Im Apfelbaum

Die Großmutter war viel zu froh, uns in den Ferien bei sich zu haben, um uns irgendwelche Vorschriften zu machen. Davon abgesehen, hätte sie gar nicht gewußt, was sie uns hätte vorschreiben sollen. Also machten wir, was wir wollten. Um wenigstens die Form zu wahren, rief die Großmutter bei allem, was wir taten – selbst wenn es zufällig nicht etwas Unsinniges war – , „Nein, laß das…“ Dann folgte der Namen eines von uns Dreien. Da sie immer zunächst den falschen Namen rief, folgte, sobald sie die Verwechslung bemerkt hatte, der nächste Namen, und weil sie jetzt verunsichert war, ließ sie gleich noch den dritten folgen. „Nein, laß das, Eva… Bruno… Susanne.“ Solchermaßen wurden ihre Verbote sinnlos. Sie lachte dann, und wir ignorierten sie. Da es für uns völlig ungewohnt war, einmal nur zu tun, was wir wollten, gerieten wir immer wieder in leichte Anfälle von Panik. Vielleicht war es gerade die Angst wegen des fehlenden, sonst üblichen Reglements, die uns, zumindest in den ersten Tagen unseres Aufenthalts bei ihr, zu immer neuem Unfug antrieb. Wir lebten wie in einem Rausch, im Bewußtsein, ständig gegen Regeln zu verstoßen. Die Lust an der ungewohnten Freiheit und die Angst vor der ihr, unseren Erfahrungen nach, todsicher folgenden Strafe stürzten uns unablässig in Wechselbäder, bis wir herausgefunden hatten, daß die Welt mit einigen Regelverstößen doch nicht aus den Angeln zu heben war.

Wohnung und Haus der Großmutter standen in scharfem Kontrast zueinander. Das Haus sah aus wie alle Häuser, die mit beginnendem Nachkriegswohlstand gebaut wurden. Zwei Etagen, eine kleine Wohnung zusätzlich unterm Dach. Ein ordentliches Kästchen, Fenster und Türen genau dort, wo sie auch in Kinderzeichnungen ihren Platz finden. Um das Haus herum ein Garten, ein Drittel Rasen mit Apfelbaum, zwei Drittel Gemüsegarten, doch aller Aufteilung zum Trotz und im Widerspruch zur äußerlich ordentlichen Überschaubarkeit des Hauses wirkte der Garten stets verlottert. Hinterm Haus noch ein paar Quadratmeter Rasen mit Sandkasten und gespannter Wäscheleine. Zwei Garagen, eine wurde für Kaninchen- und Hühnerhaltung und für Gerümpel benutzt. Entlang den Betonplatten auf dem Weg zur Eingangstür standen Rosensträucher Spalier. Ein grüner Maschendraht, an dem im Spätsommer Dahlien blühten, hielt das Ganze zusammen. Das Haus war von den Söhnen und anderen männlichen Verwandten der Großmutter gebaut worden, hauptsächlich an Wochenenden, weshalb sich der Bau über einige Jahre hingezogen hatte. Einer der Söhne, Onkel Franz, wohnte im Erdgeschoß, mit seiner kränkelnden und mißmutigen Frau. Tante Magda aß gern rohe Leber, mit den Fingern stopfte sie sich direkt aus dem Einwickelpapier die braunroten Lappen in den Mund. Eier trank sie ebenfalls roh, direkt aus der Schale. Ungläubig schauten wir ihr dabei zu und genossen unseren Ekel. Sie wirkte ständig, als wäre sie beleidigt, ohne daß man gewußt hätte, warum. Wenn wir alle drei über sie herfielen, um sie zu kitzeln, verfiel sie in Lachkrämpfe. Sie versuchte es immer dadurch zu verhindern, daß sie uns erklärte, wie unvorstellbar kitzlig sie sei. Wir verstanden das als Aufforderung. Während wir sie kitzelten, rief sie ständig „Hört auf, hört sofort auf“. Sie zappelte und lachte, bis ihr die Tränen aus den Augen liefen. Dabei wirkte sie relativ zufrieden.

Onkel Franz hatte viele Berufe. Eigentlich gelernter Schneider, war er schon lange als Metallarbeiter „auf Schicht“. Er engagierte sich in der Gewerkschaft und verbrachte viel Zeit auf den Versammlungen des Betriebsrats. Außerdem war er im Vorstand des Verbands der Kleintierzüchter – deshalb die Hühner und Kaninchen in der Garage -, und am Feierabend und an den Wochenenden Bauarbeiter. Auch seine Schneiderfähigkeiten nützte er noch immer, in einem Kellerraum auf einem Tisch sitzend führte er Änderungsaufträge aus, manchmal auch Neuanfertigungen für Bekannte. Auch unsere Kleider – die immer einige Nummern zu groß gekauft wurden, damit wir nicht so schnell aus ihnen herauswüchsen – wurden von ihm auf die gerade nötige Größe gebracht. Weil er so viel und so schwer arbeitete, hatte Onkel Franz Probleme mit den Bandscheiben. Ich vermied es, den Daumen seiner rechten Hand anzusehen. Der Daumen stand in einem merkwürdigen Winkel zur Hand, und mir fiel dabei unweigerlich die Geschichte ein, die mir die Großmutter erzählt hatte. Es war passiert, bevor Onkel Franz noch richtig geboren war. Die Großmutter lebte damals in einem Dorf in Südosteuropa. Da Onkel Franz schon ihr zweites Kind war, machte sie sich keine weiteren Gedanken über die Geburt. Doch dann wurde sie schwieriger als erwartet. Die Großmutter wurde auf einen Leiterwagen gelegt und ins nächste Dorf zu einem Arzt gekarrt. Der zukünftige Onkel Franz lag völlig falsch in ihrem Bauch, und während sie noch über die holprigen Feldwege gezogen wurde, kam seine Hand zum Vorschein, das heißt ein Teil seiner Hand. Der Daumen blieb drin und sah deshalb in der Folge aus, als würde er nicht dazugehören. Etwas Unheimlicheres als die Großmutter auf dem Leiterwagen mit dieser Hand von Onkel Franz zwischen ihren Beinen konnte ich mir damals nicht vorstellen. Ich sprach mit niemandem über die Sache, mir war klar, daß es eine Geschichte war, die mir die Großmutter eigentlich nicht hätte erzählen dürfen.

Onkel Franz aß gerne Speck, der möglichst fett sein mußte, und er trank ziemlich große Mengen Schnaps dazu. Der Speck hing zum Trocknen an der Decke über seinem Schneidertisch. Das Schneideratelier im Keller ging auf schwer durchschaubare Weise in die anderen, einer üppigen Vorratshaltung dienenden Kellerräume über. In einem der feuchten Räume war nichts als Waschpulver gestapelt, das in großen Kartons vor sich hinschimmelte. Es war eine einmalig günstige Gelegenheit, die die Großmutter zum Kauf von soviel Waschpulver veranlaßt hatte, ihre Kinder machten ihr in regelmäßigen Abständen Vorwürfe deswegen. Angeblich hatte sie einmal aus Versehen statt Mehl Waschpulver zum Kuchenbacken genommen. Ob diese Geschichte den Tatsachen entsprach oder dem Vergnügen ihrer Kinder zuzuschreiben war, sie wegen ihrer Gewohnheit reichlicher Vorratshaltung zu ärgern, konnte ich nie herausfinden. Der Keller insgesamt dehnte sich mal mehr, mal weniger auf das Treppenhaus aus. Tante Magda kämpfte ständig und erfolglos gegen die Vermischung der einzelnen Teile des Hauses miteinander. Es gelang ihr höchstens, ihre Wohnung im Erdgeschoß vor dem allgemeinen Durcheinander zu bewahren, zumindest solange, wie ihr mit seinem Taschenmesser dicke Speckscheiben absäbelnder, Schnaps trinkender Mann im Keller nähte, auf Schicht war oder bei einem Bekannten auf dem Bau arbeitete.

In der kleinen Wohnung unterm Dach wohnte ein junges amerikanisches Ehepaar, das der Großmutter Schwarzarbeit als Putzfrau bei anderen amerikanischen Familien vermittelte. Der Mann war schwarz und Soldat, manchmal schenkte er mir Comic-Hefte, die ich nicht gut verstand, weil mir die Lektüre von derartigem zu Hause strikt untersagt war, ich verfügte daher über keinerlei Übung, und zudem waren die Texte englisch. Seine Frau war weiß und hatte ein hellbraunes Baby. Die Frau hatte immer Angst vor Bakterien, weshalb ich mir das Baby nie genauer ansehen durfte, selbst wenn ich mir gerade die Hände gewaschen hatte. Das Baby schrie fast immer. In der Küche der Amerikaner standen Mayonnaise und Ketchup in großen Eimern herum. Weil sie Angst vor mangelnder Hygiene hatte, lehnte die Frau Gemüse aus dem Garten der Großmutter grundsätzlich ab. Aus Dosen, die auf bunten Etiketten englisch beschriftet waren, verschaffte sie sich Gemüse in einer Form, die sie für hygienisch unbedenklich hielt. Sie hatte einen elektrischen Dosenöffner.

Das Chaos, das im Innern des Hauses ungeachtet seiner adretten Unauffälligkeit von außen aus allen Winkeln und Ritzen drang, erreichte in der Wohnung der Großmutter im ersten Stock seinen Höhepunkt. Überall standen Schränke und Schränkchen mit unzähligen Schubladen. Die Schlüssel der meisten waren verlorengegangen, zur Not wurden sie mit einem kleinen Schraubenschlüssel geöffnet. In allen diesen Schubladen war dasselbe verstaut, nämlich alles: Rabattmarken, die nicht mehr klebten, Stützstrümpfe, die so löchrig und zerrissen waren, daß sie ihren Zweck längst nicht mehr erfüllen konnten, Gläschen und Döschen mit Resten von Medikamenten, nicht zusammengehörende Handschuhe, angebrochene Haarspraydosen, Rosen aus Kunststoff, zerrissene Haarnetze, Knöpfe, Teile von Zeitungen (meist aus dem „Gemeindeboten“), weißlich eingetrocknete Schokoladetafeln, Souvenirs von Wallfahrtsorten, Taschentücher und Wollknäuel. Es gab nichts, was es in diesen Schubladen nicht gab. Unsere Mutter versuchte oft, die Großmutter zu einem großen Reinemachen zu bewegen, bot auch ihre tatkräftige Unterstützung an. Die Großmutter war daraufhin regelmäßig wochenlang beleidigt und drohte, sie werde sowieso demnächst sterben, und das sei dann wohl noch früh genug, um in ihren Sachen zu kramen. Tatsächlich war die Großmutter unablässig mit Aufräumen beschäftigt. Sie bewegte sich pausenlos durch die Wohnung, überall fiel ihr etwas in die Hände, was sie nach kurzer Überlegung dann in diese oder jene Schublade stopfte. Bei der Gelegenheit nahm sie etwas anderes, was ihr nicht in diese Schublade zu gehören schien, heraus und legte es vorläufig anderswo ab. So gerieten manchmal auch Dinge in den Kühlschrank, die da eigentlich nicht hingehörten. Auf den Schränken türmten sich Koffer und Reisetaschen und Kartons sowie Gläser mit selbstgemachter Marmelade und Kompott, die sie irgendwann sicher noch in den Keller bringen würde. Daß es gerade besonders viel Marmelade und Kompott gab, lag an der Kühltruhe, die sie sensationell günstig hatte erstehen können. Damals hatte fast niemand eine Kühltruhe, und die Großmutter kam mit der Bedienung manchmal nicht zurecht. Eines Tages war alles aufgetaut, was sie in das Gerät gelegt hatte. Was in der Bedienungsanleitung Tiefkühlgut genannt wurde, hatte sich in gemischten Matsch aus Gemüse, Kaninchen, Hühnern und Obst verwandelt. Um den Schaden in Grenzen zu halten, legte die Großmutter das Gemüse sauerscharf ein, wie sie das schon immer gemacht hatte. Aus dem Obst kochte sie Marmelade oder Kompott. Dummerweise hatten die anderen von dem Malheur mit der Kühltruhe erfahren. Keiner wollte von diesem Gemüse und der Marmelade essen, weshalb der schöne Vorrat gar nicht kleiner wurde.

Auch Speck und Salami lagen auf den Schränken zum Trocknen, und manchmal auf einer Schrankecke ein langsam faulender Apfel gegen Warzen oder andere kleine Gebrechen. Im Flur hing ein Gefäß mit Weihwasser, dahinter steckte ein geweihter Palmkätzchenzweig. Den hatte sie von ihrer letzten Marienwallfahrt mitgebracht. Ihre Söhne regten sich maßlos darüber auf, daß sie diese Wallfahrten mitmachte, trotz ihrer Krampfadern auf den Knien zur Madonna rutschte. Uns erzählte die Großmutter, daß das gar nicht so schlimm war, sie pflegte sich nämlich Kissen unter die Knie zu binden. Über den Ehebetten im Schlafzimmer geleitete ein Schutzengel mit beeindruckenden Flügeln zwei Kinder, die wir als Hänsel und Gretel identifizierten, durch eine gefährliche Schlucht. Vor dem düsteren Mann mit schwarzem Schnurrbart und pomadisertem Haar auf dem Bild neben der Frisierkommode hatten wir immer ein bißchen Angst. Das war ihr im Krieg verschollener Mann. Als ergänzenden Wandschmuck gab es im Eßzimmer ein Kruzifix und hier und dort häufiger wechselnde religiöse Sprüche, die sich reimten. Sie riß diese Seiten aus dem „Gemeindeboten“ oder dem „Bistumsblatt“ aus und befestigte sie mit gelben, geriffelten Klebestreifen an den Wänden.

Ihr jüngster Sohn, ein schon längst erwachsener Mann, wohnte an den Wochenenden bei ihr. Onkel Ludwig war längst nicht so vielseitig wie Onkel Franz und arbeitete bloß als technischer Zeichner, was ihm aber ein höheres Ansehen verlieh als seinem Bruder. Mich beeindruckte sein Motorroller, auf dem er mich am Samstagabend in die einzige Gaststätte des Dorfs zum Kegeln mitnahm. Daß er dort mit einem Kind auftauchte, machte seinen Kumpeln, wie er sie nannte, einigen Eindruck. Wahrscheinlich hat er mit mir angegeben, oder mit seiner Rolle als Onkel. Ich war jedenfalls stolz, weil er mich behandelte, als wäre ich zehn Jahre älter, stellte eifrig die Kegel auf und verhielt mich ansonsten unauffällig, um nicht zur Großmutter nach Hause geschickt zu werden. Sonntags blieb Onkel Ludwig so lange wie möglich im Bett, das heißt so lange, bis die Großmutter sein noch warmes Bett brauchte, um darin den Reis fürs Mittagessen zu Ende zu garen. Sobald er aufgestanden war, fragte er die Großmutter nach dem Zettel, auf dem sie hoffentlich am Abend zuvor die Lottozahlen notiert hatte. Auf dem Tischchen, auf dem die Großmutter den Zettel vermutete, lag er natürlich nicht. Unter gegenseitigen Beschimpfungen suchten beide dann die Wohnung nach dem kleinen Zettel ab, der sich schließlich nicht in Luft aufgelöst haben konnte. War er irgendwann gefunden, konnte Onkel Ludwigs Frage nach dem zum Vergleich notwendigen Annahmeschein zu einer Wiederholung der Suche und einer Steigerung der Beschimpfungen führen. Doch schließlich war der Reis fertig, dazu gab es riesige Wiener Schnitzel und grünen Salat. Während des Mittagessens erzählte die Großmutter, was der Pfarrer morgens gepredigt hatte. Wenn er ihr am Ende der Messe als erster die Hand gegeben hatte, billigte sie die Predigt, falls sie von ihm übersehen worden war, ließ sie kein gutes Haar daran.

Nachmittags kamen Onkel Ludwigs sogenannte Kumpel zum Kartenspielen und Biertrinken. Wenn ein Spieler fehlte, trat die Großmutter an dessen Stelle. Weil sie mogelte, ohne daß es ihr nachzuweisen gewesen wäre, gewann sie meistens. Jeder wollte sie als Partnerin. Im Radio gab es die Sportsendung, bei wichtigen Fußballspielen wurde das Kartenspiel unterbrochen. Onkel Ludwigs Kumpel hingen verschiedenen Vereinen an, die Auseinandersetzungen verliefen deswegen ziemlich laut. Gegen Abend kam Onkel Franz nach oben. Nach einem Streit mit Tante Magda wollte er Schnaps von seiner Mutter. Tante Magda, die Großmutters Wohnung so selten wie möglich betrat, brüllte aus dem Treppenhaus. „Bleib doch bei deiner Mutter, bleib doch bei ihr!“ Der Rest war unverständlich, weil sie laut und durchdringend heulte. Die Großmutter weigerte sich, Onkel Franz Schnaps zu geben, weil Tante Magda das wieder zum Anlaß nehmen würde, wochenlang nicht mit ihr zu reden. Onkel Franz wußte aber, wo der Schlüssel zum Schrank versteckt war, in dem der hochprozentige Rumverschnitt und selbstgebrannter Obstschnaps standen.

Die Anwesenheit Onkel Ludwigs am Wochenende fanden wir nicht uninteressant – es war eigenartig zu beobachten, wie ein erwachsener Mann von der Großmutter als Kind behandelt wurde und wie er sich das, im Gegensatz zu uns, gefallen ließ. Uns gegenüber unternahm er keinerlei Erziehungsversuche. Höchstens machte er seiner Mutter Vorwürfe, daß sie sich von uns auf der Nase herumtanzen ließe. Um Geld von ihr zu bekommen, drohte er damit, unsere Eltern zu informieren. Die Großmutter handelte die geforderte Summe etwas herunter, indem sie ihn daran erinnerte, daß er noch immer nicht den Gartenzaun ausgebessert habe. Sie müsse sich deswegen vor den Nachbarn schämen, es sei eine Schande, daß er seine Mutter in diesen Dingen nicht unterstütze. Alles in allem war es gut, daß Onkel Ludwig am Montagmorgen wieder verschwunden war. Er verursachte zuviel Unruhe und störte unser Leben in völliger Regellosigkeit.

Wir wuschen uns so gut wie nie, spritzten uns aber gegenseitig mit dem Gartenschlauch naß bis auf die Knochen. Als es Susanne auf dem Balkon zu heiß wurde – so heiß, daß sie zu faul war, um in den Garten herunterzukommen -, versuchten Bruno und ich, ihr die Abkühlung mit Hilfe des Gartenschlauchs direkt auf dem Balkon zu verschaffen. Dabei wurde die Wohnung etwas überschwemmt – für Susanne ein willkommener Anlaß, mit Wischlappen und Eimern zu hantieren. Nasse Lappen auszuwringen war eine ihrer großen Leidenschaften.

Wir gingen ins Bett, wann wir wollten. Wenn uns danach war, legten wir uns alle drei in ein Bett, oder wir suchten uns Schlafstellen auch außerhalb der Betten. Kurz vor dem Einschlafen bekam Susanne manchmal Heimweh. Sie machte sich dann Vorwürfe wegen so gut wie allem, was sie tagsüber angestellt hatte, und wollte von mir wissen, was davon als Sünde einzuordnen sei. Da ich meist anderes als sie als Sünde kategorisierte, gerieten wir rasch in Streit. Es endete damit, daß Susanne alles, was sie sich anfangs selbst als Sünde angekreidet hatte, entschieden rechtfertigte. Darüber schlief sie getröstet ein.

Mein bevorzugter Schlafplatz war ein ausgeleierer alter Liegestuhl auf dem kaum mehr als handtuchschmalen, aber ziemlich langen Balkon. Um dorthin zu kommen, benutzte ich nicht eine der beiden auf den Balkon führenden Türen, sondern kletterte prinzipiell durch ein Fenster, bepackt mit Kissen, Decken und einigen Büchern. Die Bücher, die ich mitgebracht hatte, waren immer schnell zu Ende gelesen. Obwohl es bei der Großmutter eigentlich keine Bücher gab, fand ich doch welche: Überbleibsel aus der Jugend Onkel Ludwigs. Es waren Bücher, die ich zu Hause nie hätte lesen dürfen, die die Eltern Schundromane nannten. Immerhin lernte ich so Winnetou und Micky Maus kennen. Ich verschlang alles, genauso wie die Groschenromane, die sich in den unübersichtlichen Ecken in Großmutters Wohnung stapelten.Ich las halbe Nächte lang im Liegestuhl auf diesem Balkon, im Licht einer Taschenlampe –  wie zu Hause. Allerdings nicht, wie dort, heimlich unter der Bettdecke, sondern nur, weil es auf dem Balkon sonst kein Licht gab. Dafür gab es Äpfel in einer Kiste, die ich nahe genug an den Liegestuhl rückte, um jederzeit einen Apfel essen zu können, ohne die Lektüre unterbrechen zu müssen. Unter dem Liegestuhl lagen Zwiebeln zum Trocknen, sie rochen etwas feucht und modrig. Einmal las ich, bis es hell wurde. Das hatte ich nie zuvor gemacht, ich war begeistert und zugleich überzeugt davon, etwas absolut Verbotenes getan, eine Grenze überschritten zu haben. Sehr erstaunt schlief ich ein und wachte schwitzend erst ziemlich spät am Vormittag wieder auf. Die Spätsommersonne brannte auf den Balkon, die Zwiebeln und mich in meinem Gewirr aus Decken und Büchern. Die Großmutter hatte zu verhindern gewußt, daß Bruno und Susanne mich in meinem Schlaf störten. Ob sie ahnte, daß ich eine außergewöhnliche Nacht hinter mir hatte, weiß ich nicht. Sie fragte mich einfach, ob ich jetzt frühstücken wolle. In ihrer Welt war anscheinend auch das Außergewöhnliche kein Grund zur Aufregung.

Wir aßen ausschließlich, was wir wollten. Bruno stopfte massenhaft Kartoffelchips in sich hinein, dazu trank er Apfelsaft, gleich aus der Flasche. Susanne bevorzugte Birnensaft zu Salami ohne Brot, ich Kaffee – der zu Hause selbstverständlich verboten war – zu Resten von kaltem Strudel vom Tag zuvor. Außer Apfel- und Birnensaft, der im Dorf gekeltert wurde, gab es im Keller noch andere Saftsorten, aus roten und schwarzen Johannisbeeren, aus sauren und süßen Kirschen, aus Holunder und Rhabarber, von der Großmutter selbst eingekocht. Jeder von uns stellte sich sein spezielles Saftsortiment zusammen, ergänzte es nach Belieben. Wenn es mittags etwas zu essen gab, was wir nicht mochten, aßen wir gar nichts und versorgten uns stattdessen mit Süßigkeiten, Obst oder Kompott. Die Süßigkeiten waren in unglaublichen Mengen in einem Schrank verstaut, dessen Zugänglichkeit die Großmutter kontrollieren zu wollen vorgab. Aber wir hatten bald entdeckt, wo der Schlüssel zum Schrank versteckt war. In diesem Schrank fand Bruno schließlich auch die Flasche mit selbstgemachtem Eierlikör. Diese Entdeckung führte, im Alter von vier Jahren, zu seinem ersten Schwips.

Normalerweise bestand das Mittagessen sowieso aus nichts als unseren Lieblingsgerichten, und das hieß meist, da wir keine Lust hatten, uns auf etwas zu einigen, aus drei verschiedenen. Jede andere uns bekannte Person hätte es abgelehnt, zu einem Mittagessen Dreierlei zu kochen, und da uns klar war, daß Kochen mit Arbeit verbunden war, hätten wir das wahrscheinlich auch akzeptiert. Doch der Großmutter schien es nichts auszumachen. Außer Süßigkeiten, Süßspeisen (Strudel mit allen denkbaren Füllungen, Buchteln mit Pflaumen, Palatschinken mit Quark, Kartäuser Klößen mit eingemachten Pfirsichen, Waffeln mit Honig, Ofenschlupfer mit Vanillesauce – die gesamte österreichisch-ungarische Mehlspeisenpalette, dazu regional bedingte Einsprengsel) und gelegentlich, um unsere Lust auf Zucker wieder zu wecken, einer scharfen Suppe aus weißen Bohnen, aßen wir hauptsächlich Obst, das heißt unreife Stachelbeeren und genauso unreife Äpfel, die wir uns vom Baum im Garten holten. Die Bauchschmerzen, die uns die Großmutter angekündigt hatte, stellten sich nur nach dem ersten Mal ein, schon beim zweiten Versuch hatten sich unsere Mägen daran gewöhnt.

Es gab Tage, an denen wir fast ununterbrochen aßen. Gegen Abend ging das nur noch im Liegen. Wir überprüften, wessen Bauch am dicksten war. Manchmal kam die Großmutter mit einem Eimer Eis an, einem richtigen Eimer. In solchen Mengen gab es Eis nur „beim Amerikaner“, das heißt in dem Supermarkt, in dem die Amerikaner einkauften, bei denen die Großmutter putzte. Angesichts dieser unvorstellbar großen Menge Eis gerieten wir in eine Art Raserei. Daß uns anschließend übel wurde, war unvermeidlich, aber es war wunderbar, weil uns keiner deswegen Vorwürfe machte. Einen großen Teil der folgenden Nacht verbrachten wir mit Durchfall, Brechreiz oder beidem gutgelaunt auf dem Klo, über dem Waschbecken oder der Badewanne hängend. Unsere gute Laune verhinderte vermutlich, daß die Großmutter sich wegen unseres Zustands Gewissensbisse gemacht hätte. Die Vervollständigung der Freiheit zu essen, bis es uns aus allen Löchern wieder herauskam, bestand darin, anschließend überhaupt nichts zu essen, einen ganzen Tag oder sogar länger, eben so lange, bis wir wieder hungrig waren.

Wir räumten nichts auf, was sich gut mit den Ordnungsregeln der Großmutter vertrug. Wir merkten wohl, daß sie in dieser Hinsicht durchaus ihre eigenen Vorstellungen hatte, doch waren sie undurchschaubar für uns. Was für uns, die wir die Welt mit den Augen unserer ordnungsfanatischen Mutter sahen, der Inbegriff von Chaos war, schien für die Großmutter eine unvermeidliche und deshalb selbstverständliche Äußerung des Lebens zu sein. Wir konnten nichts anrichten, was ihre Überzeugung von der Zusammengehörigkeit von Leben und Durcheinander in Frage gestellt hätte. Sie machte jeden Morgen sämtliche Betten, da wir uns aber, wann immer wir wollten, zum Essen, Lesen, Spielen, Schlafen in irgendein Bett legten, waren abends, anscheinend ohne daß ihr das aufgefallen wäre, sämtliche Betten im selben Zustand wie morgens unmittelbar nach dem Aufstehen. Wir zogen an, was wir wollten. Meist bequemten wir uns nur zu einem Minimum an Kleidern, Schuhe verschmähten wir völlig. Trotzdem war Susanne eine Ewigkeit mit ihrer Toilette beschäftigt und brachte hingebungsvolle Stunden vor dem Spiegel des Frisiertischs zu, wenn sie versuchte, ihre Haare auf möglichst viele Lockenwickler zu drehen. Sie tat das nicht zuletzt, um Bruno und mir gegenüber eine gewisse Mißbilligung zum Ausdruck zu bringen, weil wir von Tag zu Tag weniger Wert auf derartige Äußerlichkeiten legten. Susanne war sieben. An guten Tagen hingen noch am frühen Nachmittag zwei oder drei Lockenwickler auf ihrem Kopf.

Verregnete Tage waren uns willkommen, es gab dann keinen Grund, aus dem Haus zu gehen. Bruno spielte mit den Hasen im Stall, das heißt, er jagte alle aus ihren Käfigen. Da sich die Hasen untereinander nicht gut vertrugen, war der Aufruhr beträchtlich. Bruno flüchtete sich auf einen Stapel von alten Autoreifen und begann zu brüllen. Wenn die Großmutter Ort und Ursache des Spektakels entdeckt hatte, beobachtete er interessiert und von ihren Flüchen vollkommen unbeeindruckt, wie sie in dem mit Gerümpel vollgestopften kleinen Stall hin- und hersprang, die Hasen an den Ohren einsammelte und sie wieder in ihren Käfigen verstaute. Nachdem er das oft genug beobachtet hatte, brachte er eine Variante in sein Spiel. Er band zunächst die Hasen des einen Käfigs mit einer Schnur an den Ohren aneinander, dann kamen die Insassen des nächsten Käfigs an die Reihe. Er konnte gut mit einer Schnur umgehen und verstand sich aufs Knotenmachen, seit kurzem knüpfte er sich seine Schuhbänder allein. Trotzdem konnte er seinen Plan nicht zu Ende bringen. Um an die Hasen in der oberen Etage heranzukommen, türmte er einige Kisten und Kanister aufeinander. Die Hasen trommelten vor Aufregung wie wild gegen den Maschendraht. Vielleicht machte ihn das nervös, jedenfalls verlor er das Gleichgewicht und stürzte ab. Die mühsam aufeinandergestapelten Kisten und Blechkanister verursachten bei ihrem Einsturz ein eindrucksvolles Getöse. Die Großmutter stürzte erschrocken herbei und untersuchte Bruno nach Verletzungen. Am Ellbogen fand sie eine kleine blutende Stelle. Für solche Fälle hatte sie immer einen Fetzen Papier in der Schürzentasche. Davon riß sie ein Stückchen ab, feuchtete es gut mit Spucke an und klebte es auf die blutende Stelle. Das war eklig, half aber garantiert gegen das Blut. Sie nahm Bruno auf den Arm, um ihn zu trösten. Was er mit den Hasen gemacht hatte, fiel ihr erst später auf. Bruno weinte nicht, seine Enttäuschung ließ er sich nicht anmerken. Vielleicht würde es ja das nächste Mal klappen: zuerst die Hasen jedes Käfigs an den Ohren aneinanderbinden, dann alle käfigweise gebündelten Hasen ebenfalls aneinander. Ob sie dann noch weglaufen könnten? Es dauerte ziemlich lang, bis die Großmutter die bereits verschnürten Hasen wieder auseinandergeknotet hatte.

Weil die Großmutter morgens geklagt hatte, daß es bei diesem Regen nicht möglich wäre, das reife Gemüse im Garten zu ernten, nützte Susanne die halbe Stunde, in der der Regen etwas nachließ. Sie suchte im Garten nach reifem Gemüse zum Ernten. Da sie sich nicht schlüssig war, welches als reif genug zu betrachten war, begann sie mit dem Gemüse, bei dem das auf den ersten Blick nicht festgestellt werden konnte. Mit viel Schwung zog sie eine Mohrrübe aus der glitschignassen Erde. Diese jedenfalls war noch sehr klein, also wohl noch nicht reif. Die nächste auch nicht, die übernächste auch nicht. Sie war konzentriert bei der Arbeit, im nassen Boden versank sie bis zu den Knöcheln. Alle ausgerissenen Mohrrüben legte sie ordentlich nebeneinander. Es lagen schon sehr viele in Reih und Glied, als sie endlich auf eine Mohrrübe stieß, die zweifellos als reif zu bezeichnen war. Mit dieser Mohrrübe lief sie triumphierend und ohne zuvor die Erdklumpen von ihren nackten Füssen gewischt zu haben, zur Großmutter. Die war gerade mit der Zubereitung einer Fleischbrühe beschäftigt, da konnte sie eine Mohrrübe gut gebrauchen. Aufgefallen sind ihr deshalb fürs erste nur die schmutzigen Füsse.

Mir waren verregnete Tage willkommen, weil ich diese Heftchen entdeckt hatte, Groschenromane stapelweise. Ich war neun Jahre alt und wußte bereits, daß dies die allerübelste Art von Literatur war, die man sich nur denken kann. Aber ich hatte nie zuvor so ein Heft gelesen. Diese Romane nun in solchen Massen zur Verfügung zu haben – den sowieso nicht ernstgemeinten Einspruch der Großmutter, „das ist noch nichts für dich“, beachtete ich selbstverständlich nicht -, versetzte mich in Ekstase. Bald unterschied ich die einzelnen Genres: Arztromane, Heimatromane, Prinzessinnenromane. Krimis waren in der Minderheit. Schneller als mir lieb war, hatte ich das Strickmuster dieser Tragödien verstanden. In den Arztromanen gab es einen berühmten, aber alternden Chefarzt, der das Genie seines Assistenten nicht ertragen kann und deshalb den Assistenten nach Kräften schikaniert. Gleichzeitig bemüht sich der alte Chefarzt, „eine noch immer imponierende Erscheinung“, um die hübscheste seiner Krankenschwestern, im allgemeinen die Tochter armer Eltern mit unzähligen Geschwistern, die sie alle mit ihrem armseligen Lohn unterstützen muß. Der Chef mit den guten Manieren und den gepflegten grauen Schläfen verspricht ihr den Himmel auf Erden, wenn sie bereit ist, sich von der nicht standesgemäßen Verwandtschaft loszusagen. Die hübsche Krankenschwester ist drauf und dran, in dieses alles in allem verlockende Angebot einzuwilligen, als ihre arme alte Mutter lebensbedrohlich erkrankt, selbstverständlich an einer bislang vollkommen unbekannten Krankheit. Nun schlägt die Stunde des verkannten Assistenten. Er ist bereit, ohne Bezahlung in langen aufopferungsvollen Nachtstunden das Geheimnis der Krankheit der armen alten Mutter zu erforschen. Natürlich gelingt ihm das, die arme alte Mutter wird wieder gesund, der hübschen Krankenschwester gehen die Augen auf über den wahren Charakter des graumelierten Chefs. Der Assistent wird aufgrund seiner medizinischen Entdeckung weltberühmt, steinreich und bekommt die Krankenschwester obendrein, die ihm zum guten Schluß noch „ihr süßes Geheimnis“ offenbart. Das Genre des Heimatromans funktionierte ganz ähnlich, im Zentrum hier: der alte verbitterte Hofbauer und sein Sohn, der entweder gar nicht Bauer werden will oder immer noch länger bis zur Hofübergabe warten muß. In den weiblichen Hauptrollen: die verhärmte Frau des alten Hofbauern, für die der Sohn zu jedem Opfer bereit wäre, damit sie sich auf ihre alten Tage nicht mehr so schinden muß. Die Sekretärin mit dem zweifelhaften Lebenswandel, die den Sohn mit den Freuden des städtischen Lebens zu locken versucht. Ihr gegenüber die hart aber still, zufrieden und gottesfürchtig arbeitende Tochter des reichsten oder des ärmsten Bauers im Dorf. Zwei Varianten eines glücklichen Endes sind möglich. Nur der Vollständigkeit halber noch das Genre der Prinzen und Prinzessinnen: aus edlem, aber verarmtem Geschlecht, müssen sie unter dramatischen Umständen erfahren, daß Name und Familienehre Schall und Rauch, wahres Glück und Lebenserfüllung aber bei einem Autohändler beziehungsweise einer Witwe mit sechs Kindern zu finden sind.

Zu der Zeit, als ich die Bekanntschaft mit dieser Form der tragischen Literatur machte, war meine größte Sorge, ob und in welchem Zeitraum es möglich sei, alle Bücher aus der Stadtbibliothek – mit einigen mir geläufigen Tricks nicht nur die aus der Kinderabteilung – und anschließend die Bücher aller anderen Bibliotheken zu lesen. Gekaufte Bücher schätzte ich damals nicht besonders, denn das waren die, die mein Vater mir einmal im Monat schenkte. In diesen Büchern ging es serienweise um Mädchen in meinem Alter, die Pferde hatten oder keinen Vater, ansonsten mit ihren Freundinnen Geheimbünde schlossen und überhaupt alles machten, was ich auch machte. Bis auf die Pferde und den nicht vorhandenen Vater stimmte alles mit dem überein, was ich sowieso kannte, so daß mich diese Bücher grenzenlos langweilten. Ich las sie nur deshalb innerhalb weniger Stunden, weil ich das Gefühl hatte, auf diese Weise die Bemühungen meines Vaters honorieren zu müssen. Meine Mutter erzählte meinem Vater, ich würde die Bücher regelrecht verschlingen, wodurch mein Vater sich bestätigt fühlte und in regelmäßigen Abständen mit einem neuen Buch ankam.

Der Reiz dieser Heftchen nun, die ich bei der Großmutter fand, bestand darin, daß sie nicht für mich gekauft waren, daß sie als Schund und für Kinder ungeeignet galten, daß so viele von ihnen vorhanden waren, und daß meine Großmutter mir nicht wirklich verbieten konnte, sie zu lesen – sie hatte mir ja nichts Besseres anzubieten. Doch, wie gesagt, die Ernüchterung kam leider schnell. Diese Geschichten funktionierten tatsächlich alle auf die gleiche Weise. Ich gab mir große Mühe, das Stadium der Unwissenheit vor der Lektüre des allerersten Heftchen irgendwie noch einmal zu erreichen, aber es gelang mir nicht. Wenn ich den ersten Satz gelesen hatte, kannte ich bereits den letzten. Ich überprüfte das gewissenhaft an verschiedenen Exemplaren der jeweiligen Genres. Die Ergebnisse waren niederschmetternd, und ich stürzte in große Zweifel, wie sich das mit den vielen Büchern in den unzähligen Bibliotheken verhalte. Ich begann zu befürchten, daß es überflüssig sein könnte, alle diese Bücher zu lesen, weil womöglich auch dort irgendwann immer dasselbe Muster erkennbar werden würde, daß die Eintönigkeit nicht auf die kaufbaren und auch nicht auf die sogenannt schlechten Bücher beschränkt sein könnte.

Voraussetzung für diesen Beginn einer folgenreichen Desillusionierung war diese Art von Ferien, eine Freiheit am Rand der Verwahrlosung. Es war nicht schlimm, daß ich mit niemandem über meine Entdeckung sprechen konnte. Entscheidend war, daß ich –  ein begleitendes schlechtes Gewissen nahm ich gelassen in Kauf – die Freiheit hatte, diese Entdeckung zu machen und mir ihre Folgen auszumalen. Ein schlechtes Gewissen hatte die Großmutter sicher auch, weil bei allem, was wir trieben, deutlich wurde, daß sie „nicht mit uns fertig wurde“. Deshalb hatten wir auch nichts zu befürchten, wenn uns die Eltern am Ende der ein- oder zweiwöchigen Ferien abholten. Nein, wir seien ganz brav gewesen, versicherte die Großmutter auf ihre Fragen. Wir bemühten uns um den dazu passenden Gesichtsausdruck und verrieten höchstens durch unsere nicht den elterlichen Regeln entsprechende Kleidung und von Schokolade klebenden Hände, daß in den letzten Wochen nicht alles nach diesen Regeln verlaufen war. Da die Großmutter uns nicht verriet, verrieten wir sie auch nicht. Daß unsere Ängste angesichts der großmütterlichen Grenzenlosigkeit manchmal beträchtlich gewesen waren, ließen wir uns nicht anmerken. Stattdessen sprachen wir davon, noch länger bleiben zu wollen. Wahrscheinlich gab es nichts, womit wir die Großmutter glücklicher hätten machen können.

Kurz vor dem Ende der Ferien verbrachten wir einen ganzen Tag am Fluß, das heißt an einem von der Schiffahrt nicht mehr genutzten, stillgelegten Seitenarm des Flusses. Der Tag war so heiß, daß wir uns einig waren, nicht in das vermutlich total überfüllte Schwimmbad zu gehen. Wir hatten uns aneinander und an die Freiheit dieser Tage gewöhnt. Die Hitze tat ein übriges dafür, daß wir, anders als an kühleren Tagen, keine Lust auf große Diskussionen hatten. In unzählige Plastiktüten und Körbe wurden Getränke eingepackt, Obst und belegte Brote, das Strickzeug der Großmutter und ein Ball. Wir brachen früh auf, solange die Hitze noch erträglich war, und wanderten, formiert wie die Mitglieder einer Karawane, die drei oder vier Kilometer bis zu unserem Ziel. Am Fluß, der nur noch aus einem etwa zwanzig Meter breiten Rinnsal bestand, war weit und breit kein Mensch außer uns. Das gegenüberliegende Ufer des Flusses säumten Pappeln, auf unserer Seite gab es eine Trauerweide, eine Pappel und einen Apfelbaum. Im Schatten der Pappel versuchte die Großmutter, einen Klappstuhl auf den Kieselsteinen des ausgetrockneten Flußbetts in eine möglichst wenig wacklige Position zu bringen. Dann begann sie zu stricken. Bruno suchte das Rinnsal des Flusses nach Fischen ab. Susanne hatte in dessen Mitte einen Stein gefunden, auf den sie sich, von Wasser umspült, setzen konnte, um ihre Fußnägel zu lackieren. Sie hatte den Nagellack erst heute morgen in einer Schublade entdeckt, er war schon ziemlich eingetrocknet. Enttäuscht, daß das Wasser zu flach war, um darin zu schwimmen, begann ich, auf den Apfelbaum zu klettern, mit dem letzten der noch nicht gelesenen Bücher aus Großmutters skurrilem Reservoir in der Hand.

Das Klettern war ziemlich schwierig, wenn ich beide Hände brauchte, mußte ich zuerst einen Platz finden, wo ich das Buch sicher ablegen konnte. Oder ich mußte das Buch mit den Zähnen festhalten, aber dann sah ich nicht mehr, wohin ich als nächstes greifen mußte. Es war sehr heiß und sehr still, deutlich hörte ich das Klappern von Großmutters Stricknadeln noch aus einer Entfernung von zwanzig Metern. Sonst hörte ich nichts. Bruno saß im Wasser, spielte mit Sand und Steinen und hoffte, daß bald ein Fisch vorbeischwimmen würde. Susanne malte inzwischen nicht mehr ihre Fußnägel an, sondern den Stein, auf dem sie saß. Ich hatte in meinem Apfelbaum endlich eine breite, bequeme Gabelung erreicht. Dort legte ich mein Buch erst einmal ab und bat dann die Großmutter, mir etwas zu trinken und Obst heraufzureichen. Sie tat das auch, sobald sie ihre Reihe zu Ende gestrickt hatte. Es ging mir darum, mich auf dem Apfelbaum möglichst gut einzurichten. Die breite Gabelung bestimmte ich zu einer Art Basislager. Mit Hilfe der Großmutter standen dort bald eine Flasche Kirschsaft, ein Gefäß mit gezuckerten Johannisbeeren und eine Tüte nicht verlangter, aber willkommener Himbeerbonbons.

Ungefähr zwei Meter höher hatte ich eine weitere, kleinere Astgabelung ausgemacht, die mir in komfortabler Entfernung zu meinem Proviant, in ausreichender Distanz zu Großmutter, Schwester und Bruder und vorläufig nahe genug am Himmel schien, um dort das letzte der mir in diesen Ferien zugänglichen Büchern zu lesen. Ich schaffte den Aufstieg und fand einen ausnehmend geeigneten Leseort. Von unten, von den anderen war ich nicht zu sehen, obwohl ich, wenn ich das wollte, sie jederzeit sehen konnte. Ich mußte nur den einen oder anderen Ast ein bißchen hin- oder herbewegen. Ich saß mitten im Laub. Es war heiß und ein bißchen kühl zugleich: heiß von der Reflexion der Sonne auf der Oberfläche der Blätter, ein bißchen kühl von deren nach unten gekehrter Seite, als würde sich von dort noch der Morgentau bemerkbar machen. Um meine Füße abzustützen, gab es etwas weiter unten einen Ast. An passender Stelle befand sich ein weiterer Ast, auf den ich meinen Nacken lehnen konnte. Mein Kopf lag solchermaßen bequem im Nichts. Ich war überzeugt davon, daß der Baum nur für mich und diesen Tag so gewachsen war, wie er gewachsen war. Ich sah lange durch die Zweige in den Himmel, dann beobachtete ich die unterschiedlichen Schattierungen des Laubs in der Sonne. Ich hörte, wie Bruno plötzlich schrie: „Ein Fisch!“ und durch das Wasser rannte. Das Geräusch, das dabei entstand, ergab einen angenehm kühlenden Effekt, ohne daß ich hätte hinsehen müssen. Die Großmutter klapperte noch immer mit den Stricknadeln. Susanne sang ihr Lieblingslied, ein sehr trauriges Lied von einer Bäuerin, die ihre Katze verloren hat und sie nicht wiederfinden kann.

Ich war mir sicher, daß nichts besser sein könnte, als für immer auf diese Weise in diesem Apfelbaum zu sitzen. Falls ich Durst bekommen sollte oder Hunger, stünde wenig unter mir alles bereit. Die Himbeerbonbons hatte ich sowieso mit nach oben genommen. Irgendwann begann ich zu lesen, das letzte noch nicht gelesene Buch dieser Ferien. Ich hatte keine Eile es zu lesen, weil ich schon festgestellt hatte, daß es nicht um etwas ging, das ich schon kannte. Ich befürchtete, das Buch zu schnell zu lesen. Deshalb ließ ich mich von jedem Vogel ablenken, der sich auf dem Apfelbaum niederließ. Die Kondensstreifen eines uns überfliegenden Flugzeugs sah ich mir an, bis sie im Blau des Himmels zu nichts geworden waren. Einer Ameise, die ich einige Male wegzuwischen versucht hatte, gestattete ich schließlich, an meinem linken Bein entlang zu krabbeln. Wenn ich lang genug auf dem Baum sitzen bleiben würde, könnte ich mich von den Äpfeln ernähren, die irgendwann reif werden würden. Mir wurde plötzlich klar, was das Paradies bedeutet.

Danach fühlte ich mich sehr allein und sehr glücklich in dem Apfelbaum, und nach einer Weile war ich so in mein Buch vertieft, daß ich Apfelbaum und Paradies und Großmutter und Himbeerbonbons und überhaupt alles vergaß. Ich las und hätte ewig lesen mögen, wenn nicht, ja, wenn ich nicht plötzlich bemerkt hätte, daß ich ganz dringend pinkeln mußte. So dringend, daß an einen Abstieg vom Apfelbaum überhaupt nicht zu denken war. Verzweifelt informierte ich die Großmutter über die Situation. Sie schien den Ernst meiner Lage nicht zu erfassen und erwiderte lachend: „Na und?“ Und nach einer kurzen Pause: „Laß es doch einfach laufen.“ Dieser Ratschlag verblüffte mich so, daß ich für einen Moment die Dringlichkeit meines Bedürfnisses vergaß. Ihre Antwort schien mir die letzten Grenzen einzureißen. Doch die Logik ihrer Empfehlung überzeugte mich, auch wenn sie gegen alles verstieß, was sonst Gültigkeit hatte. Mir fiel ein, daß ich unter meinem Sommerkleid nicht einmal eine Unterhose trug. Die Angelegenheit verlangte inzwischen wirklich nach einer schnellen Entscheidung. Es war ein feierlicher Moment, als ich mich auf den Ast stellte, auf den ich bislang meine Füße gestützt hatte. Mein Rücken lehnte an einem etwas höheren Ast. Ich mußte mich nicht festhalten und stand mit leicht gespreizten Beinen frei im Apfelbaum. Die Ameise krabbelte noch immer auf meinem Bein. Mein Kopf ragte durch das dünnere Laub des Wipfels fast über den Baum hinaus. Die Mittagssonne traf mich mit aller Wucht. Da ließ ich es einfach laufen. Es war das Paradies.