiflung.
Die Blasmusiker wollten vor dem Haus Aufstellung nehmen, doch da fuhren drei Autos vor, und so wurde aus ihrem Bemühen ein Spalier für die Lieferanten.
„Bringen Sie bitte alles in die Küche!“, rief Karla ihnen zu. „Oliver, kümmerst du dich …“
Die Musiker bezogen die Aufforderung auf sich, im Gänsemarsch schienen sie das Haus erobern zu wollen, die Lieferanten mit Fleisch, Fisch und Gemüse verloren sich zwischen Trompeten und Pauken.
Und Karla lachte noch immer, inmitten solcher Groteske war Verzweiflung fehl am Platz.
Paul hatte endlich den Mann ausfindig gemacht, der im Auftrag des Bürgermeisters zur Restauranteröffnung gratulieren sollte, er schleppte schwer an einem Präsentkorb, darin Kaffee, Kekse, allerlei in Dosen.
Wenn Karla das sieht! So schnell wie nur möglich wollte Paul ihr den Anblick ersparen.
Aber Karla lachte.
Die Musiker beherrschten außer Märschen auch noch Polka und andere Folklore, außer Karla hörte niemand ihnen zu. Sie aber schien sich zu amüsieren, klatschte den Takt mit, schüttelte Hände, bat Oliver endlich um Gläser und Schnaps.
Das zog sich viel zu lange hin! Paul sah den genau ausgetüftelten Zeitplan immer mehr in Gefahr, noch immer wuselten die Elektriker herum. Ob sie den Defekt endlich fanden?
Oliver brachte außer dem Schnaps auch die weiße Jacke seiner Chefin, damit man endlich sähe, daß sie es auch war. Noch immer in Jeans, barfuß … Für gewisse Dinge ging ihr eindeutig das nötige Gespür ab. Eine Köchin stellten diese Männer sich doch ganz anders vor!
Karla knöpfte die Jacke nicht zu, als sie mit dem Tablett voller Schnapsgläser herumging, für die Musiker das Zeichen, von ihren Instrumenten zu lassen, sich den Schweiß abzuwischen. So sah vorerst nur Paul, daß endlich der Schriftzug am Haus aufflammte, etwas blaß das Grün im Augustvormittagslicht, aber immerhin …
„Früher war gar nicht weit von hier mal ein Ausflugslokal“, wußte der Vertreter des Bürgermeisters. „Bier vom Faß, Bratwürste und Schweinshaxe vom Rost, das waren Zeiten! Es wäre schön, wenn Sie diese Tradition …“
Jetzt griff Paul doch ein. „Sie müssen Frau Wandel entschuldigen, Sie verstehen doch gewiß, an so einem Tag …“
„Chefin, hast du wirklich diese Fleischklumpen bestellt?“ Oliver, schon wieder unter der Tür, sein Haargel hielt der Hitze nicht stand.
„Ich komme ja schon.“ Karla lachte, trank auch einen Schnaps, schüttelte Hände.
„Bratwürste, schön wär’s!“ Der Mann mit der Pauke studierte angewidert die Speisekarte am Eingang. „Hier wird mit von und an und zu gekocht …“
„Tja, man kann halt nicht alles haben.“ Dem Bürgermeistervertreter war an geordnetem Rückzug gelegen. Er hatte es ja gleich gesagt, Leute, die aus dem Westen hierher kamen … Ein Wunder, daß sie überhaupt an den Schnaps gedacht hatte.
Fast war Karla schon im Haus, da bemerkte sie doch noch das Leuchten über sich, dunkel und grün. „Na also, es klappt doch!“ Ihre Augen leuchteten grün hinüber zu Paul.
„Was sollen wir mit dem Zeug anfangen?“ Olivers Haare standen wieder, weil er sie sich raufte.
„Genau das ist bestellt worden!“ rechtfertigte sich der Lieferant. „Hier, ich hab’s schwarz auf weiß! Und die Qualität ist erstklassig!“
Karla lachte auch noch, als sie die Lieferung inspizierte. Sie beruhigte den Mann. „Es ist, wie ich es wollte.“
„Aber Chefin!“ Oliver verzog das Gesicht. „Das hier …“
„Ist jetzt meine Sache. Läßt du mich damit allein? Du wolltest dich doch um das Minzsorbet kümmern.“

Allein war Karla in der Küche nicht, außer Oliver wuselten zwei weitere Helfer herum, alle erleichtert, daß jetzt endlich Nachschub eingetroffen war und es losgehen konnte. Noch einmal von vorne, was das für den Zeitplan bedeutete …. Oliver übernahm es, den bis ins Detail von Karla festgelegten Ablauf der Vorbereitungen zu überwachen, es galt, einen Zeitverlust von zwei Stunden einzuholen. Und vieles von dem noch einmal zu tun, was doch schon gestern gemacht worden war. Eigentlich war das unmöglich.
Aber Karla, als sie jetzt zu ihrer Messerrolle griff, blendete alle Geschäftigkeit um sich her aus. Unscheinbar genug sah das Ding aus, Kunststoff, weil der sich gut sauberhalten ließ, abgeschabt schon an vielen Stellen, denn wie viele Jahre schon war die Messerrolle ihr wichtigster Besitz? Daß sie so alt war, ein wohltuender Kontrast zur blitzblanken Neuheit der Küche, für einen Moment schloß sie die Augen. Denn so penibel sauber, wie sie das Wachstuch auch hielt, so blitzblank, wie die Messer darin glänzten, wann immer sie die Rolle aufschlug, roch sie die unzählige Töpfe mit Fonds, neben denen diese Rolle schon gelegen hatte, in allen möglichen Küchen, Fonds aus Fleisch, aus Fisch, aus Gemüse, eine Vergangenheit zum Riechen schlug ihr von den säuberlich der Größe nach aufgereihten Messern entgegen, auch eine Spur von Putzmitteln war darunter gemischt und jedes Messer graviert, K.W., und jedes von ihnen lag Karla anders in der Hand. So, daß nur sie es erkannte, blind, wenn es sein mußte, auch jenes Große mit dem schon mehrfach erneuerten Griff aus Holz, es stammte aus der Küche auf der Alb, hatte schon in der Hand ihrer Großmutter gelegen, in der ihrer Mutter, und als Karla jetzt zum Wetzstein griff – das Pschittpschirr paßte gut zum Schwalbensang draußen.
Herz also, Karla schlug die Augen wieder auf. Nicht Kalbsbries, Herz würde sie ihren ersten Gästen am Abend servieren, war das lächerlich oder doch so etwas wie Bestimmung? Die Zutaten fürs Familienrezept hatte sie im Kopf. Doch sie entschied sich für eine Abweichung. Statt der schweren sämigen Sauce schwebte ihr etwas Leichtes vor, südlich sollte es sein, und wieso nicht das Schwarz von Oliven zum hellen Grün frischen Staudenselleries? Dann Thymian, Knoblauch, reichlich Ingwer. Und Weiß- statt Rotwein, mit sommerlich-fruchtiger Note, ein Couscous dazu, aromatisiert mit Pinienkernen, geröstet, und Petersilie, winzig klein gehackt, wie von selbst ergab sich da ein ganz neues Gericht. Mit dem Familienrezept hatte es nur zu tun, weil es wie jenes begann, im größten Topf brachte Karla Wasser zum Sieden, versenkte die Fleischklumpen darin, hörte versteckt im Sirren der Schwalben das Pschittpschirr der Großmutter, machte sich nichts daraus. Und schon gar kein Verhängnis, nein, jetzt kam nur eines zum anderen, das Alte fand eine Fortsetzung und wurde darüber neu.
Ob manchmal doch alles zu haben war?
„Chefin, die Farce, mit der wir die Taubentitten füllen wollten …“ Oliver merkte wohl, wie versunken seine Chefin war, nicht ganz geheuer erschien ihm ihr Lächeln. Und seine Provokation verfing, wie erhofft.
Eigentlich hatte sich Karla das pubertäre Vokabular in ihrer Küche strikt verbeten. Aber jetzt grinste sie nur, löste den Blick von dem weißlichen Schaum, der von den Fleischklumpen aufstieg. „Ich nehme an, sie ist verdorben, wie alles, was im Kühlraum stand?“
Oliver nickte. „Ja, und ich hätte da eine Idee. Shi-take statt Pfifferlingen, statt Petersilie dann Zitronengras? Ich könnte mir vorstellen …“
„Stell es dir nicht vor, mach es.“ Karlas Nasenspitze wies flüchtig auf die Uhr. „Die Speisekarte muß sowieso neu geschrieben werden.“
„Und zum Minzsorbet, außer dem Kompott von Melonen, dem Pfirsichschaum, ich hab mir gedacht …“
„Milchreis!“ Wie es seine Art war, stand Alikan plötzlich da. „Zum Nachtisch muß es Milchreis geben, du hast es versprochen!“
Oliver verdrehte die Augen, so weit kam es noch, daß dieser Bengel …
„Klar, auch Milchreis wird dabei sein.“ Karla schreckte anscheinend vor gar nichts zurück. „Aber nur, wenn du jetzt gehst. Und dich auch nicht mehr blicken läßt in der Küche.“
„Das hast du jetzt bloß so gesagt, um ihn loszuwerden?“ machte Oliver sich Hoffnung. „Denn Milchreis, ich bitte dich, in einem Eröffnungsmenü!“
Ein grünes Funkeln, dann war klar, wer hier der Chef war. Daß Karla Oliver damit beauftragte, die Fische zur eröffnenden Suppe zu putzen, ließ die anderen beiden Helfer feixen.
Die Temperaturen begannen zu steigen, draußen wie drinnen, der Augusttag nahm Anlauf für einen neuen Rekord.

„Man kann eben nicht alles haben.“ Paul drückte Karlas Hand, jedesmal, wenn sich die Tür öffnete, zuckte sie leise zusammen.
Es waren geladene Gäste, abgesehen von ein paar Leuten, die von der Restauranteröffnung Wind bekommen hatten und sich wichtig genug fühlten, um auch ungebeten zu erscheinen. Der Aperitif wurde draußen auf der Terrasse getrunken, die Spree plätscherte eine Begleitmusik zu den angeregten Gesprächen.
Urtig nahm als erster an einem der festlich gedeckten Tische Platz, sehr zufrieden, was aus seinem Besitz geworden war. „Wenn das nicht ein Grund ist, um Champagner zu trinken!“ Er prostete Paul zu, Karla.
Zwei Restaurantkritiker diskutierten bereits die Menüfolge, wiegten bedenklich die Köpfe. Herz? Traute sich die junge Köchin da nicht etwas viel zu? Damit kam nur ein Meister zurecht.
Fast alle Tische waren schon besetzt, immer seltener öffnete sich die Tür, an der Karlas Blick hing. Knoblich, Lina, weshalb kamen sie nicht? Auch Hanne ließ sich nicht blicken, so wenig wie Johannes.
„Der Riesling zur Fischsuppe ist nicht kalt genug.“ Mit Hiobsmiene informierte der Sommelier die Chefin.
„Das Brot wird nicht reichen.“ Der Kellner zischte es Karla nur im Vorübergehen zu.
„Du solltest jetzt an den Herd.“ Paul versuchte, Karla in die Küche zu schieben.
Sie ging, doch ihr Blick hing noch immer an der Tür. Knoblich, Lina, Hanne. Ließen die sie heute wirklich im Stich? Dabei hätte die Fischsuppe zu Beginn des Menüs Knoblich erinnern sollen, an jenen Abend vor fast genau einem Jahr, wo Karla von einer Notlösung gesprochen hatte und der Chefkoch doch von Marseille geträumt. Heute waren die Zutaten weit besser, nichts wurde auf die Schnelle zusammengerührt, Karla überwachte selbst, wie ihre sorgsam zubereitete Brühe immer mehr Aromen freigab, je heißer sie wurde.
Paul hat recht, sagte sie sich, man kann nicht alles haben, fest steht, diese Suppe wird besser denn je, und Knoblich ist selber Schuld, wenn er sie verpaßt, was macht mir das schon aus …
Karla schmeckte ein letztes Mal ab, die Garzeiten der mundgerecht zerlegten Fische überwachte sie selbst, auch wenn Oliver es ihr übelnahm.
„Du hast ja das Zeug zum Diktator.“ Schon wieder schubste sie ihn beiseite. „Weißt du noch, in der Küche des Hotels, als …“
„So muß das auch sein.“ Karlas Knurren verwies ihm Erinnerungsseligkeit.
Nach der Fischsuppe dreierlei Klößchen aus Taschenkrebsen, danach ein Zwischengang aus teils fritierten, teils blanchierten winzigen Artischocken, von Tropfen konzentrierter Saucen begleitet, danach das Kalbsherz, hauchdünne Scheiben, halbmondförmig, ein intensiv duftender Saucenfilm verband sie mit geachtelten schwarzen Oliven und haarfein geraspeltem Staudensellerie, und im letzten Moment entschloß sich Karla, beim Couscous ganz auf Petersilie zu verzichten, dafür Minze, noch viel mehr, und dann galt es auch schon, den Tauben ihr schaumig gerührtes Bett zu bereiten, safranige Wolken durchschwebten die Küche, da mußte unbedingt noch Zitrone ran, auch noch etwas mehr Butter.
„Es läuft doch wunderbar.“ Paul schneite herein, strahlend. „Mit dem Kalbsherz hast du sie alle gekriegt. Du hättest sehen sollen …“
„Bitte nicht jetzt!“ Karla ließ ihren Saucentopf nicht aus den Augen. „Und sonst?“
Paul wußte sofort, was sie meinte. „Nein, sie sind nicht gekommen. Aber denke jetzt nicht daran. Dieser Abend wird für dich auf jeden Fall ein Triumph.“
„Was riecht hier verbrannt?“ Karla stieß einen Schreckensruf aus.
„Feuer! Da hat doch irgendein Volltrottel … ein Tuch über dem Salamander … Feuer!“ Oliver sah sich panisch um.
Paul griff schon zum Feuerlöscher, Karla rettete geistesgegenwärtig die Taubenbrüste, deren Hautseite unter der Heizspirale kroß werden sollte. Dabei fiel ihr auf, daß es viel zu wenige waren, nie und nimmer ergab das vierzig Portionen!
„Mehr waren nicht da.“ Oliver sah gebannt zu, wie Paul mit Schaummassen das Feuer erstickte. „Ich kann mir das auch nicht erklären …“
„Wie steht es mit Flußkrebsen?“ Karla sah keine Chance, jetzt die Schuldfrage zu klären. Sie verfrachtete die Taubenbrüste auf der Griddelplatte, zur Not konnten sie darauf auch knusprig werden.
„Bergeweise“, versicherte Oliver, „ich habe sie eben erst aus dem Sud genommen. Wer hat die eigentlich aufgesetzt? Wofür brauchen wir die überhaupt? Das Bries ist doch …“
„Zu den Tauben, wenn wir davon so wenig haben!“ Karla konnte solchen Zufall nur willkommen heißen, sie ordnete die Schlachtreihen neu, hieß alle, die Krebse aus ihren Schalen zu brechen, rührte eine schnell erdachte Vinaigrette dazu, erfand ein neues Arrangement für die Teller. Und grübelte über der Logik der Speisenfolge, die aus diesem Chaos entstand. Flußkrebse nach Taschenkrebsen als Vorspeise, leicht konnte man ihr das als einfallslos ankreiden. Es sei denn, es gab da ein Prinzip … Was hatten die Gäste bislang auf den Tellern gehabt? Sie entdeckte bald den roten Faden, Schalentiere zum einen, Gewürze zum anderen, im nachfolgenden Gang stets etwas, das in der zuvor aufgetragenen Speise auch schon enthalten war, aber anders kombiniert, ja, so ging das an und im Zweifelsfall als besondere Raffinesse durch!
Paul hatte inzwischen das Feuer gelöscht, er wollte zu einem Lappen greifen, einem Putzmittel, um sauberzumachen.
„Jetzt nicht!“ Karlas Kommandoton ereilte auch ihn, in Momenten wie diesen nahm sie auf nichts und niemanden Rücksicht.
Paul nahm es ihr nicht übel, von der Tür aus sah er ihr noch einen Moment zu, sehr verliebt sah er aus, nur gut, daß er an keinem der Töpfe stand.
Karla indessen glasierte die roten Beete, forderte Oliver auf, die Taubenbrüste von der Griddelplatte zu nehmen. Vorgewärmt bildeten die Teller schon eine porzellanweiße Parade, jeder Handgriff mußte jetzt sitzen, damit jenes Kunstwerk entstand, das Karla im Kopf hatte. Die Kellner standen bereit, zwei an diesem Abend, heute wurde an nichts gespart, und als die Teller dann vor den Gästen standen, eine Farbenspiel aus gelb, rot und zartrosa, brandete Beifall auf.
„Jetzt vielleicht doch einen Schluck?“ Oliver schien, die Zeit zum Aufatmen sei gekommen. Er hielt Karla ein Glas Champagner hin. „Trotz aller Pannen, wir haben es so gut wie geschafft. Darauf sollten wir …“
Karla schüttelte den Kopf, sie spürte die Schweißperlen auf der Stirn. Ja, es war so gut wie geschafft. Aber sie war nicht froh. Knoblich, Lina, Hanne, daß gerade die heute fehlten! „Ich bin gleich wieder da.“
Viel zu heiß war es in der Küche, vielleicht, daß sie oben in der Wohnung für einen kurzen Augenblick Abkühlung fand? Bis zum Dessert blieb ihr etwas Zeit, und da oben, ganz kurz nur auf der Terrasse stehen, aufs Wasser schauen, vielleicht, daß sie dann doch noch begriff, daß heute ihr Glückstag war?

Sie roch es, noch bevor sie die Tür geöffnet hatte. Kalbsherz. Aber nicht so, wie sie es zubereitet hatte unten. Spielte ihr da eine dumme Sehnsucht einen Streich, eine leise Befürchtung auch, sie sei doch zu weit gegangen mit dieser Variation des Familienrezepts, bezahle diesen Verrat nun mit …
„Etwas Rotes muß es sein, etwas aus der Erde.“
Nein, so wach wurden Gespenster doch nicht! Und wieso brannte überall Licht, auch in der Küche?
„Und etwas Heißes vom Tier, aus dem Inneren.“
Im Innern Karlas rief etwas ganz laut nein, doch nichts davon kam heraus, ihre Lippen waren wie zugenäht.
„Nicht zu vergessen etwas, das die Sauce aufsaugt, es wäre ja schade um sie …“
Es klang, als würde die Großmutter singen, ein Kinderlied nach dem Rhythmus des Pschittpschirr, mit ein paar Schritten stand Karla unter der Tür zur Küche, einen panischen Augenblick lang fühlte sie sich wie dort auf der Alb.
Und sah Lina am Herd, sie rührte in zwei Töpfen gleichzeitig. Knoblich schärfte ein Messer, das Glas Chablis wie üblich in Reichweite. Alikan schnippelte an Pfirsichen herum, mit nicht sehr sauberen Händen, und sah Karla zuerst.
„Daraus wird ein Kompott, zum Milchreis!“ Er leckte sich den Arm ab, bis zum Ellbogen tropfte der überreife Saft.
„Karla, du hier?“ wunderten sich Lina und Knoblich im gleichen Moment.
„Das geht zu weit!“ Karla fand ihre Stimme wieder. „Was macht ihr hier? Unten warte ich auf euch, schon den ganzen Abend, war enttäuscht, daß ihr nicht … Und was schmurgelt da in meinen Töpfen?“
Mit einem Hüftschwung, unsanft und entschieden, schubste sie Lina beiseite. Und mußte doch gar nicht mehr sehen, sie roch zu genau, was sich in den Töpfen befand, wurde aschfahl darüber.
Gerade noch rechtzeitig schob Knoblich ihr einen Stuhl zu. „Mädchen, was hast du denn? Bestimmt den ganzen Tag nichts gegessen, was? Komm, trink erst mal einen Schluck!“
„Sie hat gesagt, sie wird dann fast meine Oma!“ Alikan vollführte einen wilden Tanz rund um Karlas Stuhl. „Weil du dann ja meine Mama wirst und Paul ein Papa.“
„Das sind die Nerven.“ Lina verwies Knoblich das Weinglas. „Sie braucht jetzt Milch.“
„Und in dem Haus auf der Alb machen wir Ferien! Alle miteinander!“ Alikan hatte ein Bild gemalt von diesem Haus, wieso sah Karla es nicht an?
„Ich brauche vor allem“, Karla holte tief Luft. „eine Erklärung. Und zwar von dir.“ Ihr Blick durchbohrte Lina, doch wieder eine Feindin. „Wie kommst du an dieses Rezept? Niemand kennt es, nur in unserer Familie ist das Kalbsherz so zubereitet worden! Und die roten Beete erst recht!“
„Als ob ich das nicht wüßte!“ Lina lachte, wollte noch immer mit Milch Karla beruhigen.
Aber die sah das Glas gar nicht an, gläserne Pfeile dafür die Blicke, die sie abschoß auf Lina vor ihren Töpfen.
„Es war bestimmt das größte Geschenk, das mir dein Vater gemacht hat. Er hat mir auch verraten, was es bedeutet, dieses Herz so zu kochen, die Knollen, und daß bei euch alle wichtigen Anlässe damit …“ Lina plapperte siebzehnjährig, ahnungslos und stolz.
Vielleicht sah Knoblich, was sie damit bei Karla anrichtete. Aber tun konnte er nichts dagegen, daß sie nun doch nach dem Milchglas griff. Und es an der Wand über dem Herd zerschellen ließ.
„Was sonst noch nimmst du mir weg? Erst meinen Vater, dann das Haus auf der Alb, jetzt auch noch meine Rezepte! Kriegst du nie genug?“
„Hauen sie sich jetzt?“ Voller Erwartung ging Alikan schon mal in Deckung, in solchen Dingen kannte er sich aus.
Sie standen sich gegenüber, kaum Armeslänge von einander entfernt, beide verschafften sich Halt durch in die Hüften gestemmte Arme.
„Du wolltest doch immer einen Beweis, daß er mich geliebt hat! Das ist er, gib es zu!“ Lina sah keinen Grund, ihren Triumph zu verhehlen.
„Das ist nicht Liebe. Das ist Verrat!“ Karla fiel zum ersten Mal auf, daß Lina ein paar Zentimeter größer war als sie. Aber mit ihrem Zorn machte sie die Differenz spielend wett. „Er kann es dir nicht gesagt haben, das glaube ich einfach nicht! Gib es zu, du hast dich an meiner Kladde vergriffen, hast heimlich gelesen, was …“
„Als ob ich das nötig hätte! Was bildest du dir ein! Was weißt du schon von deinem Vater, von Liebe!“
„Jetzt hört doch auf damit! Ihr benehmt euch wie keifende Marktweiber!“ Knoblich schien, er müsse eingreifen, demnächst fielen die beiden wirklich noch übereinander her. Doch er erreichte nichts. „Alikan, geh nach unten, hol Paul!“
Alikan war schon verschwunden, es fiel nicht auf, denn auch so stand Paul plötzlich unter der Tür. Und begriff nichts – wieso dieser Streit? Hatte Karla nicht den ganzen Abend auf Lina und Knoblich gehofft? Und nun, wo sie hier waren … „Karla, ich bitte dich!“
„Das hab ich auch schon versucht!“ Knoblich hielt sich seufzend an seinem Weinglas fest. „Ehrlich gesagt, ich weiß nicht einmal, worum es geht. Schau sie dir an, wie zwei Raubtiere, die …“
Der Blitz hätte ohne weiteres aus Raubtieraugen kommen können, doch er entfuhr doch dem Wolkengebräu, das draußen am Himmel brodelte. Ein mächtiger Donnerschlag folgte, aber noch immer schrieen die beiden Frauen sich an.
Es war dann doch Paul, der Erfolg hatte, mit seiner sanftesten Stimme. „Dein Dessert, Karla.“
Ihr Kopf flog herum. „Was ist damit?“
„Du solltest es anrichten. Außerdem … für den Milchreis mußt du dir was Neues einfallen lassen. Ich dachte ja erst, Oliver übertreibt. Aber er ist wirklich zu Matsch geworden.“
Noch eine Katastrophe? Nach dem Kurzschluß, dem Wasser im Kühlraum, den verdorbenen Speisen, dem Feuer in der Küche? Dazu draußen das Gewitter … eindeutig zu viel. Stille. Dann Gelächter, allseitig. Dann wies Lina auf einen Topf.
„Milchreis. Wenn du damit was anfangen kannst …“

Die Schlacht war geschlagen, um viertel vor elf. Nach dem Gewitter ließ sich die Luft wieder atmen, auf der Terrasse unterhielten sich die Gäste bei Kaffee und Digestif oder wahlweise Champagner. Hauptsächlich ging es um die Köchin und ihr vielversprechendes Debüt. Ihre Kochkunst, war man sich einig, lohnte die Fahrt an den östlichen Stadtrand allemal, ganze Karawanen sah man voraus, Pilgerscharen von Gourmets.
„Nur die Weinkarte läßt doch noch zu wünschen übrig.“ Die Einschränkung kam von einem Mittvierziger, der in leopardengemusterten Hosen den Berufsjugendlichen gab und sich gern Weinpapst nennen ließ. „Aber das läßt sich ändern. Ich könnte da beratend tätig werden …“
Karla war in eine frische weiße Jacke geschlüpft, das rote Haar trug sie jetzt offen. Aber es wirkte nicht entspannt, wie sie sich unter ihre Gäste mischte, Komplimente entgegen nahm, auch die eine oder andere Frage. Die beiden Restaurantkritiker grübelten noch immer über der inneren Logik der Speisenfolge und entdeckten ständig neue Fährten.
„Der Galerist meint, ich soll ihm meine Porträts mal vorbeibringen.“ Paul nahm Karla beiseite. „Auch meine Architekturskizzen will er sehen. Er sagt, er ahne da Zusammenhänge.“ Aufgekratzt, wie er war, bemerkte er nicht, daß Karla nicht froh war. „Er will demnächst wiederkommen, um sich das Haus anzusehen. Mit einem Fotografen. Es ist ja das einzige dieser Art in der Stadt … Daß es solche Tage gibt! Wo einmal alles gut ist!“ Als er Karla an sich zog, spürte er, daß er sich irrte. „Was hast du denn? Was fehlt denn jetzt noch?“
Vielleicht ja die beiden, die sich jetzt doch noch blicken ließen? Tatsächlich heiterte sich Karlas Miene auf, Hanne und Johannes betraten die Terrasse Arm in Arm.
„Ich weiß, wir kommen zu spät, aber …“ Etwas linkisch gab Johannes Karla einen Strauß weißer Rosen.
„Wir haben jetzt ein gemeinsames Projekt!“ Hanne trug eine neue Frisur, asymmetrisch und mit Strähnchen versehen. „Geschichte, verstehst du? Alle machen jetzt in Geschichte. Und gerade die des Grandhotels …“
„Die Idee verdanken wir eigentlich dir. Um genau zu sein, deinem Urgroßvater.“ Johannes hatte außer den Rosen auch noch ein reichlich zerfleddertes Heft für Karla. „Er hat Tagebuch geführt, penibel genau. Alles ist aufgeführt, jeder Staatsgast von damals, jede Panne in der Küche. Von letzterem gab es übrigens mehr als reichlich …“
„Nix Attentat oder große Liebe!“ Hanne kicherte. „Schlecht gekocht hat er, das ist alles! Er hat es selber gewußt und sich gar nicht gewundert, als er gefeuert wurde. Vielleicht war es ja Heimweh. Er ist nur deshalb nicht zurück auf die Alb, weil sich das als gescheiterter Koch nicht gut gemacht hätte. Und gestört hat es ihn nicht, als dann all diese Legenden aufkamen, er selbst hat …“
„Als Materialssammlung ist das jedenfalls wunderbar. Du hast doch nichts dagegen, wenn wir diese Informationen benützen?“ Gerade noch rechtzeitig erinnerte sich Johannes, daß diese Frage wohl fällig war. „Uns schwebt da ein Buch vor, vom Anfang des Hotels bis heute …“
Karlas Gesicht wurde zur Maske, nur gut, daß Paul hinter ihr stand. Sehr leicht nur lag seine Hand auf ihrer Hüfte, doch – es genügte. Ob nun Attentat oder Liebe, ging es Karla auf, es ist ja vorbei, lange schon! Außerdem war es nur logisch, für einen Koch gibt es kein schlimmeres Verbrechen, als schlecht zu kochen. Hatte sie das nicht immer gewußt?
Oliver machte der jungen Kellnerin Zeichen, er war jetzt mit dem Putzen der Küche fertig, in eine blütenweiße Jacke geschlüpft. Die noch sehr junge Frau himmelte ihn an, nickte, als er mit seiner Farce für die Tauben angab und davon sprach, daß auch eine wie Karla nur mit Wasser kochte. „Im übertragenen Sinn, du verstehst?“
Die junge Frau nickte, und Karla verstand, daß ihr da ein Konkurrent heranwuchs. Aber mußte es so nicht sein?
Lina tauchte hinter dem noch immer eifrig redenden Johannes auf, augenzwinkernd verschaffte sie Karla noch eine Erleuchtung. Denn Linas Verrat oder auch der ihres Vaters – nur so kam doch alles voran, ohne Verrat blieb man immer dort, wo man war, das hatte sie selbst doch auch schon einmal gewußt!
„Ich wünsch euch viel Glück.“ Karla hatte für Johannes und Hanne je eine Hand. „Natürlich könnt ihr die Notizen meines Urahns benützen. Heute gibt es alles, für alle!“
Übermut warf sie an Pauls Hals, wer sagte denn, daß man gelegentlich nicht doch alles haben konnte!
„Endlich bist du froh!“ Paul hätte es vielleicht besser nicht gesagt.
Denn Karla fiel etwas ein, das ihr Lächeln vertrieb. „Weißt du, wo Alikan steckt? Ich hab ihn lange nicht gesehen. Oben ist er auch nicht. Und sein Dessert – es steht in der Küche. Er hat es nicht angerührt. Obwohl Milchreis dabei ist!“
„Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, daß er ein Stromer ist. Auch er hat eine Vergangenheit, die er nicht so leicht abschüttelt.“ Paul probierte, ob Karla mit einem Kuß wieder heiter zu stimmen sei.
Aber sie erwiderte ihn nicht.
Paul hatte noch eine Idee. „Ich weiß, was doch noch fehlt. Dein Saxophon! Hättest du nicht Lust, jetzt etwas zu spielen?“
„Unten am Fluß brennt was.“ Lina, eben noch im Getuschel mit Knoblich, entdeckte den Lichtschein zuerst. Flammen, die reichlich hoch schlugen, zum Grillen taugten die nicht.
Sofort beschlich Karla ein leiser Verdacht, sie rannte zum Fluß, hörte bald auch Gemurmel, Gelächter.
„Nur ein paar Kumpel von mir.“ Eine nicht sehr große Gestalt schälte sich aus der orange durchflammten Dunkelheit, Alikan winkte Karla zu.
Sie sah die Plastiktüten seiner Gäste, den meisten ein Kissen, um bequemer zu liegen. Dann roch sie – da war nicht nur Feuer im Spiel.
„Das Fleisch hab ich in der Küche gefunden.“ Alikan wies auf einen kleinen verbliebenen Rest.
Karla erkannte in ihm eine Taubenbrust, wenn auch arg mißhandelt auf dem Grill.
„Es war ja so viel.“ Alikans Lächeln verriet, daß er sich seiner Schuld durchaus bewußt war. „Da hab ich gedacht … Ist es schlimm?“
Karla brachte kein Wort heraus. Schlimm war etwas ganz anderes. Denn eben jetzt erst begriff sie, was geschehen war. Restaurant, Mann, Kind – da war plötzlich alles vorhanden, was sie doch nie hatte haben wollen. Und sie war glücklich damit. So sehr, daß es weh tat.
„Ich hab mir dafür aber auch was ausgedacht.“ Alikan schob seine Hand, klebrig wie üblich, in die ihre. „Eine Überraschung. Für dich. Ein Kumpel hat mir gesagt, daß Musik auf dem Wasser viel besser klingt. Jetzt komm doch mit!“
Endlich schwand alles aus Karla, was eben doch wieder störrisch gewesen war. „Klar, ich komm mit.“ Sie lachte, drehte sich um, sah Paul, der mit einigen anderen ebenfalls ans Wasser gekommen war. Eine Taube gurrte im Schlaf, mehr als ein Ruckedi kam dabei nicht heraus. Das aber mehrmals. Nein, kein Blut mehr im Schuh. Ruckedi ruckedi … „Und was ist nun die Überraschung?“
„Ich hab was gebaut.“ Eifrig wies Alikan auf etwas Dunkles im Wasser. „Wie ein Floß. Aber gut festgebunden.“ Das Saxophon glänzte hell auf den schwimmenden Bohlen.
„Klasse Idee!“ Paul hielt mit der einen Hand Karla fest, mit der anderen strich er Alikan übers Haar. „Bitte, spiel jetzt für uns!“
Genau jetzt brach es los, drüben auf der Insel, erst nur knatterndes Getöse, dann war es ein Feuerwerk.
„Wer von euch hat sich denn das ausgedacht?“ Karla hielt im Moment wirklich alles für möglich, die ganze Welt eine Zutat ihres Glücks.
„Reiner Zufall“, wußte einer der Gäste, „es ist das jährliche Sommerfest des Bezirks.“
Gut, ein Zufall. Aber wieder mal einer, der sich genau im richtigen Moment ereignete.
„Na, dann will ich mal nicht so sein.“
Eine letzte Kaskade von Farben ergoß sich an den Nachthimmel, als Karla aufs Floß sprang, leicht und behende, und zum Saxophon griff.
„Sie hat schon in Clubs gespielt!“ Alikan platzte fast vor Stolz.
„Die meisten Köche haben ja eine zweite Begabung“, sinnierte einer der Restaurantkritiker.
„Schade, daß ihr Vater das nicht erlebt.“ Lina murmelte es nur leise, für sich.
„Ob nun eine oder gar drei Begabungen, bessere Menschen sind Köche allemal.“ Urtig lockerte nun doch den Krawattenknoten.
„Wenn ihr die Kochlöffel doch mal zu klebrig werden, bringe ich sie ganz groß raus!“ Johannes dachte ganz flüchtig noch mal an Südfrankreich.
„Und wer hat sie entdeckt? Ich!“ Knoblich hielt auch jetzt sein Glas Chablis in der Hand, so fest, daß es das leise Schwanken seiner Beine ausglich.
„So viel Happy end dürfte ich mir in einem Groschenroman nicht erlauben.“ Hanne klang etwas neidisch.
Ich weiß, was du spielen wirst, sagten Pauls Blicke, ein Wasserfall von Liebe für diese Frau, die jetzt –
In Bewegung geriet, warum auch immer, bemerkte Karla es nicht? Sie spielte, ihr erster Ton klang noch etwas zaghaft, ein langer Tag lag hinter ihr, ein Tag wie ein Leben. Aber der zweite Ton dann gewann an Klarheit, der dritte strahlte schon, und dann wurde aus lauter Synkopen eine Melodie. Natürlich genau jene, die Paul erwartet hatte.
Leise summte er die Worte mit, nur eine kleine Korrektur war nötig. Denn was sollte jetzt noch dieses tomorrow, auch Nina Simones einsames „ich“ war fehl am Platz. „Today is our turn, no more doubts, no more fears …”
Alikan rief noch lauter, als Paul sang. „Karla, paß auf! Das Floß hat sich gelöst. So ein Mist, es schwimmt weg!“ Er versuchte, die Taue zu fassen zu kriegen, beugte sich weit übers Wasser.
Paul packte ihn am Kragen, kurz, bevor er in die Spree gefallen wäre. „Laß doch. Karla kann zur Not auch schwimmen. Und sieht das nicht wundervoll aus?“
Leichthin segelte das Floß übers Wasser, angetrieben von Karla und ihrem Lied.
„Dabei hat mir doch ein Kumpel gezeigt, wie man so einen Knoten macht!“ Alikan verwand seinen Misserfolg schlecht. „Schau doch, sie schwimmt immer weiter weg!“ Er machte Anstalten, ins Wasser zu springen. „Verdammt, so war das nicht gedacht!“
„Bleib hier.“ Paul hielt ihn fest. „Es ist gut so.“
Und Karla spielte weiter, in ihrer weißen Jacke gut sichtbar auf dem Wasser, sie entlockte ihrem Saxophon Töne wie nie zuvor, und es schien, als schlage nicht nur das Instrument blitzende Funken in die Nacht, sondern auch ihre Augen, das Knistern in ihrem Haar, und als die letzte Wolke am Himmel endlich den Mond freigab, dick und rund, war ihre Gestalt eine vibrierende Silhouette in der Dunkelheit, rasch wurde sie kleiner mit der Entfernung.
Aber in einem Punkt hatte Alikan recht, Karlas Lied war über dem Wasser gut zu hören und noch ziemlich lang.