Die Ausstellung ist eröffnet

So ist das jetzt. Richtung Zörbig, dann Görzig, Gröbzig. Namen von Kleinstädten, deutsche nein mitteldeutsche Provinz, Namen, die mit denselben wenigen Buchstaben doch verschiedenes ausdrücken wollen, Namen wie bösartig ausgedacht, sie verqueren sich im Mund, verholpern die Zunge. Mehrmals laut gesprochen, vergurgelt die Einsilbigkeit zum Rülpser mit zackigem Schlußpunkt. Zörbig, Görzig, Gröbzig, Pleonasmen der Ärmlichkeit, die sich dann doch verraten. Gröbzig, grobes Zeug, Schorf auf der Haut. Kroppzeug erklärt die Etymologie als Kleinvieh, Gesindel, Pack.

Das ist ungerecht, trifft vielleicht gar nicht zu, der Name gilt als Schall und Rauch, und was können die paar Gröbziger Häuser dafür, ihre Bewohner gar. Sie erkennen das fremde Auto sofort, an Kreuzungen weisen sie grinsend den Weg, und die Häuser sind nicht so grau wie noch immer oft dort, wofür in Berlin das Wort Umland herhält, Ziel der schon nicht mehr ganz neuen Freiheit für den Ausflug am Sonntag.

Gröbzig war Stadt im Herzogtum Anhalt, für mehr als zweitausend Menschen vor einhundert Jahren, ob es heute noch so viele sind? Im restaurierten Restschloß hat sich Polizei einquartiert. So sauber wie leer die Straßen, sorgsam geschwungen die Gardinen der Fenster, gerafft für genau abgezirkelten Einblick. Arrangements aus nicht nur künstlichen Blumen, steinernem Getier, Kerzenelektrik. November, da dämmert es früh, den Fremden sucht etwas heim, perfekter, als jene Fünfzigerjahrevergangenheit war, nachholend auftrumpfende Zustimmung, damals waren wir so nicht dabei, aber wir können das auch und besser, die Zutaten sind bekannt, das Dekor ist im Baumarkt billig zu haben. Als friedlich verbiedert sich sonntägliche Ausgestorbenheit, kein Café, keine Kneipe, die aus der Großstadt staunen und sind bereit, das Einödelend als Erinnerung zu nehmen, daß es sowas noch gibt. So verliert das aufgeschnörkelte Grau manchen Schrecken, der verbleibende Rest ist willkommenes Gruseln. Daß es sowas noch gibt.

Sogar im weltläufigen Lexikon findet sich Gröbzig, früher war hier etwas los, die heutige Abgeschiedenheit ein Zentrum, auch wenn die handelnden Juden gelegentlich die eigene Haut zu Markt trugen. Zeitweise waren ihre Waren gefragt, ab Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ist ihr Vorhandensein im Ort urkundlich erwähnt. Beliebt zwar nur bei den Fürsten, denen halfen sie finanziell, einer den Herren im nahen Dessau mit genau gezählten Talern aus einer Klemme im dreißigjährigen Krieg. Verzeichnet ist auch, daß Abraham Heli alles wiederbekam, auf Heller und Pfennig genau, man blieb so einem nichts schuldig. Ab und zu vertrieb man die Händler, sie kamen wieder, so ein kleines Pogrom gehörte schon immer dazu, und vor gut hundert Jahren war Gröbzig als Judengröbzig bekannt.

Die Synagoge im Hof, die Wohnung des Rabbiners davor nur ein Haus in der Reihe, das verrät sich durch nichts und ist heute Museum. Die vom Ort kommen nicht hierher, nur den Städtern taugt das als Ausflugsziel, Kultur, Museum, Synagoge, wer hätte das gedacht, das ist ja mehr als ein Kaff! Nein, keine Juden mehr, aber man macht Kultur aus dem, was übrig ist von ihnen. Konzert, Ausstellung, Theater, die Leiterin ist aufgeschlossen, wird als mutig und umtriebig gelobt, sie zaubert dem Ort eine Bedeutung herbei, und nun hat sich gar ein echter Jude hierher verirrt mit Zeichnungen, auf denen man nichts erkennt, nichts immerhin, was stört, nur Buchstaben, alle, nicht nur G und R und Ö und B, Z, I, G.

Jeden Besucher begrüßt die Leiterin mit Handschlag, schön, daß auch Sie, nein du, hier kennt jeder jeden und wen nicht, der ist gleich dabei, wird kenntlich gemacht. Ein Kleinod, dieses Haus, seht euch nur um, und auf Fragen antwortet sie gern. Mit der Aussprache der hebräischen Worte hat sie Mühe, aber wieviel Mühe sie sich gibt. Lieb und nett sind alle, sobald sie ins Haus kommen, eine Puppenstube ist das, treppauf treppab knarrt das Holz alt und echt, 1938, so steht es auf einer Tafel, löste die Gemeinde sich auf.

Es ist der einzige Hinweis, auf Nachfrage wird die blonde Leiterin nervös, jeder versteht doch, wie das gemeint ist. Wie ist es gemeint?

Nur eine Frage, da platzt die nette Niedlichkeit, aber schuld ist, wer fragt, die Mehrheit entschlossen zum Kunstgenuß. Rauhfaserweiß an den Wänden, nur im Eingang und Treppenhaus nicht, blau auf grau gepinselte Quader, warum? Jemand von den Gästen weiß etwas von gemalter Illusion, nennt kunstgeschichtliche Epochen, die Leiterin freut sich, widerspricht aber doch, man ist da unter vier Augen, beinahe flüsternd. Die Quader sind Fliesen nachgepinselt, denn hier wurde geschächtet, dieser Ritus gehörte nun mal dazu, und Hygiene, nicht wahr, doch man möchte kein großes Aufhebens daraus machen, wer fragt, erfährt mehr, aber wer fragt schon, und wozu die vielen verstören? Wir sind doch an Aussöhnung interessiert. Es ist schwer genug, die Gröbziger mögen das Museum nicht, wozu sie unnötig provozieren mit solchem doch etwas barbarischen Brauch. Sie lacht viel, auch jetzt, ist sie stolz auf den kleinen Dreh, mit dem sie der Barbarei ihren Platz zuwies? Nein, nur arglos Gutgemeintes kommt über ihre Lippen, selbst schuld, wer ihr anderes unterstellt. Im übrigen sagt sie, was alle hier sagen, und wer solche Fragen stellt, gehört nicht hierher.

Dann weiter, die Synagoge ist prächtig restauriert, samt Sternenhimmel, wie von Schinkel abgeguckt, die aus Berlin genießen das Wiedererkennen. Wer braucht die Synagoge und wozu? Schon wieder so eine Frage, aus der nichts als Böswilligkeit spricht, dem Verfall entrissen, lebendige Vergangenheit, wenn auch, natürlich, nichts mehr hier lebt, jetzt wird hier manchmal Theater gespielt, und, bevor sich jemand daran stößt, neulich die Regisseurin war Jüdin, zum Teil. Ja, es ist kalt, gehen wir weiter? Fröhlich treibt die Leiterin ihre Gästeschar durch ihr heimeliges Reich, krönt putzig den Rundgang. Die Judenschule, ein Zimmer nur, aber das hat genügt, so viele waren es ja nicht, und die Bänke? Nein, die sind nicht von damals, dreißiger Jahre, auf sowas haben sich unsere Eltern gequält, zugegeben, authentisch sind die Bänke nicht, aber die Leute hier im Ort hängen so daran, warum ihnen die Erinnerung nehmen?

Wem? Den Leuten im Ort, die nicht hierherkommen? Welche Erinnerung? An eine Schulzeit im Zeichen der HJ? Sind sie mit ihren Erinnerungen an jene Zeit angewiesen auf diese Bänke in diesem Raum? Woran hält solche Erinnerung fest? Auf solche Fragen quetscht sich das Lachen nervös, etwas Phantasie, dann geht das durch als Symbol für zeitweilig gutes Zusammenleben, wer weiß, es wäre doch möglich, daß zwar nicht auf diesen Bänken, aber zuvor unter den Juden auch ein Christenkind einmal saß. Noch Fragen? Etwa noch so eine Frage? Das wollen wir doch nicht hoffen, nebenan, dort, wo früher die Mikwe sich befand für das rituelle Bad der Frauen, ist nun ein Imbiß vorbereitet, und jemand, der auch hier im Haus arbeitet, weiß im allgemeinen Getrappel noch, daß in einem der Räume die Juden sich damals sammeln mußten, bevor sie abtransportiert wurden, sich auflösten, wie es auf der Tafel heißt. Welcher Raum das war? Ja, wenn man das wüßte, wer will es so genau wissen, aber als Gruseleffekt macht sich das nicht schlecht, und beim Imbiß geben sich zwei der Besucher als Nachkommen der einstigen Bewohner zu erkennen, sie essen kein Schweinefleisch, selber schuld, wem der Bissen im Hals stecken bleibt, ein Gedanke an Erbrechen hochsteigt, gäbe man ihm nach, es klänge wie Gröbzig.

Ein Schreck, der sich gegen jeden Namen sträubt, wo ist man denn hier, und eine Vermutung, auf der Rückfahrt nach Berlin, daß jetzt vielleicht landesweit die KZs mit Schleifchen geschmückt werden. Ist das jetzt so?

 

Was spricht denn dagegen?

Die Nettigkeit, gutgemeinte Beflissenheit. Das, was sich dahinter verbirgt. Sie wissen es doch besser, anders. Als Dummheit scheint es denn doch zu gigantisch.

Das ist unverschämt, du warst dort Gast, wurdest freundlich bewirtet, man gab sich doch Mühe.

Aber womit? Wofür diese Mühe? Hinter Rauhfaser und Salzstangenarrangements verbergen sie –

Unterstellungen, nichts sonst! Du warst von Anfang an dagegen und aggressiv, du hast mir den Auftritt versaut.

Ich habe Fragen gestellt. Etwas wie Aggression war sicher im Spiel, wie die eines Wolfes, der unter die Schafe geraten ist. Als einzelner hat er keine Chance. Ja, um zu ertragen, wohin ich geraten war, habe ich Fragen gestellt.

Warum hast du das getan? Warum diese Fragen? Du hast allen die Stimmung verdorben.

Warum stellst du dort aus?

Warum nicht dort? Man ließ mich tun, was ich für richtig hielt, war trotz bescheidener Mittel behilflich, ein Ankauf, ein Honorar –

Das meine ich nicht. Dort ist es nicht möglich, etwas auszustellen, die Nettigkeit wurde zu dick auf das Grauen geschmiert. Keine Kunst der Welt kann man dort zeigen.

Dein Problem. Sind meine Zeichnungen nicht vorhanden, unabhängig von jeder Umgebung?

Von jeder? Du kannst sie dir auch in einem Schlachthof vorstellen?

Warum nicht. Wobei die Frage nicht uninteressant ist, aber mit dir läßt sich darüber nicht reden. Du kannst nichts anfangen mit meiner Kunst, das habe ich immer vermutet.

Dort ist es keine Kunst mehr, sondern Gruseldekor.

Na also! Du verstehst nichts davon, und wer ist hier Jude, du oder ich? Wenn mir dieser Ausstellungsort gut genug ist, was kannst du dagegen haben? Warum ziehst du alles in den Dreck? Wie kannst du so unsensibel sein?

Wieso ich? Wer lud mich dorthin ein, ohne zu sagen, was mich erwartet?

Niemand zwang dich zu kommen. Für mich zählt nur meine Kunst, jede Möglichkeit, sie zu zeigen. Im übrigen scheint mir, Juden sind dir nur als Opfer genehm. Daß man dort anderes betont, daran erinnert, daß sie einst lebten –

Man betont, daß man sich anders erinnern will. Auf eine Weise, die dem Plastikdekor aus dem Baumarkt zu hoffentlich Ewigkeit verhilft. Juden, die dort wirklich lebten, von dort ebenso wirklich deportiert wurden, spielen dabei keine Rolle. Man bastelt sich eine Vergangenheit zurecht, berauscht sich an eigener Güte. Was wirklich geschah –

Ist geschehen. Vorbei. Ich kann das verstehen, auch ich lebe heute.

Auch du kommst ohne Geschichte nicht aus, allein das Material deiner Zeichnungen, die Buchstaben –

Bekanntlich komme ich aus Israel, keinem in meiner Familie ist je etwas geschehen. Deine deutsche Vergangenheit kotzt mich an, was habe ich damit zu schaffen?

Das sagtest du mir früher schon, ich hielt das als Standpunkt für dich möglich, doch nun –

Du argumentierst diktatorisch zumindest, um ein schlimmeres Wort nicht ins Spiel zu bringen. Ich habe etwas gegen Kollektive, auch die der Erinnerung.

Das ist ein Argument, daß dir nun nicht mehr zusteht. Ich ließ es gelten, bis –

Was maßt du dir an!

Du beteiligst dich dort daran, die Vergangenheit, wie sie war, zuzuschütten, ein hübsches Hügelchen wird daraus, eine gefällige Ansicht.

Deine Wahrheit ist arrogant, pure Aggression. A propos Wahrheit, da war neulich dieser Schweizer, der sich eine jüdische Kindheit im Lager erfand. Keiner hat es bemerkt, auch nicht die Juden! Das Buch hat sich bestens verkauft.

Und? Was ist damit bewiesen?

 

Ein Dialog, der so nur teilweise stattfand. Das Gespräch riß ab und damit eine Freundschaft, in einer Zeit, in der ständig über deutsche Vergangenheit geredet wird und das Vergessen doch allgemein.

 

Reden als Tarnung? Der Innenminister spricht laut aus, was viele denken. Ein Asylrecht passe nicht mehr in die Landschaft, nicht jede Wohltat sei im Gesetz zu verankern, die Gewährung von Asyl auch historisch ein Gnadenakt, die einem zuteil werden kann oder auch nicht. Verläßt jemand ein Land, weil er dort, zu Armut gezwungen, nicht leben kann, ist er ein Wirtschaftsflüchtling. Die Bedingungen für solche Benennung hätten ab einer gewissen, historisch genau zu datierenden Zeit auch zu diesem Land sich zählende Juden erfüllt.

 

Amtlich registriert wurden in diesem Jahr, das zum letzten eines Jahrtausends geputscht wird in zahllosen Anrufungen der Erinnerung, 433 antisemitische Straftaten, darunter zwölf Fälle von Körperverletzung, 27 Störungen der Totenruhe, 40 Sachbeschädigungen und 354 sonstige Straftaten. Ob das Wort „sonstige“ phantasieanregend gedacht ist? Festgenommen wurden 35 Tatverdächtige, was einer Aufklärungsrate von acht Prozent entspreche. Säuberlich hiervon getrennt, wird die Zahl rechtsextremistischer Straftaten mit 1086 Fällen beziffert. Wie ist die Differenz zu erklären? Was bezweckt solche Differenzierung? Rechtsextremismus als Ersatz für nicht möglichen Antisemitismus, weil einfach die Leute dafür nicht mehr da sind?

 

Bleibt als Massenbewegung das Sortieren von Müll, man sammelt mit Hingabe, trennt begeistert, sondert sorgfältig aus, stopft Gleiches zu Gleichem, jedem das Seine, wo gleich hieß das noch mal so? Für seine Erinnerung kann keiner was, wertfrei steigt das hoch oder auch nicht, Erinnerung ohne Wert verspricht allgemeine Erlösung in Harmonie. Leidenschaft an deutschen Mülltonnen, die bekannte Mischung aus analer Verhaftung und Fanatismus gilt in diesem Fall als vorbildlich. Ökölogisch geht das leichter über die Lippen als … Aber was zählen schon Worte, Schwamm drüber.

 

Indessen entdecken nicht nur junge Leute begeistert das jüdische Berlin, es klezmert die Oranienburgerstraße rauf und runter. Am Freitagabend schaut man gern mal in der Synagoge vorbei, und klingt Schalom nicht viel besser als alle Grußformeln, mit denen man es bislang probierte? In den Kalendern fürs nächste Jahr, die den Zeitungen der Hauptstadt beiliegen, sind obligatorisch die jüdischen, mitunter sogar islamische Feiertage verzeichnet. Die jüdische Gemeinde freut sich, alle anderen freuen sich auch. Im Zeichen des allgemein wachsenden Interesses an Religion ist nichts unmöglich und der Vollrausch garantiert, ganz ohne die herkömmlichen Drogen. Schöner jüdeln, wäre das nicht eine Parole?

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Aadrian Held, o.T., Fotographie,2014