Es klingelte, und als ich die Tür öffnete, stand er vor mir, mit einer Flasche Wein, Blumen und erwartungsvollem Lächeln. Zunächst verstand ich nicht, was er erwartete, dann fiel mir ein, daß ich ihn zum Abendessen eingeladen und dies vollkommen vergessen hatte. Er wurde verlegen, ich entschuldigte mich und bat ihn herein. Ich sah im Kühlschrank nach, fand Schinken und Käse, auch Brot und Tomaten waren vorhanden und einige Flaschen Wein. Verhungern werden wir nicht, versuchte ich zu scherzen. Verunsichert bot er an, sofort wieder zu gehen, was ich, wortreich meine Verlegenheit überspielend, ablehnte. Wir beschlossen, das improvisierte Abendessen gleich am Küchentisch einzunehmen, ohne große Umstände. Hilfsbereit entkorkte er die erste Flasche Wein, wir setzten uns, begannen zögernd zu essen und hatten uns nichts zu sagen. Ich suchte nach einem Thema, mir fiel keines ein. Ich überlegte, mich noch einmal für meine Vergeßlichkeit zu entschuldigen, ließ es aber sein. Als er zu reden begann, klang es wie ein Vortrag, zu dem das Publikum fehlte. Ein Selbstgespräch, so schien es, und ich begriff lange nicht, wovon er sprach, und ob es überhaupt notwendig war, das zu begreifen.
Aus dem Tierreich sind die Beispiele bekannt, sagte er, wonach das Weibchen ihre Männchen nach Gebrauch verspeist. Neulich wurde ich Zeuge eines gewissermaßen entgegengesetzten Vorgangs. Ich hatte die Frau unter Umständen kennengelernt, die in diesem Zusammenhang uninteressant sind. Wir trafen uns gelegentlich, zufällig, nie gab es eine Verabredung. Aus irgendeinem Grund provozierte mich alles, was sie sagte, zu heftigem Widerspruch. Ihr ging es ganz genauso mit mir beziehungsweise mit allem, was ich sagte. Das war, wenn man so will, eine Gemeinsamkeit, aber es war auch die einzige. Wann immer wir uns trafen, begannen wir augenblicklich zu streiten, über alles und jedes. Es war, spätestens nach der dritten Wiederholung, einfach lächerlich, und vermutlich stritten wir uns nur deshalb, weil wir uns nichts zu sagen hatten. Das Ganze war in keiner Weise ernst zu nehmen, jede Begegnung dasselbe alberne Ritual, ohne daß wir viel voneinander wußten.
Er schwieg so plötzlich, wie er zu reden begonnen hatte, und natürlich überlegte ich, ob es zwischen dem, was er mir erzählte und dem, was sich zwischen ihm und mir an meinem Küchentisch abspielte, Parallelen gab. Ich entdeckte keine, zumindest keine überzeugenden, schwieg weiter, und so fuhr er fort, nun weniger dozierend, eher mit dem Gestus des sehr einsamen Helden, der so ziemlich alles hinter sich hat.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann und wie sie die Einladung zum Abendessen aussprach. Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wieso ich die Einladung nicht, dem zwischen ihr und mir eingeschliffenen Reflex folgend, ganz einfach postwendend ausschlug. Vielleicht war ich für einen kurzen Moment durch irgendetwas abgelenkt, vielleicht begann mich auch diese Automatik des Widerspruchs zu langweilen. Ich nahm die Einladung an. Im Grund sprach alles dagegen, nicht zuletzt, daß ich dieser widerspruchsgeübten Frau keineswegs zutraute, etwas auf den Tisch zu bringen, was das Wagnis lohnend machte. Denn ein Wagnis, so viel war mir klar, kaum daß ich zugestimmt hatte, würde diese Einladung zum Abendessen werden für mich. Natürlich kann man auch mit jemandem streiten, mit dem man zu Abend ißt, sogar wenn der oder die andere dieses Abendessen selbst zubereitet hat. Doch da in solchen Fällen auch das sorgfältigst zubereitete Essen meist ein verfrühtes, mehr oder weniger abruptes Ende nimmt – ja, warum überhaupt lud sie mich ein, fragte ich mich, als ich mit dem Gedanken so weit gekommen war. War es nicht eine Einladung, ihr den Abend zu verderben? Oder eine Einladung, mich zu blamieren, wenn ich unser Spiel fortsetzen und mich dabei als Rüpel präsentieren würde? Wir standen noch immer auf der Straße, schon wieder verpaßte ich den gerade fälligen Widerspruch. Ich weiß nicht mehr, worüber wir da gerade sprachen, über irgend etwas eben, war ja auch egal. Das Spiel bestand ja eben darin, daß es völlig gleichgültig war, bei welchen Themen wir unterschiedlicher Meinung waren. Ich hätte jedenfalls widersprechen müssen, aber ich tat’s nicht. Als es mir auffiel, war es schon zu spät. Ihr war es natürlich auch aufgefallen, ich wußte nicht, wie sonst ihr Gesichtsausdruck zu deuten war. Es war einer, den ich nicht an ihr kannte. Mit einem Mal war ihr übliches, leicht amüsiertes Lächeln verschwunden. Zum ersten Mal kam mir in den Sinn, daß ich noch nie auf ihre Augenfarbe geachtet hatte. Nun konnte ich sie nicht feststellen, weil sie den Blick gesenkt hatte. Dann wiederholte sie noch einmal Tag und Uhrzeit des geplanten Abendessens und fügte hinzu, zwei oder drei Freunde von ihr würden ebenfalls dabeisein. Sie ging, und ich war einigermaßen erleichtert, daß dieses Abendessen, in das ich warum auch immer eingewilligt hatte, zumindest keine exklusiv zweisame Angelegenheit werden würde. Dann kam ich auf den kurz zuvor abgebrochenen Gedanken zurück. Das Wagnis war nicht nur auf meiner Seite. Warum lud mich diese Frau ein, mit ihr und ihren Freunden zu essen? Offenbar beabsichtigte sie, selbst zu kochen, und was immer das heißen mochte, auf jeden Fall müßte sie eine gewisse Zeit investieren. Warum riskierte sie, daß einer wie ich, der zu ihr in einem fast lächerlichen, zwanghaften Verhältnis des permanenten Widerspruchs stand, sie um den Erfolg ihrer Bemühungen brachte? Denn damit mußte sie rechnen, auch ihr war diese seltsame Form einer gewissermaßen Anti-Kommunikation zwischen uns längst aufgefallen. Sie hatte sie sogar schon mehrmals in einer Weise kommentiert, die mir mehr als unangenehm war und die nun wirklich meinen sofortigen Widerspruch nötig gemacht hatte. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Sie sah jedenfalls genau, wie das lief zwischen uns, und trotzdem lud sie mich zum Essen ein. Was erwartete sie? In Anbetracht unserer begrenzten gemeinsamen Erfahrungen mußte sie mit einem Mißerfolg rechnen, mit einer unerfreulichen Ausweitung unseres bisher aufs Unverbindliche beschränkten Disputs. Wenn mein Widerspruch dann nicht nur auf ihren letzten Satz, sondern darauf zielen würde, was sie auf den Tisch brachte – so etwas ist nicht so leicht zu verkraften. Wahrscheinlich hat sie sich das mit dieser Einladung nicht gut überlegt, dachte ich. Sie tat mir jetzt fast leid. Essen ist so etwas Positives, also wirklich nichts für Leute wie sie und mich.
Er räusperte sich, und ich eröffnete ihm, mir sei eingefallen, daß ich noch Spaghetti hätte, irgend etwas für eine Sauce könnte ich bestimmt ebenfalls finden. Er nickte, ich begann, am Herd zu hantieren, und er begann wieder zu reden.
Vielleicht sollte ich die ganze Geschichte ganz einfach vergessen, überlegte ich. Wozu ihr diesen Abend verderben. Eine kurzfristige Absage, nahm ich mir vor, das wird das Beste sein, für sie wie für mich. Da werden immerhin diese Freunde von ihr sein, ihre Mühe am Herd also nicht vergeblich. Ich begann bereits, wieder an anderes, Wichtigeres zu denken, als mir ein äußerst unangenehmer Gedanke kam. Was, wenn sie sich das mit dieser Einladung sogar ganz genau überlegt hatte? Wenn sie es ganz bewußt auf eine Ausweitung unserer Nicht-Verständigung anlegte? Wenn sie, um es ganz plump zu sagen, einfach darauf spekulierte, das letzte Wort zu haben – denn, das wird ihr auch klar sein, Essen ist etwas Positives. Was, wenn sie damit rechnet, mit diesem Essen mich und meinen Widerspruch zum Schweigen zu bringen, eine Art Domestizierung – Als ich den Gedanken so weit fortgeführt hatte, saß ich in der Falle, ohne daß ich das zu diesem Zeitpunkt schon begriffen hätte. Wenn ihre Pläne so aussahen, dachte ich wütend, wenn sie mich deshalb zum Essen eingeladen hatte – bitte schön, das konnte sie haben. Aber ganz bestimmt nicht so, wie sie sich das dachte, dachte ich. Ich hing schon am Haken, ich vermutete, sie setzte auf Sieg, und den wollte ich ihr keinesfalls lassen. Ich beschloß, es ihr zu zeigen, und dann vergaß ich die Einladung erst einmal. Schließlich gab es vieles, was wichtiger, interessanter, erfolgversprechender war als diese Einladung zum Abendessen. Aber ich vergaß nicht nur das Abendessen, sondern auch die beabsichtigte kurzfristige Absage. Als mir beides wieder einfiel, keine Ahnung aufgrund welcher Assoziationen, man kennt das ja, es fängt mit etwas völlig Banalem an, von da gelangt man hierhin und dorthin und mit etwas Glück zu einem ganz brauchbaren Gedanken und schließlich wieder zu etwas völlig Nebensächlichem, und genau auf so einem Weg passierte es, daß mir das Abendessen wieder in den Sinn kam. Und daß ich vergessen hatte abzusagen. Denn als mir beides einfiel, war es zu spät. Es war nämlich in genau dem Moment, als es Zeit war, mich auf den Weg zu machen, um mit einer angemessenen Verspätung von zehn, fünfzehn Minuten vor der Gastgeberin zu stehen. Während ich mich rasch umzog und eine Rasur als unnötig befand, überlegte ich, ob ich nicht doch noch absagen könnte, schließlich kann ja immer mal etwas dazwischenkommen. Keine der Ausreden, die mir einfiel, befriedigte mich, und zugleich ärgerte ich mich, daß ich darauf überhaupt so großen Wert legte. Während ich in irgendwelche ungeputzten Schuhe schlüpfte, stieg verhaltene Wut in mir auf. Wieso sah ich bei jeder Entschuldigung für meine Absage zu diesem Zeitpunkt ihr ironisches Lächeln vor mir? Selbst wenn sie denken sollte, ich würde kneifen, was konnte mir das schon ausmachen. Erst war ich wütend auf mich selbst, dann auf sie, deren Einladung mir so viele lächerliche Überlegungen abnötigte. Während ich überprüfte, ob sich in dem Jackett, nach dem ich gegriffen hatte, Autoschlüssel, Hausschlüssel und Geld befanden, beschloß ich, ihr auf gar keinen Fall den Gefallen zu tun, nicht zu kommen. Warum auch immer sie mich eingeladen haben mochte, sollte sie nun doch sehen, was sie davon hatte. Während ich die Treppe runterrannte und nachsah, ob ich den Zettel mit ihrer Adresse eingesteckt hatte, überlegte ich, ob ich ihr nicht etwas mitbringen sollte. Aber ich wußte so gut wie nichts von ihr, also was. Blumen erschienen mir doch etwas zu konventionell, eine Flasche Wein zu verräterisch. Eine Flasche Wein, gleich welcher Qualität, würde ihr jede Menge Rückschlüsse ermöglichen, Aufschlüsse über mich geben, die ich ihr nicht gönnte.
Er betrachtete die Flasche Wein, die er mitgebracht hatte, und verstummte. Inzwischen war mir klar, daß es nicht nötig war, irgend etwas zu sagen. Er entkorkte die mitgebrachte Flasche, ich konzentrierte mich auf die Sauce aus Champignons und Sardellen und wartete darauf, wie er fortfahren würde.
Erst während ich vor dem Haus, in dem sie wohnte, anhielt und mich nach einem Parkplatz umsah, fiel mir auf, wie merkwürdig das Ganze war. Nachdem ich tagelang nicht einen einzigen Gedanken auf diesen Abend verschwendet hatte, war mir alles wieder eingefallen, als es gerade Zeit war zu gehen. Mußte ich aus dieser ungewollten Pünktlichkeit nicht den Schluß ziehen, daß ich mir mit meiner angeblichen Gleichgültigkeit dieser Einladung gegenüber etwas vormachte? Derartige Grübeleien über die Motive meines Handelns verabscheue ich, und während ich die Treppen zu ihrer Wohnung nach oben ging, begann ich sie dafür verantwortlich zu machen. Denn ganz offensichtlich hatte ich, seit mir die Einladung wieder eingefallen war, ihren Part gleich mit übernommen. Zu jedem Gedanken produzierte ich, was sonst wirklich nicht meine Art ist, sofort einen Widerspruch, ganz nach dem Muster der gelegentlichen Gespräche mit ihr. Als ich vor ihrer Tür stand, bebte ich vor Zorn. Sie begrüßte mich, etwas zu freundlich, zu glatt für meinen Geschmack, ganz in der Rolle der Gastgeberin. Sie geleitete mich in das Zimmer, wo bereits die anderen saßen, an einen perfekt gedeckten Tisch. An der Art, wie mich die anderen musterten, war mir sofort klar, daß sie mit allen drei Männern einmal ein Verhältnis gehabt hatte, und daß die drei sich gut genug kannten, um das ebenfalls voneinander zu wissen. Die drei beobachteten mich, etwas gönnerhaft, mit unverhohlener Neugier, wie einen Eindringling, von dem sie sich nichts desto weniger eine gewisse Belustigung versprachen. Sie machte uns flüchtig miteinander bekannt, nannte nur die Vornamen, keine Berufe, nichts weiter. Beiläufig reichte sie mir das Glas mit dem Apéritif und setzte das Gespräch an vermutlich genau jener Stelle fort, an der sie durch mein Klingeln unterbrochen worden war. Die drei Männer verfügten über einen kleinen, aber ausreichenden alkoholischen Vorsprung, um sich nun wie überdrehte Schuljungen aufzuführen, vielleicht war es auch gar nicht der Alkohol, sondern ein instinktiver Reflex, mir, dem Fremden, als ausgelassene Horde gegenüberzutreten. Sie kannten sich gut, ganz offensichtlich trafen sie sich hier und in dieser Zusammensetzung nicht zum ersten Mal. Sie hießen Richard, Philipp und Mark. Das Gespräch verlief, für einen Außenstehenden wie mich, wirr, chaotisch, in Halbsätzen, eben wie unter Leuten, die bestens miteinander bekannt sind. Alle drei lieferten sich den nicht gerade originellen Wettbewerb, sich gegenseitig mit Scherzen zu übertreffen. Viele dieser Scherze bezogen sich auf die Gastgeberin, ausgesprochen flegelhafte, sogar boshafte Scherze, wie sie Brüder für ihre Schwester parat haben. Sie wußte stets zu kontern, schlagfertig, lächelnd, wodurch sie die drei natürlich zu ständigen Steigerungen anspornte. Sie ließ sie lange genug gewähren, daß um ein Haar alles umgekippt wäre, ins wirklich Unflätige, um in diesem haarscharf abgepaßten Moment zu verkünden, was sie nun auf den Tisch zu bringen gedenke. Aus ihrer Aufzählung von ungefähr fünf Gängen schloß ich, daß sie entweder eine ungeheure Show abzog oder tatsächlich kochen können mußte. Das Verhalten der drei Männer veranlaßte mich zu dem Eindruck, demnächst einer Art Raubtierfütterung beizuwohnen. Schlagartig benahmen sie sich wieder manierlich, kommentierten ihre Ankündigung mit kennerisch verdrehten Augen, zustimmenden Seufzern, mit Äußerungen freudig-skeptischer Erwartung, mit stillem Lächeln oder der Bitte um nähere Erläuterung. Zu diesem Zeitpunkt war es mir noch nicht möglich, die durchaus unterschiedlichen Reaktionen eindeutig einem der drei zuzuordnen. Jedenfalls war es Richard, der schließlich, trotz aller zuvor gezeigten Begeisterung, nörgelnd an eine Reihe von Speisen erinnerte, die sie wohl früher einmal aufgetischt hatte und die in der heutigen Menüabfolge fehlten. Auch dies schien zum Ritual solcher Abendessen zu gehören, denn sofort begannen auch Philipp und Mark mit einer Aufzählung all dessen, was sie früher einmal zu essen bekommen hatten und worauf sie an diesem Abend verzichten mußten. So entstand wieder ein gewisser Tumult, den sie damit beendete, daß sie den rechts neben ihr sitzenden Mark bat, eine bestimmte Flasche Wein aus dem Kühlschrank zu holen und zu entkorken. Sie selbst sammelte die Teller ein, auf denen sie eine Kleinigkeit zum Apéritif serviert hatte. Sie verschwand in der Küche, und das Verhalten der drei während ihrer kurzen Abwesenheit ließ mich schon wieder an eine Raubtierfütterung denken. Ungeduldig mit den Füßen scharrend, am Wein nippend, am Besteck herumfingernd warteten sie darauf, daß es endlich losgehen würde. In diesem Moment beschlich mich das unangenehme Gefühl, daß hier etwas falsch lief, gegen die Regeln. Ich korrigierte meinen Eindruck von einer gleich beginnenden Raubtierfütterung, war aber noch lange nicht so weit, auf den Vergleich mit den Spinnen zu kommen. Ich begriff nur, daß hier etwas nicht in Ordnung war, zumindest nicht in der sonst unter vergleichbaren Umständen gültigen. Auch ich wartete nun ungeduldig darauf, daß sie aus der Küche zurückkommen und das Essen endlich beginnen würde, und zwar aus drei Gründen. Ich wollte sehen, wie es weiterging, um dann vielleicht eher zu begreifen, was hier gespielt wurde. Ich wollte essen, um dieses unangenehme Gefühl loszuwerden, dieses hilflose Grübeln über die Zusammenhänge an diesem Tisch. Und ich wollte nicht länger Gegenstand des Interesses von Philipp, Mark und Richard sein, die jeweils auf ihre Weise in Erfahrung zu bringen suchten, in welchem Verhältnis ich zu Hannah stehen mochte. Erst viel später verstand ich, daß ich gerade durch meine Weigerung, darüber oder auch nur über mich selbst Auskunft zu geben, exakt die Spielregeln befolgte, Hannahs Spielregeln.
Er schwieg, und ich bat ihn, auf dem Tisch etwas Platz zu schaffen. Die Spaghetti waren fertig. Wir begann zu essen, er kam auf sein Thema zurück.
Sie kam wieder, setzte vor jedem einen Teller ab, bat Richard, den Aschenbecher zu entfernen und Philipp, allen Wein nachzuschenken. Die Vorspeise fand das Lob aller, ich muß zugeben, auch ich war, nach einer Schrecksekunde, weil ich derartiges noch nie gegessen hatte, angenehm überrascht. Doch noch immer fand ich, daß es nicht zu ihr paßte, kochen zu können. Wie vertrug sich diese durch und durch positive Kunst mit ihrem Widerspruchsgeist, ihrer Ironie, die bisweilen in Sarkasmus umschlug? Sie war nicht unschuldig daran, daß das Gespräch immer wieder einmal in Tumult umzukippen drohte. Wenn ihr das zuviel wurde, weil dadurch der gerade vor uns stehenden Speise ein gewisses Minimum an Aufmerksamkeit abging, forderte sie Philipp auf, ein Blick von ihr genügte, daß er seinen mäßigenden Einfluß zur Wirkung brachte. Ihm gestanden die anderen offenbar eine gewisse Autorität zu. Mit Philipp schien Hannah noch Beziehungen zu unterhalten, die über derartige Abendessen hinausgingen. Ich ärgerte mich, daß ich nicht wußte, was ihn mit ihr verband, und auch über einen plötzlichen Anflug von Eifersucht. Philipp war mir fast auf den ersten Blick unsympathisch, er setzte alles daran, jedem klarzumachen, daß es sinnlos sei, seine Überlegenheit nicht zu akzeptieren. Er tat dies allerdings mit einigem Charme und Witz, sodaß ich, eher ungewollt und ungeachtet aller Ablehnung, immer öfter in anerkennendes Gelächter ausbrach, wenn er eine seiner Geschichten loswurde. Er wurde sie los, ja, das ist der richtige Ausdruck dafür, reichlich zwanghaft und als stünde er unter ungeheurem Druck. Richard gab die Rolle des Clowns, den vorgeblich mit allen Wassern gewaschenen Mann von Welt, der mit seinen überspannten Allüren auf das Gelächter der anderen setzte und zugleich damit drohte, dieses Lachen zu verübeln. Tolpatschige Koketterie oder auch kokette Tolpatschigkeit, ich sah ihn ja zum ersten Mal und wußte dies nicht zu entscheiden, dazu seine ständige Bereitschaft zu schmollen, all das machte ihn zum ältlichen Kleinkind, dem jede Unart nachgesehen werden muß. Immer wieder zettelte er kleine Verschwörungen an, bemühte sich um zeitweilige Fraktionsbildungen, Bündnisse gegen die Gastgeberin, mal mit Mark, mal mit Philipp, die sich augenzwinkernd darauf einließen, wenn auch nur befristet. Ob Mark mein unmittelbarer Vorläufer war? Vor mir als Neuling an diesen Tisch geleitet wurde? Jedenfalls zuckte er sichtlich zusammen, als Hannah lachend erzählte, daß sie vermutlich weniger in ihn verliebt gewesen sei als in den Ort, an dem sie ihn kennengelernt hatte. Ich sah, wie er um Fassung rang, als sie vor aller Ohren den Erinnerungen an eine Vergangenheit, die auch die seinen waren, eine Art Kanon verpaßte, der alles Spezifische aus diesen Erinnerungen verbannte, sie damit unanstößig, gesellschaftsfähig werden ließ. Hannah tat so, als würde sie nur eine allen bekannten Tatsache erwähnen, obwohl nicht nur Mark gerade zum ersten Mal hörte, wie sie die Geschichte mit ihm von nun an zu erzählen gedachte. Philipp und Mark verstummten, begierig, vielleicht noch mehr über Hannahs Affaire mit Mark zu erfahren. Doch anscheinend war sie diskret in diesen Dingen, mehr als diese heitere, gewissermaßen von nun an verbindliche Version war ihr nicht zu entlocken. Mark und Philipp grinsten, ich vermutete, ihnen fiel ein, daß sie beziehungsweise ihr früheres Verhältnis mit Hannah an diesem Tisch ebenfalls einmal Gegenstand genau desselben Verfahrens geworden waren. Hannahs Definition ihrer Vergangenheit mit Mark machte diesen allerdings erst wirklich zum Komplizen der beiden anderen. Er begriff es, und aus seinen Blicken sprach die Unentschiedenheit zwischen dem Zorn auf sie, die ihm mit nur einem Satz seinen Platz zugewiesen hatte, und dem durchaus schmeichelhaften Gefühl, künftig denselben Rang wie die beiden anderen einzunehmen. Er fühlte sich ihnen gegenüber sichtlich unterlegen, vielleicht hatte er sich deshalb in die Rolle des Naiven, Übersensiblen geflüchtet. Allzu lange Ausflüge in Erinnerungen, die Hannah mit einem der drei oder gar mit gar nicht Anwesenden verband, wurden reichlich grob unterbunden. Wissen wir, alles bekannt, unterbrach man sie barsch. Sieh an, dachte ich, es ist gar nicht nur Hannah, die ihre Männchen kontrolliert, auch für sie gibt es Grenzen, die ihr nicht zu überschreiten erlaubt sind. Abgesehen vom Nachfüllen der Gläser, dem Leeren von Aschenbechern, dem Abräumen schmutziger Teller lehnte Hannah jede Hilfe ab. Sie besteht auf einer Inszenierung, in die keiner reinpfuschen darf, dachte ich anfangs. Doch dann fiel mir auf, daß ihren Bitten um diese kleinen Hilfsleistungen nur widerwillig entsprochen wurde. Noch etwas später ging mir auf, daß die Unwilligkeit der Männer, den Tisch auch nur kurzfristig zu verlassen, dem Bedürfnis gegenseitiger Kontrolle entspringen mochte und zugleich dem Verzicht darauf, die anderen zu provozieren, indem einer allein mit ihr in der Küche wäre. War das nun ein von Hannah raffiniert ausgeklügeltes Gleichgewicht oder widerliche Kameraderie dieser Horde von Männchen, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauten und deshalb zu Einmütigkeit geradezu verurteilt waren? Unterschiedlich rasch wurden alle mehr oder weniger betrunken, doch keiner fiel aus seiner Rolle, jeder blieb bei seiner Spezialität. Aus den Kommentaren der anderen schloß ich, daß es Hannahs Spezialität war, niemals ein Gericht zweimal zuzubereiten. Wie sie die Bestandteile jeder Speise kombinierte, erschien mir abenteuerlich, wenn nicht beängstigend. Doch bei jedem weiteren Gang mußte ich zugeben, daß es zwar ungewöhnliche, aber ausgesprochen wohlschmeckende Kombinationen waren, die einem bestimmten Muster folgten. Auf unseren Tellern war jedes Mal etwas Bekanntes, ja sogar Banales, was aber durch die Beimischung von etwas Unbekanntem, scheinbar Unpassendem einen neuen, rätselhaften Reiz erhielt. Auch fand sich ein Detail in sämtlichen Gängen, an diesem Abend war es ein bestimmtes Gewürz, doch entnahm ich den schwärmerischen Erinnerungen der anderen, an denen sich auch Hannah beteiligte, daß dieses verbindende Moment an anderen Abenden auch schon mal ein bestimmtes Gemüse, die verschiedenen Bestandteile ein und desselben Tieres gewesen waren. Und noch etwas entschlüsselte sich mir allmählich. Hannah schien die Vorlieben ihrer Tischgenossen aufs beste zu kennen, jeder erkannte einmal auf dem Teller vor sich genau seine Lieblingsspeise, wenn auch in ungewohnter Zubereitung. So versetzte sie den solchermaßen Bevorzugten in Verwirrung, Freude darüber, daß sie sich noch daran erinnerte, aber auch Bedauern über die Fremdheit der Zubereitung dieser Lieblingsspeise. Es war eine mehrdeutige Geste von ihr, eine Aufmerksamkeit, die zugleich eine Zumutung bedeutete. Wann immer dies geschah, reagierte der Betroffene mit einem je nachdem versonnenen Lächeln, einem überraschten Ausruf, einem vieldeutigen Blick, und jedesmal flackerte dann zwischen ihm und Hannah für den Bruchteil einer Sekunde ein Hauch der alten Intimität wieder auf, der allen anderen nicht verborgen blieb. Sie nahmen es zur Kenntnis in einer Mischung aus Eifersucht und voyeuristischem Vergnügen, zudem in der Gewißheit, daß jeder von ihnen mit dieser zeitweiligen Bevorzugung rechnen konnte. Doch Hannah wußte selbstverständlich auch, was ihre Männer nicht gerne aßen, was nicht bedeutete, daß sie darauf verzichtet hätte, jedem einmal auch eine ungeliebte Speise zuzumuten, immer mit dem Hinweis, daß sie in dieser ganz speziellen Zubereitung die alte Abneigung nicht verdienen würde. So gut wie jedes Mal räumte der Betroffene ein, nachdem er unter den erwartungsvollen Augen aller anderen mißtrauisch gekostet hatte, daß sie recht habe, daß das Zeug, in dieser Weise zubereitet, durchaus eßbar sei. Ich fand ausgesprochen schamlos, was sich da abspielte, doch hatte Hannah, wie auch immer, ich kann es mir wirklich nicht erklären, bereits herausgefunden, wo meine Vorlieben lagen, und so kam auch ich in den Genuß ihrer ganz speziellen Aufmerksamkeit. Doch als das geschah, konnte ich es keineswegs genießen, sondern fühlte mich durchschaut, bloßgestellt. Auf jeden Fall war ich nun, die Blicke der anderen bewiesen es, in den Kreis aufgenommen, ob ich wollte oder nicht. Ich wollte nicht, aber was konnte ich dagegen tun. Sie registrierte alles, scheinbar mühelos, gelassen, die personifizierte Gastfreundschaft. Noch bevor einer von uns einen Wunsch äußern konnte, hatte sie ihn bereits erraten und erfüllt. Mich verblüffte, daß sie bei all dem nichts von einer Glucke hatte, nichts Mütterliches. Alles was sie tat, tat sie provozierend beiläufig, gewissermaßen verschwenderisch aufmerksam, mit einer Souveränität, die mich zunehmend aggressiv machte. Lächelnd wies sie sogar auf Kleinigkeiten hin, die keinem von uns aufgefallen wären, ihrer Ansicht nach aber nicht so perfekt wie möglich gelungen waren. Verwirrend war der Kontrast zwischen allem, was sie uns auftischte, und den dabei geführten Gesprächen, in denen sie sich so spottlustig und widerspruchsbereit wie immer zeigte. Ich brachte es nicht zusammen, diese anscheinend hemmungslose Hingabe an eine so positive Kunst, wie es das Kochen nun einmal ist, und alles, was sie, beißend ironisch zumeist, äußerte. In allem, was sie tat, war sie freundlich, aufmerksam. Was sie sagte, war niemals freundlich, und aufmerksam höchstens insofern, weil es ihre Kenntnis auch der Schwächen ihrer Tischgenossen verriet. Diese Frau machte mir angst, und nun erschien sie mir wie das Negativ jenes Spinnenweibchens, das seine Männer nach dem Geschlechtsakt verschlingt. Sie tat genau das Gegenteil, sie fütterte ihre Männchen, aber ich spürte, daß das irgendwie aufs Gleiche hinauslief. Gerade weil es allen Beteiligten so sichtlich Vergnügen machte. Noch ein Gedanke drängte sich mir auf. War nicht anzunehmen, daß irgendwann einmal diese drei Männer am Tisch, und mich schätzten sie ja vermutlich so ähnlich ein, Konkurrenten gewesen sein mußten, eifersüchtig, neidisch, haßerfüllt? Doch ihr war es wie auch immer gelungen, alle hier zu versammeln, einträchtig trotz aller Sticheleien, die weniger die anderen wirklich treffen als der eigenen Profilierung dienen sollten. Die männliche Variante eines Harems. Wußten die drei Männer tatsächlich soviel voneinander? Oder war ihre einzige Gemeinsamkeit – sie? Alles kreiste um sie, die Spinne im Netz. Jederzeit bereit, noch immer nicht erfüllten Wünschen nachzukommen.
Er stockte, ich räumte die Teller weg und stellte Käse und eine Schale mit Weintrauben zwischen uns. Draußen begann es bereits, hell zu werden. Er schenkte uns Wein ein und sprach weiter, noch immer wie zu sich selbst, zunehmend unsicher, als würde er sich erst während des Sprechens klar über das, was er sagte.
Denn obwohl wir nun das üppige Menü beendet hatten, begann bald der eine, dann der andere von noch immer ungestillten Gelüsten zu reden, woraufhin sie in der Küche verschwand, wiederkam und erklärte, wie lange es dauern würde, bis das Gewünschte bereitet sei. Daraufhin zog sie sich erneut in die Küche zurück, siehatte die Raubtiere inzwischen gut genug im Griff, um sie sich selbst zu überlassen. Der Appetit ihrer Männer schien so grenzenlos wie ihre Fähigkeit, ihn zu stillen. Ich traute ihr zu, dieses Spiel ins Unendliche zu verlängern. Anscheinend war es unmöglich, sie durch einen Wunsch in Verlegenheit zu bringen, was mir den Verdacht nahelegte, daß selbst die verblüffendsten Wünsche nur ihren Erwartungen nachkamen, also ihren eigenen Appetit stillten und sofort wieder neu entfachten. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Wie lange saßen wir schon um diesen Tisch? Wie und wann würde ich hier wieder rauskommen? Wir hatten Unmengen gegessen und ebensoviel dazu getrunken, nüchtern war schon lange niemand mehr. Aber alle hatten unverkennbar Übung in solcher Ausschweifung, und vermutlich waren es Überbleibsel der alten Konkurrenz, daß keiner als erster gestanden hätte, daß es nun reichte. Keiner wollte der erste sein. Mark legte sich irgendwann einfach aufs Bett im Nebenzimmer, schlief dort eine Stunde und erschien dann wieder am Tisch, von den anderen freudig begrüßt. Offenbar gehörte dies dazu, zu Marks von Richard und Philipp akzeptiertem Repertoir für solche Abende. Wir alle befanden uns auf einer seltsamen Reise, ohne Ort, ohne Zeit. Ich glaubte schon, betrunken wie ich war, das Ganze würde nie ein Ende nehmen, als es plötzlich, wie einer unausgesprochenen Verabredung folgend, zum Aufbruch kam, vier Männer gleichzeitig. Das Signal dazu hatte, obwohl ich das erst später begriff, Hannah gegeben, als sie vorschlug, nun zusammen schwimmen zu gehen. Ihren Männern fiel daraufhin ein, was alles an diesem nicht mehr taufrischen Tag auf sie zukommen würde, daß es höchste Zeit war zu gehen. Hannah ermahnte mich, mein Auto stehen zu lassen, was bei den anderen unnötig war, da sie, verschworene Teilnehmer dieses als Abendessen bezeichneten Rituals, gar nicht erst mit dem Auto gekommen waren. Es war die Rede davon, wann man sich zum nächsten Abendessen treffen würde. Betrunken und dabei übermütig wie Kinder trampelten wir durchs Treppenhaus. Für einen Moment ging mir durch den Kopf, wie es Hannah jetzt wohl gehen mochte, allein mit den leergegessenen Tellern, allein in dem Chaos, das sie und wir im Verlauf dieses Abends produziert hatten. Was mochte sie jetzt tun? Ich konnte sie mir nicht beim Abwasch vorstellen. Mark, Richard und Philipp betrachteten mich zweifellos, als wir in der Morgendämmerung auf der Straße standen, als einen der ihren. Vorschußlorbeeren, dachte ich und fühlte mich wie ein Hochstapler. Ich behauptete, etwas bei Hannah vergessen zu haben, doch sie redeten es mir aus, noch einmal zurückzugehen, lächelnd und unnachgiebig. Ich verstand, daß wenigstens jetzt die Eintracht nicht zerstört werden, am Ende dieser Nacht keiner von uns mit ihr allein sein durfte. Ich beschloß, am Abend dieses Tages nicht nur hierherzukommen, um mein Auto abzuholen. Hannahs Augenfarbe vermutete ich irgendwo zwischen Grün und Grau, im fahlen Licht des Morgens sah ich unerwartet glänzende Perspektiven für sie und mich. Ich nahm mir vor, noch am Abend dieses Tages bei ihr zu klingeln, um beim nächsten Essen mit Philipp, Mark und Richard mit demselben Recht wie sie am Tisch zu sitzen, mit vergleichbaren Erinnerungen und Erwartungen. Oder wäre das ein Fehler? Würde sie, sobald ich mit den anderen gleichgezogen hätte, beim nächsten Abendessen bereits einen weiteren Mann präsentieren, der dann zum ersten Mal dabeisein würde? Als ich dann im Verlauf dieses Tages einen alten Bekannten traf, einen Biologen, fiel mir die Sache mit den Spinnen wieder ein. Grinsend erklärte er mir, daß diese Geschichte vermutlich als wissenschaftlicher Mythos betrachtet werden müsse, selbst die einschlägigen Beschreibungen aus dem 18.Jahrhundert, die sich in allem anderen durch bestechende Exaktheit auszeichneten, würden bei der Beschreibung des Verhaltens der weiblichen Spinne eigentümlich nebulös ausfallen. Er räumte ein, daß die Geschichte einen gewissen Reiz habe und merkwürdigerweise bis heute nicht ins Reich männlicher Angstphantasien verwiesen worden sei. Immer wieder einmal werde das Thema aufgegriffen, zuletzt bezeichnenderweise von einer Frau, einer kanadischen Zoologin. Ihrer Ansicht nach bieten sich die Spinnenmännchen sogar freiwillig zum Fraß an während des Sexualakts. Denn so, meine diese Dame, bringe sich das Männchen zwar in Todesgefahr, erhöhe aber seine Chancen, die eigenen Gene in die nächste Generation zu bringen. Ganz einfach deshalb, weil die Kopulation auf diese Weise länger dauere, weil mehr Samen aus dem sterbenden Männchen flösse, wenn es unterdessen aufgegessen werde. Mein Bekannter lachte und fügte hinzu, jene Zoologin habe sogar noch einen weiteren Vorzug in dieser für das Männchen tödlichen Vereinigung entdeckt. Denn die Verspeisung des Männchens stille den Liebeshunger des Weibchens. Nur noch jede dritte kannibalisierende weibliche Spinne sei an einem weiteren Akt mit einem neuen Liebhaber interessiert. Das Verfahren sei demnach ein Ausdruck von Solidarität, wieder lachte mein Bekannter, besser vielleicht von Kumpanei unter Männern. Mich störte, wie albern er das Ganze wiedergab, ich beharrte darauf, seine Meinung zu dem Phänomen zu erfahren. Der delikate Vorgang sei, bemerkte er wegwerfend, nur sehr selten beobachtet worden und, so er denn überhaupt vorkomme, vermutlich weniger der Lust des Weibchens als ihrem Schutzinstinkt für die gerade erst befruchteten Eier geschuldet. Auch im Tierreich gründe sich der Ruf der Männchen auf eine gewisse Tolpatschigkeit. Damit verabschiedete sich mein Bekannter, und ich fand wieder einmal meine Vorbehalte gegen die Naturwissenschaften bestätigt. Immer dieser Vitalismus, als drehe sich alles nur um die Nachkommen. Seit ich bei Hannah zum Abendessen war, konnte ich noch weniger an derart einfallslose Erklärungsmuster glauben als zuvor. Ich fieberte dem Abend entgegen, dem Moment, wo ich eben nicht meinen Wagen abholen, sondern noch einmal die Treppen zu ihrer Wohnung hochsteigen würde.
Er schwieg nun so lange, daß ich daraus schloß, er sei mit seiner Geschichte zu Ende gekommen oder kenne dieses Ende noch nicht. Ich betrachtete die Reste unseres Abendessens auf dem Tisch, Teller, Gläser, leere Weinflaschen. Inzwischen war es richtig hell geworden, ich löschte das Licht. Er sagte nichts mehr, sah mich an, als hätte er mich seit der Begrüßung an der Tür nicht mehr wahrgenommen. Dann stand er auf und öffnete das Fenster. Ich machte Espresso und fragte so beiläufig wie möglich, wie es gewesen sei. Er begriff nicht sofort, worauf meine Frage zielte. Wie war der zweite Abend bei Hannah, präzisierte ich. Nach allem, was er mir im Lauf dieser Nacht erzählt hatte, schien mir meine Direktheit angemessen.
Ich bin dann doch nicht mehr hingegangen, sagte er, das Auto habe ich erst Tage später abgeholt. Anfangs schien mir alles ganz klar, aber dann – er stockte. Ich habe an diesem Abend etwas begriffen, bloß weiß ich nicht so genau was. Aber jetzt will ich es gar nicht mehr wissen. Zum Glück ist mir noch rechtzeitig eingefallen, daß ich komplizierte Frauengeschichten nicht ausstehen kann.
Er lächelte mich an, zum ersten Mal in dieser Nacht. Auf dem Regal stand noch eine Flasche Grappa. In meiner Küche herrschte eine unbeschreibliche Unordnung, nach einem Gelage hätte es nicht schlimmer sein können, und nach allem wäre es naheliegend gewesen, ihn aufzufordern, mit nach nebenan zu kommen. Doch ich ließ den Grappa stehen. Verlegen folgte er mir, und erst an der Tür begriff er, daß es für ihn Zeit war zu gehen.