Lauras Heft

1 – Fotos von früher
2 – Kaum auszuhalten
3 – Was heißt hier Lüge
4 – Arm dran
5 – Eis essen verboten
6 – Schwer zu beschreiben
7 – Was in der Zeitung steht
8 – X-Beine
9 – Von wegen Ordnung
10 – Panne in der U-Bahn
11 – Ein Fluchtversuch
12 – Fahrt ins Blaue
13 – Tip top in Ordnung
14 – Ein Fetzen Stoff
15 – Der Stern, noch einmal
16 – Doch keine Reise nach Istanbul
17 – Nichts als Ärger
18 – Maschkes Vater
19 – Weg hier
Quellen und Zitate

1 – Fotos von früher

Mörderhäuser, murmelt Laura, das alles hier sind Mörderhäuser. Solche, murmelt Laura, solche und manche. Weil hier noch immer solche wohnen. Die damals nichts dagegen gehabt haben, dass manche abgeholt wurden. Abgeholt zum Umbringen. Die anderen sind dageblieben, haben sich das angesehen und nichts dagegen gehabt. Oder haben sogar dabei geholfen.
Laura geht durch die Straßen, doch sie sieht nicht, wo sie geht. In ihrem Kopf geht alles drunter und drüber, sie weiß nicht, was sie denken soll. Sie will nichts denken. Sie geht und stolpert und geht weiter und sieht nichts. Gar nichts ist geschehen, nur nicht daran denken. Sie muss an vieles denken, auch wenn sie es nicht will. Laura ist sich nicht sicher, ob sie das wirklich gesehen hat. Oder hat jemand anders gesehen, was Laura gesehen hat? Laura versucht sich vorzustellen, wie das wäre, wenn Laura – eben irgendein Mädchen wäre. Eben nicht sie selbst. Zum Beispiel die da drüben, die mit den viel zu kurzen Hosen. Ziemlich daneben sieht das aus. Nein, dieses Mädchen kann nicht Laura sein. Und es hilft ja auch nichts, sie hat diese Gedanken im Kopf, und je mehr sie versucht, nicht dran zu denken, umso mehr tut sie es doch.
Aber wie soll sie dann nachdenken über das, was sie gesehen hat? Jemand anders soll das tun. Bloß wer. Laura hat Kopfschmerzen. Laura hat Angst. Laura geht durch die Straßen, doch sie sieht nicht, wo sie geht. Sie will es nicht sehen. Nichts ist geschehen, beinahe nichts. Einfach weitergehen.
Es sind dieselben Straßen wie auf den Fotos. Obwohl sie es nicht sehen will, sieht Laura das genau. Manche Häuser sehen noch genau so aus wie damals.
„Kannst du denn nicht guten Tag sagen?“ Frau Ganter pflanzt sich vor ihr auf. „Bringt euch denn heutzutage niemand mehr Manieren bei!“
Die Ganter schüttelt den Kopf und geht endlich weiter.
Laura hat die Ganter natürlich erkannt, aber sie hat sie heute anders gesehen als sonst. Am liebsten hätte sie die Ganter nicht erkannt. Alt genug ist sie, die muss dabei gewesen sein. Als hier und in der ganzen Stadt und fast überall Krieg war. Und bei dem, was hier geschehen ist, bevor Krieg war.
Laura überlegt, trotz ihrer Kopfschmerzen. Nein, über das, was hier war, bevor dieser Krieg begann, hat sie noch nie jemand sprechen hören. Über den Krieg schon. Aber es war gar nicht immer Krieg damals. Und schon gar nicht für alle.
Laura versucht, Ordnung in das Durcheinander in ihrem Kopf zu bringen. Eins nach dem anderen. Was war denn überhaupt geschehen? So gut wie nichts. Es waren doch bloß Fotos. Noch dazu ziemlich alte.

Wie würde jemand erzählen, was geschehen ist, der nicht so durcheinander ist wie Laura? So jemand würde damit beginnen, dass es ein Nachmittag wie jeder andere war. Laura lungerte auf der Straße vor dem Haus herum, in der Hoffnung, früher oder später Aische zu treffen oder Sandra oder sonst jemand. Sie wusste nicht, was sie mit diesem Nachmittag anfangen sollte. Aber da kam keine Aische, keine Sandra, niemand. Stinklangweilig war es. Bloß deshalb fiel ihr auf, dass in der Galerie an der Ecke etwas los war. Die Räume hatten seit längerem leer gestanden, aber nun schien sich hier etwas zu tun. Neugierig schlenderte Laura hinüber.
Durch das große Schaufenster ließ sich gut beobachten, was drinnen vorging. Einige Leute hängten Fotos an die Wände. Das sollte wahrscheinlich eine Ausstellung werden. Die Tür stand offen, und jemand forderte Laura auf, ruhig reinzukommen, wenn sie wollte. Laura war sich nicht sicher, ob sie rein wollte, wie sollte Aische sie hier finden. Aber die Leute drin, sie waren alle noch nicht besonders alt und irgendwie nett, und draußen allein war es langweilig. Warum also nicht reingehen, wenigstens für einen Moment?
Die Leute sagten Hallo zu Laura, sie lachten, alberten herum. Laura achtete darauf, nicht im Weg zu sein.
„Kannst du das mal kurz halten?“ fragte eine Frau und drückte ihr eine Dose mit Nägeln in die Hand.
Laura vergaß, dass sie die Leute hier eigentlich gar nicht kannte. Sie bemühte sich, der Frau, die ihr gesagt hatte, sie heiße Andrea, die Nägel im richtigen Moment zu reichen. Andrea nagelte eine Leiste an die Wand, an der die Fotos aufgehängt werden sollten. Als die Leiste hing, wie sie hängen sollte, wollte Laura wieder gehen. Doch dann fiel ihr Blick auf eines der Fotos auf dem Boden.
Große Fotos, man konnte alles genau erkennen. Kein Wunder, dass Laura bemerkte, dass auf einem der Fotos genau die Straße zu sehen war, in der sich diese Galerie befand. Und auch das Haus, in dem sie selbst wohnte. Trotzdem sah alles anders aus als heute, richtig alt.
„Ist das ein Foto aus dem Krieg?“, fragte sie.
„Nein, das ist noch vor dem Krieg.“
„Aber diese Typen in Uniform überall, das sind doch Soldaten?“
„Das sind keine Soldaten“, erklärte ihr Andrea. „Diese Männer in Uniform waren so was Ähnliches wie Polizisten.“
„Und was machen sie mit diesen Leuten?“
„Sie holen sie aus ihren Wohnungen.“
„Warum? Haben sie etwas gemacht? Da sind ja auch Kinder dabei.“
„Die haben gar nichts gemacht.“

Andrea sagte immer nur genau so viel, wie Laura fragte. Sonst wäre Laura das recht gewesen. Nichts schlimmer als Leute, die immer gleich Vorträge hielten. Aber irgendwie war es auch komisch. Laura kannte das Gefühl, und sie mochte es nicht. Ich müsste was anderes fragen, merkte sie, diese Andrea denkt, ich wär noch zu klein. Sie sagte sich, dass sie jetzt wirklich besser ging, als sie ein anderes Foto sah. Keine Häuser darauf, sondern ein Junge. Der hatte komische Klamotten an, war aber ungefähr in ihrem Alter. Vor allem seine Augen fielen Laura auf, große dunkle Augen. Er hielt einen Kasten in den Händen.
„Was hat der da in der Hand?“, fragte sie.
„Das ist ein Steinbaukasten, so was haben damals viele Kinder gehabt. Warte mal.“
Andrea verschwand und kam mit einem Kasten wieder. Er sah genau so aus wie der, den der Junge auf dem Foto festhielt.
„Das ist der Kasten. David durfte ihn nicht mitnehmen, und durch eine Reihe von Zufällen lag er bis vor kurzem auf einem Dachboden in einem Haus ganz in der Nähe. Zusammen mit anderen Sachen, die David oder seinen Eltern gehört haben.“
Laura besah sich den Kasten. Sie öffnete ihn und nahm einen der kleinen Bausteine heraus.
„David – ist das der Junge auf dem Foto?“
„Ja.“
„Was ist an dem so besonders?“
„Eigentlich nichts.“
„Der muss jetzt ja schon uralt sein.“
„Ist er nicht.“ Andrea sah plötzlich aus, als würde sie lieber über anderes reden. Sie schaute zu den anderen, die sagten gar nichts. Schauten nur rüber.
„Woher weißt du das?“, fragte Laura. Was hier gerade lief, kannte sie gut, von ihrer Mutter. Andrea wollte nichts mehr sagen, und deshalb fragte Laura erst recht. „Kennst du den?“
Andrea schüttelte den Kopf.
„Dann kann es doch sein, dass er jetzt uralt ist!“, beharrte Laura.
Andrea schüttelte noch einmal den Kopf. „Wahrscheinlich ist er bald, nachdem dieses Foto aufgenommen worden ist, gestorben. Noch während des Transports.“
Laura legte sofort den kleinen Baustein in die Schachtel zurück. Als sei er glühend heiß. Dabei machte es ihr eine Gänsehaut, den Stein in der Hand zu haben. Einen, mit dem einmal ein Junge gespielt hatte, der … bald darauf gestorben war.
„War er denn krank?“, fragte sie leise.
Die anderen redeten jetzt wieder miteinander. Andrea lehnte an der Wand, in ihrer Hand klimperten einige Nägel.
„Nein, nicht krank. Ich hab doch gesagt, er ist auf dem Transport gestorben.“
„Was war das für ein Transport?“
Lauras Stimme war bei dieser Frage kratzig und rau. Ohne dass sie hätte sagen können, warum, spürte sie, dass dies eine Frage war, die sie besser nicht gestellt hätte.
Transport Transport Transport, wiederholte sie im Stillen.
Erst dachte sie dabei an Möbel oder so. Dann waren es nur noch Buchstaben. Ohne jede Bedeutung.
Geh wieder raus, sagte eine Stimme in ihr, Aische wartet bestimmt schon, und überhaupt, was willst du hier, was geht dich das an, das sind doch bloß blöde Geschichten von früher.
Andrea antwortete aber schon. „Man hat die Leute in Lager transportiert, erst mit Lastwagen, dann mit der Eisenbahn. Manche dieser Lager waren in Deutschland, manche weit weg in Polen und in Russland.“
„Lager? So wie in den Ferien?“, fragte Laura.
„Nein, das bestimmt nicht. Arbeitslager, so hat man gesagt.“
„Und dann?“ Irgendwie lief das jetzt wie von selbst. Laura wollte raus, blieb aber hier. Andrea sagte etwas, Laura fragte.
„Manche mussten wirklich erst arbeiten. Die anderen hat man gleich umgebracht. Oder sie sind verhungert.“

Laura wurde ein bisschen schwindlig. Bilder aus dem Fernsehen fielen ihr ein, Afrika. Ihre Mutter wollte nicht, dass sie solche Bilder sah. Da verhungerten manchmal Leute. Auch Kinder. Aber hier?
„Warum? Warum hat man das mit ihnen gemacht? Wer hat das gemacht?“
„Na, diese Männer in den Uniformen.“
„Kapier ich nicht.“ Lauras Stimme war immer noch kratzig. „Und das soll hier gewesen sein? Bei uns? Was war denn mit diesen Leuten? Mit diesem David zum Beispiel?“
„Eigentlich nichts. Er war Jude.“
Laura nickte. „Das hat etwas mit Religion zu tun. Manche Leute sind Katholiken oder Protestanten oder Moslems. Oder halt Juden.“
Laura fand das Ganze allmählich fast albern. So, wie sie Religion albern fand. Oder doch unwichtig. Wieso also machte Andrea jetzt so ein Gesicht?
Dann fiel ihr Blick auf ein anderes Foto. Ein Lastwagen auf der Straße, und auf dem Lastwagen viele Menschen. Auch David konnte man erkennen, seinen Steinbaukasten hielt er nicht mehr in den Händen. Überall standen Leute herum.
„Juden hat man damals nicht haben wollen“, sagte Andrea – das erste Mal, ohne dass Laura gefragt hätte. „Und umgebracht. Andere auch, aber …
„Was ist mit den anderen Leuten?“, fiel Laura ihr ins Wort. Ihr Hals war ganz ausgetrocknet. Vielleicht war es hier drin einfach zu warm. „Die einfach so rumstehen?“
„Das sind keine Juden.“
„Und die wurden nicht abgeholt?“
„Nein.“
„Was haben sie gemacht?“
„Sie haben … die meisten haben zugesehen.“
„Und sie haben gewusst, was man mit den anderen machen würde?“
Andrea seufzte. „Schwer zu sagen. Die meisten sagen, sie hätten es nicht gewusst. Oder nicht so genau. Wahrscheinlich haben viele gar nicht darüber nachgedacht. Sie konnten die Juden nicht besonders leiden, da war es ihnen einfach egal, was mit ihnen passiert ist.“
„Aber sie haben doch zugeschaut, als die Juden abgeholt wurden. Wie können sie dann sagen, sie hätten es nicht gewusst?“
„Ja, ich verstehe das auch nicht.“
Laura starrte auf ein Foto, auf dem die Leute, die zuschauten, und die, die abgeholt wurden, besonders gut zu erkennen waren. Die auf dem Lastwagen hatten Angst, das konnte man sehen. Die anderen nicht. Aber das war der einzige Unterschied.
„Was war denn das Besondere an den Juden?“, fragte sie deshalb.
„Gar nichts, es war bloß ihre Religion.“
„Wieso war Religion damals so wichtig?“
Andrea fiel nicht gleich eine Antwort ein. „Ist sie doch heute auch“, sagte sie dann. „Denk bloß an die Türkinnen mit ihrem Kopftuch.“
„Aber deshalb kommen die doch nicht auf einen Transport!“, rief Laura. Allmählich ärgerte sie sich über Andrea. Musste man der jedes Wort aus der Nase ziehen?
„Nein, zum Glück nicht.“ Schon wieder kein Wort zu viel von Andrea.
Ich geh jetzt raus, nahm Laura sich vor. „Und das alles soll hier passiert sein? In dieser Straße?“
„In dieser Straße, aber auch in allen anderen Straßen in Deutschland. Die meisten, die man damals abgeholt hat, sind tot. Von denen, die zugeschaut haben, leben noch ein paar.“
Lauras Blick war noch einmal auf das Foto mit David gefallen, bloß so von der Seite. Dann auf den Steinbaukasten. Dann hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Ohne noch irgendetwas zu sagen, war sie gegangen.

Und geht nun noch immer durch die Straßen, in denen all das damals passiert ist. Und trifft Frau Ganter, die ja wohl nicht jüdisch, sondern katholisch oder protestantisch oder sonst was ist. Wenn sie jüdisch wäre, wäre sie jetzt wahrscheinlich nicht mehr hier. Frau Ganter, die das damals alles gesehen hat. Und heute manchmal sagt, früher sei alles besser gewesen. In dieser Straße ist das passiert. In einem dieser Häuser hat dieser David gewohnt. Von dem nichts mehr übrig ist. Außer seinem Steinbaukasten. Hier hat er gewohnt und bestimmt auch nachmittags auf der Straße gespielt, mit anderen Kindern. Bis dann einige von diesen Kindern abgeholt worden sind. Die anderen sind hier geblieben. Wie die Ganter zum Beispiel. Vielleicht ist die so alt, wie David heute wäre?
Wer waren die Leute, die die anderen abgeholt haben? Laura will wirklich lieber an etwas anderes denken. Aber der Gedanke lässt sich nicht vertreiben. Diese Leute, hatte Andrea gesagt, waren auch Deutsche. Hätten keine Arbeit gehabt und seien froh gewesen, dass sie bei dieser Polizei arbeiten konnten. Aber wie konnten sie froh sein, so eine Arbeit zu machen? Ob sie ihre Mutter mal fragen sollte? Aber die wollte ja mit Religion nichts zu tun haben, und diese Sache, die hatte ja mit Religion zu tun und sonst gar nichts.
Laura geht und geht und merkt, dass sie Andrea noch viel mehr hätte fragen müssen. Sie versteht das alles nicht. Was sie heute erfahren hat, macht ihr irgendwie Angst, vielleicht wäre es besser, nicht noch mehr darüber zu erfahren.
Dabei hatte sie doch schon in der Schule etwas von der Nazizeit gehört. Und auch von dieser Sache mit den Juden. Aber in der Schule war das – ewig lang her gewesen. Geschichte eben. Nicht so, wie dieser Steinbaukasten.
Deshalb wird sie jetzt bestimmt immer daran denken müssen, wenn sie durch diese Straßen geht. Diese Straßen werden nicht mehr aussehen wie zuvor. Und auch an David wird sie denken müssen, an seinen Steinbaukasten. Diesen Steinbaukasten gibt es noch, man könnte noch mit ihm spielen. Deshalb kommt es Laura so vor, als sei all das doch noch gar nicht so lange her.
Und alles bloß, weil sie in den Laden reingegangen ist. Bloß eine Stunde war sie da drin. Weil sie sich gelangweilt hat. Das hatte sie nun davon.
„So ein Mist!“
Sie kickte einen Stein vor sich her. Von Aische oder den anderen war noch immer nichts zu sehen. Und in Lauras Kopf lief etwas, ein Rad, das nicht zu stoppen war.

Mörderhäuser, murmelt Laura, das alles hier sind Mörderhäuser. Laura geht durch dieselben Straßen wie immer, doch sie sieht nicht, wo sie geht. Sie sieht, wie die Straßen damals ausgesehen haben, vor etwa siebzig Jahren. Vor dem Krieg, von dem die alten Leute manchmal reden. Sie sieht dieselben Leute wie immer. Alle, die älter sind als siebzig Jahre, die waren damals dabei.
Laura sieht dieselben Leute wie immer, doch wenn sie aussehen, als wären sie über siebzig, überlegt sie, wie die wohl damals ausgesehen haben. Und was sie gemacht haben.
Laura geht durch die Straßen und weiß nicht, wohin sie gehen soll. Sie würde jetzt gern irgendwo anders sein. Aber wo?
Ganz tief schob sie die Hände in die Hosentaschen, spürte in der einen das Kleingeld. Ob sie sich ein Eis kaufen sollte?

2 – Kaum auszuhalten

„Laura, das ist nun schon das dritte Mal in dieser Woche! So geht das wirklich nicht.“ Frau Sternecke, die Klassenlehrerin, runzelte die Stirn, rümpfte die Nase. „Schularbeiten müssen sein, da gibt es kein Pardon. Sag deiner Mutter, sie soll mich anrufen. Wenn so etwas erst einmal einreißt …“
Die Sternecke redete und redete, Laura hörte es wohl, doch sie verstand kein Wort. Schularbeiten! Als ob sie keine anderen Sorgen hätte. Seit sie jeden Nachmittag in die Galerie ging, sich dort die Fotos von damals ansah, in den Büchern blätterte, die dort herumlagen, seit ihr also klar wurde, daß sich genau hier, in diesen Straßen, einmal so etwas abgespielt hatte, seither kam ihr die Schule einfach albern vor. Wozu ging man in die Schule, wenn man dort so gut wie nichts Wichtiges erfuhr? Das war nur lächerlich, Kinderkram.

„Laura, verdammt noch mal! Du hast es mir versprochen!“ Ziemlich wütend stand Aische vor ihr, in der großen Pause, mitten auf dem Schulhof. „Schon vorgestern wolltest du mir die CD mitbringen, und nun hast du schon wieder nicht daran gedacht!“ Aische redete und redete und regte sich auf. „Dabei hab ich dir heute Morgen extra noch eine SMS geschickt, damit du es nicht vergisst!“
Laura sah, wie sich Aisches Mund bewegte, als wäre sie ein Fisch in einem Aquarium. Je wütender Aische wurde, umso höher wurde ihre Stimme, sie kreischte regelrecht.
„Die CD, ach so, ja, tut mir leid, morgen …“
Laura sagte, was man halt so sagte, drehte sich um und ließ Aische einfach stehen. Sie verdrückte sich, in den hintersten Winkel des Schulhofs, was gar nicht leicht war, weil der Schulhof sehr ordentlich rechteckig war und eigentlich gar keine Winkel hatte.

„Laura! Wie oft muss ich das denn noch sagen! Du hast schon wieder dein Bett nicht gemacht. Und der Küchentisch ist auch nicht abgeräumt. Du weißt doch, dass ich jetzt nicht mehr so viel Zeit habe wie früher.“ Lauras Mutter hetzte von Zimmer zu Zimmer, überall entdeckte sie etwas, das nicht so war, wie es sein sollte. „Du musst schon etwas mithelfen, sonst schaffen wir es nicht! Wir haben doch über alles gesprochen.“ Sie redete und schimpfte und griff hier nach einem Pullover, dort nach einem Buch.
Laura glaubte, einen Film zu sehen, den sie schon sehr oft gesehen hatte. Sie kannte jedes Wort aus diesem Film, sie konnte voraussagen, was als nächstes geschehen würde. Ob ihrer Mutter das nie auffiel?
Doch sie sagte nichts. War das jetzt noch wichtig? Ob die Küche aufgeräumt war oder nicht?
Die hat sich bestimmt noch nie überlegt, wer früher hier gewohnt hat, dachte Laura und stellte das Geschirr in die Spülmaschine. Alles, wie es kam, ziemlich durcheinander, und gleich wurde sie wieder angemeckert. Vielleicht eine der Familien auf den Fotos, überlegte sie. Eine Familie, die raus musste aus dieser Wohnung, raus und hinauf auf den Lastwagen, dann in den Zug und ab nach Osten.
„Laura! Ich rede mit dir! Hörst du mir überhaupt zu? Du benimmst dich einfach unmöglich. Dabei hast du alles, was du dir nur wünschen kannst!“
Gleich heult sie wieder los, dachte Laura. Nur, weil die Wohnung nicht aufgeräumt ist. Weil sie denkt, in der Spülmaschine müssen die kleinen Teller zu den kleinen und die großen zu den großen. Die ist doch bescheuert!
Sie ging in ihr Zimmer, ließ die Tür knallen, verschloss sie sogar.
„Laura!“ Wütend hämmerte ihre Mutter gegen die Tür.
Laura war das so was von egal.

Sie spürte, dass sie gemein zu ihrer Mutter war. Ein bisschen tat sie ihr sogar leid. Aber gleichzeitig machte es auch Spaß, sie so auf die Palme zu bringen. Und es war so leicht! Alles andere derzeit leider nicht. Laura sah sich im Spiegel an. Ob an der einen Stelle schon wieder ein Pickel kam? Sie drückte ein bisschen daran herum. Aber eigentlich war das auch egal. Sie schnitt ein paar Grimassen. Aber das komische Gefühl blieb.
Nämlich das Gefühl, dass das, was noch immer wie Laura aussah, gar nicht mehr Laura war. Genauso, wie auch die Straßen nicht mehr waren wie sonst, obwohl sie aussahen wie immer. Genauso, wie auch die Menschen, die sie auf diesen Straßen traf, mit einem Mal andere zu sein schienen als bisher. Es war, als würde sich hinter jedem, den sie traf, ein anderer verstecken. Als wäre alles plötzlich doppelt da. Einmal so, wie es immer war, ganz normal, nichts Besonderes. Und gleich dahinter oder daneben oder darunter – ganz anders. Unheimlich. Als wäre alles, was angeblich ganz normal war, überhaupt nicht wahr.
Wär nicht schlecht, mit jemand mal drüber reden, dachte Laura. Aber mit wem? Und wie? Sie war so durcheinander, dass sie gar nicht wusste, wie man überhaupt darüber hätte reden können.
Nicht über den Krieg. Vom Krieg sprachen alte Leute manchmal, die Ganter zum Beispiel. Es machte ihr nichts aus, vom Krieg zu erzählen, im Gegenteil. Nach Lauras Erfahrung war die Ganter nie so nett wie dann, wenn sie nach dem Krieg gefragt wurde. Die redete da richtig gern drüber. Aber von dem, was vor diesem Krieg war, davon sprach sie nie. Und die Leute in der Galerie mit den Fotos hatten gesagt, das mit den Juden hätte schon vor dem Krieg angefangen.
Mit den Leuten in der Galerie könnte ich darüber reden, überlegte Laura. Aber dann spürte sie, dass das auch keine gute Idee war. Weil das alles irgendwie peinlich war. Weil sie sich schämte. Ein besseres Wort fiel ihr nicht dafür ein. Aber warum schäme ich mich?, fragte sie sich.
Sie verstand es nicht.

Sie ging jetzt oft in die Galerie, schaute die Fotos an. David. Und seinen Steinbaukasten. Den Leuten in der Galerie machte es nichts aus, dass sie so oft kam. Sie fanden anscheinend auch nichts dabei, dass Laura nie etwas sagte oder fragte. Und dann entdeckte Laura die Bücher und Zeitungen. Von da an sagte sie erst recht nichts mehr. Sie las. In einem Nebenraum der Galerie waren Regale voller Bücher und Zeitungen. Und dort las sie. Irgendwann verstand sie, dass alles, was sie las, wirklich geschehen war. Nichts war ausgedacht oder erfunden. Alles war geschehen.
Laura las und sprach nicht mehr. Nicht mit den Leuten in der Galerie, nicht mit ihrer Mutter, und auch mit Aische, ihrer Freundin, sprach sie nur das Allernötigste. Die Leute in der Galerie wunderten sich nicht, sie kannten Laura ja kaum. Vielleicht war sie ja ein Mädchen, das nicht viel sprach. Lauras Mutter wunderte sich auch nicht. Sie dachte, Laura wäre jetzt in einem Alter, in dem so etwas manchmal vorkommt, am besten, man ließ sie in Ruhe. Und Aische hatte ja selber Ärger genug.
Laura sprach nicht mehr und las. Solange sie las, musste sie nicht nachdenken. Solange sie nicht nachdachte, musste sie sich nicht komisch fühlen. Sich schämen oder so. Sie las auch, um keine Angst zu haben.

Doch das half nicht, zumindest nicht lange. Irgendwann war Lauras Kopf so voll, dass sie dachte, bald platzt er. Ihr dämmerte, dass es keine Lösung war, immer nur weiter zu lesen. Was sie da las, war alles wirklich geschehen, und es war – zu viel. Zu viel für ein Mädchen allein. Es wäre gut, darüber zu sprechen. Aber wie spricht man über etwas, das man nicht versteht? Über etwas, das man nicht glauben kann, obwohl es ganz genau beschrieben ist?
Außerdem, es sprach ja sonst auch keiner darüber.
Laura kaufte sich ein Heft mit lauter leeren Seiten. In diesem Heft wollte sie alles aufschreiben, was mit der Zeit vor dem Krieg und mit diesen Juden zu tun hatte. Irgendwie musste sie Ordnung schaffen in ihrem Kopf, und vielleicht würde es ja gelingen, wenn sie alles aufschrieb. Ganz ordentlich und der Reihe nach, von A bis Z.
Zuerst hatte sie gedacht, das auf dem Computer zu machen. Aber mit der Tastatur kam sie eher langsam voran. Außerdem benützte ihre Mutter den Computer auch, und die sollte nicht sehen, was sie aufschrieben wollte. Also ein Heft. Ein besonders dickes, eine Kladde am Besten.
Sie war aufgeregt, als sie mit dem neuen Heft die Treppe hoch rannte.
„Wirst du niemals lernen, die Treppe ordentlich hochzugehen? Und die Schuhe hast du dir sicher auch nicht abgeputzt!“ Es war wie immer die Ganter, die da so laut durchs Treppenhaus brüllte.
Hundert Mal lauter, als wenn ich da hoch renne, dachte Laura. Aber sie sagte nichts. Sie konnte jetzt nur noch an dieses Heft denken und an alles, was sie aufschreiben müsste.
Sie schloss die Wohnungstür auf, wie immer klemmte das Schloss ein bisschen. Sie warf die Schultasche in eine Ecke, dann setzte sie sich mit dem Heft an den Tisch.

A, schreibt Laura, kaut an ihrem Stift herum. Mit A fange ich an, klar. A wie Anfang. Aber womit fang ich an. Seit ich das Heft aufgeschlagen habe, ist mein Kopf ganz leer. A … Alles verschwunden. Was schreib ich jetzt denn auf? Alles nur Wörter. A wie Apfelsaft. Ich habe Durst.
A wie Ausrede, sagt Laura laut, als sie nun zum Kühlschrank geht. Ich habe gar nicht Durst. Ich habe Angst. Dass ich es nicht schaffe. Klar, alles nur Worte. Aber so viele.
Sie öffnet die Kühlschranktür nicht, sondern geht zurück zum Tisch, zum Heft. A wie anders, schreibt sie dann und nimmt sich vor, über alles, was sie jetzt schreiben wird, einfach nicht lange nachzudenken. Alles ist anders, seit ich das Foto gesehen habe von dem Jungen, der David hieß.
A wie Aufräumen, das muss ich noch machen. Aber nicht jetzt. A wie Autobahn. Die Autobahnen sind damals gebaut worden, und das ist das Gute an dieser Zeit, sagen manche Leute. Damals gab es zwar noch nicht so viele Autos wie heute, aber es war trotzdem Zeit, dass man anfing, Autobahnen zu bauen.
A wie Arbeit. Passt zu den Autobahnen. Denn die wurden von Leuten gebaut, die keine Arbeit hatten. Natürlich waren die Leute froh, dass sie wieder arbeiten konnten. Wenn es heute die Autobahnen nicht gäbe, wäre das gut. Für die, die heut keine Arbeit haben. Aber wer fuhr damals auf diesen Autobahnen, wenn es noch gar nicht so viele Autos gab?
Der Lastwagen, klar. Der Lastwagen, auf dem David steht. Ein Lastwagen ohne Dach, so einer, mit dem man zum Beispiel Holz transportiert. Da wurde aber kein Holz aufgeladen, sondern Menschen. Sie stehen alle ganz dicht nebeneinander, und mittendrin dieser David. Ob es sehr kalt war, wenn man da oben stand und der Lastwagen über die neuen Autobahnen brauste? Ob die Leute wussten, wohin man sie brachte?
A wie aufhören. Nein, noch nicht, weiter. A wie aufschieben. Nein, kommt nicht in Frage. Auschwitz hieß der Ort. Auschwitz ist ein Dorf in Polen, das gibt es noch heute. Nur ein Dorf mit A, aber den Namen kennt man überall auf der Welt. Dahin brachte man die Juden aus Deutschland. Und die aus Polen. Auch die aus Frankreich. Überhaupt aus allen Ländern in Europa. Man hat ihnen gesagt, sie müssten dort arbeiten. Dort gab und gibt es noch immer ein Tor. In eisernen Buchstaben steht darauf: Arbeit macht frei. Arbeit, schon wieder. Die Leute, die dorthin gebracht wurden, mussten tatsächlich arbeiten. Fragt sich nur, was: Frauen stehen im Kreis, jede hat vor sich einen Haufen Sand. Diesen Sand muss nun jede auf den Haufen der Frau schaufeln, die rechts von ihr steht. Wenn so etwas anfängt, dann nimmt es kein Ende. Ist so etwas Arbeit?
Es gab aber auch andere Arbeit für die Häftlinge, in Fabriken. Dort wurden Waffen hergestellt. Sie mussten Waffen zusammenbauen, mit denen sie dann vielleicht selbst erschossen worden sind. Schon wieder ein Kreis, wie bei den Frauen mit dem Sandhaufen. Die hatten keine Chance, ganz egal, was sie taten. Am Ende waren sie tot.
Egal, was es für eine Arbeit war, alle bekamen immer zu wenig zu essen. Und keine warmen Kleider. Und waschen konnten sie sich auch nicht richtig. Das war schlimm, weil man dann leichter krank wurde. Es gab auch viele Kinder in Auschwitz. Wenn sie zu klein oder zu schwach waren um zu arbeiten, dann wurden sie einfach umgebracht.
Aber wieso dieser Spruch, Arbeit macht frei? Was soll das heißen? Frei, da hätten sie doch nicht arbeiten müssen. Ach so. Das war nach der Arbeit. Frei waren sie, wenn sie tot waren. Aber dann hat man ja nichts mehr davon.
Die vielen toten Leute wegzuschaffen, das war auch Arbeit. Viel Arbeit für die Aufseher in Auschwitz.

Laura hörte auf zu schreiben. Ihr war mal wieder so komisch. Schwindlig. Sie sah ihre Hand an, den Stift, und beides kam ihr seltsam vor. Die Hand schrieb auf, was sie dachte. Wieso eigentlich? Die Hand könnte auch was anderes tun. Vielleicht die Seite gleich wieder rausreißen? Nein, schade um das schöne neue Heft. Und schließlich, es waren ja wirklich nur Worte.
Aber dieser Tisch. Sie saß in ihrem Zimmer an ihrem Tisch in ihrer Wohnung in ihrem Haus in ihrer Straße. Das Zimmer war fast so eingerichtet, wie sie es gern wollte. An der Wand hingen Plakate, die sie ausgesucht hatte. Solche gab es früher bestimmt noch nicht. Aber die Wand. Das Zimmer. Wäre gut möglich, dass es das von diesem David gewesen war. Dass er hier auch gesessen hatte, mit seinen Hausaufgaben. Genau in diesem Zimmer. Und wenn nicht David, dann vielleicht ein anderes Kind. Saß hier, machte Hausaufgaben, räumte nicht auf. Hatte Zoff mit seiner Mutter. Und dann auf einmal die Leute mit den Uniformen, der Lastwagen. Oder die Eisenbahn. Gerade noch in diesem Zimmer, und dann. Und wenn so ein Kind nicht schon wie David während der Fahrt mit dem Lastwagen gestorben ist, dann in diesem Auschwitz. Nein, nicht gestorben. Umgebracht worden.

Laura spürte, wie die Zeit auf einmal ganz lang wurde. Aber es wurde nicht Langeweile daraus. Eher ein noch größeres Durcheinander. Und als unten ein Lastwagen vorbeirumpelte … Was, wenn heute damals war?
Sie erinnerte sich an einen Science fiction-Film, da hatte es so was gegeben. Zeitlöcher. Heute konnte gestern sein oder auch morgen. Was für ein Chaos! Hatte sie nicht gehofft, das Durcheinander in ihrem Kopf würde aufhören, wenn sie alles ordentlich und der Reihe nach aufschrieb? Alles, was sie in der letzten Zeit gelesen hatte? Aber es war nicht möglich, da irgendeine Ordnung zu schaffen. Weil es so schwer war, sich das alles vorzustellen. Wie soll man etwas in Ordnung bringen, wovon man gar keine richtige Vorstellung hat? Und überhaupt, was nützte jetzt noch die schönste Ordnung. Das alles war ja sowieso längst geschehen. Nicht mehr zu ändern.
Laura sagte sich, das alles sei Unsinn, sie könne genauso gut aufhören. Aber sie schrieb trotzdem weiter. Vielleicht tat das ja auch nur ihre Hand. Einfach, was ihr einfiel, ohne jede Ordnung.

A wie Angst. A wie allein. Weil es schwer ist, mit anderen darüber zu reden. Mama sagt, ich wär noch zu klein, um diese Dinge zu verstehen. Außerdem wär das schon lange vorbei. Und dass wir das mal in der Schule kriegen. Aber das Foto von David ist da, und sein Steinbaukasten auch. Und seit ich das gesehen habe, muss ich auch daran denken. Aber was ist schon meine Angst gegen die Angst in Auschwitz. Da war ein Junge, der hieß Peter Fischl und war fünfzehn. Er hat aufgeschrieben, wie das war. Dass man sich dort sogar an die Angst gewöhnt hat: „Wir hatten uns daran gewöhnt, morgens um sieben, mittags und dann wieder abends um sieben in langen Reihen mit einer Essenschüssel in der Hand zu warten, bis man uns etwas warmes, nach Salz schmeckendes Wasser oder Kaffee oder vielleicht ein paar Kartoffeln hineintat. Wir hatten uns an die grundlosen Ohrfeigen gewöhnt, an Erniedrigungen und Strafen. Wir hatten uns an den Anblick von Menschen gewöhnt, die im eigenen Kot starben, an Särge voller Leichen, an Kranke in entsetzlichem Dreck und ohne irgendwelche Ärzte. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass von Zeit zu Zeit Tausende zu uns gebracht wurden und dass Tausende uns wieder verließen.“

A wie Andrea. Mit der kann ich vielleicht doch darüber reden. Morgen gehe ich wieder in die Galerie. Und jetzt ruf ich Aische an.
Es dauerte, bis sie das Telefon fand. Als Laura es endlich fand, begann es zu piepsen. Der Akku war leer, ausgerechnet jetzt!

3 – Was heißt hier Lüge

Lieber Papa, die Briefmarke auf der Ansichtskarte ist wirklich toll, es war nur ein bisschen schwierig, sie von der Karte abzukriegen. Mama und mir geht es ganz gut, es gibt eigentlich nichts Neues. Hier in Moabit ist es anders als in Lichterfelde, aber ich hab mich schon daran gewöhnt. Bei uns im Haus wohnt eine Frau, die sagt immer, es gibt zu viele Ausländer, früher sei es hier anders gewesen. Weißt du eigentlich, woran diese Frau so schnell erkennt, ob jemand ein Ausländer ist oder nicht? Ich meine, bei dir in Afrika ist das leicht. Da sieht man an der Hautfarbe, wer ein Ausländer ist und wer nicht. Außer in Südafrika, da gibt es auch Weiße, die Afrikaner sind, das hab ich in der Schule gelernt. Aber das nur nebenbei. Also, wenn diese Frau in unserem Haus das über die Ausländer sagt, dann muss ich immer denken, dass du… na ja, sagt man zu dir dort, wo Du jetzt bist, dass du ein Ausländer bist? Viele Kinder in meiner Klasse sind auch Ausländer. Aische zum Beispiel, die ist meine Freundin. Sie ist hier in Moabit geboren und sieht genau so aus wie ich – na ja, eben nicht. Sie hat viel schönere Haare als ich, schwarz, ganz viele Locken. Sie kennt sich auch viel besser aus in Moabit als ich, aber weil ihre Eltern aus der Türkei hierher gekommen sind, ist Aische Ausländerin. Dabei schreibt Aische viel bessere Aufsätze als ich! Aber keine Angst, meine Noten sind auch nicht schlecht. Du musst Dir also keine Sorgen machen. Ich hab auch gelernt, wie man Bonbons selber machen kann, das hat mir Aische gezeigt. Man braucht bloß Zucker und Sahne dazu, es ist wirklich einfach.
So, jetzt ist die Email zu Ende. Ich freue mich schon auf die nächste Briefmarke von dir, auf die Email natürlich auch.
Viele Grüße von Laura.

Das mit den Briefmarken ist absolut gelogen. Ich mach die schon lang nicht mehr ab. Keiner wollte sie gegen irgendetwas eintauschen, was soll ich dann mit denen. Aber bestimmt freut sich Papa darüber. Dann ist es wahrscheinlich auch nicht so schlimm, dass es gelogen ist. Und das mit Aische ist überhaupt nicht gelogen. Wahrscheinlich ist sie schon längst fertig mit dem Aufsatz, und mir fällt immer noch nicht ein, was ich schreiben soll.
Das mit den Bonbons stimmt schließlich auch. Zu blöd, dass die Sahne übergekocht ist. Ich muss nachher unbedingt den Herd saubermachen, sonst kriegt Mama wieder einen Tobsuchtsanfall. Aber diese Bonbons schmecken wirklich gut.
Dass es Mama und mir gut geht, ist auch gelogen, auf jeden Fall zur Hälfte. Aber sicher freut er sich, wenn er das liest. Hätte ja auch gar keinen Sinn, wenn ich ihm schreiben würde, wie’s mit Mama wirklich ist. Mama sagt immer, es geht ihn jetzt nichts mehr an, wie wir zurechtkommen. Und dass wir es auf jeden Fall alleine schaffen. Wenn sie damit mich meint, hat sie Recht, aber sie selber … Ich glaube, ihr geht es ziemlich mies. Auch wenn sie nie mit mir darüber spricht.
Andererseits, gut geht’s mir auch nicht gerade. Und ich kann auch mit keinem drüber reden. Ich kriege es noch immer nicht in meinen Kopf, dass all das hier passiert ist, genau hier! Und alle Leute tun so, als wäre nichts gewesen. Und manchmal denk ich, vielleicht sollte ich auch so tun, als wäre nichts gewesen. Weil ich nicht weiß, was passieren wird, wenn ich von diesen Sachen weiß. Es wird immer mehr, ich hab Angst, das hört niemals auf. Und wenn das einfach immer so weitergeht und gar nichts passiert, wozu weiß ich es dann überhaupt?
Ob ich den Herd doch lieber gleich sauber mache? Vielleicht fällt mir danach endlich was zu diesem blöden Aufsatz-Thema ein. Dass Paps aber auch so altmodisch ist und will, dass ich ihm Briefe schreibe! Mit einer SMS wär ich viel schneller fertig. Und müsste auch nicht so viel schreiben. Und jetzt auch noch der Aufsatz! Ob ich Aische anrufe?
Das ist wirklich komisch mit Mama. Sie sagt, dass sie nichts gegen Ausländer hat. Aber dass Aische meine Freundin geworden ist, passt ihr überhaupt nicht. Obwohl sie Moabit noch weniger kennt als ich, sagt sie, die Leute hier wären kein Umgang für mich. Die hätten einen schlechten Einfluss auf mich. Dabei komme ich mit dem Taschengeld viel besser zurecht, seit ich mir diese Bonbons selber mache. Und das habe ich schließlich von Aische gelernt. Mama sagt ja auch immer, wir müssen jetzt sparen. Ob sie wohl weiß, dass es hier in der Gegend Leute gibt, die noch viel weniger Geld haben als wir? Obwohl die gar nicht geschieden sind.
Dass ich Papa das mit der Briefmarke geschrieben habe, ist völlig in Ordnung. Wenn ich ihm schreiben würde, was ich hier wirklich alles mache … Wie heißt noch mal dieses schwierige Wort? Aufsichtspflicht. Mama hat immer Angst, dass ihr jemand vorwirft, Paps zum Beispiel, sie würde die Aufsichtspflicht verletzen. Komischer Ausdruck. Es bedeutet: nicht richtig auf mich aufpassen. Als ob das nötig wäre. Außerdem kann sie das gar nicht, sie ist ja den ganzen Tag nicht zu Hause, weil sie schließlich arbeiten muss. Abends ist sie manchmal auch nicht da. Wenn sie mit diesem Fortbildungskurs fertig ist, sagt sie, kann sie vielleicht eine Halbtagsstelle bekommen. Dann wäre sie nachmittags immer zu Hause.
Also meinetwegen ist das nicht nötig. Dann würde sie sich ja doch nur wieder in alles einmischen, wie früher in Lichterfelde. Würde mich wahrscheinlich ins Museum und wer weiß wohin schleppen, bloß, damit ich nicht mitkriege, was hier in Moabit alles passiert. Aber wahrscheinlich ist das für Mama alles nicht so einfach. Manchmal tut sie mir richtig leid. Ich werde ihr gleich mal den Zettel schreiben, damit sie sich keine Sorgen macht.
Das war an der Wohnungstür. Wer das wohl ist? Ich lass die Kette an der Tür, wenn ich aufmache, genau wie Mama gesagt hat. Gleich zwei Leute. Was wollen die? Mist, bestimmt bloß was verkaufen. Zeitungen oder so.
„Guten Tag, mein Kind! Ist deine Mutter zu Hause?“
„Ihr Kind, das bin ich nicht …“
„Wir alle sind Kinder Gottes, und darüber würden wir uns gern mit deiner Mutter unterhalten. Wir bringen Gottes Wort!“
„Meine Mutter ist nicht zu Hause. Und von diesem Gott, von dem haben wir schon gehört.“
„Aber Kind, wie redest du denn! In welcher Kirche bist du denn getauft worden?“
Eigentlich geht die das nichts an. Aber irgendwie macht es Spaß, sie zu ärgern. „In gar keiner, weil das etwas ist, woran man glauben muss. Und meine Eltern sagen, es gibt keinen Grund, etwas zu glauben. Es wäre besser, wenn man was weiß, als wenn man was glaubt.“
„Du armes Kind!“
Die spinnen ja! „Nein, wir sind nicht arm, wir müssen bloß sparen. Neulich bin ich mal in die Kirche auf dem Platz gegangen. Die Leute haben gesungen und Sachen gemurmelt, die ich nicht verstanden habe. Manchmal sind sie aufgestanden, und manchmal haben sie sich sogar hingekniet. War ’n bisschen komisch.“ Das hat gesessen. Jetzt regen sie sich auf.
„Kind, wir werden für dich beten! Und für deine Mutter! Der heilige Geist möge über euch kommen!“
Hör auf! Die sind doch bescheuert. „Geister gibt’s auch bei diesem Gott? Ist wirklich interessant … Warum gehen Sie denn schon?“
Komische Leute. Aber es ist ein gutes Gefühl, dass die sich jetzt ärgern. Mama hat Recht, Religion ist blöd. Wenn das solche Leute sind … Dabei, irgendwann muss mir doch mal jemand was erzählen über diesen Gott. Ich habe wirklich keine Ahnung, was das überhaupt ist, Religion. Dabei war es die Religion, wegen der die Juden damals von hier weggejagt wurden. Wozu braucht man Religion überhaupt? Ich werde bald mal wieder in den Religionsunterricht gehen. So lange Mama keine Zeit für den Elternabend hat, erfährt sie bestimmt nichts davon.
Aische geht öfter in die Kirche, aber in eine andere. Die sieht gar nicht aus wie eine Kirche und heißt Moschee. Aische muss sich dann ein Kopftuch umbinden. Komisch, dass mir diese Sache mit den Kirchen nicht schon früher aufgefallen ist. Die stehen ja überall herum. In Lichterfelde gab’s auch eine. Irgendwie war ich ganz schön blöd, als wir noch in Lichterfelde gewohnt haben. Immer wollte ich, dass es ein Geheimnis gibt – und die Sache mit den Kirchen hab ich dabei völlig übersehen. Dabei ist das irgendwie ein Geheimnis. Warum gehen manche Leute da hin? Mit Mama kann man darüber nicht sprechen, sie sagt, das wäre überflüssiges Theater. Aber ich werde das schon noch rauskriegen. Mama muss ja nichts davon wissen. Wieso ist mir das früher nicht aufgefallen?
Seit Mama und Papa geschieden sind und Mama und ich hierher umgezogen sind, gibt’s plötzlich an jeder Ecke komische Sachen. Irgendwie war ich früher… na ja, einfach zu dumm, Geheimnisse zu entdecken. Dabei hatten wir ein Geheimnis, sogar direkt in unserer Familie! Und ich hab es nicht bemerkt! Bis Mama und Papa mir das mit der Scheidung erzählt haben. War das ein Hammer! Dabei hätte ich’s eigentlich wissen können.
Obwohl ich das mit dieser Scheidung noch immer nicht kapiere. Sie haben gesagt, sie werden gute Freunde bleiben. Aber warum haben sie sich überhaupt scheiden lassen, wenn sie gute Freunde sind. Mama sagt, Papa hat jetzt eine neue Frau. Mit der lebt er so wie früher mit ihr. Wieso ist er dann nicht bei uns geblieben?
Jetzt schreib ich aber wirklich den Zettel für Mama.
Hallo Mama, ich hab nicht verschlafen heute Morgen, das Pausenbrot hab ich auch mitgenommen. Wir hatten heute schrecklich viele Schulaufgaben, ich hab den ganzen Nachmittag gebraucht. Aber ich hab alles geschafft. Die Suppe hab ich mir warm gemacht, es ist aber noch viel übrig geblieben, für morgen. Die erste Stunde fällt morgen wieder aus, ich kann also länger schlafen als Du. Aber wir sehen uns ja morgen Abend. Es ist alles in Ordnung, vergiss nicht, die Mathe-Arbeit zu unterschreiben. Ich lege diesen Zettel neben dein Bett, damit du ihn findest, wenn du von Deinem Kurs zurückkommst. Ich hab nur bis acht ferngesehen, dann bin ich schlafen gegangen, Gruß von Laura.
So, jetzt hab ich alles geschafft. Papa und Mama können zufrieden sein mit mir. Ich ruf jetzt Aische an wegen diesem Aufsatz, und dann treffen wir uns an der Ecke. Vielleicht kann mir Aische auch sagen, wie ich die eingebrannte Sahne vom Herd wieder abkriege. Und heute Abend werde ich wirklich nur bis acht fernsehen, damit Mama sich keine Sorgen macht. Manchmal ist es schon schwierig mit ihr. Wenn ich nur bis acht fernsehe, dann hab ich nur ein bisschen gelogen. Aische hilft mir bestimmt mit diesem Aufsatz, und sonst haben wir ja zum Glück nichts auf. Viel geschrieben hab ich ja wirklich, einen Brief und den Zettel … Bloß den blöden Aufsatz nicht. Und das Pausenbrot hab ich wirklich mitgenommen, und verschlafen hab ich auch nicht. Das mit der Suppe … Bestimmt ist sie froh, dass sie mir für morgen nichts kochen muss, da hat sie nicht so viel Arbeit. Morgen werde ich die Suppe auch ganz bestimmt essen, und heute reichen mir die Sahnebonbons.
Dass man sich um seine Mutter immer so viel Gedanken machen muss. Ich werde heute Abend ihre Schuhe putzen, dann hat sie wirklich keinen Grund zum Meckern. Wer ruft jetzt an? Hoffentlich nicht Mama.
„Aische, hallo … Nein, ich bin immer noch nicht fertig. Kinderleicht? Find ich wirklich nicht. Mir fällt überhaupt nichts dazu ein … Warte, ich hol mein Heft … So, fang an. Weißt du eigentlich, wie man eingebrannte Sahne vom Herd abkriegt? In Ordnung, erst der Aufsatz, dann der Herd …“
Was zieh ich hier eigentlich für ’ne alberne Show ab? Der Aufsatz und die Sahnebonbons und Postkarten und all das – es interessiert mich doch gar nicht! Aber das andere, was mich jetzt wirklich interessiert – was mache ich damit? Sobald ich daran denke, könnte ich heulen. Aber das hilft auch nicht.

Nach A kommt natürlich B, aber dazu fällt mir gerade nichts ein. P wie Polen. Polen liegt im Osten, gleich neben Deutschland. Die Nazis haben gesagt, es wären die Polen, die mit dem Krieg angefangen hätten, dabei war das gelogen. Die Nazis haben angefangen, sie haben Polen überfallen, und dann war Krieg. In Polen lebten sehr viele Juden, und vielleicht brachten die Nazis die deutschen Juden deshalb dorthin, zu den anderen. Die meisten Leute in Polen waren aber Christen, und die konnten die Juden auch nicht leiden. Und als sie dann auch noch Krieg hatten, mussten sie sich um sich selber kümmern. Was mit den Juden passiert ist, war ihnen jedenfalls egal, zumindest den meisten. Polen war viel kleiner als Deutschland, und deshalb war es keine Kunst, dass die Deutschen gewonnen haben. Die Polen mussten dann tun, was die Deutschen wollten. Also haben sie nichts dagegen unternommen, dass die Juden umgebracht wurden, auch dann, wenn die wie sie selber Polen waren.
P wie Propaganda. Das heißt, man ist für etwas, und man macht Werbung dafür, damit alle dafür sind. Damit alle dafür sind, muss man ein bisschen übertreiben. Man tut so, als wäre das, wofür man ist, das Allerbeste und einzig Richtige auf der Welt. So dass jeder blöd wäre, der nicht auch dafür ist. So etwas wie Propaganda gab es eigentlich schon immer, aber Sebastian, der Freund von Andrea, hat gesagt, die Nazis haben keine Politik, sondern immer nur Propaganda gemacht. Und damit die Mehrheit der Leute hier auf ihre Seite gekriegt. Es gab sogar ein Ministerium für Propaganda, der Minister hieß Goebbels. Der hat bestimmt, was in den Zeitungen stehen darf und was nicht, welche Bücher gedruckt werden dürfen, welche Filme gedreht werden dürfen, welche Bilder gemalt und ausgestellt werden dürfen, welche Musik im Radio gesendet werden darf. Man brauchte für alles eine Erlaubnis, und die bekam man nur, wenn man genau das gesagt, gemalt, geschrieben hat, was die Nazis wollten. Wie in der Werbung, wo es zum Beispiel heißt, kaufe nur diese Zahnpasta, die ist die beste, so war es in der Nazipropaganda mit den Juden: Das wären keine Deutschen, die Juden wären gegen die Deutschen und an allem Schuld, was nicht in Ordnung ist. Und irgendwann haben das dann immer mehr Leute geglaubt. Man kann auch sagen, Propaganda ist dasselbe wie eine Lüge. Wie heute in der Werbung, aber daran sind wir ja gewöhnt. Wir wissen schon, dass die übertrieben, aber irgendwann kaufen wir den neuen Schokoriegel dann doch.
Und so war es damals auch. Denn es hat nichts geholfen, dass die Juden dann weg waren. Nachdem alle oder doch die meisten Juden aus Deutschland vertrieben worden waren, ging es den anderen Deutschen auch schlecht, so schlecht wie noch nie. Sie haben aber trotzdem noch nicht verstanden, dass das mit den Juden eine Lüge war.
P wie putzen, zum Beispiel den Herd.
Lüge ist auch, was ich Paps und Mama geschrieben habe. Und dass ich Aische gesagt hab, ich hätte keine Zeit, um sie zu treffen. Dabei hab ich einfach keine Lust. Trotzdem hab ich fast kein schlechtes Gewissen. Schließlich will ich nur, dass sie sich freuen. Dagegen kann ja wohl keiner was haben. Oder?

4 – Arm dran

So ein Mist! Dass das ausgerechnet heute passieren muss. Dabei war alles so gut ausgedacht. Ich backe diesen Kuchen, den mir Aische gezeigt hat, ich decke den Tisch, und wenn Mama nach Hause kommt, ist alles fertig. Wieso hab ich gerade heute den Schlüssel vergessen! Ich wollte, dass alles richtig schön wird. Dass sie endlich kapiert, dass ich kein kleines Kind mehr bin. Dass sie richtig gute Laune kriegt, und dass sie dann endlich erlaubt, dass ich mal bei Aische schlafe.
Was mach ich jetzt bloß? Ganz schön vergammelt, dieses Treppenhaus. Unser Treppenhaus in Lichterfelde war viel schöner. So genau hab ich mir das noch nie angeschaut. Ob ich auch mal was auf die Wand kritzle? Da steht schon so viel, das fällt ja gar nicht weiter auf … Nee, jetzt nicht. Da kommt jemand.
„Tag, Herr Maschke.“
„Tag oder nicht Tag, das ist die Frage.“
Der ist schon wieder besoffen. Mama sagt, das wär ’ne Krankheit, wenn man so viel trinkt wie der Maschke. Sie sagt, der trinkt so viel, weil er mit seinen Problemen nicht fertig wird. Weil er so oft traurig wäre. Dabei sieht er meistens aus, als wäre er ganz fröhlich. Na ja, nicht immer. Als ich ihn neulich getroffen hab … das hab ich Mama nicht erzählt. Da würde sie sich gleich wieder Sorgen machen. Das war, als Herr Maschke auf der Parkbank saß, und ich bin vorbeigekommen. Hab mich gleich gewundert, wieso der da sitzt, bei der Kälte. Und dann hab ich gesehen, dass der Maschke weint – so richtig, mit Tränen und Schluchzen und allem. So wie Mama geweint hat, nach der Scheidung und unserem Umzug. Mama hat natürlich nicht auf der Parkbank geweint, sondern abends in ihrem Bett. Sie hat gedacht, da würde ich das nicht merken. Aber ich hab ’s gemerkt. Sie sah ja noch am nächsten Morgen ganz verquollen aus.
Irgendwie ist das komisch, wenn man Erwachsene weinen sieht. Liegt bestimmt daran, dass so was nicht sehr oft passiert. Dabei … warum eigentlich nicht? Mama sagt immer, wenn man erwachsen ist, hat man viele Probleme. Wieso weinen dann die Erwachsenen nicht öfter? Oder machen die das nur dann, wenn es keiner sieht? Also jedenfalls neulich, der heulende Maschke in der Kälte auf der Parkbank, das war richtig unheimlich. Zuerst hat er gar nicht bemerkt, dass ich bei ihm stehen geblieben bin. Als er mich endlich gesehen hat, hat er gleich noch mehr geweint. Und dann hat er Sachen gesagt, die ich überhaupt nicht verstanden habe. Irgendwas vom Krieg, und dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann. Dass er damals noch ein Kind gewesen wär. Ich hab versucht, mir den Maschke als Kind vorzustellen, aber ich hab’s nicht geschafft.
Das mit den Eltern, dass man sich die nicht aussuchen kann, das hab ich aber verstanden. Früher hab ich mir manchmal vorgestellt, meine Eltern wären gar nicht meine richtigen Eltern. Weil meine richtigen Eltern … Na ja, heute find ich das auch ein bisschen albern, ich glaub ja heute nicht mehr an Märchen. Aber damals hab ich mir vorgestellt, meine richtigen Eltern, das wären ein König und eine Königin, und ich wär in Wirklichkeit eine Prinzessin, und irgendwann würden meine richtigen Eltern kommen und mich holen, und alles wär wieder in Ordnung. Aber dann haben sich Mama und Papa scheiden lassen, und irgendwie … na ja, ich bin ja auch älter geworden.
Jedenfalls glaub ich, dass ich verstanden hab, was der Maschke gemeint hat, als er sagte, keiner könnte sich seine Eltern aussuchen. Nur das mit den anderen Sachen, das hab ich nicht verstanden, und es hat mir ein bisschen Angst gemacht. Hier in Moabit reden manche Leute vom Krieg, der hier mal war. Manche sagen, da war alles besser, und manche sagen so komische Sachen wie der Maschke. Mama hat gesagt, das wär schon sehr lange her, dieser Krieg, und es wär was, womit ich mich nicht belasten soll. Bald hätten wir das in der Schule, das wär dann noch früh genug, dass ich was davon erfahre.
Sie hat keine Ahnung, wie viel ich jetzt schon drüber weiß. Und lieber würde ich jetzt gleich noch mehr drüber wissen. Vielleicht hätte ich dann keine Angst mehr, wenn ich den Maschke treffe, wenn er mal wieder heult und so komische Sachen sagt.
Der ist bestimmt wieder besoffen. Das hat ja eine Ewigkeit gedauert, bis der endlich seine Tür aufgeschlossen hat.
Oh je, jetzt kommt die Ganter. Die wird sich furchtbar aufregen, wenn sie mich hier sitzen sieht. Dann sagt sie wieder was von der Jugend von heute, und dass es ja kein Wunder wär, wenn sich die Eltern nicht um ihre Kinder kümmern. Ich verzieh mich lieber. Ich gehe hoch, in den allerletzten Stock, da wohnt keiner, da geht’s nur zum Dachboden.
Ganter, das ist der Mann von der Gans. Haben wir in Bio gelernt. Ob die Ganter das weiß? Passt jedenfalls zu ihr. Mama hat gesagt, ich müsste höflich sein zu ihr. Sie kümmert sich um alles hier im Haus, Hauswartsfrau heißt das. Sie könnte uns Ärger machen, hat Mama gesagt, und deshalb soll ich mich ordentlich benehmen, wenn ich sie seh. Außerdem wär sie arm dran, weil ihr Mann schon lange tot ist.
Anscheinend sind alle Erwachsenen arm dran. Der Maschke, weil er säuft, also, natürlich weil er krank ist, die Ganter, weil ihr Mann schon lange tot ist, und Mama ja wohl auch. Ihr Mann ist zwar nicht tot, aber sie ist von ihm geschieden, und er ist jetzt in Afrika, und einen neuen Mann hat sie noch nicht gefunden. Da ist sie doch wohl auch arm dran. Natürlich sagt sie so was nicht, aber warum weint sie dann so oft?
Je höher man kommt, umso heller wird es im Treppenhaus – nee, jetzt wird’s dunkel. Im obersten Stock, da, wo’s zum Dachboden geht, gibt’s keine Fenster. Hier war ich noch nie. Hier warte ich jetzt, bis Mama nach Hause kommt. Dann kann mich nicht jeder anquatschen und sich drüber aufregen, dass ich den Schlüssel vergessen habe.
Was ist das für ein Geräusch? Da … da ist doch einer!
„Reg dich nicht auf, ich bin’s.“
„Wer ist ich? Ich kann fast nichts sehen, es ist so dunkel hier.“
„Deswegen sitz ich ja hier.“
Was kichert der jetzt? Außerdem riecht es hier komisch.
„Max heiße ich. Und du?“
„Laura. Aber was machen Sie hier?“
„Kannst ruhig du zu mir sagen. Draußen ist es kalt.“
„Ja – und? Wieso gehen Sie, äh, wieso gehst du dann nicht einfach nach Hause? Ich hab dich hier im Haus noch nie gesehen.“ Es riecht nicht komisch, es stinkt. Und zwar er.
„Wär auch besser, du hättest mich heute nicht gesehen. Das ist hier nämlich ’n richtig guter Platz, um sich ein bisschen aufzuwärmen.“
„Aber warum machst du das nicht zu Hause? Hast du auch den Schlüssel vergessen?“
„Schlüssel vergessen? Schön wär’s! Ich hab schon lang keine Schlüssel mehr, zu gar keiner Wohnung.“
„Aber jeder wohnt doch irgendwo. Und hat ’nen Schlüssel, im Prinzip. Ich mein, ich heute ausnahmsweise nicht, weil ich ihn heute Morgen vergessen habe.“
Was ist denn das für einer? Macht der sich lustig über mich? Wieso kichert er dauernd so blöd?
„Ist doch ganz einfach. Kein Schlüssel, keine Wohnung.“
„Versteh ich nicht. Wo wohnst du denn?“
„Nirgends, überall … Das kommt ganz darauf an.“
Jetzt versteh ich, was der meint. Das ist ’n Penner! Deswegen stinkt er auch. Penner schlafen einfach im Park, oder unter einer Brücke, eben einfach irgendwo, wo ’s ein bisschen weniger kalt ist. Dass ich so einen hier in unserem Haus mal treffe, das hätte ich wirklich nicht gedacht! Ein richtiger Penner! Wenn Mama das wüsste …
Mit ihr hab ich auch mal darüber gesprochen. Und was hat sie gesagt? Ich hätt’s mir ja denken können. Diese Leute ohne Wohnung, hat sie gesagt, die wären ganz arm dran. Aber sonst hat sie nicht so viel darüber gewusst. Also Frau Ganter ist arm dran, weil sie einen Mann hat, der schon lange tot ist, der Maschke ist arm dran, weil er so viele Probleme hat und deshalb zu viel trinken muss, sie selber ist arm dran, weil sie geschieden ist, und dieser Max hier, der ist also auch arm dran.
Wenn das stimmt, was Mama sagt, dann sind alle Erwachsenen arm dran. Aber Mama und Maschke und die Ganter und dieser Max hier, das sind doch ganz unterschiedliche Leute. Die sind doch noch was anderes als bloß arm dran.
„Sag mal, Laura, könntest du vielleicht…“
„Was? Ich glaub, jetzt kommt meine Mutter. Na, die wird ein Theater machen. Ich muss jetzt runter.“
„Kannst du vielleicht für dich behalten, dass … ich meine, dass du mich hier oben getroffen hast?“
„Bist du denn öfter hier?“
„So oft es mir gelingt, unbemerkt ins Haus zu kommen.“
„Morgen Nachmittag auch? Bist du dann wieder hier?“
„Wenn du die Klappe hältst und niemand was davon verrätst, das liegt jetzt ganz an dir.“
„Auf mich kannst du dich verlassen! Ich würd mich wirklich gern mal mit dir unterhalten. Bis morgen also – ich muss jetzt runter!“

Das ist ja wirklich ein Ding! Ein Penner, in unserem Treppenhaus. Die Gelegenheit lass ich mir nicht entgehen. Mit dem möchte ich wirklich mal über einiges reden. Hoffentlich kommt der morgen wieder. Und hoffentlich entdeckt ihn keiner.
Aber jetzt muss ich mich erst mal um Mama kümmern. Sie wird toben, wenn sie das mit dem Schlüssel erfährt. Na ja, das ist jetzt nicht zu ändern. Ich bring’s einfach hinter mich.

L wie Langeweile. Meine Güte, ist das schon lange her. Nein, stimmt gar nicht, eigentlich erst ein paar Monate. Komisch, dass die Zeit, die vergeht, so unterschiedlich lang ist. Und dass eine Zeit gleichzeitig lang und kurz sein kann. Wenn ich heute daran denke, wie Mama und Papa und ich in Lichterfelde gelebt haben – das war immerhin fast mein ganzes Leben. Trotzdem kommt mir diese Zeit jetzt ganz kurz vor. Aber damals hat das nicht gestimmt. Da ist mir die Zeit schrecklich lang vorgekommen, und ich hab mich oft gelangweilt. Und seit ich mit Mama nach Moabit umgezogen bin – das sind jetzt fast sieben Monate. Also noch gar nicht so lange. Aber trotzdem kommt es mir so vor, als würde ich schon viel länger hier leben.
Vielleicht ist das so, weil ich mich jetzt überhaupt nicht mehr langweile. Es passiert immer so viel. Manchmal wünsche ich mir fast, es wär mal wieder langweiliger. Das mit der Zeit, das war auch in den Lagern damals schwierig. Auch ein Wort mit L. Als ich es zum ersten Mal gehört hab, hab ich gedacht, das wär was mit Ferien. Echt peinlich war das. Ein Junge hat geschrieben, er hieß Marc und war schon sechzehn, dass man ihm in so einem Lager seine Uhr weggenommen hat. Er hat sie von seinem Großvater bekommen, es war das einzige, was er noch hatte von früher. Dann hat er aufgeschrieben, wie das ist, wenn jeder Tag ganz genauso ist wie der Tag zuvor. Dass er irgendwann nicht mehr gewusst hat, ob er seit einem Tag oder seit zehn Tagen oder seit einem Monat oder seit einem Jahr im Lager ist. Mit den Stunden ging es ihm genauso. Jeden Morgen und jeden Abend mussten alle Gefangenen sich auf einem großen Platz aufstellen. Man nannte das Appell. Keiner durfte fehlen, und es dauerte stundenlang. Egal, ob es geschneit oder geregnet hat oder ob es knallheiß war. Alle Gefangenen mussten da stehen und durchzählen. So lange, bis die Zahl dieselbe war wie die auf den Listen der Aufseher. Die Zahl hat sehr oft nicht gestimmt, dann mussten sie wieder von vorne anfangen. Weil sie Hunger hatten oder weil sie krank waren, sind manche dabei umgefallen. Die anderen haben ihnen dann geholfen, irgendwie aufrecht stehen zu bleiben, damit die Zahl endlich stimmte und der Appell zu Ende war. Wenn man dort stand, hatte man das Gefühl, dass es eine Ewigkeit dauert. In Wirklichkeit dauerte es manchmal eine Stunde, manchmal aber auch drei Stunden oder den ganzen Tag.
Manchmal mussten alle, die dort standen, zuschauen, wie andere geschlagen wurden oder erschossen. Sie durften sich nicht bewegen, nichts sagen, nicht weinen. Es war wichtig, nicht aufzufallen, denn sonst konnte es passieren, dass man aus der langen Reihe heraustreten musste und dann auch geschlagen wurde. Oder erschossen.
Es gibt Kinder, die in so einem Lager auf die Welt gekommen sind. Die dachten, das Lager wäre die normale Welt. Als dann der Krieg zu Ende war und sie aus den Lagern befreit worden sind, hatten manche sechs Jahre lang dort gelebt. Es war schwer für sie zu verstehen, dass die normale Welt außerhalb des Lagers ist. Mit Spielsachen und genug zu essen und ohne Strafen. Es gibt Fotos von diesen Kindern. Sie sehen aus, als wären sie schon ganz alt. Dabei sind sie erst vier oder fünf oder sechs Jahre alt. Sie haben noch gar nichts von der normalen Welt gesehen, und trotzdem sehen sie aus, als hätten sie schon furchtbar lange gelebt.
Aber auch sonst ist das schwierig mit langer oder kurzer Zeit. Mama sagt, der Krieg wäre schon lange vorbei. Aber wenn man der Ganter zuhört, dann klingt das so, als wär’s erst gestern gewesen.
Da fällt mir noch etwas ein, was mit Zeit zu tun hat, noch eine Uhr. Andrea las es mir neulich vor, aus einem Buch, sie sagt, sie leiht es mir bald. Es ging um Kinder in einem Kinderheim in Frankreich, um jüdische Kinder, ihre Eltern waren umgebracht worden. Da war ein Junge, erst zwei Jahre alt. Er hieß auch David, jedenfalls in dieser Geschichte. Teilweise ist es ein Roman, also ausgedacht, teilweise ist alles wirklich geschehen. Das einzige, was von Davids Eltern übrig geblieben ist, war eine Uhr. Sein Vater hat sie ihm gegeben, ganz kurz, bevor er abgeholt wurde. Und obwohl dieser David da noch ganz klein war, hat er niemals vergessen, diese Uhr aufzuziehen. Jeden Morgen zog er sie auf, genauso, wie sein Vater es ihm ein einziges Mal gezeigt hat. Ein einziges Mal, dann nie wieder. Nie hat er dabei etwas kaputt gemacht. Er hielt sich die Uhr oft an sein Ohr, und das war für ihn, als hörte er, dass seine Eltern noch leben. Er lächelte und sah trotzdem immer ein bisschen traurig aus dabei. Und bestimmt hat er immer Angst gehabt, er könnte doch einmal vergessen, die Uhr aufzuziehen. Oder er würde sie dabei kaputtmachen.
Wenn ich diese Sachen in das Heft schreibe, dann geht die Zeit ganz schnell vorbei. Aber wenn ich drauf warte, dass es endlich fünf Uhr wird, weil da Frank anruft, dann dauert es unendlich lang. Ich habe Mama von Frank noch nichts erzählt. Sonst will sie ihn bestimmt bald kennen lernen. Vorläufig ist es mir aber lieber, sie kennt ihn nicht. Sie würde sich dann bestimmt in alles einmischen.
L wie Liebe. Mit Knutschen und so. Einige in der Klasse haben das schon gemacht. Mann, wieso ruft Frank nicht endlich an!

5 – Eis essen verboten

G wie Gestapo. Geheime Staatspolizei. So hießen die Männer, die man auf den Fotos in der Galerie sehen kann. Sie haben die Juden abgeholt und aufgepasst, dass sich keiner verstecken oder weglaufen kann. Aber so geheim waren diese Männer gar nicht. Sie sind auf vielen Fotos zu sehen und leicht an ihren komischen Mänteln zu erkennen. Meistens haben sie die Juden ganz früh morgens abgeholt. Aber dabei gab es so viel Geschrei, dass alle Nachbarn wach geworden sind. Es war also doch nicht geheim, wenn die Juden abgeholt wurden. Aber trotzdem haben alle so getan, als merkten sie es nicht. Sie haben bloß heimlich zugesehen, wie man die Juden, die ja ihre Nachbarn waren, geschlagen und auf Lastwagen getrieben hat. Warum hat keiner gefragt, wohin man sie bringt und wozu? Oder haben sie es sowieso gewusst?
G wie Geschichte. Ich habe den Schuckert gefragt, bei dem wir Geschichte haben. Er hat gesagt, was damals passiert ist, lernen wir später. Jetzt sind wir erst im Mittelalter. Als ich fragte, ob es damals auch Juden gab, dachte er, ich wollte stören. Aber dann erzählte er, dass die Juden damals nicht arbeiten durften, was sie wollten. Sie durften nur Sachen verkaufen oder Geld verleihen. Deswegen dachten die anderen, die Juden hätten viel Geld. Sie konnten die Juden nicht leiden. Die Juden mussten sich so komische Hüte aufsetzen, damit jeder sie gleich erkannt hat. Und sie durften nur in ganz bestimmten Straßen wohnen. Das nannte man ein Ghetto.
Als Schuckert das gesagt hat, bin ich ganz schön erschrocken. Ghettos gab es auch damals, im Osten, wo man die Juden hingebracht hat. Andrea hat es mir erzählt. So ein Ghetto war wie ein Gefängnis. Keiner durfte raus. Es gab viel zu wenig zu essen und keine Medizin, wenn jemand krank war. Trotzdem war ein Ghetto besser als ein Lager. Aber es dauerte nicht lange, dann wurden alle, die im Ghetto lebten, auch ins Lager gebracht.
Ich hab dem Schuckert nicht erzählt, dass ich das weiß. Aber jetzt finde ich den Geschichtsunterricht nicht mehr so gut. Schuckert sagt, das war im Mittelalter, das ist schon über fünfhundert Jahre her, und heute würden die Menschen so etwas nicht mehr tun. Aber es ist noch gar nicht lange her, da haben sie es eben doch getan. Warum will der Schuckert nicht darüber reden? Er hat gesagt, er will mal mit Mama sprechen. Dabei hat sie jetzt doch sowieso so wenig Zeit.
G wie Gas. Ich muss jetzt immer daran denken, wenn ich mir mein Essen warm mache. Obwohl Andrea gesagt hat, es war ein anderes Gas als das, womit wir kochen. Es war ja auch nicht zum Kochen da. Mit dem Gas wurden Menschen umgebracht. Sie mussten alle in den Raum. Er sah aus wie ein Duschraum. Dann wurde die Tür zugemacht, und dann kam kein Wasser aus den Duschen. Durch kleine Schlitze haben die Aufseher das Gas in den Raum geschüttet. Die Menschen darin hatten sich alle ausgezogen, weil sie ja dachten, sie sollten dort duschen. Man hat sie angelogen, damit sie sich nicht wehren. Und dann kam das Gas in den Raum, und sie haben es eingeatmet und sind gestorben. Keiner konnte raus. Alle hatten Angst. Manche haben geschrieen, andere gesungen oder gebetet. Bis alle tot waren.
G wie gut. Die Deutschen damals, die keine Juden waren, haben gedacht, nur sie wären gut und alle anderen böse. Die Juden, aber auch fast alle Ausländer. Deswegen haben sie gegen fast alle Länder Krieg geführt und die Juden umgebracht. Aber wie konnten die denken, dass sie gut sind, wo sie doch so etwas getan haben? Sie haben gesagt, die Juden sind böse und gar keine richtigen Menschen. Dabei haben die Juden alles genauso gemacht wie die Deutschen auch, bevor das alles passiert ist. Die jüdischen Kinder durften plötzlich nicht mehr in die Schule gehen. Keiner durfte mehr mit ihnen spielen, obwohl vorher immer alle zusammen gespielt haben. Viele Juden wollten auch gar nichts mit ihrer Religion zu tun haben. So wie Mama und Paps und ich ja auch. Aber das hat den Juden damals nichts genützt. Auch wenn sie gar keine Juden sein wollten, hat man gesagt, sie wären es trotzdem.

Es war so heiß, dass weder Laura noch Aische Lust hatten, ins Schwimmbad zu gehen. Lustlos hingen sie im Hinterhof herum, auf dem Mäuerchen zwischen den Mülltonnen und dem Fahrradständer.
„Wir könnten uns vielleicht ein Eis holen“, schlug Aische irgendwann vor.
„Könnten wir, später vielleicht.“ Gelangweilt kritzelte Laura mit einem Hölzchen Figuren in den sandigen Boden. Dann fiel ihr etwas ein. „Was würdest du sagen“, begann sie, „wenn es dir verboten wäre, ein Eis zu kaufen?“
„Von meinen Eltern, meinst du? Da haben die keine Chance, ich hab doch Taschengeld.“
„Ich meine nicht von deinen Eltern. Ich meine verboten vom Gesetz. Und wenn du dir trotzdem eins kaufst, wirst du bestraft. Der Eisverkäufer auch.“
„Du hast wohl ’n Sonnenstich. Solche Gesetze gibt es doch nirgendwo auf der Welt.“
„Heute vielleicht nicht. Aber damals …“
„Geht das schon wieder los!“, maulte Aische. „Können wir nicht endlich mal wieder über was anderes reden? Außerdem glaube ich dir das nicht. So ein Gesetz wäre doch total idiotisch.“
„Das hat es aber gegeben. Ich kann es dir zeigen, ich hab da gerade so ein Buch.“
„Und das war ein Gesetz … für diese Juden?“
„Für die Juden, na ja. Natürlich gegen sie. Sie durften sich kein Eis kaufen, zum Beispiel. Aber das war noch längst nicht alles. Es gab jede Menge Gesetze. Sie durften sich auch keinen Kuchen kaufen und nur ganz wenig Fleisch und Milch. Eigentlich bekamen sie nur Kartoffeln, und die waren meistens faulig.“
„Das war, als sie noch hier lebten, bevor sie in die Lager kamen?“
„Ja, das war hier in Berlin zum Beispiel. Die Erwachsenen durften sich auch keine Zigaretten kaufen, sie durften nicht Auto fahren, nicht mit dem Bus oder der Straßenbahn. Auch Radios waren für Juden verboten, Telefone, Schreibmaschinen. Sie durften sich keine Bücher aus der Leihbücherei mehr holen, keine Zeitungen kaufen. Sie mussten ihre Haustiere abgeben, die wurden dann eingeschläfert. Ins Schwimmbad hat man sie auch nicht gelassen, nicht ins Kino, nicht ins Museum, nicht ins Theater. Im Winter, als es kalt wurde und wegen des Kriegs nichts mehr zu kaufen war, mussten sie ihre Pelzmäntel abgeben und auch alle anderen warmen Sachen.“
„Du übertreibst jetzt wirklich nicht?“ Aische war noch immer misstrauisch.
„Sag so was nicht noch mal!“, brauste Laura auf. „Wenn du mir nicht glaubst, dann gehen wir rauf. Da liegt das Buch. Die Kinder durften nicht in die Schule, bestimmte Straßen und jeder Park waren für Juden verboten und alle Restaurants. Sie durften nicht mehr zum Friseur, sie durften keine Handwerker bestellen, wenn irgendwas kaputt war. Sie durften keine Autos besitzen, nicht einmal Fahrräder. Wenn sie auf die Straße gegangen sind, dann mussten sie etwas anhaben, worauf der gelbe Stern genäht war, und zwar in einer ganz bestimmten Größe, auf einer ganz bestimmten Stelle, links, du weißt schon, da ist das Herz – als wär dieser Stern eine Zielscheibe. Und sie durften ihn nie verdecken, zum Beispiel wenn es regnete und sie aus Versehen den Schirm in der linken Hand gehalten haben. Dann wurden sie sofort mitgenommen. Überhaupt durften sie nur zu ganz bestimmten Zeiten auf die Straße, und Einkaufen war nur während einer einzigen Stunde erlaubt.“
„Na, in einer Stunde kann man doch jede Menge einkaufen“, wandte Aische ein.
„Hab ich anfangs auch gedacht. Aber damals gab es noch keine Supermärkte. Und die meisten Läden hatten ein Schild an der Tür: ‚Juden unerwünscht‘. Und es gab ja dann auch immer weniger zu essen, als Krieg war. Lebensmittel hat man nur auf Marken gekriegt, nicht mehr für Geld. Das muss eine irre Rennerei gewesen sein, bis man da sein Zeug zusammen hatte.“
„Sagt meine Mutter auch immer. Und dass sie froh ist, wenn sie endlich wieder zu Hause ist.“
Laura schüttelte den Kopf. „Das kannst du doch nicht vergleichen. Als der Krieg begann, gab es immer weniger Lebensmittel. Man wusste nie, wann man wo was bekommen kann. Und dann war es den Juden auch noch verboten, irgendwas auf Vorrat im Haus zu haben. Außerdem, aus ihren Wohnungen mussten sie dann auch bald raus, aus ihren Häusern auch, falls sie welche hatten. Die waren nirgendwo mehr zu Hause. Es gab dann solche Judenhäuser, da mussten sie rein. Ganz viele Leute in eine einzige Wohnung.“
Beide schwiegen.
„Warum sind die eigentlich nicht einfach weg gegangen?“, fragte Aische nach einiger Zeit.
Laura antwortete nicht gleich. „So ganz kapier ich das auch nicht. Später, da ging es ja nicht mehr, aber am Anfang … Manche sind ja auch gegangen, aber viele sind geblieben. Man brauchte ziemlich viel Geld, um wegzugehen, und man musste irgendwo auf der Welt Leute kennen. Die mussten bürgen für die, die weg wollten.“
Aisches fragender Blick verriet Laura, dass sie das Wort bürgen nicht verstand.
„Das bedeutet, da musste zum Beispiel jemand, der schon in Argentinien lebte, zu einem Amt und dort erklären: Ja, ich kenne die Leute, die sind in Ordnung, und falls sie nicht genug Geld haben, dann werde ich hier für sie sorgen. Die meisten Länder wollten nämlich lieber keine Juden bei sich aufnehmen.“
„Du hast es gut.“ Aische seufzte tief. „Ich meine, wenn heute wieder so etwas wäre. Dein Vater ist in Afrika.“
„Na und? Du hast schließlich ’ne riesige Verwandtschaft in der Türkei!“
„Nein danke! Da würde ich nie hinwollen, unter gar keinen Umständen.“
„Na siehst du.“
„Was soll ich sehen?“
„Unter gar keinen Umständen willst du in die Türkei. Vielleicht haben sich das manche Juden auch gedacht. Unter gar keinen Umständen will ich nach Argentinien oder sonst wohin. Wahrscheinlich haben sie einfach nicht geglaubt, dass in Deutschland alles so kommen würde, wie es dann gekommen ist.“
„Achtung, gleich wird die Ganter meckern!“, warnte Aische, die als erste sah, dass die Hauswartsfrau ihr Küchenfenster öffnete.
„Soll sie doch. Ich bleib hier sitzen.“
„Ich dachte, wir holen uns endlich ein Eis“, erinnerte Aische. „Und überhaupt, wieso fragst du das überhaupt mich!“
„Was?“
„Na, was ich dazu sagen würde, wenn es mir verboten wär, ein Eis zu kaufen. Wieso eigentlich ausgerechnet mir?“
„Blöde Frage. Du bist doch Moslem. Ich hab ja zum Glück gar keine Religion.“
„Trotzdem ist das Quatsch. Ich bin Moslem, da bin ich doch keine Jüdin. Also dürfte ich mir auf jeden Fall ein Eis kaufen. Und überhaupt, wenn ich dich so von damals reden höre, dann bin ich fast schon froh, dass ich keine Deutsche bin.“
„Ach ja, bildest du dir darauf jetzt was ein? Ich wär da an deiner Stelle vorsichtig. Die Türken … da war mal so etwas. Mit den Armeniern. Das war schon im ersten Weltkrieg -„
„Da haben ja noch nicht mal meine Eltern gelebt!“, unterbrach Aische entrüstet. „Was geht mich das an?“
„Was treibt ihr da eigentlich?“, ließ sich nun zeternd wie immer die Ganter hören. „Das ist hier kein Spielplatz!“
Aische stand sofort auf. „Los, wir gehen.“
„Bloß wegen dieser ollen Kuh? Seh ich überhaupt nicht ein. Außerdem ist mir noch was eingefallen, was damals verboten war.“
„Nun komm endlich! Damals ist vorbei, und wir kriegen jetzt Ärger mit der Ganter.“
„Steht hier irgendwo, dass man nicht hier sitzen darf? Stell dir mal vor, du wärst Jüdin –„
„Immer ich!“, unterbrach Aische sie wütend. „Stell du dir das doch vor.“
„Also gut, meinetwegen. Wenn ich also Jüdin wär und du nicht, und wenn wir damals leben würden, dann dürften wir nicht miteinander befreundet sein. Du dürftest nicht mal mit mir reden.“
„Verdammt, jetzt komm endlich! Sonst rede ich wirklich nicht mehr mit dir.“

6 – Schwer zu beschreiben

D wie David. Der Junge auf dem Lastwagen.
D wie damals. Damals ist eben doch noch gar nicht so lange her. Viele Menschen, die noch heute in unserer Straße wohnen, haben damals auch hier gewohnt. Damals waren sie noch Kinder, die Ganter zum Beispiel. Wenn David nicht auf diesen Lastwagen hätte steigen müssen, dann wäre er heute so alt wie die Ganter. Oder wie Maschke. David sah genauso aus wie andere Kinder. Bloß dass er eine andere Religion hatte.
D wie Davidstern. Damit das mit seiner Religion jeder sehen konnte, musste David sich von seiner Mutter diesen gelben Stern auf seine Jacke nähen lassen. Ohne diesen Stern hätte er ausgesehen wie jeder andere Junge.
D wie Deportation. So nannte man es, wenn ein Lastwagen kam und die Leute mit dem gelben Stern abholte. Aber das war erst der Anfang. Der Lastwagen brachte sie zur Eisenbahn. Da gab es aber keine Abteile mit Sitzen und Tischen wie heute. Das waren bloß Waggons aus Holz, die hatten nicht einmal Fenster. Hinsetzen konnte man sich auch nicht. Es gab keine Sitzplätze. Außerdem stopfte man so viele Leute hinein, dass sowieso kein Platz zum Sitzen frei war. Die Leute in den Waggons wussten nicht, wohin man sie bringen würde. Oft stand so ein Zug tagelang irgendwo herum, die Leute durften nicht raus. Manchmal war es sehr kalt, manchmal aber auch sehr heiß. Es gab nichts zu essen, nichts zu trinken. Man durfte auch nicht raus, wenn man mal musste.
D wie Dachau. Dahin zum Beispiel brachte man die Menschen mit den Zügen. Dachau war ein Konzentrationslager in Deutschland, gar nicht weit von München weg. So ein Lager war wie ein Gefängnis, nur noch schlimmer. Und die Leute, die man dort eingesperrt hat, haben gar nichts gemacht. Es war nur wegen ihrer Religion, weil sie Juden waren. Oder weil ihre Großeltern diese Religion hatten. Nach Dachau hat man auch Leute gebracht, die keine Juden waren, aber etwas dagegen hatten, was man mit den Juden gemacht hat.
D wie Deutsche. Deutsche waren die Juden genauso wie die Katholiken oder wie die Protestanten. Aber dann zwang man sie, mit dem Davidstern herumzulaufen und sagte, sie wären keine Deutschen. Deutsche waren die Leute, die Gesetze machten gegen die Juden. Die dafür sorgten, dass die Juden sich vor der Deportation nicht verstecken konnten. Deutsche trieben die Juden auf die Lastwagen, in die Eisenbahnwaggons. Gaben den Leuten in Dachau und anderswo zu wenig zu essen, verprügelten sie, lachten sie aus, brachten sie um. Deutsche waren es, die nicht wissen wollten, was mit den Juden geschah. Aber in die Wohnungen der Juden sind sie gern eingezogen, und gern wurden sie auch Chefs in den jüdischen Geschäften. Deutsche taten so, als wüssten sie nichts. Vielleicht haben einige ja wirklich nichts gewusst. Aber wie haben sie das angestellt? Und waren die nicht reichlich dumm?

„Bist du denn immer noch nicht fertig mit den Schularbeiten?“
„Doch, das heißt nein. Aber gleich.“ Rasch versteckte Laura ihr Heft unter einigen Schulbüchern. Es war nicht nötig, dass ihre Mutter erfuhr, was sie da aufschrieb. „Sag mal, was ich dich fragen wollte: Du bist doch getauft worden. Evangelisch.“
„Ja.“
„Und als du älter geworden bist, warst du gegen die Religion.“
„Das habe ich dir doch schon erklärt.“
„Ja. Du bist dann aus der Kirche ausgetreten, stimmt’s?“
„Ja, natürlich.“
„Aber deutsch bist du geblieben.“
„Was soll der Unsinn? Natürlich bin ich deutsch geblieben.“
„Ich frage ja nur. Da kann man nicht austreten?“
„Nein, natürlich nicht. Jedenfalls nicht so einfach. Es geht, wenn man zum Beispiel einen Ausländer heiratet und dann in seinem Land lebt.“
„Warum hast du das nicht gemacht?“
„Du stellst vielleicht Fragen! Es ist doch überhaupt nicht wichtig, ob man deutsch ist oder etwas anderes.“
„Aber evangelisch wolltest du nicht mehr sein.“
„Das hat doch damit nichts zu tun! Übrigens, das wollte ich dich fragen. Gehst du noch immer in den Religionsunterricht?“
„Nur manchmal, wenn ich mich langweile.“
So merkwürdig wie Lauras Mutter jetzt guckte, war klar, dass sie das nicht so ganz glaubte. Aber immerhin ging sie endlich. Natürlich hatte sie nicht kapiert, worauf Laura mit ihrer Frage hinauswollte. Vielleicht war das auch besser so.

T wie Tagebuch. So was Ähnliches wie das, was ich hier schreibe. Viele Leute, die wie David von zu Hause weggeholt wurden, haben in Tagebüchern alles aufgeschrieben, was dann passiert ist. Viele von ihnen haben nicht überlebt, was dann passiert ist. Nichts ist übrig geblieben von ihnen außer diesen Tagebüchern. In so einem Tagebuch steht alles ganz genau drin. In der Leihbücherei gibt es ziemlich viele.
Es war sehr gefährlich, so ein Tagebuch zu schreiben, weil es verboten war. Niemand sollte erfahren, was los war.
T wie Transport. Transport ist dasselbe wie Deportation. Deportation sagt heute niemand mehr, aber der Gemüsehändler an der Ecke hat gestern gesagt, es gibt Probleme mit dem Transport von Tomaten, weil in Italien ein Streik ist. Ich musste dabei gleich an das Foto mit David auf dem Lastwagen denken. Transport. Es gibt viele solche Wörter, die mir plötzlich unheimlich werden. Weil sie damals etwas ganz anderes bedeutet haben. Deswegen ist es schwer, die Wörter in dieses Heft zu schreiben und das, was sie damals bedeutet haben.
In vielen Büchern ist genau beschrieben, wie das war, ein Transport. Heute hat Andrea mir vorgelesen, wie das ein jugoslawischer Schriftsteller beschrieben hat, nein, nicht jugoslawisch, das gibt’s ja nicht mehr. Ein serbischer, glaub ich. Ist ja vielleicht auch egal. Also ein Transport. Das fing an mit raus aus dem Bett, Sachen zusammenpacken. Alles schnell schnell, nur das Wichtigste, warme Klamotten, was zu essen, dann raus aus der Wohnung, mitten in der Nacht. Runter auf die Straße. Da waren schon viele andere. Alle waren still, nur die nicht, die die Leute zusammengetrieben haben. Gebrüll, Hunde, schnell schnell. Wer einen Ton von sich gegeben oder geweint hat, wurde geschlagen, mit Peitschen, mit Gewehrkolben, mit irgendetwas. Mitten in der Nacht mussten die Leute in ordentlichen Reihen gehen, durch die ganze Stadt, bis zum Bahnhof. Dort steht schon der Zug, ein Güterzug. Überall Wächter mit Hunden, mit Gewehren. Alle müssen einsteigen, schnell schnell. Immer noch mehr Menschen, auch wenn im Güterwaggon schon lange kein Platz mehr ist. Dann sind alle drin, die Türen werden zugeknallt, verriegelt. Drinnen ist es dunkel, nur ein kleines vergittertes Fenster, es gibt Panik und Geschrei. Dann nichts mehr, es ist ganz ruhig, alle sind erschöpft. Aber der Zug fährt nicht ab, und keiner weiß, wohin er fahren würde, wenn er endlich fahren würde. Das dauert, Stunden, der Zug steht, es ist heiß, es gibt nichts zu trinken. Dann ein Ruck, der Zug fährt los. Aber keiner weiß wohin, also wieder Panik, Weinen, Geschrei. Der Zug fährt, bleibt stehen, fährt, bleibt stehen. Meistens auf einem Feld, in einem Wald. Keiner kennt die Namen, die an den Bahnhöfen stehen. Wenn jemand mal muss – dafür gibt es bloß einen Eimer. Der ist bald voll, es stinkt, es ist heiß. Zu trinken gibt es nichts, zu essen auch nicht. Manche weinen, manche singen, manche beten. Und alle versuchen zu begreifen, was geschieht. Manche werden verrückt, manche sterben. Das fällt aber erst auf, wenn der Zug wieder einmal anhält, und dann sieht es so aus, als wär er endlich am Ziel.
Seltsame Menschen in Sträflingskleidern reißen die Türen auf, alles raus, schnell schnell, die Soldaten brüllen, sie haben Gewehre, die Hunde bellen, keiner blickt durch, was soll das, wo sind wir, aber endlich, frische Luft! Alles, was jetzt kommt, kann nur besser sein.
Was danach kam, war beispielsweise Auschwitz.
T wie traurig. Bin ich jetzt oft.

„Hallo, Max! Bist du da?“
„Wenn du so laut brüllst, nicht mehr lange. Was gibt’s denn?“
Vorsichtig schielte Laura nach den letzten Stufen, in diesem Dämmer hier oben war kaum etwas zu erkennen. „Gemüsesuppe, sie ist noch warm.“
Fast wäre der Topf übergeschwappt, aber eben nur fast.
„Hier, der Löffel.“ Ihre Augen gewöhnten sich allmählich ans Zwielicht im Treppenhaus, ganz oben unterm Dach. „Ich hasse Gemüsesuppe.“
„Ich auch.“ Max nahm zwar den Löffel, doch die Suppe schien ihn tatsächlich nicht zu interessieren.
„Was soll das heißen?“ Laura ärgerte sich, und sie fand, dass Max das ruhig mitkriegen sollte.
„Ich mag keine Gemüsesuppe, das soll das heißen.“ Er kicherte.
„Sehr komisch!“
„Das sag ich doch! Du magst keine Gemüsesuppe, ich mag keine Gemüsesuppe, wir sind das ideale Paar.“
„Aber ich hab diese Suppe warm gemacht, extra für dich! Und ich hab sie hier hoch geschleppt! Und überhaupt, was denkst du dir eigentlich! Schließlich bin ich doch nicht deine Köchin!“
„Wenn es sein muss, dann sei wütend – aber sei es bitte leise! Und außerdem, die Köchin bist du eben doch!“
„Jetzt werd bloß nicht unverschämt!“
„Ich? Du hast doch gesagt, du hast die Suppe für mich warm gemacht.“
Max kicherte, Laura sagte nichts mehr.
Sie sah hier keinen Grund zum Kichern – schließlich hatte sie es gut gemeint. Woher hätte sie wissen sollen, dass Max Gemüsesuppe ebenfalls nicht mochte? Und überhaupt, wenn einer richtig Hunger hat …
„Sag mal“, Max hustete, das Lachen war ihm jetzt vergangen, „gibt’s in eurem Kühlschrank denn nichts anderes? Ich hab schon lange nichts mehr gegessen, aber Gemüsesuppe …“
„Bloß Salami. Und Käse wahrscheinlich auch.“
„Na also.“
„Was heißt hier na also? Salami und Käse und Brot, das ist doch nichts Richtiges.“
„Sagt das deine Mutter? Dass man was Warmes braucht und so.“ Jetzt kicherte er wieder.
Erst war Laura wütend, dann erschrak sie, und zwar über sich selbst, und dann kicherte sie auch, so leise wie möglich. „Stimmt, du hast Recht. Wie meine Mutter … Ich fass es nicht!“
Beide kicherten, und dann hörten sie, dass unten die Ganter mal wieder was zu meckern hatte.
„Ganz schön turbulent geht das zu in eurem Treppenhaus“, bemerkte Max.
„Das ist die Ganter. Wahrscheinlich hat es Maschke mal wieder nur bis vor seine Tür geschafft, und dort liegt er jetzt, und das kann die Ganter nicht leiden.“
„Sag mal, zu der Salami und dem Käse in eurem Kühlschrank, eine Flasche Rotwein wär da nicht schlecht.“ Max schien wirklich hungrig zu sein.
„Jetzt hör bloß damit auf! Säufst du etwa auch? Wie der Maschke?“ Laura war sich ziemlich sicher, dass es tatsächlich Maschke war, über den die Ganter sich so aufregte.
„Wie der Maschke? Nein, das wär übertrieben. Ich saufe nicht, ich trinke.“
„Wo ist da der Unterschied?“
„Ich geb’s ja zu, das ist schwer zu sagen. Aber jetzt Salami und Käse und Rotwein, das wär schon nicht schlecht.“
„Ich hab mal Sekt getrunken“, fiel Laura ein.
„Und?“
„Ich weiß nicht so genau. Es war, als ich Geburtstag hatte, mein letzter. Spät am Abend, mein Vater war grade erst nach Hause gekommen. Und dann haben sie mir erzählt, dass sie sich scheiden lassen werden. Dass sie mich aber trotzdem mögen und für mich alles bleiben soll wie immer.“
„Und?“
„Was heißt da und. Ich war ziemlich geplättet, erst einmal. Und dann ist natürlich gar nichts geblieben wie immer. Aber das hab ich mir sowieso nicht gewünscht. Was soll denn gut dran sein, wenn alles bleibt wie immer?“
„Kommt darauf an.“ Max hatte jetzt einen Schluckauf. „Ich hätt nichts dagegen, wenn es so wäre, wie es früher mal war. Da dachte ich, das wär für immer. Arbeit und Wohnung und ’ne Frau und so. Und dann war plötzlich alles weg.“
„Und deshalb hast du jetzt in deiner Plastiktüte immer ’ne Flasche Schnaps?“
„Also erstens hab ich ja gar nicht immer eine. So was kostet ’ne Stange Geld. Und zweitens – immer will ich ja auch gar keine. So wie Maschke will ich nicht enden. Und drittens, ja, manchmal hilft der Schnaps. Dann vergess ich ein bisschen, dass es nicht mehr so ist wie immer.“
„Und Maschke?“
„Was ist mit Maschke?“
„Na ja, der hat immer Schnaps.“
„Und – was hat er davon? Gar nichts. So einem wie Maschke, dem ist auch mit Schnaps nicht zu helfen.“
„Aber du hättest jetzt gern ’ne Flasche Rotwein.“
„Also erstens ist Rotwein nicht Schnaps, und zweitens bin ich wirklich nicht Maschke. Was der vergessen will, da hilft kein Schnaps und kein Rotwein und kein gar nichts.“
„Was will der denn vergessen?“
„Mann, jetzt frag mir keine Löcher in den Bauch! Und außerdem, dafür bist du noch zu jung.“
Laura begann zu kichern.
„Hab ich etwa was Komisches gesagt?“ Alles, was Max sagte, wurde noch immer von diesem Schluckauf unterbrochen.
„Allerdings. Du hast gesagt, dafür wär ich noch zu jung. Wie meine Mutter.“ Laura kicherte nicht mehr, sie lachte.
„Sei leise, verdammt! Gut, wie deine Mutter. Dann sind wir jetzt quitt, was?“
„Scheint so.“ Laura lachte nur noch ganz leise.
„Und was ist jetzt mit Salami und Käse und Rotwein?“
„Und was ist mit Maschke?“

7 – Was in der Zeitung steht

Es war Sonntagmorgen, draußen regnete es, und so gab es keinen Grund, sich zu beeilen. Laura hatte nichts dagegen, mal wieder im Bett ihrer Mutter zu frühstücken.
Das haben wir lange nicht gemacht. Mich stört es überhaupt nicht, dass es regnet“, freute sich Yvonne und achtete sorgfältig darauf, dass die Krümel ihres Brötchens nicht ins Bett, sondern in die Sonntagszeitung fielen.
„Mensch, den kenn ich doch!“ Auch Laura war in die Zeitung vertieft. „Hast du das gelesen? Was soll denn das nun wieder!“
„Was denn?“
„Na hier. Da steht: ‚Der jüdisch-serbische Schriftsteller.‘ Das ist der, von dem mir Andrea neulich ein Buch ausgeliehen hat.“
„Na und? Was ist denn so besonders daran?“
„Aber fällt dir denn nichts auf?“
„Was soll mir auffallen?“
Laura starrte ihre Mutter an, fassungslos über so viel Begriffsstutzigkeit. „Da steht: jüdisch-serbisch.“
„Na und? Jugoslawien gibt es schließlich nicht mehr.“
„Das mein ich doch gar nicht. Hast du schon mal gelesen: katholisch-polnisch? Oder evangelisch-deutsch?“
„O Laura, geht das schon wieder los! Kannst du mich nicht mal an so einem Sonntagmorgen damit zufrieden lassen?“
„Aber warum steht das hier so? Bei anderen Religionen macht man das doch auch nicht.“
„Wahrscheinlich … Das ist bestimmt gut gemeint. Ich meine, so viele Juden haben doch nicht überlebt. Und wenn so einer dann auch noch Schriftsteller geworden ist, das ist doch gut.“
„Du verstehst mich nicht. Natürlich ist es gut, dass der Schriftsteller geworden ist. Ich habe ja dieses Buch gelesen, manches hab ich nicht verstanden. Ich glaube aber, es ist gut. Warum also steht das hier so in der Zeitung? Bei anderen Schriftstellern schreibt man doch auch nicht dazu, was ihre Religion ist.“
„Worum geht es in dem Artikel überhaupt?“ Yvonne war gereizt.
„Der kriegt einen Preis.“
„Na also, das ist doch prima.“
„Du kapierst wirklich nichts! Den Preis kriegt er doch wohl, weil er ein guter Schriftsteller ist. Oder kriegt er den, weil er Jude ist?“
„Laura, du nervst. Woher soll ich das wissen. Ist es nicht völlig egal, warum er diesen Preis bekommt? Du findest sein Buch doch gut.“
„Ja, eben. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte irgendwas gemacht, zum Beispiel ein Buch geschrieben, und andere finden das Buch dann deshalb gut, weil ich irgendeine Religion habe – das würde mich ziemlich ärgern.“
„Na, dann freu dich. Soweit ich weiß, ist vorerst nicht zu erwarten, dass du einen Preis für irgendetwas bekommst. Wie ist übrigens die letzte Klassenarbeit ausgefallen?“
„Du bist gemein! Darum geht es jetzt doch überhaupt nicht!“

K wie Konzentrationslager. Das ist ein schwieriges Wort und auch schwer zu verstehen. Erst hab ich gedacht, es hat was mit konzentrieren zu tun, so, wie Mama manchmal zu mir sagt, nun konzentrier dich doch endlich und trödle nicht so lange rum! Aber in diesen Lagern konnte sich kein Mensch konzentrieren, weil es dort viel zu schrecklich war und weil es darauf gar nicht ankam.
Sebastian hat mir erklärt, warum diese Lager so hießen: weil man dort ganz viele Leute hineingesteckt hat, viel mehr, als eigentlich Platz hatten. Aber das war den Nazis egal, weil die Leute ja sowieso sterben sollten. Außerdem, hat Sebastian gesagt, hätten die Nazis sich oft Namen ausgedacht, die niemand so recht verstehen konnte. Weil sie gar nicht wollten, dass man sie richtig versteht. Die Abkürzung dafür war KL, aber nur offiziell. Denn alle sagten KZ, das klingt schon so, dass man weiß, was läuft. Es waren so was wie Tarnnamen, alles sollte geheim sein. Natürlich auch das, was die Nazis in den Konzentrationslagern vorhatten: Vernichtung durch Arbeit. So haben sie das genannt, und deshalb auch dieser Spruch: Arbeit macht frei.
Es gab viele Konzentrationslager, in Polen und in Russland, aber auch in Deutschland. Meistens waren sie gar nicht weit weg von den großen Städten. Auch ganz in der Nähe von Berlin gab es solche Lager, in Oranienburg und in Sachsenhausen und in Ravensbrück. Und dann die Aufseher in den Lagern, die gingen ja auch mal nach Hause und habe dort von allem erzählt. Deswegen konnten diese Lager natürlich gar nicht wirklich geheim bleiben. Sebastian hat gesagt, viele Leute hätten bestimmt eine Ahnung gehabt, wozu diese Lager da sind. Aber gesprochen haben sie nie darüber, entweder, weil es verboten war oder weil sie Angst hatten, sie würden dann selbst in so ein Lager kommen. Oder weil sie die Juden sowieso nicht leiden konnten. Was mit denen gemacht wurde, war den meisten Leuten entweder egal, oder es kam ihnen gerade recht.
Weil zum Beispiel Deutsche, die keine Juden waren, die Geschäfte oder die Wohnungen von Juden bekommen haben. Das fanden viele prima, aber dann kam der Krieg, und dann hatten sie doch nichts davon. Weil dann alles kaputt ging.
K wie Kommunisten. Die hat man auch in diese Lager gesteckt, weil sie eine andere Meinung hatten als die meisten Deutschen. Und weil sie gegen die Deutschen gekämpft haben. Andrea hat gesagt, Russland hieß damals Sowjetunion, fast alle Leute dort sind Kommunisten gewesen. Solange es so aussah, als würden die Deutschen den Krieg gewinnen, haben sie furchtbar viele Kommunisten umgebracht. Aber dann haben sie doch verloren, und die Kommunisten haben Berlin befreit. In München haben das Amerikaner getan, in Hamburg die Engländer. Befreit heißt, dass der Krieg endlich zu Ende war und dass die Deutschen zugeben mussten, dass sie verloren haben, und dass die Juden und die Kommunisten und auch noch andere aus den Lagern befreit worden sind.
K wie Krematorium. Noch ein schwieriges Wort. So was gibt es noch heute, da kann man sich, wenn man gestorben ist, verbrennen lassen. Mama hat gesagt, sie findet das ganz praktisch, und außerdem könnten einen dann nicht die Würmer auffressen, wenn man beerdigt ist. Aber damals war das anders. Man hat die Juden ja nicht gefragt, ob sie verbrannt werden wollten. Sie wollten ja auch nicht sterben. Weil die Nazis so viele umgebracht haben, wussten sie nicht, wohin mit den Leichen, deshalb haben sie die verbrannt. Damit wieder Platz war in den Lagern und damit keiner merken soll, was sie gemacht haben. Aber es hat furchtbar gestunken, wenn die Leichen verbrannt wurden. Vorher hat man ihnen noch ihre Goldzähne aus dem Mund gerissen.
Ein Junge, der damals vierzehn Jahre alt war, sah, wie das ging. Er heißt Jehuda Bacon und ist heute ein Maler in Jerusalem. Er musste helfen, die Leichen zu verbrennen. Alles musste ganz feine Asche sein, und die Asche haben sie dann in einen Fluss geworfen. Er hat erfahren, dass man in den Krematorien in Auschwitz an einem Tag 20 000 Menschen zu Asche machen konnte. Er und die anderen Kinder dort haben manchmal sogar Witze darüber gemacht. Wenn weißer Rauch aus dem Schornstein kam, dann sagten sie, heute verbrennt man Dicke.
K wie Kinder. In den Lagern gab es Baracken nur für Kinder. Sie durften nicht bei ihren Eltern bleiben. Sie mussten alles ganz alleine schaffen, auch wenn sie oft überhaupt nicht verstanden, was überhaupt los war. Mehr als eine Million jüdische Kinder sind in den Lagern umgebracht worden, außerdem noch Kinder von Zigeunern. Auch die Kinder bekamen zu wenig zu essen. Wenn sie Angst hatten, war keiner da, der sie trösten konnte. Sie mussten immer aufpassen, dass sie nichts falsch machten. Schon beim allerkleinsten Fehler wurden sie geschlagen, oder sie mussten sofort in die Gaskammer. Wenn es möglich war, dann haben die Kinder auch in den Lagern gespielt oder gesungen oder sich Streiche ausgedacht. Aber es war nicht oft möglich.
Mama hat gesagt, als sie selber noch ein Kind war, hat sie sich nicht getraut, ihre Eltern zu fragen, was sie noch von früher wissen. Als der Krieg zu Ende war, war Opa siebzehn, Oma war fünfzehn Jahre alt. Aber Mama hat gesagt, sie haben nie gern darüber gesprochen, und meistens gab es Streit. Kann ich mir gut vorstellen, seit ich neulich Opa nach Sachsenhausen gefragt habe. Ich habe nur gefragt, und da war er schon sauer. Oma auch. Sie hat gesagt, Opa wär nicht mehr der Jüngste und ich müsste Rücksicht nehmen.
K wie Kollektivschuld. Das bedeutet, alle sind schuld an dem, was geschehen ist. Als es nach dem Krieg einen Prozess gab in Nürnberg, haben sich die Deutschen beschwert und gesagt, das wäre nicht gerecht und sie wären doch nicht alle schuld. Aber das haben die Richter in Nürnberg auch gar nicht behauptet. Die haben gesagt, jeder einzelne soll sagen, was er gemacht hat oder nicht. Aber dann haben die Angeklagten gesagt, das ginge auch nicht, weil jeder einzelne doch nur gemacht hätte, was befohlen worden ist. Und sie hätten es für alle gemacht, für das ganze deutsche Volk. Und die wären ja auch alle dafür gewesen. Dann waren also doch alle schuld. Ungefähr so wie bei der Hitlerjugend. Die hatten einen Spruch: Alle für einen, einer für alle. Das heißt, dass sie immer zusammenhalten, wie eine Bande.
K wie krank. Es macht mich ganz krank, über diese Dinge nachzudenken. Aber wenn ich nicht darüber nachdenke, ist es auch nicht besser. Ich kriege immer noch mehr heraus, es ist zum Verrücktwerden. Ob ich jemals damit fertig werde und alles in dieses Heft hineinpasst?
Wenn man im Lager krank wurde, war es ganz gefährlich, weil Kranke nicht arbeiten können. Deshalb wurden sie dann gleich umgebracht, Gas, Erschießen, Erhängen, eine Spritze, und deshalb haben sich alle angestrengt, dass es keiner merkt, wenn sie krank wurden. Sehr viele sind krank geworden, weil es fast nichts zu essen gab oder weil es zu kalt war und sie keine warmen Kleider hatten. Außerdem lebten dort so viele Menschen so eng zusammen, dass sich immer gleich alle angesteckt haben. Wenn man ganz schwach ist, dann reicht schon ein Schnupfen, und man stirbt.

Was mich krank macht: Es gibt fast keine Wörter mehr, bei denen mir nicht sofort etwas einfällt, was mit damals zusammenhängt. Vielleicht fange ich, wenn ich mit diesem Heft fertig bin, ein neues an. Und sammle darin dann die Wörter, die wirklich nichts mit damals zu tun haben. Ob ich solche Wörter finde?
„Laura, wie wär’s, wenn du auch einmal zuhören würdest? Das ist ein Schulausflug und keine Vergnügungsreise. Und morgen schreiben wir eine Arbeit darüber!“
„Worüber denn?“, fragte Laura frech, obwohl sie schon wusste, was der Schuckert antworten würde.
„Über alles, was wir heute gesehen haben! Habe ich mich jetzt klar ausgedrückt?“
„Aber was, wenn wir das Wichtigste gar nicht sehen?“
Der Schuckert platzte gleich vor Wut, aber das war Laura egal. Wütend war sie auch.
„Um zu wissen, was wichtig ist und was nicht, solltest du erst einmal genau hinsehen.“
„Tu ich doch. Hier steht: Für die Opfer von Krieg und Gewalt.“
„Und? Was passt dir daran nicht?“
„Das stimmt nicht. Das Wichtigste fehlt.“
Schuckert sah ungeduldig auf die Uhr, er hatte einen genauen Zeitplan für diesen Wandertag. „Und was ist deiner Ansicht nach das Wichtigste?“
„Wer waren diese Opfer? Und wer hat den Krieg geführt?“
„Das ist jetzt nicht wichtig, das lernen wir später. Los, wir müssen weiter!“
Laura hörte gut, dass einige aus der Klasse kicherten und das Wort wieder sagten: Judenlaura. Inzwischen hatten die anderen nämlich mitbekommen, dass Laura sich für alles interessierte, was damals geschehen war. Es störte sie überhaupt nicht, dass manche ihr manchmal diesen Namen nachriefen. Die hatten ja nicht die geringste Ahnung, was das überhaupt war, ein Jude.
Bloß dass Frank jetzt bei dieser Gruppe war, die kicherte und diesen Namen rief, das gab ihr einen Stich. Wenn sie mit Frank alleine war, sagte er nie so etwas. Dann war er überhaupt völlig anders, als wenn andere dabei waren. Was nur sollte sie von ihm halten? Gestern noch hatte sie gedacht, sie wäre in ihn verliebt, und nun das.
Wie immer um diese Zeit war die U-Bahn so voll, dass man von allen Seiten eingequetscht wurde. Laura war absichtlich in einen anderen Waggon eingestiegen als die anderen. Aber plötzlich, an der nächsten Haltestelle, drängelte sich jemand durch und stand dann neben ihr. Frank.
Laura tat erst einmal so, als würde sie ihn nicht bemerken.
„Ich hab dich überall gesucht“, flüsterte er ihr zu.
Seine Augen konnte Laura nicht sehen, denn quer über sein Gesicht war der Arm von einem Mann, der sich an der Stange festhielt. Aber Laura sah seinen Mund und seine Wangen, und die wurden rot, während er das sagte.
„Ach ja?“ Sie wusste, dass dies eine ziemlich schnippische Antwort war. Aber hatte er es nicht verdient? Wenn jetzt die anderen in der Nähe wären, er hätte sich bestimmt nicht getraut, das zu sagen.
Wieder hielt die U-Bahn, wieder drängten Menschen in das Abteil. Irgendwie schaffte es Frank, in Lauras Nähe zu bleiben. Jetzt stand er sogar noch dichter bei ihr, der Arm dieses Mannes ging nicht mehr quer durch sein Gesicht. Für einen ganz kurzen Moment sahen sie sich direkt in die Augen.
„Das war nicht so gemeint, du weißt schon, vorhin, vor der Neuen Wache.“ Er schlug die Augen nieder.
Er hat wirklich schöne Augen, dachte Laura. Doch gleich darauf ärgerte sie sich. Schöne Augen, was war das schon. Das konnte jeder haben. Das hatte gar nichts zu bedeuten.
„Am Freitag“, sagte er nun, und er war ganz dicht an ihrem Ohr, weil eine dicke Frau aufgestanden war und gar nicht bemerkte, dass sie ihn beiseite schubste, direkt auf Laura, „gibt es ’ne Fete bei Oliver. Kommst du auch?“
Quietschend ging die U-Bahn in eine Kurve. Der Mann hinter Frank hielt sich gerade nirgends fest, er kam ins Schwanken, und mindestens fünf Leute um ihn herum ebenfalls. Darunter Frank und Laura. Laura suchte nach einem Halt, und dabei berührte sie zufällig Franks Schulter. Sie zog die Hand zurück, als hätte sie etwas glühend Heißes angefasst.
„Mal sehen“, murmelte sie undeutlich.
Dann hielt die U-Bahn erneut, und diesmal war es auch für Frank und Laura Zeit auszusteigen. Laura rannte die Treppen hoch, Frank hinterher.
„Kann ich mit dir zusammen nach Hause gehen?“
„Nein, ich … habe noch etwas vor.“
Laura hatte absolut nichts vor. Aber sie wollte jetzt keine Sekunde länger mit Frank zusammenbleiben. Also schlug sie den Umweg ein, an der Spree entlang. Sie war froh, allein zu sein. Was will ich überhaupt von dem, dachte sie und riss wütend einige Blätter von einem Busch.

8 – X-Beine

V wie vernichten. Natürlich weiß jeder, was das heißt. Man macht, das etwas nicht mehr da ist. Im Keller hängt ein Zettel, darauf steht, dass hier ein Gift ausgelegt ist, um die Ratten zu vernichten. Und genau dasselbe haben die Nazis mit den Juden gemacht. Als ob sie Ratten wären! Ein anderes Wort dafür war ausmerzen, es bedeutet genau dasselbe. Die Nazis haben nie genau gesagt, wie sie das tun: erschießen, verhungern lassen oder mit irgendwelchen Medikamenten. Oder durch zu schwere Arbeit. Oder erschlagen. Oder:
V wie vergasen. Das ist das Schrecklichste von allem. Hab ich ja schon aufgeschrieben. An der Ecke standen neulich zwei Frauen, die haben sich was erzählt. Plötzlich hat die eine gesagt: bis zur Vergasung. Beide Frauen haben gelacht. Ich hab nicht richtig zugehört, deshalb weiß ich nicht, wovon die geredet haben. Bloß das habe ich gehört, bis zur Vergasung, und dass die Frau das gesagt hat, als sie etwas Komisches erzählt hat. Ob die wirklich nicht weiß, was sie da sagt? Ich hätte sie natürlich fragen sollen. Wieder mal hab ich mich nicht getraut. Ich bin weggegangen und hab mich geschämt.
V wie verliebt. Bin ich nun doch wieder, in Frank, und er auch in mich. Und Mama hat jetzt auch einen kennen gelernt, er heißt Michael. Sie war ein bisschen verlegen, als sie es mir erzählt hat, aber ich hab schon so was geahnt. Damit es ihr weniger peinlich ist, hab ich ihr von Frank erzählt. Mama hat dann mit mir übers Verliebtsein geredet, als wär ich schon erwachsen. Allerdings weiß ich gar nicht, ob ich das überhaupt sein will. Und das mit dem Verliebtsein ist auch ziemlich merkwürdig. Manchmal freut man sich, und dann hat man Angst, dass alles vielleicht doch nicht stimmt.

„Wir könnten ins Kino gehen, da läuft jetzt ein neuer Film.“ Frank fummelte am Lenker seines Fahrrads herum, während er Laura diesen Vorschlag machte.
„Geht nicht, ich bin pleite.“ Laura hätte jetzt auch gern am Lenker ihres Fahrrads herumgefummelt. Aber sie hatte ihr Rad nicht dabei, und so wusste sie nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollte.
„Oder wir könnten zu mir gehen, Musik hören“, schlug Frank vor.
„Das haben wir doch gestern schon gemacht“, erinnerte Laura.
Dann dachten vermutlich beide daran, wie seltsam es gestern gewesen war, in Franks Zimmer. Frank hatte eine CD nach der anderen abgespielt, aber es war nie die, die er wollte. Ununterbrochen hatte er geredet, so dass die Musik kaum zu hören gewesen war. Und einmal hatte er sich plötzlich auf die Seite gebeugt, dahin, wo Laura saß, und ihre Hände hatten sich zufällig berührt. Beide waren erschrocken zusammengezuckt, und Laura war schnell aufgestanden und zum Fenster gegangen. Frank hatte die Kiste mit den CDs umgeworfen. Alles in allem war es reichlich merkwürdig gewesen, und es war absolut unnötig, das Ganze heute noch einmal zu wiederholen.
„Komm, wir fahren einfach durch die Gegend!“ Frank tat so, als wäre dies die Idee des Jahrhunderts.
Dabei hatte Laura ja nicht einmal ihr Fahrrad dabei. „Dann müsste ich erst noch mal nach Hause.“
„Ich fahr dich!“ Frank wies auf die Stange. „Setz dich.“
Weil Laura spürte, dass jetzt irgendetwas geschehen musste, wenn sie nicht den ganzen Nachmittag lang an dieser Ecke herumstehen wollten, dachte sie nicht lange nach und setzte sich.
Und Frank fuhr auch sofort los, anfangs etwas wackelig, aber dann ging es immer besser. Laura merkte bald, dass er nicht zu ihr nach Hause fuhr, aber jetzt war es ihr egal. Nein! Es war ihr nicht egal, es war ihr gerade recht. Sie sausten immer schneller durch die Straßen, und natürlich waren sie ganz dicht beieinander, Laura spürte Franks Atem an ihrer Wange. Ihre Hände lagen dicht neben seinen auf dem Lenker. Aber jetzt war das nicht wie gestern in seinem Zimmer, jetzt war das ganz normal. Denn wie sonst sollte man zu zweit auf einem Fahrrad fahren? Außerdem war es alles andere als normal, es war unbeschreiblich schön. Laura spürte, wie hart sie saß, aber das machte ihr nichts aus. Sie legte den Kopf ein bisschen zurück, und nun lag er genau an Franks Hals. Dann begann Frank laut zu singen, Laura lachte erst, seine Stimme war nicht besonders gut. Aber dann sang sie mit.

R wie Religion. Ich habe keine Religion, weil Mama und Papa sagen, das braucht man nicht. Religion heißt, dass man an was glaubt, und Mama sagt, es wär besser, man glaubt nicht, sondern versucht, die Dinge zu verstehen. Wenn wir eine Religion hätten, dann wären wir bestimmt katholisch oder evangelisch, wie die meisten Leute hier. Aber es gibt noch viele andere Religionen. Aische zum Beispiel ist Moslem. Man kann auch Mohammedanerin zu ihr sagen, weil der Christus in ihrer Religion Mohammed heißt. Aische findet Religion überhaupt nicht gut, weil da so vieles verboten ist, besonders, wenn man ein Mädchen ist. Wegen der Religion muss sie jetzt immer öfter dieses Kopftuch tragen, und eigentlich darf sie auch beim Sport nicht mitmachen. Macht sie aber trotzdem, heimlich. Alle in der Klasse haben versprochen, es nicht zu verraten. Wär auch blöd, wenn sie nicht mehr mitmachen würde, sie ist unsere beste Volleyball-Spielerin. Aische sagt, ich hätte es gut, weil ich mich um den ganzen Religionsquatsch nicht kümmern muss. Damit hat sie natürlich recht, aber andererseits …
Manchmal gehe ich freiwillig in den evangelischen Religionsunterricht, und die Geschichten aus der Bibel finde ich unheimlich spannend. Ich finde es auch gut, dass die dort darüber nachdenken, was richtig und was falsch ist. Aber wieder andererseits – was die damals mit den Juden gemacht haben, war eindeutig falsch. Und diejenigen, die das gemacht haben, das waren Christen, evangelische oder katholische. Also hat die ganze Religion nichts genützt. Sie haben trotzdem schreckliche Sachen gemacht. Und außerdem haben sie gesagt, sie machen es gerade wegen der Religion. Weil eben die anderen Deutschen Juden waren, und die wollten sie nicht mehr bei sich haben.
Michael hat gesagt, das wäre nicht das erste Mal gewesen, dass es wegen der Religion Krieg gegeben hat. Dabei gibt es ein Gebot, das heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!! Mama hat gesagt, so ein Gebot gibt es in allen Religionen, aber es hält sich niemand dran. Und jeder würde immer denken, dass seine Religion besser ist als jede andere. Deswegen wäre es besser, man würde das mit den Religionen einfach lassen. Schon vor mehr als zweihundert Jahren haben die Leute sich nämlich was Besseres ausgedacht: Menschenrechte. Das heißt, dass alle Menschen auf der ganzen Welt dieselben Rechte haben, ganz egal, woran sie glauben oder wie ihre Hautfarbe ist.
R wie Rasse. Eigentlich nur ein Wort, um die Rasse der Menschen von der Rasse der Insekten oder Fische oder so zu unterscheiden. Aber irgendwann fing man damit an, Menschen mit verschiedenen Hautfarben in verschiedene Rassen einzuordnen: Weiße, Gelbe, Rote, Schwarze. Seit langer Zeit denken die Weißen, dass sie die Besten sind und dass alle anderen machen müssen, was sie wollen. Aber bei den Nazis war das noch schlimmer. Sie haben gesagt, die Deutschen, falls sie keine Juden sind, sind eine Rasse, und zwar die allerbeste.
Michael hat gesagt, das wär völliger Quatsch. Die Deutschen gibt es nämlich noch gar nicht so lange, und in Wirklichkeit ist das ein großes Mischmasch aus Leuten von überall in Europa. Die Nazis haben sich das bloß ausgedacht, damit sie kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn sie zu den anderen so brutal sind. Und schließlich kann sich niemand aussuchen, wo er geboren wird und von wem. Yvonne erzählte mir, dass sie mal mit einem Engländer befreundet war und ihn beinahe geheiratet hätte. Dann wär ich heute keine Deutsche, sondern Engländerin!
Ich sag zu Mama jetzt immer öfter Yvonne. Irgendwie ist mir das lieber, wenn ich so sehe, wie sie mit Michael rummacht. Das passt doch nicht zu einer Mama. Es kommt mir so vor, als wär es ihr auch lieber. Sie hat mich gefragt, ob ich nicht mal Frank mitbringen will und wir alle zusammen was unternehmen. Aber sie und ihr Michael, die gucken sich dauernd so an und knutschen so oft. Ich glaub, das wär mir peinlich, wenn ich da mit Frank dabei wäre.
R wie Russland. Damals hieß Russland Sowjetunion und war noch viel größer als heute. Die Nazis haben gesagt, wir wollen den Russen nichts tun, im Gegenteil, wir werden uns gegenseitig helfen. Aber dann haben sie die Russen doch überfallen, und denen ist nichts anderes übrig geblieben, als sich zu wehren. Zwanzig Millionen sowjetische Soldaten sind dann im Krieg ums Leben gekommen, so viele Tote gab es in keinem anderen Land.
Nach dem Krieg war das ganze Land zerstört, und viele junge Leute waren tot, und allen ging es schlecht, und das war eine günstige Gelegenheit für die Politiker dort. Sie haben dann einen Staat gemacht, der fast genauso gemein war wie der von den Nazis. Hat mir Andrea erzählt. Eigentlich hätten die was Gutes gewollt, aber es wär alles schief gegangen, und irgendwann haben die Leute gesagt, uns reicht es jetzt, wir wollen endlich besser leben. Dann mussten diese Politiker gehen, und seitdem heißt das Land wieder Russland. Aber denen dort geht es auch heute noch nicht besonders gut.
R wie Reichskristallnacht. Das ist auch so ein Wort, wo man gar nicht verstehen kann, was damit gemeint ist. In dieser Nacht haben die Nazis hier in Berlin und überall in Deutschland die Fenster der Geschäfte und Läden von den jüdischen Deutschen kaputtgeschlagen. Überall auf den Straßen lagen Glasscherben herum. Sie haben auch die Synagogen angezündet. Synagogen heißen die jüdischen Kirchen. Die meisten sind abgebrannt, weil niemand das Feuer gelöscht hat. Alle haben gesehen, was los ist, und alle mussten doch wissen, dass man das nicht tun darf. Aber alle haben mitgemacht, oder sie haben zugeschaut. Von dieser Nacht an ist es für die Juden immer schwieriger geworden, in Deutschland zu leben.
X wie X-Beine. Gehört eigentlich nicht in dieses Heft. Aber in das Heft mit den guten Worten ganz bestimmt auch nicht! Wer will schon X-Beine haben. Ich bestimmt nicht, aber manchmal hab ich Angst, ich hab welche. Ob Frank mir deshalb aus dem Weg geht??

„Nein, nicht so! Gib her, ich zeig‘ es dir.“ Kichernd riss Laura Aische die Stöckelschuhe ihrer Mutter von den Füßen und schlüpfte rasch hinein. Auch ihr waren sie einige Nummern zu groß, trotzdem bildete sie sich ein, dass sie einige ganz passable Schritte hinkriegte, bevor sie genauso ins Stolpern kam wie zuvor Aische.
„Wirklich sehr überzeugend!“ Aische hockte sich ebenfalls auf den Boden, genau vor den großen Spiegel, vor dem sie und Laura die Wirkung von Stöckelschuhen und einigem anderen ausprobierten, was sich im Kleiderschrank von Lauras Mutter befand. Kleider und Gürtel und Schals, alles lag achtlos herum.
„Sag mal, du und Frank, wie ist das denn nun?“
„Ach, was soll da schon sein.“ Laura begann, einen der seidenen Schals sorgfältig zusammenzulegen. Die Frage war ihr unangenehm.
„Na ja, inzwischen redet die ganze Klasse darüber. Bist du wirklich in ihn verliebt?“
„Ich weiß nicht, ehrlich. Mal denke ich, ich bin’s, aber dann … Ich weiß es nicht.“
„Dann hast du es gut.“ Aische seufzte.
„Was soll daran gut sein?“
„Vielleicht ist es besser, wenn man so was nicht so genau weiß.“
„Was willst du denn damit sagen?“ Laura sah neugierig auf. Ihr fiel ein, dass Aische in letzter Zeit manchmal mit Oliver sprach, ganz allein, abseits von den anderen.
„Ach, es hat ja doch keinen Sinn.“ Aische starrte trübe ins Leere.
„Was hat keinen Sinn? Nun sag schon!“
„Ich weiß ziemlich genau, dass ich in Oliver verliebt bin.“
„Wirklich? Ist ja irre!“
„Nein, es ist bescheuert. Und völlig sinnlos.“
„Aber wieso denn?“
„Weil ich Türkin bin. Was meinst du, was geschehen wird, wenn meine Eltern das erfahren?“
„Pah, was geht die denn das an?“
„Du hast wirklich keine Ahnung! Ich hasse Heimlichkeiten, und ich kenne meinen Vater. Am besten, ich gewöhne mir das gleich wieder ab.“
„Was?
„Na, das Verliebtsein.“
„Geht das denn?“
„Keine Ahnung.“
Schweigend machten sie sich daran, die Klamotten von Lauras Mutter wieder im Schrank zu verstauen. Laura konnte an nichts anderes mehr denken – Aische war verliebt! Und obwohl das ja eine eher erfreuliche Nachricht war, ärgerte sie sich. Oder besser gesagt, sie war neidisch. In allem war Aische ihr voraus. Aische wusste, wie man Sahnebonbons machte. Aische kam mit jedem Aufsatzthema klar. Und jetzt war sie auch noch verliebt, und sie war sich völlig sicher, dass sie es war! Sie dagegen – sie wusste noch immer nicht, was sie von Frank halten sollte.
Irgendwann fiel ihr auf, wie traurig Aische aussah. „Weißt du, vielleicht sollten wir uns wegen der Jungs einfach nicht so viele Gedanken machen. Vielleicht sind sie ja doch eher blöd.“
Aisches Blick machte ihr deutlich, dass diese Bemerkung für sie keine große Hilfe war.

9 – Von wegen Ordnung

J wie jiddisch. Egal, in welchem Land früher Juden lebten, überall haben sie jiddisch gesprochen. Natürlich nur, wenn sie mit Juden zusammen waren. Das war sehr praktisch, weil es dadurch ganz leicht war, miteinander zu sprechen, selbst wenn der eine aus Frankreich kam und der andere aus Ungarn. Paps (er war mal wieder hier, einen Tag lang) hat gesagt, jiddisch wäre ein bisschen wie deutsch. Ich würde es gern einmal hören, aber heute spricht fast niemand mehr jiddisch.
Paps und Yvonne haben sich gestritten, weil Paps sagt, es wäre nicht gut für mich, wenn ich alles über früher wissen will. Er will, dass ich eine unbeschwerte Kindheit habe. Yvonne hat gesagt, das will sie auch, aber was soll sie machen, wenn ich Fragen stelle. Paps hat gesagt, dass Yvonne mich nicht richtig erzieht. Ich hab von meinem Zimmer aus alles gehört, war auch keine Kunst, so wie sie gebrüllt haben. Immer sagen sie, ich soll alles lernen und alles fragen. Und dann sagen sie plötzlich, es sind die falschen Fragen. Für Paps kommt das natürlich ziemlich überraschend, er ist ja nur selten hier.
Yvonne hat sich schon ein bisschen daran gewöhnt. Trotzdem sagt sie oft, sie ist froh, wenn ich endlich andere Dinge im Kopf habe. Jungs zum Beispiel. Als könnte man nicht beides im Kopf haben! Ich hab ihr nichts erzählt von den Briefchen, die Frank und ich uns manchmal in der Schule schreiben. Und nachmittags dann jede Menge SMS. Ich finde Frank ganz toll. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er mich genauso toll findet.
Obwohl Paps … Wenn man das schreibt, dann merkt man erst, was für ein dämliches Wort das ist. Paps. Er will aber nicht, dass ich Klaus zu ihm sage. Und wenn ich Vater zu ihm sage, dann denkt er, ich mag ihn nicht mehr. Also, obwohl er sauer war, weil er eigentlich lieber über Afrika mit mir reden wollte und weil er überhaupt meint, dass hier alles schief läuft, seit er nicht mehr da ist, hat er mir erzählt, dass es viele jiddische Wörter gibt, die noch heute benutzt werden, auch von Leuten, die keine Juden sind.
Meschugge ist so ein Wort, das kannte ich schon, es heißt verrückt. Mischpoke ist auch ein jiddisches Wort, es heißt Familie, aber man sagt es, wenn man meint, dass es eine blöde Familie ist.
Neulich hat die Ganter was gesagt, das ich nicht verstanden habe. Sie hat sich über die Familie im ersten Stock aufgeregt und geschimpft, so eine Chuzpe, das hätte sie noch nie erlebt. Ich hab Andrea gefragt – Chuzpe ist auch jiddisch und heißt Frechheit. Dass ausgerechnet die Ganter ein jiddisches Wort benutzt! Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass sie damals auch gegen die Juden war. Erstens weil sie zwar gern vom Krieg erzählt, aber wenn ich nach den Juden frag, dann wird sie sauer. Und zweitens, weil sie immer auf die Ausländer schimpft. Andrea meint, viele Leute schimpfen heute auf die Ausländer, weil es fast keine Juden mehr gibt, auf die sie schimpfen können, oder weil sie sich das nicht mehr trauen. Die Ganter ist ganz bestimmt so eine, und trotzdem sagt sie Chuzpe! Ob sie überhaupt weiß, dass das jiddisch ist?
Tacheles, noch ein jiddisches Wort. Man sagt, lass uns mal Tacheles reden, das heißt soviel wie Klartext. Sagen, wie es wirklich ist. In der Oranienburger Straße gibt es ein großes altes Haus. Früher war es ein Kaufhaus, ein jüdisches, jetzt ist es ziemlich kaputt. Aber dort sind oft Ausstellungen, ein Café und ein Kino gibt es auch. Das heißt Tacheles, und keiner denkt sich was dabei!
J wie Jude. Hab ich eigentlich schon genug drüber geschrieben. So wie Katholiken und Protestanten und Moslems leben überall auf der Welt Juden. Die, die keine Juden sind, sagen trotzdem oft, die Juden gehören nicht zu ihnen. Sie sollen nach Palästina gehen, wo sie früher einmal gelebt haben. Palästina heißt heute Israel. Auch viele Juden meinen, es wäre besser, wenn alle Juden in Israel leben würden, weil ihnen dort nichts mehr passieren kann.
Aber müssten dann nicht auch alle Katholiken in einem Land für sich leben und die Protestanten auch und die Moslems? Und dann bräuchte man noch ein Land für Leute, die mit Religion nichts zu tun haben wollen, wie Yvonne und Paps und ich wahrscheinlich auch. Außerdem gibt es noch viele andere Religionen, und auch die müssten alle ihr eigenes Land haben.
Aber was, wenn jemand dort lebt und dann diese Religion nicht mehr so gut findet? Wie Aische zum Beispiel. Erstens hätten wir uns dann gar nicht kennen gelernt, und zweitens wär das auch für Aische blöd. Sie müsste ja dann dieses Land verlassen und dürfte ihre Eltern und ihre Geschwister nie wieder sehen. Sie sagt, sie mag ihren Vater trotzdem, obwohl er ihr so viel verbietet und sie oft richtig sauer auf ihn ist.

„Nein, lieber nicht. Ich hab gedacht, damit schaffe ich Ordnung in meinem Kopf. Aber seit ich das alles in das Heft schreibe … Alles wird immer chaotischer. Vielleicht, wenn ich irgendwann damit fertig bin. Dann gebe ich es dir vielleicht.“
„Meinst du denn, du wirst damit mal fertig?“ Andrea lächelte und seufzte.
„Klar, wieso denn nicht! Sonst hätte ich doch gar nicht erst damit angefangen. Obwohl …“ Jetzt seufzte auch Laura, ohne jedes Lächeln. „Manchmal denke ich ja selber, das schaff ich nie.“
„Vielleicht ist das ja auch gar nicht so wichtig, das Fertigwerden. Ich würde jedenfalls gerne einmal lesen, was du aufgeschrieben hast.“
Andrea sah Laura nicht an bei diesen Worten, und Laura war froh darüber. Sie war sich nicht sicher, ob es überhaupt richtig war, dieses Heft zu erwähnen. Eigentlich sollte niemand davon wissen. Es war nur dazu da, damit sie selbst endlich wieder Platz fand in ihrem Kopf, damit alles endlich in irgendeine Ordnung käme.
„Es ist wirklich sehr schwer, das alles aufzuschreiben. Aber noch schwerer wär’s, es nicht zu tun.“
„Das kann ich mir vorstellen. Und wie gehst du vor? Ich meine, wo und wie fängst du an? Wann und womit hörst du auf?“
„Das ist ja das Problem. Ich schaffe es nicht, da eine Art von Ordnung reinzubringen. Alphabetisch, hab ich gedacht, das wär einfach. Aber manchmal fällt mir zu einem bestimmten Buchstaben gar nichts ein. Oder es fällt mir ganz viel ein, und oft auch Dinge, die da gar nicht hingehören.“
„Vielleicht brauchst du ja verschiedene Hefte“, schlug Andrea vor.
„Die Idee hatte ich auch schon. Ein Heft für die schlimmen Wörter, eins für die guten. Aber ehrlich gesagt, auch das ist nicht so einfach. Es gibt jetzt immer mehr Worte, da weiß ich nicht mehr, wohin sie gehören. Ich dachte, ich mach endlich Ordnung mit allem. Aber jetzt wird das Durcheinander immer noch größer.“
„Und? Wie weiter?“
Laura war froh, dass Andrea nur fragte und nicht gleich hundert Vorschläge hatte. „Keine Ahnung. Manchmal denke ich, mit den Büchern und den Fotos komme ich nicht weiter. Oder besser, das nimmt nie ein Ende. Deswegen würde ich gern“, Laura holte tief Luft, „endlich mal einen Nazi kennen lernen. Keinen von diesen jungen Typen. Einen richtigen, einen von damals.“
„Na dann viel Spaß!“ Andrea lachte, aber fröhlich klang das nicht.
„Darum geht es mir doch gar nicht! Verstehst du denn nicht, warum -„
„Klar verstehe ich“, fiel ihr Andrea ins Wort. „Hätten wir doch schließlich alle gern. So ’nen richtigen alten Nazi. Der einfach mal erzählt, was er damals getan hat. Und warum.“
„Genau! Einige von denen leben doch noch. Es wäre doch viel besser, mit denen mal zu reden, als immer nur diese Bücher …“
„Hast du einen Großvater?“
„Ja, aber der … Er ist zu jung. Er war siebzehn, als der Krieg zu Ende war.“
„Tja, Glück für ihn. Und Pech für dich.“
„Aber ich will wirklich mal einen Nazi kennen lernen! Kennst du denn nicht einen? Ihr habt hier diese Ausstellung gemacht, all die Bücher zusammengetragen …“
„Richtig“, unterbrach Andrea schon wieder. „Und weißt du, wer uns dabei geholfen hat? Juden haben uns geholfen. Ein paar von den wenigen, die überlebt haben. Juden – das kannst du haben, jederzeit. Es ist zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wär. Aber probier doch mal, in dieser Stadt einen Nazi zu finden, probier es mal! Und dann sag mir bitte Bescheid, ja?“
Es war direkt unheimlich, wie sehr sich Andrea in die Sache hineinsteigerte.
„Warum übertreiben Erwachsene alles immer gleich so?“ Laura murmelte das nur so vor sich hin, als sie jetzt ging. Sie war entschlossen, einen Nazi zu finden. Und wenn sie zu etwas entschlossen war, dann hatte das noch immer geklappt.

F wie Frank, Anne Frank. Sie war damals auch ein Kind und schrieb alles, was geschah, in ihr Tagebuch. Sie ist in einem Lager gestorben, aber ihr Tagebuch wurde sehr berühmt, auf der ganzen Welt. Sie und ihre Schwester und ihre Eltern lebten erst in Deutschland, dann flohen sie nach Amsterdam in Holland. Anfangs war dort alles in Ordnung, aber dann marschierten die Deutschen in Holland ein, und dann mussten sich die Juden auch dort verstecken. Auch die Familie Frank. Anne Frank schrieb auf, wie sie in ihrem Versteck gelebt haben und Angst hatten. Dort lebten auch noch andere Leute, und in einen von denen hat sich Anne verliebt. Es gab Leute, die ihnen geholfen haben, haben Essen ins Versteck gebracht und so. Aber es hat trotzdem nichts genützt. Alles kam raus, und alle wurden in Lager gebracht. Anfangs waren Anne und ihre Schwester und ihre Mutter zusammen. Aber dann war Anne mit ihrer Schwester allein. Keiner weiß, wie sie ums Leben kamen, ob sie verhungerten oder krank waren oder ins Gas mussten. Jedenfalls sind sie tot.
Das Verrückte ist, dass ich das Buch von Anne Frank schon gelesen habe, als ich noch gar nicht richtig wusste, was das zu bedeuten hat. Es ist schon lange her, ich glaube, ich war acht oder neun und in den Ferien bei Tante Lydia. Es regnete und ich langweilte mich und hatte keine Spielsachen. Tante Lydia sagte, lies doch was. Erst hatte ich keine Lust, aber als ich mich dann immer mehr gelangweilt habe, schaute ich mir die Bücher an. Natürlich waren da keine Kinderbücher. Ich suchte nach Büchern mit möglichst vielen Bildern drin, aber das gab es auch nicht. Dann war da dieses Buch mit dem Foto von einem Mädchen drauf. Das war Anne Frank, aber ich hatte natürlich keine Ahnung. Tante Lydia kümmerte sich nicht darum, was ich gelesen habe. Wenn sie es getan hätte, hätte sie’s bestimmt nicht erlaubt. Aber so hab ich es gelesen. Wahrscheinlich verstand ich damals nicht alles richtig, aber ich bin erschrocken. Denn da stand, das alles wahr ist, wirklich passiert und nicht ausgedacht. Das begriff ich damals schon.
Aber nicht, warum Anne und die anderen sich verstecken müssen. Und warum sie abgeholt wurden von diesen Männern. Damals wusste ich nicht, dass das Nazis waren. Ich hatte auch keine Ahnung, wohin man Anne bringen würde. Anne selber hatte auch keine Ahnung. Aber ich weiß noch, wie sehr ich erschrocken bin. Und dass klar war, dass ich mit niemandem drüber sprechen darf, was ich da gelesen habe. Schon deshalb, weil Yvonne bestimmt fürchterlich geschimpft hätte mit Tante Lydia, weil sie nicht besser auf mich aufgepasst hat. Yvonne sagt sowieso immer, dass Tante Lydia keine Ahnung hat, was man mit Kindern macht. Ich mag sie aber, und darum wollte ich nicht, dass sie Ärger bekommt. Anfangs musste ich oft an das Buch denken, aber dann hab ich’s irgendwie vergessen. Erst jetzt fiel es mir wieder ein, als mir Sebastian ein Buch zeigte mit Fotos von Anne und den anderen und dem Haus mit dem Versteck.
Der Vater von Anne war ein Kaufmann, bevor er sich verstecken musste. Er verkaufte was, das es heute noch gibt: Sachen von Dr. Oetker! Ich hab jetzt nichts mehr dagegen, dass Yvonne gegen die Puddings aus der Tüte ist. Yvonne sagt, die wären nicht gesund. Das würde mich nicht so stören. Aber dass ich dann auch noch beim Essen an Anne Frank denken müsste, das schon.
F wie Frank. Ziemlich blöd, dass er ausgerechnet Frank heißt. Alles an ihm finde ich ganz toll, wenn bloß sein Name nicht wäre. Er kann natürlich nichts dafür, aber manchmal passiert es. Ich sage Frank zu ihm, und dann fällt mir Anne ein. Es ist dann schwer, das wieder zu vergessen. Natürlich sage ich Frank nichts davon, sonst würde er sich vielleicht ärgern. Wenn es ganz sicher ist, dass er mich wirklich mag, vielleicht fällt mir dann ein anderer Name für ihn ein. Ein geheimer Name, den niemand kennt außer ihm und mir. Wo ich dann an nichts anderes mehr denken müsste. Nur an ihn.
F wie Führer. So nannten die Leute damals diesen Hitler. Weil er alles bestimmen wollte, und die Leute wollten auch, dass er alles bestimmt. Führer befiehl, wir folgen, das war so ein Spruch. Aber das war nicht bloß ein Spruch, es war wirklich so. Egal, was der Führer sagte, die Leute glaubten ihm und machten, was er wollte. Zum Beispiel das mit den Juden. Alle haben gesagt und auch geglaubt, dass der Führer immer Recht hat.
Als der Krieg dann vorbei war und alles rausgekommen ist, gab es einen Prozess in Nürnberg. Die Leute, die dort angeklagt wurden, erklärten, sie hätten keine Schuld, weil sie ja nur gemacht hätten, was der Führer befohlen hat. Und wenn sie’s nicht gemacht hätten, dann wären sie selber bestraft und in ein Lager gebracht worden.
Eines ist merkwürdig: Der Führer, der alles befohlen hat, war nur ein einziger. Die anderen waren aber viel mehr. Wenn sie also wirklich nicht einverstanden gewesen wären mit dem, was der Führer befohlen hat – sie hätten es doch nicht tun müssen. Was hätte der Führer schon tun können, wenn alle gesagt hätten, nein, das machen wir nicht?
Am Ende, als der Krieg für die Deutschen verloren war, sagte der Führer, sie hätten es nicht besser verdient. Dann hat er sich umgebracht, erschossen. Die letzten Helfer, die noch da waren, verbrannten seine Leiche. Genauso, wie man vorher in den Lagern die toten Juden verbrannte.
F wie frech. Ich hab mich getraut und die Ganter gefragt, ob sie weiß, dass sie jiddisch spricht. Sie hat schon wieder Chuzpe gesagt. Diesmal wegen Aische, weil sie ihr Fahrrad nicht auf den Hof gestellt, sondern es an den Zaun vor dem Haus angelehnt hat. Dabei ist sie ja nur ganz kurz zu mir raufgekommen. Als wir dann wieder runtergegangen sind, ist die Ganter explodiert. Und hat wieder gesagt, das wär eine unerhörte Chuzpe, Aische würde den Zaun kaputtmachen. Ich hab sie gefragt, warum sie Chuzpe sagt und dass das jiddisch wäre. Da hat sie sich noch mehr aufgeregt. Sie hat getobt, das wär eine Frechheit, und das müsste sie sich nicht bieten lassen. Ich hab ihr erklärt, Chuzpe und Frechheit wären genau dasselbe. Dann sind wir schnell losgefahren. Aber die Ganter hat noch immer geschimpft.

10 – Panne in der U-Bahn

Laura hatte nur noch einen einzigen Gedanken: endlich einen Nazi finden und mit ihm über alles reden. Sie gewöhnte sich an, alle Leute ganz genau anzusehen, vor allem, wenn sie schon alt waren. Sie war sich vollkommen sicher, dass sie es sofort bemerken würde, wenn sie einem Nazi ins Gesicht sah. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie viele alte Leute in dieser Stadt lebten. Und da sollte es unmöglich sein, einen Nazi zu finden?

S wie Synagoge. So heißt die Kirche der Juden. Früher gab es in Berlin ganz viele, heute nur noch zwei oder drei. Eine ist jedenfalls in Charlottenburg, die andere in Mitte. Bei der in Charlottenburg kam man nicht sehen, dass es eine Synagoge ist. Es sieht aus wie ein ganz normales Haus, außer so ein Ding mit Säulen, das vor dem Eingang steht. Früher war das die schönste Synagoge in der ganzen Stadt, und alles, was davon übrig blieb, sind diese Säulen. Vor dem Haus steht immer Polizei, damit nichts passiert. Denn obwohl es fast keine Juden mehr gibt in der Stadt, gibt es immer noch Leute, die was gegen sie haben. Deshalb die Polizei.
Die Synagoge in Mitte in der Oranienburger Straße kann man schon von weitem sehen, jedenfalls die große goldene Kuppel. Die war auch kaputt, aber man hat sie wieder aufgebaut. Aber bloß die Kuppel, die Synagoge nicht. Sie war so groß, dass man sie heute gar nicht mehr brauchen würde, weil es so viele Juden nicht mehr gibt.
S wie Shalom und Sabbat. Shalom heißt Friede, und die Juden sagen das wie wir guten Tag und auf Wiedersehen. Der Sabbat ist bei den Juden der Sonntag, aber nicht am Sonntag, sondern am Sonnabend. Aische erzählte mir, dass ihr Sonntag, also bei den Moslems, am Freitag ist, und wir haben uns vorgestellt, wie toll es wäre, wenn wir drei Sonntage hätten: den Freitag, den Sonnabend und den Sonntag. Der Donnerstag wär dann wie jetzt Sonnabend, und vielleicht hätten wir da dann auch schon schulfrei. Dann wären bloß noch drei Schultage übrig!
S wie Selektion. Ein schwieriges Wort, und wieder eins von den unheimlichen Wörtern. „Eine Selektion feinster Pralinen“, das las ich auf einer Schachtel. Es soll heißen, dass nur die besten Pralinen ausgewählt worden sind. Früher fiel mir dieses Wort nicht auf, aber dann hab ich erfahren, was es damals bedeutete.
Auch eine Auswahl, aber was für eine. Wenn ein Zug in Auschwitz angekommen ist, vollgestopft mit Menschen, die da seit Tagen oder sogar Wochen drin waren, fast nichts zu essen und zu trinken hatten, nicht wussten, wohin dieser Transport überhaupt geht, dann wurden die Türen aufgerissen. Draußen waren viele Leute von der SS, eine ganz besonders schlimme Polizei, mit Hunden. Die brüllten, dass alle ganz schnell aussteigen sollen. Wer nicht schnell genug war, wurde geschlagen. Auch Kinder und alte Leute und Kranke. Dann mussten sich alle in einer Reihe aufstellen, und dann kam ein Arzt. Der sah sich jeden einzelnen an und befahl, er soll nach links gehen oder nach rechts. Die Leute hatten keine Ahnung, was das zu bedeuten hat, aber sie kriegten Angst, weil sie nun nicht mehr mit ihren Familien zusammenbleiben konnten. Alte Leute, Kranke und Mütter mit ganz kleinen Kindern mussten nach links, die anderen nach rechts.
Was sie nicht wussten: nach links, das hieß, sie werden sofort vergast, weil sie zu schwach sind für die Arbeit. Wer nach rechts musste, hatte erst einmal Glück, aber das Leben und die Arbeit im Lager waren schon schlimm genug. Das war eine Selektion. Manchmal dauerte es sehr lange, und manchmal konnten die Häftlinge, die dabei helfen mussten, den Neuen zuflüstern, was das zu bedeuten hat. Die wollten es zwar nicht glauben, aber sie versuchten dann doch, auf die rechte Seite zu kommen.
Nach links oder nach rechts – so finden wir manchmal beim Sport heraus, wofür die Mehrheit ist, für Volley-Ball oder fürs Trampolin.
S wie SS. So hieß die allergeheimste Polizei damals, es ist eine Abkürzung und heißt eigentlich Schutzstaffel. Also sie waren da, um jemand zu schützen. Aber wen? Die Nazis natürlich. Auch Frauen waren bei dieser SS, überhaupt alle, die in den Lagern waren und dort die Juden gequält und umgebracht haben. Sie hatten schwarze Uniformen an mit einem kleinen Totenkopf drauf, wie beim Rattengift. So war klar, was sie gemacht haben. Sie waren für alles zuständig, was mit den Juden zu tun hatte, also dafür, sie umzubringen.
S wie Schwule. So nennt man Männer, die Männer mögen oder Frauen, die Frauen mögen. Nicht nur mögen, sondern so zusammenleben, wie sonst Männer und Frauen. Wenn die Jungs in meiner Klasse einen anderen ärgern wollen, dann sagen sie, er wär schwul. Früher fand ich das nicht besonders schlimm, aber dann hab ich erfahren, dass die Nazis auch Schwule in die Lager gesteckt und umgebracht haben. Seither finde ich das nicht mehr komisch.
Mit Frank hab ich mich deshalb neulich gestritten. Erst hat er gesagt, ich würde spinnen, aber dann habe ich ihm das Buch gezeigt. Er ist ziemlich erschrocken und wollte es nicht glauben. Ich hab ihm gesagt, dass es mir anfangs genauso gegangen ist. Aber es stimmt leider alles. Dabei kam natürlich raus, dass ich jetzt schon ziemlich viel über damals weiß. Frank hat mich so komisch angesehen und gesagt, vielleicht wär ich deshalb so komisch. Ich hab gefragt, was denn komisch wär an mir. Er hat gesagt, so genau könnt er es nicht erklären, aber irgendwie wär ich anders. Dann haben wir nicht mehr viel geredet, und ich hab jetzt Angst, dass er vielleicht nicht mehr mein Freund sein will.
S wie sich schämen. Als ich erst ein bisschen von den Nazis und den Juden wusste, schämte ich mich oft, dass das überhaupt passiert ist. Dann dachte ich, zum Glück ist das alles längst vorbei, und ich krieg jetzt alles raus, was damals geschah. Schreib es in dieses Heft, und damit basta. Dann hab ich keinen Grund mehr, mich zu schämen. Außerdem hätte ich damals solche Dinge sowieso nicht gemacht.
Aber jetzt … Ich schäme mich ganz furchtbar. Das war vorhin auf dem U-Bahnhof, als es eine Panne gab und alle Züge ausgefallen sind. Natürlich wurde es immer voller und langweiliger. Da waren ein paar Jungs auf der Seite, auf der ich gewartet habe, und auf der anderen Seite warteten auch einige Jungs. Die kannten sich, und einer hatte einen Ball, und dann fingen sie an, sich den Ball zuzuwerfen, über die Gleise hinweg. Es kam ja sowieso kein Zug, warum also nicht. Und die BVG-Leute waren viel zu beschäftigt wegen der Panne, die haben gar nichts bemerkt. Aber plötzlich war da ein alter Mann, wirklich schon ziemlich alt. Der regte sich fürchterlich auf, er brüllte die Jungs an, sie sollten sofort mit dem Unfug aufhören, sonst würde er es melden.
Ich hab sofort gedacht: Endlich hab ich einen gefunden, einen richtigen alten Nazi! Ich geh also hin zu dem Alten und frag ihn, warum er sich so aufregt. Ob er ein Nazi sei. Da ist er erst richtig wütend geworden, hat den Arm hochgerissen – und da hab ich es gesehen. Auf seinem Arm, es sah wirklich so aus wie diese Nummern. Die Zahlen, die man den Leuten in den Lagern in die Haut gebrannt hat.
Ich bin total erschrocken. Ein Jude, der im Konzentrationslager war!
Dann war die Panne behoben, der erste Zug fuhr in den Bahnhof. Es gab ein fürchterliches Gedränge, alle wollten einsteigen. Ich konnte mich lange nicht von der Stelle bewegen. Der alte Mann war verschwunden. Aber ich bin ihm dann nachgerannt, an der Ampel hab ich ihn eingeholt. Er hat sich gleich wieder aufgeregt, dabei wollte ich mich doch entschuldigen. Und dann habe ich wieder seinen Arm gesehen. Und auch, dass es gar keine Nummer ist. Bloß eine Schlange. Eine ganz normale Tätowierung!
Es ist mir noch immer furchtbar peinlich. Obwohl es ja wirklich blöd war, wie er die Jungs angebrüllt hat. Und erst der Schreck, weil ich gedacht hab, er wär ein Nazi, dann noch ein Schreck, als es so ausgesehen hat, er wär ein Jude. Und jetzt? Woran erkenn ich nur, wer wer ist?

„Aische, bitte! Es ist dringend.“
„Tut mir leid, geht nicht. Heute ist Freitag. Du weißt doch, was das zu bedeuten hat.“
„Aber ich muss dir das erzählen, unbedingt!“
„Es geht wirklich nicht, sonst erzählt mir mein Vater was. Am Freitagnachmittag muss die Familie komplett sein.“
„Ja, komplett, das ist das richtige Wort. Ich bin komplett fertig.“
„Na, dann erzähl’s mir doch am Telefon. Ich kann jetzt wirklich nicht weg.“
„Das sagst du so, erzählen. Wenn das so einfach wär. Da war heute diese Panne in der U-Bahn.“
„Weiß ich, meine Mutter und ich waren einkaufen und -„
„Das ist jetzt egal. Da waren Jungs, auf beiden Seiten der Gleise. Die haben den Ball so hin- und hergeschmissen. Keiner hat was gesagt, nur dieser alte Mann.“
„Einer meckert immer. Was ist denn daran so besonders?“
„Der hat nicht nur gemeckert, der hat sich furchtbar aufgeregt. Was von Ordnung gesagt und von Vorschriften, und dass er das melden würde.“
„Typisch.“
„Ja, das dachte ich auch. Und außerdem dachte ich, jetzt hab ich endlich einen Nazi gefunden. So alt wie der war, und wie der getobt hat …“
„O nein! Lass mich raten. Du bist zu dem hingegangen und hast ihn gefragt, ob er ein Nazi wär. Und dann hat er dir eine gescheuert, stimmt’s?“
„Nein. Nein, das nicht.“ Laura schluckte.
Aische sagte nichts – weil sie nicht begriff, was los war. Als es dann ziemlich lange still blieb am anderen Ende der Leitung, fragte sie irgendwann: „Bist du noch dran?“
„Ja.“
„Und? Was war nun mit dem Alten?“
„Das war kein Nazi. Aber auch kein Jude. Das hab ich nämlich anschließend gedacht, wegen dem Ding auf seinem Arm.“
„Laura, du nervst! Es gibt nicht nur Nazis und Juden auf der Welt.“
„Ja, aber versteh doch, ich war mir so sicher!“
„Bisschen peinlich, klar.“
„Bisschen peinlich?! Begreifst du denn gar nichts?“
„Aber ja doch, natürlich. Ich begreife aber nicht, weshalb du dich deshalb so aufregst.“
„Weil du eben doch nichts begreifst. Der Mann, er hat getobt, wegen diesem Ball … Wie die Ganter. Nur noch älter.“
„Ja und? Ich meine, selbst wenn er ein Jude gewesen wär, warum soll sich so’n alter Mann nicht auch mal aufregen? Du, ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Meine Mutter hat schon zweimal nach mir gerufen.“
Als es nun in der Leitung klickte, weil Aische aufgelegt hatte, fühlte Laura sich – ja, wie eigentlich? Auf jeden Fall noch schlimmer als zuvor. Noch mieser, noch mehr durcheinander. Und scheußlich allein.

11 – Ein Fluchtversuch

H wie Hunger. Kitty Hart hieß ein Mädchen in Auschwitz. Sie schrieb auf, wie es dort war. Die Suppe, die sie dort zu essen bekamen. Wasser mit ein paar Kartoffelschalen, manchmal schwammen Rübenstücke obendrauf. Das war gut, weil die Suppe dann besser gegen den Hunger half. Aber die Rüben waren meistens faulig. Kitty schrieb, dass die Brühe so eklig roch. Ihr wurde schlecht, aber gegessen hat sie die Suppe trotzdem. Weil sie so großen Hunger hatte und weil es nichts anderes gab.
Die Suppe wurde in großen Töpfen auf den Platz vor der Küche getragen. Alle mussten sich in einer Reihe aufstellen, ganz egal, ob es geregnet hat oder nicht. Es war wichtig, dass man irgendetwas hatte, woraus man die Suppe essen konnte. Nicht alle hatten einen Löffel. Wenn von der Suppe etwas übergeschwappt ist, beim Raustragen aus der Küche, dann stürzten sich manche darauf. Sie haben die verschüttete Suppe vom Boden aufgeleckt. So groß war ihr Hunger.
Abends gab es ein Stück Brot und ein bisschen Margarine. Das war aber nicht nur das Abendessen, es musste bis zum Frühstück reichen. Wer schon am Abend alles aufaß, hatte am nächsten Morgen nichts mehr. Aber wer nicht alles aufaß, musste aufpassen, dass das Brot über Nacht nicht geklaut wurde, von einem anderen Kind, das Hunger hatte.
Über das mit dem Hunger hat mir heute auch Andrea etwas vorgelesen, von einem ungarischen Schriftsteller. Er kam nach Auschwitz, als er fünfzehn Jahre alt war. Später war er in Zeitz und dann noch in Buchenwald. Ich hab abgeschrieben, wie das für ihn mit dem Hunger gewesen ist, in Zeitz, einem Arbeitslager:
„Hungrig war ich auch zu Hause gewesen – oder hatte zumindest geglaubt, es zu sein; hungrig war ich auch in der Eisenbahn, in Auschwitz und sogar in Buchenwald gewesen – so andauernd aber, so auf lange Frist sozusagen, hatte ich dieses Gefühl noch nicht gekannt. Ich verwandelte mich in ein Loch, in eine Leere, und mein ganzes Bemühen, mein ganzes Bestreben ging dahin, diese bodenlose, diese unablässig fordernde Leere aufzuheben, zu stopfen, zum Schweigen zu bringen. Nur dafür hatte ich Augen, nur dem konnte mein ganzer Verstand dienen, nur das all mein Tun bestimmen, und wenn ich nicht Holz, Eisen oder Stein aß, dann nur, weil es Dinge sind, die sich nicht zerkauen und verdauen lassen. Aber mit Sand zum Beispiel habe ich es versucht, und wenn ich zufällig Gras sah, zögerte ich nie – nur gab es in der Fabrik und auf dem Lagergelände nicht viel Gras.“
H wie Haare. Die Haare wurden allen abgeschnitten, die nach Auschwitz oder nach Dachau oder in ein anderes Lager kamen. Hat auch Kitty Hart aufgeschrieben. Alle Haare wurden abrasiert, nicht nur die auf dem Kopf. Auch die Haare unter den Armen und zwischen den Beinen. Ich habe da noch fast keine Haare. Kitty war eben schon älter als ich. Wenn alle Haare abrasiert waren, bekam jeder eine Tätowierung. Auf den linken Unterarm. Ein Dreieck und eine Nummer. Kitty bekam die Nummer 39934. Es tat weh, wenn die Nadel in die Haut ritzte. Kitty dachte, das wäre nicht so schlimm, sie würde die Nummer einfach wieder abwaschen. Aber das ging nicht. Die Nummer blieb da, für immer.
Die Deutschen, die auf Kitty und die vielen anderen Gefangenen aufpassten, haben Kitty und die anderen nie bei ihrem Namen genannt, sondern diese Nummer gebrüllt, wenn sie was von ihnen wollten. Deswegen war es wichtig, die Nummer auswendig zu kennen. Wenn die Aufseher die Nummer gebrüllt haben und man ist nicht sofort gekommen, haben sie einen geschlagen. Oder das Essen weggenommen.
H wie Hitler. So hieß der, der damals so etwas Ähnliches war wie heute der Bundeskanzler. Er sagte, dass man einen Krieg führen muss und dass die Juden daran schuld sind, dass es den anderen Deutschen schlecht geht. Dass die Juden in Wirklichkeit gar keine Deutschen wären und dass man sie wegjagen und umbringen soll. Die anderen Deutschen, also die, die keine Juden waren, glaubten ihm und machten alles, was er wollte. Wahrscheinlich dachten sie, ja, der hat Recht, endlich sagt es mal einer. Damals sagten die Menschen nicht guten Tag, sondern „Heil Hitler“. Das heißt, dass viele dachten, Hitler wäre fast so etwas wie ein Gott. Es hieß auch, dass es dem Hitler gut gehen soll.
Allen, die „Heil Hitler“ gesagt haben, ist es auch gut gegangen. Den anderen nicht. Die mussten vorsichtig sein und durften nur leise guten Tag sagen. Die Juden durften nicht „Heil Hitler“ sagen, selbst wenn sie das gewollt hätten.
H wie helfen. Der Hitler konnte den Krieg und das mit den Juden nur deshalb machen, weil ihm so viele dabei geholfen haben. Fast alle. Den Juden hat niemand geholfen, oder nur ganz wenige. Ganz wenige versteckten die Juden und gaben ihnen zu essen. Auch hier in Berlin, obwohl hier der Hitler gewohnt hat und seine Minister.
H wie Holocaust. Eigentlich müsste man das Wort mit k, nicht mit c schreiben. Es ist nämlich ein griechisches Wort und bedeutet etwas, das vollkommen verbrannt ist. Damit waren Tieropfer gemeint. Also etwas, das Menschen freiwillig tun – nur dann ist es nämlich ein Opfer. Was man von den Juden in den Lagern ja nicht sagen kann. Die sind ja nicht freiwillig in die Gaskammern gegangen und haben sich auch nicht anschließend freiwillig selbst verbrannt. Deswegen finde ich dieses Wort genau so verlogen wie „Endlösung“ – es sagt gar nicht, worum es wirklich geht. Aber Andrea sagt, da wär ich zu pingelig. Und man schreibt das Wort mit c, weil die Engländer es zuerst benützt haben. Klar, es ist auf jeden Fall kürzer als „Ermordung der Juden“.
Die Leute in Israel benützen dafür das Wort Shoah, es bedeutet Katastrophe, großes Unglück. Wenn die Leute hier in Deutschland von Shoah sprechen, finde ich das nicht richtig. Wie viele meinen denn wirklich, dass die Ermordung der Juden ein großes Unglück war?
Als wir mit der Schule am Holocaust-Mahnmal waren, haben die meisten zwischen den Steinen Verstecken gespielt.

„Wie kommst du denn hier rein? Wo ist Yvonne?“ Lauras Frage war völlig überflüssig, denn schließlich stand Michael bereits im Flur, und die Schlüssel hielt er ganz ungeniert in der Hand.
Bester Laune schien er obendrein. „Ich pflege wie die meisten Menschen in solchen Fällen die Tür zu benutzen. Und Yvonne, sie wusste nicht genau, wann sie hier sein wird. Mehr kann ich dir leider nicht sagen.“
„O doch. Zum Beispiel, wie du zu diesem Schlüssel kommst.“ Laura gab sich gar keine Mühe zu verbergen, wie empört sie war.
„Den hat mir deine zauberhafte Mutter ausgehändigt. Ach du meine Güte, jetzt begreife ich … Hat sie etwa vergessen, es dir zu sagen?“
Michael begriff natürlich überhaupt nichts. Wäre er sonst so selbstverständlich hier hereinspaziert? Würde er sich sonst benehmen, als wäre er hier zu Hause?
Laura beschloss, in die Rolle der Gastgeberin zu schlüpfen, um ihm klarzumachen, wer er war. „Du weißt ja, wo das Wohnzimmer ist. Dort kannst du auf Yvonne warten. Soll ich dir was zu trinken bringen?“
„Mach dir bloß keine Umstände“, wehrte er lachend ab. „Ich hatte gar nicht vor zu warten. Ich wollte mich eigentlich nützlich machen.“
Laura verschlug es die Sprache, als Michael mit seinen Tüten in die Küche ging. Dort die Tüten auspackte. Nach Töpfen, Schüsseln, Messern zu suchen begann. „Darf ich fragen, was du vorhast?“
„Magst du Lachs? Das gibt es heute zum Abendessen.“
„Sehr interessant. Jetzt ist es fünf. Yvonne und ich essen immer um sieben.“
„Ich weiß. Deswegen ist es jetzt an der Zeit, dass ich anfange. Wenn du Lust hast – ich könnte Hilfe brauchen.“
Laura holte sehr tief Luft. So begriffsstutzig wie Michael war, musste sie wohl deutlicher werden. „Kannst du vielleicht dein Gemüse für einen Augenblick vergessen? Ich rede nämlich mit dir.“ Sie musste schon wieder Luft holen. „Ich weiß, du bist verknallt in meine Mutter. Ich weiß, dass ihr öfter ausgeht zusammen, und natürlich kommst du auch hierher – zu Besuch. Ich weiß auch, dass du mit meiner Mutter schläfst. Ich weiß also ’ne ganze Menge, aber das geht jetzt zu weit. Du tust so, als wohnst du hier. Kommst hier einfach rein, gehst in die Küche. Jetzt willst du auch noch kochen, und ich soll dir sogar noch dabei helfen! Du spinnst wohl!“
Laura hatte sich vorgenommen, alles, was sie zu sagen hatte, ganz ruhig zu sagen. Aber das klappte nur anfangs, und zuletzt brüllte sie.
Michael stand am Küchentisch. Man sah ihm an, dass ihm die Sache unangenehm war. Er wusste nicht, was er sagen sollte, und zum Glück versuchte er es gar nicht erst. Denn was immer er jetzt gesagt hätte, an Laura wäre alles abgeprallt.
Auch Laura sagte nichts mehr. Es war still in der Küche, bis auf das Geräusch der tickenden Uhr. Mit verschränkten Armen stand Laura unter der Küchentür. Sie hatte das vage Gefühl, jetzt käme es nur auf eines an: bloß nicht nachgeben. Vielleicht hatte sie sich das Ganze viel zu lange mit angesehen. Vielleicht hätte sie sich schon viel früher wehren sollen. Gespannt wartete sie, wie Michael sich rechtfertigen würde.
Doch der sagte nichts. Stand bloß da, sah abwechselnd auf sein Gemüse und auf Laura.
Schweigen kann ich auch, dachte Laura grimmig. Sie lehnte sich an den Küchenschrank, entschlossen, ein für allemal klare Verhältnisse zu schaffen.
„Und was machen wir jetzt?“, fand Michael dann irgendwann seine Sprache wieder.
„Wir klären, was Sache ist.“ Laura sah ihn unverwandt an. „Du bist der Freund meiner Mutter und in dieser Wohnung nichts als ein Gast.“
„Das hast du schon mal gesagt, das hab ich ja verstanden. Und genau deshalb frage ich dich: Was machen wir jetzt? Ich meine, mit dem Fisch und dem Gemüse?“
Laura verschwand so schnell aus der Küche, aus der Wohnung, dass Michael nicht mehr dazu kam, etwas zu sagen. Falls er das überhaupt gewollt hätte, falls er wenigstens jetzt begriff, dass Laura so nicht mit sich reden ließ.
Sie kochte vor Wut, außerdem liefen ihr Tränen über’s Gesicht, und beides, die Wut und die Tränen, gingen Michael nichts an. Wer war das schon! Irgend so ein Typ, in den sich ihre Mutter verknallt hatte. Wenn der nun anfing, sich in ihrer Wohnung breitzumachen – ohne Laura. Schließlich war das Durcheinander auch ohne Michael schon groß genug. Wie sollte sie jemals aus dem Schlamassel wieder rausfinden, wenn dauernd etwas Neues geschah?
„Yvonne muss sich entscheiden. Er oder ich.“ Es regnete, und natürlich war Laura ohne Jacke weggerannt, und demnächst würde sie völlig durchnässt sein. Aber das störte sie nicht, im Gegenteil. Wenigstens sah man im Regen nicht, dass sie weinte. Aber wohin jetzt? Aische war nicht da, die besuchte irgendwelche Verwandten. Zu Frank? Nein, lieber nicht. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie so verheult war?
Dann erkannte sie, durch einen Schleier von Tränen und Regen, dass sie ganz in der Nähe der Brücke war, unter der sich Max manchmal aufhielt. Laura begann zu rennen, ohne auf die Pfützen zu achten. Sie rutschte auf der nassen Böschung aus, doch dann war sie im Trockenen, unter der Brücke. Kein Max weit und breit, auch sonst niemand. Aber sie erkannte die Matratze und die Decken darauf – das war Max‘ Platz.
Sie zog sich ihre schmutzigen Schuhe aus, stellte sie ordentlich neben die Matratze. Dann legte sie sich hin. Die Decken rochen komisch. Trotzdem zog sie sich über beide Ohren.

E wie Endlösung. Wieder so ein Wort, das die Nazis erfunden haben, damit keiner versteht, was damit gemeint ist. Als ich das Wort zum ersten Mal las, dachte ich, das wär was Gutes: Endlich wären alle Probleme gelöst. Aber dann habe ich weiter gelesen. Es heißt was ganz anderes. Es heißt, dass alle Juden umgebracht werden sollten, planmäßig und systematisch. Das war ein richtiges Programm. Sebastian hat gesagt, dass die Nazis vielleicht nur deswegen Krieg geführt haben. Um überall in Europa die Juden umzubringen. Fast hätten die Nazis das auch geschafft. Aber einige überlebten doch. Und die konnten erzählen, was mit diesem Wort in Wirklichkeit gemeint war. Endlösung hieß: die Juden verhungern lassen, die Juden krank werden lassen, krank machen, die Juden umbringen. Dafür erfanden sie das Wort Endlösung. Sebastian sagte, so was wär auch früher schon vorgekommen. Aber noch nie hätten Menschen andere Menschen so planmäßig umgebracht, wie in einer Fabrik, wie am Fließband.
Seit ich das weiß, habe ich bei allen Wörtern Angst, dass sie noch etwas ganz anderes bedeuten könnten.
E wie endlich. Endlich kam Yvonne einmal mit in die Galerie zu Andrea und Sebastian und den anderen. Seither ist es einfacher, mit Yvonne über diese Dinge zu reden. Als ich ihr den Steinbaukasten zeigte, mit dem David gespielt hat, begann sie zu weinen. Dann sprach sie mit Andrea. Ob all das denn nie ein Ende nehmen würde. Sie hätte doch nur gewollt, dass ich glücklich und zufrieden aufwachse. Ich hab sie gefragt, wie ich denn zufrieden sein soll, wenn ich über bestimmte Dinge nicht nachdenken darf. Man kann Gedanken doch nicht einfach abstellen. Außerdem ahnte ich ja selbst nicht, dass das immer weitergehen würde. Erst kannte ich nur das Foto von David und seinen Steinbaukasten, und seither geht es immer so weiter. Was ich da alles rauskriege, ist schon schlimm genug. Und es wird noch schlimmer, wenn Yvonne nicht will, dass ich mit ihr darüber spreche. Das hat sie dann verstanden. Sie versprach, sie wird sich Mühe geben, aber sie hofft trotzdem, dass ich mich auch noch für andere Sachen interessiere.
E wie Eiscafé. Nach dem Streit neulich dachte ich, ich kann Frank doch nicht leiden. Aber jetzt – ich habe mich mit ihm in dem Eiscafé getroffen! Er hat gesagt, er findet mich toll, und ob ich wieder seine Freundin werden will!! Erst bin ich rot geworden, aber dann habe ich ja gesagt. Nicht einmal Aische habe ich davon erzählt. Es ist ein Geheimnis, das nur Frank und mich angeht. Wenn ich ihn in der Schule sehe, dann kribbelt’s immer so komisch im Bauch. Bestimmt will er mich bald wieder küssen, und ich will es ja vielleicht auch. Aber ich hab auch Angst davor. Hoffentlich geht das nicht wieder so schief wie beim letzten Mal. Denn genau deshalb haben wir ja Schluss gemacht. Er hat vor den anderen ganz schrecklich angegeben, dass wir uns dauernd küssen und so. Aber das stimmte nicht. Eiscafé ist jedenfalls ein Wort, das ich mir merken muss. Für das andere Heft. Eiscafé hat ganz bestimmt nichts mit damals zu tun!

„Meinst du wirklich, das geht so?“ Unsicher zupfte Laura an dem ungewohnten Kleid herum.
„Was heißt hier, geht so – du siehst toll aus!“ Yvonne sprang auf. „Wart mal, ich hab da so ’ne Kette aus Holzperlen. Die müsste gut dazu passen.“
Während Yvonne ihr die Kette um den Hals legte, betrachtete Laura sich noch immer prüfend im Spiegel. Sie war aufgeregt, und in diesem neuen Kleid erkannte sie sich beinahe selber nicht.
„Na, nun viel Spaß! Und um zehn hol‘ ich dich ab.“
„Das ist … nicht nötig. Ich werde nach Hause begleitet.“
„Ah, so ist das also!“
„So ist das! Und du hast doch auch was vor. Da ist es dir doch bestimmt sowieso lieber, wenn du um zehn noch nicht zurück sein musst.“
In einem seltenen Moment des Einverständnisses sahen sich Mutter und Tochter lachend in die Augen.
Dann machte Laura sich auf den Weg. Frank wartete bestimmt schon auf sie.

C wie Christen. Das sind die meisten Leute in Deutschland, egal, ob sie evangelisch oder katholisch getauft sind. Ich bin gar nicht getauft, weil Yvonne und Klaus sagen, Religion wäre dummes Zeug. Und dass es wegen der Religion immer wieder Kriege gegeben hätte. Vielleicht haben sie ja Recht damit. Denn die Leute, die damals die Juden umgebracht haben, das waren Christen. Und die Juden konnten sie nur deshalb nicht leiden, weil sie keine Christen waren. Dabei gibt es für die Christen ein Gebot, das heißt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Das weiß ich, weil ich manchmal mit den anderen in den Religionsunterricht gehe. Das heißt, dass sie den Juden nichts hätten tun dürfen.
Die Religionslehrerin sagte, das wäre ein schwieriges Gebot. Es wäre so schwierig, weil die meisten nicht richtig darüber nachdenken. Wenn man andere lieben soll wie sich selbst, dann müsste man erst mal sich selber lieben. Ob sie damit Recht hat, weiß ich nicht. Ich kann mich selber manchmal gar nicht leiden, aber andere schon. Alle natürlich nicht.
Die Christen heißen Christen, weil der, der ihre Religion erfunden hat, Christus hieß. Das Verrückte an der Sache: dieser Christus war selber ein Jude! Damals waren die Römer das mächtigste Volk, sie hatten fast überall zu bestimmen, auch dort in Palästina, wo dieser Christus gelebt hat. Die Römer waren oft ziemlich brutal zu allen, die keine Römer waren. Christus hat gesagt, das wäre nicht in Ordnung, die Römer dürften das nicht tun. Deswegen haben die Römer ihn gefangen und ans Kreuz genagelt. So bestrafte man damals Verbrecher. Christus war aber kein Verbrecher, er hat nur gesagt, was alles falsch ist und dass alle Menschen gleich sind. Später erzählten dann die Christen, es wären Juden gewesen, die Christus an die Römer verraten hätten. Deswegen wäre es richtig, die Juden zu verfolgen.
C wie Chagall. War mit Yvonne mal wieder im Museum. Erst hatte ich keine Lust, aber dann haben mir die Bilder von Chagall doch ganz gut gefallen. Er war ein Jude! Aber er hatte Glück, er ist rechtzeitig gegangen, nach Amerika. Sonst hätte man ihn bestimmt auch umgebracht. Fliehen konnten nur die Juden, die viel Geld hatten oder Freunde im Ausland. Und natürlich nur dann, wenn sie rechtzeitig ahnten, wie alles weitergehen würde in Deutschland. Weil so etwas noch nie zuvor passiert war, wollte anfangs niemand glauben, dass so etwas passieren kann. Auch heute noch gibt es Leute, die nicht glauben, dass das alles wirklich geschehen ist. Obwohl es doch die Fotos gibt und die vielen Bücher.
Yvonne hat sich geärgert, dass ich auch im Museum davon gesprochen habe. Sie sagt, ich übertreibe es damit. Ich sollte endlich wieder so fröhlich werden, wie ich früher war. Dabei bin ich immer noch manchmal fröhlich, bloß nicht mehr so oft wie früher. Und wer kann schon auf Kommando fröhlich sein? Vielleicht wird alles wieder besser, wenn ich erst mit diesem Heft hier fertig bin. Ich schreib so viel auf, aber es fehlen noch so viele Buchstaben! Ob ich das jemals schaffen werde?
Viele Juden waren berühmte Leute, bevor sie flohen oder in diese Lager gebracht wurden. So wie Chagall, der Maler, der diese Bilder gemalt hat. Sie waren auch Musiker oder Ärzte oder Politiker oder Dichter. Aber dann durften sie nicht mehr malen oder schreiben oder Musik machen. Heute sind sie wieder berühmt. Sogar Charly Chaplin war Jude. Zum Glück lebte er in Amerika, dort konnte ihm nichts passieren.

12 – Eine Fahrt ins Blaue

„Das ist ja ganz was Neues.“ Laura hatte es mit ihrer Frage tatsächlich erreicht, dass ihre Mutter den Blick von ihrem Bildschirm hob. „Seit wann liegt dir denn so viel an deinen Großeltern?“
„War bloß so ´ne Idee.“ Laura gab sich alle Mühe, so gleichgültig wie möglich zu wirken. „Ich würde einfach gern mal einige Tage hier raus. Und du hast am Wochenende doch sicher schon was anderes vor.“
Im Stillen verbuchte Laura einen Pluspunkt für sich. Mit der letzten Bemerkung hatte sie Yvonnes wunden Punkt getroffen. Ein bisschen tat es ihr ja leid, aber so wie die Umstände nun einmal waren … Wenn sie ihrer Mutter sagen würde, weshalb sie unbedingt die Großeltern in Oranienburg besuchen wollte – und zwar möglichst allein, ohne sie! -, dann wäre sie bestimmt nicht damit einverstanden. Dann würde sie bestimmt mitfahren wollen und dafür sogar die Verabredung mit Michael sausen lassen. Also blieb ihr gar nichts anderes übrig.
Genau genommen hatte Laura gar nicht mehr so viel gegen Michael, im Gegenteil. Seit Yvonne ihn kannte, regte sie sich nicht mehr über jede Kleinigkeit auf. Und dass sie jetzt öfter ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie befürchtete, ihre Tochter zu vernachlässigen, war auch ganz praktisch. Jetzt zum Beispiel.
„Wenn du da wirklich gerne hin willst, ich könnte dich rausfahren, am Freitagabend.“
„Geht nicht, da habe ich schon was vor. Ich dachte, am Sonnabendmorgen, mit der S-Bahn. Opa holt mich dann sicher ab in Oranienburg.“
Gespannt wartete Laura auf Yvonnes Reaktion. Sie befürchtete eigentlich lautstarken Protest. Immerhin hatte sie ihr gerade so ganz nebenbei verkündet, dass sie am Freitagabend etwas vorhatte. Und dass diese Reise nach Oranienburg für sie längst beschlossene Sache war.
Doch nichts, kein Protest, nicht einmal eine Frage. Nur ein etwas erstaunter Blick. Laura zweifelte, ob ihre Mutter ihr überhaupt zugehört hatte.
„Na gut, wenn du meinst. Ich rufe dann später Opa an.“ Damit wandte sie sich wieder ihrem Computer zu.
Mit der stimmt was nicht, überlegte Laura. Sie verzichtete darauf, ihrer Mutter zu sagen, dass sie mit den Großeltern längst alles verabredet hatte. Wozu jetzt noch Yvonnes Zorn riskieren?
Mit der stimmt was nicht, sagte Laura sich noch einmal. Und ich weiß auch, was es ist. Die Frau ist eindeutig verliebt.
Reichlich merkwürdige Vorstellung, eine verliebte Mutter. So etwas kam sonst nur in Büchern vor oder in Fernsehserien. Ob sie diesen Michael irgendwann heiraten würde? Und dann ginge alles wieder von vorne los, wie mit Klaus?
„Was soll’s, das ist nicht mein Problem.“
Laura wunderte sich, dass sie sich jetzt nicht freute. Immerhin hatte sie diesen Besuch bei den Großeltern durchgesetzt, ohne großen Widerstand. „Jetzt muss ich nur noch hinfahren.“ Sie spürte, wie heiß ihr bei diesem Gedanken wurde, obwohl es kühl und regnerisch war.
„Jetzt kriegst du Schiss. Schiss, nichts anderes. Merkt man schon daran, dass du laut mit dir selber sprichst. Aber kneif jetzt bloß nicht, hörst du?“

Der Sonnabend kam, und das Wetter war genau richtig, nicht zu warm, nicht zu kalt und kein bisschen regnerisch. Lauras Mutter bestand darauf, sie zur S-Bahn zu bringen, obwohl es bis dahin ja wirklich nur ein paar Schritte waren, und Laura verzichtete auf jeden Widerspruch.
„Grüß Oma und Opa von mir, und geh den beiden nicht zu sehr auf die Nerven, ja?“
Die S-Bahn kam, und Laura stieg ein, und ihre Mutter winkte und rief: „Viel Spaß!“
„Wünsch ich dir auch“, erwiderte Laura, aber das hörte ihre Mutter vermutlich schon gar nicht mehr.
„Die hat bestimmt ihren Spaß“, murmelte Laura. „Bestimmt trifft sie sich jetzt gleich mit Michael, und dann … Na ja, das kann man sich ja vorstellen. Mich jedenfalls wird sie nicht vermissen.“
Sie spürte, wie plötzlich wieder diese Wut in ihr hochkam, Wut auf ihre Mutter. Als hätte die sie zu dieser Fahrt gezwungen.
„Natürlich, gezwungen hat sie mich nicht“, gab Laura zu. „Aber es kam ihr gerade recht. Ist das nicht schon schlimm genug?“
Irgendwie tat es ihr richtig gut, sich in dieses Gefühl hineinzusteigern. In das Gefühl, völlig allein und verlassen auf der Welt zu sein. Mit einer Mutter, die nichts von ihr wissen wollte. Einem Vater, der sich irgendwo in Afrika herumtrieb. War sie nicht arm dran? Und passte diese Traurigkeit nicht ausgezeichnet zu dieser S-Bahnfahrt, zu dem mehr oder weniger gleichmäßigen Geruckel der Räder? Und erst recht zum Ziel dieser Reise.
„Ich fahre nicht zu meinen Großeltern. Ich fahre ins KZ nach Sachsenhausen.“
Erst war das nur so ein Gedanke, der ja auch den Tatsachen entsprach. Denn ihr Großvater hatte ihr fest versprochen, mit ihr in die Gedenkstätte zu gehen. Und ihrer Mutter nichts davon zu verraten.
„Ich fahre ins KZ Sachsenhausen.“ Der Gedanke ging nicht mehr aus ihrem Kopf, und er passte perfekt zum Rattern der Räder auf den Gleisen. Nachdem die Station Friedrichstraße hinter ihr lag und der Zug nach Norden fuhr, veränderte sich die Bedeutung dieses Gedankens plötzlich. Denn plötzlich fiel ihr ein, dass auf dieser Strecke, auf genau diesen Gleisen damals womöglich tatsächlich Leute ins Konzentrationslager gebracht worden waren. Womöglich sogar in diesem Zug.
„Nein, natürlich nicht in ’ner ganz normalen S-Bahn. Das wär ja aufgefallen. Dafür gab es bestimmt Sonderzüge.“
Aber trotzdem, es waren vielleicht dieselben Gleise wie damals. Und die Leute, die man damals dorthin brachte, die hatten keine Ahnung, was ihnen bevorstand.
„Aber ich!“, rief Laura sich in Erinnerung. Ihr wurde flau im Magen, sie musste sich Mut machen. „Ich weiß genau, was mir bevorsteht. Meine Großeltern. Ihr kleines Häuschen mit dem Garten. Käsekuchen und Apfelsaft. Und überhaupt, wir müssen da ja nicht hingehen.“
Laura wusste, dass sie feige war, und sie schämte sich dafür. Aber ändern konnte sie erst einmal gar nichts daran. Sie hatte schon Fotos gesehen von diesem Lager, hatte auch gelesen, wie es dort zugegangen war. Und seit Wochen hatte sie ihren Großvater bestürmt, einmal dorthin zu gehen. Aber jetzt, wo das alles so unmittelbar bevorstand, jetzt verließ sie ihr Mut.
Vielleicht hatte Yvonne doch Recht. Wieso eigentlich kam sie dazu, sich mit diesen Dingen rumzuschlagen, die schon so lange vorbei waren?
Yvonne … Was trieb ihre Mutter jetzt wohl mit diesem Michael? Bestimmt dachte sie keine Sekunde lang an ihre Tochter, die hier am frühen Morgen ziemlich allein in der S-Bahn nach Oranienburg fuhr.
Schon wieder hielt die Bahn, ein Liebespaar stieg ein. Demonstrativ wechselte Laura den Platz, wieso sollte sie denen beim Knutschen zusehen? Die beiden merkten nicht einmal, dass Laura hier war.
Ist mir gerade recht, dachte sie finster. Ich habe schließlich meine eigenen Sorgen.
Aber Sorgen – wieso überhaupt? Seit sie sich auf die rechte Seite des Abteils gesetzt hatte, schien ihr die Sonne genau ins Gesicht, warm und als ob –
„Als ob ich einfach einen Ausflug mache!“ Laura grinste und legte ihre Füße auf die freie Sitzbank gegenüber. „Klar, ich mach einen Ausflug. Wochenende, Fahrt ins Blaue, was ist da schon dabei.“
Sie gab sich alle Mühe, die Sache von dieser Seite zu sehen. Warum auch nicht? Lag es nicht ganz allein an ihr, was an diesem Wochenende geschehen würde? Ihr Großvater wäre bestimmt alles andere als traurig, wenn sie Sachsenhausen mit keinem Wort mehr erwähnte.
Aber dann fiel ihr Marie ein, die seit kurzem in ihre Klasse ging. Irgendwie hatte Laura sie von Anfang an nicht leiden können. Marie wusste immer alles besser, obwohl sie doch neu war! Und sie gab immer so an mit ihren Verwandten – eine Tante in New York, ein Onkel in Australien und so weiter. Und dass sie die alle besuchen könnte, wann immer sie wollte.
„Pure Angeberei!“ Laura hatte es laut gesagt, aber andere hatten es auch gedacht.
Und so war es zu einem Streit gekommen.
„Du lügst!“, hatte Laura der Neuen an den Kopf geworfen. „Niemand hat überall auf der Welt Verwandte!“
„Ich aber schon“, hatte Marie aufgetrumpft. „Weil ich Jüdin bin, falls du weißt, was das ist.“
Laura hatte die Neue angestarrt, als wäre sie ein Gespenst. Aber der Streit war nach diesem Satz vorbei gewesen.
Und natürlich, er war Laura peinlich. Nicht bloß der Streit. Denn sie konnte Marie immer noch nicht leiden. Dabei wollte sie doch nicht gegen Juden sein!
Bin ich jetzt genau so wie die damals?, fragte sie sich immer wieder bang.
Auch jetzt in der S-Bahn. Es war gar nicht leicht, wieder an etwas anderes zu denken. An das, was jetzt wichtig war. Dass heute ihr Großvater dran war. Nein, sie war hier nicht auf einer Ausflugsfahrt. Laura kannte ihr Ziel. Und sie würde nicht kneifen, Angst hin oder her.

O wie Osten. Den Juden, die abgeholt wurden, sagte man, sie werden in den Osten gebracht. Dort könnten sie leben und arbeiten. Osten ist da, wo Polen liegt und Russland. Russland hieß damals Sowjetunion. Es gab dort überall Lager für Juden. Dort lebten natürlich auch viele Menschen, die keine Juden waren, sondern Christen. Die sahen, was die Deutschen mit den Juden machten. Viele kämpften gegen die Deutschen, viele wurden auch selber in diese Lager gebracht, und andere halfen den Deutschen, Juden und andere in die Lager zu bringen.
O wie Opa und Oma. Ob die beiden mir erzählen, was sie damals gemacht haben? Ich habe Angst, dass sie sagen, ich wäre noch zu jung dafür. Aber Angst habe ich auch, wenn sie mir was erzählen. Ob sie den Juden geholfen haben? Oder den Deutschen, die die Juden verfolgt haben?
O wie Oranienburg. Da wohnen Opa und Oma. Da war auch so ein Lager. Es ist nicht weit weg von Berlin. Ich war da schon oft, aber bis vor ein paar Wochen wusste ich nichts von diesem Lager.
O wie ordentlich. Obwohl die Leute in den Lagern gar keine richtigen Kleider hatten, nur alte Sachen oder Lumpen, musste alles immer ordentlich sein. Auch in den Baracken, wo sie ganz eng nebeneinander auf Holzpritschen schlafen mussten. Es war so eng, dass man sich nicht umdrehen konnte, wenn man wollte. Es ging nur, wenn sich alle gleichzeitig umdrehten, auf Kommando. Das gehörte auch zur Ordnung.
Die Ganter hat Max entdeckt, dass er manchmal in unserem Treppenhaus übernachtet. Sie sagte, dass Max da schläft, wäre gegen die Ordnung. Früher hätte es so was nicht gegeben. Da hätte man einen wie Max zur Ordnung erzogen oder in ein Lager gebracht. Dabei ist Max unheimlich ordentlich. Neulich hat er mir gezeigt, was er alles in seiner Plastiktüte hat. Saubere Unterwäsche und einen Kamm und Seife. Es gibt ein Haus, da kann er sich waschen, und seine Klamotten auch. Auch ein Buch ist in seiner Plastiktüte, und ein Umschlag voller Fotos. Darauf kann man sehen, wie Max früher gelebt hat, als er noch eine Arbeit und eine Wohnung hatte. Seine Plastiktüte ist viel ordentlicher aufgeräumt als meine Schulmappe. Ich frage mich, wie er das schafft. Bei mir ist immer alles durcheinander. Zum Glück ist es Sommer, da friert Max nicht, wenn er unter der Brücke schläft.

13 – Tiptop in Ordnung

„Alles tip top in Ordnung.“
Laura ließ ihren Großvater nicht aus den Augen. Sie hatten sich inzwischen das gesamte ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen angesehen, alles, was noch davon übrig war. Und nun standen sie ganz genau in der Mitte – diese Mitte war exakt markiert – des Platzes, der einmal der Appellplatz gewesen war, auf den sämtliche Baracken ausgerichtet waren, als hätten nicht nur die Menschen, sondern selbst ihre Behausungen strammstehen sollen. Die gesamte Lageranlage glich einem vielzackigen Stern, und sie standen genau in der Mitte dieses Sterns, und ihr Großvater redete von Ordnung.
Laura hatte kein Wort herausgebracht, seit sie hier waren. Sie räusperte sich. Sie hatte Angst vor dem Klang ihrer eigenen Stimme, hier genau in der Mitte dieser seltsamen Ödnis, die einmal ein Konzentrationslager gewesen war.
„Ist das alles, was du zu sagen hast?“ Sie hörte genau, wie brüchig ihre Stimme war, und sie wusste auch, dass man so mit seinem Großvater nicht redet, aber darauf kam es jetzt nicht an.
„Wieso? Stimmt es etwa nicht? Ist doch wirklich alles tadellos in Ordnung. Kein Hälmchen, das außerhalb der Reihe wächst. Ist doch nichts gegen zu sagen, oder? Gut im Schuss, diese Gedenkstätte.“
Laura hätte sich jetzt nur zu gern gesagt, dass ihr Großvater in Wirklichkeit gar nicht ihr Großvater war. Vielleicht eher so etwas wie ein Außerirdischer, der aus irgendeinem Zufall auf diesem Planet gelandet war und keine Ahnung hatte, wo er sich befand. Sie hätte sich das wirklich gern eingeredet, aber es stimmte ja nicht.
Dieser alte Mann war ihr Großvater, und sie war nur aus einem einzigen Grund mit ihm hierher gekommen. Weil er damals, als dieses Konzentrationslager ein Konzentrationslager war, schon gelebt hat. Weil er damals nur ein paar Jahre älter war als sie selbst heute. Und weil sie endlich herausfinden wollte, was er sich damals gedacht hatte. Laura war alt genug, und sie dachte sich schon so manches – ihr Großvater war damals noch älter gewesen, und da musste er sich doch auch was gedacht haben.
„Fällt dir denn hier wirklich nichts anderes ein, als dass alles tip top in Ordnung ist?“ Sie sah ihn nicht an bei dieser Frage, sondern beobachtete einen Regenwurm, der sich ganz dicht an ihrem linken Schuh krümmte. Natürlich brachte dieser Regenwurm sie gleich auf den Gedanken, was alles sich unterhalb dieses so ordentlichen Rasens befinden mochte.
„Was soll mir schon einfallen?“, polterte ihr Großvater plötzlich los. „Was erwartest du eigentlich von mir! Ich war doch damals noch fast ein Kind.“
„Ja eben, deshalb will ich ja mit dir darüber sprechen. Du warst noch ein Kind, aber immerhin schon älter, als ich es jetzt bin.“
„Na und? Wir waren anders damals, nicht so naseweis. Wir haben nicht so viele Fragen gestellt, sondern gehorcht. Ein Kind wie du weiß doch gar nicht mehr, was das heißt.“
Laura hatte das Gefühl, dass es nicht nötig war, hierauf zu antworten. Sie schwieg und starrte weiter auf den Regenwurm.
„Ihr macht euch heute davon sowieso ganz falsche Vorstellungen. So dramatisch war das alles gar nicht, wir waren doch Kinder! Und wir hatten ’ne Menge Spaß. Endlich war in unserem Kaff etwas los. Hitlerjugend! Ach, was wisst ihr schon davon. Ihr veranstaltet heute Abenteuerurlaub, oder wie sich das nennt. Das brauchten wir nicht. Das gab es alles bei der Hitlerjugend. Unsere Eltern hatten nichts mehr zu melden – glaub bloß nicht, dass wir damals in der Beziehung anders waren, als ihr es heute seid. Wir haben tagelange Wanderungen gemacht, draußen geschlafen, im Zelt oder nur im Schlafsack. Uns selber was zu essen gekocht, selber den Weg gefunden. Gelernt, wie man ohne Streichhölzer ein Feuer entzündet. Wie man sich im Wald zurecht findet, wenn man sich verirrt hat. Weißt du das eigentlich? Weißt du, wie man im Wald feststellt, wo Westen ist?“
„Nein, das weiß ich nicht. Und ehrlich gesagt, im Moment interessiert mich so was auch nicht.“
„Aber was willst du denn wissen? Das sind die Dinge, an die ich mich erinnere. Egal, welches Wetter, wir von der Hitlerjugend sind zu unseren Ausflügen aufgebrochen, wir sind vor nichts zurückgeschreckt. Unsere Mütter konnten jammern, wie sie wollten, gegen die Hitlerjugend half das nicht. Das war fast Pflicht. Verstehst du denn nicht? Wir hatten Freiheiten wie nie zuvor. Na ja, später dann auch nicht mehr.“ Lauras Großvater schwieg und starrte vor sich hin.
Laura spürte genau, dass er traurig war, aber sie wollte es nicht spüren. Sie steckte hier mitten in einer grässlichen Geschichte, aber sie selbst hatte es so gewollt, und nun wollte sie zu irgendeinem Ende kommen. Aber die nächste Frage fiel ihr trotzdem schwer.
„Es war … besser als heute?“
Der Regenwurm kringelte sich, unter dem grünen Rasen war bestimmt längst alles vermodert, Erde, nichts weiter. Ein Vogel trällerte, kein Wolke am Himmel, und ihr Großvater sagte erst einmal gar nichts. Laura befürchtete schon, er würde so tun, als hätte er ihre Frage nicht gehört, und dann müsste sie diese Frage noch einmal stellen, und ob sie das schaffen würde?
„Ja. Für mich schon. Anders kann ich es nicht sagen. Ich war jung, hatte alles noch vor mir. Ist das nicht immer die beste Zeit im Leben?“
Noch immer keine Wolke weit und breit, der Vogel pfiff einfach weiter, war überhaupt irgendetwas geschehen? Der Regenwurm schlängelte sich und kam nicht von der Stelle.
„Und … wie hast du dir das vorgestellt? Ich meine, nach der Hitlerjugend? Wenn da nicht alles vorbei gewesen wäre, der Krieg und alles. Wärst du ein richtiger Nazi geworden?“
Der wolkenlose Himmel, der trällernde Vogel, der Regenwurm, die Leichen unterm Rasen zu Erde geworden, und Lauras Großvater zögerte mit der Antwort. Aber dann war es fast eine Explosion.
„Ein richtiger Nazi! Was heißt das schon! Und wie du das sagst … Du hast doch gar keine Ahnung!“
„Nein. Deshalb frage ich dich doch.“
Wieder schwieg der alte Mann, der Lauras Großvater war. „Lass uns hier weggehen. Ich würde gerne eine Zigarette rauchen. Und hier geht das irgendwie nicht.“
Er trottete los, und Laura folgte ihm.
„Wenn du es unbedingt wissen willst“, begann er etwas zögernd, „dann hör jetzt mal gut zu. Du wirst das natürlich nicht kapieren, aber es war so. Zwei Wochen vor Kriegsende. Da habe ich, zusammen mit meinem Freund, tatsächlich versucht, noch ein richtiger Nazi zu werden. Und wir haben es sogar geschafft. Wir waren vielleicht stolz! Eine SS-Division hat uns aufgenommen, das war in Österreich. Stell dir das mal vor, SS, eine Panzerdivision! Wir waren noch nicht mal siebzehn und gehörten plötzlich zu den Auserwählten!“
„In Österreich? Wie seid ihr denn dahin gekommen?“
„Pah, das versuche ich dir doch gerade klarzumachen! Wir sind einfach überall hingekommen. Wir haben sogar am Westwall geschanzt, in Frankreich! Keiner aus unserem Dorf ist jemals so weit in der Welt herumgekommen.“
„Und dann seid ihr ganz alleine von Frankreich nach Österreich und -„
„Natürlich alleine! Da ging ja schon alles drunter und drüber. Und es ging ja auch nicht mehr lang. Mein Freund und ich, wir waren dann jedenfalls in den österreichischen Alpen, beide in SS-Uniform, das waren die mit den Totenköpfen. Wir fühlten uns … Na ja, mindestens wie die Herren der Welt. Da war keiner mehr, der uns irgendwelche Vorschriften gemacht hätte. Wir waren ganz auf uns allein gestellt, der Rest der Welt existierte nicht mehr.“
„Habt ihr da nicht Angst gekriegt?“
„Das ist typisch für die heutige Jugend. Angst! Das Wort kannten wir gar nicht. Wir waren total überzeugt davon, dass wir … die Herren über alles sind. Ganz allein in den Bergen, zu Hause unsere flennenden Mütter, die Väter irgendwo in Russland – uns konnte keiner was. Wenn ich mir das heute vorstelle, dann war das beinahe komisch. Wir haben nicht mal mitgekriegt, dass der Krieg dann zu Ende war.“
„Aber – er war dann doch zu Ende.“
„Ja, klar. Aber wir haben es nicht mitgekriegt. Und wollten es lange gar nicht glauben. Deutschland besiegt – das war für uns unfassbar. Es war in der Nähe von Innsbruck. Wir dachten, wir treffen dort auf unsere Leute, auf SS. Aber es waren Amis.“
„Und? Was haben die mit euch gemacht?“
„Als wir kapiert hatten, dass es Amis waren, haben wir unsere Pistolen gezückt, ich weiß nicht mehr, ob wir überhaupt noch Munition hatten. Die Amis haben uns jedenfalls nicht ernst genommen. Sie haben uns die Uniformen vom Leib gerissen. Uns Zivilklamotten gegeben und gesagt, ab mit euch nach Hause.“
„Da habt ihr ja richtig Glück gehabt.“
„Glück? Für uns war es die größte Schmach unseres Lebens. Eine totale Niederlage, begreifst du das?“
„Nein.“
„Eben, das ist das Problem.“
Sie gingen jetzt schon lange durch etwas, das wie ein Park wirkte – doch es war noch immer das Gelände des ehemaligen Lagers. Lauras Großvater rauchte eine Zigarette nach der anderen, und Laura kickte während der ganzen Zeit einen Stein vor sich her. Sie wartete begierig auf jedes Wort ihres Großvaters, und zugleich hatte sie Angst vor jedem weiteren Wort. Vor allem hatte sie Angst davor, demnächst dieses ehemalige Lager zu verlassen. Solange sich das Gespräch auf diesem Gelände abspielte – es war beinahe, als geschähe es auf einem anderen Planeten. Aber was würde sein, wenn sie wieder draußen wären, in der ganz normalen Welt, auf einem ganz gewöhnlichen Parkplatz?
Schon wieder zündete er sich eine neue Zigarette an. „Mensch Laura! Warum willst du mich denn nicht verstehen? Für mich ist das auch nicht einfach. Ich bin hier noch nie gewesen.“
„Aber du wohnst doch gleich in der Nähe.“
„Ja, sicher, aber … Es ist doch alles schon so lange her. Und wir haben doch damals fast nichts gewusst.“
„Damals, das mag ja sein. Und was heißt fast? Etwas hast du also doch gewusst. Warum hast du nicht gefragt, sondern immer nur gehorcht? Und später … Warum bist du erst jetzt hierher gekommen?“
„Warum, warum, verdammt noch mal! Weil ich dich sehr gern habe, und weil du es unbedingt wolltest.“
„Aber damals … Hier waren Mädchen wie ich. Genauso alt, manche sogar jünger. Und die sind hier gestorben. Und deine SS, die war daran beteiligt. Du weißt, die Versuche, die die Ärzte gemacht haben in diesem OP … und überhaupt. Das waren Mädchen wie ich. Wenn deine SS sie nicht hierher gebracht hätte, womöglich hättest du dich in eine von ihnen verliebt.“
„Jetzt reicht’s mir aber! Was soll das heißen, meine SS. Du verstehst einfach nicht, wie das damals war. Es war Krieg, und da sterben die Leute nun mal, auch Kinder, so traurig das ist.“
„Erstens sind in diesem Lager, und in vielen anderen, die Leute schon gestorben, lange bevor Krieg war. Und zweitens – es sind ja nicht alle in diese Lager gekommen. Du zum Beispiel nicht.“
Lauras Stimme war bei den letzten Worten leise und leiser geworden. Es fiel ihr nicht leicht zu sagen, was sie unbedingt sagen musste. Sie hatte Angst, wie der alte Mann neben ihr darauf reagieren würde.
Er schwieg. Er atmete tief durch. Zündete sich noch eine Zigarette an.
Ob er mir jetzt eine scheuert?, überlegte Laura. Vielleicht wäre es ihr am liebsten gewesen, er hätte es wirklich getan.
Aber er tat es nicht. Er sog den Rauch seiner Zigarette ein, pustete ihn langsam wieder aus. Er räusperte sich, putzte sich umständlich die Nase.
Er wird ja wohl hoffentlich nicht anfangen zu flennen!, dachte Laura.
Als er dann zu sprechen begann, klang seine Stimme tatsächlich so, als hätte er mit Tränen zu kämpfen. „Siehst du, jetzt ist genau das passiert, was ich verhindern wollte. Das haben wir nun davon, dass wir hierher gekommen sind. Es war ja auch nicht anders zu erwarten. Dabei haben wir uns doch immer so gut verstanden! Weißt du was, wir vergessen das Ganze einfach.“ Er machte Anstalten, Laura an sich zu ziehen.
Heftig schüttelte sie seine Hand ab. „Gar nichts vergesse ich!“, brüllte sie los. „Und wir beide, wir haben uns noch nie gut verstanden. Seit heute ist mir auch klar, warum!“
„Aber Laura! Du weißt doch, wie gern ich dich habe!“
„Hör auf damit, sofort! Ich will nicht, dass einer wie du mich gern hat. Wie konnte ich nur so dumm sein, ausgerechnet mit dir hierher zu kommen! Alles, was dir hier einfällt … tip top in Ordnung. Und wie toll das alles war bei der Hitlerjugend. Ich habe gedacht, ich würde besser verstehen, wenn ich mit dir … Du hast nicht einmal gesagt, dass es dir leid tut.“
Lauras letzte Worte waren kaum mehr zu verstehen. Sie brüllte nicht mehr, sie flüsterte, wisperte und versuchte, jetzt auf keinen Fall loszuheulen.
Inzwischen hatten sie den Parkplatz erreicht, stumm, peinlich auf Abstand bedacht, wie zwei Fremde. Und noch immer dieser völlig blaue Himmel, Vogelgezwitscher, blühende Bäume. Als Laura in den Wagen einstieg, fuhr ein Bus vor, hielt an, und gleich darauf stürmte lachend und johlend eine Schulklasse auf den Platz.
Während der Fahrt zum Häuschen ihrer Großeltern wurde kein einziges Wort mehr gesprochen.

14 – Ein Fetzen Stoff

„Ich brauche Stoff. Darf ich mal in deiner Truhe nachsehen?“
Lauras Großmutter sprang erleichtert auf – es war seit einer Stunde der erste Satz, den Laura von sich gab. Wiederholt hatte sie ihren Mann bestürmt, um zu erfahren, was geschehen war. Doch der war genauso wortlos in seinem Zimmer verschwunden wie seine Enkeltochter.
„Klar habe ich Stoff, massenhaft! Wozu brauchst du ihn denn?“
„Zeig mir erst mal, was du überhaupt hast. Ich brauche was Gelbes.“
Übereifrig vor Erleichterung, dass Laura ihr Schweigen endlich brach, begann ihre Großmutter in der Truhe zu wühlen. „Gelb, wieso denn ausgerechnet gelb, das steht dir doch gar nicht.“
Dann suchte und fand sie die unterschiedlichsten Fetzen in Gelb: seidene, baumwollene, Kunstfaser. Zitronengelb, safrangelb, senfgelb, goldgelb. Gelb, das ins Rötliche changierte, ins Grünliche, ins Bläuliche.
Mit wachsender Ratlosigkeit musterte Laura alles, was ihre Großmutter ihr vorlegte. Wie viele Gelbtöne es gab! Welche Nuance von Gelb würde ihren Zwecken am ehesten genügen?
„Ist wohl nicht so wichtig“, dachte sie schließlich und entschied sich für einen Rest Baumwolle. „Kann ich das haben?“
„Natürlich kannst du das haben. Aber wozu eigentlich?“
Wortlos stand Laura auf. „Ich brauche noch eine Schere. Und Nähgarn. Und eine Nadel.“
„Willst du mir denn nicht endlich sagen, wozu?“ Auch ihre Großmutter stand auf.
„Nein.“
Irgendetwas in Lauras Stimme machte klar, dass jede weitere Frage zwecklos war. Wortlos händigte ihre Großmutter ihr Faden, Nadel und Schere aus.

Zum Frühstück am nächsten Morgen erschien Laura dann mit dem Ergebnis ihres handarbeitlichen Versuchs. Mit dem gelben Stern, auf der linken Seite ihres T-Shirts, in Brusthöhe, ungefähr an der Stelle, wo dieser Stern damals vorschriftsmäßig angebracht sein musste.
Ihr Großvater wurde blass. Ihre Großmutter stöhnte laut auf und schlug sich die Hände vors Gesicht.
Laura tat so, als wäre alles wie immer. „Guten Morgen.“
Sie erhielt keine Antwort. Starr der Blick ihrer Großeltern, unverwandt auf den Tisch gerichtet, auf dem dasselbe stand wie bei jedem Frühstück. Die Kanne mit Kaffee, der Becher Kakao für Laura, Brot, Butter, Wurst, Marmelade.
Als wäre es dasselbe wie jeden Morgen, griff Laura nach einer Scheibe Brot. Strich zuerst Butter darauf, dann Marmelade. Nahm einen ersten Schluck Kakao. Sie tat alles, was sie immer tat während des Frühstücks – allerdings achtete sie darauf, ja nicht den Stern auf ihrer linken Brust zu verdecken. Denn nur darauf kam es an bei diesem Frühstück: Der Stern musste sichtbar sein.
„Laura, was soll das.“ Die Stimme ihrer Großmutter zitterte. „Warum tust du das? Weißt du, wie alt ich damals war?“
„Ja, ich hab’s mir ausgerechnet. Schon ein bisschen älter, als ich heute bin.“
„Eben! Was wirfst du mir eigentlich vor?“
„Hab ich dir was vorgeworfen?“ Laura hörte, wie schneidend ihre eigene Stimme war. Es war verrückt, aber sie fühlte plötzlich eine ungeheure Macht über die beiden Alten neben ihr am Tisch. Und das, obwohl sie nun genau jenes Zeichen auf der Brust trug, das damals jeden, der es tragen musste, durch und durch schwach und wehrlos gemacht hatte.
„Außerdem war das nicht so!“, polterte ihr Großvater plötzlich los. „Kein Jude hat das Ding zu Hause getragen. Ich hab einen gekannt, der ist sogar im Hochsommer nur im Mantel auf die Straße gegangen. Weil er sich den Stern nicht aufs Jackett nähen wollte. Lieber hat er geschwitzt, als dass er auch noch zu Hause damit rumgelaufen wär.“
„Interessant.“ Laura biss in ihr Marmeladenbrot. „Du gibst also zu, dass du Juden gekannt hast?“
„Blöde Frage! Die … waren doch überall. Unser Turnlehrer, der Schuhmacher, der Zahnarzt, die Frau in der Leihbücherei.“ Er verstummte abrupt.
„Genau das wollte ich wissen.“ Laura zerschnitt ihr Marmeladenbrot in kleinere und immer noch kleinere Stückchen. Ihr war längst zum Heulen, solange sie diesen Stern auf ihrer Brust wusste, würde sie keinen Bissen hinunterkriegen. Und keinem Menschen in die Augen sehen können. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie ungeheuerlich das war, was sie da tat. Aber wenn sie jetzt zu weinen beginnen würde wie ein kleines Kind – nein. Wozu hatte sie dann all das auf sich genommen – der Besuch mit ihrem Großvater in Sachsenhausen, der Streit mit ihm, ihre angestrengte Näharbeit. Sie wollte die Sache jetzt zu irgendeinem Ende bringen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, was in dieser Situation so etwas wie ein Ende sein könnte.
„Lili war fast meine beste Freundin“, hörte sie die noch immer zittrige Stimme ihrer Großmutter.
„Was heißt fast?“ Lauras Stimme war ein Peitschenhieb.
Ihre Großmutter schien nicht darauf zu achten. „Ich hab sie immer beneidet, wegen ihrer schwarzen Locken. Und dann durfte sie nicht mehr neben mir sitzen. Und ich durfte nicht mehr zu ihr nach Hause. Und dann war sie irgendwann weg.“
Lauras Großmutter schluckte, so hart, dass man es hören konnte.
„Und was hast du dir dabei gedacht?“ Lauras Stimme klirrte wie splitterndes Glas.
„Ehrlich gesagt, gar nichts. Es passierte ja dauernd so viel. Damals fing das an mit dem Bombenalarm, wir mussten immer öfter in den Keller. Und dann … Ich habe mich verliebt, in einen Jungen aus der Nachbarschaft. Wir hatten bald unser eigenes Plätzchen im Schutzraum.“
„Und da war es dir dann egal, was aus Lili geworden ist.“
„Ja, ich geb’s ja zu. Plötzlich war sie weg, wie so viele andere. Später hab ich mal gehört, sie ist in Auschwitz gestorben.“
„Sie ist dort nicht gestorben!“, brüllte Laura. „In Auschwitz ist niemand gestorben. Dort wurden Menschen ermordet! Auch deine fast beste Freundin Lili!“
Laura hielt es nicht länger aus. Sie stand auf, rannte aus dem Zimmer, rannte aus dem Haus, rannte aus dem Garten. Sie kannte kein Ziel, wollte keines kennen. Sie musste einfach weg von diesem Frühstückstisch, von diesen Großeltern.
Da hieß es immer, das wäre alles schon so lang vorbei. Und dann sitzt plötzlich eine Großmutter neben einem und sagt, sie hieß Lili und ist in Auschwitz gestorben. Und es ist nicht irgendeine Großmutter, die das sagt, sondern die eigene. Und Auschwitz ist mit einem Mal nicht mehr ein Name in einem Buch.
Laura war längst völlig außer Atem, sie keuchte, sie stolperte, sie fiel hin. Aber jedes Mal stand sie wieder auf, rannte weiter.
„Ich hab sie so beneidet wegen ihrer schwarzen Haare.“
Plötzlich war es dieser eine Satz, der in ihrem Kopf hämmerte. Natürlich war es unsinniger Einfall, es gab da überhaupt keinen Zusammenhang – aber trotzdem musste Laura an Aische denken. Beziehungsweise daran, dass sie selbst Aische aus genau demselben Grund beneidete wie ihre Großmutter damals diese Lili. Wegen der schwarzen Haare. Und so oft sie sich auch sagte, dies sei ein ganz blöder Einfall, sie war ja schließlich nicht ihre Großmutter und Aische zum Glück nicht Lili, es half nichts. So entfernt da auch ein Zusammenhang bestehen mochte, es war einer da. Ein Zusammenhang, der für Laura die ganze Geschichte noch mehr in die Gegenwart rückte.
Damals – was hieß das schon. Heute hatte ihre Großmutter von Auschwitz gesprochen, ganz selbstverständlich. Wo ein Mädchen umgebracht worden war, das Lili hieß und beneidet wurde – bis sie verschwand.
Und gestern war sie in Sachsenhausen gewesen. Dort hatte ihr Großvater zugegeben, dass er die Zeit damals ganz toll fand. Und dass er vielleicht gern ein Nazi geworden wäre. Das war nicht vorbei – damals.
Zu den beiden gehe ich nie wieder, dachte Laura. Sie war zwar völlig ziellos durch die Gegend gerannt, doch nun stand sie genau vor dem S-Bahnhof.
„Ich fahre zurück nach Berlin, sofort.“
Sie griff nach ihrem Handy, um Aische eine SMS zu schicken, vielleicht könnten sie sich ja treffen. Aber das ging dann doch nicht. Ausgerechnet jetzt war die Karte leer. Scheußlich allein fühlte sie sich da, von allen im Stich gelassen.
Die Blicke der Leute auf dem Bahnsteig erinnerten sie daran, dass sie noch immer den gelben Stern auf der Brust trug. „Den können ruhig alle sehen“, murmelte sie in plötzlichem Trotz.
Sie stieg in die S-Bahn, sie setzte sich. Sie vermied es, jemanden anzusehen. Doch sie achtete darauf, das gelbe Mal nicht zu verdecken. Es sorgte dafür, dass alle Gespräche verstummten. Das S-Bahnabteil verwandelte sich in einen Geisterwaggon, manche Leute nutzten den Halt auf der nächsten Station, um schleunigst das Abteil zu wechseln. Laura sah grimmig ins Leere. Anders hätte sie es nicht ausgehalten. Denn alle starrten sie an.
Dann war es plötzlich nicht mehr still. Die drei begannen zu kichern, kaum dass sie eingestiegen waren. Sie mochten ungefähr siebzehn sein, vielleicht auch schon älter. Drei Jungs, einer von ihnen war wohl Ausländer. Erst kicherten sie nur, und Laura wusste, sie kicherten ihretwegen, vielmehr wegen des Sterns.
Und dann sagte einer von ihnen: „Juda verrecke!“
Er hatte es gar nicht besonders laut gesagt, aber da es sonst kein Geräusch gab in diesem Waggon, war es nicht zu überhören.
„Da heißt es immer, die heutige Jugend wisse nichts“, sagte jemand und lachte.
„So etwas müsste verboten sein!“, sagte der Mann, der gegenüber von Laura saß.
Laura dachte, er meine damit, was dieser Typ gesagt hatte. Aber er starrte auf den Stern.
„Soweit ich weiß“, mischte sich ein anderer Mann ein, „ist das sogar verboten. Abzeichen aus der Zeit des Nationalsozialismus dürfen heute nicht mehr benutzt werden, weil -„
„Das ist ja wohl die Höhe!“, fiel ihm eine junge Frau ins Wort. „Und was ist mit den Hakenkreuzen überall? Die stören Sie wohl nicht!“
„Wahrscheinlich hat der noch heute sein Parteiabzeichen in der Schublade!“, kam der Frau ein anderer, ebenfalls noch junger Mann zu Hilfe.
„Sie! Überlegen Sie sich gut, was Sie da sagen!“, rief jetzt der Mann, der gesagt hatte, so etwas sei verboten. „Ich war ein anständiger Soldat und habe bei der Wehrmacht meine Pflicht getan!“
Immer mehr Leute mischten sich ein. „Pflicht!“, ereiferte sich ein andere Frau. „Heute weiß doch keiner mehr, was das überhaupt ist.“
„Diese anständigen Soldaten kennen wir!“ Das war wieder der jüngere Mann. „Und was die Wehrmacht so getrieben hat, ist inzwischen ja auch bekannt. Ohne euch hätte die SS die Juden doch gar nicht abschlachten können! Ihr habt denen doch den Weg freigemacht!“
„Sind Sie etwa dabei gewesen? Wir haben den Kopf für alles hingehalten!“
„Missbraucht hat man uns! Wir haben doch von allem nichts gewusst.“
„Habt ihr denn jemals etwas wissen wollen? Auch nur einmal nachgedacht? Oder nur mal genauer hingesehen …“
Alle redeten und brüllten durcheinander. Nur Laura saß ganz still auf ihrem Platz. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. An der nächsten Haltestelle, so beschloss sie, würde sie einfach aussteigen.
Noch an der nächsten Haltestelle stritten alle Leute im Abteil miteinander, so laut, dass es dem Schaffner draußen auffiel. Bevor es Laura gelang, sich zum Ausgang durchzudrängeln, stand er unter der Tür.
„Was ist denn hier los?“
Die drei Jungs, die den Tumult ausgelöst hatten, dachten vermutlich, jetzt würden die Fahrkarten kontrolliert. Jedenfalls versuchten sie, möglichst rasch aus dem Abteil zu kommen. Dabei schubsten sie Laura, und zwar direkt in die Arme des Schaffners.
„Sehen Sie sich das einmal an!“ Der Mann, der früher Soldat gewesen war, stand auf und zeigte auf Laura. „Informieren Sie sofort die Eltern des Mädchens. So etwas geht doch nicht! Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses!“
Schon wieder mischten sich auch alle anderen ein, redeten alle gleichzeitig auf den Schaffner ein.
Der begriff nicht, was los war. Da Laura noch immer direkt vor ihm stand – die drei Jungs hatten es längst geschafft, nach draußen zu kommen -, konnte er den Stern auf ihrem T-Shirt nicht sehen. Und weil Laura, abgesehen von dem Stern, einen ziemlich ordentlichen Eindruck machte, begriff er nicht, wie so ein harmloses Mädchen an dem Aufruhr schuld sein sollte.
Dann gingen der ältere Mann, der Soldat gewesen war, und der jüngere, der ihn deswegen beschimpft hatte, aufeinander los. Nun wusste der Schaffner, was er zu tun hatte, Schlägereien in der S-Bahn sind schließlich verboten. Und während er versuchte, das Schlimmste zu verhindern, verließ Laura schnell und unbemerkt das Abteil.

„Was machst du denn heute hier?“
„Nichts, nur ein bisschen aufräumen.“ Andrea sah müde aus.
„Meine Mutter ist nicht da, deshalb … “ Laura begriff, dass es unnötig war, eine Erklärung abzugeben. „Warum starrst du mich denn so an?“
„Na, entschuldige – warum sonst hast du dir diesen Stern aufs Hemd genäht! Wär ja wohl ziemlich frustrierend, wenn ich nicht -„
„Aber so war es nicht gemeint.“
„Wie war es denn gemeint?“
„Das ist es ja. Es ist schwer in Worte zu fassen. Worte sind so … normal. Meistens kommen sie einfach so. Und ein Teil von dem, was da kommt, ist ja auch richtig. Aber … in letzter Zeit fällt mir auf, es ist eben nur zum Teil richtig. Jedes Wort, wirklich jedes, bedeutet immer auch noch was ganz anderes. Und dann wird es ziemlich unheimlich.“
„Ja, das kenne ich. Aber der Stern -„
„Ich gebe es ja zu, viel geholfen hat er mir nicht. Es ist so schwierig. Wir haben diese Fotos hier, wir haben Bücher – aber was wissen wir schon? Ich versuche immer wieder, mir vorzustellen, wie das war. Aber wenn ich mir nun ganz falsche Vorstellungen mache?“
„Du bist dicht dran.“
„Vielleicht kapieren wir ja nichts von dem, was wirklich wichtig ist!“ Laura schien Andreas Bemerkung nicht gehört zu haben.
„Du bist dicht dran.“
„Ich kann mir die Fotos ansehen, ich kann lesen, ich kann darüber nachdenken, kann es aufschreiben. Aber war es wirklich so?“
„Dichter kommst du nicht ran. Genau weiß ich es natürlich auch nicht, aber … vielleicht war es ungefähr so, damals. So, aber auch wieder anders. Sieh dir nur mal dieses Foto an. Ungefähr hundertfünfzig Menschen stehen auf diesem Lastwagen. Ich bin mir sicher, für jeden war es anders.“
Laura erwiderte nichts. Sie war etwas enttäuscht. Andrea begriff wohl nicht, was sie meinte.
„Vielleicht ist das hier alles falsch.“ In einem neuen Versuch, sich Andrea verständlich zu machen, wies sie auf die Fotos ringsum. „Vielleicht wäre es wichtig, eine ganz andere Ausstellung zu machen. Nicht über die Leute auf dem Lastwagen. Sondern über die, die sie auf den Lastwagen treiben.“
„Das gab es längst“, wehrte Andrea ab.
„Wirklich? Ich denke jetzt nicht an die Führer, an die Chefs. Ich denke an ganz normale Leute. Also Leute, die heute als normal gelten. Die hier überall wohnen. Die damals keine besonders großen Tiere waren. Aber ohne sie hätte das Ganze doch nicht funktioniert. Und manche von denen leben noch heute. Es müsste doch möglich sein herauszufinden, wie die später gelebt haben. Wie die das damals machen konnten, und dann – weiterleben. Einfach weiterleben. Ohne jedes schlechte Gewissen. Ohne endlich mal nachzudenken.“
Andrea schien überrascht. „Darüber sollte man vielleicht mal nachdenken. Worauf du so kommst …“
„Ich bin darauf gekommen wegen der Mutter von Marie.“
Nach dem Streit neulich hatte Laura das Gefühl gehabt, sie könne Maries Einladung nicht ablehnen – die halbe Klasse kam ja mit. Aber dann hatte es wieder Streit gegeben, diesmal mit Maries Mutter.
„Die hat gesagt, es wär ihr unheimlich, wenn sich so viele Leute um tote Juden kümmern. Und dass es vielleicht sinnvoller wär, wir würden uns mit unseren Leuten befassen.“
„Nein, das sehe ich nicht so“, widersprach Andrea energisch. „Unsere Leute – was soll das heißen? Ich bin weder religiös noch nationalsozialistisch.“
„Trotzdem, ich muss oft daran denken. Und ich würde wirklich gern mal einen Nazi kennen lernen.“
Andrea sah Laura an, als zweifle sie an deren Verstand. „Aber den Stern machst du wieder ab, ja?“
Da war Laura schon wieder draußen.

15 – Der Stern, noch einmal

M wie Medizin. Viele Leute sagen, die Nazis wären bloß deshalb so erfolgreich gewesen, weil so viele Leute damals arbeitslos waren. Die Nazis hätten dafür gesorgt, dass es wieder Arbeit gibt. Andrea sagte, das stimmt, aber es wär Arbeit gewesen, um den Krieg vorzubereiten. Wenn man Krieg führt, braucht man Panzer und Gewehre und Munition, außerdem muss man auch alles andere auf Vorrat herstellen, weil im Krieg ja keiner mehr Zeit hat, um Schuhe oder so was zu machen.
Aber ich hab gelesen, dass es nicht nur Arbeitslose waren, die den Nazis geholfen haben. Das waren auch Leute, die überhaupt nicht arbeitslos waren, zum Beispiel Ärzte. Manche von denen waren richtig froh, als alle gesagt haben, die Juden sind keine Menschen. Solche Ärzte gingen in die Lager und machten dort Experimente, mit Menschen. Sie behaupteten, das wäre medizinisch notwendig, und wenn die Menschen dabei sterben, macht es nichts, weil es ja Juden sind. Die Experimente wären wichtig, damit es den Deutschen gut geht und damit sie den Krieg gewinnen. Die haben schreckliche Sachen gemacht, auch mit Kindern, besonders mit Zwillingen. Einige von diesen Kindern überlebten, aber sie sind ihr Leben lang krank geblieben.
Ärzte entschieden auch darüber, wer sofort ins Gas musste und wer erst mal weiterleben durfte. Und oft brachten die Ärzte in den Lagern Kranke einfach um, mit einer Spritze mitten ins Herz.
M wie Massengrab. Ein Grab, in dem man ganz viele Menschen auf einmal beerdigt. Die Juden mussten manchmal so ein großes Grab selber ausheben. Dann befahl man ihnen, sie sollen sich rund um die Grube aufstellen, und dann wurden sie erschossen. Sie sind in das Grab gefallen, einer auf den anderen. Nicht alle waren tot, aber wenn sie es ausgehalten haben, zwischen all den Leichen zu liegen, haben sie so getan, als wären sie tot. Wenn die Nazis dann weggegangen sind, versuchten sie, aus dem Massengrab herauszuklettern. Wenn sie das geschafft haben, konnten sie manchmal weglaufen und sich irgendwo verstecken.
M wie Musik. Es gab sogar Musik in diesen Lagern! Richtige Musikkapellen, die spielen mussten, wenn die anderen zur Arbeit getrieben wurden, oder wenn die Nazis sich langweilten. Manchmal mussten sie auch spielen, während jemand umgebracht wurde. Das war für die Nazis wie ein Fest, ein Schauspiel, etwas zum Lachen, und deshalb wollten sie Musik dazu haben. Natürlich blieb den Leuten im Lager nichts anderes übrig, als zu tun, was die Nazis wollten. Wenn sie sich geweigert hätten, Musik zu machen, wären sie auf der Stelle umgebracht worden.
M wie man. Sagt man immer und denkt, alles wär klar, und ich schreibe es hier auch oft. Aber man, das sind Menschen.
Neulich waren wir im Tiergarten, da gab es ein Konzert. Die Musik war schon von ziemlich weit weg zu hören, vor allem eine Geige und eine Klarinette, manchmal traurig, manchmal aber auch sehr fröhlich. Ich hab erfahren, dass das Klezmer-Musik ist, und dass Juden in Osteuropa diese Musik gemacht haben. Viele Leute waren im Tiergarten, auch Kinder, und alle mochten diese Musik, viele haben getanzt. Es waren keine Juden, die die Musik gemacht haben, sondern Leute aus Berlin. Anfangs gefiel mir die Musik sehr gut, aber dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste immer daran denken, dass es Musik ist von Menschen, die umgebracht worden sind. Und dass vielleicht die Eltern und Großeltern der Leute, die zugehört und geklatscht und getanzt haben, dabei geholfen haben, sie umzubringen. Ich bin weggerannt.
Yvonne war sauer, zum Glück war Michael dabei, er hat gesagt, sie soll sich nicht so aufregen.
M wie Michael. So heißt Mamas neuer Freund. Ich glaube, er ist ganz in Ordnung, jedenfalls versucht er nicht, mich zu erziehen. Das Beste daran ist, dass Yvonne sich nicht mehr so viel um mich kümmert. Die beiden sind richtig verliebt, obwohl ich das ziemlich merkwürdig finde. Eigentlich ist es ganz logisch, aber trotzdem … Dass Yvonne in Michael verliebt ist so wie ich in Frank – irgendwie ist das komisch. Fast schon peinlich. Wenn wir manchmal nach dem Abendessen dasitzen und reden, dann gucken sie sich plötzlich so komisch an. Dann werden sie albern, und dann verschwinden sie bald in Mamas Schlafzimmer. Ich kann mir schon vorstellen, was die da tun, obwohl ich es mir gar nicht vorstellen will. Frank und ich, wir küssen uns jetzt manchmal. Ich weiß aber noch nicht, ob ich das wirklich gut finde.

„Darf ich noch mal runter zu den anderen? Den Tisch hab ich schon abgeräumt.“ Laura bedauerte wieder einmal, dass Yvonnes Fortbildungskurs abgeschlossen war. Nun war sie abends immer zu Hause. Und leider traf sie sich heute mal wieder erst später mit Michael. Bestimmt hatte sie was dagegen, dass Laura nach dem Abendessen noch mal runter ging.
„Nein. Es wird Zeit, dass wir mal miteinander reden.“
„Aber worüber denn? Und warum ausgerechnet jetzt? Die anderen warten.“
„Dann warten sie eben. Ich finde es überhaupt nicht gut, wenn ihr da immer auf der Straße rumhängt. Außerdem hab ich wirklich mit dir zu reden, über diese Reise mit Aische.“
„Ach, das dauert ja noch ewig, leider.“
Ungeduldig von einem Bein aufs andere trippelnd, stand Laura in der Tür zum Badezimmer. Yvonne sortierte Wäsche. Wozu jetzt über etwas reden, was leider noch in so weiter Ferne lag wie die Reise während der Ferien. Laura hatte Frank fest versprochen, noch mal runterzukommen.
„Yvonne, bitte!“
„Was ist das denn?“
Noch bevor Yvonne sich umgedreht hatte, war Laura klar, was sie ihr gleich präsentieren würde. Blitzschnell spulte sich alles in ihrem Kopf ab. Yvonne hatte bislang nicht erwähnt, was sich neulich bei den Großeltern abgespielt hatte. Laura war nach Hause gekommen, mit dem gelben Stern auf dem T-Shirt. Wenn Yvonne da gewesen wäre, hätte sie den Stern gesehen. Laura war direkt enttäuscht gewesen, dass ihre Mutter ihn nicht sah. Aber dann war ihr das Ganze selber etwas unheimlich geworden. Sie hatte das T-Shirt ausgezogen, es versteckt. Wo sie sich die Arbeit mit dem Nähen schon mal gemacht hatte – wer weiß, wozu der Stern noch mal gut sein würde.
Aber nun war das T-Shirt irgendwie in den Korb mit der schmutzigen Wäsche geraten. Und sie würde nun bestimmt nicht mehr runter zu den anderen kommen. Und Frank würde sauer sein.
„Was soll das schon sein? Mein T-Shirt.“ Mit dem Rücken an den Türrahmen gelehnt, rutschte Laura ganz langsam in die Hocke.
Yvonne stand da und starrte auf das T-Shirt, genauer gesagt, auf den Stern darauf. „Du erklärst mir jetzt sofort, was das zu bedeuten hat.“ Dass ihre Stimme so leise war, hatte nichts Gutes zu bedeuten.
„Was soll ich denn da erklären?“ Lauras Stimme war eine Spur zu forsch. Sie fühlte sich äußerst unwohl. Aber was konnte es bedeuten, dass ihre Großeltern Yvonne nicht längst von der Sache informiert hatten? Doch wohl nichts anderes, als dass sie damit gewissermaßen ins Schwarze getroffen hatte. Die hatten ein schlechtes Gewissen. Sonst hätten sie doch Yvonne längst alles erzählt.
Yvonne setzte sich, das T-Shirt hielt sie in der Hand, auf den Rand der Badewanne. „Bist du etwa damit draußen rumgelaufen?“
Laura antwortete nicht, doch Yvonnes Blick wich sie nicht aus.
„Wann? Wo? Und – warum?“ Yvonne hielt es nicht aus, wie unverwandt Laura sie anstarrte. Sie senkte die Augen – doch da war das T-Shirt, der Stern. So wandte sie ihren Blick erneut auf Laura. Die schien darauf nur gewartet zu haben.
„Du guckst mich an, als wär ich ein Ungeheuer. Wirklich irre, dieser Stern. Anscheinend wirkt er heute noch genau wie damals.“
Als Yvonne zu reden begann, war es anfangs nur ein Flüstern, dann ein Krächzen, und dann brüllte sie. Laura hockte noch immer auf der Schwelle der Badezimmertür. Sie beobachtete ihre Mutter, als hätte sie ein Insekt vor sich. Sie wusste, dass dies nicht der Wirklichkeit entsprach, aber so war die Wirklichkeit besser auszuhalten. Sie wusste außerdem, dass Yvonne zumindest ahnte, was für ein Spiel Laura mit ihr trieb, und dass sie dadurch nur noch wütender wurde.
„Was bildest du dir eigentlich ein? Wie kommst du dazu, dich so aufzuspielen! Du bist keine Jüdin, du bist auch nicht verfolgt, sondern bloß eine durch und durch verwöhnte Göre! Wegen der zwei, drei Sachen, die du da weißt, glaubst du gleich, über alles und jedes urteilen zu können. Und immer und auf jeden Fall im Recht zu sein! Dabei hast du nichts, aber auch gar nichts kapiert. Findest du es nicht reichlich anmaßend, wenn ausgerechnet du mit diesem Stern auf der Brust rumläufst? Ausgerechnet du? Findest du es nicht ausgesprochen peinlich, wie du diesen Stern missbrauchst? Du riskierst nichts, absolut nichts, wenn du ihn dir auf ein T-Shirt heftest. Für dich ist das wahrscheinlich … eine Art Orden. Auf den du aber keinen Anspruch hast, kapierst du? Und du hast auch kein Recht dazu, andere damit fertig zu machen!“ Yvonne schien Atembeschwerden zu haben nach dieser wutentbrannten Predigt.
„Natürlich nicht.“ Laura blieb ganz ruhig. „Mir ist bekannt, wer fertig gemacht wird. Immer die mit dem Stern. So war es schließlich auch damals. Und es überrascht mich überhaupt nicht, wenn die Tochter von einem, der fast ein Nazi geworden wär -„
Yvonne stand auf, und Laura hielt es nicht für nötig, diesen Satz zu beenden. Sie ließ ihre Mutter nicht aus den Augen. Was würde sie jetzt tun? Losheulen? Ihr eine Ohrfeige geben? Laura sah dieses Badezimmer, sie sah ihre Mutter mit dem T-Shirt, sie sah sich selbst. Als wäre alles ein Film. Ein ziemlich unerträglicher Film, den sie aber nicht ausblenden konnte. Wenn sie es endlich schaffen würde aufzustehen, dann vielleicht – aber es gelang ihr nicht einmal, auch nur einen Fuß zu bewegen.
Je länger sie ihre Mutter beobachtete, umso unheimlicher erschien sie ihr. Fremd wie ein Insekt. Was stellt so ein Insekt mit einem T-Shirt an? Nichts natürlich. Es lässt dieses T-Shirt einfach fallen, und dann verlässt es das Badezimmer, ohne irgendetwas zu sagen. Warum auch nicht? Was macht ein Insekt in einem Badezimmer, und wer hörte je davon, dass so ein Tier sprechen kann?
Dann fiel die Tür zu Yvonnes Zimmer zu, und Laura kam wieder zu sich. Aber jetzt war es zu spät. Und wenn es jetzt zu spät war, dann konnte sie ja doch noch runter auf die Straße. Vielleicht wartete Frank ja noch auf sie.

M wie Mütter. Die galten bei den Nazis als was ganz Besonderes. Weil sie die Kinder kriegen, und man brauchte viele Kinder, weil die alle mal Soldaten werden sollten. Ein Kind auf die Welt bringen, haben die Nazis gesagt, das wär dasselbe wie eine Schlacht im Krieg gewinnen. Mütter, die viele Kinder hatten, bekamen Orden.
Jetzt habe ich mit Yvonne Streit, weil sie den Stern entdeckt hat. Und weil ich ihr gesagt hab, ihr Vater wär fast ein Nazi geworden. Nur war dann, Pech für ihn, der Krieg zu Ende. Sie hat geheult und getobt, aber es stimmt. Er hat es doch selber zugegeben. Tip top in Ordnung, den Satz vergess ich nie.
Yvonne hat gesagt, ich mach mir das alles zu einfach. Opa wäre damals jung gewesen, und viele alte Leute denken gern an die Zeit, in der sie jung waren. Weil ihnen damals das Leben Spaß gemacht hat, weil sie noch fit waren und alles vor sich hatten.
Aber damals waren die Nazis. Und wenn ihr Vater sogar noch heute so gerne dran denkt … Für mich ist die Sache klar. Yvonne sollte lieber mal mit ihrem Vater über damals reden, anstatt mit mir zu streiten.
Ich hab ihr versprochen, das mit dem Stern nicht mehr zu machen. Ob sie sich damals, wenn sie dabei gewesen wäre, auch so darüber aufgeregt hätte?

16 – Doch keine Reise nach Istanbul

B wie behindert. Die Nazis brachten auch Behinderte um, weil sie sagten, die könnten sowieso nicht richtig arbeiten und wären eigentlich gar keine richtigen Menschen.
Camillas Bruder ist behindert, aber er hat sich schon daran gewöhnt. Moritz sitzt im Rollstuhl, aber er fährt damit überall hin. Er kann sogar Kunststücke machen in seinem Rollstuhl. Er ist schon siebzehn und denkt sich immer Sachen mit seinem Computer aus. Er kann auch CDs brennen, von Bands, die noch keiner kennt. Yvonne sagt, das wär verboten, aber Moritz sagt, es wär ein Kinderspiel.
Als die Leute damals rausgekriegt haben, was man mit den Behinderten macht, waren sie dagegen. Sie beschwerten sich, und dann hörten die Nazis damit auf. Bei den Juden haben sich die Leute nicht beschwert, deshalb mussten die Nazis auch nicht damit aufhören, sie umzubringen.
B wie Bibel. Es gibt davon zwei Teile. In der ersten Hälfte wird erzählt, was alles geschehen ist, bevor Christus gelebt hat, in der zweiten Hälfte erfährt man, was Christus getan hat und was nach seinem Tod passiert ist. Die erste Hälfte der Bibel ist für Juden und Christen absolut gleich! Deshalb kann man sagen, dass es fast dieselbe Religion ist. Bloß die zweite Hälfte der Bibel haben die Christen ganz für sich, weil die Juden nicht glauben, dass der Christus damals schon der Richtige war. Sie denken, der richtige Christus kommt erst noch, und dann wird alles gut.
In Aisches Religion heißt die Hauptperson nicht Christus, sondern Mohammed. Yvonne sagt, das wäre trotzdem fast dasselbe. Aische weiß nicht so genau, ob sie an Mohammed glauben soll. Sie sagt, je älter sie wird, umso weniger darf sie, und immer wegen der Religion. Ihr Vater will, dass sie sich ein Kopftuch umbindet, aber sie hat keine Lust dazu. Deswegen gibt es meistens Krach bei ihr zu Hause. Sie hat schon ihre Tage, aber sie will nicht mit mir darüber reden. Sie sagt, sie will keine Frau werden, weil Frauen in ihrer Religion eigentlich überhaupt nichts dürfen. Wenigstens nichts, was Spaß macht. Und immer nur so, wie die Männer es wollen. Wenn wir zusammen ins Kino wollen, müssen wir uns immer einen Trick ausdenken, damit ihre Eltern es nicht erfahren.
Yvonne hat jetzt nichts mehr gegen Aische. Sie sagt, Aische wäre viel vernünftiger als ich, aber dass Aische es einmal schwer haben wird. Weil ihre Eltern Angst haben, dass sie nicht lebt wie türkische Mädchen leben sollen, und weil die Deutschen hier nicht glauben, dass Aische wie wir leben möchte. Aische hat gefragt, wieso man überhaupt deutsch oder türkisch sein muss, wenn man von beidem nichts als Ärger hat.
B wie Befehl. Als der Krieg vorbei war und die Leute aus den Lagern raus durften, gab es eine Gerichtsverhandlung, weil viele Deutsche ja ganz schreckliche Sachen gemacht hatten, die eigentlich verboten sind. Aber vor diesem Gericht haben die Nazis dann gesagt, sie wären gute Nazis und hätten bloß getan, was ihnen befohlen worden war. Jeder Befehl wäre von ganz oben gekommen, und dagegen hätte man nichts machen können. Selbst wenn sie Juden umgebracht hätten, dann wär das nur deshalb gewesen, weil sie einem Befehl gehorcht hätten. Deswegen wären sie auch nicht schuld daran. Einige sind damals verurteilt worden, die allermeisten aber nicht. Weil es schwer war, ihnen etwas zu beweisen, und weil sie gesagt haben, es ist alles nur geschehen wegen dieser Befehle.
Sebastian und Andrea sagen, daraus könnte ich lernen, dass es nicht immer richtig wäre zu gehorchen. Ich müsste erst einmal nachdenken, warum und wem ich gehorche. Viele Befehle wären falsch. Yvonne hat gesagt, das wäre im Prinzip richtig. Wenn sie sagt, im Prinzip, dann weiß ich schon, was sie damit meint. Zum Beispiel, dass sie keine Lust hat, mit mir darüber zu reden, warum ich dies oder jenes machen soll oder etwas nicht machen darf.
Zum Beispiel die Radtour mit den anderen. Sie hat gesagt, ich darf nicht mit, weil an dem Wochenende ausgerechnet Klaus mal wieder hier ist. Ich finde das nicht gerecht. Mein Vater hätte mich ja vorher fragen können, ob ich überhaupt Zeit habe an diesem Wochenende. Bloß weil sie erwachsen sind und meine Eltern, wollen sie immer alles bestimmen. Aische darf auch nicht mit auf die Radtour, weil da auch Jungs mitfahren. Aber obwohl es bei uns keine Religion gibt, bin ich jetzt genauso blöd dran wie sie.
„Aber es war doch alles abgemacht!“ Laura wollte einfach nicht glauben, was Yvonne da eben gesagt hatte. „Du warst doch einverstanden, hast alles mit Aisches Eltern besprochen. Wieso darf ich nun doch nicht mit ihr nach Istanbul?“
„Weil Aische auch nicht fährt.“
„Aber warum denn nicht?“
„Du behauptest doch, jeden Tag die Zeitung zu lesen. Da müsstest du schon mal mitgekriegt haben, was derzeit überall auf der Welt los ist.“
Laura verdrehte die Augen. „Wir fahren doch nicht in den Irak! Auch nicht nach Afghanistan! Und überhaupt, was geht es mich denn an, wenn irgendwelche Idioten irgendwo auf der Welt mit Bomben schmeißen?“
„Aha, du weißt ja doch, worum es geht. Zumindest was den objektiven Aspekt betrifft.“
„Geht’s ein bisschen weniger hochgestochen?“
„Aber sicher. Ich möchte dir ganz einfach ersparen, dass du höchstpersönlich erlebst, wie das ist, wenn welche mit Bomben schmeißen. Klar?“
„Nein. Hier in Berlin passiert doch auch jeden Tag was.“
„Anscheinend fällt deine Zeitungslektüre doch eher flüchtig aus. Sonst müsste dir der Unterschied klar sein. Doch wie auch immer, Aisches Eltern sehen die Sache ganz genauso. Es ist zurzeit einfach zu gefährlich. Im Übrigen wundert es mich, dass Aische dir das nicht schon erzählt hat. Wart ihr nicht gestern Nachmittag zusammen im Kino?“
„Ja, klar … Aber da … Der Film war super, hab ich dir das schon erzählt?“
„Nein, aber ich glaube es dir gern. Nur – dass du tatsächlich mit Aische im Kino warst, das glaub ich dir jetzt nicht mehr so ganz.“
„Klar war ich mit Aische dort, mit wem denn sonst?“
„Wie heißt er noch? Frank, nicht wahr?“
„Quatsch, das ist vorbei.“ Laura wurde rot bis unter die Haarwurzeln. „Und überhaupt, was soll das jetzt alles. Das ist nun doch vollkommen uninteressant. Was mache ich in den Ferien?“
T wie Türkei. T hatte ich eigentlich schon, aber es ist ja sowieso schon alles durcheinander. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Aische und ich wollten in den Ferien zusammen verreisen, nach Istanbul. Dort leben Verwandte von Aische. Aber nun dürfen wir doch nicht. Wieder einmal ist die Religion schuld daran, genauer: drei Religionen. Nein, das ist auch falsch. Alle haben etwas mit Islam zu tun. Aber mehr oder weniger. Mehr, das sind Leute wie Aisches Eltern. Obwohl mir Aische gesagt hat, da gibt es welche, die sind noch viel strenger mit ihrer Religion. Außerdem gibt es in der Türkei die Aleviten, das sind, so kommt es mir vor, etwas modernere Moslems – ohne verschleierte Frauen, nicht so viele Vorschriften. Dann gibt es noch die Kurden. Das sind auch Moslems, aber die nehmen das mit der Religion nicht so wichtig. Sie kämpfen gegen die Türken, weil sie selber bestimmen wollen, wie sie leben. Diese drei Gruppen also gibt es so ungefähr in der Türkei, und weil die sich nicht einigen können und manchmal ganz schön brutal aufeinander losgehen, und weil es sonst in der Welt derzeit auch drunter und drüber geht, nur deshalb dürfen Aische und ich in den Ferien nicht nach Istanbul. Ich hab Andrea noch immer nicht gefragt, was die Türken damals mit den Armeniern gemacht haben. Und wie das in Ruanda war, muss ich auch noch rauskriegen. Vielleicht kann Klaus mir dazu was sagen, wozu lebt er in Afrika.
W wie Wannsee, der See hier in Berlin. Dort gab es eine Konferenz, und da wurde beschlossen, dass die Juden umgebracht werden sollen. Nicht nur die aus Deutschland, sondern alle, die in Europa leben. Das Haus, in dem das besprochen wurde, steht heute noch. Eine Villa direkt am Wasser mit einem großen Garten. Neulich war ich dort, mit Yvonne und Michael. Es gibt dort eine Ausstellung, und ich sah diese Fotos. Dagegen ist alles, was ich bisher gesehen habe, gar nicht so schlimm. Wirklich! Was habe ich bisher schon gesehen – Fotos, wie die Leute aus ihren Wohnungen getrieben worden sind, wie sie auf die Lastwagen steigen mussten, wie die Fensterscheiben von ihren Läden eingeschlagen worden sind. Wie sie mit dem gelben Stern auf den Straßen herumlaufen. Wie die Synagogen brennen. Und Sachsenhausen hab ich auch gesehen – tip top in Ordnung.
Nachdem ich diese Fotos gesehen habe, stimmt das sogar. Denn dort in der Villa am Wannsee gibt es Fotos, darauf kann man sehen, was in Auschwitz war. Wie dünn die Leute waren, und wie sie trotzdem arbeiten mussten. Und dann die Leichen, Berge von Leichen. Berge von Koffern, Berge von Haaren, Berge von Brillen. Ich kann nichts darüber aufschreiben.
W wie Warschauer Ghetto. Davon gibt es auch Fotos in der Wannsee-Villa. Es war ein Stadtteil von Warschau, und die Juden mussten darin leben. Sie durften nicht raus, aber drin gab es fast nichts zu essen. Dann haben sie einen Aufstand gemacht, also richtig gekämpft gegen die Nazis. Sie hielten ziemlich lang durch, aber natürlich hatten sie keine Chance. Zum Schluss haben die Deutschen gewonnen und das ganze Ghetto in Brand gesteckt. Die Juden, die noch gelebt haben, wurden nach Auschwitz gebracht oder nach Treblinka. So hieß ein anderes Lager in Polen.
W wie Widerstand. Das heißt, dass man nicht tut, was alle tun, weil man es falsch findet. Man muss es meistens heimlich tun, am besten mit anderen zusammen. Es gab im Warschauer Ghetto Widerstandsgruppen, sogar in Auschwitz und in anderen Konzentrationslagern. Auch in Deutschland gab es Widerstand gegen die Nazis, von Deutschen, aber es waren nicht viele. In einer von diesen Widerstandsgruppen waren Offiziere, sie versuchten, Hitler umzubringen. Aber es hat nicht geklappt. Die haben das probiert, weil sie nicht einverstanden damit waren, wie Hitler den Krieg führt. Sie haben gesehen, dass sie den Krieg verlieren werden. Das wollten sie nicht, und deshalb haben sie versucht, ihn umzubringen. Was mit den Juden und den Zigeunern und den anderen passiert ist, war ihnen ziemlich egal.
Es gab auch Widerstandsgruppen mit ganz jungen Leuten, in München zum Beispiel. Die Weiße Rose, so hieß eine Gruppe. Da war ein Mädchen dabei, Sophie Scholl, und ihr und den anderen aus der Gruppe war nicht egal, was mit den Juden passiert ist. Sie verteilten Flugblätter, in denen war zu lesen, dass falsch ist, was die Nazis tun, und dann sind sie von den Nazis geschnappt und verhaftet und gefoltert worden. Aber sie haben trotzdem nichts verraten. Zuletzt wurden Sophie Scholl und ihr Bruder erschossen, ein anderer auch noch. Sophie Scholl war da 22 Jahre alt.
„Ehrlich gesagt, so schlimm finde ich es gar nicht.“
Es war ziemlich heiß, und Aische und Laura saßen auf einer Treppe der Ufermauer an der Spree, die bis ins Wasser führte. Beide ließen ihre Füße ins Wasser hängen – es war schmutzig, aber kühl.
„Aber wir hatten uns doch alles so schön vorgestellt!“, widersprach Laura. „Was wir alles machen in Istanbul zusammen –„
„Fragt sich bloß, was meine Verwandten uns erlaubt hätten“, unterbrach Aische. „Wie ich die kenne, fast nichts. Und zwar nicht wegen Politik oder so was, sondern weil sich ihrer Ansicht nach hunderttausend Sachen für Mädchen nicht gehören.“
Träge fuhr ein Lastkahn vorbei, auf dem ein kleiner Hund wild drauflos kläffte. Alle anderen Geräusche der Stadt schienen in der Hitze verdunstet zu sein.
„Aber was machen wir jetzt? Sechs Wochen Ferien!“ Laura lockte einige Enten an, indem sie Gras ins Wasser warf.
„Ja, das ist blöd.“ Aische seufzte. „Für dich ja vielleicht nicht. Du hast ja noch andere Möglichkeiten.“
„Ich wüsste nicht, welche.“
„Aber dein Vater! Hast du nicht gesagt, er will, dass du mal zu ihm kommst?“
„Er will schon. Aber ich nicht.“
Aische schien das überhört zu haben. „Nach Afrika! Stell ich mir irre vor.“
„Mag ja sein“, unterbrach Laura sie schroff. „Vielleicht später mal. Aber jetzt … Mein Vater hat doch ’ne neue Frau. Mit der lebt er dort. Und auf die hab ich ehrlich gesagt keine Lust. Mir reicht schon Michael.“
„Hallo, ihr beiden!“
Oben auf dem Weg ging Maries Mutter vorbei. Sie winkte.
Laura und Aische wussten nicht so recht, was sie tun sollten. Vor allem Laura war es peinlich, dass sie neulich bei Marie zu Hause mit diesem Streit angefangen hatte. Denn diesmal war es eindeutig sie gewesen.
Als Maries Mutter außer Sichtweite war, stieß Aische Laura kichernd an. „Anscheinend ist sie nicht mehr sauer wegen neulich.“
„Blöd war es trotzdem“, murmelte Laura.
Eine Weile schwiegen beide.
„Hast du nicht gesagt, die wurden alle umgebracht?“, platzte Aische dann heraus. „Irgendwas stimmt da doch nicht!“
„Jetzt redest du schon wie die Skins!“, regte sich Laura auf.
„Man wird doch noch mal fragen dürfen!“, konterte Aische. Aber sie sprach wieder ruhiger. „Ich dachte ja nur, wo du so viel darüber weißt …“
Die Bemerkung ließ auch Lauras Zorn schwinden. „Nein, nicht alle. Manche haben überlebt. Hier leben mehr Juden, als du denkst.“
Laura gab ziemlich an, und das wusste sie auch. Sie nannte jede Menge Zahlen. Wie groß die jüdische Gemeinde derzeit war, dass viele aus Russland kamen.
Daran war Aische nicht interessiert. „Dass wir Moslems sind, weißt du ja.“ Sie sah jetzt doch wieder so aus, als suche sie Streit.
Blöde Bemerkung, dachte Laura. Schließlich hatte sie Aisches Kopftuch in ihren Rucksack gestopft!
„Und Moslems sind es auch, die in Palästina unterdrückt werden. Dir ist ja wohl klar, von wem?“
Laura wurde richtig blass. Aische, ausgerechnet, die sagte so etwas! Ihre beste Freundin! „Seit wann kümmerst du dich um so was?“, zischte sie. „Du liest ja nicht mal Zeitung!“
„Muss ich auch nicht“, trumpfte Aische auf. „Bei mir zu Hause reden ja alle darüber. Was dort in Palästina passiert. Was deine Juden dort tun!“
„Meine Juden, so ein Quatsch!“ Laura sprang auf. Sie war wütend und hilflos zugleich. Eine Ente steckte gerade den Kopf ins grünlich trübe Wasser, und Laura beneidete sie. So etwas Ähnliches hätte sie im Moment auch gern getan.
Auch Aische war aufgestanden. Es tat ihr schon leid, was sie gesagt hatte. „Sahnebonbons?“ Sie griff in ihre Hosentasche, wo sie immer einen Vorrat der klebrigen Süßigkeit bereithielt.
Laura begriff, das war eine Entschuldigung. Und ein Versöhnungsangebot. Aber auf Sahnebonbons hatte sie im Moment keine Lust. Außerdem machten sie dick. Sie griff nach ihrem Handy. Noch immer keine SMS von Frank.
„Lass uns ein bißchen rumlaufen“, schlug sie Aische vor, „vielleicht treffen wir ja jemanden.“
Aber in der Hitze kurz vor Beginn der Ferien war die Uferpromenade leer. Als sie an dem Gedenkstein vorbeikamen, der an das jüdische Gymnasium erinnerte, das früher hier stand, sahen sowohl Laura wie Aische nicht hin. Jetzt bloß keinen Streit mehr! Der Nachmittag war schon öde genug.
In der Turmstraße war dann doch mehr los. Sie kauften sich beide ein Eis, was sich umgehend günstig auf ihre Stimmung auswirkte. Bald redeten sie miteinander, wie immer. Und Laura war wieder bei ihrem üblichen Thema.
„Weißt du, was ich merkwürdig finde? Es ist in dieser Stadt kein Problem, Juden kennen zu lernen. Aber einen Nazi, den findest du nicht!“
„Vielleicht sind die ja alle längst tot“, schlug Aische vor. Ihr Schulterzucken machte deutlich, was sie dachte – gab es denn gar kein anderes Thema mehr für Laura?
„Glaub ich nicht“, widersprach die prompt. „Wenn es noch Juden gibt, die damals gelebt haben, dann muss es doch auch noch alte Nazis geben.“
„Vielleicht schämen sie sich und geben es nicht zu.“
„Teils teils. Dass sie es nicht zugeben, damit hast du wahrscheinlich Recht. Aber dass die sich deswegen alle schämen, das glaub ich eben nicht. Mein Großvater zum Beispiel …“
„Was ist mit dem?“, hakte Aische nach, als Laura nicht weiter sprach.
„Ach, vergiss es. Er ist das falsche Beispiel. Er ist nicht alt genug.“
So sehr sich Aische auch bemühte, viel mehr war aus Laura nicht mehr herauszubekommen.
„Das wär was für die Ferien!“, platzte Laura nach längerem Schweigen heraus.
„Was?“
„Einen Nazi finden! Ich will endlich einen Nazi finden!“
Aische verdrehte die Augen. „Gib mir mein Kopftuch. Ich will nach Hause.“

17 – Nichts als Ärger

N wie Nationalsozialismus. So hieß das damals. Heute sind wir ein demokratischer Staat, damals war es ein nationalsozialistischer. Eine Nation ist ungefähr dasselbe wie ein Staat, und national heißt, dass man sich hauptsächlich um die Leute kümmert, die im eigenen Staat leben. Was die anderen Staaten machen oder wollen, ist einem egal. Sozialismus ist auch eine Staatsform, früher war zum Beispiel Russland sozialistisch. Auch Ostberlin und die neuen Bundesländer. Sozialistisch bedeutet, dass es allen, die in so einem Staat leben, gleich gehen soll, und zwar gleich gut. Deshalb gibt es im Sozialismus keinen Fabrikbesitzer, die Fabrik soll allen gehören. Aber irgendwie hat das mit dem Sozialismus nicht funktioniert, da ging es den Leuten gar nicht besonders gut.
Am Anfang vom Sozialismus gibt es immer eine Revolution, das heißt, dass alles anders werden soll. Deshalb war das mit dem Nationalsozialismus ein Trick. Die Leute sollten denken, dass alles anders wird, wenn sie den Hitler und seine nationalsozialistische Partei wählen. Anders und besser natürlich. Aber dann ist es nur anders geworden, und zwar viel schlimmer, als es war. Am Anfang war es nur für die Juden schlimm, aber dann haben die Nazis den Krieg angefangen, und dann ist es für alle schlimm geworden.
Nazi ist eine Abkürzung für jemand, der den Nationalsozialismus gut findet. Es gibt auch Neonazis, zum Beispiel an unserer Schule. Manche von denen haben ganz kurze Haare und tragen Militärstiefel. Alles was mit Nazi zu tun hat, ist heute verboten, aber das macht denen nichts aus. Sie wollen, dass alles ganz ordentlich ist und dass keine Ausländer bei uns leben. Für Aische ist das manchmal richtig schwierig. Ihr Vater will, dass sie sich dieses Kopftuch umbindet, aber dann weiß jeder sofort, dass sie Türkin ist. Dann machen diese Neonazis und auch andere blöde Sprüche. Wenn sie ihr Kopftuch nicht trägt, merkt keiner, dass Aische Türkin ist. Aber dann kriegt sie Ärger mit ihrem Vater. Ihr Bruder verpetzt sie nämlich.
N wie Nürnberger Gesetze. In Nürnberg haben die sich diese Gesetze gegen die Juden ausgedacht und sie auch aufgeschrieben. Darin steht, wer Jude ist und wer nur halb oder noch weniger oder gar nicht. Andrea erzählte mir, dass das einfach nur ausgedacht war. Bei den Juden ist das nämlich so: Nur wer eine jüdische Mutter hat, ist auch selber Jude. Aber die Nazis sagten, es gibt Volljuden und Halbjuden und Vierteljuden und Achteljuden und so weiter. In diesen Gesetzen stand auch drin, was die Juden alles dürfen: fast gar nichts. Sie brauchten besondere Genehmigungen, um irgendeine Arbeit zu machen, wenn einer ein Arzt war, durfte er nur noch jüdische Patienten haben. Lehrer durften nur jüdische Kinder unterrichten. Außerdem hat man den Juden nach und nach alles weggenommen.
Anfangs sagte man, sie sollen in andere Länder gehen. Das war aber sehr teuer, deshalb konnten das nicht viele bezahlen. Und die anderen Länder wollten auch keine Juden haben. Deshalb mussten die meisten hier bleiben. Erst durften sie bestimmte Berufe nicht mehr haben, dann mussten sie aus ihren Wohnungen raus, den gelben Stern tragen, damit jeder gleich sieht, dass sie Juden sind. Sie durften sich nicht einmal auf dieselbe Parkbank setzen wie andere Leute. Weil in diesen Nürnberger Gesetzen stand, dass Juden keine Deutschen sind und dass für sie kein Platz ist in Deutschland und dass sie überhaupt keine richtigen Menschen sind. Erst sagte man, sie sind keine Deutschen, und dann sagte man, sie sind keine Menschen, sondern Ungeziefer, das man vernichten muss.
Und genau das haben die Deutschen dann ja auch getan.

„Was ist denn hier los?“ Yvonne war noch im Mantel, als sie Laura verbissen bei ihrer seltsamen Arbeit entdeckte. „Laura! Was machst du denn?“
Laura antwortete nicht, sie hatte nicht einmal einen Blick für ihre Mutter übrig. Vor ihr lag ein Stapel Zeitungen, und in jeder dieser Zeitungen gab es eine fünfte Seite, und alle diese fünften Seiten mussten zerrissen werden.
Der Fußboden rund um den Tisch war schon über und über mit Schnipseln bedeckt. Laura ging systematisch vor. Sie schlug die jeweils oben liegende Zeitung auf und schaffte es inzwischen mit einem Ruck, diese fünfte Seite herauszureißen, die sie dann anschließend in viele kleine Fetzen zerriss, gründlich, bedächtig und doch voller Wut.
„Was soll das, verdammt noch mal!“ Yvonne stand jetzt mitten im Zimmer.
Laura würdigte sie nach wie vor keines Blickes, doch konnte sie nicht verhindern, dass ihre Mutter sich nun einer der Zeitungen bemächtigte, aus der diese fünfte Seite noch nicht entfernt worden war.
Es dauerte eine Weile, bis Yvonne den Kasten entdeckte, links unten auf der Seite. „Lauras Heft“ stand dort als Überschrift, und darunter dick und fett der Buchstabe D.
Laura stoppte ihre Zerstörungswut. Sehr kühl und distanziert beobachtete sie die Reaktion ihrer Mutter.
„D wie David“, begann Yvonne vorzulesen. Ein irgendwie geschmeicheltes Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel.
„Hör sofort auf damit!“, fiel Laura ihr barsch ins Wort. „Ich kenne den Text, und du kennst ihn auch.“
„Super! Michael hat es geschafft!“ Yvonne schien sich ehrlich zu freuen. Dann erst wurde ihr klar, dass Laura die Sache ja wohl etwas anders sah. Verunsichert sah sie von Laura zu den Zeitungsfetzen auf dem Boden und wieder zu Laura. „Was stört dich denn daran? Es war für Michael gar nicht so leicht, die Redaktion zu überzeugen -„
„Das interessiert mich nicht!“ Lauras Stimme war ganz ruhig, kühl und schneidend. „Dein Michael hätte sich erst einmal mit mir einigen müssen, bevor er seine Redaktion überzeugt. „
„Aber ihr habt doch neulich stundenlang darüber geredet!“
„So ist es. Ich hab ihm stundenlang erklärt, dass ich mir noch lange nicht sicher bin, ob das gedruckt werden soll. Aber dein Michael – entweder ist er bescheuert. Oder gemein. Beides spricht nicht gerade für ihn.“
„Wieso bescheuert? Und wieso gemein? Ich verstehe überhaupt nicht -„
„Ja, natürlich nicht. Ihr beide passt wirklich gut zusammen, wenn du das nicht verstehst!“ Lauras Stimme war nun nicht mehr ganz so leise. „Wie du ganz richtig sagst, wir haben endlos darüber gesprochen. Ich dachte, ich hätte ihm alles erklärt. Was heißt, ich dachte – ich hab’s ihm erklärt! Und nun gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er hat kein einziges Wort verstanden – dann ist er bescheuert. Oder er hat mich ganz genau verstanden. Und dann nenn ich das – gemein.“
„Aber Laura !“
„Unterbrich mich jetzt nicht! Er hat mein Heft einfach an sich genommen. Das ist Diebstahl. Jetzt weiß ich, weshalb es neulich plötzlich verschwunden war. Dein Michael ist nichts anderes als ein hundsgemeiner hinterhältiger Dieb!“ Laura brüllte jetzt, und sie kämpfte mit Tränen.
„Laura, beruhige dich! Das war bestimmt nur ein Missverständnis. Warte doch ab, bis Michael -„
„Hör endlich auf damit! Ich kann diesen Namen nicht mehr hören. Was hab ich denn überhaupt mit deinem Liebhaber zu schaffen!“ Um sich gegen den Kloß in ihrem Hals zu wehren, begann Laura erneut, die Zeitungsseiten zu zerreißen. Jetzt aber nicht mehr mit System, sondern wild, wie sie sie in die Hand bekam.
Yvonne räusperte sich. „Was immer da schief gelaufen sein mag – was versprichst du dir davon, die Zeitung jetzt zu zerreißen? Weißt du, wie hoch die Auflage ist?“
„Danke für die Belehrung! Ich hab so viele gekauft, wie ich für mein Geld kriegen konnte.“
„Aber das muss dich ja ein Vermögen gekostet haben!“
„Spar dir dein Mitgefühl! Hier geht es nicht um Geld.“ Mit dem Handrücken wischte Laura sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Worum geht es denn? Tut mir leid, Laura, aber so ganz verstehe ich dich noch immer nicht. Was ist denn so schlimm daran, dass dein Heft veröffentlicht wird?“
„Es ist mein Heft! Ich hab das alles geschrieben. Und ich bin noch lange nicht fertig damit, leider … Und dann, es ist alles völlig durcheinander. Ich wollte doch alles noch ordnen, sobald ich alle Buchstaben habe! So wie das jetzt ist – die Leute müssen ja denken, ich kenn‘ nicht mal das Alphabet!“
„Entschuldige, aber … ist das nicht etwas kindisch? Glaubst du wirklich, es kommt auf die Reihenfolge der Buchstaben an?“
„Mir schon!“ In hilflosem Zorn, und obwohl sie wusste, dass es kindisch war, stampfte Laura mit dem Fuß auf den Boden.
Genau in diesem Augenblick wurde der Schlüssel in der Wohnungstür umgedreht, und gleich darauf stand Michael in der Tür zu Lauras Zimmer. Er lächelte gut gelaunt, wedelte sichtlich stolz mit einem Exemplar jener Zeitung, mit deren Vernichtung Laura beschäftigt war. Als er sah, welches Schlachtfeld sich vor ihm ausbreitete, gefror ihm dieses Lächeln zu einer Maske. Sehr viel schneller als Yvonne begriff er, was los war.
„Ja, Laura, äh …“ Er sah betreten auf seine Schuhe. „Das ging nun alles sehr viel schneller, als ich dachte. Und genau genommen waren wir uns doch einig … Es tut mir leid, wenn … Weißt du, da ist ein anderer Artikel zu spät gekommen, und da …“ Er stottert hilflos.
Laura verschränkte beide Arme und ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war direkt gespannt, wie er sich jetzt aus der Sache herauswinden würde. In ihren Augen schimmerte ein kalter Glanz.
„Aber man kann doch über alles reden!“ Mit einem nervösen Lächeln machte Yvonne einen Schritt in Michaels Richtung, den nächsten zu Laura. Sie hatte das Gefühl, es gelte jetzt, etwas Schlimmes zu verhindern. Doch ihr fiel nicht ein, was sie tun könnte, und so zuckte sie hilflos mit den Schultern.
„Bei manchen Leuten ist jedes Wort zu viel.“ Eiskalt war Lauras Stimme, sie vibrierte vor Verachtung.
„Aber versuch doch zu verstehen“, setzte Michael erneut an. „Im Prinzip waren wir uns doch einig, das zu veröffentlichen. Klar, ich weiß, du wolltest damit noch warten. Aber … in der Redaktion gab es ziemlichen Widerstand. So etwas schreibt kein Kind in diesem Alter, haben sie gesagt, das glaubt kein Mensch. Und heute nun … Ich hab’s ja schon gesagt. Ein Artikel ist ausgefallen, und da … So ’ne Zeitung muss schließlich jeden Tag voll werden! Verdammt noch mal, Laura, es gibt doch auch ganz handfeste Gründe …“ Auch wenn er sich Mühe gab, er schaffte es nicht, sich in Wut zu bringen. Sein schlechtes Gewissen war unübersehbar.
Laura kam ihm mit keinem Wort zu Hilfe.
„Außerdem ist es sinnlos“, fuhr er nach längerem Schweigen fort, „jetzt die Zeitung zu zerreißen. Was einmal gedruckt ist, lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.“
Wieder schien er darauf zu warten, dass Laura endlich etwas sagte. Doch sie hatte sich in ihrem Schweigen regelrecht verbarrikadiert. Also redete er weiter.
„Wenn du mich fragst, das fängt sogar schon früher an, längst bevor es gedruckt wird. Was ein Mensch einmal gedacht hat, das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Und zerreißen hilft schon gar nichts.“ Er sah ratlos auf die Zeitung in seiner Hand.
„Findest du das alles überzeugend?“, platzte Laura nun heraus. „Findest du es wirklich in Ordnung, einfach über meinen Kopf hinweg so etwas zu tun? Es sind meine Gedanken, mein Heft! Was geht es mich an, wenn ihr eure Seiten nicht voll kriegt!“ Lauras mühsam bewahrte Ruhe war dahin, sie zitterte.
„Ja, ich … verstehe dich ja. Ich hätte vorher mit dir reden müssen. Jetzt … ja, im schlimmsten Fall … Wir können die Serie natürlich auch wieder stoppen.“
„Wieder stoppen?“ Laura stieß ein bitteres Lachen aus. „Damit jeder denkt, ich trau‘ mich nicht!“
„Aber wir könnten eine Erklärung …“
„Spar dir deine Erklärung! Und jetzt verschwindet! Ihr seid zum Kotzen!“
Michael und Yvonne gingen, Laura schloss die Tür hinter ihnen. Dabei entdeckte sie den Umschlag auf dem Stuhl. Honorar für Laura, stand darauf. Sie wurde blass, als sie die Euroscheine darin entdeckte.
„Auch das noch.“ Schluchzend warf sie sich auf ihr Bett.

I wie Israel. In der Bibel heißen die Juden Israeliten, und deshalb heißt das Land, in dem sie heute leben, Israel. Das Land wurde gegründet, als der Krieg vorbei war. Damit den Juden nicht noch mal so was Schreckliches passiert. Aber leider war das nicht so einfach. In dem Land lebten schon andere Leute. Manche waren Juden, die anderen Palästinenser. Die haben dann wieder Krieg geführt, die Israelis gegen die Palästinenser. Wieder einmal spielt die Bibel dabei eine Rolle. Die Juden sagen, das ist unser Land, weil das schon in der Bibel steht. Die Palästinenser sagen, aber wir leben doch schon immer hier. Wo sollen wir denn hin? Der Krieg ist auch heute noch nicht richtig vorbei. Aus Israel kommen Orangen und Erdbeeren und Avocados zu uns. Früher ist mir das nicht aufgefallen, dass bei jedem Korb mit Gemüse draufsteht, woher das Gemüse kommt oder das Obst. Andrea hat gesagt, wenn es den Krieg nicht gegeben hätte, würde es wahrscheinlich auch Israel nicht geben. Weil dann die Juden nicht verfolgt und umgebracht worden wären, und dann hätten sie keine Angst und würden heute einfach leben, wo es ihnen gefällt. Jetzt muss ich sogar an damals denken, wenn ich Orangen einkaufe.
I wie ich. Ein merkwürdiges Wort. Wenn ich lange darüber nachdenke, weiß ich überhaupt nicht mehr, was es bedeuten soll. Ob es das überhaupt gibt? Wenn ich mit Yvonne rede oder mit Aische oder mit Frank, das bin jedesmal ich, aber jedesmal bin ich anders. Und jetzt steht einmal in der Woche in der Zeitung, was ich hier aufschreibe. Darunter mein Name – bin das auch ich? Es gibt Dinge, die weiß Yvonne nicht von mir, aber auch Aische weiß nicht alles und Frank schon gar nicht. Wissen die trotzdem, wer ich bin? Frank sagt, er findet mich ganz toll. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich finde mich nicht so besonders. Ich hätte gerne Locken und schwarze Haare wie Aische und nicht so dicke Beine. Yvonne sagt, ich wär nicht dick. Aber wenn Frank das doch findet? Auf jeden Fall ist ihm die Sache mit der Zeitung peinlich. Genau, wie ich befürchtet habe.

18 – Maschkes Vater

Schon von weitem sah Laura die vielen Menschen, direkt an der Ecke vor ihrem Haus. Als sie näher kam, erkannte sie Maschke, der wieder einmal betrunken schien. Er lag halb auf dem Boden, um ihn herum standen johlend einige Jungs. Sie machten sich lustig über ihn, und jedes Mal, wenn er versuchte, sich aufzurichten, schubsten sie ihn wieder auf die Erde. Maschke brabbelte unverständliches Zeug vor sich hin, er war in einem grauenhaften Zustand. Einige Erwachsene schauten zu.
„Es wird täglich schlimmer mit dem Gesindel!“, ereiferte sich ein Mann mit einem Hund.
„Wenn der arbeiten würde, müsste er nicht saufen“, pflichtete ihm eine Frau bei.
„Und alles von unseren Steuergeldern!“, mischte sich noch ein weiterer Mann ein.
Gerade, als Laura an der Ecke ankam, bahnte sich energisch ein Mann den Weg durch die Gruppe der Gaffer.
„Lasst ihr wohl sofort den Mann in Frieden?“ Drohend pflanzte er sich vor den Jugendlichen auf. Er schien keine Angst zu haben, obwohl er schon ziemlich alt war.
„Hab dich nicht so, Opi! Das ist bloß ’n Besoffener. O Mann, sieht aus, als kotzt er gleich.“
Der alte Mann schob die Jungs zur Seite, ließ sich neben Maschke auf den Boden. Er schob ihm einen Arm unter den Kopf.
Daraufhin öffnete Maschke vorsichtig die Augen. Dann schlug er wild um sich. „Du … fass mich bloß nicht an! Ich brauche deine Hilfe nicht!“
Die Umstehenden lachten, doch der alte Mann ließ sich nicht beirren. Unbeeindruckt von Maschkes heftigem Widerstand versuchte er, ihn in eine senkrechte Position zu bringen. Maschke spuckte, kratzte, schrie.
„Nun verschwindet endlich!“ versuchte der alte Mann die Leute zu vertreiben. Irgendetwas war an ihm, das die anderen tatsächlich veranlasste, seiner Aufforderung zu folgen. Nur Laura blieb stehen.
„Laura, du bist’s!“, erkannte Maschke sie jetzt. „Bitte, hilf mir! Überlasse mich nicht diesem da!“ Er wies vage in die Richtung des alten Mannes.
Laura versuchte zu erraten, was diese beiden so unterschiedlichen Männer miteinander zu tun haben konnten. Da war Maschke, betrunken, unrasiert, schmutzig. Sein Hemd hing ihm unordentlich aus der Hose, seine Hände waren voller Kratzer und blauer Flecke. Er heulte und sprach so undeutlich, dass er kaum zu verstehen war. Und er stank.
Und neben ihm dieser noch ältere Mann. Er war sehr groß, sehr schlank, und er hielt sich sehr aufrecht. Sein gepflegtes weißes Haar reichte ihm fast bis auf die Schultern. Anstelle einer Krawatte trug er einen seidenen Schal. An dem Mann war ohne Zweifel etwas Besonderes – ob er ein Künstler war?
Nun lächelte er Laura freundlich an. „Hör nicht auf ihn. Er ist in einem Zustand, in dem er nicht weiß, was er sagt.“
„Glaub ihm kein Wort“, fuhr Maschke lallend dazwischen. „Und lass es nicht zu, dass er mich anfasst! Von so einem will ich keine Hilfe.“
Er streckte hilfesuchend beide Arme aus, und Laura ließ es zu, dass er sich an ihr festhielt.
„Es wäre schön, wenn du uns helfen würdest“, sagte nun unverändert freundlich der alte Mann. „Wir sollten ihn nach Hause schaffen. Die Nachbarn müssen ihn in diesem Zustand nicht sehen.“
„Ja, natürlich!“, brabbelte Maschke. „Alles muss immer schön unter der Decke bleiben. Aber ich mach da nicht mit! Hörst du? Alle sollen sehen, was los ist!“
Laura griff ihm unter die Arme, er kam jetzt tatsächlich auf die Beine, wenn auch reichlich schwankend.
Der alte Herr – ja, diese Bezeichnung kam Laura plötzlich in den Sinn, es war wirklich ein Herr – verzichtete inzwischen auf jeden Versuch, Maschke zu helfen. „Du weißt, wo er wohnt?“
„Ja, wir sind Nachbarn.“ Mit dem torkelnden Maschke an ihrer Seite kam Laura selbst leicht ins Schwanken.
„Oh, das ist gut. Schrecklich, was er hier für ein Aufsehen erregt hat!“ Kopfschüttelnd und sehr gerade ging er voran.
Laura zweifelte, ob es ihr gelingen würde, Maschke die Treppen hoch zu bugsieren.
„Mein Vater ist ein Schwein!“, verkündete Maschke. „Er darf auf keinen Fall meine Wohnung betreten, Laura, versprich es mir!“
„Halten Sie sich am Geländer fest“, forderte Laura ihn auf, „sonst schaffen wir das nicht.“
Es kostete sie alle Mühe, Maschke zum Weitergehen zu bewegen, Schritt für Schritt, Stufe für Stufe. Dabei wurde ihr klar, dass dieser elegante Herr, der längst wartend vor Maschkes Tür stand, niemand anderes war als Maschkes Vater. Obwohl es nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen den beiden gab, was nicht nur an Maschkes derzeitigem Zustand lag.
Der alte Maschke imponierte ihr. Es musste ziemlich peinlich sein, den eigenen Sohn in so einer Verfassung anzutreffen. Und trotzdem blieb der Alte höflich, freundlich und gelassen.
Endlich stand auch Laura mit dem schwankenden Maschke vor der Tür, die sein Vater bereits aufgeschlossen hatte.
„Der Kerl kommt mir nicht in die Wohnung!“, stieß Maschke drohend hervor.
Doch nun wurde der Alte plötzlich energisch. „Jetzt reicht’s! Musst du noch das ganze Haus zusammen schreien?“ Er packte ihn grob am Arm und beförderte ihn mit einem Stoß in die Wohnung.
Maschke hielt sich noch immer an Laura fest, krampfhaft, mit erstaunlicher Zähigkeit. So kam es, dass Laura ebenfalls im Flur seiner Wohnung stand, als Maschkes Vater donnernd die Tür zuwarf.
„So, und jetzt Schluss mit dem Theater!“ Er war wie verwandelt. Etwas Hartes lag um seinen Mund, während er seinen Sohn unnachgiebig schubste, an ihm herumzerrte, so lange, bis dieser im Wohnzimmer auf die Couch niedersank. Sofort fiel er in einen tiefen Schlaf, und Maschkes Vater war nun wieder die Höflichkeit selbst. Lächelnd kam er auf den Flur, auf dem Laura wie festgenagelt ausharrte.
Sie fühlte sich unbehaglich in dieser düsteren, unordentlichen Wohnung, allein mit diesen beiden Männern. Warum ging sie nicht? Es stank nach Alkohol, nach schmutzigem Geschirr, hier war lange kein Fenster mehr geöffnet worden. Und mitten in diesem Schmutz, wie eine Fatamorgana, Maschkes Vater, sauber, elegant, höflich und lächelnd.
„Es war wirklich sehr nett, dass du mir geholfen hast. Es ist ein Elend mit ihm.“ Maschkes Vater seufzte bekümmert.
Laura antwortete nicht. Ich sollte gehen, dachte sie. Ihr fiel ein, was Maschke manchmal vor sich hin murmelte, wenn er betrunken war. Und dass sein Vater dabei eine Rolle spielte. Dieser Mann, der von einer Sekunde zur nächsten ein völlig anderer werden konnte.
Ich sollte gehen, dachte sie. Doch stattdessen fragte sie laut: „Was hat er gegen Sie?“
„Ach, das ist nicht ernst zu nehmen. Familiengeschichten. Außerdem, du weißt ja, er trinkt zu viel. Ich wäre dir übrigens dankbar, wenn dieser Vorfall unter uns bliebe. Er hat ja schon genügend Aufsehen erregt.“
„Hat es was mit damals zu tun?“ Laura begriff nicht, weshalb sie das fragte. Es wäre jetzt bestimmt besser, sie würde gehen.
„Hat er das behauptet? Das sieht ihm ähnlich.“ Maschkes Vater schüttelte den Kopf. „Der weiß doch gar nicht, was er redet in seinem Suff.“
„Stimmt es oder stimmt es nicht?“ Laura sah dem Alten fest in die Augen. Ihr fiel auf, dass er anscheinend sofort verstanden hatte, was sie meinte. Dabei hatte sie nur damals gesagt …
Durch Maschkes Vater ging ein Ruck, er schien sich jetzt noch aufrechter zu halten. „Ich habe nichts zu verbergen.“
„Das heißt also, Sie sind einer.“
„Was für einer? Was meinst du denn?“
„Ein Nazi.“
Noch immer sah Laura ihm unverwandt in die Augen. Sein Lächeln schien wie festgefroren.
„Ein Nazi, wie du das sagst.“ Er wandte den Blick ab, als könnte er nicht nachdenken, solange er in Lauras Augen sah. Aber dann sah er sie wieder an, lächelnd wie zuvor. „Ich war in der Partei, wenn du das meinst. Ich weiß nämlich, im Unterschied zu meinem Sohn, was sich gehört. Und ich wusste es auch damals schon.“
Laura schluckte. Sie wollte raus hier. Sie blieb.
„Und was haben Sie gemacht?“
„Nur, was von mir verlangt wurde. Meine Pflicht.“
„Was war ihre Pflicht?“
„Ordnung schaffen!“ Es kam wie aus der Pistole geschossen. „Darum ging es damals. Und wir haben Ordnung geschafft. Es gibt nichts, wofür ich mich schäme.“
„Was genau haben Sie gemacht?“
„Nun, meinen Beruf ausgeübt! Ich war Richter. Ich habe dafür gesorgt, dass alles nach Recht und Gesetz verläuft.“
„Nach dem Gesetz der Nazis.“ Laura brachte es nur flüsternd heraus.
„Nach dem Gesetz!“, korrigierte Maschkes Vater. „Werde erst einmal älter, dann wirst du schon noch selber draufkommen.“ Er machte einige Schritte auf Laura zu, plötzlich ganz in der Haltung des gütigen Großvaters. Es stand zu befürchten, dass er gleich Lauras Kopf tätscheln würde, und jetzt verriet ein Geräusch aus dem Wohnzimmer, dass sein Sohn sich erbrach, und Laura machte auf dem Absatz kehrt, rannte zur Tür, öffnete sie.
Dann drehte sie sich noch einmal um. „Mir ist zum Kotzen!“

Z wie Zigeuner. Wurden auch von den Nazis auch verfolgt und umgebracht. In Auschwitz gab es ein extra Lager für sie. Obwohl die Zigeuner die einzigen sind, die wirklich Arier sind! Hat Michael gesagt. Die Nazis sagten, sie selber wären die Arier, und das wäre die beste Rasse. Michael behauptet, das mit den Rassen wär ziemlicher Blödsinn, weil sich die allermeisten Menschen auf der Welt seit Jahrhunderten miteinander verheiratet und Kinder gekriegt hätten, und weil sie immer von einem Land ins andere gezogen wären, und deshalb wäre das schon seit langer Zeit ein ziemliches Durcheinander, und man könnte nicht sagen, dass jemand zu einer bestimmten Rasse gehört. Nur die Zigeuner, die wären immer unter sich geblieben, und sie kommen aus Indien, von wo die Arier herkommen. Also sind sie ganz alleine Arier, und trotzdem wurden sie ermordet! Daran kann man sehen, sagt Michael, dass die Nazis sich alles zurechtgelegt haben, wie sie es gerade gebraucht haben.
Z wie Zuschauen. Als die Juden abgeholt worden sind, haben die meisten anderen Deutschen, die keine Juden waren, einfach nur zugeschaut. Sie haben nichts dagegen gesagt, erst recht nichts dagegen getan. Viele halfen den Nazis beim Abholen und Umbringen, wenige halfen den Juden. Die meisten schauten nur zu. Vielleicht war es ihnen gerade recht, weil sie die Juden nicht leiden konnten, oder weil sie nun die Wohnungen und die Geschäfte von den Juden bekommen haben. Sie schauten zu und behaupteten nach dem Krieg, sie hätten nichts gesehen und nichts gewusst.
Z wie Zyklon B. So heißt das Gas, das man durch kleine Löcher geschüttet hat, in die Räume, die aussahen wie Duschen. Es sind kleine Körner, sobald Luft daran kommt, wird es Gas. In der Gaskammer waren die Leute, Männer und Frauen und Kinder. Wenn sie das Gas gerochen haben, bekamen sie bestimmt Angst. Aber das hat nichts genützt. Nach ungefähr einer Viertelstunde waren alle tot.
Zyklon B war ein Mittel gegen Ungeziefer, und die Nazis erklärten, genau das wären die Juden. Ungeziefer. Die Nazis machten viele Versuche, wie sie möglichst schnell möglichst viele Juden umbringen können. Anfangs haben sie sie erschossen, aber das dauerte zu lange und machte zu viel Arbeit. Dann fiel ihnen der Trick mit dem Gas ein. Damit konnten sie in Auschwitz mehrere tausend Leute am Tag umbringen.
Z wie Zufall. Aus Zufall bin ich in Berlin geboren, in dieser bestimmten Zeit. Manchmal denke ich, es wäre besser, wenn ich vor hundert Jahren gelebt hätte. Dann hätte ich nichts von den Nazi-Sachen gewusst, weil die da noch gar nicht passiert waren. Es war auch Zufall, dass David damals hier geboren ist und dass seine Eltern Juden waren. Dann war es auch Zufall, dass er auf diesen Transport und irgendwie ums Leben gekommen ist. Ob jemand lebt oder stirbt oder umgebracht wird, ist das immer Zufall? Das wäre fürchterlich.
F wie fanatisch. Der Buchstabe gehört nicht hierher, aber das ist jetzt egal. Damals war fanatisch sein normal, fast alle wollten, was Hitler wollte, unbedingt. Es war gut, fanatisch zu sein, das hat Goebbels dauernd gesagt. Und neulich hat Yvonne mir gesagt, ich wär jetzt genau so. Fanatisch. Immer bloß an einem interessiert. Klar, dass ich sauer war, mit Türenschlagen und so. Dann hat Michael hat mir erklärt, was das Wort heißt – sich rücksichtslos für etwas einsetzen. So wie es die Fans von einer Band tun, die einem von denen unbedingt die Hand geben wollen. Was natürlich im Vergleich eher harmlos ist.
Aber dass ich das auch sein soll, fanatisch …
Ich glaub, ich bin doch zu dick. Und dass mir Frank deshalb aus dem Weg geht.

19 – Weg hier

„Mensch, Laura! Jetzt sag doch endlich was. Bist du sauer auf mich? Nun bleib doch stehen!“ Aische legte ihre Hand auf Lauras Schulter.
Laura schüttelte die Hand ab. „Nein, ich bin nicht sauer auf dich.“
„Dann auf Frank? Habt ihr euch gestritten?“
„Nein.“
„Ist was mit deiner Mutter? Mit ihrem Neuen?“
„Nein.“
„Aber was dann? Nun sag doch endlich! Und wohin gehen wir überhaupt?“
„Ich weiß nicht. Einfach weiter. Ist doch egal.“
„Mir ist das nicht egal! Und ich will jetzt wissen, was los ist, hörst du?“ Aische blieb stehen.
Auch Laura blieb stehen, sie wandte Aische den Rücken zu.
„Ich hab einen getroffen.“
„Wen hast du getroffen?“
„Wonach ich die ganze Zeit gesucht habe.“
„Geht’s vielleicht ein bisschen deutlicher?“ Aische war hörbar gereizt.
„Ja, es geht deutlicher!“ Fast ruckartig drehte Laura sich um. Ihre Augen funkelten. „Einen Nazi, wenn du’s unbedingt wissen willst! Ich hab einen richtigen alten Nazi getroffen. Direkt bei uns im Haus.“
„Das ist ja …“ Aische verstummte, mit offenem Mund. „Woran hast du’s gemerkt?“
„An nichts. Meinst du, das sieht man so einem an? Er ist der Vater von Maschke, dem Säufer. Er hat sich um ihn gekümmert. Er …“ Auch Laura verstummte. Das war ja alles nicht wichtig.
„Und? Wie war’s?“
„Wie war’s! Du stellst vielleicht Fragen!“
„Wieso machst du jetzt mich so an?“
„Weil du keine Ahnung hast!“
„Hab ich das etwa behauptet? Du bist doch dauernd hinter diesen Nazi-Sachen her. Und jetzt hör auf, mich anzubrüllen.“
Schweigend gingen sie weiter.
„Es tut mir leid“, brachte Laura schließlich die fällige Entschuldigung hervor. „Es ist nur … Es war völlig anders, als ich gedacht habe.“
Aische bohrte lieber nicht weiter, sondern wartete ab, bis Laura von selbst fortfahren würde.
„Der Maschke, er sah richtig widerlich aus, der Sohn, du weißt ja. Sein Vater dagegen … direkt vornehm. Bei dem wär ich nie auf die Idee gekommen, dass er ein Nazi ist. Die ganze Zeit war er freundlich. Bis auf einen ganz kurzen Moment, als uns dann keiner mehr gesehen hat. Aber das war wirklich nur ein ganz kurzer Moment.“ Laura holte tief Luft.
„Und … hast du ihn gefragt?“
Laura nickte. „Ich wollte weglaufen, aber dann bin ich doch geblieben. Ich hab ihn gefragt, und er hat alles zugegeben.“
„Dass er ein alter Nazi ist?“
„Nein, wo denkst du hin. So redet der nicht. Der ist doch vornehm. Er war in der Partei, hat er gesagt. Weil er weiß, was sich gehört. Als Richter hat er den Deutschen ihr Recht gegeben, sagt er.“
„Hm. Und dann?“
„Dann hat sein Sohn gekotzt, und mir war auch danach. Ich bin gegangen.“
„Aber dann kannst du doch jetzt zufrieden sein! Du wolltest doch immer einen Nazi treffen.“
Mit einem zischenden Geräusch stieß Laura die Luft aus. „Das dachte ich auch. Aber es war … es ist völlig sinnlos. An diese Leute … man kommt nicht an sie ran. Mit meinem Großvater war es doch ganz ähnlich.“
„Der war aber kein Nazi, hast du gesagt.“
„Nur aus Versehen war er keiner. Wenn er nicht zu jung gewesen wär, wär er vielleicht einer geworden. Verstehst du? Auch er hat das einfach so zugegeben. Die finden da nichts dabei.“

U wie Umsiedlung. Wieder so ein Wort, bei dem man nicht sofort kapiert, was es bedeutet. Den Juden, die man abgeholt hat, wurde gesagt, das wär eine Umsiedlung. Sie würden in den Osten gebracht und könnten dort leben und arbeiten. Umsiedlung klingt nicht schlimm, so ähnlich wie Umzug. Weil man den Juden das gesagt hat, wehrten sie sich nicht, wenn man sie abgeholt hat. Sie dachten, jetzt wird vielleicht alles besser. Man riet ihnen, nicht viel mitzunehmen, ein Koffer würde reichen. Denn dort würde man für sie sorgen. Man brachte sie auch wirklich in den Osten, aber nicht, damit sie dort leben. Dort waren diese Lager, und dort sollten sie sterben.
U wie Untergrund. Wenn Leute etwas heimlich gegen den Staat machen. Gab es damals bei den Nazis auch, sogar in den Lagern gab es eine Untergrundbewegung. Sie wollten es irgendwie schaffen, dass es im Lager nicht ganz so schlimm ist, dass möglichst viele Leute überleben. Aber natürlich war das ziemlich aussichtslos, und wenn es rausgekommen ist, wurden sie sofort erschossen.
U wie unheimlich. So viele Worte kommen mir jetzt unheimlich vor. Nie weiß man, was sie wirklich bedeuten und ob sie nicht damals was ganz anderes bedeutet haben. So wie Umsiedlung. Oder Sonderbehandlung. Man könnte ja denken, das heißt, dass jemand als etwas Besonderes behandelt wird. Damals hieß das aber, dass jemand umgebracht wird.
Unheimlich finde ich es auch, wenn Yvonne mir immer wieder sagt, ich soll die Ganter nicht ärgern, weil wir sonst Schwierigkeiten kriegen. Dabei bin ich ziemlich sicher, dass die Ganter damals für die Nazis gewesen wär, nur weil sie ein Kind war, wie Opa, ist das nicht passiert. Immer sagt sie, dass früher alles besser gewesen wär. Früher hab ich mir dabei nicht viel gedacht, aber nun weiß ich ja, was damals war. Und das findet die Ganter gut! Und immer sagt sie was gegen Ausländer. Wenn ich mir dann überlege, was Yvonne wohl damals gemacht hätte … Bloß, damit es keinen Ärger gibt. Deshalb ist mir jetzt auch Yvonne manchmal unheimlich.
Und wegen der Sache mit Michael auch. Neulich haben sie zusammen geduscht! Als ich zufällig ins Badezimmer gekommen bin, haben sie nur gelacht und so getan, als wäre das ganz normal.
U wie Überleben. Auch so ein unheimliches Wort. Früher hätt ich gedacht, das ist ganz normal, überleben eben, was ist da schon dabei, das will doch jeder. Aber jetzt weiß ich, was die Gefangenen in den Lagern alles getan haben, einfach nur um zu überleben. Was für schreckliche Dinge sie gegessen haben, bloß um nicht zu verhungern. Dass sie manchmal Brot geklaut haben von dem, der neben ihnen geschlafen hat. Klar, sie hatten alle Hunger, und sie wollten alle überleben. Aber schrecklich ist das trotzdem. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das könnte, überleben … Viele hatten damals deshalb ein schlechtes Gewissen. Weil sie alles getan haben, um zu überleben, und weil sie es geschafft haben zu überleben. Manche haben überlegt, ob sie nicht genauso schlimm wären wie die Nazis, die sie zu all diesen Sachen gezwungen haben. Ob sie schuld wären, dass gerade sie überlebt haben und andere nicht. Und viele, die überlebt haben, träumen noch heute jede Nacht, sie wären im Lager, noch immer.
U wie umsonst. So kommt mir vor, was ich hier mache.

„Du, was ich dir noch sagen wollte …“ Frank malte mit einem Hölzchen Figuren in den Sand. „Das mit dem Heft, ich meine, was du da aufschreibst … Ich finde es doch eher gut.“
„Ach, hör schon auf damit.“
„Nein, wirklich, ich schneide das jetzt immer aus der Zeitung aus.“
„Du sollst damit aufhören, hast du nicht gehört? Ich hör nämlich auch auf mit diesem Heft!“
„Aber warum denn?“
„Weil … es keinen Sinn hat. Weil ich doch niemals damit fertig werde.“
„Wieso denn nicht? Du hast doch schon ganz viele Worte. Und heute hat auch der Schuckert gesagt, wir sollen das sammeln. Das könnten wir gut gebrauchen, wenn wir in Geschichte mal so weit sind -„
„Nun hör endlich auf!“ Laura sprang hoch. „Ich mach das nicht für den Schuckert und auch nicht für Geschichte! Ihr kapiert das alle nicht! Und deswegen hör‘ ich jetzt auf mit dem dämlichen Heft!“
„Aber Laura, was hast du denn?“ Auch Frank stand auf, doch Laura hörte nicht auf ihn, sagte nichts mehr, ließ ihn dort stehen, ging einfach weg.
Eiscafé, dachte sie dabei und sah wieder das Foto vor sich. Ein Mann vor einem Eiscafé. Das Eiscafé gehörte ihm. Doch er war Jude, und deshalb nahm man ihm das Eiscafé weg. Er kam in viele Lager, er hat alle überlebt. Doch heute war er alt und krank, und sein Eiscafé hat er nicht wieder bekommen.
„Ich brauche kein Heft für gute Worte“, sagte Laura laut. „Gute Worte gibt es nicht, nicht mal Eiscafé ist so ein Wort.“

Laura geht durch die Straßen, sie kennt die Straßen gut, doch sie weiß nicht, wo sie geht. In ihrem Kopf geht alles drunter und drüber, sie weiß nicht, was sie denken soll. Sie will an nichts mehr denken, denn das nützt nichts. Je mehr sie über alles nachdenkt, desto weniger versteht sie. Je mehr sie liest, desto mehr Bücher entdeckt sie, die sie auch noch lesen muss. Doch wozu, wenn sie nie an ein Ende kommt? Je mehr sie aufschreibt, desto mehr Worte fallen ihr ein, über die sie auch noch schreiben muss. Das ist nie zu schaffen, kein Mensch kann das schaffen, und Worte für das andere Heft, gute Worte, die nichts mit damals zu tun haben, die gibt es gar nicht. Es gibt nur Worte für dieses eine Heft, es ist ein Heft für alle Worte, für deutsche Worte, und alle Worte, die es gibt, in diesem Heft aufzuschreiben, ist unmöglich und vollkommen sinnlos. Sinnlos auch, dass die Zeitung das abdruckt, jede Woche einen anderen Buchstaben. Alle Leute loben Laura deswegen, aber sie schreibt das doch nicht auf, um gelobt zu werden, und dann bekommt sie auch noch Geld dafür, Honorar, sagt Michael, das wäre normal, aber es ist zum Verrücktwerden. Normal gibt es nicht.
Laura geht durch die Straßen, es ist dunkel, es ist nicht kalt, es ist Sommer. Sie will weg hier, aber wohin? Nur weg hier, weg hier, weg hier.
Weg hier, denkt sie und sieht sich um. Da vorne ist die Brücke, unter der Max manchmal schläft. Ob er heute da ist?
Er ist da, er summt leise. Als Laura vor ihm steht, wundert er sich nicht. Er rückt etwas beiseite auf seiner Matratze.
„Setz dich, es ist kühl.“
Laura setzt sich. Obwohl es komisch riecht.
„Das ist, weil wir heute Vollmond haben. Willst du?“
Er holt Schokolade aus seiner Plastiktüte und Äpfel.
Laura schüttelt den Kopf.
Max beißt in einen Apfel, es kracht. „Zieh dir die Decke über die Schultern, du zitterst ja.“
Laura greift nicht nach der muffigen Decke, sie zittert nicht, weil ihr kalt ist. „Die Decke stinkt!“
Max übergeht die Bemerkung. „Hast du Durst? Ich hab nicht nur Schnaps, da ist auch noch Tee.“
Laura hat keinen Durst, sie braucht keinen Tee. Sie hat keinen Hunger, keinen Durst, ihr ist nicht kalt, nicht warm, sie ist nicht müde, nicht wach. Sie hat nur einen Gedanken.
„Ich will weg hier.“
„Wohin?“
„Weg hier, mehr weiß ich nicht.“
„Warum?“
„Weil … es ist ein blödes Land. Ich hab mir nicht ausgesucht, hier zu leben.“
„Klar, so was ist immer Zufall.“
„Ich will das aber nicht. Das hat keinen Sinn.“
„Was hätte denn Sinn?“
„Weiß nicht. Weggehen vielleicht.“
„Ich verstehe.“ Max greift nach der Flasche mit Schnaps.
„Du verstehst gar nichts. Du nicht und keiner.“
Max kichert. „Aber du, ja? Du verstehst alles?“
„Nein … ja … Quatsch, natürlich nicht! Aber ich halte es nicht mehr aus. Es ist zu viel und zu durcheinander.“
„Und?“
„Und deswegen will ich weg hier.“
„Ah, das hatten wir schon. Lass mich raten. Du willst irgendwohin, wo alles in Ordnung ist. Wo nichts Schlimmes geschieht und nie geschehen ist.“
„Stimmt. Was dagegen?“
„Im Prinzip nicht. Nur – wo soll das sein?“ Er nahm noch einen Schluck Schnaps. „Sag mir Bescheid, wenn du dort angekommen bist.“
Erst jetzt sieht Laura die noch kaum verkrustete Wunde an seinem Kinn, das blaue Auge. „Hast du dich geprügelt?“
Max schüttelt den Kopf, seine Mundwinkel zucken.
„Was dann? Bist du gefallen?“
Er zögert mit einer Antwort. „So könnte man es vielleicht nennen. Die waren zu dritt, als sie über mich hergefallen sind. Klar, dass ich da zu Boden ging.“
Laura erschrickt – darüber, dass so etwas überhaupt passiert, darüber, dass sie es beinahe nicht bemerkt hat. „Wollten die dein Geld?“
Max kichert. „Seh ich etwa so aus, als ob ich so was hätte?“
„Aber was wollten die dann von dir?“
„Von mir gar nichts. Die wollten ihren Spaß.“
„Jetzt spinnst du aber!“ Laura rückt etwas weg von Max. „Das waren bestimmt solche Skins.“
„Schön wär’s. Das waren ganz normale Typen. Ich hab es laut und deutlich gehört. Da kam nämlich ein Bulle vorbei, nur deshalb haben sie aufgehört, auf mich einzuprügeln. Sie hätten nichts Böses gewollt, haben die dem erklärt, bloß eben ein bisschen Spaß.“
„Und dann?“
„Was schon. Der Bulle wollte ’ne Anzeige aufnehmen. Ist ja nicht viel passiert. Ich hab also gesagt, er soll seine Formulare wieder wegpacken.“
„Du spinnst wirklich! Du kannst dir so was doch nicht gefallen lassen.“
„Ach nein? Erst die Prügel, und dann noch Scherereien mit der Polizei, nein danke. Darauf kann ich wirklich verzichten. Und überhaupt -„
„Sei mal still! Da war was.“
Beide lauschen in die Nacht. Erst ist nichts zu hören, dann ist es eine leise Melodie.
„Ach, das ist Heiner mit seiner Mundharmonika“, erklärt Max. „Bei Vollmond kriegt der immer ’nen Rappel. Dann träumt er von Südamerika.“
„Nun sei doch still! Er spielt … gut. Diese Melodie, ist sie aus Südamerika?“
„Was weiß ich. Er behauptet es. Er kann bloß diese eine Melodie.“
„Sie ist schön.“
„Warum weinst du dann?“
„Weil … eben drum. Weil er gut spielt. Und weil … In den Lagern damals, du weißt schon, da gab es auch Leute, die auf der Mundharmonika gespielt haben.“
„Gut möglich.“
„Nicht nur möglich, das war so! Glaubst du mir etwa nicht?“
„Doch, natürlich, du kennst dich ja aus mit diesen Dingen. Wird schon so gewesen sein. Warum nicht, ein Häftling mit ’ner Mundharmonika. Vielleicht aber auch einer von denen, die sie bewacht haben … Trotzdem kapier ich nicht, warum du jetzt heulst.“
„Weil es schön ist, verdammt noch mal! Und weil ich nicht verstehe, wie ich das heute noch schön finden kann -„
„Sei mal still“, unterbricht Max. „Jetzt kommt ’ne besonders schöne Stelle.“
Beide sind still, sie hören die fremde Melodie. Das Wasser plätschert träge gegen die Ufermauer, eine Ente quakt, der volle Mond rutscht aus einer Wolke, das Wasser glänzt silbern in jeder einzelnen Welle. Laura sitzt an diesem Fluss in dieser Nacht, und zugleich sitzt sie in einer anderen, einer Damals-Nacht, sie sitzt in einem Güterzug, in einem Lager, und sie sitzt auch in einer Nacht in Südamerika, aber auch in China gibt es solche Nächte und eine Melodie dazu, die kennt sie nur noch nicht, und vielleicht sitzt sie sowieso auf einem ganz anderen Stern. Sie sitzt überall, zur selben Zeit, die in jedem Bruchteil einer Sekunde eine andere ist. Alles, was sie tut, ist dort und überall und immer zu sitzen. Das zu wissen, das ist nichts und vielleicht doch alles, was jetzt zu tun ist. Und noch immer die Melodie, sie kommt von weit her, sie ist ganz nah, sie kommt von überall, und hoffentlich ist sie noch lange nicht zu Ende.
Die Melodie schlängelt sich sehr lang durch die Nacht, und als sie dann doch zu Ende ist, heult Laura nicht mehr. Sie merkt, dass es kühl ist, und Hunger hat sie auch. Sie nimmt sich Schokolade, sie trinkt den heißen Tee.
Es gibt jetzt nichts zu sagen, Max merkt es wie Laura. Sie schweigen.
Dann rennen Leute am anderen Ufer der Spree entlang, sie rufen, es ist vorbei mit der Stille. Sie rufen Lauras Namen, Yvonne und Michael, Laura erkennt sie sofort.
„Und nun?“ fragt Max.
„Nun geh ich besser. Yvonne regt sich immer gleich so auf.“
„Du musst ja wissen, was du tust.“
„Ja, ich weiß. Bis dann.“
Yvonne und Michael rennen schon über die Brücke, Yvonnes Absätze klappern.
„Na, bis dann.“ Max räkelt sich auf seiner Matratze. „Aber wo?“ Er lacht, ganz leise.
„Das wird sich schon ergeben.“ Laura lacht auch ein bisschen, dann klettert sie die Böschung hoch.
„Laura!“ ruft Yvonne.
„Ja, ich bin hier. Ich komm‘ ja schon.“


Quellen und Zitate

Die erwähnten Berichte der Kinder, die in Auschwitz überlebten (S.20, S.38, S.63, S.96), sind dem Materialienband zu „Rosa Weiß“ von Roberto Innocenti entnommen (Frankfurt 1986).
Von dem Beispiel für sinnlose Arbeit auf S.18 berichtet Primo Levi in seinem Buch „Die Untergegangenen und die Geretteten“, deutsch München-Wien 1990, S.123.
Bei dem auf Seite 40 f. erwähnten Roman handelt es sich um „Was gibt’s Neues vom Krieg?“ von Robert Bober; dort auch die Geschichte des Jungen, der mit der Uhr seines Vaters lebt (München 1995).
Die auf Seite 52 f. erwähnte Schilderung eines Transports stammt von Aleksander Tisma, „Der Gebrauch des Menschen“ (München 1995, S. 225-232).
Die Beschreibung von Hunger auf S.96 f. ist zitiert aus Imre Kertész, „Roman eines Schicksalslosen“, S. 180, neue deutsche Fassung 1996, Berlin.

Dieser Text wurde gefördert von der Preussischen Seehandlung Berlin