Encarnaçiòn 17 a

Ofelia steht im Wasser. In einem dunklen Nirgendwo leuchten ihre Haare weiß, gelb die Limonen in einem nicht sichtbaren Baum. Die Nacht steht vor dem Ende, einen vagen Moment lang übersehen von der Zeit. In die Maße eines Gartens gezwängt, riecht der Dschungel nach nichts.

Etwas klatscht in die wuchernde Lautlosigkeit. Die Mango war überreif. Nun ist sie Matsch, gelbes Fleisch, leuchtend wie die Limonen und Ofelias Haare, der faulige Geruch wird gleich von Stille verschluckt.

Ofelia rückt die Taucherbrille zurecht, atmet tief ein, stößt sich vom Boden ab, plumpst nach vorn, kopfüber ins Wasser. Sie läßt sich treiben, reglos, solange ihr Atem reicht.

Er reicht lange. Dann findet sie Boden unter den Füßen, richtet sich auf, prustet, schiebt die Taucherbrille ins weiße Haar. Und steht wieder im Wasser, ernste Miene, üppiges Fleisch, jetzt leuchtet schon ihre ganze Gestalt, eine kurze Zwischenzeit nur.

Denn zwischen zwei Lidschlägen Ofelias wird es hell. Die alte Frau im Wasser verschwindet zwischen Pflanzen, Bäumen, überreifem Obst, unbeweglich. Über das Wasser läuft ein früher Wind, er raschelt Bewegung in die Bäume, in die Vögel, die dort oben hocken, sie stoßen den Laut aus, der ihnen den Namen gab, und hacken sich, probeweise noch, verschlafen, gegenseitig in die Augen. Ofelia hebt den Kopf, eine Geste vollendeter Gleichgültigkeit.

Die Vögel kommen vom Müll, tragen die Welt jenseits der Mauer ins Paradies. Der Müll ist überall, gleich hinter der Mauer. Die Mauer ist alt, nicht sehr hoch, sie bröckelt.

Doch gestern hielt sie stand, weshalb nicht morgen. Heute bestimmt noch. Nur die Vögel, ihr Geschrei zerrt den Tag herbei. Ofelia rückt die Taucherbrille zurecht, holt tief Luft, plumpst wieder kopfüber ins Wasser.

 

Ein Haus steht im ummauerten Garten, im Haus schlafen Menschen, versuchen es gegen das Brüllen der Vögel, den Einbruch des Mülls. Ofelia taucht auf und lächelt. Sie weiß, wer den Kampf gegen die Vögel gewinnt und wer nicht, sie kennt ihre Arbeitgeber. Gute Leute, die ihr jetzt den Pool allein überlassen. In der Küche steht alles für einen ersten Imbiß bereit, für die, die gegen die Vögel nicht ankommen, schlechte Nerven haben und von Obst und Kaffee Beruhigung erhoffen. Niemand wird Ofelia jetzt stören im brüllenden Halblicht des Morgens. Luft und Wasser sind gleich warm, Ofelia steht und spürt beides, die nasse und die trockene Wärme. Zwei der rabenschwarzen Vögel zerfetzen die Mango, zahllose andere kommentieren das Hickhack, lauern auf ihre Chance, ohrenbetäubender Lärm. Ofelia steht im Wasser, seufzt, da kommt die letzte Welle zum Stillstand.

 

Ich mag das Haus nicht, murmelt Ofelias Arbeitgeberin über dem heißen Kaffee. Das Haus nicht, und nicht das Paradies, in dem es sich künstlich befindet, ein Schritt nur jenseits der Mauer, schon ist dieser Besitz Illusion.

Es ist hier wie überall, erwidert Ofelias Arbeitgeber. Es ist ein Anfang, daß der Müll weniger wird, auch Paradiese können sich ausbreiten.

Wie der Müll?

Ja, warum nicht. Wenn erst ein Anfang gemacht ist –

Aber der Müll und die, die im Müll leben, werden mehr. Und hörst du nicht die Vögel? Sie kommen von dort, sie sitzen über uns in den Bäumen, schreien uns aus dem Schlaf, Spott und Drohung sind sie, sich ihres Sieges bewußt.

Vergiß nicht Ofelia.

Ofelia? Was hat sie damit zu tun?

Ohne uns wäre sie auch dort, im Müll. Aber jetzt steht sie im Wasser. Auf dieser Seite der Mauer, auf unserer. Sie weiß das zu schätzen.

Aber draußen im Müll sind viele, und Ofelia war da einmal heimisch, kennt sich noch immer dort aus, sie muß es, wenn sie jenseits der Mauer dem Müll das entreißt, was sie uns dann auf den Tisch bringt, ihrem Auftrag gemäß.

Ja, doch ihr Auftrag reicht weiter. Durch sie erfahren die draußen im Müll, daß wir Menschen sind wie sie, uns nicht anders ernähren. Dieselben Früchte, dasselbe Fleisch –

Aber denk an den Hund. Die Leute in der Baracke jenseits unserer Mauer töteten ihn. Weil, wie sie sagen, auf unserer Seite der Mauer Hunde besser ernährt werden als dort drüben Menschen. Früchte und Fleisch, das ist doch nicht alles. Da sind die Unterschiede in Menge, Qualität, Zutaten, Aufwand, und von Ofelia erfahren die draußen, daß hier –

Wir atmen alle dieselbe Luft. Es ist eine Frage der Zeit, der Übergänge. Mach dir keine Sorgen, genieße, was aus diesem Land zu machen ist –

 

Nichts ist hier zu machen. Man kann nichts tun gegen –

Aber man muß gar nichts tun. Und bis es soweit ist, stell dir vor, wie die Mauer einmal nicht mehr nötig sein wird, weil so unauffällig wie unaufhaltsam unser Paradies sich nach draußen verlängert, ausdehnt, wächst. Und vorläufig atmen wir alle dieselbe Luft.

 

Und die ist schlecht. Außerdem vergißt du die Vögel. Selbst wenn Paradiese wachsen sollten, die Vögel werden bleiben. Zur Not, ohne Müll, auch im Paradies. Mit den Vögeln ist ein Paradies nicht zu machen, nicht hier. Warum gehen wir nicht? Es gibt andere Länder. Ich halte den Lärm dieser Vögel nicht aus.

 

Ofelia steht im Wasser. Leichter Dampf verflüchtigt sich, die Wärme der Luft hat die des Wassers überholt. Sonne ist nicht zu sehen, graubraun hängt der Himmel durch, die Erwärmung der Luft scheint von unten zu kommen, aus der Erde. Schmutzige, staubige Wärme, aber rund um das Wasser, den Pool, gefiltert durch üppiges Grün.

Das macht sich nicht von selbst, Balthasar ist schon bei der Arbeit mit Wasserschlauch und Schere. Bis die Besitzer ihren Garten betreten, wird nichts mehr übrig sein vom nächtlichen Verfall.

Ofelia lächelt dem Kollegen zu, dann wieder der Griff nach der Taucherbrille, Luftholen, das Plumpsen nach vorn. Mit ernster Miene sammelt Balthasar welke Blätter ein, schlaffe Blüten, die noch immer Leben vortäuschen mit intensiver Farbigkeit. Balthasar geht auch zuweilen ins Wasser, aber nur, wenn die Arbeitgeber nicht hier sind. Der Unterschied zwischen ihm und Ofelia scheint weder ihm noch ihr fragwürdig. Es ist, wie es ist.

Ofelia taucht auf, ihre Lippen prusten Wassertropfen, sie steht schon wieder ganz still.

Balthasar entfernt die verwesende Mango. Die Müllvögel brüllen Protest, fallen ersatzweise übereinander her.

 

Von allem zuviel. Zuviel Hitze, die zu vieles zum Wuchern bringt aus blasigem Dreck. Zu viele Möglichkeiten, zu oft beschworen. Zuviel Müll, von Menschen gemacht.

Aber ohne Menschen sähe es nicht anders aus. Die Natur ist bunt wie Plastik, kümmert sich nicht um Ästhetik, wächst verschwenderisch, verströmt sich regellos, stirbt ab in grellen Fetzen, verstreut sich, greift Raum, vergeht und keimt auf der Stelle erneut. Mörderisches Wuchern, andauernde Fäulnis, pausenlose Übergänge. Keine jahreszeitliche Ordnung, Gleichzeitigkeit ist typisch fürs Paradies. Was hier sprießt, verkümmert daneben bereits, Modergeruch triumphiert über den Duft der Blüte. Zuviel von dem, was Natur genannt wird? Was wird so genannt?

 

Das, was die Menschen hervorbringt. Das, was die Menschen den Müll hervorbringen läßt. Die Tropen sind nicht traurig, sie wuchern Müll. Emotionslos, emsig. Müll bricht aus der Erde, fällt vom Himmel, oben wie unten dasselbe Graubraun. Wie sind Menschen in die räumliche Unentschiedenheit gelangt? Aus dem Pflanzenmüll aufgetaucht wie die Vögel?

Nach bestem Vermögen kontern sie, produzieren die Beweise ihrer Existenz, denen der Fauna an Farbigkeit überlegen, üppig verrottend in zähem Kampf mit sich selbst.

Darüber ist die Üppigkeit brutal geworden, gleichgültig war sie schon immer. Brutale Gleichgültigkeit – ein Vorbild der Natur, das die Menschen imitieren in gleichgültiger Brutalität?

 

Ofelia steht noch immer im Wasser, bleibt dort, als der Sohn des Hauses mit Gästen erscheint.

Er lacht ihr zu, verschwörerisch, spricht jetzt von ihr zu den Fremden.

Ofelia rückt die Taucherbrille zurecht.

Die Gäste zeigen sich empfänglich fürs Paradies, staunen und loben, stellen Vergleiche an, denn hinter paradiesischen Mauern leben auch sie.

Der Sohn des Hauses wird nervös, als Ofelia ausgerechnet jetzt prustend ins Wasser plumpst. Er fürchtet um ihre Würde, mehr noch den Widerspruch zwischen ihrem Benehmen und seinen Worten. Eine Magierin sei sie, erklärt er den Gästen, im Bund mit verborgenen Kräften, wie sich das heute nur noch bei Dienstboten finde. Unverdorben sei sie, auf schwer erklärbare Weise rein, obwohl geboren aus Müll, aber ist das nicht Beweis für die Kraft dieses Landes?

Die Gäste nicken, ihre Ofelia heißt Rosita, erfüllt ihnen denselben Zweck.

Ofelia taucht auf, schüttelt die nassen Haare, sie kümmert es nicht, daß sie das Unterpfand ist fürs Paradies.

Wir reisen nie ohne sie, verrät der Sohn des Hauses, und kochen kann sie, Sie werden ja sehen, für uns ist sie wie eine Mutter, er lacht, wir bezahlen sie, ja, aber sie hat die Macht, und außerdem bezahlen wir sie nicht schlecht.

Was er dann noch sagt, verliert sich in exotischer Pflanzlichkeit, Balthasar ist ein geschickter Arrangeur, hat sich zurückgezogen, damit der paradiesische Garten den Regeln entspricht.

 

Ofelia hat keine Eile, obwohl die Gäste zum Frühstück geladen sind, sie steht jetzt noch eine Weile im Wasser. Die Herrschaft kennt und schätzt diese Nachlässigkeit als Trick, denn Ofelias Frühstück wird nicht nach der Uhr serviert, sondern kommt, wann es kommt auf den Tisch im Paradies, verliert dabei seinen profanen Zweck und entzückt umso mehr. Also noch einmal die Taucherbrille, das Prusten und Plumpsen. Das Geschrei der Vögel fällt fast nicht mehr auf, jenseits der Mauer rattern Autos, verwirbeln Staub und Geschäftigkeit.

 

Es wird immer schlimmer, berichten die Gäste, man möchte gar nicht mehr aus dem Haus.

Die Wege zwischen unseren Paradiesen werden unkontrollierbar, stimmt die Hausherrin zu.

Man sollte das nicht überschätzen, wiegelt der Hausherr ab, die Entfernungen schrumpfen dabei.

Aber es geht um unser Leben, widersprechen die Gäste.

Die Hausherrin nickt.

Aber sie morden jetzt auch die Menschen vom Müll. Der Hausherr lächelt.

Ofelia bringt dampfende Platten, wird erfreut begrüßt, als habe sie vorhin im Wasser noch nicht existiert, aber jetzt –

Vorzüglich, wie Sie das machen!

Ofelia lächelt und geht.

Sie morden die Müllmenschen, das ist es ja. Der Gast seufzt. Bislang traf es nur uns, und wir wußten, warum. Nun aber –

Es ist ein Fortschritt, beharrt der Hausherr, wenn man es richtig bedenkt.

Wird er dazu führen, daß unsere Kinder und wir nicht mehr bedroht sind?

Eines Tages einmal, ja, wer weiß.

Ofelia schleppt mehr Dampfendes aus der Küche, der Hausherr beweist, wie sehr man sie schätzt, indem er schmutzige Teller in Ofelias Küche bringt.

Aber was, wenn sie nur noch ihresgleichen morden, fragen die Gäste. Wer sind wir dann?

Wären wir nur schon soweit. Die Hausherrin seufzt.

Das ist Zukunftsmusik, beschwichtigt der Hausherr.

Sie morden schon nicht mehr wegen eines Vorteils, sondern aus Prinzip, sagen die Gäste. Das ist gegen die Logik und unser Ruin.

Unser Ruin war die Logik, gibt sich der Hausherr provokativ. Mit unseren Paradiesen haben wir den Anfang gemacht, alle, die rauben, entführen, foltern und morden setzen nur fort –

Diese Vögel! Die Hausherrin springt auf. Ich halte ihr Kreischen nicht aus, das kann so nicht weitergehen.

 

Das geht sehr lange so weiter. Wird nicht besser, wird schlimmer, bleibt, wie es ist. Die Mauern ums Paradies bröckeln, Balthasar bessert sie aus. Ofelia kocht und steht nach erledigter Arbeit im Wasser. Stinkend verschleißt sich die Natur im Paradies. Die Besitzer empfangen Gäste, ihre Bewunderung hält den Müll fern, noch eine Weile. Für die Vögel ist es hier wie dort gleich, in hackendem Kampf werden sie fündig, und wenn nicht, fällt dann und wann einer klumpig vom Baum, wird zerrissen, vertilgt, nichts bleibt für den Müll. Nachts wird das Paradies von Dunkel vertuscht, aber draußen der Müll leuchtet. Durch den Müll wandern Menschen, schreiten fort, werden mehr, morden andere, sich und die im Paradies, es kommt, wie es kommt.

Für Ofelia ist es hier wie dort anders, sie gibt nichts darauf, wo sie ist, kennt den Weg aus dem Paradies und wieder zurück. Sie trifft die, die im Müll leuchten, bespricht sich mit ihnen, bleibt vorläufig unversehrt, macht sich nichts daraus. Es kommt, wie es kommt. Sie schafft auf nächtlichem Weg herbei, was morgen die Augen, den Gaumen der Herrschaft erfreut, denn Fische und Fleisch sind im Paradies nicht zu haben. Aber gleich jenseits der Mauer herrscht kein Mangel, aller Armut zum Trotz. Ofelia kennt die Wege der Verwandlung, sie weiß die Spuren der Herkunft zu tilgen an dem, was auf den Tischen im Paradies als Delikatesse gerühmt sein will. Anders, als ihre Arbeitgeber befürchten, wird Ofelia kaum einmal gefragt nach den Vorgängen hinter der Mauer, denn die Bewohner der Paradiese sind überall gleich und denen draußen wohl bekannt. Nein, über die Paradiesischen wird im Müll nicht gesprochen, hier geht es um Gelegenheiten, Preise, Gewinn. So kommen, bei Gelegenheit, auch die hinter den Mauern in Betracht. Genau umgrenzte Bezirke sind gut zu beobachten. Auch die innerhalb der Mauern reden von Chancen, die zu nützen sind.

 

Der Hausherr beobachtet die Gäste, fühlen sie sich wohl?

Die Gäste beobachten Ofelia, sie kann doch manches, was die eigene Köchin nicht vermag.

Ofelia beobachtet das Rumpsteak. Wann ist es durch?

Balthasar beobachtet jede einzelne Pflanze im Paradies, um einzugreifen, sobald sie zu Müll wird.

Die Vögel beobachten, wie Balthasar vorläufig erfolgreich das Paradies erhält, ihnen Beute verwehrt.

Die Hausherrin beobachtet die Vögel.

Das Tor zum Paradies wird auch beobachtet, viele gehen wie zufällig daran vorbei.

Und werden ebenfalls beobachtet, von den Chauffeuren der Gäste, den Lotsen der Wege von Paradies zu Paradies.

Balthasar beobachtet die Chauffeure, zieht Vergleiche zwischen ihrem und seinem Beruf.

Der Sohn des Hauses beobachtet Balthasar, er fürchtet die Anzeichen von Unzuverlässigkeit.

Die Gäste beobachten den Sohn des Hauses, er ist allmählich zu alt, um nur dieses zu sein.

Die Hausherrin beobachtet den Hausherrn, entdeckt noch immer keine Spur von Unruhe an ihm.

Der Sohn des Hauses beobachtet die Gäste, hoffentlich zweifeln sie nicht an der Überlegenheit dieses Paradieses über alle anderen.

Die Gäste beobachten Balthasar, für einen Gärtner sind seine Manieren etwas dreist.

Balthasar beobachtet den Hausherrn, es wird Zeit für ein Wort der Anerkennung.

Der Hausherr beobachtet Ofelias eifriges Hantieren.

Die Vögel beobachten die Tüte mit Speiseresten, die jetzt vor Ofelias Küche steht.

Die Hausherrin beobachtet die Vögel, erwartet die Katastrophe, die nach Ofelias Unachtsamkeit mit dieser Tüte unweigerlich eintreten wird.

Ofelia beobachtet das Rumpsteak, gleich ist es durch.

Da stürzen sich die Vögel vom Baum, auf die Tüte, ihr Gekreisch verdirbt das Mahl, machen weitere Beobachtungen überflüssig. Alle starren auf die Vögel.

 

Es mußte so kommen, sagt die Hausherrin.

Das haben wir gleich, Ofelia lacht.

Ich helfe dir, der Hausherr springt auf.

Habt ihr das schon gesehen? Der Sohn des Hauses schleppt eine Neuerwerbung heran, ein kostbares Stück.

Es wird immer schlimmer, sagen die Gäste.

Aber hier, seht doch! beharrt der Sohn des Hauses.

Eines Tages ersticken wir im Müll, sagt die Hausherrin.

Die Gäste nicken, der Sohn des Hauses strengt sich an, aber niemand will die Ablenkung, die er angestrengt vorführt.

Wenn nicht am Müll, sagen die Gäste, dann an der Luft. Sie ist nicht aufzuhalten durch Mauern, und sie ist schlecht. Unsere Kinder husten, nicht anders als die auf dem Müll.

Es mußte so kommen, sagt die Hausherrin.

Danach kommt es besser, der Hausherr lacht, schenkt Wein ein.

Ofelia steht schwarz im schwarzen Flügelschlagen, rettet den Müll vor den Vögeln.

Balthasar richtet den Wasserstrahl auf die Vögel, da geben sie auf. Zurück auf dem Baum, ist ihr Kreischen lauter als zuvor.

Die Hausherrin ist blaß, ich halte die Vögel nicht aus.

 

 

Leg Schlingen aus, Balthasar, Köder, Gift. Der Hausherr spricht eifrig auf den Gärtner ein. Es muß ein Mittel geben gegen sie. Wir müssen alles versuchen.

Die Mittagshitze verklebt den Vögeln die Schnäbel, es ist still im Paradies, bis auf das Plätschern der Gäste im Pool.

Man kann alles versuchen, stimmt Balthasar zu. Aber wer will die Folgen?

Die Folgen sind, was wir kennen. Ein bißchen mehr Müll, na und? Den schaffst du weg.

Es wird anderer Müll sein, beharrt Balthasar. Nicht der von Pflanzen. Totes Fleisch im Paradies, Kadaver. Und in den Bäumen die, die noch leben. Sie werden sich auf die Kadaver stürzen, bevor ich sie finde. Man wird den Garten vor Schwarz nicht mehr sehen, dem Schwarz der Vögel vom Müll.

Jetzt siehst du schwarz, spottet der Hausherr, sein Lächeln gelingt ihm nur halb.

Ich sehe nur, wie es sein wird.

Du rätst also ab von Schlingen, Köder, Gift? Der Hausherr gibt viel auf die Meinung des Gärtners.

Ich denke, es ist besser, wenn es bleibt, wie es ist. Die, die jetzt hier sind, gehören ja doch schon zu uns. Wenn wir sie töten, kommen fremde Vögel, in Scharen. Und zuvor schon wird der Garten ein anderer sein, mit den Kadavern der Vögel an schwer zugänglichem Ort. Es hat uns viel Mühe gemacht, paradiesische Unübersichtlichkeit zu erreichen, und dann wäre sie ein Nachteil. Mit dem Müll der Pflanzen werde ich fertig, aber die Mischung aus Welkem und Aas –

Vergiß es. Der Hausherr denkt nach. Es gibt andere Lösungen, man muß sie nur finden.

Oder sich abfinden, wendet Balthasar ein, mit dem kleinen Tribut. Ein billiger Preis für –

Niemals! Der Hausherr wird zornig. Aber nicht lang, er denkt schon weiter, hat eine Idee. Du zähmst sie!

Balthasar sagt nichts, lächelt.

Das ist die Lösung! Ich hab es gewußt, es gibt immer einen Weg. Der Hausherr ist ganz in seinem Element. Du zähmst die Vögel, zuletzt bauen wir Käfige um sie, es wird dauern, gewiß, aber dann, eines Tages, ich sehe es schon vor mir. Wir müssen die Herausforderung annehmen, wir werden gewinnen, es ist nur eine Frage der Zeit. Verstehst du mich, Balthasar?

 

Man hat gegessen, geplaudert, gelacht, geklagt, daß es immer schlimmer wird. Man hat Kultur bewiesen, dieNatur genossen, ihr getrotzt. Man war gut aufgehoben im Paradies. Man hat Pläne geschmiedet, Verabredungen getroffen, getrunken. Gestaunt, wie gut es sich immer noch leben läßt hier, obwohl es so schlimm ist, daß es nicht so weitergehen kann. Jetzt geht man nach Hause, die Chauffeure lassen die Motoren an, die Hausherrin gibt sich als Hausfrau, verrät das Rezept für den Drink. Man zögert den Aufbruch noch ein bißchen hinaus, spricht über den, der gestern aufbrach, aber nie ankam. Aber die Chauffeure werden schon wissen, was sie tun. Man verspricht, die glückliche Rückkehr sogleich telefonisch zu melden. Man bricht auf, es ist dunkel, der Müll jenseits der Mauer von Nacht verschluckt. Hausherrin und Hausherr gehen durch den Garten. Geschickt verteiltes Licht rückt das Paradies jetzt ins schönste Bild. Und die Vögel geben keinen Laut, auch wenn sie dort lauern im Baum.

 

Als Hausherr und Hausherrin die Gäste verabschiedet haben, sind alle Spuren des Tages getilgt. Ofelia und ihre Helfer wußten, wie die Zeit des Aufbruchs zu nützen ist.

Der Hausherr freut sich an seinem Besitz, trägt Wein und Gläser an den Tisch im Freien.

Ich nicht, sagt die Hausherrin. Ich gehe schlafen.

Aber doch nicht jetzt schon!

Wann sonst. Die Vögel lassen es ja nicht anders zu. Die Hausherrin seufzt. Sie bestimmen unseren Rhythmus.

Nur, weil du es zuläßt. Ignoriere sie doch, wie ich. Außerdem habe ich Pläne. Balthasar weiß schon Bescheid, bald ist unser Paradies perfekt.

Die Hausherrin gibt nichts auf diese Worte, schüttelt den Kopf. Sie geht, schielt vorsichtig hinüber zum Wasser. Dort leuchten weiß Ofelias Haare, gelb die Limonen an dem Baum, der nicht sichtbar ist. Wie die Vögel auf ihm.

 

Der Hausherr bleibt allein zurück, unbeirrt. Er denkt nach. Es geschieht eben nicht von allein, man muß etwas tun. Er überprüft seinen Plan. Ofelia, Balthasar, die Chauffeure und viele, die man nicht zu sehen bekommt, sie alle kommen vom Müll. Hier wie in anderen Paradiesen überall in diesem Land wurden sie in die Bezirke innerhalb der Mauern geholt, obwohl das Risiko allen bewußt ist. Aber man muß etwas tun für das Land. Und ohne die vom Müll funktioniert kein Paradies. Ein Balanceakt, eine Frage der Dressur. Aber auch sie profitieren davon, leben innerhalb der Mauern besser als draußen. Und nach wie vor kennen sie sich auch draußen aus, bewegen sich dort – man selbst kann das nicht. Ist das der Tribut, von dem Balthasar sprach?

Der Hausherr denkt nach. Balthasar, Ofelia, die Chauffeure, all die anderen, sie sind Agenten von dort. Agenten des Mülls. Grenzgänger, sich der Macht über uns wohl bewußt. Wir aber sind freundlich zu ihnen, damit sie diese Macht nicht nützen. Damit sie unsere Angst nicht spüren. Aber ist es damit nicht seit einiger Zeit schon vorbei?

Der Hausherr denkt an die Gespräche mit den Gästen. Die Logik des Mordens ist wirklich nicht mehr zu erkennen. Die vom Müll trachten uns nach dem Leben wie ihresgleichen. Und das ist, bedenkt man es richtig, tatsächlich ein Fortschritt. Nun sind wir nicht nur getrennt durch Mauern, sondern auch verbunden durch Angst. Die Kinder der Dienstboten haben keine Chance, doch ihre Mütter zittern um sie wie wir um die unseren. Das heißt, Chancen spielen keine Rolle mehr. Das heißt, wir haben keine, wie sie –

Der Hausherr schüttelt den Kopf. Wie konnten seine Gedanken nur so in die Irre gehen. Er war doch ganz anderen Zusammenhängen auf der Spur. Ein Vogel über ihm im Baum krächzt im Schlaf, bringt ihn auf die Fährte zurück. Ofelia, Balthasar, die Chauffeure – und die Vögel. Man muß etwas tun. Man muß mit den Vögeln verfahren wie mit dem Personal. Beide kommen vom Müll, für beide sind die Wege hin und zurück kein Problem.

Der Hausherr lächelt. Erinnert sich, wie es war, als Ofelia ins Haus kam. Wie sie nichts wußte, nichts konnte außer Dingen jenseits der Logik. Die ihr aber dann doch halfen, alles andere zu lernen. Und die ihr heute noch jenen Hauch des Besonderen geben, der nicht nur Fremden in ihr die magische Kraft dieses Landes beweist. Balthasars Dressur ist womöglich zu gut gelungen, er denkt schon wie wir. Ofelia also. Sie hat das Zeug zur Herrin über die Vögel. Sie wird sie zähmen. Und das Projekt wird Schule machen, dieses Land erneuern, den Müll besiegen, die Angst. Denn unsere Angst ist wie der Müll und somit die eigentliche Gefahr.

Der Hausherr gerät ins Träumen.

Ofelia dort im Pool rückt die Taucherbrille zurecht.

Kein Vogel krächzt.

In ausgeklügelter Reihenfolge läßt die Zeituhr die Lichtinseln im Garten in der Dunkelheit verschwinden.

Ofelia plumpst prustend vornüber ins Wasser.

 

Die Preise der Paradiese steigen indessen. Wer will sie noch, fast überwuchert vom Müll? Sie wären längst wertlos, wüßten ihre Bewohner, wie es sich außerhalb lebt. Doch das ahnen sie nicht einmal, bewundern dafür heimlich Ofelia und ihresgleichen. Ahnen auch nicht, daß so die Bedeutung der Paradiese für die auf dem Müll steigt. Als Ansatz für neuen Müll, für Zukunft.

 

Doch auch der Hausherr denkt an die Zukunft. Er schmiedet Pläne, arbeitet am großen Projekt. Die Müllvögel müssen gezähmt werden. Er erkennt, so sind die Mauern zu überwinden. Denn wer die Vögel zähmt, zähmt auch den Müll und die, die dort leben. Nicht nur nachts werden sie leuchten, keine Schattengestalten mehr am Tag. Die Müllvögel sind das Letzte, deshalb ist mit ihnen zu beginnen. Sie beflügeln dreist einen Rest von Natur, der alles andere bedroht. Sind die Müllvögel erst gezähmt, wird Friede sein.

 

Nach reiflicher Überlegung erhält Ofelia den Auftrag. Aber führt sie ihn auch aus? Sie tut, was angeordnet wurde. Müllvögel zähmen. Nicht mehr verjagen wie gestern. Aber auch nicht unnötig viele anlocken. Aber die, die da sind, heimisch werden lassen.

Bald sind überall im Paradies Speisereste verteilt. Das, was die Vögel vom Müll kennen, das, was sie wollen, es ist ein Signal. Hier denkt man an euch, ihr seid willkommen, ihr gehört dazu. Die Müllvögel denken nicht, stürzen sich auf den Müll, der jetzt mitten im Paradies zu finden ist. Sie sind nicht wählerisch, fressen alles, es ist nicht nur pflanzlicher Abfall für sie da, er tarnt die wahren Leckerbissen nur. Aas steigert ihren Appetit.

 

Nach dem Geschmack der Hausherrin ist das nicht. Sie hat anderes zu tun und meidet vorläufig das Paradies.

Balthasar beobachtet traurig, was der Hausherr als Erfolg verbucht. Federwirbelndes Schwarz läßt keinen Blick mehr auf das hart erarbeitete Grün. Auch keinen Überblick über die Haufen von Müll unter Blüten.

Der Sohn des Hauses stellt sich blind, taub, optimistisch wie immer. Aber er verläßt das Haus nicht mehr. Noch ist mit Musik das Gezeter der Vögel draußen zu halten.

Die Gäste bleiben fern, stellen Fragen, erkundigen sich telefonisch, ob zutrifft, worüber man schon spricht. Sie sorgen sich.

Der Hausherr weiß Beruhigendes. Das Ziel rückt näher. Er beobachtet die Durchführung seines Plans mit unbeirrbarem Interesse.

Mehr Müllvögel kommen.

Die Hitze ist schlimmer denn je, zerfällt in Staub, überzieht alles mit glühendem Dreck, verklebt den Himmel. Macht die Hitze den Müll?

Ofelia verteilt ihn im Garten, ihrem Auftrag gemäß, schleppt Müll von draußen herbei, was im Paradies produziert wird, reicht nicht mehr aus.

Der Hausherr sieht deutlich den Fortschritt. Die Müllvögel töten sich gegenseitig im Kampf um die fettesten Aasteile. Fressen dann ihresgleichen – damit sind sie schon auf seiner Seite.

Balthasar sammelt morgens und mittags und abends noch immer welke Blüten ein, es macht keinen Sinn mehr, doch was sonst soll er tun. Er warnt und weiß, es ist vergeblich, der Hausherr spürt, es ist Zeit für den nächsten Schritt.

Ofelia stellt keine Fragen, der Hausherr muß wissen, was er tut. Wie er ihr aufträgt, brät sie tote für die noch lebenden Vögel. So fressen sie ihre Zukunft, gewöhnen sich daran.

Der Hausherr reibt sich die Hände, seine Zuversicht wächst.

Er spürt, er ist auf der richtigen Seite. Im zeitweiligen Bündnis mit Hitze und Müll wird er Müll und Hitze besiegen. Die Müllvögel selbstverständlich auch.

 

Balthasar läßt jetzt die Blüten, wie sie fallen. Er ahnt, der nicht beachtete Überfluß wird ihn überflüssig machen. Um überhaupt noch etwas zu tun, zieht er die Mauern ums Paradies höher.

Die Hausherrin betritt das Paradies nicht mehr, will kein Vogelgekreisch und keine Sorgen. Eine Auslandsreise ist nicht länger aufzuschieben.

Die Gäste lassen nicht von sich hören und wollen nichts mehr wissen von den Vorgängen dort. Sie haben genug damit zu tun, die eigenen Paradiese zu sichern. Der Gastgeber, beruhigen sie sich, ist noch reicher als sie und kann sich derartiges leisten.

 

Mehr Müllvögel kommen, mehr Müll wird benötigt hinter den Mauern. Ofelia kann die Mengen nicht mehr alleine beschaffen.

Der Hausherr läßt ihr freie Hand.

Ofelia läßt sich beliefern mit Müll.

Oft steht die Tür in der Mauer jetzt offen, die Müllnachschubfrage ist ein Problem.

Der Hausherr ist zufrieden. Ofelia tut, was er ihr sagt, und noch hat sie alles im Griff, den Müll, die Vögel, ihre Töpfe und Pfannen.

Der Hausherr entdeckt eine Dynamik des Projekts, die seine Erwartungen weit übertrifft. Denn wenn Ofelia scheitert, an nicht mehr vorhandenem Müll, ist dieses Scheitern Erfolg.

 

Spät nachts und früh morgens steht Ofelia im Wasser, wie immer und mit Taucherbrille. Der Pool ist der einzige Ort, den die Müllvögel meiden im Paradies. Dort ist noch kein Müll.

Besorgt erkennt der Hausherr das Versäumnis, er wird mit Ofelia reden.

Aber jetzt ruft die Hausherrin an, sie versteht nicht, was der Hausherr sagt, wird vom Geschrei der Vögel verschluckt. Damit versteht sie genug.

Der Sohn des Hauses verläßt immer öfter Haus und Garten, er macht Geschäfte, sagt er, draußen, und hält doch nur das stinkende Gezeter ringsum nicht aus.

Der Hausherr durchschaut ihn, verzeiht, akzeptiert, daß er lange allein sein wird. Nicht jeder ist der Größe des Vorhabens gewachsen. Nur gelegentlich befallen ihn Zweifel an der Erreichbarkeit des Erfolgs. Wenn er sieht, wie die Mauer unter Balthasars Händen täglich höher wächst und doch die Müllvögel nicht abhält. Aber das ist der Fehler Balthasars, in den Plänen des Hausherrn kommt die Mauer schon nicht mehr vor.

Ofelia, weiß der Hausherr, versteht mich besser. Sie sorgt dafür, daß die Menge des vorhandenen Mülls stets die der Müllvögel übertrifft. Sie sorgt dafür, daß die Prozession der Müllbringer nicht abreißt. Sie dirigiert sie auch vom Wasser aus, ein Kopfnicken, ein Fingerzeig, und ihre Leute wissen Bescheid.

 

Ofelia brät keine Rumpsteaks mehr, sondern Müllvögel.

Der Hausherr, zu jedem Opfer bereit, kostet davon, so also schmeckt sein Erfolg. Lächelnd genießt er, der Erste zu sein. Er hat die Lösung gefunden, die alle erlösen wird. Daß das Paradies nicht mehr grün ist, sondern schwarz vom Gewirbel der Müllvogelfedern, nimmt er vorläufig in Kauf.

Auch auf der Wasseroberfläche schaukeln schon Federn. Aus verschmähten Müllhaufen blubbern Blasen, unvermeidlich beginnt es zu sprießen. Es ist nun ganz still im Paradies, die Müllvögel sind zu satt für Gekreisch.

Bedauerlich, daß jetzt die Hausherrin nicht anruft.

 

Soviel Gelingen spornt an. Eines Mittags verfällt der Hausherr auf den Gedanken, Haus und Paradies zu verlassen, allein, ohne Chauffeur, zu Fuß. Sein Fuß gleitet aus beim ersten Schritt auf glitschiger Verwesung, staunend sieht er die Berge von Müll rund ums Haus, wo ist die Tür, die nach draußen führt?

Warum ist es so schwer, das Paradies zu verlassen? Der Hausherr kämpft, sucht Halt, wühlt sich durch, kommt nicht voran.

Aber die Müllvögel kommen über ihn. Gefräßig gemästet, sehen sie Zukunft in ihm, Aas. Das steht ihnen zu. Die Beute zappelt, fordert sie heraus. Ein wütendes Hacken mit Schnäbeln, Reißen mit Krallen, schwarzfederndes Flügelschlagen, lautlos bis eben auf unvermeidlicheGeräusche des Hackens, Zerreißens, Niederschlagens. Würgendes Zerfleddern. Zusammen mit dem Hausherrn wird auch der eine oder andere Müllvogel gefressen.

 

Balthasar klebt zu diesem Zeitpunkt schon an der Mauer fest, seine Hand bewegt sich noch, aber kraftlos. Der Müll aus Pflanzen, Aas und Zukunft steht ihm bis zum Hals, er ist froh, gleich wird es vorbei sein. Er erkennt sein Glück. Die Vögel verschonen ihn, sie haben wohl bessere Beute, und der Gärtner sieht einem standesgemäßen Tod gelassen entgegen. Sein Tod wird sanfte Überwucherung sein, jetzt begreift er die Vergeblichkeit seiner auftragsgemäßen Bemühung. Die alles in allem aber doch ein Erfolg war. Klagte der Hausherr nicht über die Mauer und wie sie Grenzen setzt dem Paradies? Jetzt ist sie gleich versunken, Balthasars Körper begräbt sie unter sich, der Gärtner ergibt sich lächelnd den Gesetzen der Natur.

 

Schwarze Federn fallen vom Himmel, täuschen verfrühte Dämmerung vor. In der Glasglockenhitze des Nachmittags wagen sich die ersten von draußen herein. Sie erkennen kaum, wann sie nicht mehr draußen sind, denn drinnen ist es nicht anders. Ihre Enttäuschung hält sich in den Grenzen des ihnen Bekannten. Viel Müll, viele Vögel, und dort im schwarzfedrigen Wasser steht eine Frau.

Ofelia schiebt die Taucherbrille zurecht, holt tief Luft. Sie stößt sich vom Boden ab, plumpst nach vorn, kopfüber ins Wasser. Sie läßt sich treiben, reglos, solange ihr Atem reicht.

Er reicht lang genug. Dann findet sie federnbedeckten Boden unter den Füßen, richtet sich auf, prustet, schiebt die Taucherbrille ins weiße Haar. Und steht schwarz befiedert im federschwarzen Wasser, ernste Miene, üppiges Fleisch, jetzt leuchtet noch ihre ganze Gestalt, eine kurze Zwischenzeit nur.

 

Denn die Müllvögel haben noch eine Weile mit dem Hausherrn zu tun. Als nur noch Knöchernes von ihm übrig ist, lassen sie von ihm.

Nun wird es zwischen zwei Lidschlägen Ofelias dunkel. Die alte Frau im Wasser verschwindet zwischen Pflanzen und Müll, unbeweglich. Der Müll leuchtet blau, verdampft Wärme. Über das Wasser läuft ein später Wind, er raschelt Ruhe in die Bäume, in die Vögel, die sich dorthin verkriechen, zufrieden stoßen sie etwas wie Schmatzlaute aus, hacken sich, ein Reflex nur der Emsigkeit des Tages, verschlafen schon, gegenseitig in die Augen. Ofelia dort im Wasser hebt den gefederten Kopf, eine Geste vollendeter Gleichgültigkeit.

 

Da kommt, durch die nicht mehr vorhandene Tür in der nicht mehr sichtbaren Mauer, die Hausherrin zurück. Wider besseres Wissen, doch Neugier und etwas wie Sehnsucht läßt sie sich durchgehen als Motiv. Sie sieht nicht viel in der bläulich durchzüngelten Nacht. Sie sieht nicht Ofelia, doch diese sieht sie.

Ofelia weiß, die Hausherrin ahnt die Vögel in den Bäumen, und daß sie jetzt wünscht, einer der Vögel im Baum zu sein, der besseren Übersicht wegen.

Dann gewöhnen sich die Augen der Hausherrin an die lautlose Undurchdringlichkeit. Im schwarzen Federgewirr schimmern Knochen, werden die Vögel jetzt so groß? Sie ignoriert das klebrige Ziehen an den Beinen, das Zischen der Hitze im Müll. Befremdet sieht sie, wie üppig die Mangos jetzt wachsen. Kommt es tatsächlich, wie es kommt, muß man gar nichts tun?

Sie kann nicht verhindern, daß eine der Mangos vom Baum fällt. Während Ofelia blubbernd versinkt, schwimmt grellgelb die Taucherbrille auf Schwarzfederwasser.

Das sieht die Hausherrin noch, dann nichts mehr, Müll ist ein nachgiebiger Grund, Müll nimmt sie auf.

 

Das Kind nimmt die Taucherbrille, sie leuchtet gelb und ist gut erhalten, der nächtliche Beutezug hat sich wieder einmal gelohnt.