So viele Möglichkeiten anzukommen, anzufangen: bei diesem Regenmantel, bei der Kakerlake, im regelmäßig samstags einsetzenden Regen. Alles schon vorhanden, als ich eintreffe: die Kakerlake, der Regenmantel, der Regen. Ich komme an einem Samstag an.
Den Regenmantel gibt mir die Frau, deren Apartment ich gemietet habe. Ungeachtet des heftigen Regens, der über New York niedergeht, will sie mir die nähere Umgebung zeigen, und so gehen wir raus, im strömenden Regen. Noch nie war ich hier, sofort bin ich mittendrin. Als sei ich wo angekommen, wo ich immer schon ankommen wollte. Aber ich weiß, dort anzukommen, ist unmöglich. Die schlagartige Vertrautheit mit dieser Stadt – es muß mit diesem mir so großzügig zur Verfügung gestellten Regenmantel zu tun haben. Entscheidend ist nichts anderes als die Bewegung, mit der ich in den Mantel schlüpfe. Im selben Moment bin ich auch, so sehr man es nur sein kann, in dieser Stadt, ich schlüpfe in sie rein wie in diesen Regenmantel. Daß er mir etwas zu groß ist, empfinde ich keineswegs als störend, eher als Vorgeschmack einer Großzügigkeit, die ich als typisch für die Stadt noch kennenlernen werde.
Eine Großzügigkeit, die offenbar vom ersten Moment an ansteckend ist. Als ausgerechnet ich am nächsten Morgen in der Küche auf die nicht kleinlich dimensionierte Kakerlake treffe, halten sich Schreck und Ekel in erstaunlichen Grenzen. Bis vor nicht allzu langer Zeit in durchaus phobischem Verhältnis mit diesen Tieren lebend, frage ich mich wütend: warum muß ausgerechnet ich die Küche betreten, während dieses Tier hier herumläuft? Dann plötzlich die Erinnerung an den kleinen Jungen in Oaxaca. Der übliche Nachmittagsregen war vorüber, auf dem zentralen Platz der mexikanischen Kleinstadt überall Pfützen, Miniaturbäche in den Rinnsteinen. Von einem Café aus hatte ich den Jungen schon längere Zeit beobachtet, nun sah ich mir aus der Nähe an, was er über einem Rinnstein hockend trieb. Es war ein ihm sichtlich vertrautes Spiel. Er jagte einige Kakerlaken durch einen aus Abfällen und Hölzchen errichteten Hindernisparcour in die Brühe, die durch den Rinnstein schoß. Doch es ging ihm nicht darum, die Tiere zu ertränken, auch im Wasser hatte er Vorkehrungen getroffen, die den Kakerlaken den Weg zurück zum Ausgangspunkt wiesen. Nein, er wollte sie nicht ertränken. Er brauchte die Kakerlaken zur Fortsetzung seines Spiels. Damals in Mexiko erreichte meine hysterische Reaktion auf Kakerlaken und ähnliche Tiere einen Höhepunkt. Ich spielte mit dem Gedanken an eine Radikalkur. Man erzählte mir von Restaurants, in denen noch die traditionellen Speisen angeboten werden, darunter auch geröstete Kakerlaken. Ich erstand ein Kochbuch, in dem ihre Zubereitung genau beschrieben wurde, doch den Weg ins Restaurant fand ich nicht. Die Kakerlaken verfolgten mich auch nach der Rückkehr nach Europa, sie wanderten durch meine Träume in stets wechselnder tierischer Gestalt. Ihre Metamorphosen täuschten mich nie, ich erkannte sie immer. Sie wuchsen von Traum zu Traum, das nahm ihnen den Schrecken, machte sie handhabbar. Wir versöhnten uns, als sie mir in Gestalt eines Hundes in auswegloser Situation zu Hilfe kamen. Und nun in dieser Küche, an diesem ersten Morgen in dieser Stadt, die seither erste Begegnung mit dieser nicht geträumten Kakerlake. Eine Schrecksekunde, eine rasende Abfolge von Bildern, und dann ist es eine Kakerlake, sonst nichts. Da ist eine Kakerlake, und mir leuchtet ein: Sie signalisiert mir meine Zugehörigkeit zu New York. Welcher Bewohner dieser Stadt hätte sich nicht schon über Kakerlaken geärgert. Künftig mache ich das Licht an, wenn ich mir die Begegnung ersparen will, ich mache das Licht an und warte einen Moment, um ihr Gelegenheit zu geben, sich zurückzuziehen. Das erweist sich als funktionierende Übereinkunft. In dieser Stadt ist Platz für alle.
Ich hole meine Brötchen jetzt am Broadway, schreibe ich einem Freund. Dabei fällt mir auf, daß ich, wenn irgend möglich, an nichts so unverrückbar festhalte wie an meinen Frühstücksgewohnheiten. Wie steht es dann um meine Aufbruchsgelüste? Auf welchen Reisen auch immer, so lange es irgend möglich ist, versuche ich, möglichst dasselbe zum Frühstück zu mir zu nehmen wie zu Hause. Und ist das nicht auch zu Hause verwunderlich? Nie käme ich auf die Idee, meine Abendessen auf dieselbe eintönige Weise zugestalten. Ich spreche mit anderen über diese Beobachtung, es ist bei allen dasselbe: zum Frühstück immer dasselbe. Ein Rückfall in archaische Zeiten der Menschheitsgeschichte – oder ist es ein Auftauchen aus ihr? Jeden Morgen beginnen wir wieder in der Urzeit -dieselbe Speise, mit Glück tagaus, tagein. Erst mit dem Fortschreiten des Tages werden wir dem aktuellen zivilisatorischen Grad, der Variationsbreite und Differenziertheit unserer sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten wieder gerecht. Mittags Sushi beim Japaner, abends wenn möglich das 5-Gänge-Menü. Noch in der Kindheit meiner Eltern stand abends dieselbe Milchsuppe wie morgens auf dem Tisch.
Da fällt mir übrigens etwas ein, sagt der Zigarettenverkäufer in seinem Kiosk, Broadway Ecke 91. Straße. Da fällt mir ein, was ich Ihnen unbedingt erzählen muß. Ich habe ihn gefragt, an welcher Ecke der Bus hält, der rauf nach Harlem fährt. Er ist vermutlich Inder, eine spezifische Sanftheit in seinem Blick, seinem trägen Redefluß steigert die hier sowieso geläufige Freundlichkeit. Während er mir die Zeitung und das Päckchen Zigaretten rüberschiebt, verrät er mir noch immer nicht, wo der Bus nach Harlem abfährt. Es ist eine unglaubliche Geschichte, das wird Sie interessieren, setzt er erneut an. Es ist noch früh am Morgen, nicht viele Leute sind unterwegs. Die meisten legen wortlos die sechzig Cent für die Zeitung auf den Tresen, stopfen sich das halbe Kilo bedrucktes Zeitungspapier unter den Arm und beeilen sich weiterzukommen. Für mich ist es der erste Morgen in diesem Land, in dieser Stadt, und selbstverständlich bin ich bereit zuzuhören. Es wird die erste von ungezählten Geschichten sein, die mir auf diese beiläufige Weise vorgetragen werden, ausgelöst meist von einer harmlosen Frage, nach einer Straße, einem bestimmten Café oder eben einer Buslinie. Denkbar banale Fragen, die unvermeidlich dieselbe Reaktion auslösen. Ich hatte eher mit Zurückhaltung, mit den Ressentiments der Metropolenbewohner gegenüber Fremden gerechnet. Aber es ist eine großzügige Stadt – du fragst nach einer Straße, und als Antwort kriegst du eine Lebensgeschichte. Natürlich nicht irgendeine, sondern ausnahmslos Lebensgeschichten, die immer und auf jeden Fall von irgendeiner Art von Erfolg gekrönt sind. Im Fall des Inders handelt die unglaubliche Geschichte übrigens von einer Frau, die er eines Tages in jenem nach Harlem fahrenden Bus getroffen hat, dessen Haltestelle ich nicht kenne. Sie kam aus exakt demselben Dorf einer südindischen Provinz, aus der er selbst vor vielen Jahren aufgebrochen ist, und eigentlich war es erst die zufällige Begegnung mit ihr, die seinen Aufbruch und alles, was ihm folgte, rechtfertigte. Denn was nützte der Aufbruch, was die Ankunft in dieser Stadt, was der seither erreichte Erfolg, wenn niemand aus seinem Dorf dort im südlichen Indien davon erführe – vom gelungenen Aufbruch, von geglückter Ankunft, von errungenem Erfolg. Erst als er dieser Frau, einer Bekannten seiner Mutter, von diesen Stationen seines Lebens – Aufbruch, Ankunft, Erfolg – erzählen konnte, wurden daraus Aufbruch, Ankunft, Erfolg. Und stellen Sie sich vor, beendet er seine Geschichte, diese Frau wollte wenige Zeit darauf nach Indien zurück, in unser Dorf im Süden. Wenn sie wirklich zurückgegangen ist, sagt er, dann hat sie alles meiner Mutter erzählt. Und dann hat sich alles gelohnt, verstehen Sie, Aufbruch, Ankunft, Erfolg. In seine Augen tritt bei diesen Worten ein buchstäblich überirdisch zu nennender Glanz. Schon seit längerem sind mir die beiden Männer aufgefallen, die, von der gegenüberliegenden Straßenecke aus, den Zeitungshändler oder mich oder uns beide nicht aus den Augen lassen. Nun ist ihre Geduld erschöpft. Mit großen Schritten kommen sie herüber, schubsen mich beiläufig beiseite und begrüßen den Inder wie einen alten Bekannten, allerdings mit einem unüberhörbar drohend mitschwingenden Unterton in den heiseren Stimmen. Für einen ganz kurzen Augenblick wird der Inder nervös, sieht zu mir herüber, sieht wieder weg, sieht auf die beiden Männer. Dann überreicht er ihnen das dicke Bündel Geldscheine. Es ist eine routinierte Geste. Ich gehe beschämt meiner Wege. Als ich am nächsten Tag erneut Zeitung und Zigaretten verlange, gibt er mir die gestern erwünschte Auskunft. Der Bus nach Harlem hält zwei Blocks weiter nördlich, sagt er mit dem sanftesten aller möglichen Lächeln. Aufbruch, Ankunft, Erfolg, fügt er leise hinzu – das hat natürlich seinen Preis. In meinem Dorf im südlichen Indien weiß man das nicht, zum Glück. Er ist, das verstehe ich in diesem Moment, ein glücklicher Mensch.
Ganz und gar unglücklich dagegen die Frau auf dem Barhocker. In unabsehbar winzigen Schlückchen nippt sie an ihrem Kaffee, überprüft alle paar Minuten ihr Aussehen in einem winzigen Spiegel, den sie nervös aus ihrem Handtäschchen kramt. Welche Veränderungen erwartet, befürchtet, erhofft sie in ihrem Gesicht, das der hier üblichen makellosen Norm entspricht? Wenn sie nicht an ihrem Kaffee nippt, nicht in ihren Spiegel schaut, fixiert sie eine bestimmte Stelle oberhalb meiner Lippe. Nach einiger Zeit steckt mich ihre Unruhe an – ist irgend etwas nicht in Ordnung mit dieser Stelle gleich oberhalb meiner Lippe? Ein Krümel etwa, ein Pickel? Unauffällig taste ich die Stelle ab – nichts. Sie sollten nicht diesen Lippenstift benutzen, sagt sie unvermittelt und starrt mir direkt auf den Mund, wirklich nicht. Er ist mindestens eine Nuance zu dunkel. Nehmen Sie es mir nicht übel, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Vielleicht ist es ja auch nur das Licht hier drin. Ja, das wird es sein. Es ist einfach zu dunkel hier. Sie greift schon wieder nach ihrem Spiegel. Das richtige Licht, murmelt sie, das ist einfach entscheidend. Da fällt mir übrigens etwas ein, eine unglaubliche Geschichte. Sie haben doch noch eine Minute Zeit, ja? Während sie ihren Barhocker etwas dichter zu meinem schiebt, gibt sie dem Mann hinter der Theke ein Zeichen, ihre Tasse ein weiteres Mal mit dem dünnen Kaffee aufzufüllen. Sie wendet sich mir zu, bringt sich dabei voll in Positur: Die Beine perfekt übereinander geschlagen, die Linie ihrer Brüste durch eine wie kontrollierende Handbewegung unterstreichend. Nur Europäer werden diese Geste als ordinär verstehen, hier ist sie Ausdruck einer verbreiteten Überzeugung, wonach der Körper das Produkt eigener Bemühungen ist, Ergebnis schweißtreibender Anstrengungen, ihn in die beste aller möglichen Formen zu bringen – etwas der Person nur als Attribut Zugehöriges. Es ist eine Geste, harmlos wie die eines Produktmanagers, der die neueste Entwicklung des Hauses selbstverständlich ins beste Licht rückt, der von dessen Vorzügen so sehr überzeugt ist, daß er nicht davon ablassen kann, dieses Produkt sorgsam liebkosend ins beste aller Lichter zu rücken, selbst wenn zufällig einmal kein Interessent in Sicht sein sollte. Es ist wirklich eine unglaubliche Geschichte, sagt die Frau und überprüft dabei den Schliff ihrer Fingernägel, und alles ist geschehen, wie es geschehen ist, weil es das falsche Licht war. Es war zu dunkel. Ich weiß genau, daß er blaue Augen nicht ausstehen kann, die ganze Stadt weiß das. Und nun ist er mit ihr verheiratet, stellen Sie sich das vor! Und so was war mal meine beste Freundin … Aber ich hab es ihr gesagt. Ist man das einer Freundin, selbst einer ehemaligen, nicht schuldig? Ich hab ihr gesagt, daß sie diese Heirat bloß der schlechten Beleuchtung auf dieser Party verdankt. Jeder weiß doch, daß er blaue Augen haßt. Na ja, das hat sie nun davon. Sie ist nun mit ihm verheiratet. Die Frau schaut nervös auf ihre Uhr. Ich muß weg, sagt sie, gleich beginnt der Sonderverkauf. Ist das nicht eine unglaubliche Geschichte? Ich besorg mir jetzt jedenfalls blaue Kontaktlinsen – hundertmal blauer als ihre Augen. Sie wird schon noch sehen, was sie davon hat. Und denken Sie daran, benützen Sie einen helleren Lippenstift! Rasch schwingt sie sich vom Barhocker, überprüft noch einmal den Sitz der Bluse, des Rocks, der Jacke und die damit bedeckten Körperteile. Bereits im Gehen, legt sie einige Dollars auf den Tresen und wirft mir in gedankenloser Routine das verführerischste aller möglichen Lächeln zu.
Noch etwas Kaffee, fragt mich gleichmütig der Barkeeper. Außer mir ist niemand da, den er um diese Zeit ansprechen könnte. Er doch wohl nicht auch, denke ich, als er grinsend fragt: Hat Sie Ihnen auch diese Geschichte aufgetischt? Sie erzählt immer dasselbe, jeden Tag, seit mindestens zwei Jahren. Kopfschüttelnd räumt er die Kaffeetasse der Frau weg, poliert die Theke auf Hochglanz. Sie sind neu hier, nicht wahr? Er kommt nur seinen Berufspflichten nach, wenn er sich darum bemüht, das Gespräch mit mir fortzusetzen. Geben Sie nichts auf solche Geschichten, sagt er und gießt, ohne daß ich darum gebeten hätte, noch einmal von dem graubraunen Gebräu in meine Tasse. Hier ist jeder davon überzeugt, eine absolut unglaubliche Geschichte zu bieten zu haben. Die Leute leben davon, ihre angeblich unglaublichen Geschichten loszuwerden. Würde gern mal wissen, wie viele von diesen Geschichten wirklich passiert sind. Er erwartet keine Antwort von mir. Er schneidet Zitronen zurecht, um sich auf den demnächst zu erwartenden Ansturm nach Büroschluß vorzubereiten. Er füllt den Behälter mit Eiswürfeln auf, das Glas mit den Oliven. Offenbar redet er noch immer, doch kann ich ihn jetzt nicht mehr verstehen. Seine Mimik läßt Erschütterndes erwarten, weshalb ich mich beeile, meine Rechnung zu begleichen. Schade, daß Sie gehen müssen, sagt er, ich hätte Ihnen nämlich eine wirklich unglaubliche Geschichte zu erzählen. Fluchtartig verlasse ich die Bar.
Draußen stolpere ich fast über den Bettler, der nicht nur die Hand aufhält, sondern sich die Mühe macht, sich sein Geld redlich zu verdienen. Eine Minute, sagt er, wenn Sie nur eine Minute Zeit haben, werde ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Eine unglaubliche Geschichte … Ich lasse das Kleingeld, nach dem ich bereits gegriffen habe, in der Manteltasche, stürze an dem Bettler vorbei auf die Straße und erwische sogar umgehend ein freies Taxi. Der Fahrer scheint sich nicht nur auszukennen – was hier keineswegs die Regel ist -, sondern auch ausnehmend guter Laune zu sein. Er lacht und lacht. Das müssen Sie sich anhören, beginnt er dann, mir ist eine ganz unglaubliche Geschichte passiert. Ich beschließe, mich in mein Schicksal zu ergeben. Er hat immer wieder mit Lachsalven zu kämpfen, während er mir von einem verwickelten Betrugsmanöver erzählt, in dem gegen jede Wahrscheinlichkeit tatsächlich der Schurke den Kürzeren gezogen und sein bislang vom Schicksal benachteiligter Verwandter das Glück seines Lebens gemacht hat, und das, obwohl jeder ihn längst abgeschrieben hatte. Er lacht wieder dröhnend, das ist Amerika, verstehen Sie? Ich denke mir, daß diese Fahrt, zumindest, falls dieser Taxifahrer wirklich wissen sollte, wo sich die Straße befindet, in die ich möchte, bald ein Ende haben wird. Zu allem, was er erzählt, lächle ich das geduldigste aller Lächeln.
Überall auf den Straßen sehe ich Menschen, die jetzt aussehen, als suchten sie pausenlos einen, dem sie ihre unglaubliche Geschichte erzählen können. Es ist eben ein großzügiges Land. Frag einen nach einer Straße, und er erzählt dir sein Leben. Gern würde ich jetzt jemanden treffen und ihm eine unglaubliche Geschichte erzählen. Doch anscheinend hab ich die Technik dafür nicht raus. Noch bevor es mir gelungen ist, auch bloß den Mund aufzumachen, gehen mir bereits wieder die Ohren über. Eine wirklich unglaubliche Geschichte, wirklich …
Die Häuser, natürlich. Aber sind es wirklich Häuser? Zwei- bis zweihundertstöckig führen sie Architekturgeschichte von zweihundert Jahren vor Augen. Da es sichtlich bis heute keine Regeln gibt, welche Höhen und Verrenkungen die Häuser erreichen dürfen, scheinen sie dem Bereich des künstlich Gemachten zu entkommen. Gegen jedes bessere Wissen ist unvorstellbar, daß Menschen sie gebaut haben sollen. Sie erscheinen mir als Naturwunder, ihrer bizarren Künstlichkeit zum Trotz. Diese Häuser verwandeln sich unversehens in ein Gebirge, die Einschnitte der Straßen sind tatsächlich Schluchten. Vor allem samstags, wenn es regnet und die höheren Gipfel in Wolken und Nebel verschwinden. An allen anderen, strahlend blauen Tagen triumphiert das flirrend Oszillierende. Ein Gebirge, in das jederzeit der Dschungel einbricht: das urzeitliche Heulen der Polizeiautos, der Krankenwagen, das dumpf schnarrende Brummen der Feuerwehr. In den gläsernen Schluchten kann es passieren, daß die Sonne aus vier Himmelsrichtungen gleichzeitig scheint – Spiegelungen, erstaunliche Reflexionen, nur ein Naturgesetz. Nein, es ist doch ein Naturwunder, eines aus Glas. Aber ich glaube nicht an Wunder. Es ist eine gläserne Künstlichkeit, ein falscher Atemzug – und alles stürzt ein. Ich halte die Luft an. Ich fühle mich selbst wie aus Glas, als würde ich gleich zerbrechen. Doch nein, es ist flüssiges Glas.
Die Stadt packt mich, ich lasse es zu, mit ungeheurer Wucht. Ich reagiere mit einem Rückzug auf pure, mitunter befremdlich gesteigerte physische Präsenz. Der Rückzug aufs Physische dient mir als Schutz, nicht zuletzt vor der vorschnellen intellektuellen Fixierung meiner Eindrücke. Der Rückzug auf die Physis geht bis kurz vors Zerbrechen. Es ist, so verstehe ich irgendwann, eine Form der Assimilation bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Widerstands dagegen. Gleichgültig, ob meine Konzentration auf physische Präsenz als Schwäche oder als Stärke zu interpretieren sein mag – es ist fürs erste die einzig angemessene Reaktion auf diese Stadt. Ein Versuch, ihr gewachsen, ebenbürtig zu sein, ihr standzuhalten, auch: ihr gerecht zu werden. Eine Weichheit wie kurz vorm Zerfließen verspricht etwas wie die Chance auf Unversehrtheit. Natürlich, die Geschichte vom Stein und dem Wasser … In der Rezension eines Buches in der Zeitung wird ein Satz zitiert: Everything what is happening just is adequate. Ich verstehe den Satz augenblicklich als Zusammenfassung des Verhältnisses zwischen der Stadt und mir. Ich wundere mich, als mir aufgeht, daß dieser Satz keineswegs von Passivität berichtet.
Die Leute erzählen Geschichten, und ich höre zu. Auch dieses Geschichtenerzählen ist eine Methode, sich der Stadt gewachsen zu zeigen. Es ist eine Möglichkeit, sich jeden Tag ein anderes Leben zu erfinden, Motor ist die Hoffnung, einmal den idealen Entwurf des einen unter vielen möglichen Leben hinzukriegen. Diese Geschichten sind lebensnotwendig in einer Stadt, die sich einer immerwährenden Gegenwart verschrieben hat, in der Geschichte, nimmt man sie bei diesem Anspruch, nicht vorkommt. Die Subway bleibt stehen, mitten auf der Strecke. Die Fahrgäste zeigen Routine, sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Keiner sagt etwas. Ich habe mich da, sagt plötzlich der Mann neben mir, nicht gerade gut benommen. Stört es Sie, wenn wir ein bißchen reden? Die Regel in der Subway ist: Alle schweigen, sind lesend oder dösend mit sich selbst beschäftigt. Ausnahmen von der Regel sind offenbar möglich. Die unvermittelte Offenheit paßt nicht zu diesem Mann, der neben mir sitzt und redet, zu seiner etwas betont zur Schau getragenen Lässigkeit. Noch eine Geschichte, denke ich und spüre, daß ich diesmal in sie hineingeraten werde. Ich weiß es schon nach seinen ersten Sätzen und nehme es als Beweis dafür, daß ich wieder mal ein Stückchen mehr hier angekommen bin. Auch so was wie Ankunft läßt sich hier steigern. Ich hab ihr gesagt, sagt er, ich müßte heute abfahren. Dabei hab ich noch Zeit bis morgen. Nein, ich hab mich da nicht gut benommen. Und gegen meine Grundsätze verstoßen. Offenheit, sag ich immer, das ist das Wichtigste. Keine Sentimentalitäten, sondern Offenheit. Ich hab mich, genau genommen, richtig mies verhalten, aber ehrlich, jetzt fühl ich mich besser. Sie wurde mir einfach zu viel. Und wer weiß, sagt er, vielleicht ist das eine ganz gesunde Reaktion. Ich kann mich da eigentlich auf mich verlassen. Vielleicht ist sie einfach ein bißchen hysterisch. Und auch nicht mehr die Jüngste. Bei Frauen in diesem Alter, er sieht mich entschuldigend an, er nimmt jetzt erst wahr, daß auch ich in diesem Alter bin, bei Frauen in diesem Alter muß man aufpassen, da hat sich manches angestaut. Frauen in diesem Alter wird man nicht so leicht los. Dabei hab ich, sagt er, schon genügend Probleme zu Hause. Ich hab ihr das alles erzählt, sie ist ja nicht blöd, meine Familie, mein Verhältnis mit dieser Frau, ich hab aus nichts ein Geheimnis gemacht. Ich hab ihr alles ganz offen erzählt, offener, als es sonst meine Art ist. Sie hat was, womit sie mich provoziert hat, so offen zu sein. Nicht, daß sie irgendwelche Forderungen gestellt hätte, nein, sagt er, das kann man wirklich nicht sagen. Dazu ist sie … na ja, viel zu intelligent. Und eben drum, so frag ich mich jetzt – ist das vielleicht ein besonders raffinierter Zug von ihr? Was meinen Sie? fragt er mich. Seine Geschichte interessiert mich nicht, ich finde ihn komisch, die Subway steht noch immer im Tunnel, er redet, als gelte es sein Leben. Über Lautsprecher gibt es eine Ansage, sie ist unverständlich wie immer. Wir stecken hier fest, keiner weiß warum, keiner verliert die Nerven, der Mann neben mir redet. Ich vermute, daß er mitten in einem Spiel steckt, mit dem er etwas besänftigen will. Er ist, auf diese betont lässige Weise, ungeheuer bemüht. Er amüsiert mich. Sie hat, sagt er, manchmal merkwürdige Sachen gesagt, ohne daß ich ihr dafür einen Anlaß gegeben hätte. Sie ist merkwürdig offen, anders als ich, irgendwie – schamlos. Wieso, frage ich mich, sagt er, mutet sie mir so was zu? Gut, ich war auch offen. Aber daß das in gewisser Weise zu unserer Inszenierung gehörte, müßte eine Frau in ihrem Alter doch wissen. Und dann auch die Grenzen respektieren. Wozu also sagt sie mir solche Sachen? Als wir uns verabschiedet haben zum Beispiel, stellen Sie sich das vor, da sagt sie, mit einem Lächeln, sie hätte mir die ganze Zeit nicht getraut – nicht dem, was ich gesagt habe, nicht dem, was ich gemacht habe. Obwohl sie, das hat sie auch gesagt, gern gehört hat, was ich gesagt habe, und alles andere mochte sie auch. Gerade dann, wenn es alle Formen verletzt hat. Auf eine etwas spezielle Weise hält sie was von Formen, aber genau so viel hält sie davon, wenn diese Formen dann verletzt werden. Ich werd aus ihr nicht schlau. Die Subway steht unverrückbar fest, die Lautsprecheransagen wiederholen sich immer häufiger, ohne dabei verständlicher zu werden. Hab ich schon gesagt, daß sie in diesem Alter ist, wo man einer Frau ansieht, wenn sie einige Nächte nicht geschlafen hat? Nicht alleine, mein ich, sagt er. Ich sehe mich im Fenster gegenüber, ich sehe, aus genau dem Grund, von dem er spricht, so aus, wie ich aussehe. Ich habe auch einige Nächte nicht geschlafen. Tagsüber, sagt er, hat sie mich manchmal wie Luft behandelt. Was mir allerdings ganz gelegen kam, wenn ich ehrlich bin. Es mußte ja nicht gleich jeder merken, daß da was läuft. Auf ihre Diskretion, sagt er, kann ich mich verlassen, wenn auch nur in Grenzen. Nicht, weil sie’s drauf anlegen würde – aber sie nimmt so was wohl nicht so wichtig. Es ist ihr, wie ich sie kenne, vermutlich egal, ob jemand was davon mitkriegt oder nicht. Völlig unvermittelt macht auf der Sitzbank gegenüber jemand seinem Ärger Luft. Warum wird man nie darüber informiert, brüllt der gutgekleidete Herr, warum diese Scheiß-Subway endlos irgendwo rumsteht? Wahrscheinlich hat irgendein Irrer mal wieder eine Bombe geschmissen, warum sagt man uns das nicht? Er springt auf, er rudert in hilfloser Wut mit den Armen, dann setzt er sich wieder, zieht ergeben eine Zeitung aus seiner Aktentasche. Sie war, sagt der Mann neben mir, auf eine merkwürdige Weise ziemlich oft mit sich selbst oder mit was auch immer beschäftigt. Ich hab mit derartigen Frauen wenig Erfahrung. Aber trotzdem war da was. Auf einer ganz direkten,körperlichen Ebene, verstehen Sie, was ich meine? Das brach immer wieder durch, es war kaum auszuhalten. Sie hätte mich ganz schön durcheinanderbringen können, wenn ich nicht … Na ja, man hat so seine Erfahrungen. Ich hab jedenfalls rechtzeitig gemerkt, daß mir das zuviel wird. Verstehen Sie mich? Wir waren beide in einer Art Ausnahmezustand, so was hat doch keine Perspektive. Sie hat gesagt, anfangs habe sie mich für arrogant gehalten. Sie habe, hat sie gesagt, den Eindruck gehabt, ich sei viel zu beschäftigt damit, eine Rolle zu spielen. Und jetzt, hat sie gesagt, wo sie mich besser kenne, sehe sie, daß ich tatsächlich so sei. Wie soll man auf so was reagieren? Wieso sagt sie so was? Es hat sie nicht gestört, verstehen Sie das? Sie hat das einfach festgestellt, lächelnd. Ich hab ihr gesagt, ich wüßte, daß ich arrogant sei, was blieb mir übrig. Da hat sie gelacht und gesagt, mein Geständnis sei eine seltene Steigerung der Arroganz. Ich hab noch einen drauf gesetzt und gesagt, sie solle es ruhig sagen, daß ich mit meiner Arroganz kokettiere. Sie hat gesagt, anfangs habe sie mich komisch gefunden, aber jetzt beginne sie, mich zu lieben. Verstehen Sie das? Die Subway läuft nun stockend in die nächste Station ein. Über Lautsprecher erfahren wir, daß es Probleme gibt und die Subway vorläufig ihre Fahrt nicht fortsetzen wird. Wollen wir nicht irgendwo einen Kaffee trinken, fragt mich der Mann. Ich finde ihn amüsant, er bemüht sich so sehr. Um Lässigkeit, um Überlegenheit. Wir gehen in eine Bar und trinken Kaffee. Wieso erzähle ich Ihnen all das überhaupt, wundert er sich selbst, das sieht mir eigentlich gar nicht ähnlich. Aber was soll’s, sagt er, jetzt hab ich Ihnen schon so viel erzählt, darauf kommt’s nun auch nicht mehr an. Ich weiß schon, warum ich so viel geredet habe. Weil die Subway da in diesem Tunnel feststeckte. Klaustrophobie, verstehen Sie? Er lacht, freut sich, daß das ausgestanden ist. Gerade noch hab ich ihn amüsant gefunden, jetzt beginne ich schon, ihn zu lieben. Leider beginnt er von seinem Beruf zu reden, von seinen Erfolgen. Vielleicht registriert er mein erlahmendes Interesse, jedenfalls unterbricht er sich plötzlich. Ich habe mich, sagt er, vorhin nicht gut benommen. Ich muß morgen noch gar nicht abfahren. Dann komm doch mit zu mir, schlage ich vor. So also wird hier aus Geschichten Wirklichkeit, wie rasant die Übergänge, das verursacht mir ein Schwindelgefühl, bringt mich zum Lächeln. Hat dieser Mann mir beschrieben, was vergangen ist, oder was gerade jetzt erst beginnt?
Die Autos in dieser Stadt scheinen nicht einzeln und von Individuen bewegt zu werden, sondern Bestandteil eines einzigen Breis zu sein, der mal träge flüssig sich durch die Straßen wälzt, mal aus unerfindlichen Gründen ins Stocken gerät. Das Breiförmige macht den Verkehr auffallend unaggressiv.
Alle Besucher dieser Stadt schwärmen von den Museen. Ich fühle mich in den Museen ausgesprochen unwohl. Ich durchwandere sie und spüre, wie sich eine Glasglocke über mich stülpt – eine Abwehr gegen den Eindruck der Entgrenzung. Alles scheint hier nach außen gestülpt, so etwas wie ein Innen nicht vorhanden. Es dauert einige Zeit, bis ich den Grund dafür verstehe. Verstörend ist nicht nur die Begegnung mit den Ikonen der europäischen Kunstgeschichte, bekannt aus unzähligen Reproduktionen, denen so unmittelbar gegenüberzustehen plötzlich einer obszönen, ja blasphemischen Handlung gleichzukommen scheint. Nachdem ich durch das Metropolitan Museum, das Guggenheim Museum und das Museum of Modern Art gewandert bin, begreife ich, daß es sich gar nicht um Museen im europäischen Sinn handelt. Es sind keine Museen, sondern Arsenale voll von Gegenständen, die unablässig in fröhlichem Stolz verkünden: seht her, wir haben alles! Die Gegenstände in diesen Museen haben jeden Sinn verloren – nein, das ist eine falsche, eine von Europa ausgehende Überlegung. Die Kunstwerke haben ihren europäischen Sinn gegen einen amerikanischen eingetauscht. Es sind keine Kunstwerke mehr, sondern Beutestücke. Eine Bestätigung für diese Erkenntnis finde ich im Whitney Museum, dem Ort der amerikanischen Kunst des 20.Jahrhunderts. Es ist das einzige Museum der Stadt, das den europäischen Vorstellungen von einem Museum korrespondiert. Es ist, mit den zeitgemäßen Einschränkungen, ein Ort der kritischen Selbstvergewisserung, der Auseinandersetzung mit amerikanischer Gesellschaft und Geschichte.
Weit davon entfernt, nicht nur räumlich, das den amerikanischen Ureinwohnern gewidmete Museum im alten Zollhaus unten an der Battery. Man hat es, mit dieser großzügigen Geste vermeintlich allen Peinlichkeiten ausweichend, ganz einfach den Nachfolgern dieser Ureinwohner überlassen. Die Gesellschaft, in der die ausgestellten Objekte eben nicht die Bedeutung von Kunstwerken hatten, sondern Gerätschaften des sozialen und religiösen Alltags waren, diese Gesellschaft ist, wie jedes Kind aus jedem Western weiß, zerstört worden, die Indianer sind tot. Wie ihre Nachfolger in Reservaten leben, so präsentieren sich hier die Ausstellungsobjekte: Folklore. Ganz gewiß unfreiwillig ein Einbruch der historischen Wahrheit, wahrnehmbar vielleicht nur für den europäischen Betrachter: eine Vitrine mit Mokassins in allen Größen. Auch eine Ikone dieses Jahrhunderts. Die Berge von Schuhen in Auschwitz sind nicht so bunt, nicht so dekorativ angeordnet.
Für Amerikaner, sagt man mir, sei das Museum of Immigration auf Ellis Island eine bedrückende Konfrontation mit den wenig geliebten Aspekten der eigenen Geschichte, man besuche es nicht gern. Bis in die 50er Jahre trafen hier die Einwanderungswilligen aus aller Welt ein, wurden auf Herz und Nieren, politische Zuverlässigkeit und finanzielle Mittel überprüft. Anschließend ins Land gelassen oder abgewiesen. Die Koffer in der Eingangshalle sind hübsch angeordnet, ebenso die in ihnen herbeigeschleppten besten Stücke aus der alten Heimat. Es ist wie bei Macy’s, nur die Preisschilder fehlen. Ich bin entsetzt über die niedlich arrangierte Gleichgültigkeit, die Ignoranz gegenüber den Einwanderern, gegenüber allem, was sie zurückgelassen haben. Dann begreife ich, daß genau diese Gleichgültigkeit und Ignoranz eine Voraussetzung der vielgerühmten Freiheit dieses Landes sind. Alle Aufmerksamkeit dagegen den Einwanderern, sobald sie sich als Amerikaner wiederfinden: Für bereits tausend Dollar kann jeder Amerikaner sicherstellen, daß seine eingewanderten Vorfahren in Stein gemeißelt werden. Die steinerne Schlange mit unzähligen Namen gleich neben dem Museum ist schon ziemlich lang, sie scheint geeignet, die Amerikaner mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen. Was zählt, ist nicht, woher die Urgroßeltern gekommen sind, sondern daß sie hier angekommen sind. Im Land der Zukunft hat man sich seiner Vergangenheit zu entledigen. Der steinerne Wall erzählt den Mythos einer Geburt aus eigenem Willen.
Wo zeigt sich, so frage ich mich, die Grundlage, vielleicht auch der Widerpart von Freundlichkeit und Offenheit der Bewohner dieser Stadt? Ist es der häufig beklagte Grad der Bewaffnung, der die Gelassenheit der Einwohner absichert? Eine Liebesaffaire mit einem Europäer enthüllt andere Motive. Er und ich stehen an einer Bar. Wir trinken Gin Gimlet. Wir beobachten, vielleicht für hiesige Verhältnisse zu auffällig, die Leute, die uns an der kreisförmigen Theke gegenüberstehen. Wir kommentieren die Miniaturdramen, die sie uns liefern. Wir stehen dicht nebeneinander, doch berühren wir uns lange Zeit nicht. Auch oder gerade so ist die physische Anziehung zwischen ihm und mir als das buchstäbliche Knistern wahrnehmbar, vermutlich nicht nur für uns. Irgendwann der Hauch einer Berührung unserer Arme, ein vorsichtiges Entlangstreichen an seiner Wirbelsäule. Er bestellt zum dritten Mal Drinks für uns. Der Barkeeper serviert sie und flüstert ihm dabei warnend zu: Don’t you think, the lady has enough? Wir sind nicht betrunkener als alle anderen Gäste. So bleibt als Erklärung nur: Prüderie, Sexualangst. Von nun an fällt uns auf, daß es, mit seltenen Ausnahmen, in der Öffentlichkeit keine Berührungen zwischen Männern und Frauen gibt, die über ritualisierte Begrüßungsküßchen, den fürsorglich angebotenen Arm unter Ehepaaren hinausgehen. Die allgemeine, tatsächlich kindliche Freundlichkeit verdankt sich einer in eine Art ewiger Latenz abgerutschten Sexualität.
Der Abstand zwischen den zahlreichen Bettlern oder Obdachlosen und den anderen, den Nicht-Bettlern, den derzeit Wohnungs- und Arbeitsplatzinhabern scheint deutlich geringer als in Europa. Liegt es daran, daß es so viele Bettler und Obdachlose gibt? Oder ist es die Fortsetzung jener schon im Einwanderungsmuseum vorgeführten Ignoranz und Gleichgültigkeit? Oder Demonstration einer allgemeinen Überzeugung, daß zur Freiheit auch gehört, Bettler oder Obdachloser zu werden? Auf jeden Fall gibt es kaum Berührungsängste. Die Lady im Pelzmantel, die dem Bettler jeden Morgen das Wechselgeld vom Zeitungseinkauf gibt, erledigt das nicht hastig im Vorübergehen. Sie bleibt stehen, sie und der Bettler wechseln die üblichen Begrüßungsfloskeln. Sie sehen sich dabei in die Augen. Sie zeigt keine Scheu, seine Hand zu berühren, wenn sie ihm das Geld gibt. Es ist nicht die ängstliche, wegwerfende Geste, mit der dergleichen in Europa geschieht. Man sieht es den Bettlern dieser Stadt an. Selten neigen sie dankbar demütig den Kopf, sondern kommentieren, was man ihnen zusteckt, mit denselben selbstbewußt werbenden Worten wie jeder Verkäufer, dem es gelungen ist, mich zum Kauf wovon auch immer zu bewegen. Zu betteln ist natürlich auch hier kein Traumberuf – aber ein Beruf. Vielleicht rechnet der Banker im dunkelblauen Cashmere-Mantel, wenn er den Bettler wie einen alten Bekannten begrüßt, auch für sich mit dieser Möglichkeit des Berufswechsels.
Ich bin wohnungslos. Die Frau, deren Apartment ich gemietet habe, ist untröstlich, Familiengeschichten, so etwas geschieht immer unerwartet, was will man machen. Ich begebe mich auf eine Reise durch verschiedene Hotels. Kurz vor Weihnachten ist es nicht leicht, ein freies Zimmer zu finden. Zudem sind sie teuer, angewiesen auf ein Hotelzimmer, müßte ich meinen Aufenthalt in dieser Stadt beträchtlich abkürzen. Ich brauche also eine Wohnung. Ich kenne so gut wie niemanden in dieser Stadt. Bewundernswert, wie gelassen du bleibst in dieser Situation, sagt mein zeitweiliger Begleiter. Wir liegen im dunklen Zimmer nebeneinander, er fliegt in wenigen Tagen nach Europa zurück. Kaum hat er das gesagt, steigt der Panikanfall in mir auf. Ich habe keine Wohnung, es wird nicht möglich sein mit meinem billigen Flugticket, früher zurückzufliegen. Ich werde sterben, morgen schon, ganz bestimmt. Das Loch, in das ich stürze, ist bodenlos. Ich warte, bis ich unten angekommen bin. Dann stehe ich auf und schlage vor, essen zu gehen.
Wir haben einen afrikanischen Prinz getroffen, warum auch nicht. Der afrikanische Prinz ist so traurig wie vornehm, ohne Land, in die Fremde verstoßen, von einem gewiß noch vornehmeren König, um sich zu bewähren. In eleganter, absolut auffallender Kleidung, selbst hier, kommt er in die Bar. Er steht nur da, trinkt nichts, raucht nicht. Er beobachtet uns, nicht allzu interessiert. Die Einladung auf einen Drink lehnt er ab. Erst viele Stunden später bittet er um eine Zigarette, um eine weitere. Obwohl er nicht so aussieht – er ist obdachlos, lebt in einem christlichen Männerheim. Wie kann ein Prinz nur so tief fallen, denke ich. Wieso lebt er nicht stolz und ohne den religiösen Strohhalm in einer Pappkartonburg? Natürlich sind meine Einwände purer Hochmut, natürlich habe ich leicht reden. Trotzdem, die Zuflucht im christlichen Männerheim hat ihm sein Prinzenrecht genommen. Das hätte er nicht tun dürfen, damit hat er sich selbst verstoßen, sein Scheitern besiegelt, das müßte er doch selber wissen. Aber er weiß es nicht, oder sieht er die Sache sogar genau anders herum? Ich befürchte, das christliche Männerheim ist ihm der Grund für seinen Stolz. Was ich enttäuscht als endgültige Niederlage registriere, hält ihn nicht davon ab, die Menschen, denen er begegnet, für seine Religion zu missionieren. Jetzt versucht er sein Glück an uns.
Diese Stadt ist, was alle Städte einmal werden wollten, aber längst vergessen haben: ein Terrain für Ankünfte. Jetzt habe ich es geschafft, denke ich immer wieder, ich bin da. Doch schon in der nächsten Sekunde, an der nächsten Straßenecke, bei der nächsten Begegnung bemerke ich erleichtert den Irrtum. Die Anwesenheit hier kann nur gelingen als Ankunft ohne Ende. So ungefähr muß das Paradies aussehen, das Paradies der Übergänge.
Wir stehen in der Bar am Washington Sqare und trinken Gin Gimlet. Sein Flugzeug fliegt in zwei Stunden ab. Wie machen wir das jetzt, fragt er, bleibst du hier, und ich gehe? Wir gehen beide, sage ich. Vor die Tür, und dann jeder in eine andere Richtung? fragt er. Ich nicke. Wir gehen vor die Tür. Es regnet, es ist Samstag. Er schlägt die eine Richtung ein, ich die andere. Es ist fast lächerlich, es ist wie im Film. Doch dann ist er weg.
Als ich ins Hotel zurückkomme, ist die Nachricht für mich da. Ich habe wieder eine Wohnung, unten im East Village. Der Raum ist angenehm, sparsam möbliert. Tageslicht erreicht ihn nicht, das verhindern die nur einen Meter entfernten Nachbarhäuser. Hier kann ich leben wie die Austern in Maine, they never saw daylight, preisen die Kellner sie an. Hier verbringe ich nun meine Vormittage am Schreibtisch. Ich sitze dort wie in einer Höhle, in einem Nirgendwo. Der Kontrast, wenn ich bei strahlendem Sonnenschein ins Freie trete, in die Stadt, ist jeden Tag aufs neue unbegreiflich. Doch die Gleichzeitigkeit von Archaischem und nicht zu steigernder Gegenwart durchzieht viele Aspekte dieser Stadt. Es ist eine Stadt, die nicht nur alle Orte, sondern auch alle Zeiten bereithält. Eine Stadt.
In der Subway nach Coney Island sitzt eine dicke Frau mit zwei dicken Kindern. Die Frau ist müde, sie versucht zu schlafen. Doch ihre dicken Kinder quengeln und toben. Auf der Bank gegenüber ebenfalls eine Frau mit zwei Kindern. Alle drei sind so schlank und wohlgestaltet, wie es irgendeine Werbung nur vorführen mag. Nice people. Doch auch diese Kinder toben und quengeln, zerstören das schöne Bild. Ich bemerke den Blick, den die dicke, ärmlich gekleidete Frau und die schicke, wohlhabendere miteinander tauschen. Der Blickwechsel ist ein Zufall, langerwartet, ein plötzliches Einverständnis blitzt darin auf. In diesen beiden Frauen, der dicken und der schicken, keimt derselbe Entschluß. Sie werden eines nicht mehr fernen Tages dieses quengelnden, tobenden Kinder ganz einfach umbringen. Eine bloße Hygienemaßnahme bei der einen Frau, Voraussetzung, künftig alle Süßigkeiten alleine essen und dann ungestört schlafen zu können, bei der anderen. Ich schaue mir die Kinder an. Sie werden ihre Ermordung, teils vor Schreck, teils, weil sie schon lange darauf warten, schweigend hinnehmen. They all are dressed up to go dreaming…
Ich überlege, warum es so leicht ist, mit dieser Stadt vertraut zu werden. Ich bin ja nicht die erste und nicht die einzige, die das Gefühl hat, die Stadt sei wie für sie gemacht. Was sich mir als erste Erklärung aufdrängt, scheint zugleich das Gegenteil einer Erklärung. Dennoch: Es ist leicht, mit dieser Stadt vertraut zu werden, weil in ihr etwas wie eine umfassende, pausenlose Entwirklichung stattfindet. Es ist unmöglich, in diese Stadt zu kommen, ohne unzählige Bilder von ihr im Kopf zu haben – Bücher, Filme und die Popmusik haben Spuren hinterlassen. Ich komme an und bin darauf gefaßt, alle diese Bilder als Clichées erkennen und aufgeben zu müssen. Aber meine Bilder stimmen mit ihrem Vorbild, der Wirklichkeit, vollkommen überein. Das ist ein Schock. Ich bin nicht bereit, das so zu akzeptieren. Ich konzentriere mich auf die Details. Alle Details präsentieren sich in ungeheurer Konkretion, viele sind identifizierbar, viele europäischen Ursprungs. Doch es ist das ganze Europa auf einmal, das sich hier versammelt hat, und nicht nur Europa, sondern auch Asien, Afrika, Südamerika – die ganze Welt. Das ist nicht realistisch und nur mit Verzerrungen möglich. So geht die übermäßige Konkretion ins Gegenteil über. Entwirklichung. An einem Ort – oder ist es eine Zeit? – der permanenten Entwirklichung – es funktioniert nur als dynamischer Prozeß – zählt nur die jeweils individuelle Wirklichkeit. Deshalb ist jeder, der hier ankommt, gleichzeitig da, wo er ist und sofort mittendrin. Da keine verbindliche Wirklichkeit vorgegeben ist, bleibt nichts anderes übrig, als die eigene festzuhalten. Indem die Italiener leben, wie sie sich an das Leben in Italien erinnern, die Chinesen so, wie sie sich das Leben in China vorstellen, sind sie New Yorker. Man könnte auch sagen: es gibt keinen Zwang – und die mitunter damit verbundene Hilfe – zur Assimilierung. Ich begegne einer Indio-Frau, die, wie zu Hause in den Bergen, mit gesenktem Blick, ein Kind auf den Rücken gebunden, das andere an ihrem Rockzipfel mit sich ziehend, durch den Supermarkt schlurft. An der Kasse bezahlt sie mit einer Kreditkarte.
Ein weiterer Grund, weshalb man hier so rasch heimisch wird, scheint ebenfalls paradox. Es ist die Überwältigung, die diese Stadt für jeden bereithält. Als Überwältigte sind hier alle gleich. Die Überwältigung läßt, außer in abwehrende Starre zu verfallen, keine andere Möglichkeit zu, als zu leben wie vor der Ankunft in dieser Stadt. Den von ihr Überwältigten steht kein Anspruch auf etwas wie Lokalbewußtsein zu, keine Arroganz gegenüber den gerade erst Ankommenden. In dieser Situation war hier jeder einmal, den damit verbundenen Schock hat keiner vergessen. Deshalb gibt es hier fremdartige Kombinationen, absurde Konstellationen an allen Ecken, aber keine Fremden. Deshalb bin auch ich keine Fremde in dieser Stadt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es mir je gelingen wird, alles wahrzunehmen, was beispielsweise an der Straßenecke, an der ich mehrere Wochen lang mehrmals täglich vorbeikomme, wahrgenommen werden müßte, um sagen zu können: Ich hab das jetzt alles gesehen. Die Details der unterschiedlichen Baustile von nur zwei Häusern, die Formen ihrer Feuerleitern, die Bewohner, die hinter den Fenstern sichtbar werden, das ständig wechselnde Licht, die Werbeplakate, Hinweisschilder, Graffities, die Geschäfte, Cafés, Buden, deren Inhaber, die jeweils alles daran setzen, die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu ziehen, die Anwohner, die Straßenhändler, die Obdachlosen und ihre täglich sich verändernden Schlupfwinkel aus Pappkartons. Es ist beunruhigend, daß ich mich hier nicht fremd fühle, obwohl es mir voraussichtlich nie gelingen wird, mit geschlossenen Augen wiederzugeben, wie diese Straßenecke wirklich aussieht.
Da ich in dieser Stadt alles essen könnte, was die Welt nur an Eßbarem bereithält, kann ich lange überhaupt nichts essen. Ich gehe durch die Mulberry Street, von Süden nach Norden. Zunächst sind es Chinesen, die Fische, Krebse und gemäß den Regeln vieler chinesischer Provinzen präparierte Fleischteile anbieten. Außerdem natürlich Gemüse, Früchte, Kräuter, Gewürze. Dann wird das Angebot der Geschäfte italienisch: frische Pasta samt dem traditionell dazu gehörenden Käse in allen Reifestadien, luftgetrockneter Schinken, Berge von Tomaten, Basilikum, Olivenöl. Bevor die Mulberry Street, in dieser Hinsicht eine Ausnahme von den sonst endlos und schnurgerade verlaufenden Straßen, plötzlich als Sackgasse endet, drängeln sich noch einige Geschäfte mit indischen Spezialitäten. Und an der Ecke zur Laffayette Street wirbt ein Laden mit fünfzig verschiedenen Brotsorten. Es dauert länger als eine Woche, bis ich etwas wie Hunger verspüre. Doch legt er sich wieder, es dauert einfach zu lang, bis ich mich entscheiden kann, was ich essen möchte. Es ist absurd auszuwählen, wenn alles zur Wahl steht.
Eine vergleichbare Erfahrung mache ich in den Kaufhäusern, die ich, bereits gewitzt, erst nach mehr als zwei Wochen in der Absicht betrete, etwas dringend Benötigtes zu kaufen. Als ich das Erworbene später betrachte, ist der Reiz, der mich zum Kauf bewogen hatte, verflogen. Warum habe ich ausgerechnet das gekauft und nichts anderes? Ohne den Beistand durch das Ensemble all der anderen Waren ist dieses eine, von mir ausgewählte Ding nur enttäuschend. Es ist unmöglich, ein einziges Ding zu kaufen. Der Kauf zerstörte den Zusammenhang, den dieses eine Ding mit den vielen anderen Dingen nun nicht mehr hat. Indem ich es gekauft habe, bin ich um das Ensemble aller Waren der Welt betrogen worden. So entpuppt sich dieser Kauf als Verlust.
Der Grad meiner Anwesenheit in dieser Stadt entspricht mehr und mehr dem der anderen. Auch ich erzähle jetzt Geschichten, entdecke die Methoden, mich in die der anderen einzuklinken. Mitunter erzählt man mir, was ich selber gerade erzählen wollte, womöglich bekomme ich es nur deshalb zu hören. Er war, sagt die Frau im Waschsalon, ganz einfach angenehm. Ich weiß, das ist ein Allerweltswort, aber auf ihn paßt es. Nicht, daß ihm irgend etwas zu glauben gewesen wäre, nein, dazu hat er sich viel zu sehr angestrengt. Gekonnt, daß muß man sagen, wie er alles vorbrachte, aber angestrengt. Er hat keine Sekunde lang, sagt sie, vergessen, worum es ihm geht. Draußen geht ein Wolkenbruch nieder, es ist Samstag, deshalb habe ich mich entschlossen, hier im Waschsalon abzuwarten, bis der Regen etwas nachläßt. Außerdem sind die Betreiberinnen von Waschsalons gute Zuhörerinnen, und ich muß das jetzt einfach mal erzählen. Die Frau stopft meine schmutzige Wäsche in eine der Maschinen. Keine Sekunde lang, wiederholt sie, hat er das vergessen. Ich finde das bewundernswert, einerseits, aber andererseits – welche Ängstlichkeit hinter der lässigen Tarnung. Das Wasser schießt in die Maschine, die sich mit leisem Brummen zu drehen beginnt. Ein Typ, sagt die Frau, der absolut überzeugt ist von sich und von seinem System. Sie lächelt. Sie kennen solche Männer auch, nicht wahr? Sie sind so leicht zu durchschauen, so vertieft in ihr Spiel, so bemüht, es als wirklich erscheinen zu lassen. Das hat was Rührendes. Ich fand ihn komisch, anfangs, sagt die Frau, er nahm sich und das, was er zu spielen versuchte, so ernst. Doch bei all dem war er – angenehm, ja. Ich kann’s nicht anders sagen. Er wußte sich in einer drittklassigen Absteige genauso selbstverständlich zu bewegen wie in einem 3-Sterne-Restaurant, natürlich, das war er schon seiner Lässigkeit schuldig. Aber verstehen Sie, er hat das so gut gespielt, daß ich, wenn ich wollte, mir jederzeit vorstellen konnte, er sei wirklich so. Sie lächelt, sie ist noch immer glücklich. Wenn mit nichts sonst, so hat er sich doch mit seinem Spiel Mühe gegeben. Ein Narziß, werden Sie einwenden, doch welcher Narziß nimmt heute sein Spiel noch ernst? Anfangs, das hab‘ ich schon gesagt, fand ich ihn komisch. Dann amüsant. Und dann begann ich, ihn zu lieben. Obwohl ich sah, sagt sie, was los ist mit ihm, und obwohl mir klar war, das ihm das nicht in den Kram paßte. Die Frau füllt eine weitere Maschine mit schmutziger Wäsche, packt den Inhalt einer anderen Maschine, nach beendetem Waschvorgang, in den daneben stehenden Trockner. Ich hab’s ihm nicht leicht gemacht, mich zu lieben, sagt die Frau, ich hatte Schnupfen, mein Gesicht war verquollen. Ich hab‘ nicht gut ausgesehen, solange wir zusammen waren, und wenn doch, dann nur, weil es mir egal war. Er ist in der Filmbranche, sagt sie und lächelt. Vielleicht deshalb sein ausgeprägtes Gespür für Timing, Sie verstehen, was ich meine? Er beherrschte die Regeln, und er wußte genau, wann es Zeit war, die Regeln zu verletzen. Er ist ein Profi, sagt sie, und damit ziemlich allein. Aber das gehört zu seinem Spiel, ich werde es ihm nicht verderben. Er war so angenehm. Es ist doch rührend, wieviel Mühe sich so einer gibt, sich sein Gefängnis als Paradies einzureden. Einer, der sich anstrengt, den wilden Mann zu markieren, natürlich ganz auf der Höhe der Zivilisation – tough guy, lonesome rider. Obwohl so einer sein sicheres Nest immer im Hintergrund hat. Die ganze Kunst, sagt sie und lächelt, liegt darin, die Grenzen nie aus den Augen zu verlieren. Dann passiert so einem nichts, er eckt nirgends an. Der Regen läßt nach, ich werde jetzt gehen. In einer Stunde ist Ihre Wäsche fertig, sagt die Frau. Wir wechseln einen irritierten Blick, ob sie weiß, daß ich ihr erzählen wollte, was sie mir erzählt hat? Wir beginnen beide zu lachen. Weit kommen wir nicht damit. Wir hören auf zu lachen, sehen uns an. Ich frag‘ mich, sagt sie, ob er von seiner Verzweiflung was weiß. Glaubt er sich das alles selber?
Ein Konzert in der „Knitting Factory“, bekannt für experimentellen Jazz. Vorgeführt wird, von zwei schwarzen Musikern, eine Initiation auf dem Weg zum Klavier. Im Dunkeln kriecht der Pianist, unendlich langsam, vom hinteren Teil der Bühne nach vorne, unter dem Flügel hindurch. Es ist fast nicht zu sehen und dauert annähernd eine halbe Stunde. Der Schlagzeuger assistiert ihm auf seinem mühsamen Weg zum Flügel durch Gebrabbel, Schreie, eine Art Sprechgesang. Endlich ist der Pianist auf seinem Platz am Flügel angekommen. Das Licht geht an. Was nun folgt, ist etwas wie die Neuerfindung des Klavierspielens. Er knetet die Tasten, als wären sie Teig, mit Ellenbogen, Handgelenken, Händen. Er durchbohrt mit einzelnen Fingern die Tasten, als wären sie aus hauchdünnem, leicht splitternden Ton. Er peitscht über die Tasten, als wären sie eine Wasseroberfläche, die Töne spritzen in alle Richtungen. Das Publikum applaudiert begeistert. Der einzige Schwarze unter den Zuhörern, er sitzt neben mir, schüttelt den Kopf und grinst mich an.
Er spricht mich an, in dem Café, in das ich um diese Tageszeit öfter komme. Er hat das Buch vor mir auf dem Tisch gesehen, von einem mir bislang fremden Autor. Seit Tagen lese ich nichts anderes als dieses Buch, es befremdet und fasziniert mich, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Schon sein erster Satz führt uns in eine erstaunlich heftige Disussion. Wir haben uns noch nie gesehen und sprechen nun über dieses Buch, über seinen Autor. Bei ihm wie bei mir scheint dieser Autor auf etwas getroffen zu haben, was dem Gespräch über sein Buch bei aller Härte unserer Argumente einen zärtlichen Zug gibt. Dabei ist völlig klar, daß er wie ich einige Übung haben in der Diskussion über Bücher. Würden wir uns kennen, wir ließen dieser Zärtlichkeit, die wir in unseren Worten über die Worte in diesem Buch finden, keine Chance. Ebenso unvermittelt, wie er das Gespräch begonnen hat, beendet er es. Er steht auf, deutet die altmodische Geste einer Verbeugung an und geht. Ich sehe ihm nach. Bereits jetzt weiß ich nicht mehr, wie er aussieht. Ich weiß nur, daß er etwas an sich hat, als wäre er irgendwo rausgefallen. Das ist es, was mich unfehlbar anzieht. Ich bin froh, daß er geht.
Einige Tage später ist er schon da, als ich das Café betrete. Wie selbstverständlich setze ich mich an seinen Tisch. Als hätte er auf mich gewartet, zieht er einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche, beginnt ihn mir vorzulesen. Es geht um den Schriftsteller, der unser erstes Gespräch veranlaßt hat. Es ist alles dummes Zeug, was er vorliest. Als er fertig ist, zuckt er die Schultern, grinst. Die meisten Leute stecken zu sehr in irgendwas drin, sagt er, die dürfen so ein Buch gar nicht verstehen. Sonst ginge alles in die Brüche – all das, in dem sie drinstecken. Und wer verkraftet schon so eine Chance? Danach ist nichts mehr zu sagen. Wir trinken Kaffee, wir rauchen, wir hören die Musik im Hintergrund. Darf ich Sie nach Hause begleiten, fragt er irgendwann und steht auf. Die Frage erinnert mich an die angedeutet altmodische Geste bei seiner Verabschiedung neulich. Daß er die Frage stellt, ohne daß ich ihm durch mein Verhalten einen Anlaß dazu gegeben hätte, beeinträchtigt die mit ihr vorgeblich intendierte Höflichkeit. Die Frage ist so gut wie ein Befehl, eine Unverschämtheit, und trotzdem nicke ich, stehe auf. Wir gehen. Nach diesem Musikersatz da drin, sagt er, möchte ich richtige Musik hören. Kommen Sie mit? Wir gehen durch die geschäftigen Straßen der gerade einsetzenden Dämmerung, ich frage mich, ob er weiß, wohin er mich führt, ob es tatsächlich ein Ziel gibt, an dem wir jemals ankommen können. Doch auch wenn es dieses Ziel nicht gibt, es stört mich nicht, es kommt nicht darauf an. Hin und wieder sehe ich ihn an, im Gehen, von der Seite. Ich will nicht mehr vergessen, wie er aussieht. Meistens erwidert er meinen Blick. Wir sind gleich da, sagt er, wir haben schon lange nichts mehr gesagt. Eben noch dachte ich, die Metropolitan Opera wäre unser Ziel, doch er biegt schon wieder in eine andere Straße ein. Eine Straße ohne jeden Glanz, wie sie hier fast immer direkt hinter einer Prachtavenue zu finden ist. Er tänzelt, wie in Vorfreude. Vor einem dicken Rohr bleibt er stehen. Das Rohr kommt direkt aus dem Asphalt, es führt in einigen Verrenkungen nach oben, wo es sich an eine graue Fassade drückt. Er macht eine einladende Geste. Bitte, sagt er, wir sind da. Er schmiegt sein Ohr an dieses Rohr, ich folge seinem Beispiel. Ich höre ein Streichquintett von Schubert. Ich kenne es, ich höre es wie nie zuvor. Jede Note bringt das Rohr zum Vibrieren, ich gerate da hinein, mit Haut und Haaren, buchstäblich. Er nimmt meine Hände, legt sie seitlich an das Rohr. Die Präsenz der Musik steigert sich so sehr, daß ich erschrecke. Er lächelt mich an, legt seine Hände gleich neben meinen ebenfalls an das Rohr. Er flüstert Tonart und Verzeichnisnummer des Quintetts vor sich hin. Ich weiß nicht, sagt er, ob dieses Rohr mit der Heizung zu tun hat oder mit der Lüftung. Aber um diese Zeit proben sie immer. Wir hören die Probe, als säßen wir im Orchesterraum. Jemand pocht hart an ein Pult, gibt Anweisungen, läßt wiederholen. Irgendwann glaubt er zu wissen, wer da heute spielt. Er flüstert den Namen eines bekannten Ensembles. Die Unterbrechungen werden seltener. Wir stehen an der Röhre, pressen unsere Ohren an sie, unsere Hände. Wir können uns nicht sehen. Es ist längst nacht geworden. Es muß die Heizung sein, sage ich zu ihm, es wird plötzlich so heiß. Dann ist das Streichquintett zu Ende. Abgesehen von dem einen Ohr, von den an die Röhre gepreßten Händen sind wir völlig durchgefroren. Ich muß mich jetzt leider verabschieden, sagt er und verschwindet sofort. Warum bin ich so traurig, frage ich mich und verstehe gleich darauf den Grund. Ob ich je wieder Schubert hören können werde?
Einige Tage später begrüßt er mich, als ich gerade das Café verlasse. Heute, sagt er, bringe ich Sie wirklich nach Hause. Es ist nicht weit. Er erzählt von einem Aufenthalt in Barcelona. Es war sehr heiß, obwohl erst früh am Vormittag. Er hatte einen Freund zum Flughafen gebracht, er wollte noch nicht zurück in das Dorf in den Bergen. Um diese Zeit lag Barcelona eigentlich noch im Schlaf. Eher zufällig, sagt er, sei er in dieses Museum geraten. Tapiès, sagt er, Sie kommen aus Europa, Sie kennen ihn bestimmt. Wichtig war eigentlich nur ein einziges Bild. Das einzige an dieser Wand, man sah es sofort, wenn man reinkam. Ich war viel zu müde, um mir alles anzusehen, aber ich wollte noch nicht abfahren. Als ich bemerkte, daß ich wirklich zu müde war, setzte ich mich auf die Stufen. Ungefähr zehn Meter entfernt von mir war diese Wand mit diesem Bild. Anfangs konnte ich, so klar die Bildanordnung war, überhaupt nichts erkennen. Vielleicht bin zwischendurch sogar eingeschlafen. Aber wann immer ich die Augen öffnete, hatte ich dieses Bild vor Augen. Ein Frauentorso. Er wurde sichtbar genau auf dem Teil des Bildes, der nicht bemalt war, können Sie sich das vorstellen? Dieser Frauentorso war da, leuchtend, wie zum Anfassen, seine Präsenz kaum auszuhalten. Und doch war er das, was Tapiès nicht gemalt hat. Ausgesparter Raum auf honiggelbem Hintergrund. Er schweigt. Wir sind inzwischen schon mehrmals an der Tür zu meiner Wohnung angelangt, jedes Mal wortlos wieder bis zur nächsten Ecke zurückgegangen, wiedergekommen. Ungefähr auf der Hälfte dieses mehrfach wiederholten Weges kommen wir an der Pappkartonburg eines Obdachlosen vorrüber. Einige Jugendliche toben sich daran aus. Er wird jedesmal, wenn wir hier vorbeikommen, fast unmerklich eine Spur nervöser. Schließlich ist das, worunter er letzte Nacht noch geschlafen hat, nur noch ein Haufen nasser Pappe. Er redet weiter von Tapiés. Er weiß nicht, daß ich längst weiß, daß er in dieser Pappkartonburg zu Hause war. Als wir wieder an dem Pappehaufen vorbeikommen, weiß ich, daß ich ihm niemals sagen darf, daß ich weiß, was für ihn während unseres Hin-und-Hergehens kaputt gegangen ist. Tapiès‘ ausgesparter Frauentorso hängt direkt über der 14.Straße. Ich kenne ihn so genau wie dieses Schubertsche Streichquintett.
Genau dreizehn Minuten war ich in Coldspring. Von der Grand Central Station aus fährt der Zug ungefähr eine Stunde am Hudson entlang, dann ist man in Coldspring. Amerikanisches Festland. Kleine, ordentliche Häuser, die meisten aus Holz, die meisten, Tribut an die Jahreszeit, weihnachtlich dekoriert. Plastik-Bethlehem-Environments in den Vorgärten. Obwohl überall Autos herumstehen, ist kein Mensch zu sehen. Niemand außer mir hat hier den Zug verlassen. Bevor der Zug zurück nach New York City sich mit gedämpftem Rattern ankündigt, genau dreizehn Minuten, nachdem der Zug, mit dem ich gekommen bin, sich auf leisen Schienen entfernt hat, stören nur noch zwei nahezu lautlos durch die Straßen gleitende Autos und einige Eichhörnchen in dem Wäldchen zwischen Hudson River und Bahnstation die perfekte Stille von Coldspring. Kalt ist es tatsächlich in Coldspring. Ein Wintertag, milchig gelbes Licht, blasse Sonne durch Schneewolken. Der Hudson ist an den Rändern zugefroren, oben auf den Hügeln liegt Schnee. An den Felsen kleben Eisformationen. Ob Coldspring einen Zeitpunkt kennt, an dem jemand das Startsignal gibt, das in den Kulissen irgendeine Art von Leben erweckt? Doch, hier leben Menschen, das bezeugen nicht nur die Autos. Als ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof mache – ich möchte den Zug keinesfalls verpassen -, höre ich es laut und deutlich: Irgendwo rülpst jemand in Coldspring.
Entgegen allen Warnungen fühle ich mich überall in dieser Stadt sicher, wohin auch immer mich meine planlosen Spaziergänge führen, auch außerhalb Manhattans, in Brooklyn, Harlem, in der Bronx (ausgenommen deren südlichem Teil, den ich, ich hab’s versprochen, nicht betrete). Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Bewohner dieser Stadt mag oberflächlich sein, diverse Abgründe bereithalten, aber das beeinträchtigt meine Bewegungsfreiheit nicht. Wird man im Gedränge der Subway von einem jüngeren Mann unabsichtlich angerempelt, entschuldigt er sich nicht nur sofort, sondern reißt auch, ein tiefsitzender Reflex, im selben Moment beide Arme hoch: Sieh, ich bin nicht bewaffnet, ich tu dir nichts. Solches Verhalten weist natürlich auf eine Vorgeschichte hin.
Ein Werbeplakat in der Subway:
„Lupus – eine Krankheit mit ebenso vielen verschiedenen Symptomen, wie die zwei Millionen Menschen verschieden sind, die an Lupus leiden. Du denkst vielleicht, du hast nur Kopfschmerzen. Oder Haarausfall. Oder hohes Fieber. Du denkst vielleicht, du bist alt, das ist nichts Besonderes, das ist nur der Tod. Doch in Wirklichkeit ist es – Lupus. Rechtzeitig diagnostiziert, ist Hilfe möglich. Sonst – der Tod. Denk darüber nach. Deine Schmerzen sind keine Kleinigkeit. Es ist Lupus, die geheimnisvolle, absolut unerforschte Krankheit. Ruf an. Wir können dir helfen.“
Das ist sie, die Kunst, aus nichts etwas zu machen und sei’s eine Krankheit zum Tod. Die Formulierungskünste der Werbebranche als Motor der allgemeinen Entwirklichungstendenz – nein, das ist ein altmodischer Gedanke. Es gibt kein Leben jenseits der Werbung, wer wollte es haben? Auf einer anderen Linie, in einem anderen Waggon, die knapp formulierte Steigerung:
„Wir verkaufen genau das, was jeder gerne kaufen möchte. Eine einmalige Gelegenheit, die sich keiner entgehen lassen sollte.“ Daran anschließend kein Hinweis auf irgendein Produkt, nur eine Adresse. Die Werbung arbeitet daran, sich ihrer Objekte zu entledigen. Ihre Objekte waren einmal bestimmte Produkte ebenso wie deren potentielle Käufer. Wenn die Werbung formuliert, was potentielle Käufer in ihrer Eigenschaft als soziale Wesen antreibt – die Befreiung von als lästig empfundenen Objektbeziehungen -, kann sie sich den Umweg über die Waren sparen. Man trifft sich mit pfiffigem Grinsen im Kurzschluß.
Auf allen größeren Subway-Stationen wünscht der Sprecher, der sonst nur den Namen der Station ansagt, allen Mitfahrenden frohe Weihnachten. Das scheint eine neue Idee der Stadtverwaltung zu sein. Verblüfft sehen alle Fahrgäste sekundenlang auf, grinsen und nehmen dann ihre übliche Beschäftigung in der Subway wieder auf: lesen oder schlafen.
Die Sache mit Weihnachten spitzt sich allerorten langsam zu. Vorhin im Radio kündigte ein Sprecher 36 Stunden lang Christmas songs an, no interrumption with commercials… Diese Ankündigung entpuppt sich als stellvertretende Maßnahme, ein gewissermaßen entlastender Service der Rundfunkanstalt. Denn erwartungsgemäß hält das niemand lange durch. Schon am frühen Nachmittag des Weihnachtstags bilden sich vor den Geschäften, die demnächst die Türen, Weihnachten hin oder her, wieder öffnen werden, lange Schlangen. Man ist kein Mensch, wenn man nicht einkaufen kann.
Wenn du reden willst, rede, Menschen sind überall. Sprich mit dem elevator man, mit dem Obsthändler, dem Zeitungsverkäufer, mit jedem, der in der Bar neben dir sitzt. Du verstößst damit gegen keinerlei Anstandsregeln. Die Gespräche sind fast immer, obwohl absolut unverbindlich, erstaunlich interessant. Diese Gepräche werden dich nicht davor bewahren, eines Tages einsam zu sein in dieser Stadt. So what – auch für Einsamkeit ist hier reichlich Platz. Mach dir nichts draus. Du bist nicht die einzige. Das ist banal, aber wahr und tröstlich. Du bist in der geeignetsten aller Städte, um einsam zu sein.
Überall finden nun Christmasparties statt. Auf einer dieser Parties sind sich alle Gäste einig, daß die Party einen ausgesprochenen Woody Allen-Touch habe. Man sagt mir, ich dürfe das nicht für typisch halten, was Woody Allen in seinen Filmen zeige, habe mit New York absolut nichts zu tun. Ich spreche mit einem Architekten, der, nach eigener Darstellung, berühmt ist für die Leichenschauhäuser, die er weltweit errichtet hat. Natürlich möchte er, daß ich das gruselig finde. Ich tue ihm den Gefallen, und er antwortet, daß für ihn ein Leichenschauhaus nichts anderes sei als ein großer Selbstbedienungsladen für Fleischwaren. Er sei Vegetarier.
Ich spreche mit einem jungen Maler aus Illinois. Er macht gerade eine schreckliche Krise durch. Er ist nach New York gekommen, um Illinois zu verstehen, und jetzt hat er herausgefunden, daß es nichts zu verstehen gibt über Illinois.
Ein anderer fragt mich, was ich mache. Ich erzähle, womit ich derzeit mein Geld verdiene und füge hinzu: Außerdem schreibe ich. Er sieht mich an, schüttelt den Kopf, lächelt. So solltest du das nicht formulieren, sagt er dann. Sag: Ich bin Schriftstellerin. Ich erwidere, daß ich bislang so gut wie nichts veröffentlicht habe. Na und, sagt er. Das wirst du nie, bevor du nicht sagst, daß du Schriftstellerin bist. Mir fällt ein, daß Henry Miller in einem seiner Bücher genau dasselbe hundert Seiten lang sagt.
Bei der nächsten Gelegenheit befolge ich, noch etwas unsicher, seinen Rat und mache die Erfahrung, daß die Berufsangabe Schriftsteller nichts Exotisches, nichts Außergewöhnliches hat. Auch die nicht vorhandenen Veröffentlichungen erregen kein Befremden. Ach so, ist die verständnisvolle Antwort, du schreibst gerade an deinem ersten großen Roman.
Wieder einmal bin ich auf der Brooklyn Bridge. Nirgendwo sonst ist die charakteristische Spannung dieser Stadt für mich deutlicher wahrnehmbar. Hier bin ich mittendrin und trotzdem auf Distanz. Von hier aus kann ich die Stadt sehen. Ich gehe über die Brooklyn Bridge und benehme mich plötzlich wie alle Verrückten hier. Ich singe laut, ich weine, verfalle in eine Art tanzender Jogging-Bewegung. Keiner stört sich daran. Links von mir über dem Atlantik geht die Sonne unter, sie schüttet über Brooklyn, das hinter mir liegt, dasselbe Rot wie über Manhattan, dem ich mich annähere. Der Holzsteg unter mir vibriert, das bewirken die Autos, die eine Etage tiefer sechsspurig fahren. Die Luft ist voller Staub, voll Benzin, aber dennoch wie Champagner. I’m once more on the top of something … Als ich am Ende der Brücke bin, zurück in Manhattan, wieder auf gleicher Höhe mit den hier im Stau fluchenden Autofahrern, entdeckt anscheinend ein Taxifahrer etwas in meinem Blick. Warum sonst würde er mir aus seinem geöffneten Fenster lachend zubrüllen: Ain’t it good to be alive? Noch während ich sein Lachen erwidere, fällt mir ein, daß wahrscheinlich genau jetzt die beiden Frauen aus der Subway, und wenn nicht diese beiden, dann eben andere, sich ihrer Kinder entledigen oder es doch noch einmal auf morgen verschieben, sich auf jeden Fall mehr oder weniger gründlich die Hände waschen und weiterhin alles für möglich halten. Oder auch nicht. Und in Chinatown gibt es frische Langusten im Sonderangebot, drei für den Preis von einer. Ich werde mir einen Topf besorgen, der groß genug ist. Denn übermorgen reise ich ab.