Der Hahn ist tot

Artgerechte Haltung, natürlich, von Anfang an. Lebensbedingungen wie aus dem Bilderbuch, viel Auslauf, Scharrfreiheit, Futter nur vom Feinsten.
Wie hätte er da in der Hackordnung nicht ganz oben stehen sollen?
Keiner, der ihm gleichkam. Klar, von der Pike auf gelernt, nie eine Arbeit oder schmutzige Hände gescheut.
Keine, die nicht glücklich gewesen wäre, von ihm auserwählt zu sein. Nein, er hat nie etwas anbrennen lassen.
Keiner, der sich ihm gegenüber etwas herausgenommen hätte.
Und sie alle sollten sich nun, da es plötzlich doch vollbracht war, von ihm nehmen!
Am Rezept für den abschließenden Braten hatte er lange getüftelt. Krönung eines Lebenswerks und so weiter. Ein letzter, bleibender Eindruck. Geruchs- und Geschmackserinnerungen sind das einzige, was bleibt.
Für so ein feines Stück Fleisch nur allerbeste Zutaten, geheime Kräutermischungen, komplizierte Marinaden aus erlesenem Wein – das alte, kostbare Fleisch soll ja munden. Genügend Fett an den richtigen Stellen, als Geschmacksträger genützt. Gut trainierte Muskeln. Kochen ist Hochleistungssport. Zart, mürbe, alles ganz, wie es sein soll. Das Fleisch eines Meisters! Es konnte nur im Ganzen zubereitet werden, am Stück.
Hier lag das Problem – die Zubereitung. Wer außer ihm selbst käme dafür in Frage! Allerdings – die Frage des Übergangs, vom Leben zur Speise, wie bewerkstelligt man das, ohne zu früh die Regie abzugeben und auf jeden Fall zum kulinarischen Hochgenuss zu werden? Wie schwingt man den Kochlöffel gegen sich selbst?
Er suchte lange, wurde fündig, Asien lag ja im Trend: Man stelle einen Topf mit Wasser aufs Feuer, und sobald das Wasser heiß ist, werfe man ein paar Tofuwürfel und zwei Dutzend lebendige Frösche hinein. Die Frösche schwimmen zum Tofu und klammern sich an ihn, weil er kühler als das Wasser ist. Im Sterben klammern sie sich noch immer an den Tofu. Nachdem Tofu und Frösche gekocht sind, hole man sie vorsichtig aus dem Wasser und serviere sie mit Gemüsen.
Damit war sein Ziel erreicht: eine Speise, die sich selbst zubereitet. Zutaten, die gar nicht anders können, als sich perfekt miteinander zu verbinden. Und noch frischer geht ja wohl nicht.
Also nun er anstelle der Frösche. Das mit dem Tofu gefiel ihm nicht. Aber dafür fand er Ersatz, die regionale Küche bot reichlich Alternativen. Welche? Das blieb geheim. Es ist nicht das einzige Geheimnis, das er mit ins Grab respektive in den Kochtopf nahm.
Als er sich Freunden und Feinden servierte, zappelten seine Extremitäten noch ab und zu.

gewidmet Vincent Klink

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Petra Lauxmann, Aquarell, 1980