Ein Teller, ein Messer, die Orange. Das Messer ist ein einfaches Küchemesser, Obstmesser gibt es in diesem Haushalt nicht. Er kommt aus einfachen Verhältnissen. Er sitzt auf der Couch, davor der niedrige Tisch. Seine Beine sind gespreizt, sein Mund ist leicht geöffnet. Wer ihn jetzt anspräche, erhielte keine Amtwort. Er ist ganz bei der Sache. Als Linkshänder hält er die Orange in der rechten, das Messer in der linken Hand. Da, wo er herkommt, galten Orangen als Luxus. Man konnte sie nicht selber produzieren, deshalb war man dieser Frucht gegenüber lange Zeit mißtrauisch. Mit dem Messer in der linken Hand überlegt er, wo er beginnen wird, die Orange zu schälen. Nach einiger Zeit erst schwand damals bei seinen Leuten das Mißtrauen gegenüber der Südfrucht. Sie wurde dann Inbegriff des Überflüssigen, Besonderen. Ähnlich wie der Kopfsalat, den man allerdings im Garten selber anbauen konnte – nach langen Diskussionen, ob es vertretbar sei, auf die für den Anbau von Kopfsalat nötige Fläche zu verzichten. Kopfsalat war nichts, was man brauchte, um satt zu werden. Er beginnt, die Orange zu schälen. Zuerst zwei Kreise an den Polen der Frucht, zwei wie mit dem Zirkel gezogene exakte Kreise mit einem kleineren Radius an der Stelle, an der der Stil der Orange war, einem größeren dort, wo die Fruchtnarbe noch zu sehen ist. Dann sorgfältige Längsschnitte, die die Schale in gleichmäßige Segmente unterteilt. Er bevorzugt eine Unterteilung, die zu einer geraden Anzahl von Segmenten führt. Die einzelnen Schnitte führt er bedächtig durch. Sein Mund ist geschlossen, die Lippen sind angestrengt aufeinander gepreßt. Nun kommt ein entscheidender Moment. Er wird die bislang nur durch Kreise markierten Partien der Orangenschale abschneiden. Es kommt darauf an, nicht zuviel, aber auch nicht zu wenig abzuschneiden. Es kommt darauf an, die Dicke der Schale richtig einzuschätzen. Er hat die Zunge zwischen die Lippen geschoben, ein Zeichen der Konzentration. Die kreisförmigen Schnitte sollen möglichst vollständig Schale und darunter liegende weiße Haut, möglichst wenig vom Fruchtfleisch der Orange entfernen. Die Hände müssen ertasten, wie dick die Schale ist. Vorsichtig führt er das Messer an der markierten Kreisstelle unter die Schale, dreht die Orange, bis er mit dem Messer wieder am Ausgangspunkt ankommt. Nun kann er, mit einem leichten Ruck, das eine Ende der Orange wie ein Häubchen abnehmen. Sein Mund entspannt sich, öffnet sich. Er betrachtet das Ergebnis, zieht daraus Schlüsse für die Entfernung der Schale am entgegengesetzten Ende der Orange. Wenn auch dieser Teil der Schale häubchenförmig vor ihm liegt, ist der entscheidende Teil der Prozedur beendet. Er hält einen Moment inne. Dann zieht er die durch Linien markierten Schalensegmente mit dem Messer ab, ein Stückchen Orangenschale nach dem anderen. Er legt sie als gleichförmige Schiffchen mit stumpfen Enden neben die Häubchen. Er stapelt die Schiffchen aus Orangenschale aufeinander. Es freut ihn, wenn sie alle gleich groß geraten sind. Er legt das Messer aus der Hand. Sollte sein die Segmente markierender Schnitt nicht tief genug gewesen sein, um auch das weiße Häutchen unter der Schale zu entfernen, unternimmt er nichts, um es nachträglich zu korrigieren. Dann ißt er die Orange mit der weißen Haut. Früher hatte man den Kopfsalat gegessen, ohne die Strünke der Blätter zu entfernen. Die Strünke galten als besonders gesund. Der Luxus des Kopfsalatessens war mit diesem Quentchen Unannehmlichkeit, den Strünken, zu rechtfertigen. Deshalb korrigiert er auch seine Schälarbeit nicht. Er hält die Orange jetzt in beiden Händen, so, daß seine beiden Daumen an dem Pol der Orange, an dem dies am leichtesten möglich scheint, ansetzen können, um die Orange in zwei Hälften zu teilen. Eine Hälfte legt er auf den Teller. Von der anderen Hälfte entfernt er zunächst den vertikal zu den Spalten der Orange verlaufenden weißen Fruchtfaden. Mit den Fingern der linken Hand trennt er die erste Spalte ab, schiebt sie in den Mund, beginnt zu kauen. Er ißt eine Spalte nach der anderen. Es stört ihn, wenn er beim Zerteilen der Spalten oder schon vorher beim Entfernen der Schale die Haut der Orange verletzt hat. Dann läuft der Saft aus, der ihm beim Essen die Finger verklebt. Er gibt sich Mühe, die Haut der Orange nicht zu verletzten, weder mit dem Messer beim Schälen, noch mit den Fingern beim Zerteilen. Bei manchen Orangen, deren Haut sehr dünn ist, vielleicht auch schon etwas ausgetrocknet, ist es aber nicht zu vermeiden. Dann ißt er schneller, um die Zeit, während der ihm der Saft der Orange über die Finger läuft, zu verkürzen. Er achtet darauf, zumindest die Hand, die die Orangenhälfte hält, nicht mit dem aus der verletzten Orange austretenden Saft in Berührung zu bringen. Hat er die letzte Orangenspalte gesessen, zieht er mit der nicht klebrigen Hand sein Taschentuch aus der Hosentasche, um damit die andere Hand zu trocknen. Dann spielt er eine Weile mit den aus Orangenschale entstandenen Schiffchen. Manchmal zerschneidet er sie in immer kleinere Stückchen. Noch jetzt, wie während des ganzen Prozesses des Schälens und Essens der Orange, spiegelt jede seiner Gesten Konzentration und Selbstvergessenheit. Etwas wie Respekt gegenüber der Orange kommt in allen Handlungsmomenten, die zum Schälen und Essen erforderlich sind, eigentümlich angemessen zum Ausdruck. Kein Mensch, kein Ding, keine Handlung sonst erfährt durch ihn diese Würdigung. Er gibt sich sonst verächtlich und grob. Liebenswürdig ist dieser Mann, wenn er eine Orange ißt. Die Perfektion, um die er sich sonst brutal bemüht, erreicht er in spielerischer Entschiedenheit und vermutlich, ohne es selbst je zu merken, wenn er eine Orange ißt. Für diese Augenblicke selbstvergessener Leichtigkeit gibt es in seinem Leben nur ein einziges Pendant, einmal im Jahr, beim Schmücken des Christbaums. Es ist ein Vorgang, in dem er die Welt neu erschafft. Nie akzeptiert er den Baum, wie er ist. Stets befinden sich Äste an Stellen, die er für ungeeignet hält. Er sägt diese Äste ab. Kurz hinter den Schnittsellen durchbohrt er sie, um sie dann an den Stellen des Stamms, die er für die richtigen hält, mit Draht zu befestigen. So macht er sich den perfekten Tannenbaum. Danach erst beginnt er mit der Arbeit des Schmückens, jedes Jahr auf dieselbe Weise, unbeeinflußt von Moden oder den Bitten von Frau und Kindern, dieses oder jenes zu verändern. Wenn sein Werk abgeschlossen ist, setzt er sich in den Sessel, von dem aus der geschmückte Baum gut zu sehen ist. Gut zu sehen ist er für ihn, wenn er den Baum nicht frontal vor Augen hat. Seitlich von ihm muß er jetzt stehen, aus einem Augenwinkel ständig sichtbar, in ganzer Pracht nur, wenn er sich ihm mit einer Bewegung des Kopfes zuwendet. Da er den Baum selbst in den jetzigen Zustand gebracht hat, muß er ihn nicht oft direkt ansehen. Er kennt ihn, jede Ausrichtung jedes Astes ist von ihm, es ist sein Baum. Es sind Augenblicke gelingender Selbstvergewisserung, in denen er den Baum hin und wieder direkt ansieht. Er raucht eine Zigarette, trinkt ein Glas Weinbrand. Er ist Kettenraucher und Alkoholiker, aber diese Zigaretteraucht er, diesen Schluck Schnaps trinkt er jenseits seiner Sucht und zugleich, um den Anschluß an die Sucht, sein Leben, nicht zu verpassen. Vielleicht hätten Momente wie dieser zum Maßstab seines Lebens werden können. Wie das Essen der Orange. Nie würde er die in Mode gekommenen Clementinen, Mandarinen oder ähnliches essen, die viel leichter zu schälen und zu zerteilen sind. Das ist etwas für Kinder, ohne die Notwendigkeit zu Präzision, ohne Ernst.