Jetzt

Noch so ein Morgen, kein Regen mehr, frisch gewaschene Luft weht durch die offene Balkontür, kein Geräusch von draußen, nur diese Luft, nervöses Prickeln. Wenn es nur schon vorbei wäre, sagt sie und meint damit ihr Leben. Die Pflegerin streicht die Decke zurecht und will nicht richtig gehört haben. Doch die Alte ist bei Sinnen, sie weiß, was sie sagt, ihre Augen sehen müde aus und verwaschen. Wenn es nur schon vorbei wäre. Schneller als sonst läßt die Pflegerin von ihr, entfernt sich in Richtung der Tür, das wird schon wieder, ruft sie übertrieben laut, jetzt schlafen Sie eine Weile, und dann –

Und dann, sagt die Alte halblaut, ja, und dann. Das gibt es dann ja wohl nicht mehr. Mein Leben lang habe ich auf so ein Dann gewartet. Jetzt also. Es ist so weit. Anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es wird vorübergehen, wie alles, und wird wie nichts gewesen sein. Nichts kenne ich so gut wie das Warten auf etwas, und dann geschieht es und ist auch nur wie immer. Aber wie immer bin ich jetzt doch nicht mehr ganz, ich stecke noch in mir drin, aber sie haben meinem Körper eine Ordnung verpaßt, sie wollen, daß ich mir fremd werde, mich nicht mehr kenne, nichts mehr von mir weiß und dann verschwinde, wohin wohl. Gut haben sie sich das ausgedacht, gut mich zugedeckt, Arme über der Decke, die Hände übereinandergelegt, ich lass es geschehen. Der Kopfteil der Matratze in genau richtiger Neigung, den Leuten hier im Heim liegt daran, daß ich mich wohlfühle, oder ist das eine Vorübung zum Leichesein.

Aber noch bin ich keine Leiche, und Wohlfühlen, diesen Gefallen tue ich denen nicht, so weit kommt es noch. Ich hab mich beim Leben nicht wohlgefühlt, wie sollte es da beim Sterben anders sein. Mit beidem hab ich nichts zu schaffen. Die hier mit ihrem Getue, sie gehen mir auf die Nerven. Warum sind die so freundlich zu mir, sie kennen mich nicht, ich war nie freundlich, warum auch, und jetzt werde ich daran bestimmt nichts mehr ändern. Es ist eine Schande, unter fremden Leuten muß ich meinen Tod finden, meinen Kindern ist das egal, womit habe ich das verdient?

Sie beginnt zu wimmern, zerstört mit einer Bewegung das ordentliche Arrangement, das die Pflegerin aus ihr gemacht hat, wirft sich auf die Seite, zur Wand, heftig, mit Energie, das Gerät, das Sauerstoff in ihre Nasenlöcher pustet, verrutscht. Sie lächelt böse, soll das Ding sich doch ins Leere verströmen, das geschieht denen mit ihrer Nettigkeit gerade recht, als ob mein Leben auf solche Hilfsmittel angewiesen wäre, das hat gerade noch gefehlt. Sie wimmert und weiß nichts davon, zieht die Beine an, krümmt sich zu einem Bündel, der Kopf rutscht vom schräggestellten Kopfteil der Matratze auf die Brust, die Sonne von draußen malt Kringel an die Wand. Ihr Atem geht flach.

Aber vorläufig reicht mir das bißchen Luft, wie schwer es ist, sie einzuatmen, nicht einmal die Luft gönnen sie mir. Sie wimmert, leise, rhythmisch, obwohl die Luft dazu eigentlich nicht ausreicht. Aber dann ist es, wimmernd, keuchend, ein Weg in die Trance, Atemnot, ja, aber die Beklemmung schwindet, verhechelt sich, wie leicht das doch ist, wenn man gelernt hat, mit nichts auszukommen. Der Körper nimmt den Rhythmus auf, läßt sich davon schaukeln, verhalten zunächst, aber dann, wie ein Pendel, das, einmal angestoßen, seinen Radius vergrößert, wird die Bewegung wild, heftig, durch nichts mehr gebremst.

Doch, durch die Wand. Etwas schlägt dagegen, hämmert heftig, ein Kopf, meiner, es schmerzt, aber der Schmerz gehört nicht zu mir, er bleibt auf der Wand, zeichnet dort ein klebriges Mal. Hände suchen etwas, bekommen Papiertücher zu fassen, zerknüllen sie, pressen sie zusammen, woher wissen diese Hände, was sie tun, das sind meine Hände. Dann sind die Tücher nasse Fetzen, irgendwo in mir wird diese Flüssigkeit produziert, unablässig, dieser tropfende Schwamm ist meine Hand, das Haar klebt in Strähnen um den Kopf und juckt, daran merke ich, mein Kopf, mein Haar.

Ihr Wimmern wird wörtlich, ein Singsang, den keiner versteht. Keiner ist da. Nur sie, und sie achtet nicht auf die Worte, sie kommen wie Atemzüge, leichter sogar. Sie muß die Worte nicht verstehen, sie hat sie im Blut, und jetzt ersetzen sie ihr den nicht ausreichend vorhandenen Sauerstoff. Genau über dem Bett hängt das Kruzifix, flankiert von vergoldeten Halbreliefs auf dunklem Holz, Mutter und Sohn, verwandt in der Leidensmiene, gegrüßet seist du, Maria.

Die Kirche daheim, damals, war im Nachbardorf, eine halbe Stunde Fußweg, dorthin zu gehen, am Sonntagmorgen, am Mittwochabend, an allen Feiertagen, war Pflicht, aber auch ein nervös erwarteter Ausflug, regelmäßige Unterbrechung alltäglicher Routine. Wenn ich aufbrach, frühmorgens, zusammen mit vielen anderen, waren die Tiere schon versorgt, das Mittagessen stand auf dem Herd, die Alten, die den Weg nicht mehr zurücklegen konnten, saßen auf den Bänken vor den Häusern. Im Winter war die Gruppe kleiner, nicht jeder hatte Schuhe, man mußte sich abwechseln, ich schreckte vor nichts zurück, um möglichst immer an Schuhe zu kommen, Hinterhältigkeit warfen sie mir deshalb vor, doch über andere Mittel verfügte ich eben nicht, und ich mußte dorthin, weil dort vielleicht, dann –

Alle gingen wir mit leerem Magen, ohne einen Schluck Kaffee, wie es den Vorschriften entspricht, an die sich heute keiner mehr hält. Schon auf dem Weg wickelten wir Mädchen und Frauen uns die Rosenkränze um die Hände, begannen mit der Litanei, wir kannten uns ja alle, zu reden gab es sonst nichts. Die Abschnitte des Rosenkranzes wiesen dem Weg einen Rhythmus und den Gedanken ein Ziel und nebenbei eine Möglichkeit, die Blicke schweifen zu lassen, ohne Absicht und ohne Wunsch. Die Männer prüften schweigend den Zustand der Felder der anderen, wir Kinder ahnten etwas wie Ferien, als Wort und Zustand uns nicht bekannt. Auf dem letzten Kilometer begannen die Glocken zu läuten, wir hörten die Kirche, bevor hinter der Biegung die Turmspitze erschien. Wieder zu spät, dachte ich dann, schon jetzt war der Kirchgang sinnlos, und ich selbst war schuld, weil es mir wieder nicht gelungen war, schneller zu gehen, die anderen hinter mir zu lassen, die Kirche vor dem Läuten zu betreten. Würde dies mir gelingen, einmal, dann – Es gelang nie. Nebel im Frühjahr, im Herbst, das Geräusch vieler Schritte, und dann waren wir da, legten gleich neben dem Eingang ab, was dem Pfarrer zustand. Mehl, wer es sich leisten konnte, einen Brotlaib, die anderen Korn. Kürbisse und Kartoffeln, wenn sie schon reif waren, Kohl und Rüben, ein Huhn, Geselchtes und Geräuchertes vom Schwein an hohen Festtagen, eingekochtes Gemüse im Winter. Bis auf wenige Wochen im August war die Kirche kühl, eisig kalt im Winter, immer düster von Weihrauch durchweht. Die Frauen fanden ihren Platz vor dem Marienaltar, die Männer auf der anderen Seite im Kirchenschiff nahmen ihre Hüte ab. Nach einem prüfenden Blick in die Runde begann der Pfarrer mit seiner Arbeit, spulte das liturgische Programm ab, der ahnte nicht, was ich erhoffte, und schneller, als allen lieb war, entließ er uns wieder, der Rückweg dann stumm, hastig, man mußte aufs Feld, in den Stall. Manche aßen gehend ein Stück Brot. Wie deutlich ich dann meine Erwartung spürte und daß sie wieder enttäuscht worden war. Worauf wartete ich, wozu? Auf den nächsten Kirchgang, worauf sonst, vielleicht würde dann –

Klopfen an der Tür, zögernde Schritte, ich dreh mich nicht um. Schließlich bin ich krank, wenn nicht Schlimmeres. Die Formeln der Höflichkeit lagen mir nie, und jetzt – Sollen sie ruhig sehen, wie schlecht es mir geht, ganz egal, wer es ist, ich könnte schon tot sein, und die kümmern sich nicht. Oma!, sagt jemand, die also ist es, für die war ich Oma mein halbes Leben lang und hätte doch ihre Mutter sein können, sein müssen, wenn man’s genau nimmt, sieh an, sie hat die weite Reise nicht gescheut, soll das heißen, es ist jetzt wirklich so weit? Aber bei Anne weiß man nie, die kommt nach mir, sie übertreibt vielleicht, und jetzt verharrt sie erschrocken am Fußende des Betts. So hat sie sich das wohl nicht vorgestellt, ob sie mich hinter all der Ordnung noch findet? Doch, sie erkennt mich, erschrickt darüber, daß die hier mich mir fremd machen, sie erkennt vielleicht schon das Tote in mir, das macht ihr Angst und mir auch, wer wimmert hier so, bin das ich? Warum bleibt die da so stehen, wie lang will sie sich noch erschrecken, wieso kommt sie erst jetzt, ich könnte schon längst –

Wieder klopft es, die Pflegedienstleiterin samt Arzt, jetzt geht das wieder los. Der Arzt ist gerade da, sagt sie, Sind Sie damit einverstanden, daß er Sie untersucht? Nun tu doch nicht so, du falsche Schlange, deine Freundlichkeit verhindert nicht meinen Protest. Als ob es ein Zufall wäre, dieser Arztbesuch, den habt ihr doch veranlaßt. Und was, wenn ich nicht untersucht werden will?

Aber komisch ist es, wie der Arzt umstandslos zur Sache kommt und meine Enkelin noch immer nicht begreift, worum es geht, merkt Anne denn nicht, daß sie dem Arzt im Weg ist. Nun geht es wieder los, ich bin ein komplizierter Mechanismus, wenn er mich anfaßt, mich dreht und wendet, mir das Nachthemd aufknöpft, sein kaltes Stethoskop auf meinem Fleisch, Fleisch, mehr bin ich für den nicht, ein Klumpen funktionsgestörter Unbeweglichkeit. Die Pflegedienstleiterin tut nett, aber ich glaub es ihr nicht, jetzt wischt sie mir den Schweiß von der Stirn, sie spürt wie ich, was der Arzt aus mir macht, mit diesem Schweißwegwischen will sie mir einreden, ich wär noch was anderes als Fleisch, aber sie weiß nicht, daß ich nie viel anderes war, und die Komplizin des Arzts bleibt sie doch. Er macht die Urlaubsvertretung, erklärt sie und nennt mir seinen Namen, wozu, bin das immer noch ich, die da wimmert? Der Arzt fühlt mir den Puls, erkundigt sich nach der Höhe des Fiebers. Viel findet er nicht zu tun, er denkt wohl, ich bin fällig, räumt seine Sachen routiniert in den Koffer. Meine Enkelin will wissen, wie es steht mit mir, hat die denn keine Augen im Kopf? Nicht gut, sagt der Arzt, die Lungenentzündung ist abgeklungen, sie müßte sich jetzt eigentlich erholen. Wenn nicht – es wird nicht mehr lange dauern, ich schaue heute Abend noch einmal vorbei.

Sie reden über mich, als wäre ich schon nicht mehr da, und wie der Arzt jetzt die Pflegedienstleiterin ansieht, für die beiden ist die Sache abgemacht, erledigt, als er das Zimmer verläßt, folgt ihm Anne, ist sie schon wieder dünner geworden? Kein Wunder bei der neumodischen Kocherei. Aber energisch wirkt sie ja, trotz ihrer Verstörung, Anne wird den Arzt zur Rede stellen, das Beste fordern für mich, das ist gut, ja, aber nützen wird es nichts. Die Pflegedienstleiterin schüttelt die Kissen auf, bettet mich in Rückenlage, Leichenlage, es geht ihr bestimmt nicht schnell genug, aber wozu schiebt sie dann die Sauerstoffdüsen unter meiner Nase zurecht, ich will das nicht. Möchten Sie etwas trinken?

Diese Freundlichkeit nimmt kein Ende, macht mich rasend, ja, ich habe Durst, aber lieber würde ich erzwingen, daß sie mir das Glas reicht. Ich habe Durst, ich nicke, greife nach dem Glas, dabei weiß ich, daß sie Medikamente aufgelöst hat in dem süßen Saft, Medikamente, die mir nicht mehr helfen werden, weil ich es nicht will, Hilfe will ich schon, aber nicht mit Medikamenten, nein, keine Hilfe, etwas anderes, Besseres, etwas, das es angeblich nicht gibt. Doch genau das will ich, bevor –

Schon damals, daheim, lachten sie über mich, schimpften mich überspannt, immer und alles übertrieb ich, hieß es, bei der Arbeit genauso wie in der Kirche. Die Bänke waren hart, bohrten sich kantig in die Knie, doch ich kniete, auch wenn es gar nicht nötig war, erhob mich, kniete wieder hin, war nicht zu erschöpfen. Mit Demut hatte das nichts zu tun, etwas erzwingen wollte ich, aber was. Alles war nur dazu da, daß ich es hinter mich brachte, damit dann endlich etwas begänne, etwas, wovon ich nicht einmal ahnte. Du wirst es schon noch begreifen, sagte meine Mutter, so ist unser Leben, da hilft dir kein Hochmut, du machst dich nur kaputt. Hochmut? Wenn es das war, blieb ich dabei, machte mich kaputt und wurde darüber fast so alt wie unglücklich. Aber anderes war so oder so nicht drin.

Jetzt stürmt sie ins Zimmer, ohne zu klopfen, aufgebracht kommt meine Enkelin zurück, die Auskunft des Arztes hat sie nicht befriedigt. Was er ihr sagte, klang dramatisch, und jetzt stört sich Anne an dem friedlichen Bild, das ich ihr biete, vielleicht auch an der Gier, mit der ich trinke, und daß ich mich bemühe, nichts zu verkleckern. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, fragt die Pflegedienstleiterin, vielleicht etwas Fleischbrühe zum Mittagessen? Schon wieder nicke ich, obwohl die von Fleischbrühe hier nichts verstehen, obwohl es noch früh am Morgen ist, und Mittagessen, wie weit ist es bis dahin, ich nicke, ich werde diese Brühe nicht zu mir nehmen, Mittag, da lebe ich nicht mehr, aber es gefällt mir, wie die Pflegedienstleiterin sich um mich bemüht, und daß diese Enkeltochter dabei zuhört und noch immer nichts begreift. Dann geht die Pflegedienstleiterin, meine Enkelin folgt ihr auf dem Fuß, sie sehen nicht, daß ich jetzt nicht anders kann als grinsen. Anne denkt noch, mir wäre zu helfen, und jetzt wird sie der Pflegedienstleiterin Vorhaltungen machen, aber die weiß schon, was los ist, und wird sie abblitzen lassen. Was krampft sich da zusammen, Hände, meine, sie kriegen frische Papiertücher zu fassen, wer hat sie bereitgelegt, ein Tropfen Luft steigt in mir hoch, vielleicht wird ein Seufzer daraus, nicht so tief, wie ich möchte, die Luft ist so knapp.

Jetzt stehen sie direkt vor dieser Tür auf dem Flur und reden über mich, streiten sich vielleicht, ich kann es hören. Ich möchte, daß meine Großmutter alles bekommt, was sie braucht, sagt Anne jetzt, ihre Stimme verrutscht, ihr Blick müht sich um Sachlichkeit. Ihre Großmutter bekommt alles, was sie braucht, erwidert die Pflegedienstleiterin, wenn sie es will. Sie ist schwach, weil sie nicht ißt, entgegnet meine Enkelin vorwurfsvoll, vielleicht eine Infusion – Das Lächeln der anderen nimmt ihr die Energie, den Satz zu beenden. Sie schlägt die Augen nieder. Ihre Großmutter ißt nicht, weil sie nicht mehr essen will, sagt die Pflegdienstleiterin sanft. Wollen Sie im Ernst, daß wir sie zwingen?

So reden sie und hören nicht, wie mich das zum Lachen bringt, und dann entsteht eine Pause, die beiden Frauen sind ungefähr gleich alt und so verschieden, daß sie nur meinetwegen diese Worte miteinander wechseln und sich nicht verstehen. In der Küche wird mit Tellern geklappert, draußen zirpen Grillen. Ich will doch nur, daß sie alles bekommt, was sie braucht, wiederholt meine Enkelin. Das wollen wir auch, die Pflegedienstleiterin lächelt nicht mehr. Sie bekommt, was sie braucht, wenn sie es will. Aber wenn sie nicht mehr will – Sie spricht nicht weiter. Aber das heißt doch – Anne bringt den Satz nicht zu Ende. Die beiden, ich sehe sie vor mir, sehen sich jetzt an. Ja, möglicherweise, sagt die Pflegedienstleiterin. Keine bringt das Wort über die Lippen, nun ist klar, worum es hier geht. Aber warum sprechen sie es nicht aus? Ich krepiere, sterbe, kratze ab, gehe ein, nicht, daß ich das unbedingt will, aber so, wie die Dinge jetzt stehen, und vielleicht krieg ich auf dem Weg dorthin ja noch was zu fassen, das, was ich immer wollte, oder wenigstens ein bißchen davon, und dann –

Jetzt steht Anne wieder an meinem Bett, sie begreift noch nicht, was sie doch draußen im Flur schon vorgab zu begreifen, sie schaut mich an, sieht eine Alte, die wimmert wieder die Wand an, die nimmt keine Notiz von ihr. Was mache ich jetzt, fragt sie sich nun, eine wie Anne fragt sich das oft, aber jetzt spürt sie das Gewicht dieser Frage, jedes einzelnen Worts, durch das, was sie eben gehört, aber nicht begriffen hat, wird jedes Wort wie neu, und ich wimmere dazu, mehr ist nicht nötig. Warum bin ich gekommen, fragt sie sich jetzt, was habe ich erwartet, und ich spüre, wie sie langsam zerbröckelt. Mich macht mein Wimmern fest. Bestimmt sagte man ihr, mit meinem Tod sei jederzeit zu rechnen, und so fuhr sie los. Vielleicht stirbt sie ja, dachte sie, und es schien ihr nichts Besonderes. Mir auch nicht, seit Jahren hab ich es mir gewünscht, verbarg es nicht vor Anne in den Telefongesprächen am Sonntagvormittag, wenn sie anrief zum Beweis, daß sie mich nicht vergißt und nicht so ist wie die anderen. Ich will nicht mehr, sagte ich ihr fast immer, und das verschlug ihr die Worte, ich weiß, sie litt, aber nur, weil es für ihr Wohlbefinden wichtig war, daß ich nicht litt.

Aber jetzt, hier, in diesem Zimmer, an diesem Bett, wo es nun so weit sein soll – So hab ich das in diesen Gesprächen nicht gemeint, und sie begreift nicht, worum es geht, aber daß ich es anders will vielleicht schon, und deshalb vernebelt sich ihr, was ihr klar schien. Warum stirbt sie nicht einfach, fragt sie sich, wieso bietet sie dieses jämmerliche Bild? Aber mich fragt sie nicht, sie ist feige, zum Glück, denn wüßte ich eine Antwort?

Tatenlos hält sie meinen Anblick nicht aus. Sie greift nach einem feuchten Lappen, wischt über die schweißnasse Stirn, es ist meine, ich lasse es mir gefallen, wimmere weiter. Ich bin es, sagt sie laut und deutlich, erkennst du mich nicht? Ja, du bist es, sag ich zwischen das Wimmern, stammt diese Stimme von mir, warum sollte ich dich nicht erkennen?

Die Sauerstoffsonde verrutscht schon wieder, sie traut sich nicht, sie wieder an ihren Platz zu schieben, und in diesem Moment geht die Tür auf, Enkelin Nummer zwei, Annes Schwester, Anne fühlt sich wie ich bei etwas ertappt, bei einer Ratlosigkeit, einem Nichtstun, Nichtwissen, für mich ist das leicht zu überspielen, ich wimmere weiter, aber sie –

Ella erkennt rasch, was zu tun ist, bringt die Sauerstoffdüsen in Position, danach erst eine knappe Begrüßung, bist du schon lange hier? Das galt der Schwester, nicht mir, an mir wird hantiert.

Ich weiß nicht, einige Stunden.

Ist sie die ganze Zeit in diesem Zustand?

Ja, die ganze Zeit.

War ein Arzt hier?

Ja, er war hier.

Was hat er gesagt?

Anne bringt die Antwort nicht über die Lippen. Ella bettet mich mit fachmännischen Handgriffen in Rückenposition, Leiche auf Abruf, läßt ihre Schwester dabei nicht aus den Augen. Nun sag schon, was hat er gesagt?

Daß es zu Ende geht. Anne sagt es, sieht mich an dabei, ich wimmere, aber sie weiß, ich höre zu.

Ihre Schwester überprüft, ob die Beine richtig liegen, meine Beine, hast du unserer Mutter Bescheid gesagt. So kommt endlich meine Tochter ins Spiel, ich hör mich noch immer wimmern und bin doch ganz Ohr.

Nein, Anne sieht mich nicht an, so vor meinen Ohren über das Bevorstehende zu reden, fällt ihr schwer und erhärtet zugleich die Tatsache. Nein, ich hab mit keinem gesprochen, schließlich wißt ihr doch alle schon länger als ich –

Dann wird Anne draußen am Telefon verlangt, von der Mutter, Ella feixt, na bitte, triumphiert sie, und ich weiß auch jetzt, wie dieses Gespräch verläuft.

Wo bleibst du so lange?

Es geht ihr nicht gut.

Aber die Lungenentzündung ist doch ausgeheilt, was möchtest du zum Mittagessen?

Aber begreife doch, darum geht es jetzt nicht.

Worum soll es schon gehen?

Nicht um die Lungenentzündung, auch nicht ums Mittagessen.

Das sagst du so, aber ich muß einkaufen, etwas zu essen auf den Tisch bringen.

Schweigen. Anne denkt jetzt an mich, an mein Wimmern, vielleicht an die Fleischbrühe, die mir mittags blüht, wenn ich durchhalte, und meine Tochter tut alles, um gar nichts zu denken. Da wird Anne unsicher, soviel Routine, die Pflegerinnen, Mutter und Schwester, macht nur sie etwas falsch, versteht was nicht richtig, dramatisiert?

Also was nun? wiederholt meine Tochter ihre Frage.

Ich komme nicht zum Essen, sagt ihre Tochter, ich bleibe hier.

Dann steht Anne wieder vor dem Bett, auf dem ich mich zu Tod liegen soll, sieht zu, wie ihre Schwester nasse Haare kämmt, meine Haare. Ich sage und wimmere nichts, lasse alles mit mir geschehen. Ella verbucht das vermutlich als Erfolg ihrer fachmännischen Handgriffe, sie säubert den Kamm, räumt auf dem Tischchen neben dem Bett auf. Und, kommt sie?

Wer?

Unsere Mutter.

Ich weiß nicht, nein, ich glaube nicht, sie sagt, sie muß kochen.

Die Antwort trägt Anne einen vernichtenden Blick ein, bestimmt denselben, den sie während des Telefongesprächs für ihre Mutter übrighatte, wie gut ich meine Brut kenne. Sie muß jetzt nicht kochen, zischt ihre Schwester, sondern ihre Brüder benachrichtigen. Hast du ihr das nicht gesagt?

Nein, wieso auch, sie muß doch selber wissen – Anne redet nicht weiter, spürt ihre Gereiztheit, wie immer trifft ihre Schwester Entscheidungen für andere, sie ärgert sich über sich selbst, warum läßt sie sich auf die üblichen Konkurrenzrituale ein, Gereiztheit an diesem Bett, an meinem, in dieser Situation, das scheint ihr fehl am Platz. Wieso eigentlich, was erhoffen die sich von meinem Tod, ich sterbe doch nicht zu ihrer Erlösung, für sie geht alles weiter, sollen sie froh sein und nicht erwarten von mir –

Mit Schwung stellt Ella die Schuhe an den richtigen Platz, meine Schuhe, ob ich in die noch mal schlüpfen werde, dann verläßt sie den Raum kopfschüttelnd, das laute Türschlagen eine einzige Mißbilligung.

Anne weiß nicht, was zu tun wäre und setzt sich aufs Bett, ich überlasse ihr eine mit Haut bedeckte Unbeweglichkeit, meine Hand. Sie streichelt die Hand, und ich sehe, sie fühlt sich schon wieder ertappt, bei einem ebenso dummen wie aussichtslosen Wunsch. Keine Machtspiele zwischen ihr, der Schwester, der Mutter, alle Rivalitäten ausgesetzt, wenigstens hier, an diesem Bett, an meinem, wenigstens so lange, bis. So lange das hier dauert, soll jede tun dürfen, was sie tut, wie falsch oder unangemessen auch immer. Kindische Träume. Was wäre denn angemessen, ich sterbe, von mir werden sie die Antwort nicht kriegen. Daß meine Tochter nicht hier sein wird, wenn – war zu erwarten, sie mochte mich nie, sie hat Gründe dafür. Wenn ihr das Mittagessen wichtiger ist – sie hält sich fest an Routine, ja. Woran auch sonst. Sie kocht nach meinen Rezepten und weiß es nicht mehr. Sie kocht, rührt zusammen, dickt ein, Verwandlungen sind ihr nur im Kochtopf geheuer, ansonsten will sie, daß nichts geschieht, und wenn, dann ohne sie. Wäre Anne nicht gekommen, Ella würde genauso verfahren. Die Lungenentzündung ist kuriert, würden Ella und ihre Mutter sich und anderen sagen, ihren Geschäftigkeiten nachgehen und sich dann über einen plötzlichen, unerwarteten Tod überrascht zeigen, meinen Tod. Doch wer weiß schon, ob ich wirklich sterbe und wann, wer kann das schon über einen anderen sagen, ich weiß es nicht einmal selbst, zäh war ich immer, und überhaupt, mich stört das Getue von allen, das Sterben hat seine praktischen Seiten, wissen die das denn nicht?

Ella stürmt wieder ins Zimmer, würdigt Anne keines Blicks. Aus der Schublade des kleinen Tischchens holt sie den Rosenkranz, meinen, wickelt ihn um Hände, meine Hände, und prompt setzt der Singsang ein, ich setze damit ein, ich will es und will es nicht, das ist egal, verblüfft sehen die Schwestern sich an, auf meinen brabbelnden Mund. Nach einiger Zeit verstehen sie die Worte, die Litanei des Ave Maria, das nimmt lange kein Ende.

Dann doch, die Worte haben sich zu Ende gebracht, sind in ihrer Wiederholung erstickt, nichts weiter ist zu tun, die Schwestern setzen sich, schauen abwechselnd und nicht gleichzeitig auf mich, aus dem Fenster, spielen, sie wären anderswo. In Gegenwart der anderen will keine hier sein. Draußen ist es heiß, die nahen Berge verschwimmen in Dunst, oder versinken Augen im Trüben, meine Augen, und woher steigt das Trübe auf in mir? Noch mehr Grillen zirpen. Vielleicht die letzten, die ich höre, oft genug habe ich sie gehört. Anne hört jetzt auch das Zirpen, und nun fällt ihr auf, daß ihre praktische Schwester im großen Fernsehsessel, meinem, den Ella selbst hierhergeschafft hat, eingeschlafen ist. Später wird sie wach, lächelt. Was man hat, hat man, sagt Ella, daß sie immer zu wenig Schlaf bekommt, ist ja bekannt, auch ich bin ein Faktor ihrer Zeitknappheit, sie hat das hier arrangiert, ich muß ihr dankbar sein, bin es nicht. War sie die ganze Zeit so ruhig? Damit meint sie mich, ich gewöhne mich daran, daß sie so über mich reden, immerhin reden sie über mich.

Die ganze Zeit, ja.

Ella schläft wieder ein, nun ist die Gereiztheit zwischen den Schwestern geschwunden, hat einer Art Komplizenschaft Platz gemacht, einer gewissen Nachsicht miteinander, vielleicht sogar mit mir.

Nichts geschieht, zum Wimmern fehlt mir die Energie, daß Sterben so langweilig ist, oder schlafe ich auch? Der Rosenkranz in den Händen stört, mein Rosenkranz in meinen Händen, ich hab ihn nicht um diese Hände geschlungen, er gibt dem friedlichen Bild einen dramatischen Anstrich, ich würde ihn gern entfernen, ich tue es nicht. Vom Dorf draußen dringt nichts ins Zimmer, nur die Grillen und die Hitze, Anne läßt die Rollos herunter, setzt sich wieder, nichts geschieht. Gelegentlich klopft es an der Tür, die Pflegerinnen verharren auf der Schwelle, wenn sie die Idylle sehen, wenn sie den Rosenkranz entdecken, gefriert ihnen das Lächeln. Nichts geschieht. Wie lange kann das dauern?

Ich habe die beiden gut im Blick, auch bei halb geschlossenen Augen. Die eine schläft, die andere fühlt sich unbehaglich, sie begreift, was sie mit ihrer Anreise angerichtet hat. So etwas wie ein Fanal hat sie damit gesetzt, der Familie zu Bewußtsein gebracht, daß es nicht mehr ums Gesundwerden geht. Aber sie sind sich nicht ganz sicher, ob sie nicht übertreibt, und es paßt ihnen nicht, es geht aufs Wochenende, alle haben etwas vor, sie hätten den Tod, meinen, gern als Überraschung, und wieso ausgerechnet jetzt. Nicht schlecht, daß die gekommen ist, wie sie auf sie reagieren, die Überbringerin der schlechten Nachricht, Sympathien bringt das nie, aber mir erspart das den üblichen Vorwurf. Ganz abgesehen davon, daß ich ja alt genug zum Sterben bin und in diesem Pflegeheim gut versorgt. Es wäre tatsächlich nicht nötig, hier an diesem Bett zu sitzen. Nur weil die dort sitzt und nur dazu gekommen ist, fühlen sich jetzt die anderen auch dazu verpflichtet, Konkurrenz, wie üblich, und schlechtes Gewissen. Sollen sie ruhig, ich habe nichts von all dem verlangt, und die dort trifft nicht zu Unrecht ein Vorwurf: sitzt da und hat akzeptiert, daß ich sterbe, zumindest beginnt sie zu akzeptieren, und ist das nicht, als wünsche sie sich meinen Tod?

Verzwickt ist das alles und gleichgültig doch auch, und wenn ich jetzt nicht bald sterbe, dann ist es eine lächerliche Übertreibung, an diesem Bett zu sitzen. Wieviel Zeit geben sie mir? Anne übertreibt mal wieder, werden alle denken, wenn ich nicht schnell genug sterbe, sie übertreibt und kommt ganz nach ihrer Großmutter, nach mir. Auch das ist zum Lachen, den Vorwurf kennt die dort, von klein auf, nach der Großmutter zu kommen, nach mir, das war das Letzte, auch für sie, obwohl sie, unter allen Enkeln die Älteste, mich gut kannte, vielleicht sogar ein bißchen verstand, viel Zeit mit mir verbrachte von klein auf, und in den letzten Jahren immer der Anruf am Sonntag, wo ich ihr sagte, daß ich nicht mehr will.

Warum kommt heute niemand ins Zimmer, um sauberzumachen, das Badezimmer, die nicht eingenommenen Medikamente auf dem Tisch? Ich lohne wohl die vormittägliche Geschäftigkeit nicht mehr, sie sparen dieses Zimmer aus, überlassen mich dem Dreck. Längst wär es Zeit, mich zu waschen, die Bettwäsche zu wechseln, das Nachthemd. Das ist der Beweis, die Leute hier sind Profis, sie kennen sich aus, sie haben mich abgeschrieben. Ja, es ist ein Beweis, aber Bosheit nicht unbedingt, Aufräumen und Waschen und Umziehen sind nicht mehr notwendig, es wäre nur noch überflüssige Anstrengung für mich, es kommt jetzt nicht mehr auf ein frisches Nachthemd an. Ich werde sterben. Das ist meine Zukunft, ich weiß, eine andere habe ich nicht mehr. Aber vielleicht sterbe ich auch nicht, nicht heute, und dann … Ob es nach Lachen aussieht, wie sich jetzt meine Lippen verziehen? Es ist komisch, aber gerade diese Vernachlässigung hier ist der Beweis auch fürs Gegenteil. Ich bin stärker als die Heimordnung, sie haben begriffen, so kommen sie mir nicht bei. Schmutz und Unordnung hier sind von mir, ich habe sie produziert und produziere sie weiter, wie diese Flüssigkeit, meinen Schweiß, und genau genommen sieht es langsam so aus, als wär ich hier in der Fremde bei mir.

Ella wacht auf, dehnt sich, schaut auf die Uhr. Sie fühlt sich hier wie zu Hause, mehr noch als ich, was nicht erstaunlich ist, denn sie hat das Zimmer hier mit meinen Sachen ausstaffiert, vor zwei Wochen erst, als alle sagten, das geht nicht so weiter, sie muß ins Heim. Das Kruzifix, die Halbreliefs von Mutter und Sohn, auf der Wand gegenüber die Familienfotos, sobald ich die Augen aufkriege. Glauben die wirklich, mir liegt daran so viel? Dann noch der gewaltige Fernsehapparat, das billige Tischchen, auf dem er in der Ecke steht, der Fernsehsessel, einige Nippes, an der Wand meine nicht funktionierende Uhr. Alle anderen Möbel sind Eigentum des Pflegeheims, Tisch, zwei Stühle, Schrank, Schränkchen und Bett, helles Holz.

So spät schon, sagt Ella. Noch nicht richtig wach, überprüft sie, ob die Beine richtig liegen, meine Beine, Oma, ich gehe jetzt, sagt sie dabei laut, ich komme später wieder.  

Anne zeigt ihre Mißbilligung, aber ich weiß schon, sie hat nur Angst vor der Untätigkeit hier an meinem Bett, auch sie wird das nicht aushalten können, sobald ihre Schwester weg ist, weiß sie sich auch nicht anders zu helfen als die. Ella nimmt mir den Rosenkranz weg, verstaut ihn in der Schublade. Ich müßte mal schnell, erklärt sie, nach den Kindern sehen und überhaupt. Hier ist jetzt ja alles ruhig. Sie scheint vergessen zu haben, daß sie vor einer Stunde noch das unverzügliche Erscheinen meiner Kinder für erforderlich hielt, sie geht.

Ich riskier es und öffne die Augen, bin gespannt, was jetzt gleich geschieht. Nichts. Anne sitzt noch immer auf dem Stuhl am Fenster, begreift sie die veränderte Situation? Nein, also muß ich was tun, immer ich, selbst jetzt, wozu hockt die denn da? Nach einer heftigen Kopfbewegung, woher ich die Kraft dazu überhaupt hab, ragen die Düsen der Sauerstoff transportierenden Schläuche ins Leere. Sofort ist sie bei mir, jetzt traut sie sich auch, das Beispiel ihrer Schwester, die übliche Konkurrenz vielleicht, sie bringt die Düsen an ihren Platz unter den Nasenlöchern. Nein, nicht du auch, von dir will ich das nicht, diesmal muß ich mich wehren, bitte, Oma, was tust du, sagt sie, und so ähnlich frag ich mich auch, warum schlägst du um dich, das wüßte ich auch gern, die Hand vor der Nase ist meine Hand, hart, die Hand wehrt sich gegen die Schläuche, was bloß tut mir so weh? Anne kämpft gegen Tränen, hast du Schmerzen, Oma?

Was soll ich da sagen, Schmerzen schon, aber wo, warum, ich werde weniger, zerrinne, überall reißt sich was los von mir, sind das Schmerzen, Anne tut mir leid, und so schüttle ich den Kopf, die Sauerstoffdüsen aber lasse ich nicht zu. Ich spüre, was sie denkt, sie will nicht, begreift sie, das ist eindeutig, was mache ich jetzt? Muß ich das respektieren? Sie begreift und kapiert doch nicht, warum hält sie sich so an diesen Sauerstoffdüsen fest? Der Arzt sagte, der Sauerstoff wird mich nicht retten, aber es mir etwas leichter machen.

Ohne den Sauerstoff würde sie ersticken?

Nicht so direkt. Mit oder ohne Schlauch, früher oder später werden alle ihre Organe aussetzen, Unterversorgung mit Sauerstoff so oder so, die Niere zuerst.

Gern würde ich Anne sagen, daß ich schon gerettet sein will. Aber nicht so.

Ich will nicht mehr, sagt es dann laut und deutlich, und erst in Annes Blick hör ich, das war ich.

Ich weiß, antwortet Anne, schluckt etwas Hartes hinunter, du mußt ja auch nicht mehr, aber mit dem Sauerstoff wird es leichter sein.

Sie unternimmt einen neuen Versuch, ich wehre ihn erfolgreich ab. Warum macht sie das bei mir und nicht bei Ella, denkt sie verbittert, verbirgt mir nicht ihren Neid und schämt sich ihrer Eifersucht. Ratlos sitzt sie da, die beiden Schläuche mit den Düsen in der Hand. Ihre Schwester, so viel ist klar, würde es schaffen, wenn nötig mit sanfter, professioneller Gewalt. Doch was schert mich das, ich krieg keine Luft, wo hat sich mein Atem versteckt, warum hilft mir denn keiner, es klopft.

Die Pflegedienstleiterin kümmert sich persönlich um mich, obwohl das gewiß nicht zu ihren Pflichten gehört. Das Heim ist noch neu, im unteren Stock werkeln Handwerker, wenn ich bald sterbe, bin ich hier der erste Todesfall. Damit komme ich zu einiger Bedeutung, mach ich doch allen klar, daß man genau und nur deshalb hierherkommt, zum Sterben. Ich kam nicht freiwillig vor zwei Wochen. Geschwächt war ich durch die Lungenentzündung, da übernahm Ella das Kommando, ich weiß, sie meint es gut und muß bedenken, wie sie meine Pflegebedürftigkeit mit den Ansprüchen ihrer Familie vereint, aber recht war es mir nicht. Ich ging mit meinem Stock auf alle und alles los, ich wollte nicht hierher. Trotzdem scheint die Pflegedientsleiterin mich zu mögen, vielleicht ja verständlich angesichts der Apathie der meisten hier, jetzt tritt sie an mein Bett, sagt laut meinen Namen, nimmt meine Hand, streichelt mir über die Stirn. Ich bringe die Düse wieder an ihren Platz, sagt sie, und ich zeige keinen Widerstand. Ich lächle sogar, gemurmelte Worte kriechen aus meinem Mund. Kann ich denn sonst noch etwas für Sie tun, fragt sie. Ich wüßte nicht was, doch das Murmeln verstärkt sich, sie setzt sich auf den Bettrand, hört aufmerksam zu. Dann versteht sie, sie lächelt und spricht laut mit: Gegrüßet seist du, Maria, du bist gebenedeit unter den Frauen.

Anne ist verblüfft, denn das Pflegeheim wird von der Diakonie geführt, die Pflegedienstleiterin wird kaum katholisch sein. Timm steht auf dem Schildchen an ihrem weißen Kittel, Frau Timm also. Der Sauerstoff gelangt in die Nase, die Timm und ich sind im Ave Maria vereint, meine Enkelin ist angewidert, neidisch, beschämt. Und froh, daß ihr das abgenommen wird.

Frau Timm fühlt den Puls, er ist nicht mehr so flach wie am Morgen, widerspricht der ärztlichen Prognose, erstaunt schüttelt sie den Kopf, teilt auch Anne ihr Erstaunen mit, durch einen Blick, nach dem diese sich akzeptiert fühlt. In den Augen der Pflegedienstleiterin stehen Tränen, die sie nicht vor mir verbirgt. Wenn das jetzt so ist, wendet sie sich wieder an mich, vielleicht doch die Fleischbrühe zum Mittagessen?

Ja, sage ich, Frau Timm geht.

Sie hat selbst nicht dran geglaubt, daß ich diese Fleischbrühe noch esse, die Heuchlerin, aber plötzlich mag ich sie doch. Und da jetzt gleich mit dem Sterben wohl doch nicht zu rechnen ist, bleib ich in der Rückenlage Leichenlage, sehr gerade lieg ich im Bett, meine Augen halten sich offen. Ich weiß, daß meine Enkelin keinen Blick von mir wendet, ich erwidere ihn nicht. Lieber wäre mir, sie säße da nicht, dann wäre die Lage eindeutiger. Was mache ich nun mit meinem Groll? Auf sie werfe ich ihn, sie ist selbst schuld, warum ist sie gekommen. Ich sterbe, wenn nicht jetzt gleich, dann halt später, und nur die ist da. Wo sind meine Kinder? Was habe ich denen getan, daß sie nicht einmal jetzt. Aufgeopfert habe ich mich, und das ist nun der Dank. Die einzige, die kommt, ist aus der Reihe geschlagen. Für die ist das leicht, die hat keine Familie. Und aus der Kirche ist sie auch ausgetreten.

Ein Skandal, aber komisch ist es auch, ich möchte lachen, aber bestimmt verzerrt jetzt bloß eine Grimasse mein Gesicht, zu einem Grinsen reicht es nicht. Das paßt der bestimmt nicht, wie ich hier bete, und daß sogar Fremde, Evangelische den Text können. Was drückt mir da so auf die Lunge, ich will das nicht, presse es raus, ein Hüsteln, aber vielleicht hab ich es doch als Kichern gemeint, die Enkelin ist rasch zur Stelle. Diesmal erwidere ich ihren Blick, hoffentlich sieht sie den Triumph darin.

Hast du Durst, Oma?

Durst hab ich jetzt immer, ich nicke, Anne weiß inzwischen, wo sich der Knopf befindet, mit dem sich der Kopfteil des Betts in die Höhe verstellen läßt. Beruhigend, wie sie Teil der vorgegebenen Routine wird, alles richtig macht, das Bett höherstellt, mir das Tuch auf die Brust legt, das Glas in die Hand drückt, den Kopf hält. Ich trinke und spucke sofort alles aus, pfui Teufel, was erlaubt die sich, nein, die kapiert nie!

Aber das ist doch nur Mineralwasser, sagt sie bestürzt.

Eben, das schmeckt nach gar nichts.

Sie begreift langsam, aber nun wohl doch, daß zum Sterben auch wahlweise Orangensaft, Traubensaft oder selbst eingekochter Holundersaft passen, alles, nur süß muß es sein. Wie gut sich das im Mund anfühlt, in der Kehle, obwohl es anders schmeckt als sonst, sich weniger mit mir verbindet, Saft bleibt das, fremd, süß, ich schlürfe, bin gierig, aber es ist wichtig, das Glas selbst zu halten und nichts zu verschütten. Wenn ich könnte, würde ich jetzt wirklich gern kichern – die da hat bestimmt nicht daran gedacht, Medikamente im Saft aufzulösen, ihrer Schwester wäre das nicht passiert. Ein Lächeln, das Anne schon wieder Feuchtes in die Augen treibt. Was soll diese Rührseligkeit, die wird schon noch begreifen –

Raus, sofort raus! Wieso ist die Bettdecke schwer wie ein Brett, und wieso sind schon wieder die Düsen in meinen Nasenlöchern, weg mit dem Zeug, schnell, aber ich muß die Ratlosigkeit dieser Enkelin überwinden, allein schaff ich das nie.

Aber wohin möchtest du denn?

Raus, ganz schnell!

Aber wieso denn, wohin?

Weil der Kopfteil der Matratze noch hochgestellt ist, gelingt es mir, mich aufzusetzen. Meine Worte kommen nicht so aus dem Mund, wie ich möchte, sind unverständlich, aber hört sie nicht, daß es trotzdem ein Befehl ist, erkennt sie ihn nicht in meinem Blick, dann überkommt mich Verzweiflung, und endlich begreift sie.

Mußt du aufs Klo?

Ja, schnell!

Das Bedürfnis ist dringend, genauso groß meine Schadenfreude über die Hilflosigkeit, die mein banaler Wunsch auslöst. Ihre Schwester könnte das besser, nein, so klappt das nie. Es dauert endlos, bis sie begreift, die Beine, meine, mit beiden Händen umfaßt, auf die Erde stellt. Und jetzt? Merkt sie nicht, daß ich allein nicht aufstehen kann?

Leg beide Arme um mich, Oma, und dann –

Ich würde es ja tun, aber meine Arme sind ausgerechnet jetzt so schwer, ich schaffe das nie, na endlich.

Sie nimmt diese Arme, legt sie sich um den Nacken, festhalten, Oma, und jetzt –

Wir stehen, das wurde auch Zeit, sieben Schritte ins Bad, zum Klo, ich schaffe das schon, solange sie mich hält, jetzt aber schnell.

Du mußt mir das Hemd schon hochziehen, ich kann das nicht, muß mich festhalten, an dir oder dem Gestänge rechts und links, nun mach schon! Der Fußboden ist kalt, die hat wirklich keine Ahnung, nicht mal die Schuhe hat sie mir angezogen, geht man so mit jemand um, der eine Lungenentzündung hinter sich hat? Das kommt dabei raus, wenn eine nichts falsch machen will, alles macht sie falsch! Und jetzt hört sie auf das Wasser, das aus mir rausläuft, als wäre es ein Wunder. Du hörst ganz richtig, es läuft noch, die Niere tut noch, was sie soll, auch Ärzte wissen nicht alles. Eine Wohltat, wer hätte das gedacht. Das Plätschern hört auf. Stille.

Bist du fertig, Oma?

Ich schüttle den Kopf. Erst geschieht nichts, dann furze ich, ja, das tut gut, auch wenn es der peinlich ist.

Bist du fertig, Oma?

Wieder muß ich den Kopf schütteln, wozu die Eile, wenn ich schon mal hier bin, wer weiß, wie lange ich den Weg vom Bett zum Klo noch schaffe, und das Bett wartet sowieso auf mich, daran führt kein Weg vorbei. Oder doch? Ich könnte auf dem Klo sitzen bleiben, hier sterben und allen die feierliche Stimmung verderben.

Schon wieder weiß sie nicht, was sie tun soll, ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester. Hintern abwischen, das dürfte doch klar sein.

Oma, stehst du jetzt bitte auf? Leg deine Arme wieder um meinen Hals.

Sie lernt, zugegeben. Den feuchten Lappen hält sie schon bereit, hoffentlich vergißt sie über ihrer Höflichkeit nicht, endlich zur Sache zu kommen. Aber schnell, verdammt noch mal, meine Beine sacken mir gleich weg. Wie unangenehm diese Fliesen unter den nackten Füßen sind, zu Hause war das gestampfter Lehm.

Gestampfter Lehm, bei Regen glitschig, das Klohäuschen stand im Hof, neben dem Stall mit dem einen Schwein, der Kuh, die uns nicht gehörten. Gestampfter Lehm, staubig und rissig im Sommer, staubig auch die Luft, wenn der Mais geschält wurde, man konnte kaum atmen, die trockenen Hülsen zerschnitten die Hände. Die Disteln auf dem Kartoffelacker rissen die Füße blutig, nach einer Stunde Hacken spürte man den schmerzenden Rücken nicht mehr.

Sie hält mich nicht schlecht, vielleicht sogar zärtlich, aber davon verstehe ich nichts, und vielleicht ist sie ja nur schüchtern, und jetzt, endlich, das Bett.

Bleib bitte noch einen Moment sitzen, Oma, ich schüttle die Kissen auf.

Ihre Schwester hätte das besser gemacht, rechtzeitig, während ich auf dem Klo bin. Und sie alle tun das sowieso nur ihretwegen, bestimmt verschafft ihnen das frisch gemachte Bett ein gutes Gefühl, sieht bestimmt auch besser aus, aber ich, was habe ich denn davon. Ich liege hier zum Sterben, und da liegt man so oder so schlecht, und außerdem hat sie vergessen, mir den Hintern einzucremen.

Ich kann nicht mehr, was zieht da so schwer, Knochen und Fleischiges, mein Körper, das plumpst einfach zurück, ich bin machtlos dagegen, kann mich nicht halten, und überhaupt ist nur die daran schuld, wie lange dauert es noch, bis das Bett gemacht ist. Schräg und krumm bedecke ich jetzt das Bett, Materie, die von irgendwo irgendwohin gefallen ist, bequem kann das nicht sein, ist es auch nicht.

Oma, so geht das nicht, so liegst du nicht gut.

Sie ist ratlos, dann kniet sie sich über mich, ein Bein links, eins rechts von diesem schweren Körper. Sie greift mir unter die Arme, ich bin schwer, aber dann liegt der Kopf da, wo er hingehört. Nun noch der Rumpf, die Beine, und dann –

So schwungvoll, daß ich mich damit selbst überrasche, drehe ich mich auf die Seite, zur Wand, ich liege nicht gern auf dem Rücken, so liegen nur Leichen, und noch bin ich keine.

Ich versteh dich ja, aber die Schläuche. Wie kriege ich jetzt die Düsen unter deine Nase? Schon wieder weiß Anne nicht, was zu tun ist, ersatzweise fühlt sie mir den Puls. Er rast, galoppiert, setzt aus und pocht dann woanders auf dem Handgelenk weiter. Mir reicht’s, wie ging das noch, ich beginne zu hecheln, nein, Oma, nicht schon wieder, so versetzt du dich in Trance, und dafür reicht dir die Luft nicht.

Eine Pflegerin öffnet die Tür, wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid.

Ja, natürlich, Anne nestelt an den Plastikschläuchen und findet eine Möglichkeit, die Düsen unter die zur Seite gewandte Nase zu schieben.

Sobald ich auf der Seite lieg, zusammengekrümmt, schrumpft diese Ansammlung von Fleisch und Knochen, die mein Körper sein soll, zusammen, etwas winzig Kleines, Runzliges wird daraus, jetzt fragt sie sich, was aus der majestätischen Masse der Rückenlage geworden ist. Ich atme, als müßte ich Luft sparen, nur leicht obenhin, aber regelmäßig, schlafe ich oder gebe ich mir und ihr nur den Anschein. Es ist mir gleichgültig, daß ich beobachtet werde, und da es ihr wichtig zu sein scheint, akzeptiere ich ihre Hand anstelle eines Papiertuchs. Meine Hand knetet die andere Hand, verkrallt sich darin, willst du mir etwas sagen, Oma?

Hat sie mich etwas gefragt, will meine Hand was von der anderen, will ich etwas von ihr? Weiß nicht, will es nicht wissen, vielleicht ist der Druck meiner Hand nur ein Reflex, wie bei Säuglingen.

Ich gebe ihr keine Antwort, sie läßt mir ihre Hand, sie sitzt bestimmt unbequem, irgendwann steht sie auf. Ihr fällt jetzt ein, daß ihre Schwester nicht gesagt hat, wann sie wiederkommen wird, und die Mutter, wie lange braucht die zum Kochen, lassen die sie hier etwa allein? Jetzt geht es ihr wie mir, sie hat das Gefühl für die Zeit verloren, wie beschwörend sie auf die Uhr an der Wand schaut, die Uhr steht, wieso haben sie die Uhr aufgehängt, wenn sie nicht funktioniert, und warum hat sich abgewöhnt, Uhren zu tragen, wie lange wird das hier dauern?

Ja, das wüßte ich auch gern.

Es ist dämmrig im Zimmer, aber die Rollos halten die Hitze nicht ab, die Grillen draußen sind in Hochform, und jetzt läuten Glocken, Mittag also. Sie ist seit vier Stunden hier, länger nicht, und ist sie nicht deshalb gekommen?

Eine Pflegerin bringt die Fleischbrühe, begrüßt mich, ich glaube kaum, sagt Anne, daß das jetzt der richtige Moment ist, sie schläft oder so ähnlich.

Ich und schlafen, schön wär’s, ich schlage prompt die Augen auf, verfolge die Vorbereitungen der Pflegerin. Willig lasse ich mich auf den Rücken drehen, dann der Knopfdruck, der Oberkörper wird in die Senkrechte befördert, ein Handtuch auf die Brust, es kann losgehen. Doch da bemerke ich den Blick der Pflegerin auf die Medikamente, erwägt sie etwa, die in die Brühe zu mischen, ich presse die Lippen aufeinander, damit sie es gar nicht erst probiert.

Na gut, dann lassen wir die Medizin weg, gibt die Pflegerin nach und reicht mir die Schnabeltasse.

Ist die nicht bei Trost? Ich und eine Schnabeltasse, nie und nimmer nehm ich so was in die Hand, und wenn sie mich dazu zwingt, werf ich ihr das Ding an den Kopf.

Ich weiß, sagt die Pflegerin, Sie sind das nicht gewöhnt, aber probieren Sie doch mal, mit der Schnabeltasse geht es leichter.

Ich presse die Lippen aufeinander, die Augen zu.

Ja dann, sagt die Pflegerin, warten wir eben, die Brühe ist sowieso noch viel zu heiß.

Und nicht fett genug wird sie sein, ergänze ich bei mir und geb mir Mühe, daß mein Gesicht sich in angewiderte Falten legt, eine Fleischbrühe ohne Fett, wozu soll die gut sein.

Es klopft, Frau Timm, so geht das natürlich nicht, sagt sie, zu mir gewandt dann, entschuldigen Sie, natürlich brauchen Sie keine Schnabeltasse.

Entwarnung und Triumph, ich entspanne die Lippen, öffne die Augen, lächle Frau Timm an. Die schüttet die Brühe in eine normale Tasse, setzt sich aufs Bett, so, möchten Sie jetzt vielleicht? Tut mir leid, aber ich mag jetzt wirklich keine Brühe, und hätte ich sie selber gekocht, nein, ich schüttle den Kopf, entschieden, so freundlich ich kann. Dann lassen wir es. Aber vielleicht etwas zu trinken? Frau Timm streicht mir die Haare aus der Stirn, ich nicke. Ich habe vielleicht gar keinen Durst, aber die möchte so gern was für mich tun, wie könnte ich da. Ich schau zu, wie Frau Timm Medikamente in Orangensaft auflöst, aber jetzt hab ich damit angefangen, ich bleib dabei, tu ihr den Gefallen, trinke. Dann lasse ich mich ordnungsgemäß betten, Frau Timm bekommt ein Lächeln, und dann wieder der Singsang, ja, er kommt wirklich aus mir. Diesmal ist es das Vaterunser, meine Enkelin steht stocksteif in der Ecke, Frau Timm betet laut mit, streichelt mir die Wange, bevor sie geht.

Wieder allein mit Anne, beobachte ich sie durch geschlossene Augen. Warum ich das tu, fragt sie sich jetzt, sie empfindet die Murmelgebete als peinliche Provokation, sie ist sich sicher, daß ich das weiß, und sie schämt sich für den Gedanken, daß es mir womöglich genau darauf ankommt.

Es klopft schon wieder, eine Pflegerin, hier, belegte Brote, Sie sollten auch etwas essen, sagt sie zu Anne, und wenn Sie möchten, in der Küche gibt es frischen Kaffee.

Anne nickt und dankt, kann sie jetzt etwas essen? Wahrscheinlich stellt sie sich vor, wie es wäre, wenn ich sterbe, während sie von dem Käsebrot abbeißt. Sie gibt sich Mühe, doch es ist nicht zu begreifen, es kann wirklich jederzeit geschehen, gleichgültig, was sie gerade tut. Also was tun während des Wartens darauf, daß ich krepier? Essen wär doch gar nicht so schlecht.

Ich lasse sie nicht aus den Augen, sie denkt, ich schlafe, doch mir entgeht nichts. Die Zeitung im Auto fällt ihr jetzt vielleicht ein, sie liegt dort seit gestern, sie hat sie noch nicht gelesen. Ein prüfender Blick auf mich, ich gebe mich friedlich, röchle ganz gleichmäßig, ja, ein paar Minuten raus, runter auf die Straße, nicht nur wegen der Zeitung. Vielleicht ja vor allem um nachzusehen, ob die Welt noch vorhanden ist.

Ja, schau nach, die Welt ist vorhanden wie immer, das Heim steht am Dorfrand, Obstbäume und Wiesen, warum nicht ein paar Schritte, nichts hat jetzt Eile, und wenn sie ein bißchen geht, vielleicht begreift sie dann, was hier geschieht. Aber was, wenn ausgerechnet jetzt –

Ich fühle mich nicht schlecht allein, stelle ich fest, draußen die anderen Alten essen jetzt alle und schweigen, doch da ist Anne schon wieder, ich erkenne ihren Schritt vor der Tür, sie zögert, drückt nicht die Klinke, sie lauscht, was erwartet sie, bestimmt hat sie schweißnasse Hände, sie drückt noch immer nicht die Klinke, was mag darin geschehen sein, fragt sie sich jetzt.

Die Düsen kleben ordnungsgemäß unter der Nase, ich blinzle, signalisiere Lebendigkeit.

Ich bin es, Oma, ich war nur kurz unten, und jetzt steigt etwas hoch in mir. Atemnot, Panik, ich will das nicht, schlage um mich, wimmere, weine, doch das bäumt sich auf, zerrt an mir, quetscht mich.

Ich bin da, Oma, Anne rückt den Stuhl dicht ans Bett, parallel dazu, sie hat jetzt verstanden, daß das dauern kann, und es ist besser, sie sitzt dabei bequem. Hast du Schmerzen?

Ich schüttle den Kopf, weine und murmle, sie versteht es nicht, legt ihren Kopf neben meinen, legt einen Arm um mich, sie weint jetzt auch. Und dann versteht sie, was da aus mir rauskommt, hilf mir, Mutter, was geschieht denn mit mir?

Sie begreift, daß nicht die mit der Leidensmiene über dem Bett gemeint ist, sie ist nicht meine Mutter, Anne umschlingt mich sanft, unsere Stirnen berühren sich, meine ist schweißnaß. Sie beginnt mich zu schaukeln, sucht fieberhaft nach dem Text eines Liedes, ich komm ihr zuvor. Das Vaterunser schon wieder, sobald es mir auffällt, verheddere ich mich im Text, beginne erneut, komme nicht weiter. Das wiederholt sich zwei- und dreimal, dann gibt sie nach, ich setze, denkt sie grimmig und ergeben, wie immer meinen Willen durch, genau das tu ich, ja, und jetzt hört sie sich selbst das Vaterunser aufsagen, sie hat auch Probleme mit dem Text, erinnert sich nicht an die Reihenfolge der Beschwörungsformeln. Doch daran störe ich mich nicht, etwas in mir plappert ihr alles nach, ich nicke dabei mit dem Kopf, oder tut das der Kopf ganz allein, bei der dritten Wiederholung, es fällt uns beiden auf, stimmt der Text, da beruhigt sich etwas in mir.

Plötzlich steht Frau Timm vor dem Bett, Anne hat das Klopfen nicht gehört, sie fühlt sich ertappt, bei diesem Gebet, mit Oberkörper und Gesicht so dicht neben mir. Es gelingt ihr, die Scham zu verbergen, liegenzubleiben, die letzten Worte zu sprechen. Dann erst richtet sie sich auf, erwidert den Blick der Frau Timm, sieht die Tränen darin.

Aber zum Ave Maria bringst du mich nicht, denkt sie jetzt, als Frau Timm wieder geht und ich sie anschaue und nicht verberge, daß ich etwas erwarte von ihr. Ihr Gesicht verschließt sich, aber dennoch errate ich ihre Gedanken, ich sollte mir ein Beispiel an meiner Schwester nehmen, denkt sie, die Stellung der Beine überprüfen, den Puls, dabei gerät man nicht in solche Peinlichkeiten. Sie steht auf, setzt sich in den Fernsehsessel, nein, das ist schon der Sessel von Ella, Annes Platz ist auf dem Stuhl vor der Balkontür, in mir ist alles ruhig.

Eine Pflegerin öffnet leise die Tür, kommen Sie bitte, Telefon, Ihr Onkel.

Mein Jüngster wird das sein, weiß ich sofort, höchste Zeit, aber was er jetzt sagt, könnte er sich sparen. Wie steht es? hör ich ihn fragen.

Ich weiß nicht, sagt Anne dann.

Was sagt denn der Arzt?

Heute morgen gab er ihr kaum eine Stunde, aber jetzt –

Ich frage ja nur, weil. Was soll ich tun? Sollte ich kommen? Natürlich habe ich Termine, aber falls.

Ich weiß es nicht.

Notiere dir meine Telefonnummer, bis fünf bin ich im Büro, und danach.

Ja.

Und ruf mich an, wenn.

Ja.

Es ist zum Lachen, wie gut ich alle kenne, auch ihn. Natürlich hat er Termine, wie immer, aber es ist doch seine Frau, das hinterhältige Weib, sie hetzt ihn gegen mich auf und macht ein Männchen aus ihm, daß er das nicht merkt! Und wozu soll die Enkelin ihn anrufen, wenn es so weit ist, wozu dann noch. Glaubt der im Ernst, ich richte mich mit dem Abkratzen nach ihm und seinen Terminen. Bis er hier ist, das dauert eine Stunde, und eine Stunde ist ein gleichgültig endloses Zeitmaß unter diesen Umständen, für mich jedenfalls nicht von Belang.

Wieder hör ich die Schritte der Enkelin, wieder zögert sie vor der Tür, ob ihre Beine zittern, ob sie überlegt, daß sich vielleicht gleich jetzt erweisen wird, wie sinnlos das Telefongespräch war, vielleicht ist es ja jetzt schon geschehen.

Nichts ist geschehen. Ich wimmere, aber nur so, leise, und sehe ihr schlechtes Gewissen. Ich darf das nicht jedesmal denken, wirft sie sich vor, oder wünsche ich mir etwa ihren Tod? Aber ob sie ihn sich wünscht oder nicht, ist gleichgültig, es wird sowieso geschehen. Wenn es sowieso geschieht, besser bald, wozu die Quälerei, ich hätte ja gar nichts dagegen, wenn jetzt –

Man bringt Anne Kaffee, sie greift nach der Zeitung, eine für sie alltägliche Kombination, und alltäglich ist auch, daß jemand stirbt. Im besseren Fall ist jemand dabei, so wie jetzt sie an diesem Bett, was hier geschieht, ist so üblich wie Kaffee zur Zeitung. Aber sie tut nur so, ich seh es ihr an, als sei das normal, sie versteht nicht, was sie liest, nur, daß es hier und jetzt keine Rolle spielt. Der Gedanke läßt sie nicht los, sie wartet auf meinen Tod, und das ist nicht obszön. Ihr Blick schweift ab, bleibt an den Medikamenten hängen, und vielleicht nimmt sie sich vor, heute abend den Arzt zu fragen, wozu diese Medikamente, verlängern sie nicht nur sinnlos. Heute abend, schon wieder eine fragwürdige Kategorie, so seltsam, wie es heute morgen dieser Mittag war. Ich lebe noch immer.

Anne sitzt da und tut gar nichts, betrachtet mich, die Familienfotos an der Wand. Gelegentlich feuchtet sie den Lappen an, wischt mir den Schweiß von der Stirn. Dann setzt sie sich wieder und stellt fest, ich sehe die Verwunderung auf ihrem Gesicht, daß das möglich ist, nur dasitzen, ohne irgend etwas zu tun. Sie denkt nicht einmal an etwas, jeder Gedanke hat seine Tücken, wirbelt zu leicht Gefühle auf, die unangenehm und bestimmt nicht zulässig sind an diesem Bett, und ist es nicht so, daß ich alles spüre? Seit sie so ruhig und gedankenlos dasitzt, bin ich ebenfalls ruhig, lebe ich denn nicht mehr aus eigener Kraft? Zeit vergeht, aber hier kümmert sich niemand darum, Zeit vergeht immer ganz von allein, sonst merkt es nur keiner. Von mir aus könnte das noch lange so gehen.

Später preßt mich wieder was zusammen, was anderes dehnt mich, einige Körperteile beginnen zu zappeln. Ich habe Fieber, ich glühe, wimmere, krümme mich, will mich verkriechen, und irgendwann habe ich sie so weit, sie hilft mir, die Hände zu falten, ich höre, wie sie nach den Worten sucht, sie durcheinanderbringt, aber immerhin, es ist das Ave Maria. Ja, du hast gewonnen, denkt sie dabei, ihr Blick eine Mischung aus Zorn und Ergebenheit, aber es spielt keine Rolle, diese Worte oder andere, wenn du nur wieder ruhig wirst, Oma, deine Kraft nicht unnötig verbrauchst, du brauchst sie für anderes. Woher weiß sie das? Ich dachte immer, sterben geht von ganz allein.

Die Tür geht auf, energisch, sie verstummt augenblicklich, setzt sich hastig auf, Ella stellt fest, daß sie nicht zu spät kommt.

Ist sie die ganze Zeit so ruhig?

Nein, das wechselt.

Ist sie noch immer nicht da?

Wer.

Unsere Mutter. Sie ist ja klitschnaß, hier, das ist für dich. Sie stellt die belegten Brote auf den Tisch, neben den anderen Teller, sie begrüßt mich, ich wechsle jetzt dein Nachthemd, Oma, dann fühlst du dich besser.

Neues Leben im Sterbezimmer. Auf dem Tisch Picknickatmosphäre, an mir wird gearbeitet, jeder Handgriff sitzt. Ich wasche dich gleich noch ab, und dann fühlst du dich.

Ich wimmere, sehe ein, daß Widerstand zwecklos ist, ich spüre, sie ärgert sich, wirft mir Undank vor, aber nur leise, warum geb ich mich störrischer als ein Kind?

Anne dort auf dem Stuhl fühlt sich kritisiert, ihre Schwester denkt, das hätte längst geschehen müssen, aber sie war wieder einmal unfähig.

Doch Ella äußert keine Kritik, sie weiß, daß man das können muß, daß nicht jeder das kann, sie aber, und dazu ist sie doch da und jetzt ganz in ihrem Element. Gibst du mir ein frisches Nachthemd? Es liegt im Schrank.

Beflissen ist Anne zur Stelle, sie kommt sich überflüssig vor, aber vielleicht ist es ja auch dieses Nachthemd, wozu quälen sie mich jetzt noch damit.

Ella dreht und wendet und rollt mich, ein klumpiges Stück Fleisch, ich bin mir peinlich.

Das strengt sie sehr an, gibt Anne zu bedenken.

Ja, ich bin gleich fertig. Wo bleibt unsere Mutter? Ruf sie noch einmal an.

Anne bewegt sich nicht von der Stelle, verweigert Gehorsam, widerspricht. Wozu dieser Anruf, wenn sie nicht kommen will. Ella gibt mir mit verbissener Miene zu trinken, Traubensaft mit Medizin, ich widersetze mich nicht. Dann setzt sich Ella, erzählt von ihren Kindern und lacht, aber immerhin, auf dem Anruf besteht sie nicht mehr. Ist der Kaffee hier frisch?

Ja, aber ein Espresso wäre mir jetzt lieber.

Hier, die Schlüssel, geh doch zu mir und mach dir Espresso, ich bin jetzt doch hier.

Anne kann sich lang nicht entschließen, hat die Welt draußen nicht längst ihre Bedeutung verloren, und was, wenn gerade dann? Doch die Geschäftigkeit ihrer Schwester schließt diese Möglichkeit aus, sie tritt an mein Bett, streichelt mein Gesicht, ich gehe jetzt, Oma, bald komme ich zurück.

2

Das kann dauern, wird ihr auf dem Weg zum Auto klar, und wenn sie bei mir bleiben will, bis – muß sie es durchstehen, möglichst ohne Übertreibung. Muß also essen und schlafen, sie will begreifen, was hier geschieht, also keine durch physische Erschöpfung provozierte Ekstase. Ich werde sterben, ein alltäglicher Vorgang, und so sollte auch sie – die Familie wird, je mehr sie es begreift, für Hysterie schon sorgen, alles, um nicht zu verstehen. Sie untersagt sich diesen Hochmut, zweifelt, ob sie selbst denn verstehe, das Dorf ist in der Hitze verstummt, das Haus der Schwester nicht weit, und dort dann Espresso. Er schmeckt nicht, schon gar nicht wie erwartet. Es ist noch nicht einmal drei. Noch ein Espresso, dazu ein Schnaps, das ändert gar nichts. Ein Geräusch auf der Terrasse, das Meerschweinchen in seinem Käfig hat kein Wasser, nichts zu essen. Typisch, denkt sie, Ella kümmert sich wie immer lieber dort, wo es andere auch bemerken, während hier das arme Tier.

Welchen Haß sie auf das kleinste Detail verwendet, sie stellt es fest, im Widerspruch zur Heftigkeit des Gefühls ganz sachlich, sogar ohne Selbstvorwurf, sie füllt den Behälter mit Wasser, findet auch Salatblätter für das ihr unangenehme Tier, sie weiß nicht, was sie tun soll, auf andere Weise als dort am Bett, also fährt sie zurück, wieso eigentlich, für die paar Schritte braucht man kein Auto, aber hier auf dem Land machen das alle so, ihre Schwester hätte sicher kein Verständnis für einen Spaziergang. Das Dorf brütet noch immer stumm.

Komm mit, schau hin, faß an, das ist ein Kind, es ist tot, sagte die Großmutter. Sie lächelte mit halboffenem Mund, in ihren Augen ein verschleiertes Glitzern, mit unnachgiebiger Hand schob sie Anne zum Sarg, drückte ihr die Hand auf die Leiche. Ist es kalt, fragte die Großmutter, das Mädchen nickte. Ist es fest, drück doch fester, drängte die Großmutter, Anne konnte nicht, weinte, sei nicht dumm, es ist doch tot, was befürchtest du da?

Komm mit, sagte die Großmutter, und dann schau zu, das sind Karnickel, so machen sie Junge, das zarte Fleisch wird uns schmecken, aber schau nur, sie schämen sich nicht, die Großmutter preßte das Mädchen an sich, glasig ihr Blick, schau hin, das sind Tiere, du weißt, was sie tun, aber in die Augen sehen sie sich dabei nicht. Jetzt reicht es, beschloß sie plötzlich, ihre Lippen dünn wie ein Strich, riß sie die Käfigtür auf, packte das rammelnde Männchen, zerrte es von der erstarrten Häsin, die hoppelte beiseite, der Rammler stieß seine Zuckungen in die Luft.

Schau hin, lauf nicht weg, sagte die Großmutter, hab keine Angst, sieh ihn dir an, den Onkel Joachim, ist er nicht groß, mein Kleiner? Die Großmutter stand unter der Tür zum Badezimmer, das kleine Mädchen im Klammergriff, drin wusch sich ihr Jüngster, der Sohn, der Onkel, er tat, als bemerkte er keinen, und groß und größer wurde, was seine Hände rieben. Das ist Sünde, flüsterte die Großmutter und wandte kein Auge von ihm, er wird beichten müssen, sieh nur, wie seine Hände das machen, ah, ist er groß, das kleine Mädchen zerquetschte sie fast zwischen den Schenkeln.

Geh mit dem Onkel Joachim, sei brav, tu, was er sagt, befahl die Großmutter, und später erzählst du mir, was er getan hat. Waren Frauen dabei, fragte sie später, nein, sagte das Mädchen, aber sie haben über Frauen und so gesprochen. Und dich dabei angesehen, fragte die Großmutter, das Mädchen nickte.

3

Kaum ist die eine weg, hör ich schon wieder Schritte, Zögern vor der Tür. Das geht hier zu wie in einem Taubenschlag. Wer wird es jetzt wohl sein? Na endlich, die hat sich wieder mal Zeit gelassen, inzwischen könnte ich längst. Meine Tochter spielt wie immer die große Dame, hat sich fein gemacht, makellose Maske, und jetzt steht sie da am Bett, mich faßt sie nicht an, ihr Gesicht ist verzerrt, angewidert, könnte es scheinen, aber ich kenn sie, es ist auch Hilflosigkeit. Was machst du denn für Sachen, sagt sie unnötig laut, und ich liege still und ordentlich auf dem Rücken, deine Medikamente mußt du schon nehmen, der Arzt weiß schließlich, was er tut. Sie verkrampft ihre Hände um die Handtasche, setz dich doch, sagt ihre Tochter vom Fernsehsessel aus, aber das könnte sie nie. Sie will hier nicht dazugehören.

Ich habe ihr den Tag verdorben, das ist doch was, und im Moment kommt sie gerade recht, ich fühle mich jetzt gar nicht so schlecht, bin gespannt, was sie nun tut.

Sie tut, was sie kann, sie steht dort stocksteif, sie beneidet ihre Tochter um die Gelassenheit im Fernsehsessel. Sie erzählt Ella, was es zu essen gab, und daß die Kinder. Nein, deine Kinder sind nicht das Problem, aber. Dein Vater, er dreht durch, ich kann nicht lange bleiben. Wir wollten heute im Garten, die Himbeeren, der Rasen, ich muß kochen.

Ich weiß, warum er durchdreht, dein Mann, nicht wegen der Himbeeren, auch der Garten ist es nicht. Kochen, ja, das kannst du, von mir hast du es gelernt, aber das andere, was man können muß für einen Mann, das lag dir nicht. Zu mir ist er deshalb gekommen, dein Mann, jetzt tut er so, als wär das nie geschehen, aber es geschah doch, obwohl ich das nicht wollte und mich geweht habe.Deshalb dreht er durch, wenn ich sterbe, stört ihn nichts mehr in seiner falschen Ruhe, aber Angst hat er doch, wer weiß schon, was passiert, wenn eine wie ich stirbt.

Ja, natürlich, sagt Ella, ich müßte eigentlich auch. Die Handwerker kommen, und ich habe noch nichts.

Eine kleine Entspannung tritt ein während dieses haushälterisch getarnten Gesprächs, ich höre es und ärgere mich, als wäre ich gar nicht da, als wäre ich schon nicht mehr da, haben die denn vergessen, weshalb sie hier sind?

Nein, ich habe niemand angerufen, sagt meine Tochter zu ihrer Tochter, ich wollte selbst erst einmal sehen, die arbeiten doch alle, haben zu tun, und die Lungenentzündung ist doch, wozu jetzt Wirbel machen.

Jetzt muß ich es schaffen, ein bißchen Kraft finden und schreien, ja, es klappt, ich werfe die Bettdecke von mir, mich selbst auf die Seite, den Kopf gegen die Wand. Mein Schrei hält nicht durch, wird ein Wimmern, ich gerate in Atemnot, die beiden verstummen, meine Tochter drückt sich in panischer Angst an die Wand. Aber die Jüngere ist zur Stelle, eisern und liebevoll zugleich, doch, das ist möglich, wir sollten eine Pflegerin, bringt die an der Wand fast tonlos hervor.

Quatsch, erwidert ihre Tochter, das ist nichts Besonderes, das schaffe ich schon. Ella ist mir dankbar für diesen Aufruhr, irgendwann muß ihre Mutter schließlich begreifen, und sie schreckt das nicht. Handgriffe, Rückenlage, die Schläuche, die Beine, möchtest du trinken?

Nein!, schrei ich, wehr mich, erkenne den verbissenen Zug um Ellas Mund, das werden wir doch sehen, die an der Wand wird noch blasser.

Mitten im Tumult klopft es, Anne und ihr Gespür für dramatische Momente, im Zimmer ist es inzwischen noch heißer, aber die Stimmung ist eisig und hektisch. Ich nütze einen Moment der Verwirrung, befreie mich aus dem harten Griff, werfe mich zu allem entschlossen auf die Seite, verkralle mich im Bettrand, ihr schafft das nicht.

Ich habe hier keine ruhige Minute, sagt meine Tochter zu Anne, euer Vater, die Kinder, ich müßte längst.

Ich beobachte Anne, jetzt schmeckt sie doch noch den Espresso im Mund, sie mustert die Mutter, die Schwester, mich. Ich bin wieder da, macht sie sich mir bemerkbar, ich liege als hilflos verworrenes Bündel, dann könnte ich ja eigentlich, erwidert ihre Schwester und stellt ihre Bemühungen ein. Ich bin jetzt ein wimmerndes Halbrund, bin wieder unwichtig geworden, ich lausche gespannt auf die Sprachlosigkeit meiner weiblichen Nachkommenschaft.

Ich werde die Nachthemden mitnehmen, zum Waschen, verkündet Ella und bereitet damit elegant ihren Aufbruch vor. Ihre Mutter signalisiert Einverständnis, natürlich, bei der Hitze trocknen sie rasch, ja, und ich werde dann auch bald. Geh du nur, du verlogenes Stück, zurück zu Himbeeren, Garten und deinem Mann, der dich und mich betrügt und auch sich selbst.

Bis heute Abend, mit frisch gewaschenen Nachthemden, Ella ist schon unter der Tür, schon draußen.

Hat ja keinen Sinn, wenn wir jetzt alle verrückt spielen, sagt meine Tochter zu ihrer älteren Tochter, sie löst sich von der Wand, findet Halt an der Handtasche. Wir wollten heute eigentlich im Garten, der Rasen, die Himbeeren. Bleibst du noch hier?

Sie erhält keine Antwort, nicht einmal einen Blick. Ich verstärke mein Wimmern.

Hat ja keinen Sinn, wenn wir hier zu zweit, ich werde also. Meine Tochter tritt etwas näher ans Bett, nicht zu dicht, und du, sagt sie laut, mach nicht solche Sachen! Nimm deine Medikamente und werde wieder gesund, hörst du?

Das verschlägt mir mein Wimmern.

Na siehst du, gibt sich meine Tochter erfreut, und morgen geht es dir wieder gut.

Mutter, bitte, laß das, sagt ihre Tochter. Ihr geht es morgen nicht wieder gut, und sie weiß das.

Na, dann macht es gut, ihr beiden, sagt meine Tochter schon an der Tür, soviel Harmlosigkeit gelingt wirklich nur ihr, kommst du zum Abendessen?

Dann ist sie draußen, ich schaffe ein Seufzen, so tief geht das noch, Anne betrachtet mich, ausdruckslos. Könnt ihr mit diesem Theater denn nie aufhören, fragt sie, nicht einmal jetzt?

Ich krümme mich noch mehr, was erlaubt die sich, ich schiebe mir einen Finger in den Mund.

Anne zieht die Rollos hoch, spürt meine Erschöpfung wie ihre. Sie öffnet die Balkontür weit, auch das Fenster daneben. Die Hitze draußen läßt langsam nach, in der Schwüle sind die Berge näher gerückt, ich sehe sie durch einen Dunst, der gar nicht unbedingt über meinen Augen liegen muß, um diese Jahreszeit gehört so ein Dunst vor die Berge. Einige Kinder spielen Ball. Es ist nicht leicht für mich mit dir allein, sagt Anne laut, aber besser allein mit dir als. Sie sieht, daß ich fast am Ende meiner Kraft bin, das Nachthemd schon wieder durchnäßt, sie setzt sich zu mir aufs Bett. Ist es denn wirklich so schwer?

Ich nicke, mit weit geöffneten Augen, ob noch ein bißchen Farbe in ihnen ist? Sie waren einmal blau.

Tut dir etwas weh?

Ich schüttle den Kopf.

Dann ist es nur, weil?

Nur weil, ja.

Etwas drückt mich und flattert dabei, etwas wie Sehnsucht könnte das sein, nein, dem Tod gilt das nicht, dieses flattrige Sehnen, ob Anne das erkennt?

Laß dir Zeit, sagt sie, du schaffst es schon, so oder so.

Plötzlich zerfließe ich, alles wird weich, sie nimmt mich in die Arme, streng dich nicht an, sagt sie, es geschieht von ganz allein. Sie beginnt mich und sich zu schaukeln, ein Lied fällt ihr ein, mit Abenddämmerung und verheißungsvoller Stille, sie hatte bestimmt vergessen, daß sie es kennt, sie singt dicht an meinem Ohr, ist jetzt nicht alles gut?

Abends daheim, damals, wenn das Vieh versorgt war, war noch lange nicht Schluß. Abliefern, was tagsüber geerntet worden war, wir arbeiteten nicht für uns selbst, sondern für den Besitzer der Felder, der Tiere, und um zu überleben. Man mußte sich um die Alten kümmern, um die Wäsche, um das Essen für morgen. Ich sehnte mich nach meinem Bett in der Ecke, seit kurzem schlief ich darin ganz allein, ich betete davor, auf den Knien, und dann noch einmal, wenn ich darin lag, aber bis es endlich so weit war, kam immer noch etwas dazwischen, und manchmal kamen die Mädchen der Nachbarn vorbei. Komm doch mit, der Abend ist so schön. Eingehakt und kichernd die staubige Straße entlang, vorbei an anderen eingehakten kichernden Mädchen, an den jungen Männern, Grüppchen hier und dort, sie taten, als hätten sie Gewichtiges zu bereden und schielten doch nach uns Mädchen.

Gar nichts ist gut. Weg mit den Schläuchen, was soll das hier, ich habe genug, ich will nicht mehr, mein Kopf ist ein Werkzeug, damit zertrümmere ich die Wand.

Inzwischen kommt Anne mit den Schläuchen ganz gut zurecht, ruckzuck sind sie da, wo ich sie nicht will, aber was ist das, mein Kiefer löst sich auf, die untere Gesichtshälfte schrumpft zusammen, und was schiebt sich da aus meinem Mund?

Anne starrt fassungslos auf das gelockerte Gebiß, als eine Pflegerin dazukommt.

Das nehmen wir einfach raus, sagt die, es wird ja schon Abend, und überhaupt.

Die Zahnprothese liegt beklemmend lebendig im Glas, mich scheint genau dieser Teil Leben verlassen zu haben, steinalt seh ich jetzt aus, Anne sieht mich an wie sonst das Foto von meiner Mutter.

Sie würde mir die Prothese gern wieder in den Mund schieben, sie will nicht, daß ich Alte noch älter aussehe. Aber andererseits, überlegt sie, es ist Abend, abends habe ich das Ding immer aus dem Mund entfernt, für mich, überlegt sie, ist jetzt vielleicht alles wie immer, und vielleicht, hofft sie, tut mir das gut.

Der Arzt rauscht ins Zimmer, gefolgt von Frau Timm, die Routine verläßt ihn, als er sieht, wie ich noch lebe. Das hat er nicht erwartet, es ist gegen alle Vernunft und seine medizinische Kenntnis. Frau Timm verkneift sich ein Lächeln, er flüchtet sich in sein Hantieren. Der Blutdruck ist gut, aber der Puls, nein, lang geht das nicht mehr. Es sei denn, sie will es, er spricht über mich, ich öffne nur ein Auge für ihn. Heute nacht wird es sich entscheiden, er greift nach seinem Koffer, das verhilft ihm zu Fassung, ich schau dann morgen früh wieder vorbei.

Die beiden Frauen vor meinem Bett sehen sich an, beide lachen, Übermut steigt auf, jetzt sind sie auf meiner Seite, ich habe einen Trick gefunden, so scheint es, gegen die Medizin, den Arzt, mein Leben. Und tatsächlich, auch ich kichere, zahnlos, ein schlimm Stück Fleisch, so nannte man früher alte Frauen wie mich, warum fällt mir das jetzt wieder ein, woher weiß ich das.

Frau Timm sagt, sie geht jetzt, und das Zimmer nebenan sei noch frei, sie hat alles vorbereiten lassen, wenn Anne zwischendurch schlafen möchte oder duschen. Und in der Küche natürlich jederzeit Kaffee, ein junger Mann hat die Nachtpflege, er wird bald einmal reinschauen. Frau Timm geht noch nicht, es fällt ihr schwer, etwas entscheiden wird sich bei mir, heute nacht, da lockt sie nicht die Gewöhnlichkeit ihres freien Abends, noch einmal verabschiedet sie sich von mir, ist es wirklich möglich, mich zu mögen, dann verläßt sie das Zimmer, kommt einige Minuten später zurück. Sie sagt nichts, drückt mir wieder die Hand, und jetzt fällt der Enkelin noch etwas Wichtiges ein.

Die Sauerstoffflasche wird bald leer sein.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie Nachschub finden. Auf diese Weise schafft es Frau Timm, das Zimmer zu verlassen, hier die Sauerstoffflaschen, dort frische Bettwäsche, Handtücher, man weiß ja nie. Sie weist meiner Enkelin den Weg in die Routine der bevorstehenden Nacht, sie übergibt mich ihr. Und denken Sie daran, im Zimmer nebenan steht ein Bett für Sie.

Dann ist Anne allein mit mir, ihr dämmert, was das bedeuten kann, draußen wird es rasch dunkler, Reste von Sonne ziehen grelle Streifen über den Horizont. Die Sauerstoffflasche, Bettwäsche, Kaffee für sie, Saft für mich, mehr ist nicht nötig für diese Nacht. Banale Zutaten, die Nacht erstreckt sich lang und unabsehbar, Verlockendes kriecht aus ihr, Beunruhigendes auch. Draußen rennen Kinder vorbei, sie haben Ferien, dürfen noch aufbleiben. Dann entfällt auch das Geräusch ihrer Spielschritte, nur noch die Autos von der Schnellstraße, wie nah sie gerückt ist in dieser Stille. Ich schlafe und schlafe auch nicht, sehe, wie Anne den Zeiger auf der Sauerstofflasche beobachtet. Die Uhr verrät ihr alles über mich, was jetzt noch wichtig ist. Ja, es sieht aus, als schlafe ich, ich verbrauche viel weniger Sauerstoff, ich schlafe, ganz und gar undramatisch, nur ihre Anwesenheit, denkt sie und tritt auf den Balkon, stört jetzt noch die Banalität der Situation. Der Abendhimmel türmt sich lächerlich bombastisch, besser, sie geht ins Zimmer zurück und ißt ein Wurstbrot. Ich sehe ihr dabei zu, ich schlafe. Kaffee steht in der Küche, sie wird ihn holen. Ich zucke nicht mit der Wimper, als sie mich prüfend anschaut, warum auch, teilweise schlafe ich, und der andere Teil ist ganz gern mal allein.

Sie geht aus dem Zimmer. Fünfundzwanzig Menschen sind hinter den verschlossenen Türen zu den anderen fünfundzwanzig Zimmern, wie still es ist, wundert sie sich, wie ich, neulich, an meinem ersten Abend hier. Warum gehen alle so früh schlafen? Um dem Warten mehr Zeit einzuräumen, dem Warten darauf, daß es endlich geschieht?

Wetten, sie entdeckt den Nachtpfleger nicht, dafür eine sehr dicke Frau. Mit nach vorn gesunkenem Kopf schläft sie in ihrem Rollstuhl im Aufenthaltsraum, das macht die immer so. Plötzlich steht der Pfleger vor ihr, ich erinnere mich, er hat so was Schleichendes. Sobald ich sie ins Bett bringe, wacht sie wieder auf, deshalb lasse ich sie hier, erklärt er ihr wie neulich mir, wie lang ist das jetzt her? Sie sind wohl? fragt er.

Ja, wird sie jetzt antworten. Ich wollte nur etwas Kaffee.

Ich weiß Bescheid, kommen Sie. Er geht in die Küche voran, weist auf die Maschine. Im Schrank darüber finden Sie alles weitere, ich hatte noch keine Zeit.

Sie zählt das Pulver löffelweise in den Filter, es ist bestimmt beruhigend, sich in der fremden Küche zurechtzufinden, Kaffee zu kochen.

Das wirkt hier alles ganz ruhig, erzählt der Pfleger, wie er es mir erzählt hat, aber das täuscht. Ich schaffe es allein fast nicht mehr, bis ich einmal die Runde gemacht habe durch alle Zimmer, das dauert drei Stunden, dann noch einmal, und dann ist die Nacht schon vorbei.

Er lächelt entschuldigend, geht, und sie beobachtet jetzt, ich seh sie vor mir, wie Kaffee in die Kanne tröpfelt, stellt sich vor, wie seine Nächte hier verlaufen. Zwei Runden durch alle Zimmer, in jedem fällt ständig etwas vor, nur in dem einen geschieht nicht mehr viel. Das Heim liegt am Rand des Dorfs, und dieses eine Zimmer ist noch an einen ganz anderen Rand gerutscht, und in diesem Zimmer, an diesem Rand liege ich.

Als sie mit der Thermoskanne zurückgeht zu diesem zentral entlegenen Ort, zurückkommt zu mir, schnarcht die dicke Frau im Rollstuhl, ich aber, als sie das Zimmer betritt, schlafe nicht mehr, nicht der kleinste Teil von mir.

Die Uhr an der Sauerstoffflasche zeigt meine Gier nach Luft. Ich war nur kurz draußen, sagt sie und hat ein schlechtes Gewissen, möchtest du trinken?

Ja, sage ich, ich bin so müde, aber nicht müde genug, um die Angst nicht zu spüren und sogar etwas wie Dankbarkeit. Weil sie jetzt da ist.

Hab keine Angst, ich bin hier, die ganze Nacht.

Dann die inzwischen schon mechanischen Handgriffe, die mir das Trinken erleichtern sollen, und dann liege ich schwer und erschöpft auf dem Rücken, mein Blick geht ins Nichts, ein angenehmes Ziel. Ich fühle mich lächerlich schwach, sonst würde ich jetzt wimmern, aber dazu reicht es nicht, ich glühe und schwitze, meine Hände suchen nach nichts.

Meine Hände, jetzt fällt es ihr auf, sie haben sich bläulich verfärbt, sie sind kalt, sie beginnt, sie zu reiben, ich schlafe ein oder so ähnlich, wie schwer die Lider auf den Augen liegen und wie schwer diese Augen im Kopf, als gehörte das alles nicht zu mir.

Damals, daheim, hielt ich die Augen fest geschlossen, wenn einer über mich kam in der dämmrigen Scheune zum Beispiel. So ist das nun mal, die Männer wollen das, hatte meine Mutter mir gesagt, leg dich hin und halte still, und sieh zu, daß keiner bemerkt, wenn es dir vielleicht gar nicht übel gefällt. Es gefiel mir, ich befolgte den Rat der Mutter zur Hälfte, stand dort vornübergebeugt und schrubbte den Eimer, tat so, als wäre nichts und spreizte die Beine für den Mann in meinem Rücken, mit einem Handgriff brachte ich meine Brüste zum Baumeln. Warum er so keuchte, verstand ich nie, ich kicherte einfach, ein kleines Mädchen, das man sacht an den Fußsohlen kitzelt, und war es denn so viel mehr, was hier geschah? Später die Beichte gehörte dazu, ich habe gesündigt, wie oft, meine Tochter, mit wem? Es war dunkel im Stall, Herr Pfarrer, was kann man da machen. Ich spürte, wie der Priester mich anstarrte, seine nächste Frage kommt heiser. Im Stall also, meine Tochter, wo noch? Wo es sich so ergibt, Herr Pfarrer, im Heu, beim Kartoffelholen im Keller, manchmal auch im Bett, Sie wissen doch, wir wohnen beengt. Der Atem des Priesters ging schwer, hat es dir gefallen? Nein, wo denken Sie hin, ich sah, wie er nickte, die Frau sei untertan dem Mann, höre ich ihn sagen, und dann befahl er drei Vaterunser und zehn Ave Maria, ich verließ den hölzernen Kasten wie schwebend, vor der Marienfigur warf ich mich auf den Boden, der Marmor war kalt, ich schlug mich ungestüm gegen die Brust, ich habe gesündigt, gesündigt, aber jetzt ist es gut, ich bin rein, und heimlich dachte ich noch, was für ein Aufwand, und wofür, für fast nichts.

Was ist denn hier los, erscheint Ella, so geht das doch nicht.

Was denn, schreckt Anne hoch, wieso denn nicht, ich bin froh, daß sie schläft.

Aber die Zähne, wer hat das gemacht?

Die Pflegerin, sie sind ihr rausgerutscht, und da –

So geht das nicht, Ella fingert das Gebiß aus dem Wasser.

Aber das hat sie sonst doch abends auch –

Sonst, heute ist nicht sonst.

Aber du weckst sie ja auf.

Ich wache nur ein bißchen auf, als mir geschickt das Gebiß in den Mund geschoben wird, ich könnte das nicht so gut, stellt Anne ein bißchen neidisch fest.

Wenn man es rausnimmt, erklärt ihr die Schwester ruhig, verformt sich der Kiefer. Dann paßt es bald gar nicht mehr.

Beide hören noch lange das Wort bald im Raum, kaum war es ausgesprochen, ist beiden aufgefallen, daß es bald ja womöglich egal ist, ob mir das Gebiß noch paßt, aber beide sind froh, daß die zähnerne Lebendigkeit aus dem Wasserglas verschwunden ist und an mir das Uralte.

Die Schwestern tun so, als sei alles wie immer, die frisch gewaschenen Nachthemden in den Schrank, später werde ich sie umziehen, entwirft Ella das Programm für die Nacht, das Bett frisch beziehen, aber jetzt. Ich habe Prosecco mitgebracht, im Schrank dort sind Gläser.

Sie setzt sich in den Fernsehsessel, es ist schon ihr Stammplatz, die andere hat sich während des ganzen langen Tags nur einmal ganz kurz dorthin gesetzt. Nun ist Anne befremdet, Prosecco in dieser Situation, aber wer weiß, vielleicht ist das besser als dieser saure Kaffee, sie holt meine Weingläser aus dem Schrank und setzt sich auf den Stuhl neben der offenen Balkontür. Sie trinken Prosecco, ich schlafe oder so ähnlich, Ella erzählt von Kindern und Mutter und Vater und wie unmöglich die sich anstellen. Aber sie nimmt es ihnen jetzt nicht mehr übel, ich glaube nicht, daß sie stirbt, sagt Ella, die rappelt sich wieder. Ganz geheuer scheint ihr das mit dem Prosecco auch nicht zu sein, denn weshalb sonst verstaut sie die geöffnete Flasche im Korb und diesen unter dem Tisch? Dann beginnt sie, sich die Fingernägel zu schneiden, mit meiner Schere aus dem Nachttisch.

Du solltest besser eine Feile nehmen, rät ihr die andere.

Warum denn, ich mache das immer so.

Sie reden nicht viel, eigentlich seltsam, müßten sie jetzt nicht. Doch keine wartet mit Erinnerungen auf, vielleicht denken beide, es sei dafür zu früh, denn noch lebe ich, und außerdem geraten sie beim Austausch von Erinnerungen ja doch nur in Streit, weil jede sich anders erinnert und die andere glaubt korrigieren zu müssen. Im übrigen war auch ich mit Erinnerungen eher geizig, nie erzählte ich mehr, als daß damals daheim alles besser war. Wie habe ich eigentlich gelebt, nicht nur damals, daheim, sondern in der viel größeren Zahl von Jahren, die danach noch kam?

Das Bißchen Reinraus, und schon war ich schwanger, damals daheim war das der Lauf der Welt, ich heiratete mit siebzehn, alles ging weiter wie immer. Der Acker, die Kuh, das Schwein, dunkel und muffig das Häuschen, Straße der Tagelöhner, am Rand des Dorfs, am Rand des Landes, am Rand Europas – Weltrand, so spürte ich dumpf. Dann und wann der Mann auf mir drauf, der Gang zur Kirche im festen Rhythmus, die Beichte verlor an Reiz, selbst der Priester hörte bald kaum noch zu. Die Arbeit hart, der Mann auf mir schwer, ich kicherte kaum noch in sein Stöhnen und begriff, was das war, der Fluch der Frauen, von dem die Mutter die Tante der Priester sprach. Kind kam auf Kind, nicht alle lebten lang, alle Geburten eine Ekstase der Schmerzen, da gab es kein Verbot, es sich anmerken zu lassen, ich tobte mich aus, wimmerte, stöhnte, ächzte, schrie, wofür, für fast nichts, nur wieder ein Kind.

Zuerst ein Mädchen, das war gleich wieder tot, dann noch eins, und dann Matthias, da klappte nichts, ich mußte zum Arzt. Der war im nächsten Dorf, gleich neben der Kirche, aber der Weg dorthin, es war heiß und ich auf dem Leiterwagen. Die Kühe auf den Weiden wurden still, so laut hab ich gebrüllt, aber dann ging es los, seine Hand kam aus mir raus, nur der Daumen blieb drin, aber seine Hand zwischen meinen Beinen, ich hab mich geschämt und weiter gebrüllt.

Dann rückte der Krieg auch an diesen Rand der Welt, die Aufregung war groß, endlich geschah etwas, und die Männer mußten sich entscheiden. Meiner schlug sich auf die Seite, die auch ich für die richtige hielt, die würden gewinnen, todsicher, und einmal fuhr ich in die Hauptstadt, dort sah ich ihn, den Mann zu der Stimme aus dem Radio, leibhaftig auf einem großen Platz, ich in der Menge, eingezwängt zwischen zahllose gierig vibrierende Leiber, schwitzend, brüllend, mit stundenlang gerecktem Arm, die Glieder abgestorben, die Stimme in Heiserkeit erstickt, ja, das war es, so also konnte das Leben sein, Erregung ohne Reue, ohne Schmutz, grenzenlos und immer ganz kurz vor dem Ziel. Das Rasende in diesem Mann, ich kannte es von mir selbst, und wofür hatte ich mich all die Zeit beherrscht, wo dieser Mann doch genau damit so weit kam. Er versprach, was ich immer ersehnte, kein Stöhnen und Kichern, keine jenseitige Gnade, er war da, jetzt, auf der Stelle, mit stechendem Blick, alles zermalmend, ja, wer wollte sich da nicht flachlegen hingeben aufgeben, endlich ein Mann! Einer, der mehr als nur eine wollte, alle, das begriff ich sofort, unter seinem Blick die Brüste aller Frauen ein einziger Busen für ihn, alle Schöße ein einziges Loch, ein Ziel seiner Wut, und wer denkt an Widerstand, wenn ein nie geahntes Zentrum aller Wünsche so schlagartig getroffen enthüllt zu zuckendem Leben erweckt –

Rasend übernahmen die Frauen das Kommando im fast männerlosen Dorf, ich auch, arbeitete und aß und lebte wie ein Mann, keine Zeit für den Kirchgang, auch kein Interesse, wozu jetzt noch dürftiger Ersatz für die wahre Ekstase, die jüngeren Männer widersetzten sich nicht, kämpfte der Mann doch nach dem Willen der Stimme aus dem Radio. Einmal kam der Mann noch ins Dorf, hatte was zu erzählen, lag auch auf mir, und heraus kam dann wie immer ein Kind, aber er nicht zurück aus dem Krieg. Die rasende Stimme im Radio war verstummt, im Dorf eine bange Erwartung, wird jetzt alles wieder, wie es war?

Nein, denn da war noch der Feind, der rückte vor und auch näher ans Dorf, das zog sich hin, zwei Jahre schon war der Krieg vorbei und nichts geschah, man wartete auf verschollene Männer Söhne Väter, und dann kam er doch noch, der Feind, und was tut man jetzt, gar nichts, alles, sich ergeben, sich wehren, sich weigern, aufgeben, entkommen, flüchten, sich retten, wovor, wozu, wohin?

Die Hälfte des Dorfs entschied sich für Flucht, darunter auch wir, ich, die drei Kinder, Gepäck, soweit es sich schleppen ließ. Meine Tochter, die älteste, war elf und durfte die Puppe aus Porzellan nicht mitnehmen ins Nichts, das neue Leben. Eine Cousine blieb zurück und erbte die Puppe, bald ging diese zu Bruch, und noch als Sechzigjährige spricht Groll aus der Tochter, wenn sie es erzählt. Ob das damals das erste Mal war, daß sie mich haßte?

Doch was zählte eine Puppe in so großen Zeiten, die Züge Richtung Westen alle überfüllt, das waren sie zuvor Richtung Osten auch, aber davon wußte jetzt keiner mehr, und da, wo die Züge nach Wochen stoppten, wollte keiner die haben, die ihnen entsteigen, wir verschwanden fürs erste im Lager.

Aber ich fieberte, raste noch immer, begann erst damit, die Niederlage war eine der Männer, ich aber war vielleicht endlich, wo ich sein wollte, woanders, weg, egal wo, egal wie, jetzt! Noch nie wo zu Hause, fand ich mich rasch zurecht, Arbeit und Männer und einen Weg aus dem Lager, der Krieg war vorbei, das Leben doch nicht wie früher und ich gerade mal dreißig.

Schlag zwölf verlöschen draußen die Lichter, was hat das zu bedeuten, Anne zuckt zusammen, was wird da abgestellt, was ist jetzt vorbei.

Ella im Sessel lacht, das ist so bei uns, um zwölf ist hier Schluß.

Daß es so etwas gibt, wundert sich die auf dem Stuhl und beschließt, eine Weile rauszugehen. Sie hält das Warten nicht aus, aber draußen ist es stockdunkel, sie wird sich nur mit Mühe zurechtfinden, Wolken hängen vor den Sternen, oder sind meine Augen wieder trüb. Einfach rausgehen mitten in der Nacht, würde ich das jetzt auch gern, aber wozu. Etwas liegt auf mir, starr und schwer, anders als Müdigkeit sonst.

Anne erträgt es draußen nicht lange, Ella hält die Untätigkeit nicht aus, sie macht sich schon an mir zu schaffen, als die andere wiederkommt, ich wimmere, das hilft mir gar nichts, faß mal mit an, sagt Ella zu Anne.

Das Nachthemd ist ein nasser Lappen, das Laken, das Bettzeug, ich selbst vielleicht auch nichts anderes mehr.

Halte sie fest, dann mache ich. So, Oma, wo wir schon dabei sind, ich wasche dich gleich.

Was geschieht hier schon wieder, ich will meine Ruhe, was erlauben die sich mit mir. Ella hantiert, Anne ist nicht wohl dabei, aber sie widersetzt sich der Schwester nicht, sie hält mich fest, nackt krümme ich mich vor den beiden, wie schön ihre Haut ist, hör ich sie sagen, meine Haut meinen sie, bis auf die Füße, die sind blauschwarz vor Krampfadern.

Ich werde gewaschen, abgetrocknet, eingecremt, gedreht und gewendet, festgehalten, dann das frische Nachthemd –

Sie kommen zurecht? Schüchtern läßt sich der Pfleger blicken, klar, sagt Ella lachend und bettet meine Füße nach einer komplizierten Methode und mit Hilfe dreier kleiner Kissen. Decke drüber, jetzt nur noch die Schläuche. Der Pfleger scheint beeindruckt. Den Sauerstoff können Sie vielleicht auch mal eine Weile weglassen, gestern nacht habe ich auch –

Ja, gestern Nacht, lacht Ella, heute ist es anders. Wir werden bald eine neue Flasche brauchen.

Sagen Sie mir, wenn es soweit ist, der Pfleger geht, ich bin ordentlich verpackt, mein Kopf ist ganz leer, die Schwestern setzen sich, es ist noch Prosecco in der Flasche. Sie gewöhnen sich an das Gemurmel aus meinem Mund, es hat nichts zu bedeuten, und dann ist es wenigstens nicht so still.

Sehr langsam wird es zwei und drei. Die auf dem Fernsehsessel schläft gelegentlich ein, die andere beobachtet sie dabei, den wolkigen Nachthimmel draußen, mich im Bett. Irgendwann wird mein Gemurmel lauter, ich schaffe es wieder zu wimmern, etwas in mir ist nicht gut, etwas quält sich, es hockt in mir drin, gehört es zu mir, nichts als das Wimmern kommt aus mir raus.

Streng dich doch nicht so an, sagt Anne, setzt sich auf die Bettkante, die Hände sind kalt und bläulich, sie knetet sie. Ich tue ihr leid, wie flehentlich ihr Blick jetzt ausfällt, warum gebe ich nicht einfach auf.

Das geht nicht mehr lang, sagt die im Sessel, anscheinend schläft sie schon seit einer Weile nicht mehr, aber diesmal überwindet die auf dem Bettrand ihre Scham unter den Blicken der Schwester, sie hört nicht auf, mich zu streicheln. Ich spüre ihren Ärger, warum muß die das sagen, vor wenigen Stunden hat sie noch das Gegenteil verkündet, wozu diese Spekulationen, sie weiß doch auch nicht mehr als ich, als alle.

Fällt dir was an ihren Lippen auf, fragt Ella, als das Wimmern aus mir nur noch leise röchelt, dieses Weiß um den Mund herum, es ist ein sicheres Zeichen.

Die andere hat damit keine Erfahrung, weiß nichts von sicheren Zeichen und antwortet doch zustimmend, ja, und sieh ihre Hände.

Sie betrachten das Weiße um die Lippen, das Bläuliche um die Fingerspitzen, ich kann es nicht sehen, aber nun, da sie davon sprechen, spüre ich es fremd um den Mund herum, in den Händen.

Was meinst du, beginnt die im Sessel. Wenn wir den Sauerstoff einfach weglassen. Wenn ich alle Medikamente hier auf ihrem Tisch in Saft auflöse.

Sie wird sich wehren, entgegnet die auf dem Bettrand. Sie trinkt nur, wenn sie will.

Schon, aber ich schaffe es, ihr das einzuflößen.

Beide starren auf mich und die Qual, die ich ihnen bereite.

Es ist doch nicht mitanzusehen, wie schwer sie sich tut.

Ja, das habe ich heute nacht auch schon gedacht. Aber dann – das ist nicht ihr Problem. Nur für uns ist es schwer, das mitanzusehen. Sie dagegen – sie ist vielleicht noch nicht so weit. Sie braucht noch Zeit.

Etwas in mir gurgelt, röchelt, zerreißt mich beinah, aber dann verzerrt sich bloß mein Gesicht, die Teile, die noch nicht fremd sind. Das Thema wird nicht weiter erörtert, beide sind froh, es versucht zu haben.

Gegen vier wird es draußen noch immer nicht hell, bleiern hängt die Müdigkeit im Zimmer, meine Enkelinnen schlafen so wenig wie ich, vielleicht haben wir alle vergessen, worauf wir warten, die Zeit wird uns lang. Ella kennt sich aus mit solchen Nächten, hat eine Strickjacke mitgebracht, Anne friert.

Vielleicht lege ich mich in dem Zimmer nebenan eine Weile hin, überlegt sie laut.

Das ist doch nicht nötig, widerspricht ihre Schwester, es ist nicht weit zu mir nach Hause, dort kannst du schlafen, geh nur, ich bin ja da.

Anne ist müde, doch sie geht nicht, dort könnte sie jetzt nicht schlafen, und gegen das Frieren hilft der Mantel, der an der Garderobe hängt, mein Mantel. Sie ärgert sich, wie leicht sie sich das Bett nebenan hat verbieten lassen, und daß die andere den besseren Sitzplatz hat, sie schläft schon wieder auf dem Sessel.

Ich sehe, wie sie in meinen Mantel schlüpft, er ist ihr zu groß, aber ich spüre ihren Körper in diesem Mantel, als steckte ich selbst darin.

Die Nacht kommt nicht voran, beschleunigt wird die kriechende Zeit nur von der Unruhe, die manchmal aus mir bricht, von Hilfsdiensten, um die ich nicht gebeten habe. Beide Schwestern sind froh über jede Möglichkeit, etwas zu tun, viel zu früh wird die neue Sauerstoffflasche herangeschafft, noch einmal die Bettwäsche gewechselt, sie finden so viel Beschäftigung, daß sie gar nicht merken, wie es draußen hell wird. Als die Sonne sich vor das Fenster schiebt, bin ich wieder einmal friedlich und frisch gewaschen, im Badezimmer häuft sich nasse Wäsche, der Pfleger verabschiedet sich, die Tagschicht rückt an, bringt frischen Kaffee. Die Schwestern begreifen nicht, daß die Nacht vorüber ist und ich noch lebe. Sie haben Dramatisches erwartet, es ist nicht geschehen, sie sind enttäuscht und erleichtert. In dieser Nacht ist es nicht geschehen, es war eine Nacht zum Üben, die Nacht ist vorüber.

Der Arzt wird dumm gucken, freut sich die auf dem Sessel und räkelt sich.

Ich würde gern etwas schlafen, sagt die auf dem Stuhl.

Dann geh doch, die Eltern werden schon warten. Und sag unserer Mutter, sie soll kommen, dann geh ich auch, ich muß noch die halbe Wohnung umräumen, wegen der Handwerker.

Anne verabschiedet sich von mir, draußen wird man ihr mit teilnahmsvollen Blicken begegnen, ihr Wagen ist jetzt sicher naß vor Tau, sie wird frösteln. Sie schämt sich, daß sie jetzt geht, aber sie kann nicht mehr, und wenn sie jetzt bliebe, es wäre ein Wettkampf mit der Schwester. Und ob sie nun geht oder nicht – es wird Nacht, es wird Tag, es wird wieder Nacht. Wie oft noch? Es ist wie im Leben, man weiß nicht, wie lang so ein Sterben dauert. Ich höre, wie sie den Motor startet, der Sommermorgen ist strahlend schön.

Wozu liege ich hier noch immer?

4

An mir bleibt alles wieder hängen. Schlafen will sie, jetzt erst taucht sie hier auf und machte alle verrückt, und dann hält sie nicht durch. Schlafen. Nein, ich hab das nicht nötig, ich hab die Übung im Durchhalten, denn schließlich wird das hier ein Ende haben, bald, und weshalb eigentlich nicht jetzt? So friedlich wirkt sie jetzt und frisch gewaschen, und die Sonne scheint ins Zimmer, Oma, warum bist du so stur, begreif es doch, einen besseren Moment zum Sterben gibt es kaum. Wenn du es jetzt tust, ersparst du dir und mir und allen viel. Sie werden kommen, alle, früher oder später, um dein Bett stehen, unbehaglich schweigen und dann streiten. Das Pflegepersonal wird Rührung und Anteilnahme vergessen, du wirst ihnen zum Routinefall, wenn du noch lange zögerst. Hassen werden dich alle, wie immer, wenn sich das hinzieht, willst du das wirklich? Du weißt, du wirst sterben, dann tu es doch, jetzt gleich, es ist gar nichts Besonderes, bring es hinter dich, stirb doch wenigstens so, wie du nicht gelebt hast, leise, unauffällig, einmal für immer, jeder wird es dir zu danken wissen.

Seltsam ist das mit meinen Nachkommen, sobald sie einzeln sind, erkenne ich in allen mich selbst. Auch in Ella, die jetzt noch da sitzt und durchhält. Gerade die Härte, die Gleichgültigkeit, darin kommt sie nach mir. Ob sie weiß, daß ich jetzt meinen Körper nur noch in seiner Härte und Gleichgültigkeit spüre? Was sonst mein Willen war, ist mir in Fleisch und Knochen gerutscht, ich habe keine Macht mehr darüber, Trotz, werden sie sagen, ja, obwohl ich selbst nicht weiß, wogegen er sich richtet.

Wie müde man sein kann an so einem Morgen, und wie unangenehm dies immer wieder neu Beginnen, fällt das niemandem auf außer mir? Sonne und Geruch nach Kaffee, Klappern von Schritten, die Pflegerinnen sind ausgeschlafen, und die, die sie pflegen, garantieren ihnen den täglichen Neubeginn, selbst eine wie ich, heute erhöhe ich den Reiz ihres Tagesbeginns, lebt sie noch oder nicht mehr? Alle werden sie kommen und sehen wollen, staunen, sie tut sich schwer, wird es heißen, sie kämpft, das macht ihnen mehr Mühe, aber auch diesen Tag besonders. Was aber, wenn ich morgen immer noch lebe?

Das Wimmern kommt nicht mehr aus mir, wie still es ist, Ella ist nun doch eingeschlafen. Vielleicht wäre jetzt wirklich ein günstiger Moment, ich geb einfach auf, jetzt, wo es keiner merkt, und dann –

Dann geht es doch wieder los. Arzt, Stethoskop, Puls und Fieber, aber er deutet seine Geschäftigkeit nur noch an, schüttelt den Kopf, winkt ab. Frau Timm lächelt wie immer, wischt mir den Schweiß ab, meine Enkelin zeigt sich gefaßt.

Wie steht es?

Unverändert. Lang kann es jetzt nicht mehr dauern.

Kann man nichts tun?

Nichts. Rufen Sie einen Pfarrer.

Der Arzt geht, Ella ist nun doch auch einmal in Panik, natürlich, ein Pfarrer, wieso hat sie daran nicht längst gedacht. Aber welchen, sie selbst hat nichts zu tun mit der Kirche, außer natürlich Hochzeit Taufen Kommunion Beerdigung. Außerdem ist Ferienzeit, sie muß telefonieren, in irgendeinem der umliegenden Dörfer wird doch einer.

Versuchen Sie es doch in der Gemeinde Ihrer Großmutter, schlägt Frau Timm vor, dort kennt man sie und weiß, daß ihr das wichtig ist.

Aber das ist eine Stunde Fahrzeit entfernt, hält meine Enkelin dagegen. Gleich darauf schämt sie sich, natürlich, unter diesen Umständen ist das kein Argument.

Beide verschwinden geschäftig, froh über die organisatorische Herausforderung. Der Priester aus meinem Dorf kommt bestimmt nicht hierher, so wichtig bin ich dem nicht, mehr als vierzig Jahren saß ich jeden Sonntag vor ihm. Aber im letzten Jahr nicht mehr, weil Ella dafür gesorgt hat, daß ich versorgt werde, in Sanatorien Kliniken Heimen. Und jetzt – Auf fremdem Gebiet sterbe ich, eine Vertriebene, noch einmal. Vertrieben hat mich auch mein Körper aus sich, er liegt hier rum, das spüre ich, doch was habe ich damit zu schaffen. Doch was habe ich außer ihm, nur wirre Gedanken, ob Anne jetzt wirklich schläft? Ob meine Tochter Alltag spielt wie immer, und meine Söhne hören sich an, wie ihre Frauen auf mich schimpfen?

So gern würde ich was tun, wenigstens wimmern, aber nichts kommt aus mir raus, nur Schweiß.

Warum kommen die Pflegerinnen nicht, ich muß gewaschen werden, das Bett gemacht, und warum gibt mir keiner zu trinken? Das Glas steht auf dem Tisch, unerreichbar für mich, ich muß trinken, Nachschub zum Schwitzen, ja, das ist es, solange ich trinke, fließt das Wasser aus mir, ich selbst kann es produzieren, ich schaffe mir ein Leben, auch wenn es nur eine Sterbeverlängerung ist, aber aufhören will ich nicht damit, ich will trinken, ich kratze so schnell nicht ab, ich erspare ihnen nichts, alle sollen sie kommen und sehen und dann –

Du bist allein?, fragt Anne erstaunt. Nun ist die also wieder hier, wo sind die anderen? Sie sieht sich um, vermißt die Dramatik der Nacht, ja, jetzt ist alles gewöhnlich, auch, daß ich Durst habe.

Möchtest du trinken?

Ich verziehe leicht die Lippen, mehr ist nicht drin, hoffentlich versteht sie, ja, der Knopf, mein Kopf schwebt in die Senkrechte, und nun das Glas, ich kann es nicht halten, ich will es halten, ich habe Durst, wo ist das Glas, ich spüre es nicht, aber dann ist Flüssigkeit in meinem Mund, und das knöcherne Zittern am Glas ist meine Hand.

Anne hat sich umgezogen, sieht frisch aus, in ihrem Alter reichen noch zwei Stunden Schlaf, dann beginnt das Leben von vorn, aber ich dämmre nur, mehr will ich nicht, bin auf der Hut, denn wenn ich jetzt einschlafe, dann –

Es wird heiß werden, erzählt sie mir jetzt, und daß im Dorf Markt ist. Von allem redet sie, nur nicht von Mutter Vater den anderen, dabei wüßte ich zu gern, was die jetzt tun. Sie setzt sich zu mir, massiert etwas Kaltes, Starres, meine Hände sind das, sie waren es, denn jetzt –

Ich sterbe von außen nach innen, Hände und Füße und Nase zuerst, so habe ich mir das nicht vorgestellt.

Gleich sind sie da, steht Ella jetzt im Zimmer, erkennt auf einen Blick, was aufgeräumt werden muß.

Wer, fragt Anne.

Der Priester und unsere Mutter, die anderen konnten es natürlich mal wieder nicht richten.

Der Priester? Anne erschrickt, sie kennt sich nicht aus in diesen tödlichen Ritualen, so schlecht geht es ihr im Moment doch gar nicht.

Um so besser, belehrt sie die Schwester, vielleicht einer der letzten Momente, in denen sie noch bei Sinnen ist. Sie kämmt mich, zieht die Bettdecke zurecht, holt den Rosenkranz aus der Schublade, faltet das Holz meiner Hände um die Perlen, sie sind warm, daran erkenne ich die Kälte meiner Haut. Etwas wie ein Auftritt steht mir bevor, vielleicht mein letzter, das reißt mir die Augen auf und gleich darauf die Tür.

Frau Timm, ein Priester in Lila, meine Tochter trägt schwarz und weiß. Der Priester ist nicht der, den ich kenne, auch nicht aus einem der Dörfer hier, aus der Kreisstadt, höre ich, ist er gekommen, sieh an, soviel Mühe bin ich wert. Er redet, ich verstehe nicht, worum es geht, sein Deutsch ist seltsam, jetzt erkenne ich, Inder ist er vielleicht, nun ja, für mich muß das genügen.

Es geht, jetzt verstehe ich doch, um die Beichte, und daß ich dazu nicht mehr imstand bin, und daß deshalb … Irgendein minderwertiges Ritual nur, so so. Außerdem, sagt er jetzt, wäre ja nicht sicher, ob ich bald sterbe, und deshalb … Tochter und Enkelinnen begreifen kein Wort, ihnen ist alles egal, nur soll er jetzt etwas tun, worauf ich, wie sie glauben, nur warte.

Ella stellt eine Kerze auf den Tisch, er weiht sie, dann tritt er zu mir, wirft das Kreuzzeichen über mich. Etwas beginnt zu zittern, zu zerren, meine Hand, wie kommt sie nur dazu, die Hand macht das Kreuzzeichen, der Priester freut sich, er nickt. Er beginnt zu beten, ich murmle mit, Tochter und Enkelinnen stehen steif und stumm. Vaterunser, das kommt mir noch über die Lippen, aber dann, dabei habe ich es immer so gemocht, das Lamm Gottes, und natürlich bin ich nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und so wird –

Aus meinem Gestammel doch kein Gebet. Aber der Priester nickt, lächelt, betet, aus einem kleinen Döschen läßt er Weihrauch frei, sieh an, die sind wirklich für jeden Fall gerüstet, ja, auf meine Kirche ist Verlaß. Jetzt drückt er mir einen feuchten Finger auf die Stirn, das Kreuzzeichen noch einmal, vertrauen wir dir diese Sünderin an, meint der mich?

Ich hätte jetzt gern die Oblate, Beichte hin oder her, aber ich seh schon, er rückt sie nicht raus. Ich hätte sie gern, und würde ich dran ersticken, warum krieg ich sie nicht. Er ist längst weiter im Text, das Ave Maria, meine Nachkommen beten natürlich nicht mit, aber ich, aber dann ist er schon fertig, packt Weihrauch und Stola in seinen Koffer, genau wie der Arzt, dann gibt er Tochter und Enkelinnen die Hand, lächelt, nickt.

Die Beerdigung, sagt meine Tochter, wir müssen –

Draußen!, unterbricht Ella, dann verlassen sie mein Zimmer, Anne tritt auf den kleinen Balkon.

Das soll es gewesen sein? Die paar Gebete, ein Ausländer, Ferienvertretung und Schluß? Etwas Hartes in meinem Bauch macht mich wach, kräftig, nein, das akzeptiere ich nicht, das ist ja Betrug. Überhaupt kriecht jetzt die Normalität des Vormittags in mich, nein, heute sterbe ich nicht.

Und draußen reden sie jetzt über mich, wie das sein soll, wenn ich nicht mehr bin. Eine Messe, wird Ella verlangen, das sind wir ihr schuldig.

Aber sie gehört nicht zur Gemeinde, hör ich den Ausländer sagen. Aber ich! So energisch meine Tochter, sieh an, sie begreift, welche Chance auf sie zukommt, ein Trauerfall und sie in der Hauptrolle, so langsam kommt sie auf den Geschmack.

Sie wird mich begraben in Sichtweite ihres Hauses, ja, so wird es sein. Solange ich lebte, wollte sie mich dort nicht haben, aber demnächst, wenn ich tot bin, sie bringt mich in Feindesland unter die Erde, jetzt begreife ich, wie sie den Triumph über mich plant. Eine Tote auf dem Friedhof, das wird ihr Ansehen steigern, ihr Wohnrecht erst wirklich begründen. So ist das also. Auch nach meinem Tod spekulieren sie auf einen Nutzen an mir, und deshalb sterbe ich jetzt noch nicht, ich will doch mal sehen –

Jetzt sieht sie ja plötzlich viel besser aus.

Vielleicht war das mit dem Pfarrer doch noch zu früh.

Ach was, sicher ist sicher.

Aber wenn sie jetzt nicht.

Früher oder später bestimmt.

Sie sieht aus, als schlafe sie wie immer.

Das geht bestimmt nicht mehr lang.

Jedenfalls haben wir alles getan.

Da täuschst du dich, was jetzt auf uns zukommt.

Ich müßte nach Hause, euer Vater.

Ich auch, meine Kinder.

Bleibst du hier?

Anne, auf dem Balkon,

hat dem Zwiegespräch zugehört, sie nickt. So können die anderen gehen, Komplizinnen, mit meinem Tod verbündet, ihr schlechtes Gewissen nehmen sie für Trauer, und nun werden sie meine Söhne herbeizitieren, eine Abschiedsrunde hier an diesem Bett, ob meine Schwiegertöchter sich hertrauen? Ich bin gespannt auf das Spektakel, ich werde ihnen eins liefern, und mit dem Sterben warte ich, bis –

Haß verband uns, in dem Haus, das wir gemeinsam bewohnten, fanden sich die Möglichkeiten, ihn zu steigern, jeden Tag, jede Nacht. Wir hatten kein anderes Gefühl füreinander, es ging um denselben Mann, meinen Sohn, und er liebte, wenn etwas, seinen Schnaps. Seine Frau verübelte ihm, und mehr noch mir, daß er sich auf ihre Regeln einließ, in der Wohnung im Erdgeschoß wurde nicht getrunken. Doch oben, ich verwahrte die Flasche, er trank nur bei mir.

Nein, zu der gehe ich nicht, brüllt sie jetzt, sieh an, sie ist hier, unten auf dem Hof, direkt vor meinem Fenster, gekrümmt und verwachsen, Muskelschwund, oder sind es die Knochen, jede Bewegung eine Groteske, eine Nervensache, kein Arzt konnte ihr raten. Keine hundert Pferde bringen mich zu der, hör ich sie brüllen, soll sie doch krepieren, höchste Zeit, mich hat sie sowieso auf dem Gewissen.

Sie erregt Aufmerksamkeit auf dem Platz vor dem Haus, Samstagnachmittag, Zeit für Besuche bei den Alten im Heim, Kuchenpakete und Gartenblumen, die Kinder quengeln schon jetzt. Renate ginge leicht als Bewohnerin des Heims durch, aber das ist sie nicht, noch schafft sie es allein, und warum soll sie mich noch einmal sehen? Wie ich aussehe, wird sie ihr Leben nicht vergessen, sie schleppt mich doch mit sich in der Verkrüppelung ihres Leibes.

Bestimmt alles wieder nur Theater, hält sie ihrem Mann vor, und ihr geht ihr natürlich wieder mal auf den Leim, sie pfeift, und ihr macht Männchen.

Ich wünsche dir, daß du nicht mehr gehen kannst, habe ich ihr durchs Treppenhaus zugebrüllt, es dauerte nicht lang, bis sich der Fluch zu erfüllen begann, nun kann man Gehen nicht mehr nennen, wie sie sich durch ihr Leben bewegt. Sie verließen das Haus, mich, doch die Krankheit wurde nur schlimmer, die passende Diagnose fand sich nicht, sie und ich wechselten nie wieder ein Wort. Seither pflegt mein Sohn seine Frau, wer hätte ihm das zugetraut, kam zu etwas wie einem Schicksal, der arme Mann, so zwischen zwei Frauen kann er es keiner recht machen, daß er sich um seine Mutter kümmert, ist nur zu erwarten, aber zu Hause die verfluchte Frau sprach dann drei Tage nicht mit ihm. Bei mir fand er noch immer den Schnaps und dann, hatte er genug davon, die Frau zu Hause schlafend im Bett, sie tat so, als ob. Er wußte es, nahm ihr die Verstellung gern ab, wälzte sich auf sie, erdrückte den fleischgewordenen Vorwurf, der sie ihm war, erledigte rasch und ohne selbst viel davon zu bemerken, was gelegentlich unter Eheleuten geschieht. Er in ihr Fleisch gewühlt, jenes, das unter meinem Bannspruch stand, wurden sie und ich ihm eins. Sie öffnete die Augen, solange er sich so an ihr zu schaffen machte, kam sie zu sich, fühlte präziser den Haß, auf ihn, auf mich, und erkannte die Möglichkeit eines Triumphs, über Mutter und Sohn zugleich. Sie war, was ich aus ihr gemacht hatte, ein Krüppel, aber wer eigentlich war dadurch gestraft, doch wohl vor allem dieser Mann, ein Sohn, der sich begnügte mit dem, was die Mutter ihm zugedacht hat. Er kam rasch zum Ziel seines bewußtlosen Stoßens, sie hält den Atem an, um ganz sicher zu gehen, dann schiebt sie ihn von sich. Sie erbricht sich, noch kaum auf den Füßen, in ihre Hände, ertränkt den Erguß ihres Ekels unter fließendem Wasser, wäscht sich das Gesicht, die Hände, und nun ist sie bereit für ihre eigene Ekstase.

Roh und rot liegt die Leber im Kühlschrank, sie verschlingt die weichen glitschigen Lappen, direkt aus dem Papier, ihre Lippen zucken, wie wehrlos sich dieses Fleisch ergibt, ihre Zähne reißen die Stücke mundgerecht, wie rotroh der Blutgeruch ihr in die Nase steigt, die Zunge unterscheidet sich nicht von dem, was sie zerdrückt, Lappen auf Lappen, eine Vereinigung, die immer gelingt. Sie kannden Mund gar nicht voll genug kriegen, fühlt das fremde kalte Weiche auf der weichen eigenen Wärme, da ist noch immer Platz für mehr, mehr, sie schluckt nicht, Blut und Speichel rinnen über ihr Kinn, noch mehr kaltes Fleisch ins warme, jetzt beginnt der Kampf gegen den Brechreiz, sie bezwingt ihn, bewegt Kiefer und Zunge und Zähne, ein malmendes Hin und Her, Auf und Ab, bei fest geschlossenen Lippen, damit ihr kein Fetzen kein Tropfen keine Faser entkommt. Dann ist das fremde Fleisch so warm wie ihr eigenes, ein einziger Brei, in ruckartigen Krämpfen gibt sie dem Schluckimpuls nach. Sie rülpst, staunt über den Klumpen aus Matsch, ist sie das, nein, nun fühlt sie ihn doch wieder fremd in sich, seine Fremdheit erregend, sie hat ihn bezwungen und auch sich selbst.

Das Kind lag meist im Bett, wenn sie zurückkam, an ihrer Stelle, sie zwängte sich zwischen Vater und Sohn. Gleich sucht das Kind ihre Nähe, sie ist gerührt, es findet die Brust einer Mutter, da ist nichts dabei, auch wenn dieses Mutterorgan sich nun zuspitzt im kindlichen Mund. Sie ist gar nicht da, darf den Schlaf des Sohnes nicht stören, und was sie spürt an einer Stelle ihres Körpers, gehört nicht wirklich zu ihr, aber ist doch, ach, wie schön. Leider nun auch die Hand des Mannes, er knetet die andere Brust, er schnarcht, dreht sich zu ihr, weiß nicht, was er tut, sie will das nicht, aber der Schlaf ihres Kindes ist wichtig, und sie denkt an das Fleisch im Mund, die Macht darüber, eben erst war das noch rohrot und glitschig. Ihr Sohn kriecht noch enger an sie, sein glattes Bein schiebt sich ihr weich zwischen die Knie, aber da ist auch wieder das Harte in ihrem Rücken, der Mann im Tiefschlaf hat sich nicht unter Kontrolle. Sie preßt die Schenkel zusammen, zwischen weich und hart beginnt ihr Becken zu kreisen, sie weiß nichts davon, will es nicht wissen, ihre Lippen öffnen sich, ein Geruch nach rohroter Leber, sie ist gar nicht da. Dann wimmert das Kind, der Mann stöhnt, und sie kneift die Lippen zusammen, nichts wird ihr entgehen, zwischen ihren Beinendas Warme ist nicht von ihr.

Wie geht es dir heute, fragt der Mann am Morgen, er erinnert sich schwach an etwas, das geschehen ist nachts, nach der Alten, dem Schnaps, sein Kopf brummt, sie wird ihm Vorwürfe machen. Wie schon, schlecht, sagt sie, die Hand des Sohnes liegt warm auf ihrem Bauch, er ahnt es, sagt nichts, sie vertraut auf sein schlechtes Gewissen, jetzt liebt sie ihn fast.

Er ging zur Arbeit, und dort die Frauen waren anders, erinnerten ihn an mich, wie sie ihn ansahen, im Fahrstuhl, im Materiallager, er weiß, die hätten nichts dagegen, wenn er was wollte, und er stellt sich vor, ein rascher Griff unter die Röcke, ein Vorstoß ins Feuchte, die würden nur so zappeln, darauf warten die nur. Aber ihn läßt das kalt, zu Hause die Frau und die Mutter, ich, jetzt streiten wir uns, und abends, wenn er kommt, herrscht dann Ruhe, die beleidigte Miene der Frau, mein Grinsen. Er sagt mir, was die Frau ihm aufgetragen hat mir zu sagen, ich drück ihm den Schnaps in die Hand.

Kommt die Verwandtschaft zu Besuch, reichen die Betten nicht aus, aber man ist ja nicht unter Fremden, wie groß die Nichten schon sind, und so prall. Renate wird selbst wieder Kind, sie lacht und balgt sich herum, jeder weiß, sie ist kitzlig, und wenn den Nichten das Nachthemd verrutscht, greift sie zu, Bäuche und Beine und Hintern und auch schon etwas wie Brust, da vergeht den Mädchen das Kichern, mein Sohn liegt lauernd mit halboffenen Augen, Renate läßt ihn nicht aus dem Blick, kitzelt ihn doch, den Faulpelz, doch die Mädchen haben jetzt den Cousin zwischen sich, und mit Mutterstolz sieht Renate, auch aus ihm wird ein Mann.

Jetzt schleicht er ins Zimmer, mein Sohn, erschrocken, daß keiner hier ist, nur ich, eine sterbende Alte, wie verhält man sich da. Sobald Matthias ein Zimmer betritt, wird es eng, für Zimmer ist er nicht gemacht, er weiß nicht, wohin mit sich, begrüßt mich, sagt Mutter zu mir. Ich lasse die Lider auf meinen Augen, die Reglosigkeit tut mir gut, so halte ich durch, lange genug, bis –

Jetzt tut er, als wäre ich nicht da, geht zum Fenster, auf den Balkon, ja, jetzt hätte er gern seinen Schnaps. Matthias taufte ich ihn, das heißt Gottesgabe, obwohl er das bei Gott nicht war, und daß einer seines Namens einst den Judas ersetzte, hat ihn nie interessiert, selbst ist er ein Verräter geworden, an mir und meinen Hoffnungen auf ihn. Und jetzt –

Traut er sich ins Zimmer zurück, weil es nun losgeht, meine Tochter tritt auf, meine Älteste, sie tut so, als sei sie allem gewachsen, als hielte sie die Fäden in der Hand, an denen ich zapple, bis –

Sie reden über Arzt Priester Aussichten, viel fällt ihnen zu mir nicht ein, dann fällt ihnen auf, einer fehlt, mein Jüngster, typisch Joachim, nie ist er da, wenn es darauf ankommt, sie sind sich einig in ihrem Zorn auf den Bruder, aber sag, Tochter, wo steckt dein Mann?

Kurt müßte da sein, jetzt, an meiner Seite, mein Bruder war nie ein großes Licht, und wo sind meine Töchter, was fange ich hier und jetzt an –

Etwas von dem Groll wegen der zurückgebliebenen Puppe blieb in dir zurück, Tochter, es stand dir gut, beleidigte Unschuld, du hast rasch die Posen erlernt, im Westen war Schönheit ein Kapital, und worüber sonst verfügtest du schon. Aber die Arbeit beim Bauern, zu der ich dich zwang, vertrug sich schlecht mit dem Vorbild der Stars aus dem Kino.

Meine Mutter warst du, bist es noch, doch immer hast du mich mit Argwohn belauert, meine Schönheit sei zu nichts nütze, und damit hattest du recht, denn meine Idole –

Die strahlten antiseptisch, unberührbar, rein, auch du wolltest so sein, und Männer waren erlaubt, sogar nötig als ferne Bewunderer, auf den Leib rückt dir keiner, nahmst du dir vor.

Einer tat es dann doch, ich wußte kaum, wie mir geschah, aber die Folge war eindeutig, da half kein Ignorieren. Du kamst mir dann auch auf die Schliche, hast nach dem Verursacher gefahndet, der hatte es so gar nicht gemeint, aber du zwangst uns zur Heirat, ich war noch nicht achtzehn und jetzt sogar ganz froh. Denn hatte nun nicht meine Schönheit einmal für immer ihren Zweck erfüllt, so etwas wie Zukunft gab es für mich ja doch nur über einen Mann, und der hier war ehrgeizig, auch er wollte raus aus dem Loch, in dem er zu Hause war –

Aber dann habt ihr erst einmal in meiner Kammer gelebt. Von nun an ging keinen mehr deine Schönheit was an, hast du gedacht, und so war dir die Enge in meiner Wohnung nur recht.

Ich habe ihn so gehaßt wie dich, Mutter, da leuchtete mir ein, daß ihr beiden euch fandet, ein Keuchen und Wälzen und Stöhnen, ich lag daneben und rührte mich nicht, war immerhin froh, wenn man mich so begierig vergaß. Der Mann studierte, du gingst putzen, die Wochentage waren öd und leer, aber ich hatte meine Ruhe, und wenn er am Sonnabend kam, hast du Bier spendiert, ihr habt Karten gespielt und euch gewälzt –

Verachtet habe ich deinen Mann, genau wie dich, du hast dich taub und blind gestellt und gefühllos, und er ließ sich von deiner Kälte schrecken. Dann hast du einen neuen Feind entdeckt, das Ding in dir drin, das deinen Bauch groß und dick werden ließ, deine Reinheit bedrohte wie nichts zuvor.

Du hast es grinsend gesehen, warst schadenfroh, und der Mann sah nicht so genau hin, grapschte im Dunkeln nach dir Alten, entschlossen zur Karriere, nahm er alles, was sich ihm bot, mit Zimperlichkeit kam man nicht weit, aber im Hellen, draußen, bei den Leuten, da machte ich mich gut neben ihm, wußte genau, was man tut und was nicht, so wie ich lächelte, kam er gut voran, und dann entdeckte ich selbst etwas wie Macht, über ihn, über andere, die Macht der Verweigerung, meine Schönheit, die nichts und niemandem nützen sollte, außer mir –

Dein Kind, als es aus dir rauskam, war ein Mädchen, deinesgleichen also, und für so was hattest du nur Verachtung und neidvollen Haß, auch wegen der überzeugenderen Unschuld, die sich dir da präsentierte, genährt werden wollte, dich zur Funktion fremden Lebens degradierte. Aber es zeigte sich auch brauchbar als Schutzschild, eine so junge Mutter, und so schön, vor allen hast du die Brust freigelegt, vor Mann Bruder mir sonst wem, das Kind muß gestillt werden, schaut ruhig alle zu. Alle schauten und schwiegen und wurden nervös, du hast Haltung und Kühle bewahrt.

Und wenn Mutter und Mann dann rasch wo verschwanden, mir war egal, was da nun geschah. Manchmal hörte ich dein entrüstetes Nein-laß-das, aber du hast gekichert dabei, Mutter, und bestimmt warst du naß vor Begierde –

Daß du gekränkt sein mußtest bei soviel wälzendem Stöhnen, schließlich hast du es begriffen, es stand dir gut zur sonstigen Unschuld, und außerdem hast du dir einen Profit ausgerechnet, wenn dein Mann und ich im Gebüsch im ersten Auto im Ehebett uns erst wälzten, dann schämten und schuldig fühlten. Eine schöne Frau hat Ansprüche, und du im maßgeschneiderten Kleid, das half auch ihm, sahst du doch jetzt schon so erfolgreich aus, wie er noch werden mußte.

Ohne meine Ansprüche wäre aus ihm nie was geworden, in gieriger Dumpfheit hätte er sein Leben vertan, nur meine Ansprüche gaukelten ihm etwas vor wie ein Ziel. Daß er das Dumpfe mit dir erledigte, war immerhin besser, als versuchte er es bei anderen Frauen, so blieb das doch in der Familie unter der Decke im Zwielicht, auch ihm war klar, daß man so etwas eigentlich nicht tut, er dankte mir die Diskretion mit neuen Kleidern und Verehrung, für ihn war ich tatsächlich wie die Stars im Kino, so schön wie unerreichbar, ein Idol, das gut durchs Leben half –

Nie hast du begriffen, worauf es ankommt, du wolltest es nicht wissen, und daß ich es wußte, dafür hast du mich gehaßt, und dafür liebte dich dein Mann, dein Haß nahm ihm den eigenen ab, auf mich, auf sich selbst, aber er wurde zum Männchen darüber.

Dich, Mutter, verachtete er, je mehr er dich brauchte, deine Freigebigkeit mit Bier und Gekicher und Fleisch, er wußte, ich war ihm dankbar, daß ich davor bewahrt blieb, und daß du nicht immer zur Stelle warst, machte schließlich nur die Familie komplett, drei Kinder, so sollte es sein –

Mit blöder Bewunderung hast du dich abspeisen lassen, dabei warst du raffiniert genug, deine Kälte als Schönheit zu verkaufen, deine Kinder adrett, und er vergöttert dich, von Schwägerinnen und anderen Frauen läßt du dich beneiden, und zum Glück ist er nicht oft zu Haus. Du spielst gern und perfekt Hausfrau und Mutter, und als das dritte Kind ein Sohn ist, entdeckst du einen ganz neuen Reiz. Du stillst und wäschst und salbst und trägst ihn umher, deine Töchter sehen zu, neidisch und erstaunt, die Mutter hat doch ein Gefühl. Mit dem Sohn hast du erreicht, was du willst, und jetzt –

Jetzt mußte Schluß sein mit der dumpfen Gier des Mannes auf dir, auch war die älteste Tochter schon so, daß ihr nichts entging, aber noch ein Kind auch, das alles erzählt überall.

Auch dabei ging es dir nur um dich selbst. Die Familie das Ansehen deine Makellosigkeit waren in Gefahr. Du läßt den Mann nicht mehr aus dem Haus, mich nicht rein, aber was sollte er tun, er brauchte das, die Tochter hat Albträume und kommt dann ins Bett, manchmal gabst du vor, es verhindern zu wollen, aber dann lagst du wieder stumm, hast gelauscht –

Meine Tochter war verdorben, kam nach dir, Mutter, was sollte ich tun, wie hält man das Monster von Mann im Zaum, ob ich ihm dich oder die Tochter überlasse, egal, was ich tue, es ist falsch und riskant, die Tochter wird älter, womöglich darüber sprechen, und dann die Schande die Leute die Schmach.

Ein neuer, tragischer Zug rutschte dir da ins Gesicht, steht dir gut, du alterst auch nicht anders als ich, in Verbitterung Verachtung ergebener Haltung, und das Lächeln für andere hast du jetzt besser parat als die Puppe, die ich dir damals verbot, wie lange noch hältst du das aus?

Schön hat sie es hier, sagt da mein Sohn Matthias, und meine Älteste tut so, als hätte sie ihr und mein Schweigen nicht verstanden und stimmt ihm zu. Anne und Ella lauern, auf den nächsten Satz, der nicht angemessener ausfallen wird als die beiden ersten, die zwei meiner Kinder gewechselt haben in Erwartung meines Todes.

Wie geht es Renate, fragt meine Tochter.

Wie schon, mein Sohn zuckt die Schultern, ganz gut, aber die Stufen, die stickige Luft hier drin.

Es gibt Fahrstühle im Haus, erwidert die Tochter, weidet sich an brüderlicher Verlegenheit.

Wo ist Kurt, kontert mein Sohn, die Tochter wird blaß.

Das hat gesessen, aber dein Bruder hat recht, Tochter, wo ist er, dein Mann, unser Männchen?

Ich weiß nicht, unten, keine zehn Pferde kriegen ihn hierher, hat er gesagt, aber du kennst ihn, ich sorge mich, was macht er jetzt allein.

Nicht einmal zum Mittagessen haben wir uns Zeit genommen, beschwert sich mein Sohn, man weiß ja nicht, wann.

Ich hab alles vorbereitet fürs Essen, verweist die Tochter auf Unfehlbarkeit, aber nun steht das noch immer in meiner Küche, Kurt sollte.

Kann man nicht hier irgendwo, fragt mein Sohn, eine Kleinigkeit, essen muß der Mensch.

Dann schweigen sie, stehen, wissen nicht, was die Situation von ihnen fordert, Anne und Ella lächeln schadenfroh.

Die Söhne von Ella bringen Erlösung, stürmen ins Zimmer, grüßen mich, wollen ein Eis.

Nicht vor dem Essen, bestimmt ihre Mutter, dann geht wieder die Tür auf, mein Jüngster, mein Schwiegersohn auch, das Männchen, er gibt sich als männliche Furie, blicklos, sprachlos, das Gesicht eine Grimasse aus Wut, jetzt sind fast alle versammelt, ein schweigendes Halbrund um mein Bett, sie stehen und warten, worauf, ich sollte etwas tun, nur was, solange sie mich so anstarren, halten mich ihre Blicke zusammen, am Leben.

Mich ärgert etwas, was, daß die nun alle denken, sich mustergültig zu zeigen, so wie sie stehen ums Bett und warten, jetzt liegt alles an mir, sterben sollte ich, jetzt, sofort, sonst mache ich ihre Zusammenkunft zur Farce, sie stehen, als hielten sie die Luft an, lange halten sie das nicht durch, mir machen sie ihre Verlegenheit zum Vorwurf. Sterbe ich jetzt?

Nein. Mich spüre ich nicht, aber wie sie dort stehen, starren, als könnten sie damit mein Leben bezwingen, es aufsaugen mit Blicken, versickern lassen im Schweigen, zermalmen in Bewegungslosigkeit. Nein, jetzt sterbe ich nicht, ich öffne die Augen, Ella ist sofort zur Stelle, ich gebe ihr die Möglichkeit zu zeigen, was sie kann. Hast du Durst Oma Ja Warte ich helfe dir Hier ist das Glas.

Die andern sind beeindruckt, wie sich das abspult, wie die das kann, verblüfft auch, daß ich Flüssigkeit brauche zum Sterben, Zweifel steigen in ihnen auf, warum sind sie hier, doch nicht um zu sehen, wie ich trinke.

Dann liege ich wieder stumm und laß ihnen Zeit, mich zu betrachten als werdende Leiche, Langeweile steigt aus meinem reglosen Fleisch, legt sich auf alles, sie sind ratlos, ein bißchen Dramatik wär jetzt nicht schlecht, darum war ich sonst nie verlegen, und vielleicht, weil ich das Drama jetzt nicht liefere, halten sie es für möglich, daß ich doch krepier, jetzt, in zehn Minuten, einer Stunde, solange halten sie schon noch durch, aber wir werden ja sehen, wer diese Schlacht gewinnt.

Ich knipse das Nachdenken aus, rutsche in Vagheit, eine Starre, die Leben spart. So laß ich sie zappeln, stehen, schweigen, mir wird jetzt nichts mehr lang –

Jeder braucht so lange, wie er eben braucht, hör ich es irgendwann sagen, das war ich, so klar und deutlich meine Stimme, ich glaube es kaum, aber ich war es, die um mein Bett sind sprachlos, mein Jüngster lacht zuerst, und gleich darauf reden alle durcheinander, eine Pflegerin bringt Stühle, setzen Sie sich doch, vielleicht etwas Kaffee?

Ella erinnert sich an den Kuchen in ihrer Tasche, und dann essen sie alle, von meinen Tellern, lachen aufgeregt, vergessen mich.

Dachte ich es mir doch, sagt mein Jüngster, die rappelt sich wieder, ich kenn sie, und Gisela meinte auch –

Wagt der es, ihren Namen zu nenne, hier, an diesem Bett, bloß weil ich doch noch nicht sterbe! Aber was sie sagte, das erzählt er jetzt doch nicht, er spürt, ich leb noch zuviel, da traut er sich nicht, und jetzt fällt ihm auf, es war falsch, ihren Namen zu nennen, die andern werden ihm vorwerfen, daß sie nicht da ist jetzt, er wechselt schnell das Thema und fühlt sich unbehaglich im Gedanken an sie, und ich weiß genau –

Ich geh da nicht hin, sagte Gisela zu ihm, sie ist nicht meine Mutter, und du weißt, was ich von ihr halte, und überhaupt, sei froh, daß ich dich genommen habe von ihr, du stehst ja noch heute unter ihrem Kommando. Aber sie stirbt, heißt es, sagte Joachim, seine Frau lachte. Na und, soll mir recht sein, eure Heuchelei mach ich nicht mit. So ging ihr Mann, der Sohn, allein an das Bett seiner Mutter, und auch heute traut er mir zu, daß ich doch noch nicht sterbe, das Gelächter seiner Frau dann dröhnt ihm schon jetzt in den Ohren, aber was soll er tun, er muß doch, er geht.

Seine Frau atmet auf, diese Alte, ein Schandfleck, ist sie erst verschwunden, wird alles gut. Sie ruft ihre Kinder zu sich, freut euch, sagt sie ihnen, daß ich euch vor der bewahrt habe, jetzt macht sie es hoffentlich nicht mehr lang. Sie liebt ihre Kinder, heimliche Lüsternheit, nein, soweit kommt es noch, sie zieht sich aus. Tu das auch, fordert sie die Tochter auf, die ist vierzehn und gut gewachsen, hier geblieben, Sohn! Sie lacht, sieh uns an und dann sag, wer dir besser gefällt. Sieh nur, meine Brüste sind Täschchen, nicht zu groß und nur ein klein bißchen schlaff, ja, faß ruhig an, spürst du, wie alles vibriert? Der Sohn ist sechzehn, liebt Mutter und Schwester, und Geheimnisse unter den Bettdecken gibt es hier nicht, Geheimnisse gab es nur bei der Alten, aber hier ist man frei. Sie faßt nach den Brüsten der Tochter, sie füllen schon gut ihre Hände, sieh nur, wie süß, die Nippel deiner Schwester, ja, Sohn, drück sie fester, und jetzt, nein so was, ein Pickel an meinem Schenkel, nein, höher, nun zier dich doch nicht, und wo wir schon dabei sind, sieh nur hin, Sohn, genau, damit du weißt, was dir blüht, du mußt lernen, was den Frauen gefällt. Sie lacht, zaust dem Jungen das Haar, steht, biegt den Rücken nach hinten, du auch, meine Tochter, das tut uns gut, spürst du es, und dein Bruder hat was zu sehen, wir sind unter uns und schämen uns nicht. Zieh die Hose aus, Sohn, es ist heiß, und sieh nur, der Arsch deiner Schwester, bei deinen Freundinnen findest du so einen nicht.

Sie ist glücklich und stolz auf ihre Familie, und wäre mein Sohn jetzt da, er säße vor Zahlenkolonnen, beobachtete das innige Treiben von Frau Tochter Sohn, aber heimlich nur, schielend, und seine Hand unter dem Schreibtisch weiß genau, was sie tut.

Eincremen, sagt die Frau, das ist wichtig, so schön wie ihr seid, sollt ihr bleiben, los, alle im Kreis, die Creme reicht für alle, sie reibt die Tochter, die Tochter den Bruder, der Sohn sie selbst, ja, das tut gut und gesund ist es auch, schämt euch nicht, wir sind unter uns, und seht nur, euer Vater, er arbeitet noch immer für uns. Joachim, willst du nicht kommen, wir spielen so schön, und jetzt sind wir ölig und glänzend, umdrehen, ruft sie, Rücken an Rücken, und nun hüpfen wir alle, wie lustig das wackelt, euer Vater soll sehen, wofür er schuftet, nun schau uns doch an, sieh nur, dein Sohn, wie das ragt, er kommt ganz nach dir, und die Titten deiner Tochter, aber meine sind auch nicht schlecht. Sie ist fröhlich, sie hüpft, dreht sich und spreizt sich, auch den Kindern gefällt jetzt das Spiel, aber der Mann schreibt weiter mit der rechten, was die linke Hand tut, sieht man nicht, er ist eben verklemmt, erklärt die Mutter den Kindern, kein Wunder, da wo er herkommt, sind alle so, aber ein bißchen was hab ich inzwischen doch aus ihm gemacht. Jetzt machen wir es uns gemütlich, schlägt sie vor, dort auf der Couch, der Größe nach, ich zuerst, dann der Sohn, dann die Tochter, Bauch an Rücken an Bauch, und euer Vater hat einen guten Blick auf die Pracht.

Dann erzählt sie Geschichten von früher, die Kinder mögen das, es war unsere erste Reise ins Ausland, was waren wir jung und euer Vater so schüchtern, und wie ich euch erzog, war ihm fremd, nackt und frei, so auch dort am Strand. Ihr saht uns zu, ich hab ein bißchen geschwindelt, ihr wart noch so klein, sagte euch was vom Stich einer Mücke, aber heute wißt ihr, warum die Zunge eures Vaters dort war, ach, das war schön, und dann war da dieses Paar, sympathische Leute, ganz nach meinem Geschmack, wir verbrachten viel Zeit miteinander, und ab und zu steckte der Mann ihn mir rein, wenn ich vor dem Zelt kniete manchmal, oder im Wald, wir sammelten Holz für ein Feuer, und euer Vater, ihr hättet ihn sehen sollen, Stielaugen kriegte der, erinnerst du dich, Joachim? Und die Frau hast du nicht angerührt, na ja, das versteh ich, sie war etwas fett, und wie sie ihre Brüste dir anbot, sie beschmierte sie mit Sahne, wenn es Erdbeeren gab, aber du schautest weg, wolltest nur mich, ja, ich weiß schon, was ich an dir habe, obwohl, die Beine von der waren nicht übel, und sie mochte es sehr, wenn ihr beiden euch, ihr wart noch so klein, auf sie gesetzt habt und dann in wildem Ritt, ach ja, das war schön, wie sie da lag mit der Hand zwischen den Beinen, manchmal war es auch ein Füßchen von euch, und wenn die Alte jetzt endlich stirbt, wartet ab, euer Vater wird es schon noch lernen, aber erst muß die Alte weg, bösartig und verdorben ist sie, deshalb redet sie immer von Sünde, uns ficht das nicht an.

5

Seit Jahren haben diese beiden nicht miteinander geredet, als gelte es mit dieser Weigerung Ausgleich zu schaffen dafür, was Vater und Tochter sonst nicht miteinander tun, sie können es auch jetzt nicht, verstehen sich trotzdem, so ist zu befürchten, nehmen sich eine Pause vom Zuschauen beim Sterben, der Fernseher läuft, ihr Schweigen zu schlucken.

Yes, sagt einer in dem Kasten, er ist weiß unter all den Schwarzen, sitzt allein, Südafrika also, yes, sagt er, nickt.

No, sagt der alte schwarze Mann vor ihm. You are requested to answer with „that is correct“, or with „that is not correct“ in case that should be true. The truth is at stake here, da läßt sich der Übersetzer wieder hören, es geht hier um die Wahrheit und sonst nichts, unter den weiß zerflimmerten schwarzen Anklägern, Zeugen, Zuhörern wird zustimmendes Gemurmel laut, wie bei diesen Gottesdiensten, in denen die Gemeinde jedem Satz des Mannes vor dem Altar zustimmt, ihn anfeuert zum nächsten, der Weiße auf der Anklagebank nickt, that ist correct, das trifft zu, übersetzt die deutsche Stimme.

Sieht der alte Mann, was da im Kasten geschieht? Die Kamera pickt eine schwarze Alte heraus, sie strickt und weint, schüttelt den Kopf, nickt, strickt. You have been alone in this room, you and the prisoner, fragt der Leiter der Anhörung den Weißen, Sie und der Inhaftierte waren allein im Raum, schiebt sich die Übersetzerstimme darüber, der Angeklagte nickt, that is correct,

was soll das alles, sagt der alte Mann, zündet sich die nächste Zigarette an, es war doch ganz anders, und du wenigstens solltest das wissen, es ist nicht die ganze Wahrheit, hält denn gar niemand mehr zu mir,

that is correct, sagt die weiße Stimme im Kasten, darum geht es jetzt doch nicht, sagt Anne, die dem alten Mann gegenüber sitzt, ihn nicht aus den Augen läßt, während er in den Kasten starrt, sie stirbt, ist dir das noch immer nicht klar? Und außerdem, was ist denn die Ganze Wahrheit, wenn nicht das?

Und was wird aus mir, winselt der alte Mann, danach fragt keiner, danach hat nie jemand gefragt, nicht einmal du.

Diese Kommission, sagt die Fernsehstimme, während dort in dem großen Raum niemand etwas sagt, hat sich eine große Aufgabe gestellt, denn wie schon der Name sagt, geht es eben nicht nur um die Wahrheit, sondern um Versöhnung der einstigen Gegner. Dieses Ziel hat seine Auswirkungen auf die Art der Befragung. Nicht um Urteile geht es, sondern –

Alle haben mich immer im Stich gelassen, redet sich der alte Mann aus seiner Leblosigkeit, warum, frage ich mich, warum sie, warum du, warum versteht mich denn keiner, ich jedenfalls war immer für dich da, vergiß das nicht, nie wird das anders sein, und kann ich da nicht verlangen,

wer also hier in diesem Raum und an vielen anderen Orten in diesem Land, sagt die Fernsehstimme, weil in dem Raum dort noch immer nichts geschieht, glaubhaft vermittelt, daß er die Wahrheit sagt, den erwartet kein Urteil, sondern Versöhnung, so schwer das den einstigen Opfern auch fallen mag. Versöhnung, und nur eine Bedingung gibt es dafür, ein begangener Mord muß politisch motiviert gewesen sein, darf keine persönlichen Gründe haben, weil

du und ich, sagt der alte Mann, wir haben uns doch immer verstanden, warum leugnest du das jetzt, nur weil die stirbt, erinnere dich, was wir alles –

that is not correct, erklärt dort jetzt der Weiße, all I did I had to do because of the orders, official orders, ich handelte nicht aus persönlichen Gründen, sondern war gebunden an die Anweisungen meiner Vorgesetzten,

ich erinnere mich gut, aber anders als du, Annes Stimme neben dem alten Mann, that is correct, oder nein, ich verlernte, meinen Erinnerungen zu trauen, wünschte zu oft, es handle sich nur um Phantasie, gut erinnere ich mich nicht, aber ausreichend, mehr brauche ich nicht, um dich nicht zu verstehen.

Jetzt gibst du es wenigstens zu, du verstehst mich nicht, du auch nicht, aber warum ist das denn so schwer? Etwas mußte doch mir gehören, allein mir, steht das nicht jedem zu? Etwas außerhalb jeder Berechnung, eine Erfahrung gegen die Norm,

can you repeat that wiederholen please Sie bitte clearly is that correct? The prisoner stood right in front of you genau vor Ihnen that is correct,

ein Besitz eben, meins, auch mit einer Vorstellung von Reinheit hat das zu tun, falls du dir darunter etwas vorstellen kannst, mit Eindeutigkeit, Fleisch von meinem Fleisch, ja, und das Recht dazu hab ich mir genommen. Was bekommt man schon, wenn man erst lang danach fragt.

Anne glaubt noch nicht, was sie da gehört hat, was er gesagt hat, war das eine Beschreibung, ein Geständnis? Wäre das immer so einfach von ihm zu haben gewesen, ohne Tricks, ohne Druck? Sie fragt, nur um etwas zu sagen, nur damit er nicht merkt, was seine Worte bei ihr anrichteten, nur damit es jetzt irgendwie weitergeht, wie kam es dazu? Mit einem Plan? Hast du mich –

Der alte Mann lacht, wirft ihre Fragen mit schmissiger Hand beiseite, planvoll, anders kannst du nicht denken, genau darum ging es nicht, kein Plan kein Vorsatz kein Ziel, da rutscht man so rein, er kichert, ja, ich bleib dabei, reingerutscht bin ich in diese Reinheit, mein Fleisch so jung an dir, es war stärker als ich, als du sowieso, wir begriffen es nicht und wurden darüber stark gegen das Pack überall,

Mr. Chairman, with all respect, I don’t know, what I was thinking at that stage, wie soll ich mich daran noch erinnern? Der Vorsitzende zeigt sich flexibel, gut, lassen wir das, was immer Sie gedacht haben mögen, but what did you feel, how did his body feel, sein Körper, wie fühlte sich das an, was it completely relaxed, did it got limp, eine Entspannung bis zur Erschlaffung,

jetzt hast du Schiß, bellt er, sag’s doch, sprich es aus, was wirfst du mir denn vor? Er fühlt sich listig, glitzernde Augen, das Debile hat sich verdrückt, er phantasiert Übermacht, fragt nicht worüber, in seinem Mund drängeln sich Worte, vor denen er nie zurückgescheut hat, Feigling, höhnt er, dann halt eben die Klappe, das hilft dir auch nichts, du bist und bleibst eine von uns.

Sie starrt starr auf den Kasten, der Prozeß dort, heute, Bilder und Worte wie in jenem anderen Prozeß, hier, vor Jahrzehnten, auch jener in Jerusalem, wo einer so harmlos bieder beflissen schwadronierte, s’ist lange her, und schön war die Jugend, und man forderte mich kategorisch auf: Du kommst zu uns! Wie das eben damals so ging, burschikos, da wurde nicht lange herumundsoweiter. Ich sagte dann, ja gut! So kam ich zur SS.

So kommen wir doch nicht weiter, murmelt sie, erschrocken über sein Geständnis, auch über sich, daß sie jetzt absolut gar nichts fühlt, müßte jetzt nicht schlagartig alles vorbei sein, doch das Spiel geht noch weiter, sie würde gerne rauchen, tut es nicht, weil er so viel raucht und sie keine Form von Gemeinsamkeit will, außerdem ist es geschehen und mir lang schon egal, lügt sie sich einen Ausweg, du bist auch nicht mehr der, der du da warst, und vielleicht wäre es besser,

und da meinte er, erzählte der in Jerusalem noch eine Geschichte aus seinem Leben, es wäre besser, wenn ich erst mal ein bißchen Soldat spielen würde. Es sei höchste Zeit, daß ich gehen lernte. Ich sagte mir, gut, wirst du eben Soldat,

and firstly, I apologise to any person, entschuldige ich mich erstens bei jedem, whom I have harmed, altough I deny that I killed him unlawfully, gegen das Gesetz war es trotzdem nicht, daß ich ihn tötete, aber wie auch immer, er starb in der Folge von etwas, das ich tat, and for that I apologise,

ob du je etwas getan hast außerhalb der Spur, Anne weiß selbst nicht, interessiert sie das wirklich oder will sie ihn irgendwohin treiben, etwas aus eigener Entscheidung, eigenem Wunsch?

Wir haben uns, setzt er sein Selbstgespräch fort, denn wenn er sie auch nicht unterbricht, an sie sind seine Worte nicht gewandt, nicht so ernst genommen damals, er sitzt im Sessel wie auf dem Sprung, was für Worte benützt sie da, heuchelt Neugier, immer zu allem bereit und nicht lang gefackelt, aufregend war es und leider dann schon vorbei, bevor ich –

Alles vorbei, ist es das? Du trauerst doch bis heute darum, ein richtiger Nazi wärst du gern gewesen, Fluch der ein klein bißchen zu späten Geburt, und dann blieb dir nur deine Familie, aber Vorbilder für den Terror hattest du ja, zwölf Jahre können eben doch wie tausend sein, Inzest im ganz großen Stil, wer gab hier wem das Vorbild? Fremde sind Feinde, also bleibt man unter sich, eine Familie muß zusammenhalten, Komplizen, klar, alle unter einer Decke, nichts schweißt enger zusammen als ein Verbrechen, am besten eines jeden Tag neu,

und der Dienst, gestand der Angeklagte dort in Jerusalem, war eintönig, aber für mich war es eine schöne Zeit, denn er führte mich in den bayerischen Wald, der das ganze Ebenbild meiner Mühlviertelwälder ist, meiner zweiten Wahlheimat.

Und trotzdem bin ich mir treu geblieben, zeigt der neben der Frau sich stur gelassen, weil ich weiß, wo ich herkomme, wohin ich gehöre, die Ideale meine Jugend habe ich nie –

Dort war ein scharfer militärischer Zug an der Tagesordnung, so wie ich ihn bis dahin noch nirgends kennengelernt habe. Außerhalb des Konzentrationslagers waren wir untergebracht in einem riesigen ehemaligen Munitionsverladungsschuppen aus Zement und Eisen gebaut, und wir schliefen darin drei Stück übereinander.

Das Denken in Stückzahlen liegt dir doch auch, versucht sie ihn zu provozieren, und wie man sieht, haben deine Vorbilder es erst an sich selbsterprobt, bevor sie in Stückzahlen, die ins Unzählbare gingen –

Was wirfst du mir eigentlich vor, bellt er dazwischen, klar war ich hart, zu mir, zu euch Kindern, sei doch froh, wenn das Weiche dabei nicht völlig –

Das sehr harte Leben bei der Truppe paßte vielen nicht, erinnerte sich der Stückzähler. Mir war das gleichgültig, mir paßte nur das Einerlei des Dienstes nicht. Es war also nicht die Härte des militärischen Lebens in Dachau, was mich überlegen ließ: wie kommst du hier weg. Es war das tötende Einerlei. Als ich nun hörte, daß der Sicherheitsdienst des Reichsführers Leute aufnimmt, dachte ich mir, das ist eine sehr ordentliche Angelegenheit –

Das wäre doch auch etwas für dich gewesen. Sie sah ihn an, nur von der Seite. Eine ordentliche Angelegenheit als Ausweg aus tötendem Einerlei, Ordnen des Todes eine Maßnahme gegen Langeweile. Manche konnten sich ja aussuchen, wie sie entkommen, dagegen die tödliche Leier des immergleichen Verfahrens für Millionen, die nicht erst im Tod einander gleich werden sollten –

Du weißt ja nicht, was du da sagst, bist du dabei gewesen? Wäre er dazu in der Lage, er schäumte jetzt vor Wut und Verachtung für sie, die er nur vorgeblich anschaut, er trifft ihre Augen nicht, schon lange nicht mehr, meist klebt sich sein Blick an ihre Stirn, sie fragt sich bisweilen, ob das seine Strafe ist, er kann ihr nicht mehr in die Augen sehen, doch zugleich muß sie oft auch kämpfen gegen ein Gefühl, sie sei es nicht wert, von ihm gesehen zu werden, und dafür schämt sie sich und hält so den Kreislauf in Gang. Ja, sie spurt, genau wie er es immer verlangte, und ein Trost ist es nicht, daß er nichts davon weiß.

For weeks my children could not play in the normal ambit of other children, klagt der Weiße auf dem Bild aus dem Kasten, wochenlang konnten meine Kinder, faßt der Übersetzer zusammen, nicht mit anderen Kindern spielen, because of my work with the Security Branch, wegen meiner Arbeit für den Sicherheitsdienst brauchten sie Polizeischutz auf Schritt und Tritt –

Du hast verhindert, im Bündnis mit ihr, deiner Frau, daß ich Freundschaften schloß mit anderen, rafft die Frau sich nun doch zu einem Vorwurf auf, weil ihr Angst hattet, sie bestimmt mehr als du, Rücksichten dieser Art hast du an sie abgetreten, es käme heraus, wir brauchen niemand, hast du oft erklärt, deine Familie gegen den Rest der Welt, was da noch fehlte, war das Haus als Bollwerk, Gefängnis, und was hier drin geschieht, hast du immer gesagt, das geht keinen was an. So reden Verbrecher, merkst du es denn immer noch nicht, das war nichts als Einschwörung auf –

Von einem schrecklichen Leben spricht der Weiße vom Sicherheitsdienst, my house windows had to be barricaded with cupboards, alle Fenster mit Schränken verbarrikadiert, every night a wet blanket had to be put in the bath, für den Fall, daß eine Granate, my wife threatened divorce, drohte mit Scheidung,

das tat deine Frau nie, oder doch? Sie sorgte dafür, daß ich nach keinem Alptraum mehr ins Ehebett kam, obwohl du dort auf mich gewartet hast, die Bettdecke einladend hoch hieltest, damit all das ein Ende habe, zerstritt sie sich mit ihrer Mutter, und fortan hast du die damals noch gar nicht so Alte nicht mehr angesehen, gabst ihr, war es unvermeidlich, die Hand nur wie einen nassen Lappen, willst du deshalb nicht sehen, wie sie jetzt stirbt?

Yes, I did terrible things, but as God as my witness, der Weiße reckt sich und legt eine Pause ein, ja, ich habe schlimme Dinge getan, aber Gott ist meine Zeuge, auch ich habe gelitten, believe me, I have also suffered.

Und wer fragt nach mir? gibt er sich weinerlich und so, als begriffe er nicht, wovon sie neben ihm spricht, über die Klage des Weißen hinweg, über die Monotonie des Übersetzers.

I may not call myself a victim of Apartheid, als Opfer der Apartheid kann ich mich nicht bezeichnen, but yes Sir, I have also been a victim, war ich trotzdem ein Opfer.

Als wessen Opfer siehst du dich am liebsten, warum sagst du nichts mehr? nimmt Anne den Faden auf, dabei redet er dauernd weiter, hier ist doch jedes Wort zu viel, du weißt doch sowieso alles besser, weshalb sollte ich da, holst du den Schnaps aus dem Schrank?

My purpose was to arrest him and not to kill him, wollte ihn einsperren, nicht töten. Although his death was a tragedy for his family, eine Tragödie für seine Familie, I am very, very sorry that he had to die, es tut mir sehr leid, daß er sterben mußte, but the tables could very easily have been turned on that day, aber wie leicht hätte es anders herum sein können, the outcome could have easily been very different and it could have left myself being wounded or killed, und dann wäre ich verwundet oder tot gewesen.

Daß es anders herum sein könnte, sagt sie, holt den Schnaps, konnte ich mir leider nie vorstellen, allein der Gedanke, du könntest mein Opfer sein, nicht ich deins, nur phantasiert, war so unmöglich wie ekelhaft, deshalb wehrte ich mich auch nicht, als du mich schlugst, schrie auch nicht, erinnerst du dich, meine Haare waren lang, gut zu fassen für dich mein Kopf, immer an die Wand damit, Rauhputz war es, nicht lange her, daß ich half, ihn aufzutragen, im neuen Haus, sagtest du, wird alles besser, und mit meinen Haaren in deiner Hand gerietst du in Ekstase, ich versuchte, dich in meinen Blick zu zwingen, weil du dann, so phantasierte ich, aufhören würdest, sofort, und, mehr als das, vergehen vor Scham. Aber ich bekam dich nicht in meinen Blick, damals schon schieltest du absichtsvoll, und dann rief sie, hör auf damit, so eine ist es nicht Wert, daß du ins Gefängnis kommst, mir lief Blut über die Stirn, und daß ich nie schreien wollte, kreidete meine Schwester mir als Dummheit an, er hört dann sofort auf, riet sie mir.

And once again, I apologise to the family for his death, entschuldige ich mich noch einmal bei seiner Familie für seinen Tod, and I thank God that I, who also have children, that I was not the person who was killed on that day, und da auch ich Kinder habe, danke ich Gott dafür, daß an diesem Tag nicht ich derjenige war, der getötet wurde.

Ob es meiner Schwester gelang, dich so ihr vom Leib zu halten? Indem sie schon schrie, wenn du nur die Hand erhobst? Bis heute ist es ihr und mir unmöglich, darüber zu reden, noch einer deiner Triumphe, von denen du nichts ahnst, sie kennt dich bestimmt ganz anders als ich, oder ist das nur eine Hoffnung von mir? Was für eine? Daß es ihr erspart blieb, oder daß ich wenigstens die einzige war?

Was faselst du da, du tickst doch nicht richtig, hast du vergessen, wen du vor dir hast, er lächelt beleidigt und geschmeichelt zugleich, kippt Schnaps in sich, die Luft im Zimmer ist dick von seinem Rauch.

I did not go there by myself. I acted under instructions to survey that area, bin dort nicht freiwillig hingegangen, hatte meine Befehle, was sollte ich tun?

Ich hätte damals zu allem Ja und Amen gesagt, wenn man mich gefragt hätte, der im Glaskasten in Jerusalem lächelte spitzbübisch. Eines Tages bekam ich Order, mich in der Abteilung sowieso, die Nummer weiß ich heute nicht mehr, zu melden. Juden! Das Wort ging ihm über die Lippen, als wäre es seine Erfindung, in der Abteilung Juden bekam ich ein völlig neues Aufgabengebiet. Der Untersturmführer war ein sehr aufgeschlossener, liebenswürdiger Mensch, schien viel in der Welt herumgekommen zu sein. Ich wurde sehr schnell warm mit ihm, und –

Warum hast du eigentlich nie Freunde gehabt, riskiert sie noch eine Frage, besoffen wie er ist, riskiert sie damit nämlich nichts, vielleicht, weil da doch etwas war wie Scham?

Ich kann mir selbst immer noch in die Augen sehen, behauptet er da, und Freunde, wenn ich das schon höre, aber viele setzten auf mich, und früher einmal,

eine der ersten Sachen, die er mir gab, war ein Buch „Der Judenstaat“ von Theodor Herzl. Er sagte mir, ich solle das durchlesen. Das habe ich dann in den folgenden Tagen intensiv getan. Das Buch hat mich interessiert, ich hörte bis dahin noch nie so etwas, und nahm es in mich auf. Ich hatte – es kommt wohl von meiner romantischen Seite her, von meiner Liebe zur Natur, zu den Bergen, zu den Wäldern – irgendwie einen solchen Kontakt zu dem Buch bekommen, daß ich mir den Inhalt auch merkte und aufnahm. Ich wußte ja nicht, was dann kommen sollte. Als ich das Buch fertig hatte, bekam ich die Weisung, einen Extrakt herauszuziehen.

Du mußt ja krank sein, er grinst, alles verdrehst du, Freunde brauchte ich nicht, wo mir meine Kinder über alles gingen. Weißt du wirklich nicht mehr, unsere Wanderungen früh morgens, wenn es noch dunkel war, ich lehrte euch, die Geräusche im Wald nicht zu fürchten, und im Winter, ganz allein am Hang, im Tiefschnee, du hast alles mitgemacht, Zähne zusammen gebissen, dabei warst du noch klein,

und du hast mich dort liegen lassen im Schnee, nimmt sie den Faden seiner Erinnerung auf, doch wieder nicht in seinem Sinn, stell dich nicht so an, mehr hast du nicht gesagt, dann deine Schußfahrt zum Hotel, man konnte es schon sehen, die Lichter, ich stellte mir vor, wie Mutter und Schwester dort behaglich im Warmen, bei Kuchen und Kaffee, und jetzt gleich dann auch du, ihr pflegtet dann zu tanzen, in Skistiefeln, aber ich lag dort, schnell wurde es dunkel, keine Ahnung mehr, wie ich die paar hundert Meter schaffte, es dauerte sehr lang, und da warst du stolz auf mich, und erst am nächsten Tag zeigte sich, daß mein Knöchel zu Bruch gegangen war wie wieder einmal noch etwas anderes,

und im Sommer, weißt du noch, dort an diesem bayrischen See,

höchste Zeit, daß du Schwimmen lerntest, und danach warst du ja auch eine Wasserratte, wie sie im Buch steht,

aber bevor es so weit kam – und auch dies ist etwas, wofür ich mich schäme, trotz und bei aller Lust, ich geb es zu, die ich im Wasser erlebe -, schwammst du mit mir hinaus, ich auf der Luftmatratze, die du plötzlich wegzogst unter mir, schwimm! Du lachtest, ich war sicher, gleich zu ertrinken, begriff nicht, wie du das zulassen konntest, doch dein Plan stand dir ins lachende Gesicht geschrieben, beweg dich, wie wir es am Strand geübt haben, befahlst du mir, ich schlug um mich, wild, Todesangst hielt mich über Wasser, ich rief um Hilfe bei ihr, die am Ufer stand, sah, daß sie lachte wie du, daß sie Zeichen machte, begriff – sie zählt, ihr wart Komplizen, und ich mußte durchhalten, bis die abgesprochene Zahl erreicht war, und später kauftest du mir Eis zur Belohnung, und daß ich es aß, es mir schmeckte, gehört zu dem vielen, das ich mir nie verzeihe.

Für ein Eis warst du immer zu allem zu haben, sein Lächeln jetzt, ein zufriedener Vater, er hört einfach nur, was er will, denkt sie und nimmt sich vor, nichts mehr zu sagen.

In diesem Bericht habe ich sachlich dargestellt den Aufbau der zionistischen Weltorganisation, die Ziele des Zionismus, seine Hilfsquellen und seine Schwierigkeiten. Auch seine Förderung wurde unterstrichen, weil er unseren eigenen Wünschen insofern entgegenkam, als er eine politische Lösung anstrebte: er wollte Grund und Boden haben, wo sich sein Volk endlich in Ruhe hinsetzen und niederlassen konnte. Das deckte sich weitgehend mit dem nationalsozialistischen Wollen.

Natürlich habe auch ich Fehler gemacht, räumt er ein, das gehört nun mal dazu, aber jeder wird dir bestätigen, daß ich ein wahrer Kindernarr war,

daß ich langsam zum Fachmann in zionistischen Fragen heranreifte. Ich bekam auch Zeitungen, darunter den „Hajnt“. Die Zeichen konnte ich nicht lesen, darauf habe ich mir ein Buch zum Lernen von Hebräisch gekauft. Ich muß gestehen, meine Sympathien galten damals nicht den Arabern, sondern den Juden.

Meine Kinder über alles, ja, so war ich, und jung genug um zu wissen, was Kinder brauchen. Abhärtung, das hat noch keinem geschadet,

kalte Duschen sind mir seither verhaßt, sie ist froh, das sagen zu können, es ist wahr, anders als beim Schwimmen und Eis essen und vielem anderen ist sie ihm wenigstens hierin untreu geworden, doch andererseits, wer schon mochte kalte Duschen, außer den Ideologen der Abhärtung,

und Turnübungen, wenn ich Urlaub hatte, nicht nur abends, ich wußte euch zu nehmen, ihr habt alles mitgemacht,

halt, verlangt sie, beiden starren auf den Flimmerkasten mit yes, Sir, that is correct, no Sir, that is not correct, dort in der Dusche geschah auch noch anderes, und wo wir schon mal dabei sind und du doch nicht zuhörst, ich wollte immer mal sehen, was geschieht, wenn ich es sage, sage, daß ich es weiß, daß es lange vergessen war, aber nicht für immer, vor ein paar Jahren, jung war ich schon nicht mehr und du auf der Intensivstation, ich kam von dort, nach einer ganzen Nacht neben dir, delirierend hast du wieder mal nicht gewußt, was du tust und bleibst seither dabei, zusammen mit Pflegern, Schwestern hielt ich dich, hielt durch, dann zu Hause, weit weg von dir, ich schloß meine Tür und in meinem Kopf explodierte eine Folge von Bildern. Ich erschrak, verwehrte mir, was ich eindeutig sah, was geschehen war damals, schrieb es meiner Übermüdung zu, dem Schock nach dem Besuch bei dir, erschrak über mich – was denke ich da über ihn, der mein Vater ist und noch immer um sein Leben kämpft, jedenfalls um den Rest eines Lebens, vielleicht stirbt er ja, und dann –

dann haben wir Eis gemacht, weißt du noch? Er kichert, daß er so angenehme Erinnerungen hat, ahnte er nicht, Eis am Stiel, weißt du noch, seine Augen glitzern.

Eis am Stiel, ja, wiederholt sie, schenkt sich nun auch Schnaps ein, die Gemeinsamkeit mit ihm ist doch nicht zu leugnen, es war der Geheimcode dafür.

Geheimcode? wiederholt er jetzt auch, da sie wegschaut, auf das Bild im Kasten mit dem Weißen vor all den Schwarzen, riskiert er es, sie anzusehen, Geheimcode wofür?

Für das, was unter der Dusche geschah, Eis am Stiel. Wir steckten Zahnstocher in die flüssige Masse, es gab sie in Dosen, kleine eckige Würfel entstanden, Zitrone war mir am liebsten.

Was soll der Unsinn, ich meine, ja, Zitroneneis, daran erinnere ich mich auch, doch was hat das mit der Dusche zu tun.

Nicht mit der Dusche, mit dir und mir in der Badewanne, du nanntest das Duschen, hast es allmählich entwickelt, deswegen ist Duschen auch ein Geheimcode.

Aber wofür?

Für das, was du tatest, während du den Duschkopf über uns beide hieltest, oder doch nur über mich? Kaltes Wasser floß heraus, wir waren beide nackt –

Natürlich, ich war doch nicht verklemmt!

– mal sollte ich stehen, mal knien, alles nach deinem Kommando, du hast mich eingeseift, zwischendurch das Wasser auch einmal warm, die Schockwirkung mußte gehalten werden, und dann hast du, ich kann es nicht sagen, nicht so direkt, doch wozu haben wir unser Geheimwort, also das, was zum Stiel wurde an dir, während du dich nackt an mir riebst, mich immer noch gründlicher wuschst, hast du in die Masse gesteckt, die zu Eis werden sollte, was ja auch gelang –

Eis konntest du nie genug kriegen, fällt ihm ein, hat er wirklich schon wieder einmal kein Wort verstanden? Nicht einmal, was er selbst einst zum großen Geheimnis erklärte, ihr mit Drohungen mit Worten zu benennen verbot? Warum fühlt sie sich dann noch immer gebunden, warum –

Eis am Stiel, das ist wirklich gut, er kichert über ihre Wut, Eis am Stiel, wiederholt sie, ein anderer Code fällt ihr ein, deine Ehre heißt noch immer Treue, was?

Mir hat einmal einer gesagt, fährt er fort, plötzlich bester Laune, daß jeder für seine Erinnerungen selbst verantwortlich ist. Und deshalb, ich sage es dir, interessieren mich Sachen nicht, die –

Die Araber interessierten mich nicht. Mich interessierte, ein möglichst großes Kontingent Juden nach Palästina zu bekommen. Mich interessierte jede Auswanderungsmöglichkeit nach Übersee. Doch das war alles nur Theorie. Die politische Lösung, das war die große Schwierigkeit. Stürmermethoden waren das, was nachher wurde. Der „Stürmer“ war ein Blatt gewesen, das sich nur und ausschließlich mit der Bekämpfung des Judentums befaßte und hier, in mittelalterlichen Darstellungen möchte ich fast sagen, die Sache anpackte und in einer Art und Weise vortrug, die eben, die eben unmöglich war, ein anderes Wort fällt mir im Augenblick nicht ein, die jedenfalls zu keiner Lösung führen konnte.

Dort im Kasten verlangen Schwarze, daß der Weiße ihnen vorführt, wie das Foltern mit dem nassen Sack üblicherweise gehandhabt wurde. Der Weiße beschreibt es in Worten, doch sie wollen es handfest, wie oder besser gesagt an wem, fragt der Vorsitzende, sollte er dies demonstrieren? An mir, bietet ein Schwarzer sich an, er soll es tun wie damals, ich spüre sofort, ob er dabei alles richtig macht, denn ich habe das nie vergessen. Der Vorsitzende fragt zweimal, sind Sie dazu wirklich bereit? Yes Sir, dann setzt einiges Hin und Her ein, woher nimmt man jetzt den Sack? Kein Problem, noch immer benützt die Stadtverwaltung solche Säcke, Kleidersäcke für Gefangene, einer wird weggeschickt, um solch einen Sack zu holen.

Der Mann und die Frau, Vater und Tochter und mehr als das, weniger auch, haben einander vergessen, schweigen etwas hinterher, das –

Die Frau schämt sich, kann sie nur das? Sie schämt sich, weil sie alles, was im Kasten flimmert, auf eigene Vergangenheit bringt, auch den in Jerusalem, schämt sich, weil das natürlich nicht angemessen, nicht vergleichbar ist, ihr wirklich nicht zusteht, und doch, begreift sie nun, liegt es nur an ihren eigenen, so lange vergessenen Erinnerungen an alles, was unter der Dusche geschah, daß sie damals, sie war noch ein Kind und las heimlich das Buch, sofort erschrak, als sie auch dort auf das Wort Dusche stieß und umgehend begriff,

the question that I want to ask you is I have never seen this bag being used myself on any other person, even when it was used on me, I never saw it, sehen würde ich gern wie das war, der Sack über meinem Kopf, wenn Sie das einmal vorführen könnten, die Freundlichkeit in Person, dieser Schwarze, wie schafft er das, muß man, fragt sich die Frau, so freundlich sein, um mehr zu erfahren, jede Einzelheit, um alles noch einmal vorgeführt zu bekommen, wie es war, exakt, wieder zwei Personen, eine davon dieselbe wie damals, und die, die damals die zweite Person war, nun außerhalb, zuschauend,

it was a cloth bag that would be submerged in water to get it completely wet, ein völlig durchnäßter Kleidersack. And then the way I applied it, was I get the person to lie down on the ground on his stomach, die Person auf dem Bauch, auf dem Boden, normally on a mat or something similar, vielleicht auch auf einer Matte, Handschellen hielten die Hände auf dem Rücken, with that person‘s hands handcuffed behind his back. Then I would take up a position, Position einnehmen, in the small of the person’s back, setzte mich ins Kreuz der Person, put my feet through between his arms to maintain my balance, meine Beine zwischen seine Arme, das muß ausbalanciert werden, and then pull the bag over the person’s head, dann rüber mit dem Sack über den Kopf, fest zusammendrehen, and twist it closed around the neck in that way, cutting off the air supply to the person, damit die Person keine Luft mehr bekam.

Würdest du es noch einmal vorführen, fragt die Frau, mit einer Puppe vielleicht, und ich sehe zu, wie die Puppe unterm eiskalten Wasser dann keine Luft bekommt, aber nein, der Puppe machte das ja nichts aus,

I as a victim I would want to see what happened to me können Sie das verstehen, denn damals als Ihr Opfer sah ich nicht nur deswegen nichts, weil mir Sicht und Luft genommen waren, ich sah mich sterben,

von außen, von oben das kalte Wasser, und gleichzeitig in mir etwas drin, das mich gleichfalls erstickte, es gab keinen Ausweg, innen und außen, tödliche Gewißheit würgte mich, noch dazu begriff ich nicht, was geschah,

der Vorsitzende wirkt bestürzt, when you say demonstration, I mean, has he not described it satisfactorily to you, war Ihnen die Beschreibung denn nicht genau genug?

Der Mann stellt sich taub, ist tief in die Krankheit in seinem Kopf hineingeschlüpft, nichts erreicht ihn da, ein brauchbares Versteck trägt er so mit sich herum,

und der Schwarze vor dem Weißen erklärt gleichbleibend freundlich, daß er es nicht nur hören, sondern auch sehen möchte, I also want to see it with my own eyes what, er wendet sich an den Vorsitzenden, he did to me,

du weißt doch, was du getan hast, insistiert die Frau, wohl wissend, daß er unerreichbar ist für sie, doch vielleicht ist das die Voraussetzung dafür, daß ihr die Frage überhaupt über die Zunge geht, sie benützt ihn, wie er da abwesend verloren verdämmert hockt, als Vorlage für etwas wie eine Phantasie, denn vielleicht ist das alles ja doch nicht geschehen, besser nicht,

und der Richter im Kasten wendet ein, well, I think the first problem is, you have to find a volunteer to play the part of the victim, wer macht hier freiwillig das Opfer? Das ist kein Problem, zeigt sich sofort, Freiwillige melden sich, einer wird ausgewählt,

du weißt, wie man das nennt, wiederholt aNNW, es ist etwas, das im Strafgesetzbuch mehr als nur erwähnt wird, es ist, sie verliert den Faden, es kommt schon in der Bibel vor, sprich es doch wenigstens einmal aus, nicht ich, du, auf eine Vorführung verzichte ich gern, weißt du noch, wie ich magersüchtig wurde mit fünfzehn, das war, weil ich nicht von dem Besteck essen konnte, das mit Sicherheit zuvor einmal schon in deinem Mund war, durch nichts zu reinigen von dir, so kam es mir vor, man hat ja immer nur sich selbst als Vergleich,

the question is, der Schwarze spricht freundlich mit seinem einstigen Folterer, myself and others if we are under that kind of wet bag and we are being choked by that bag, how do we react, what is our physical reaction? Wie sieht die physische Reaktion aus, wenn man so in den nassen Sack gezwungen wird, Schweigen im Saal, geht diese Frage nicht zu weit, der Vorsitzende scheint schockiert, dann wiederholt er die Frage, wie verhält sich die Person, deren Kopf in dem nassen Sack steckt, können Sie das beschreiben?

Der Weiße ist froh, daß er nun dem Vorsitzenden antworten kann, obwohl auch der schwarz ist, Euer Ehren, ich nehme an, excuse me Your Honour, the actions of somebody who was suffocating, wie jemand, der erstickt.

Damit ist der Schwarze, der nicht der Vorsitzende ist, nicht zufrieden, can you describe those reactions? Wieder schiebt sich der Vorsitzende als Puffer dazwischen, weist der Antwort des Weißen eine Richtung, would there be any movement, bewegte sich da noch etwas?

Der Weiße nickt beflissen, there would be movement, mit dem Kopf zum Beispiel, Schmerz, all the time, und es gab Fragen, von seiner Seite natürlich, wollen Sie sprechen oder so, as soon as an indication was given, sobald die Person ein Zeichen gab, that this person wanted to speak, the air would be allowed back to his person, wurde dieser Person wieder zu atmen erlaubt, to say what he wanted to say, um endlich auszusagen.

Diesmal will es der Vorsitzende genauer wissen, would the person groan, moan, cry, scream? What would the person do? Stöhnen, jammern, schreien, büllen, unter dem eiskalten Wasser aus der Dusche war ihr das gar nicht möglich, ihr Atem stockte, seine Chance, er schob ihr das rein, riesig, sie würgte, erstarrte vor Angst, kein Entkommen aus seinem Griff,

yes, bestätigt der Weiße, the person would moan, cry, although muffled, wenn auch gedämpft, yes, it does happen, das kommt vor, was denn, etwa immer noch, wieso verfällt er jetzt in die Grammatik der Gegenwart?

Haben Sie das, übersetzt die Stimme, mit jedem von uns gemacht? Mit den meisten von Ihnen, bestätigt der Weiße, yes, that is correct. Und jetzt, wo der Sack hier ist … I am willing to show Sir, ja, ich führe das vor. Allerdings fehlen noch die Handschellen, und vermutlich bin ich nicht …

Können wir bitte Handschellen bekommen, ordnet der Vorsitzende an, und der Weiße führt seinen unterbrochenen Satz penibel zu Ende, vermutlich bin ich nicht so fit, wie ich es damals war.

Darauf geht der Vorsitzende nicht ein, er instruiert die Beteiligten der Vorführung, tun Sie es bitte genau hier, etwas weiter vorn, bittet der, der sich zum Objekt der Demonstration bereit erklärt hat, damit es gut zu sehen ist, yes, stimmt der Vorsitzende zu, erteilt weitere Anweisungen, nun legen Sie sich bitte auf den Bauch please, and you, das gilt dem Weißen vom Sicherheitsdienst, will you show us the position you occupied, welche Position nahmen Sie ein.

Wenn er das tut, können wir ihn nicht sehen, wenden die Schwarzen ein, die ihre vergangene Qual noch einmal sehen wollen, eine Anordnung in einem Laborversuch, doch sie sind aufgeregt.

Dann müssen wir eben, meint der Vorsitzende, alle aufstehen, um das richtig sehen zu können, und dann zieht der Weiße dem Schwarzen den nassen Sack über den Kopf, gelernt ist gelernt, es geht schnell, yes, that is correct, sagt einer der Schwarzen, der es wissen muß, but what I want to ask just as he is in that position, at what point does he release the bag for more air? How does he know that now I am about to lose, to die, woher weiß er, daß ich nicht mehr kann, daß ich sterben werde, um rechtzeitig den Sack wieder abzunehmen? How he releases it?

Also nicht wann, sondern wie er es tat, präzisiert der Vorsitzende die Frage. Zeigen Sie uns das. Ziehen Sie ihm den Sack noch einmal über den Kopf, yes, and now you must show how you release it. Ganz langsam diesmal. Sie ziehen ihm den Sack also über den Kopf, und dann binden Sie ihn am Hals zusammen? Und sobald er bereit ist zu sprechen,

that is correct, bestätigt der Weiße, that is correct, bestätigt sein einstiges Opfer, thank you, dann ist es ganz still dort im Saal, und etwas wie Erschöpfung auch bei den beiden vor dem Kasten.

Wir haben euch erzogen, immer die Wahrheit zu sagen, behauptet der Mann zwischen zwei Zügen an der Zigarette, scheinbar übergangslos kommt er aus seinem kranken Kopf wieder heraus, willst du das bestreiten?

Nein, bestätigt sie, das ist wahr, daß ich nicht lügen darf, stand fest, wurde durch Schläge erhärtet, doch für mich galt zugleich auch das Gegenteil, denn was, wenn ich wirklich nicht gelogen hätte? Ich darf nicht lügen und zugleich doch keinesfalls die Wahrheit sagen, eine Klemme, aus der ich meist keinen Ausweg fand.

Spitzfindigkeiten, höhnt er, das lügst du dir doch zurecht, du kannst wohl nicht anders, was? Dabei ging es mir immer nur um euch, meine Kinder, und ganz besonders um dich, warum leugnest du das?

Leugne ich? Sie lacht, du hörst nicht, was ich sage.

Du lügst! Er möchte mit der Faust auf den Tisch schlagen, aber der Tisch steht zu weit entfernt von ihm, seine Bewegung ist fahrig, geht ins Leere, erschlafft.

Ich sei die Größte, hast du oft zu mir gesagt, aber auch, daß es keiner wissen darf. Sie lacht, welch absurde Situation, im Grunde war das doch schon damals ein Geständnis, nur ich habe es nicht kapiert.

Sobald jemand auszusagen bereit war, gab es auch etwas zu essen, erinnert sich der Weiße, zusammen mit dem nassen Sack hat das gut funktioniert.

Ich lud den Herrn von der Haganah zum Mittagessen ein, berichtete der Mann in Jerusalem. Er wußte, wer ich bin, und ich wußte, daß er aus Palästina war. Er erzählte mir alles über die Einrichtungen im Kibbuz, über die Aufbauarbeiten und solche Sachen, die ich zwar schon wußte, weil ich darüber gelesen habe, aber die mich nun erst recht interessierten. Es war keine Feindschaft; man sprach sich aus und keiner – so hatte ich den Eindruck – hielt etwas zurück, denn man glaubte, daß jeder dem anderen sowieso entgegenkam in seinem Wollen. Nach einem zweiten Essen gab mir der Herr eine Einladung nach Palästina. Ich tat nichts lieber, und was ich an sich nicht für möglich gehalten hätte: Heydrich hat genehmigt, daß ich diese Einladung annehme. Unter den Kollegen ging jetzt das Rennen los, alle wollten mit.

Nie hast du etwas kapiert, endlich gibst du es zu, er entspannt sich etwas in seinem Sessel, kippt noch einen Schnaps. Ja, so hätte es bleiben können, du warst die Größte für mich, und keinen ging das was an, warum hast du das zerstört? Schau mich nur an, ein Wrack bin ich, und wer ist Schuld daran?

Sie schaut ihn nicht an, weiß auch so, was er ist, eine Art Flucht, überlegt sie halblaut, weil es ja heißt, Erinnerungen werden deutlicher im Alter, durch die Explosion in deinem Kopf hast du dich davor geschützt, und auch dabei war ich noch einmal deine Komplizin, denn erst da, als du dich in Senilität geflüchtet hast, explodierten bei mir die Erinnerungen, paarten sich erneut mit schlechtem Gewissen, wie du nun warst, was damals geschah, ich brachte es nicht zusammen, und was wäre dir nun vorzuwerfen, wo du dank deines kaputten Gehirns nichts mehr verstehst?

Du bist schuld, wiederholt er weinerlich, nur deinetwegen ist es dazu gekommen, auch daß ich zuviel zu trinken begann,

sie nickt, du mußt nicht zu diesem Alkoholiker gehen, hast du einmal gesagt, es war unter der Tür des neuen Hauses, hier steht auch einer vor dir, damit meintest du dich, und in der Hand die Schrotflinte, mit der du mich abhalten wolltest zu gehen zu diesem anderen Mann, der viel jünger war als du, in meinem Alter, der mich gar nicht als Mann interessierte, sondern vermutlich wirklich nur als jüngere Ausgabe von dir, er trank, und ich wollte ihm helfen, es nicht mehr zu tun, ich hatte Angst,

Aber du bist gegangen!

Ja, vor Angst, und dann wußte ich nicht, die Schrotflinte, würdest du es tun? Galt die Drohung mir oder doch dir selbst, ich bringe mich um, wenn du gehst, sagtest du, sagte andere Male auch sie, ich ging, hatte Angst, es könnte geschehen, hoffte, es geschähe endlich,

damit du uns los wärst!

Ja, warum sonst, auch einen handfesten, benennbaren Grund für Schuldgefühle hätte es dann gegeben, doch ihr habt immer nur damit gedroht, und als ich dann wirklich ging, hat sich dieser andere Alkoholiker umgebracht, er kündigte es mir an in einem letzten Brief.

Nach 14 Tagen fuhren wir wieder zurück mit einem italienischen Dampfer, berichtete der Mann in Jerusalem. Kaum aus dem Hafen heraus, wurde ich von einem Paratyphus befallen, hab die Reise im Schiffslazarett mitgemacht, wurde in Bari halbgesund entlassen. Das ist der magere Ausgang einer an sich schön geplanten Reise,

believe me, wiederholt der Weiße, auch ich war ein Opfer, die Umstände, und ich glaubte an das, was ich tat,

nein, ich habe eigentlich weder vorher noch nachher Bücher über den Nationalsozialismus gelesen. Bevor ich zum SD kam, las ich überhaut nicht – sehr zum Kummer meines Vaters, der mich immer darauf hinwies, daß er eine ausgezeichnete Bibliothek zu Hause habe mit sämtlichen Klassikern und daß er die offenbar umsonst im Laufe seines Lebens zusammengetragen hatte. Als ich beim SD nun war, habe ich nicht diese Bücher gelesen, wie ich zum Teil schon sagen durfte: Ich habe die spezifisch jüdischen Bücher gelesen. Ich könnte nicht einmal sagen, daß ich in jener Zeit überhaupt ein anderes Buch – sagen wir Romane oder irgendetwas anderes las. Nie in meinem Leben las ich Kriminalgeschichten oder Liebesromane, bis heute noch nicht. Um diese Zeit gehörte ich zu der Kategorie Menschen, die sich ein eigenes Urteil überhaupt nicht bilden.

Wozu erzählst du das? fragt er, die dünn gewordenen Beine oben von Shorts, unten von Socken und Sandalen begrenzt, dazu trägt er ein Unterhemd, nichts sonst, offensichtlich war seine Frau nicht da, als er hierher geholt wurde, sie hätte ihn niemals so gehen lassen, sie selbst trug da schon, auf alles gefaßt, dezent schwarz und weiß, und Anne, die jetzt noch immer im selben Zimmer mit ihm sitzt, noch immer vor dem Kasten, findet seinen Anblick widerlich und damit so, wie er sein muß, du mit deinen blöden Geschichten immer, denkst, du bist was Besseres, schreckst nicht davor zurück, mich, deinen Vater,

und so kam ich immer mehr zur Erkenntnis, berichtete der Mann in Jerusalem, daß Gott unmöglich so klein gewesen ist wie in den Sachen, die in der Bibel stehen. Da glaubte ich nun, meine eigene Sache gefunden zu haben. Ich las auch Schopenhauer, daß der Weg der Konfession ein zwar sicherer wäre und der freie Weg gefährlich wäre und ewig ein Weg wäre, wo man an sich selbst zu arbeiten hätte. Ich sagte mir: Der Gott, an den ich glaube, ist größer als der Christengott. Denn ich glaube an einen gewaltigen, an einen ganz großen Gott, der das Universum geschaffen hat und in Bewegung hält.

Weißt du noch, fährt Anne fort, simuliert so gewissermaßen ein Einverständnis, wie du eine Zeit lang kontrolliert hast, was ich lese? Unbekannte Autoren für dich, aber du sprachst von Sauereien, die du in deinem Haus nicht dulden wolltest, du warst drauf und dran, die Bücher zu zerreißen, nahmst sie dann nur an dich, wie meinen Ausweis für die Leihbücherei. Natürlich besorgte ich mir bald einen neuen, versuchte einen Schlüssel aufzutreiben, mit dem mein Zimmer abzuschließen wäre, was du nie geduldet hättest,

wieso auch, so weit kommt es noch, wer Kinder in die Welt setzt, hat Verantwortung für sie,

und der Weiße räumt ein, I was engaged in a lawful activity, using unlawful, unconstitutional methods, yes Sir, illegale Mittel, aber die Sache, um die es ging, war legal,

ich saß hinterm Schreibtisch und machte meine Sachen. Die Bedingungslosigkeit, die innere Bedingungslosigkeit wurde dann eine andere, als ich die – als ich diese – als sich die – die – die – die Art der sogenannten Lösung der Judenfrage verschärfte – also es dann zu Vergasungen und Erschießungen ging. Da machte ich keinen Hehl daraus und sagte – ja, ich glaube, ich durfte es schon sagen – meinem Chef sagte ich, das ist – das – so habe ich mir das nicht vorgestellt, so haben wir uns das wahrscheinlich alle nicht vorgestellt, denn das ist ja keine politische Lösung. Es hieß doch immer: eine politische Lösung. Das wurde bisher auch immer – immer gutgeheißen.

Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, unscharf kommen die Worte aus seinem Mund, sein Blick verschwimmt glasig,

ja, auch an den Satz erinnere ich mich gut, aber das ist ja nun schon lange vorbei, längst habe ich einen eigenen Tisch, obwohl ich nicht sicher bin, was dadurch anders geworden ist,

soviel Unsicherheit bringt ihn zum Kichern, zum nächsten Schnaps, du sitzt in der Falle, gib es zu,

ich handelte aus patriotischen Motiven, erklärt der Weiße, damals wußte ich es nicht besser, falsch verstandene Tapferkeit oder wie soll man das nennen, but whether I was under a false sense of bravado or for want of a better word, I was willing to go the extra mile irrespective of the consequences for my beliefs, zu allem entschlossen, kein Weg zu weit, auch wenn alles in Scherben fällt,

ich hätte auch meine Kusine nicht ins Ausland gehen lassen müssen, hätte auch die, auch nicht die Juden stillschweigend nach Ungarn abwandern lassen dürfen. Das schien mir – verzeihen Sie bitte, wenn ich meine eigene Meinung sage – zu, zu, zu spitzfindig, wenn ich diese kleinen Sachen, die ich ja nebenbei machte, hätte melden müssen. Ich hab ja auch ein zum Beispiel ein jüdisches Ehepaar rausgelassen, meinem Onkel zuliebe, der mich daran erinnerte, daß er mir damals zur Vacuum Oil Company geholfen hatte und daß ich dort nur Gutes gehabt hätte, obwohl der Chef Topper ein Jude war. Ich habe auch keinen arabischen Droschkenführer – vielmehr Droschkenfahrer genommen in Haifa, sondern einen jüdischen, um auf den Berg Karmel zu fahren.

Es hat ja doch keinen Sinn, bemerkt die Frau, nicht einmal jetzt gelingt es. Dabei stellte ich mir oft vor, eine Art Befreiungsschlag, ich lüge nicht mehr, auch nicht schweigend, ich sage, daß ich alles weiß, sag es dir ins Gesicht, sehe dein Gesicht dabei.

Warum hast du so lang gewartet? Er lacht, du weißt doch, ich bin immer für dich da.

Ich konnte mir nie vorstellen, es zu tun, es laut auszusprechen, und dann erschienen mir alle Orte ungeeignet dafür, das Haus, in dem manches von dem geschah, was ich zur Sprache bringen wollte, das Haus, in dem ihr noch immer lebt, vollgestellt mit Banalitäten, die Siedlung, in der sich das Haus befindet, alles wie erfunden, ausgedacht, ich bekam da meine Worte nicht hin. Und Angst hatte ich noch immer, vor jedem Wort, vor dir, so wie jetzt auch noch,

der Schwarze vor dem Weißen räuspert sich, the last question I want to ask you, I am seeing you for the first time since the days of my torture, habe Sie seither nicht mehr gesehen, nicht leibhaftig, und als ich Sie sah, heute morgen, war es ein Schock, von dem ich mich noch immer nicht erholt habe. But what, why do you think I should support your application for amnesty, warum sollte ich Ihren Antrag auf Amnestie unterstützen,

wenn du zugeben könntest, schlägt die Frau vor, daß es nicht in Ordnung war, auch deinem Ideal von dir nicht gerecht wurde, daß es keine Liebe für ein kleines Mädchen war, wenn du es einmal aussprechen würdest,

ich weiß, sagt der Weiße und nennt sein einstiges Opfer beim Namen, that is a very difficult decision, considering what I have done to you, keine leichte Entscheidung für Sie, nach allem, das ich Ihnen angetan habe, I presume it is a difficult decision for you to come to, ich kann mir das vorstellen, ich kann Sie nur anflehen, I can only implore you, without wanting to influence your personal position, I felt very humble, exceptionally humble, sehr erniedrigt fühlte ich mich heute morgen bei diesem Wiedersehen, and there was almost as if there was a spark inside me again, plötzlich dann doch wieder ein Lebensfunke, because if I can point to the people sitting mostly in the front row, when I came into this Commission this morning, I think all of these gentlemen and ladys, who I had belittled and hurt, put their hand out and shook my hand, als all diese Leute dort, die ich einmal geschmäht und verletzt habe, mir dennoch ihre Hände reichten, mir Glück wünschten, und so bitte ich auch Sie, im Interesse dieses Landes, das wir erneuern wollen,

Dr. Löwenherz, damals aus der Haft vorgeführt, war natürlich aufgeregt und sagte im Anfang irgend etwas Unwahres. Da habe ich mich in der Unbeherrschtheit des Zornes, unter der ich normalerweise nicht leide, ich weiß nicht, was damals in mich fuhr – da habe ich mich hinreißen lassen und habe ihm eine Ohrfeige gegeben. Es war keine Ohrfeige, die weh tat, sicherlich nicht, denn über solche Schlagwerkzeuge verfüge ich nicht; aber ich habe diese Sache, als ich schon Sturmbannführer war oder Obersturmbannführer, in Anwesenheit von Dr. Löwenstein erzählt und ihn um Entschuldigung gebeten. Ich habe das bewußt gemacht, bitte, es stehen ja Kontrollmöglichkeiten sicherlich genügend zur Verfügung, weil ich in meinem späteren Dezernat nicht duldete, daß jemand tätlich angegriffen wurde. Das war der Grund, warum ich mich in Uniform und vor meinen Leuten entschuldigt habe,

es gibt keinen Ort dafür, keinen Raum, weint die Frau jetzt? Und ausgerechnet hier und heute mein Versuch, nun, wo sie vielleicht stirbt, es war dumm, vergiß es,

nichts da! Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, Mädchen, nun weine doch nicht, mir kannst du alles sagen, und alles bleibt unter uns,

Die Durchführung der Auswanderung wurde in dem Maß größer, je nervöser das Streben der einzelnen auswandernwollenden Juden war, dem Druck der Partei und auch in gewissem Sinn der Staatdienststellen zu entgehen. In dieser Nervosität wurden viele Wege unnütz gemacht; es wurden andererseits dem auswandernwollenden Juden die Wege aus einer vielleicht sadistischen Regung heraus von einzelnen Beamten oder nichtbeamtetem Personal mutwillig erschwert. Er wurde mit banalen Ausreden nach Hause geschickt. Eines Tages sagten Dr. Löwenherz und einige seiner Mitarbeiter, so geht es nicht weiter; sie schlugen mir vor, ich möchte doch irgendwie die Sache zentralisieren, damit die antragstellenden Juden nicht diesen Schwierigkeiten ausgesetzt sind. Noch am selben Nachmittag hatte ich die Idee geboren: stellte mir ein laufendes Band vor, vorne kommen das erste Dokument und die anderen Papiere drauf und rückwärts müßte dann der Reisepaß abfallen. Am laufenden Band saß auch die israelitische Kultusgemeinde Wien mit sechs bis vierzehn Mann, je nachdem wie stark der Parteienverkehr war,

ich wußte, bekennt der Weiße, daß ich die Drecksarbeit erledigte für den Sicherheitsdienst, ich wie viele andere, that is correct, aber ich tat es in dem Glauben an Gott, an mein Land,

auf mich ist Verlaß, das habe ich dir immer gesagt, jetzt Schwamm drüber, komm, wir trinken beide noch einen,

anfangs sträubte ich mich, aus Wien wegzugehen. Wenn man so eine Dienststelle aufgezogen hat, dann gibt man sie nicht gern her. Ich hatte keine Schwierigkeiten mit den jüdisch-politischen Funktonären. Ich glaube auch nicht, daß einer von ihnen sich über mich beschweren würde. Nicht einmal heute. Ich glaube es sicherlich nicht, denn ich war kein Judenhasser. Ich bin nie ein Antisemit gewesen, daraus habe ich auch nie einen Hehl gemacht. Ich will mich damit nicht loben,

und was die dort drüben mit dem Sterben für ein Theater macht, kann uns doch egal sein! Komm, Mädchen, trink mit mir,

das war gerade im schönsten Anlaufen, da wurde inzwischen die Stelle eines Generalgouverneurs geschaffen in der Person von Frank. Es begann das große Quertreiben und Tauziehen. Frank lief sofort in Berlin Sturm; er wollte seine Judenfrage selbst lösen und verwahrte sich dagegen, Juden in sein Generalgouvernement geschickt zu bekommen. Diejenigen, die schon dort waren, mußten sofort wieder verschwinden. Frank gab den Befehl, mich bei meiner nächsten Anwesenheit im Generalgouvernement sofort zu verhaften. Er durfte mich gar nicht verhaften ohne die Genehmigung unseres gemeinsamen Chefs Heydrich. Das hat Frank in seinem Zorn wahrscheinlich übersehen. Ja, damit war der Traum von einer vorläufigen Regelung wieder mal zu Ende. Allerdings schrieben wir schon eine hohe Jahreszeit, ich meine im Hinblick auf den Torschluß, der bezüglich der Auswanderung definitiv kam mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion. Die Auswanderung war bereits außerordentlich erschwert und soviel ich weiß, blieb als Weg einzig und allein der Süden noch offen, und auch in östlicher Richtung über Rumänien. Summa summarum war die Tätigkeit der Zentralstelle ein Harren und Würgen. Tendenz lustlos, möchte man sagen, beiderseits. Jüdischerseits, weil es wirklich schwer war, etwas Nennenswertes an Auswanderungsmöglichkeiten zu bekommen. Unsererseits, weil kein Betrieb und kein Parteienverkehr da war. Ich selbst beschäftigte mich mit dem Madagaskarplan. Die Auswanderung sank durch den Krieg praktisch auf den Nullpunkt. Wenn ich noch einmal zurückgreifen darf: auch Theresienstadt war keine Lösung, und der Versuch Nisko am San war gescheitert. Jetzt war der Frankreichfeldzug im Rollen, und er gab mir neue Hoffnung für eine mindestens vorläufige Lösung. Ich besann mich Herzls Judenstaatsbemühungen, von Adolf Böhm beschrieben, daß Herzl sich einmal mit Madagaskarplänen beschäftigt hatte. Ich entsann ich aber auch, daß er damit in den eigenen Reihen zum Teil auf schweren Widerstand gestoßen war. Ich sagte mir, es ist mir ganz egal, wo Lebensmöglichkeiten und Boden unter den Füßen gewonnen werden können, da muß man zupacken,

meinst du denn, ich habe es leicht gehabt? Ich nahm, was ich zu packen kriegte, hielt es fest, auch wenn es kaum der Rede war, aber was hat es genützt? Er schluchzt, seit sein Kopf nur funktioniert, wenn er will, tut er das oft und womöglich mit einem gewissen Vergnügen, hör auf! schreit sie ihn an, bedauerst du schon wieder dich selbst?

Es war klar abzusehen, und es bedurfte keiner großen Geistesgröße, zu erkennen, wenn es so weitergehen würde, daß sich eine Turbulenz zeitigen würde, unter der ich mir zu jener Zeit eigentlich noch nichts Richtiges vorstellen konnte. Schon gar nicht das, was später dann passierte. Aber irgend etwas mußte geschehen, so sagte ich mir, denn ein Kessel, der voll Wasser ist und erhitzt wird und kein Ventil hat, muß irgendwie explodieren. Und dieses Ventil wollte ich auf meinem kleinen Posten mit suchen helfen, und mit diesem Ventil möchte ich vergleichen meine Bemühungen, irgendwo Möglichkeiten zur Unterbringung zu finden. Mit dem Madagaskarplan bahnte sich in mir eine neue Lösungsidee an. Ich erkundigte mich nach den geographischen und klimatisch-landschaftsstrukturellen und weiteren Gegebenheiten. In Hamburg ließ ich mich vom Tropeninstitut gründlich informieren, und so ungünstig schien die Angelegenheit gar nicht zu sein. Rechtlich schwebte mir eine autonome jüdische Region Madagaskar vor.

Deine Tränen sind bloß Schnaps, brüllt sie weiter, du beeindruckst mich nicht mehr damit, also hör auf!

Zum Beispiel das Auswärtige Amt sprach der Sicherheitspolizei sämtliche Rechte ab, weil Madagaskar nicht Deutschland ist. Die Leute verstanden das Ziel und das Wollen nicht. Sie haben auch nicht ein fundamentales Buch gelesen, verarbeitet, aufgenommen. Sie hatten keinen Kontakt, keinen inneren Kontakt mit der Sache. Sie schlossen sich dem Problem als solchem nicht auf. Ob vier Millionen auf Madagaskar gehen, das wußte kein Mensch. Mir hat den Anstoß Theodor Herzl gegeben. Als dann endlich dieser Plan völlig klar schien und keine Zentralinstanz irgendwelche Wünsche mehr hatte, da war es zu spät. Die deutschen Truppen waren zwar längst in Paris, aber in Madagaskar hatten wir nichts zu suchen. Damit war es aus, war zerstört. Ich kapitulierte. Der Traum war zu Ende.

Schrei mich nicht so an, was hab ich dir denn getan? Bitte, ich entschuldige mich ja, wenn dir soviel daran liegt, aber sag mir endlich wofür!

Das Wort Endlösung hat ursprünglich mit der physischen Vernichtung, auf die ich noch zu sprechen kommen darf, nichts zu tun. Das Wort „Endlösung der Judenfrage“ schwebte mir schon vor, als ich das Madagaskarprojekt in Angriff nahm. Ich weiß, daß es schon vorher usuell war.

Was muß ich denn tun, um es dir recht zu machen, was verdammt noch mal wirfst du mir vor! Vielleicht ist es ja gut, daß alles mal zur Sprache kommt, und wenn wir schon dabei sind, dann hör mir endlich mal zu, denn begreifst du nicht, daß ich es immer nur gut gemeint habe? Und das ist nun der Dank,

Soweit ich mich erinnern kann, sind Juden deportiert worden aus Holland, Belgien, Frankreich, dann aus Griechenland, aus der Slowakei, aus Rumänien. Ob aus Kroatien, weiß ich nicht. Aus, wie heißt das da oben, ich glaube Dänemark. Aus Ungarn. Ich weiß nicht, habe ich irgendein Land vergessen?

Danke schön, gracias! Wie viele natürlich aus diesen Landen evakuiert wurden, wieviele Transporte abgegangen sind, weiß ich jetzt nicht im entferntesten. Ich müßte Hausnummern als Zahlen sagen, aber damit ist, glaube ich, niemandem gedient. Wenn das gewünscht wird, mache ich das selbstverständlich. Bitte, wie Sie befehlen,

that is correct, absolutely correct,

die Frau hält sich die Ohren zu, warum sitzt sie noch immer hier, warum geht sie nicht endlich, weg von diesem Wrack, raus hier, rüber zu der, die jetzt vielleicht schon gestorben ist, wußte sie nicht von Anfang an, daß ihr Versuch scheitern mußte, kannte sie ihn nicht zur Genüge,

denn ich kannte mich in Auschwitz nicht aus. Ich kannte nicht mehr, als wie das, was ich gesagt habe. Ich wußte, daß mit den runden Pappsachen getötet wurde. Das hat mir Höß gesagt und hat mir sogar eine gezeigt. Ich habe dann dieses große Gebäude gesehen von außen. Ich habe mir den Vorgang der Vernichtung weder in Auschwitz angesehen noch irgendwo anders. Nur in Minsk kam ich dazu, wie geschossen worden ist. Sonst habe ich es abgelehnt, weil mir schon das Brennen, das Brennen der Leichen reichte. Ich war dem nicht gewachsen,

ich halte das nicht aus, sagt sie, im Kasten noch immer die Stimme des Weiße, that is correct, Sir, that ist not correct.

Waschlappen, murmelt er, was hältst du schon aus, schau mich an, was du gemacht hast aus mir, und jetzt willst du weglaufen, typisch, was Verantwortung heißt, ahnst du nicht einmal,

mit der Ablieferung der Transporte an der Zielstation laut Fahrplankonferenz erloschen meine Zuständigkeiten. Ich schiebe die Evakuierung bestimmt niemandem in die Schuhe. Da bin ich verantwortlich gewesen. Ich bin bereit, die Strafe dafür entgegenzunehmen, da gebricht es mir nicht an Mut. Es ist natürlich ein … ein trauriger Mut, den ich hier aufzubringen habe, das weiß ich, aber habe ich damals den Schneid gehabt und habe jawohl gesagt, dann habe ich auch heute den Schneid und sage: Bitte! Ich bin bereit. Hier mein Kopf … liegt auf dem … dorthin, wo er hingehört,

feige weglaufen, ja, das hast du immer gemacht, schimpft er vor sich hin, läßt offen, wen er meint, alle haben das so gemacht, nur ich habe ausgehalten, durchgehalten, auch wenn es keiner mir dankt,

jetzt ging das Zerhacken in der Verwaltungsmaschinerie an. Das dauerte Wochen, bis von allen Seiten die Bedenkenlosigkeit erklärt war. Ich glaubte dies anführen zu müssen, weil es erhellt, daß die Evakuierungen nicht einfach so durchgeführt werden konnten. Da konnte ein noch so starker deutscher Verband stehen, der konnte nicht einfach Leute zusammenfangen, in Waggons hineingeben und abschieben, marsch, los. Die gesamte Evakuierungsgeschichte in den europäischen Ländern ist eine Kette von zähen, endlosen Verhandlungen gewesen, aber rutscht mir doch alle den Buckel runter, ihr könnt mich alle mal, so leicht gebe ich nicht auf, wär ja gelacht, geht doch zum Teufel, ich brauche euch alle nicht,

ja, ich log auch damals nicht. Ich bin ein Mann, der nicht lügen kann. Ich weiß, daß niemand ein Dokument erbringen kann, wo mir nach… daß ich so etwas getan hätte. Habe ich nicht getan. Vielleicht gibt mir das auch eine gewisse innere Ruhe. Ich bin schuldig, weil ich mitgeholfen hab an der Evakuierung. Dafür bin ich auch bereit zu büßen. Eine innere Beruhigungspille – möchte ich sagen – war für mich: na ja, es gehen ja gewaltige Kontingente der Evakuierung zum Arbeitseinsatz, und die Altersgrenze ist ja auch festgelegt. Daß später alles drunter und drüber ging, daß die Leute die Evakuierten einfach reinpackten, dafür war ich nicht zuständig gewesen. Ich war nicht für die Detaildurchführung der … der handgreiflichen Evakuierung zuständig, sondern nur für die Durchführung der Befehle von oben, daß evakuiert wird. Auch habe ich die Richtlinien zur Durchführung aufstellen müssen, da es mir der Reichsführer befohlen hat. Zum Beispiel sagte er: Keiner darf mehr mitnehmen als seinerzeit die Deutschen, die von den Franzosen vertrieben wurden. Ich mußte mich erst erkundigen. Damals waren 50 kg Gepäck genehmigt.

Was ist denn hier los? Plötzlich steht die andere im Zimmer, seine andere Tochter, die nicht weiß, was die ältere mit ihm erlebt hat, die Jüngere, die sie, so sagt sie sich manchmal, bewahrt hat davor und nun auch ihr gegenüber bezahlt mit schlechtem Gewissen. Denn damals geschah das unter der Dusche, mit eiskaltem Wasser, als sich die jüngere Schwester verbrannt hatte, kochendheiß war das Wasser, und sie war es, die den Topf umgestoßen hatte, Lebensgefahr, monatelang, aber weg von ihm, in der Klinik in Sicherheit, die Mutter an ihrem Bett, sie aber, die ältere, allein zu Hause mit ihm. Oft gab es Eis am Stiel, oft ging es ab unter die Dusche, der kleine Bruder eben erst geboren, sie, fünf Jahre alt, kümmerte sich gut um ihn und spielte Vater Mutter Kind, niemand wußte, daß es kein Spiel, sondern die Wahrheit war,

denn nicht jeder, den ich evakuiert habe, wurde getötet. Es entzog sich völlig meiner Kenntnis, wer getötet wurde und wer nicht. Sonst hätte man ja nicht 2,4 Millionen Juden nach dem Krieg anläßlich einer Zählung lebend wieder aufgefunden. Wenn man mir um jene Zeit gesagt hätte: „Dein Vater ist ein Verräter“, also mein eigener Vater ist ein Verräter und ich hätte ihn zu töten, dann hätte ich das auch getan. Ich hab damals stur meinen Befehlen gefolgt und stur den Befehlen Gehorsam geleistet, und darin habe ich meine – wie soll ich mal sagen? meine Erfüllung gefunden. Nie wäre es mir eingefallen, mich in die Nesseln einer eigenen Entscheidung zu setzen.

Warum läßt du ihn so viel Schnaps trinken?, wirft die jüngere Schwester der älteren vor, und dann auch noch heute! Jederzeit ist damit zu rechnen, daß sie …

Wie geht es ihr? Wer ist bei ihr?

Niemand, sie schläft, alles in Ordnung.

Nur hier nicht. Ella räumt den Schnaps weg, macht ihrem Vater etwas zu essen, was er ablehnt, sie duldet den Widerspruch nicht. Wo steckt eigentlich unsere Mutter?, fragt sie. Sie hätte dir längst schon etwas zu essen machen müssen.

Bei der Nachbarin, sagt Anne. Die hat heute Geburtstag, und da wollte sie –

Heute? Wo doch jetzt – Ella ist empört, sie beendet den Satz nicht.

Das Telefon klingelt, Ella nimmt ab. Es ist Frau Timm.

Jetzt ist es passiert, sagt sie leise, sie ist tot, jetzt –

Die Zitate sind aus den Eichmann-Protokollen sowie aus Mitschriften der Verhöre der Wahrheitskommission in Südafrika
Witucki 05
Peter Witucki, 2022