Dienstag.
Blinzle aus dem Fenster, noch nicht richtig wach, und schwupp! schlappt da was am Haken der Angler unten am Fluß. Ein Fisch, ziemliches Kaliber. Gerade, als ich geguckt habe! Vielleicht sogar, weil ich …? Gezappelt hat er nicht, vielleicht wirkt die zähe Brühe als Betäubungsmittel, aber immerhin. Bei mir im Bad dann nur ein Silberfischchen. War aber entschlossen, den Tag für einen guten zu nehmen. Obwohl das Bad, nach einem zu kräftigen Druck auf die Sprühdose, ziemlich lange ziemlich stank. Das Silberfischchen zuckte einmal, dann war es nur noch ein Staubfussel.
Bin jetzt fest entschlossen, keinen Fehler mehr zu machen. Ist auch nicht nötig, sagte der Chef der Agentur. Er vermittelt nur für gehobene Ansprüche. Also habe ich nicht tiefgestapelt. Daß ich so offen über Geld sprach, störte ihn nicht. Sachlichkeit erleichtere ihm die Arbeit, fürs Romantische seien seine Kunden selbst zuständig. Was ist denn romantisch daran, wenn ich Geld für meine Firma brauche? Und wenn das über einen Mann zu kriegen ist … Aber das behielt ich für mich.
Sieben Wochen, verlangte ich, dann muß alles geregelt sein und der Fisch an meinem Haken.
Freitag
Abstoßend, wie jung heutzutage die Männer mit Vermögen sind. Haben üppig geerbt und nichts als sogenannten Spaß im Sinn. Nichts für mich, erklärte ich dem Chef der Agentur. Und daß er sich anstrengen soll. Fragte er, wozu ich Geld brauche, was für eine Firma ich hätte. Wimmelte ihn ab, vorläufig sei es eher die Idee von einem Geschäft. Stimmt sogar. Deswegen brauche ich doch Geld, um zu wissen, wie groß ich einsteigen kann. In was, ist zweitrangig. Fällt mir ein, sobald die Finanzierung gesichert ist. Der nächste Kandidat muß über fünfzig sein, sechzig wäre noch besser.
Wieder lästige Post vom Sozialamt. Wie die sich immer anstellen! Wie soll ich meine eigene Unternehmerin werden ohne das bißchen Kleingeld. Nun muß der Partnervermittler eben noch warten auf die erste Rate.
Morgens kein Angler weit und breit, bei der Kälte beißen die Fische nicht. Oder höchstens in Schlamm.
Mittwoch
Die erste Woche meines Wegs ins Glück liegt hinter mir. Dem in der Agentur erklärte ich, was man unter Preis-Leistungsverhältnis versteht. So geht das nicht weiter. Er bestellte dann Sushi beim Japaner. Oskar heißt er, was ihm peinlich ist. Wurde überhaupt reichlich sentimental bei der zweiten Flasche Wein. Daß jeder von ihm Wunder erwarte und es da kein Wunder sei, wenn er versage. Baute ihn wieder auf, schon aus Eigennutz. Bin nicht bereit, meinen Zeitplan zu ändern. Sechs Wochen noch, und dann … Wenn ich die Agentur wechsle, geht alles nur von vorne los. Oskar versprach, sein Bestes zu tun. Den nächsten Kandidaten treffe ich morgen. Er ist über siebzig, habe ein gutes Gefühl bei der Sache.
Morgens unnötig früh aufgewacht, weil sich die Angler unten stritten. Wie soll bei dem Lärm ein Fisch anbeißen! Der Bäcker will nicht mehr anschreiben.
Sonntag
Bin noch völlig fertig von dem Treffen mit dem Opa. Was er eben nicht ist. Der hatte ein Tempo drauf! Sieht aus wie fünfzig, hormonmäßig ist er über die Zwanzig nicht rausgekommen. Widerlich, Männer, die nicht alt werden können. Außerdem scheint seine Villa mit einer Hypothek belastet zu sein. Werde mit Oskar ein ernstes Wort reden. Bisher null Treffer. Spricht nicht für sein Unternehmen.
Auf dem Fluß jetzt Eisschollen, keine Angler mehr. Die Möwen üben Eiskunstlauf. Post vom Hauswirt. Mietrückstände. Und ich sei verpflichtet, die Wohnung turnusgemäß zu renovieren. Diese Bruchbude! Als hätte ich nichts Besseres zu tun.
Außerdem Post von Oskar. Sein Entwurf für einen Liebesbrief, im Auftrag eines Kunden. Die Frau, um die es geht, hat Ähnlichkeiten mit mir, schreibt Oskar. Deshalb soll ich den Entwurf lesen, ihm sagen, ob ich mich angesprochen fühle.
Na, ich weiß nicht. Stilistisch eher unentschieden, von Poesiealbum bis Hardcore alles drin. Dabei nicht ohne Gefühl. Aber zuviel davon, an den falschen Stellen. Weil heute sonst nichts zu tun war, erledigte ich, was eigentlich Oskars Sache ist. Stellte mir vor, der Brief wäre wirklich für mich. Schrieb alles, was ich immer schon mal über mich lesen wollte. Ist wahnsinnig gut geworden, habe am Ende geheult. Mir dann eine Kopie gemacht. Sieht schon ziemlich zerknittert aus. Ich kann mich nicht satt lesen daran. Wäre sehr gern die Frau, die diesen Liebesbrief bekommt.
Oskar kostet das natürlich eine Kleinigkeit. Ein Rabatt ist fällig, falls er mir überhaupt je den Richtigen präsentiert. Zweite Woche gleich um. Die Zeit wird knapp.
Dienstag
Klartext mit Oskar. Warum erweist er sich ausgerechnet bei mir als Niete? Die Vermittlung laufe zur Zeit auch bei den anderen nicht gut, redete er sich raus. An mir liegt es also nicht. Oskar war auffallend gut drauf. Gestand mir, daß er heimlich an einem Roman schreibe. Dafür benützt er alles, was seine Kunden ihm erzählen, klaut fremde Leben! Und was ist mit Datenschutz? Bestand darauf, nicht in diesem Roman vorzukommen. Höchstens vielleicht gegen Kohle. Habe ich etwa mein Leben zu verschenken?
Oskar behängte mich mit Klunkern. Er kann die Dinger nicht mehr sehen, sagte er, weil sie von seiner Mutter sind, und an die will er nicht erinnert werden. Jaja, die Kindheit. Mir stehen die Dinger gut, behauptete Oskar. Ob ich ihn damit nicht an seine Mutter erinnere, fragte ich, daß mir das zwar egal sei, aber …
Knapp bei Kasse zu sein, hat interessante Aspekte. Ungefähr acht Pfund abgenommen. Jetzt passen die alten Fummel wieder. Auch das Schwarze. Werde Oskar morgen zu einer Party begleiten. Nur Paare. Da macht ein Partnervermittler ohne Frau keine überzeugende Figur.
Donnerstag
Die Party öde, aber Oskar und ich unterhielten uns gut. Gab ihm Tips für seine Agentur. Mir fiel nämlich auf, daß ich die richtigen Frauen kenne für die Typen, mit denen ich mich getroffen habe. Ich weiß genau, wer zu wem paßt, wenn schon nicht zu mir. Oskar skeptisch, aber wir lassen es auf einen Versuch ankommen. Schlechter als zur Zeit kann sein Laden nicht laufen. Wenn ich erst Einblick in seine Kartei bekomme, finde ich bestimmt auch, was ich suche. Man muß eben immer alles selber tun.
Habe die Wohnung gekündigt. Soll der Vermieter sehen, wo er bleibt. Ich vorläufig im Gästezimmer von Oskar. Wenn ich sowieso dort arbeite …
Gut, daß ich hier ausziehe. Was ich heute morgen vom Fenster aus sah, ist nichts für jeden Tag. Der Fluß zugefroren, die Angler hatten ein Loch reingehackt. Das Eis ziemlich dick. Die Angler auf dem Eis neben dem Loch, und der Fisch … zappelt am Ufer. Fisch im Schnee. Erschreckend. Aber auch noch was anderes. Mir fiel dann ein, Fisch im Schnee heißt nur, alles ist möglich. Erst hielt ich das für positiv, aber dann … Wer soll das aushalten? Will nicht mehr dran denken.
Montag
Oskar staunt, wie ich seinen Laden in Schwung bringe. Tina hat sich verlobt, gleich beim ersten Treffen. Wußte ich, daß sie auf diesen Klaus abfahren wird. Und bei Betty und Thomas hört man es schon knistern.
Oskars Kartei nicht gerade berauschend. Da ist viel zu tun. Entdeckte aber dabei seinen Roman. Gar nicht schlecht, obwohl … Na ja, muß auch überarbeitet werden. Jedenfalls kommt da einer drin vor, genau der Mann für mich. Muß Oskar davon überzeugen, daß noch eine Kleinigkeit fehlt. Geld braucht der Typ, dann nehme ich ihn, sofort! Denn die Frau, in die er sich verliebt, paßt kein bißchen zu ihm. Schrieb schon mal ein Kapitel, das Oskar bestimmt gefallen wird.
Samstag
Manchmal kommt es ganz schön hart. Oskar gestand, daß seine Partnervermittlung gar nicht wirklich existiert. Bloß eine Idee, um an Geld zu kommen, für seinen Roman. Die Kerle, mit denen ich mich traf, sind Freunde von ihm. Der Siebzigjährige ist in Wirklichkeit erst sechzig und sein Vater. Nur das mit der Hypothek auf dem Haus stimmt, leider.
Kam mir vor wie der Fisch im Schnee. Aber da Oskar schon mal dabei war, beichtete er noch mehr. Der Typ in seinem Roman, der mir so gut gefällt, das ist er selbst. War platt. Hätte natürlich selbst draufkommen können. Das Kapitel jedenfalls vergeblich geschrieben. Einer wie Oskar kommt nie und nimmer zu Geld.
Höchstens, ich denke noch mal drüber nach. Eigentlich ist Oskar gelernter Bäcker, wie sein Vater.
Und dann sagte Oskar noch, das Vorbild für die Frau in dem Roman sei ich. Da war ich dann wirklich sauer. Oskar hat nicht die geringste Ahnung von mir, außerdem habe ich es mir verbeten, in seinem Roman verwurstet zu werden.
Oskar hat dann noch etwas gesagt. Daß er erst Schriftsteller werden will, seit ich zu ihm in die Agentur gekommen bin. Na ja, in seine Wohnung, wie ich heute weiß. Daß er erst an dem Tag mit dem Roman begonnen hat!
Worauf kann man sich bei Oskar eigentlich verlassen?
Dienstag
Jetzt sind fünf Wochen um, nichts lief nach Plan, und trotzdem hat alles geklappt. Oskar paßt kein bißchen zu mir, aber wahrscheinlich liebe ich ihn. Und umgekehrt. Daß man ihm nicht trauen kann, nehme ich in Kauf. Immerhin läßt er sich, wenn eine Geschichte platzt, gleich eine andere einfallen. An dem Roman schreiben wir jetzt abwechselnd, und statt der Partnervermittlung eröffnen wir demnächst eine Bäckerei, mit Geld von Oskars Vater. Brot und Kuchen brauchen die Leute immer. Auch, wenn sie aufPartnersuche sind. Auch meine Großmutter hat ihren Mann in einer Bäckerei kennengelernt. Brot und Liebe, das läßt sich bestimmt kombinieren.
Bin mir ganz sicher, daß jetzt alles klappt. War heute mit Oskar spazieren, in meiner alten Gegend, am Fluß. Dort verpasse ich nichts, alles wie immer. Nur andere Angler am Ufer, im Wasser die üblichen Fische. Das Eis ist geschmolzen.
Donnerstag
Oskar ist eine Luftblase, die sich selbst erfunden hat! Zum Platzen habe aber ich ihn gebracht und den ganzen Schwindel gleich mit. Wie karrierewütig manche Frauen doch sind. Dabei ist seine Mutter nicht mehr die Jüngste. Suchte bloß jemand, der anstelle ihres hirn- und kiemenlosen Sohns die Familientradition weiterführt mit der Bäckerei. Aber diese Dumme bin nicht ich! Bleibe jetzt vorläufig bei den Anglern am Fluß, die verwechseln mich wenigstens nicht mit einem Köder. Lasse einige Fische aus der Brühe in einem Labor untersuchen. Wenn sie nicht zu giftig sind, verkaufe ich, was die Jungs an die Haken kriegen. Außerdem schreibe ich nebenbei meinen eigenen Roman. So ist alles wieder im Fluß. Es wird Frühling, und einer der Angler heißt Otto, was ihm kein bißchen peinlich ist …